Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 7 (1927)
- Issue
- 29 (22.7.1927)
- Date
- 1927-07-22
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Parteiklnbs subventioniere, während objektiv geleitete Sportklubs leer ausgehen. Unter diesen „objektiv geleiteten" Klubs zählt dann der Verfasser den „deutsch-österreichischen Alpenverein", auf. der bekanntlich den Arierparagraphen in feine Satzungen ausgenommen hat, und den „deutsch-österreichischen Turnerbund", der gegen die Ehrung des Ozcanfliegers Lev ine protestiert hat. wei.l dieser Jude ist! Dagegen wird der Touristenklub „Naturfreunde" als reiner Parteiklub gebrandmarkt, obwohl er der einzige ist, der den Juden ohne Unterschied der Partei Touristik heute noch ermöglicht, da die Hütten der anderen Vereine indischen Schutzsuchenden auch im schwersten Schneesturm verschlossen bleiben! Es ist klar, daß solche sachlich höchst ungerechtfertigte Ausfälle auf die sozialdemokratische Stadtverwaltung, aus die die Arbeiter Wiens mit einigem Rechte stolz sind, in den proletarischen Massen allmählich eine Erbitterung großziehen, die dann nur eines besonderen Anlasses, wie des Fehlurteils im burgenländischcn Mordprozesse, bedarf, um überzuschäumen. Wenn die Regierungsparteien das beabsichtigen, mögen sie cs vor ihrem Gewissen und dem Forum der Geschichte verantworten. Aber sie mögen ihre Pläne gefälligst in ihren eigenen Blättern durchführen und nicht in jener Presse, von der mau, ein bekanntes Bismarckwort variierend erfahrungsgemäß seststellen mutz, daß für die Fenster, die sie einwirft, die Judenheit die Rechnung bezahlen muß. Bisher wurden ihr solche Rechnungen nur von rechts präsentiert, und es ist ganz überflüssia, diese Gefahr auch noch von links heraufzubeschwören. Das ist für die Inden das Menetekel der Wiener Revolte! Hermann Buch. Das Erdbeben in Palästina. Ein neues Beben. Jerusalem, 17. Juli (J.T.A.). Am Sonntag, den 17. Juli, 10 Uhr morgens, verspürte man in ganz Palästina einen zweiten Erdstoß, der aber glücklicherweise keinen Häuscrschaden anrichtete. Drei Personen wurden in Jerusalem durch Umfallen oder durch herabstürzende Gegenstände verletzt. Nach Meldungen aus Haifa wie ans Jaffa war dieser zweite Erdstoß auch in diesen Städten sehr deutlich zu spüren. Die Wirkung des ersten Redens. Frankfurt a. M., 17. Juli (J.T.A.) Die Palästina- Zentrale der Aguöas Jisrvct erhielt die telegraphische Mitteilung arrs Jerusalem, daß die 1880 von Rabbi I. L. Diskin begründete Jeschiwah „Ohel Mosche" durch das Erdbeben derartig beschädigt wurde, daß sie geschlossen werden mutzte. Rabbiner Souuenseld bat die Palästina-Zentrale Agudas Jisroel, für die Jeschiwah, wie für die obdachlos gewordenen Einwohner der Jerusalemer Altstadt eine H ilfsaktiv n ein zn le iten. Aus Veranlassung der Palästina-Zentrale der Agudas Jisroel ist in sämtlichen Laiidesorganisativncn der Agudah zu Beginn der drei Trauer wachen (vom 17. Tamns bis 10. Am) eine Hilfsaktion für die durch das Erdbeben geschädigten Inden Palästinas eröffnet worden. Jerusalem, 17. Juli (J.T.A.). Während des Erdbebens am 11. Juli wurde das Biochemische Institut der Hebräischen Universität fast völlig zerstört Es bestand Gefahr, daß sich dort gezüchtete Reinlultnren von Typhus-, Dysenterie- und anderen Bazillen durch die Lust verbreiten und Seuchen Hervorrusen. Dem unerschrockenen Eingreifen von Prof. Dr. Adler. Direktor des Devartemcnts für Parasitologie, ist cs zu verdanken, daß diese Gefahr abgewendet wurde. Unter Lebensgefahr drang Dr. Adler durch die Trümmer vor und isolierte den Gefahrenherd. Groß sind die Zerstörungen int Regierungsgebände ans beut Oelberg und in der Privativohnnng des jetzt abwesenden Oberkommissars Lord Plnmer. Der ganze Hofranm ist mit Trümmern bedeckt, die Zimmerdecken sind ausgerissen, und es besteht Einsturzgefahr. Das Gebäude ist ganz unbrauchbar geworden, es ivird längere Zeit dauern, bis es wieder bewohnbar gemacht wird. Der Schaden an diesem Gebäude wird ans 20 000 Pfund beziffert. Ter Privatbesitz von Lord Plumer wurde in ein anderes, wenig be- Ichädigteo Gebäudes gebracht In schwerer Geiahr ivar während des Bebens der stellvertretende Oberkommissar. Eolvnel Symes, der gerade im Enenbahnzuge durch das Land reiste. Der Zug entgleiste, und schivere Felseustücke sielen auf die Waggons. Eolvnel Sinnes blieb unverletzt. Durch das Bebenwurde auch das Rahel-Grab beschädigt geschlossen werden. Eine Sachverständigenkommission wird bestimmen, ob diese Wallfahrtsstätte den Besuchern wieder geöffnet werden soll. Der stellvertretende ^.urerto'^ des Antianitätendenartements. Guy, teilt mit, daß das Lmlästina-Mliseum nur wenig Schaden gelitten hat. — Dle Evellna-lllotyschild-Schute hat sclnvere Schäden davongctragcu und wurde geschlossen. rv Die Schlukbilair.z des Erdbebens. 1fl- 'Ulli <J, T. A.l. Nach dem Bericht tnL'J1!"!'? -berlominNsars für Palästina sind 200 Per- L0PvrIIcmni 7,>0 Personen mehr oder weniger schwer verletzt Uild 1000 Hamer schwer beschädigt worden. Der an uuaerichtete Schaden beträgt bis zu 2000 ägyptische sittiiid. In -rranszordanien wurden durch das Erovcvcn os Personen getötet und etwa 100 verletzt. Verlängerung der englischen Einwanderungsbeschrankung. Das britische Oberhaus behandelte die vom Unterhaus bereits angenommene Fremden-EinschräyLuiigsbill. Lord Parmovr schlug vor, die Geltnugsdauer der Bill aus zwei Jahre zu begrenzen. 1011. sagte er. war die Bill als zeitweilige Maßnahme mit Zustimmung aller eingeführt worden: 1010 wurde sie für ein Jahr verlängert, dann aber ihre Geltungsdauer auf iveitere acht Jahre ausgedehnt. Man nu'isse auch jetzt ihre Wirkung auf eine gewisse Zeit beschränken und nicht vergessen, daß England viele Jahre lang ein Asyl jenen war, die wegen ihrer Religion und Rasse verfolgt wurden. — Es lag auch von Lord Rothschild ein Berbenerungsantrag vor, dem sich Lord Parmvor ebenfalls anschloß. Lord Desborough führte im Namen der Regierung aus, mau könne in diesen Zeitläuften nicht mehr den Fremden ein Asylrecht geben,' es ivürden sonst Hunderttausende, die in Ländern minderer Ordnung leben, nach England hereinströmen. England ist dicht bevölkert: es kommen 483 Seelen auf eine Quadratmeile. Man zählt eine Million Arbeitsloser. Die Wohnnnasverhältnisse sind schwierig. Die Regierung bitte, die Berbcssernngsaitträge abzulehnen. Schließlich wurden die Anträge von Lord Rothschild und Lord Parmvor mit 18 gegen 10 Stimmen abgelehnt. Marquis v. Reading und Lord Srvaythling stimmten für die Verbesserungsanträge. (Jta.) Die jüdische Gemeindeordnung m Palästina. Die Jewish Eomrnnnities Ordinancc (Jüdische Gemcindeorduungj für Palästiua wurde soeben publiziert und ist somit in Kraft. In dem Statut ist nur von der Existenz einer einzigen jüdischen Gemeinde in jedem Orte die Rede. redoch ist die Errichtung autonomer Kongregationen im Rahmen der jüdischen Gemeinde mit einer separaten Schechita- und Begräbnisovbnnng zulässig. DaS Statut enthält auch Vorschriften bezüglich einer .Absonderung von der allgemeinen jüdischen Gemeinde. Die Frage der jüdischen Gemeindeordnung bildet seit Jahren einen Streitpunkt zwischen dem W§ad Leumi (Nationalrat der Indens und dem Waad Hair Haaschkenasi, der die Prinzipien der Agudas Jisroel vertritt. Der Waad Leumi hat in seinem Memorandum an die Mandatskommission des Völkerbundes die Annahme des Entwurfs der Assefath Haniwcharim vom Jahre 1920 empfohlen, in welchem der internen Kontrollorganisation des Jischuw ein weiter Spielraum in allen Fragen des jüdischen öffentlichen Lebens, in religiösen, wirtschaftlichen, kulturellen und politischen Fragen, eingeräumt ist. Die Gemeinde sollt« als juristische Person anerkannt und eine Zwangsorganisation sein. Die Kehilla. als der Kern der Jlschuw-Organsiation, sollte alle Juden umfassen, so -atz keiner sich -er Verpflichtung gegen die Gemeinde sollte entziehen können. Der Genreinde sollte Zwangsbesteuerungsrecht zustehen. Die Agudas Jisroel bekämpfte in ihrer Petition an den Völkerbund das Prinzip der Zwangseinheit der Jüdischen Ge- Annahme von Bestellungen auf die Jüdisch-liberale Zeitung bei allen Postämtern Deutschlands. meinde und forderte das Recht für jede Gruppe von Juden, unabhängige religiöse Gemeinden zu begründen. Die Kompetenz des Waad Leumi sollte auf politische und wirtschaftliche Angelegenheiten begrenzt sein. Jede Gruppe von Juden sollte das Recht haben, innerhalb der Gemeinde ein eigenes Rabbinat, eine eigene -Organisation für rituelle Schächtnng und eine eigene Begräbnisordnnng zu unterhalten. (Jta) Die Spanjolen in Bosnien. Von N a t. P a i l a. Bevor das Habsburgerrcich im Jahre 1878 Bosnien besetzte, wußten nur wenige Oestcrrcicher, daß mit der Angliedernng des neuen Landes das bisherige Bölkergemcnge in der Monarchie auch noch durch die „Spaniolen" vermehrt wurde. Wohl gab es in Siidnngarn einige Familien dieses Volkes, die man als „Freut" bezeichncte, was wohl mit „Franke" gleichbedeutend ist. mit welchem Ausdruck in der Levante nicht nur die Franzosen, sondern auch andere Europäer bezeichnet werden und sich dort das Kauderwelsch der „lingua franca" bildete. Die Spanjolen sind in Bosnien vielleicht ein noch interessanterer Bolksstamm als die Mnslimanen*j, denn diese sind ja autvchtyone Bewohner des Landes und sprechen slawisch, dagegen die vorgenannten die ersten Juden waren, die es in Bosnien gab. wohin sie vor etwa vierhundert Jahren eingewandert sind. Bekanntlich wurden im Jahre 149*2 alle Inden aus Spanien und anno 1406 aus Portugal ansgewiesen. Die heimatlos Gewordenen wandten sich zum größten Teile in die mohammedanischen Staaten des Mittelmeeres, also Nordafrika und Kleinasien sowie die europäische Türkei, einzelne auch nach Italien und Holland, so daß auch in Mitteleuropa jüdische Familien mit romanisch klingenden Namen zn finden sind. Sultan Bajaset H (1481—1512) hatte Mitleid mit den Vertriebenen und befahl, daß sic gastfreundlich aufznnchmen seien. An diesem Wohlwollen hatte der damalige Oberrabbi (Ehachambaschi) der osmanischen Hauptstadt. Mose Kapsali, hervorragenden Anteil. Die späteren Herrscher Selim 1 und Snlejman H erklärten die Eingervanderten sogar mit den Griechen und Armeniern als gleichberechtigt, infolgedessen die Ankömmlinge sehr bald die erste Rolle unter den türkischen Israeliten spielten und vor allein in Saloniki, Konstantinopel, Edirneh (Adrianopel) und Nikopolis an der Donau fest organisierte Gemeinden gründeten. Die Spanjolen wurden Sephardim genannt, weil das Hebräische des Mittelalters Spanien als Sevharad bczeichncte. In den hinterlasienen Schriften des bedeutenden spanjvlischen Gelehrten, Joseph Earo, der um 1ü50 in Adriauopel und Nikopolis lebte, wird erzählt, daß zu seiner Zeit bereits viele seiner Glaubensgenossen in den bulgarischen Donaustädten wohnten. Daß in Bosnien schon Mitte des sechzehnten Jahrhunderts Spanjolen zn finden waren, beweisen amtliche Schriftstücke aus dem Jahre lötzö. Es dürften an zwölf Familien allein in Sarajevo angesiedelt gewesen sein und Handelsgeschäfte betrieben haben, doch waren sie den Moslims unbequem, die die Forderung stellten, daß man die „Jewreici" (Hebräer) iu einem bestimmten Stadtteile untcrbringe. Sowohl Inschriften am spanjolischen Friedhof, als auch Dokumente, die sich iu der mnslimanischen Bücherei der bosnischen Hauptstadt befinden, lassen ersehen, daß im Jahre lööl beziehungsweise 1.141 eine fast vierzia Kopse zählende Judcngemeinde vorhanden war. doch bloß männliche Kauslente ohne ihre Familien, die zumeist iu Saloniki lebten, wohin sich jene Handelsleute nur zu den großen Festen begaben. Dieses Hin- und Herreisen bchagte dem damaligen Bali (Statthalter) Ebasi Hassan Pascha nicht und er ließ ihnen die Wahl, entweder dauernd i,n Lande sich an.znsiedeln oder ihm für immer den Rücken zu kehren. Damals schon mögen den Juden Verfolgungen gedroht haben, denn viele manderten ans usw.. entweder nach Dalmatien oder nach Ungarns Hauptstadt Ofen, das zu jener Zeit bereits den Osmanen gehörte. Als 1614 der Pascha Mehmed Baltadichi. Gouverneur Bosniens wurde, kam mit ihm auch sein Geldaeber Naftali bin Mandschnr, mit. und dem Einflüsse dieses Mannes war es zu danken, daß sich etwa dreißig Familien in Sarajevo ansiedeln Surften. Auch ein anderer Spansole. Don Joseph Nasi, genannt „Herzog von Naxos", und seine Tante Donna Grqcia sollen sich ihrer Stammesgenossen angenommen haben. Im Jahre 1580 wurde ein Ghetto in Sarajevo erbaut, weil angeblich seitens der Moslims Beschwerden einliefen, daß die Juden sehr unvorsichtig mit dem Feuer umgehen. Dieser, beute noch zum Teile bestehende Stadtteil erhielt den Namen Tschifut-Hana (Inden-Herberge) und wurde dort auch *) In Deutschland wird fast überall die falsche Bezeichnung Muselmannen. Muselmänner und Muselfrauen gebraucht, was ebenso falsch ist, als wurde man statt Germanen und Romanen — Germcinner. Germannen und Gerfrauen. Rvmänner usw. sagen. Musliman ist schon seit dreißig Jahren die amtliche Benennung für die Jslambekenner Bosniens und wurde über Anregung des Schriftstellers Nuri Hadschitsch eingeführt, der in der Zeitschrift „Behar" (Blüte) die Behauptung anfstellte, daß die Bezeichnung „Mohammcdarer" eine Blasphemie sei. Musliman stamme von „Musli Jman" (der sich Gott ergebende). Wen» der Jslamit Mohammedaner genannt wird, so müßten dann, nach Ansicht Nuris, dte Christen eigentlich „Paulaner" heißen, eine Synagoge erbaut. Damals regierte der den Juden wohlgesinme Bali Siarvusch-Pascha, dessen Geheimschreiber und Leibarzt, der Spanjole Benvenista war. Unter den damaligen Rabbinern sind Ascher Zebulon, Mazliach Mutschatschon und Samuel Baruch zu nennen, von denen der erstgenannte auch Lehrer war und später nach Belgrad zog. um dort dasselbe Amt zu übernehmen. Es wanderten noch Spanjolen aus der Apeninnen-Halbinsel ein, so daß unter ihren Familiennamen auch solche mit italienischem Klange zu finden sinh. Die Tschifut-Hana lieferte der Welt eine Persönlichkeit von freilich etwas anrüchiger Berühmtheit. Im Jahre 1660 kam dort Nechemija Chia Chajon zur Welt, der schon als Knabe von kabbalistischen Neigungen erfüllt war und fein ganzes Leben als Abenteurer und Schwindler verbrachte. Ein Frömmler und Scheinheiliger, war er auch sehr schlau. Als junger Knabe kam er nach Jerusalem, wo er den Talmud studierte und erschien, achtzehn Jahre alt geworden, wieder in Sarajevo. Er verehelichte sich, wanderte dann ln der Welt herum, wurde von vielen spanjolischen Kultuögemetuden als Betrüger und Religionsstörer erklärt und beehrte auch Berlin. Hamburg, Amsterdam und Wien mit seinen Besuchen, soll sogar zu Kaiser Karl VI. Zutritt erlangt haben. In Berlin gelang es ihm sogar zwei Schriften kabbalistisch-theosophifchen Inhalts drucken zu lassen, auch behauptete er, tn Palästina geboren zu sein. Heftig bekämpft wurden seine Irrlehren von Zewi Aschkenasi (Chacham Zewi genannt), dem Oberrabbiner von Amsterdam, der auch einmal Rabbiner in Sarajevo gewesen und überall hochgeachtet war. Er erklärte öffentlich, daß Ehajons Lehren ketzerisch seien, obwohl einige BÄsruder Spanjolen den Neuerer verteidigten, dieser anch selbst t» einer Schrift gegen Zewi Protest einlegte. Die Spanjolen Bosniens kann man nicht nur dem TypirS nach, sondern auch nach der Volkstracht leicht erkennen. Sie sind ein hübscher Menschenschlag, der über viele hochgewachLene Männer verfügt und wohl nicht mehr rein semitisches Mut enthält. Die Frauen sind bedeutend kleiner, oft zierlich und nicht selten von auffallender Schönheit und Anmut. Aus dem Antlitz und der ganzen Haltung der Männer spricht Selbstbewußtsein und oft Energie. Demütiges Wesen wird man kaum finden. Die Greise machen in den wallenden orientalischen Gewändern einen ehrwürdiacn Eindruck. Leider verschwindet die Volkstracht, die der türkischen ähnelte, immer mehr und wird sich noch eine zeitlang wohl nur in den abgelegeneren Gegenden der Balkanhalbinsel erhalten. Sie soll später näher geschildert werden. Vis 1781 wirkten in Sarajevo nur ausländische Rabbis, und erst der gelehrte David Pardo, ein aus Venedig stammender Spaniole, wühlte seinen Nachfolger aus einer Sarajenver Familie aus und erteilte ihm den notwendigen Unterricht. 1889 wurde der Rabbiner Mose Perera als Ehachiambaschi von der Pforte bestätigt, was bis dahin noch nie der Fall gewesen war. In der Hauptstadt Bosnteus begann unter den sich langsam mehrenden Spanjolen auch Gelehrsamkeit zu blühen und sind besonders Moses Danoii und Mäir Mcnachem Da- Jtoit, der eine erklärende Schrift über die fünf Bücher Moses veröffentlichte, zn nennen. Während aber in Belgrad, wo der Truck der Türkenherrschast wenig fühlbar war. bereits im Jahre 1846 eine spanjoliiche A nch druck er ei errichtet wurde, erhielt Sarajevo eine solche erst 1876, aus der zuerst ein in hebräischer und ein in spanivlischer Sprache gedrucktes und ein liturgisches Buch hervorging, der „Tiknn Modaa." Die Spanjolen verkrugcn sich mit den Bosniern ganz gut. Mit der Zeit verbreiteten sie sich über das ganze Land, und es entstanden anch in anderen größeren Ortschaften religiöse Gemeinden. Sie zahlten verhältnismäßia unbedeutende Abgaben, darunter den „Haratsch", den alle Nichtislanriten erlegen mußten. Es ist bemerkenswert, daß die oberste türkische Finanzbehörde verlangte, daß die Steuer böslich, ohne Zwangsmaßregelu eingehvbeu und der Erlag ordnungsgemäß umgehend bestätigt werden müsse. Ein sogenannter Kvdscha-Bascha, Leu die Spanjolen ans ihrer Mitte wählten, sorgte dafür, daß die Stenern pünktlich erlegt wurden. Von manchen Frohnarbciten konnten sich die Inden los-kaufen. namentlich, wenn solche Dienste an Samstagen geleistet werden sollten. Auch für die Verpfleguna und Unterkunft durchreisender Würdenträger mußte gesorgt werden, doch waren diese Lasten erträglich, aber dafür wurden die Juden öfter von den Beamten gerupft oder mußten sich gewisse Erleichteruugeu sowie Umgehungen der Vorschriften mit klingender Münze erkaufen. Unter anderem geschah es. daß der Scharfrichter Lust bekam, die gar nicht seltenen Hinrichtungen vor dem Tore deS jüdischen Stadtteiles zu vollziehen und erst nach Verabsvlgnng eines angemessenen Nal'schisch eine andere Stelle wählte, was sich im Laufe eines Jahres auch zweidutzendmal wiederholte und dem Henker eine willkommene Zulage verschaffte. Die Spanjolen durften zwar türkische Tracht, doch nur in schwarzen Farben tragen, bloß die Frauen kleideten sich bunter, und während die Mädchen pluderkiosenartigr Rdcke, kleine Leibchen und dunklen Fes trugen und für Jslamitinnen gehalten werden kviniten, erkannte man die verheirateten Evastöchter an dem Toeatto. einem eigentümlichen Käppchen, das mehr einem seidenen Bande ähnlich sah, weil das Haar, welches sich die Ehefrauen kurz schneiden mußten, oben sichtbar war: statt des natürlichen Haarwuchses quoll aus dem Toeatto eine dicke schwarze Quaste hervor, die von weitem lang herabwaktendem Haare ähnlich sah. Da die Volkstracht dem Verschwinden nahe ist, so ist überflüssig, dieselbe näher zn schildern: es geht eben mit dem malerischen Aeußercn des Orients stark abwärts. Nach der Okkupation Bosniens im Jahre 1878 waren die Spanjolen die ersten, die sich mit der neuen Lage aussöhntcn, sofort deutsch lernten, das sie bald fließend beherrschten und ihre Kinder in die neuen Schulen schickten. Sie gründeten Vereine, wie z. V. „Progresso" (Fori sch ritt) sowie die „Veuevolencia" (Wohltat), und über dem Tore ihres Gesangsvereins standen die Worte: „La Lyra, sociedad de cantar de los Judios espanoles". Untereinander verkehren sie ausschließlich nur in ihrer romanischen Mundart, die aber non heutigen Spaniern aar nicht verstanden wird, da sie im Laufe der Zeiten türkische, slawische, italienische und sonstige Fremdwörter ausgenommen hat und von früher her auch portugiesische Ausdrücke mitbrachte. Die Spanjolen haben sich bemüht zn beweisen, daß sie an der abendländischen Kultur Gefallen finden und traten gern den neugegründeten Vereinen der Oesterreicher bei namentlich dem Frauenverein, bei dessen WohllSttgkeilsver. anstaltringen die spanjolischen Damen eifrigst mitwirkten. Leider besteht zwischen den romanischen und abenölänöi. scheu, (den Sevharden und Aschkenasim) keine Eintracht, was sich namentlich bei den Wahlen in den Landtag zeigte, in acxxDi=3acon[i}cicHDC3aQaizH=H3cxiooDai3ai3ocioiiiaonc?aacg 8 Tage vor Ihrer Reise 1 müssen Sie bei Ihrem zuständigen Postamt die Ueber- 8 Weisung beantragen, wenn Ihnen die „Jüdisch- R liberale Zeitung" auf kürzere oder längere Zeit in die R Sommerfrische nachgesandt werden soll.