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Jüdisch-liberale Zeitung · 1927-07-22 · 29 (22.7.1927) · page 8

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
7 (1927)
Issue
29 (22.7.1927)
Date
1927-07-22
Page
– (sequence 8)
Language
German
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welchem beide Parteien Lurch einen einsiaen Abgeordneten vertreten waren, der aber , stets aus der Mitte der ersieren hervorging. Die Sepharden nahmen die weißblaue Fahne als völkisches Abzeichen an und besitzen ihre eigenen Tempel. Die Zeitschrift „Alborada" (Dämmerung) diente den Interessen der Spaniolen, hielt sich aber nicht lange. Die ReligionL- und Schulbücher werden zumeist in Saloniki gedruckt und wurden auch schon reinsparijolische Schulen eröffnet, in denen die schöne österreichische Volkshymne in der spanischen Mundart gesungen wurde. Zu ehelichen Verbindungen zwischen den beiden Volksstämmen kommt es fast nie. Viele Spaniolen sind zu großem Reichtum gelangt und haben namentlich die Landeshauptstadt durch schöne Bauten bereichert; in der Tschifut-Hana wohnen nur noch wenige Familien. Von ihren Veranstaltungen innerhalb ihrer Religionsgemeinde hört man wenig, denn ihre Hrchzeitsfeste und ähnliches werden nicht allzu auffallend gefeiert, nur wenn ein Leichenbegängnis stattfindet, kann mau die Art und Weise ihrer Totenbestattung kennenlernen. Wenn ein fpanjolischer Weltbürger sein an Mühe und Arveit reiches, au Freuden aber armes Dasein beschließt. geleite» ihn nach orientalischer Sitte nur männliche Personen zur letzten Ruhestätte, während die Frauen in großes Jammern ausbrechen müssen, wen» der Verstorbene aus dem Hause getragen wird. Die Trauergäste legen alte Kleider an und viele halten Kerzen in der Hand. Einen Sara gibt es nicht, sondern bloß eine kunstlos zusammengenagelte Tragbahre, die einem niedrigen offenen Sarge ähnelt, in welchem die Leiche ohne Oberkleider in Sackleinwand qehüllt und mit Bindfäden verschnürt liegt. Sie wird mit schwarzem Tuche bedeckt und beim Anlangen auf dem uneingezäunten Friedhofe wird die Bahre vorläufig auf einen der vielen Grabsteine gelegt, denn es muß gewartet werden, bis das wenig tiefe Grab ausgehoben ist. weil man diese Arbeit erst dann beginnt, bis sich der Leichenzug in Bewegung gesetzt hat. Die Tranergäste lagern sich mittlerweile im Grase und ambulante Brot-, Limonaden- und Kaffeeverkäufer sorgen für leibliche Stärkung. Während dieser Zejt treten mehrere Männer zum Sarg und klemmen zwischen den Kopf des Toten und das Sargvrett eine meterlange Wachskerze, was auch beim Fußende geschieht, dann werden üiesangsbücher und Münzen hervorgeholt und Gcbctmäntel angezogen. Der Vvrbcter beginnt die hebräische Totcnklage zu singen, was nun auch die übrigen tun, wobei beim Umschreitcn der Leiche einer den anderen beim Zipfel des Mantels hält und nach jedem Rundgang eine Münze auf den Entschlafenen legi. Die Bestattung erfolgt in sitzender Stellung. Der gebrechliche Halbsarg wird nun zerspalten und mit den Holzsplittern die Leiche bedeckt, auf die nun die Erde geschüttet wird. Grabhügel wird keiner aufgeworfen, sondern nach gewisser Zeit eine große Steinplatte hingewälzt. In Sarajevo befindet sich der Gottesacker der Spaniolen auf einem steilen Hang, der aber ziemlich feucht ist. infolgedessen sich die jetzt modernen, riesigen, unförmlichen, mit hebräischen Inschriften versehenen Grabsteine gern nach einer Seite senken. Die neuesten Denkmäler sehr reicher Leute sind etwas Vesser behauen, haben gefälligere Form und zeigen auch deutsche und slawische Inschriften, sind auch von einfachen Eisengittern umgeben. Die älteren Steine sind oben abgerundete Blöcke und ziemlich regellos verstreut. Nicht Geiz, sondern orientalische, lobenswerte Genügsamkeit und Sparsamkeit sowie Festhalten am Althergebrachten diktiert diese Sitte. Das Leichenbegängnis eines wohlhabenden unterscheidet sich von jenem des unbemittelten Spaniolen gar nicht. Im Tode sind alle Menschen gleich. Fürsorge für jugendliche Psychopathen. Seit der Tagung der „Zentralwohlsahrtsstelle -er deutschen Inden" im porigen Jahre in Düsseldorf, macht sich der Mangel au geeigneten Einrichtungen für psychopathische Kinder und Jugendliche immer empfindlicher geltend, und immer wieder wird aus die Notwendigkeit der Schaffung solcher Einrichtungen hingewiesen. Es scheint daher im jetzigen Zeitpunkt zweckmäßig, einen ausführlichen Bericht über die Beratungen dieser schwierigen Fragen, die schon bei der Düsseldorfer Tagung einen breiten Raum eingenommen haben, in die Dessentlichkeit gegangen zu lassen, damit jeder, der an der Erziehung unserer Jugend Anteil nimmt, sich an der Lösung dieser, für den Gesamtbestand des Jttdcntttms bedeutungsvollen Ausgabe beteiligen kann. In Düsseldorf führte der Heilpädagoge, Lehrer Sawady, in seinem Referat über jugendliche Psychopathen etwa folgendes au: Wir vermissen schmerzlich die Fürsorge für diese Kinder mit krankhafter Psyche, die sich in Willensschwäche, in heftigem unvermitteltem Stimmungswechsel, in starken unbeherrschten Affekten äußert. Zweifellos sind die Grenzen zwischen erziehbarem 'Schwachsinn. Debilität, Imbezillität und nicht oder schwererziehbarem Schwachsinn, höherenGraden der Imbezillität und Idiotie sehr fließend. Um so mehr aber müssen wir uns bemühen, alle Kategorien psychopathischer Kinder und Jugendlicher zu erfassen und ihnen die notwendige Fürsorge zuteil werden zu lassen, weil ohne rechtzeitiges Eingreifen die Gefahr der Verwahrlosung und des gesellschaftlichen Verhaltens drohend ist. Sawady sagte weiterhin, daß die beste Fürsorge ein besonderes Heim für Psychopathen wäre, denn es sei unrichtig, psychopathische Kinder in Anstalten für Schwachsinnige oder in Irrenanstalten unterzubringen. Die Forderung nach Schaffung eines besonderen Heimes ist itbrigens schon vor längerer.Zeit auch von dem Verein der Leiter und Leiterinnen rüdischer Erziehungsanstalten Deutschlands erhoben worden, und auch der Verein „Beelitz" hat sich mit der Frage der Errichtung eines solchen Heims des öfteren beschäftigt. Es stehen aber der Schaffung eines Heims in der heutigen Zeit Schwierigkeiten entgegen; einerseits fehlt es au Geld zur Begründung, vor allem aber fehlt es an geeigneten Erzieher-Persönlichkeiten. Sawady empfahl daher vorläufig die Errichtung von Erziehungsberatungsst e l l e n. an welche Kinderhorte anzuschließen wären. Solche Beratungsstellen sind mit oder ohne Heim notwendig. Dies beweist am eindringlichsten der vor kurzem erschienene Bericht der jüdischen Kinderhilse, die in ihrem herlpädagogischen Ambulatorium in der Zeit von 1928 bis 1925 in 89 Sprechstunden und 287 Konsultationen 116 Kinder beraten und behandelt hat. Die Ausgaben dieser Beratungsstellen sind nicht nur die Beratung der Eltern, die Verbind u n g mit der Schule und die Beobachtung und B c c i u i I n ß 1t it g d e r Kinde r, sondern auch die gutachtliche Aenherung falls intensivere Erziehungsmaßnahmen, z. B. ein Umgehungswechsel, erforderlich sind. Die wichtigste Aufgabe der Beratungsstelle aber ist und bletbt die ständige Verbindung mit den Eltern. Neben der psychotherapeutischen Tätigkeit hat die Beratungsstelle auch die Aufgabe der Sammlung wichtigen Materials, das Beratnngs- und Wohlfahrtsstellen sich gegenseitig zur Kenntnis bringen sollen. Die Beratung hat nach der Meinung Sawadys auszuachen: 1. von dem Psychiater, dem ein Kinderarzt zur Seite stehen muß, 2. von dem Heilpädagogen und 3. von der hellpädagogisch ansgebildeten Fürsorgerin. Alle drei müssen Hand in Hand arbeiten und sich gegenseitig beraten und ergänzen. In der Diskussion Über dieses Referat wies vor allem Rabbiner Dr. Horovttz, Frankfurt a.M. darauf htn, daß die Dinge auf dem Gebiete der Psychopathenfürsorge besonders schwierig liegen. Er glaubte vor ungefähr 15 Jahren, daß mit einem Psychopathenheim bzw. eurer jüdischen Abteilung, die einer interkonfessionellen Anstalt angegliedert wird, das wesentliche geschehen sei. Damals hatte er einen recht erheblichen Betrag für ein derartiges Heim gesammelt. Inzwischen hat er sich, je länger er sich mit der Frage der Fürsorge für jugendliche Psychopathen befaßt hat, desto mehr davon Überzeugt, daß diese Frage eine der schwierigsten ist. die es zu lösen gibt. Bor allen Dingen weist er daraus hin, daß nach neueren Forschungen auf dem Gebiete der Heilpädagogik neun verschiedene Gruppen von weiblichen und fünf Gruppen von männlichen Psychopathen unterschieden werden. Fast alle diese Gruppen kommen mehr oder weniger auch bei jüdischen Jugendlichen vor. und fast für jede dieser Kategorien ist eine andere Behandlung notwendig. Bei der einen ist diese, bei der anderen jene Art von Anstalten der gegebene Weg; wieder andere Psychopathen gehören überhaupt, nicht in die Anstalt. Bei dieser Sachlage können rein jüdische Anstalten allein uns einer Lösung nicht näherbringen. Zu den angegebenen Schwierigkeiten kommt die Frage der Berufsbildung hinzu; sie ist das wichtigste in der ganzen Heilerziehung. Während aber normale Menschen sich durchschnittlich für eine größere Reihe von Bernsen eignen, kommt für einen Psychopathen oft nur ein einziger, bzw. ganz wenige Berufe in Betracht. Nur eine größere Anstalt mit vielen Handwerkstätten und Ausbildungsmöglichkeiteu kann hier Aussicht aus Erfolg bringen. * Horovitz glaubt daher, daß zu erstreben sei, jüdische Abteilungen an die besten dazu geeigneten allgemeinen Anstalten anzugliedern. ähnlich, wie es der Hessische Landesverband für jüdische Wohlfahrtspflege bei der Heilerziehnngsanstalt Ealmenhof Idstein i. Taunus gemacht hat. Eine Kommission von Fachleuten müsse prüfen, welche Anstalten in Betracht kommen. Für kleinere Kinder, bei denen eine eigentliche Berufsausbildung noch nicht in Frage kommt, könnte und müßte evtl, eine eigene indische Anstalt geschaffen werden, zunächst für diejenigen Kategorien von psychopathischen Kindern, die unter den Inden besonders stark vertreten sind. Vorläufig aber fehlt es an Lehrern. Alles muß geschehen und alle Organisationen müssen zusammen wirken, daß wir endlich dazu kommen, wirklich geeignete Persönlichkeiten für diese große und wichtige Aufgabe heranzubildcn. Leider muß festgcstellt werden, daß man nicht viele Lehrer findet, die geeignet und gewillt wären, jüdische psychopathische Kinder bei sich aufzunohmen. Ebensowenig, wie wir eine geeignete Anstalt haben, können Familien benannt werden, die solche Kinder bei sich aufnehmen und heranzubilden in der Lage sind. Das größte Gewicht ist darauf zn legen, daß die zukünftigen Lehrer und Lehrerinnen auf heilpädagogischem Gebiet auf das sorgfältigste theoretisch und praktisch ausgebildet werden. Das letztere ist nur möglich an interkonfessionellen Anstalten. Nach Meinung von Dr. Horovitz könnte viel Unglück verhütet werden, wenn Eltern und Lehrer sich mit allen Errungenschaften der modernen Psychologie des Jngendalters vertraut machen würden. „Wie das große Werden der Schöpfurrg. so beginnt alles Werden der Kinderseele mit einem Chaos. Viele der Edelsten und Vesten verkommen und gehen zugrunde, weil ihnen die liebreiche Hand fehlt, die sie führt und der Führer, zu dem sie aufschauen können und der ihnen zeigt, daß dieses Chaos die Vorbedingung ist für alles Wachstum und sie ehrfürchtig aNfblicken läßt zu dem Geist Gottes, der über den Wassern schwebt." Auch die weitere Diskussion über die Fürsorge für jugendliche Psychopathen brachte mancherlei Anregungen, die zum Schluß in nachstehenden Resolutionen znsammengefaßt werden, deren Durchführung sich die Zentralwohlfährtsstelle bzw. die Arbeitsgemeinschaft „Jüdische Gefährdet enfürsor ge" angelegen sein lassen wird: 1. Durch Sachverständige auf dem Gebiete der Psychopathenfürsorge soll geprüft werden, wo evtl, a» interkonfessionellen Anstalten jüdische Abteilungen augegliedert werden können und in welcher Art jüdische Anstalten erforderlich sind. 2. In jeder größeren Gemeinde sollen möglichst Kinderhorte zur Beobachtung und Anleitung von psychopathischen und schwererziehbaren Kindern eingerichtet werden. 3. Für die rechtzeitige Erkenntnis psychopathischer Veranlagung ist die Errichtung von heilpädagogischerc Beratungsstellen (Erziehungsberatnngsstellcni erforderlich, welche die Indikation für die in Frage kommenden Maßnahmen zu geben haben. 4. Die heilpädagogische Ausbildung von Erziehern, Lehrern und Wohlfahrtspflegern in Anstalten und durch Kurse soll ideell und materiell gefördert werden. Neuerdings ist erfreulicherweise die Frage der Fürsorge für jugendliche Psychopathen auch im Kreise des Wohlfahrtsausschusses des Preußischen Landesverbandes behandelt worden. Mit Rücksicht ansdiegroße Bedeutung einer umfa,senden Fürsorge für psychopathische Kinder und Jugendliche bittet die Zentralwohlsahrtsstelle der deutschen Inden ihr praktische Vorschläge und Anregungen zur Lösung der erörterten Fragen entweder mitzuteilen oder sich in der jüdischen Presse darüber zu äußern. Der Funke. Von Carl Hollerbaum. Die ungefügen Ruder ächzten knarrend in den Dollen; langsam nur zwang die Kraft der vierzig äthiopischen Sklaven die schwere, beladene Fähre über den reißenden Strom. Der Führer der kleinen Reiterschar, die übergesetzt wurde, sprach erregt auf den alten Fährmann ein. Der zuckte die Schultern. Die Knechte keuchten, stemmten sich, mit blutunterlaufenen Augen gleichsam das Ufer heranziehend, gegen das harte Holz. Die Lederpeitßche zischte fast im gleichen Takt mit den klatschenden Rudern. Fuß um Fuß. rang das breite Boot sich hinüber. Noch war das Ufer eine breite Spanne entfernt, da gellte der Pfiff des Offiziere. Im Nu waren die Reiter auf den Pferden. Der Führer zwang sein Tier zurück, gab plötzlich mit lautem Zuruf die Zügel frei; der Gaul bäumte sich, schäumte ins Gebiß und setzte dann mit mächtigem Sprung hinüber ans Land. Mann um Mann folgte. Dann jagte der Trupp geschlossen nordwärts, gen Theben. Wie miide neigte sich die Sonne im Westen auf die rotfunkelnden Poxphyrmassen des Randgebirges. Vom Roten Meer her strich lässig eine zaghafte Brise, ohne mit ihrer Kühle den Brand der Tagesglut zu lindern. Langgezogen begannen die Schakale ihr grausiges Nachtgeheul. Neben der Straße, auf der die ägyptischen Reiter dahinbrausten, tauchten allmählich leichtgefügte Häuser auf, verdichteten sich zu Niederlassungen und Dörfern. Fahrzeuge und Fufitruppen versperrten den Weg, schwere Lastzüge krochen mühsam nordwärts, zum Neubau des gewaltigen Ammontcmpels, der den von Opct ergänzen sollte zum Ruhme des großen Gottes. Der Führer des Rcitertrupps lenkte sein schon erschöpftes Pferd von der Fahrstraße ab uncl gewann nach kurzer Zeit mit seinen Leuten die freie Wüste. Nim brauste wieder unaufhaltsam der Ritt nach Norden, um vor Sonnenuntergang die Hauptstadt zu erreichen. Die 1 empelkolosse von Karnak flogen vorüber. Theben! Üeber das Steinpflaster der breiten Straßen donnerten, schon strauchelnd hin und wieder, die dampfenden Gäule. Vor der Freitreppe des Königspalastes brach das Tier des Offiziers in die Knie. Der Reiter aber war bereits aus dem Sattel und eilte den Aufgang hinan, der Königin die Botschaft des Königs zu bringen. Teje, die Königin von Ober- und Unterägypten, empfing den Boten im großen, prunkvollen Festeaal, der zur Feier bereitet war. „Rede!“ „Der König will die Jagcl im Süden nicht unterbrechen. Erst morgen, wenn die Sonne sinkt, will er, mit großer Beute beladen, in die Stadt zurückkehren. Heute aber soll noch der königliche Prinz am neuen Standbild jenseits des Flusses zur Jagd des Königs stoßen, um an der Löwenhetze teilzunehmen!“ Teje zuckte zusammen. Welch ein Einfall des Königs? Den schwachen Knaben zur nächtlichen Jagd zu befehlen. „Du reitest zurück?“ fragte sie den Offizier. „Mit dem Prinzen! So befahl der König!“ Teje erhob sich. „Erwarte mich in einer Stunde bei den StällenT* ordnete sie an. Der Bote beugte das Knie, senkte tief das Haupt, erhob sieh und ging rückwärts, in demütiger, gebückter Haltung aus dem Saal. Vor Mitternacht noch sprengte auf neuen, starken Pferden der Reitertrupp funkenstiebend durch das Siidtor der Stadt, gefolgt von dem leichten zweiräderigen jagdwagen des Prinzen, dem wiederum eine Abteilung Berittener nachgaloppierte. In den seid nen Kissen des Wagens lag Amenophis, äußerlich zwar zur Jagd gerüstet, jedoch müde und abgespannt vom eifrigen Studium der gelehrten Bücher, die er tagsüber der Bibliothek entnommen, und deren Inhalt er durchgrübelt hatte. Unwillig fuhr er zu dieser Jagd, wie ihm überhaupt jede Hetze, jede Verfolgung und Tötung eines Tieres zuwider war. Als die Riesensäulen von Karnak in Sicht kamen, befahl der Prinz, langsamer zu fahren. Der führende Offizier machte Einwendungen und erinnerte an den Befehl des Königs. Der Knabe trotzte. „Wenn du dem Befehl meines Vaters folgen mußt,“ sagte er herrisch, „dann halte ich dich nicht zurück. Reite ruhig voraus; ich komme mit meinem Wagen nach!“ Der Offizier überlegte eine Weile; dann gab er zweien seiner Reiter Befehl, vorauszueilen, und dem König die unvermeidbare Verspätung zu melden. In gemächlichem Trab zog Prinz Amenophis mit seiner Eskorte südwärts durch die Wüste weiter. Der Wagen trug ihn schaukelnd über den weichen Sand, der das Stampfen der Pferdehufe fast verschlang. Sinnend schloß der Prinz die Augen, spielerisch träumend seinen Gedanken nachzuhängen. Erst gegen Morgen setzte die Fähre den Zug über den Nil, und als nach mehreren Stunden dann der vereinbarte Treffpunkt, das Standbild des Königs, erreicht war, fand sich die Jagdgesellschaft nicht mehr vor. Nur die beiden vorausgesandten Reiter hielten dort unschlüssig; auch sie hatten den König nicht mehr angrtroffen. Der Jagd in das unwegsame Gebirge auf eigne Faust zu folgen, erschien unmöglich. Spuren zeigten nach allen Richtungen. Auch war die vorhandene Ausrüstung keineswegs genügend, Großwild anzunehmen. Der Führer war ratlos. Er hatte den ihm erteilten Befehl so gut wie eben möglich ausgeführt, hatte die ihm angegebene Stelle erreicht und wußte nun nicht weiter. Nach kurzem Zögern entschloß er sich, den Prinzen zu bitten, den weiteren Verlauf dieser mißglückten Fahrt selbst zu bestimmen. Amenophis, hocherfreut, dem widrigen Gemetzel der Hetzjagd nicht beiwohnen zu müssen, hieß die Reiter absitzen und das verlassene Lager beziehen. Im übrigen stellte er ihnen frei, den Tag über auf eigne Faust zu jagen oder sich nach ihrem Wunsch zu beschäftigen. Er verließ seinen Wagen, nahm einen Imbiß, den ihm der Lenker bereitete und wanderte, ohne eine Waffe mit sich zu nehmen, quer durch die Gräberfelder weiter südwärts in das Land. Den Offizier, der ihm zuerst gefolgt war, schickte er zurück mit der Weisung, ihn gegen Abend zu erwarten und dann mit ihm nach Theben zurückzufahren. Keiner der Gärtner und Aufseher an den Gräbern erkannte den königlichen Prinzen, der einsam, kaum die Grüße erwidernd, die man ihm bot, in Gedanken verloren unentwegt vorwärts schritt, der Sonne entgegen. (Schluß folgt.) Zur flcfl. Beachtung. In der vorigen Woche veröffentlichten mir einen Aufsatz von Rabbiner Dr. Gottschalk, betitelt: „Frieden". Auf Wunsch zahlreicher Leser teilen wir mit. daß das darin erwähnte Buch „Einsames Land" von I. Münz stammt und im Verlag I. Kanffmann-Frankfnrt a. M.. Schillerstr. 19, erschienen ist. Aus der Bewegung. Berlin. (Liberaler Verein der jüdischen G em e r nd e.) Unser bewährtes Mitglied, Herr Adolf Wilhelmy, W. 15, Duisburger Straße 6, hat uns seit dem Herbst norigen Jahres 100 neue Mitglieder zugeführt. Zur Nacheiferung empfohlen!

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