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Jüdisch-liberale Zeitung · 1927-07-22 · 29 (22.7.1927) · page 6

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
7 (1927)
Issue
29 (22.7.1927)
Date
1927-07-22
Page
– (sequence 6)
Language
German
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mütes zu verstehen", so offenbart er, wie sehr er sich auchderWurzeln seines e i g e n e n W e s e n s bewußt ist. Er kennt diese Kräfte, er anerkennt sie auch, aber er weift sie zu zügeln von Anbeginn, weiß, sie organisch einzngliedern in das System der gestaltenden Kräfte, die ihn zum bildenden Künstler machen. Was ihn auszeichnct, ist h ö ch st e S e n s i b i l i t ä t, ein fast nervös zu nennendes Empfinden für die Formen und Erscheinungen der Natur, für die Bäume im Park und im Wald, für das Feld, die Düne und das Meer, für das Licht, das strahlende und gedampfte, für die Luft, die klare und die trübe, für die Tiere in Ruhe und in Bewegung, für den Menschen im Körperlichen und im Seelischen. „Nur wer den Odem Gottes in der Natur spürt, wird in Wirklichkeit lebendig gestalten können", schrieb der 73jährige Meister. Und er baut die Formen nicht mühsam zusammen, sie sind in ihrer Ganzheit erlebt, und darum m i t Eine m gestaltet, wie ans einem Guß. Er erlernt die Sprache der Kunst nicht mühsam durch grammatische Studien, sondern durch die „direkte Methode", durchs Sprechen selbst, weil er die natürliche Begabung für diese Sprache besitzt, und er erlernt sie dort, wo sie zu feiner Zeit am besten gesprochen wird, in Weimar, in Paris, in München, in Holland, und er beherrscht sie, als er nach Berlin znrnckkebrt, mit ihr auch hier eine Heimstatt anfzuschlagen. Gewiß war die Vorurteilslosigkeit, mit der er als Jude ohne eigentliche künstlerische Tradition der Welt der Formen gegenttbertrat, für ihn non Vorteil, gewiß erleichterte ihm dies die Aufnahme der künstlerischen Ausdrucksformen auch des Auslands, gewiß hat der unbefangene Sinn, den er als Jude für das Uebernationale in der bildenden Kunst hatte, seinen Weg erleichtert. — Darum ist sein Weg. d. h. seine künstlerische Entwicklung gradlinig, eindeutig, er ist, — wie er selber sagt — „kein Verwandlnngskünstler", aber er arbeitet an sich nimmer rastend, stets fortschreitend, von der Realistik seiner Frühwerke, in denen man den Einfluß Minikaszys und vielleicht auch Couberts spürt, zu der Heroisierung schlichter Menschen, ans denen die Sprache Mittels und Israels klingt, von der Tonigkeit der Malerei des Leibl-Tboma-Trnbner-Kreises bis zur reichen Farbigkeit der französischen Impressionisten, von der Ruhe der Arbeiterbilder zur hinreißenden Bewegung der Sportgemälde, von den allgemeinen Typen zur individuellen Persönlichkeit. Daß dennoch keines seiner Werke wie Nachahmung wirkt, ist Beweis genug für die U r s p r ü ugli ch - kcit seiner Begabung, für die Stärke'seiner Originalität. Es zuckt auf in seinen Bildern, es ist, als hätte ein Blitz gezündet; es ist der Blitz der künstlerische n I n t u i t i o n. Man kann wohl kaum sagen, daß dies für den Juden eigentümlich ist, ebensowenig wie die Wahl seiner Stoffe. Er ist der M a l e r d e s L e b c n s in all seinen Formen und Erscheinungen, des modernen Lebens der Arbeit und Alltäglichkeit. Bilder jüdisch e n I n h a l t s hat er kaum geschaffen, abgesehen von den Bildnissen i n d i s ch e r P e r s ö n l i ch k e i t e ll. Diese sind aber auch von besonderer Stärke! H e r m a n n C o h c u S Züge z. B. sind in Zeichnung, Radierung und Gemälde non ihm festgehalten mit einer solchen intensiven Kraft, daß die konzentrierte Geistesarbeit des großen Denkers hier verkörpert erscheint. Auch biblische Szenen hat Liebermann nur selten gestaltet, eigentlich nun eine Szene des alten Testaments: Simson und Dalila. Die Knnsthistoriker und Kunstschriftsteller waren damals ratlos, als vor 23 Jahren das Bild in der Sezession znm ersten Male gezeigt wurde. Es will doch mehr geben, als „ein paar mehr oder minder gut gemalte Arte", mehr auch als die Lösung eines Bewegnngs- oder Kompositionsproblems; es ist vielmehr der Versuch, diese biblische Szene — losgelöst von allem traditionellem Theatercram — r e i n m e u s ch l i ch zu gestalten, und sie so unserem m o ö e r n e n E m p s i n - den näher zu bringen. Es liegt etwas Urtümliches tu diesem Werk, wie in so vielen seiner Schöpfungen. Es i st, a l s w v l l te croonitcit c m beginnen, als inüßte er die sichtbare Welt von neuem für die Kunst erobern. Gleicherzeit aber galt cs, die Knust auch für die Welt zu erobern, d. h., ein künstlerisches Leben, eine künstlerische Kultur zn schaffen. Gewiß, es gab auch vor ihm in Deutschland neben dem Akademismus starke bedeutende Künstler, Fenerbach, Bvcklin, Menzel, Leibs, Thoma, sie standen jedoch einsam, es fehlte die Sammlung der künstlerischen Kräfte. Ta trat Liebermann ans den Plan: Ihm gelingt es, die jungen künstlerischen Kräfte zu sammeln und — wenn auch nach langem Kamps — zum Siege zu führen. So ist er als Anreger nicht nur die t r e i b c n d e K rast für das Kunstleven Berlins, sondern als „Organisator geradezu eine Macht iw t n ir st p o l i t i s ch e n L eben Deutschlands g e - w o r d c n". «Muthcr.j Tie Künstlerschaft hat dieses Verdienst dankbar anerkannt, da sie ihn nun schon zum siebenten Male znm Präsidenten der Akademie wählte. Sie hat damit bekundet, daß sic Liebermanus Wirken und Schaffen als aufbauenö und nicht als „zersetzend" ansieht, wie das gemeinhin von der Arbeit des Inden behauptet wird. Daß auch er unter diesem Vorurteil gelitten, daß auch er dagegen hat ankämpfen müssen, wissen wir nur zu gut. Vor Jahren schrieb er mit leisem Spott: „Obgleich ich oft leider genug von dem Gegenteil überzeugt wurde, bilde ich mir ein, daß, — wie es in der Verfassung heißt —, jeder Staatsbürger vor dem Gesetze gleich ist." Und Karl Schesfler erzählt von ihm: „Niemals werde ich einen Winternachmittag in seinem Atelier vergessen, als ich zu ihm gegangen war, um für einen mittellosen Künstler eine jener Unterstützungen zu erbitten, die er in der Stille reichlich und gern gibt. Er selbst führte das Gespräch ans sein Judentum. Und währenes im Atelier dämmrig wurde, ging der kMjährige rastlos im Raum umher, zitternd vor Erregung und Leidenschaft, sich in seiner Rede überstürzend und in Augenblicken zu einer fast alttcstamentarischen Heftigkeit der Empfindung cmporwachsend. Es batte etwas Erschütterndes, selbst aus dem bedeutenden Altersantlitz dieses ruhmreichen deutschen Künstlers die Züge des Ahasverus, des ewigen Wanderers hervorblicken zu sehen, den Anklagen znznhöreu, denen nichts zu entgegnen war, weil sie von diesen Lippen kamen, und einen anerkannten Meister noch in einer trotzigen KämpfersteÜuna der ganzen Nation gegenüber dastehen zu sehen. Niemals aber habe ich auch stärker als in diesen Augenblicken empfunden, wie tief Liebermann den Deutschen verbunden ist, wie sehr er das Land, in dem er lebt und arbeitet, in dem er gekämpft und gesiegt hat, liebt. „Darum handelt," — so erklärt derselbe Biograph —, „derjenige feige irnd unwürdig, der das Judentum Liebcrmanns erwähnt, nur um einer starken und ehrlichen Kunst nicht Reverenz erweisen zu müssen." Und ich darf aus einer Unterredung, die ich vor etwa einem Jahre mit dem Meister in seinem schönen Heim am Wannsee hatte, zwei Worte anfügen, die für seine Auffassung von Wesen und Stclkuno des Judentums bezeichnend sind. Das eine: E i n I n d e k ö u n e nicht konservativ sein; „d e t seht ja j a r n i ch!" Er hat nie daraus ein Hehl gemacht, „daß seine politischen und sozialen Anschauungen die eines Achtundvierzigers waren und geblieben sind", aber gleichgiltig, ob dieses Wort politisch vde religiös zu verstehen ist, es erhellt daraus — wie er das Judentum von i inten sieht, es offenbart die Ueberzengung, daß für ihn im Begriff des I n d e n t n m s auch das Prinzip des Fortschritts, der Entwicklung liegt, wie er auch nur eine Knust anerkennt, die in ständigem Fortschreiten lebendig bleibt. Keine Erstarrung! Kein Dogma! Hier wie dort, denn das wäre ihr Tod! — Und ein zweites: Man dürfe nicht so schreiben, als gäbe es in der Welt n u r Inden; „es gibt doch auch noch andere Menschen". Das Judentum gewissermaßen von außen gesehen! Znm N ebc r n a ti ona l en tritt da s' 1t e b erkonfessionelle: die K u n st, ob geschrieben oder gemalt, g e h ö r t — w i e d a s G e n i e — ö e r W e l t, nicht einer Religion, nicht einer Rasse oder -einer Nation. - Worte nüc diese, wenn auch in zwanglosem Gespräch geäußert, sind Ausdruck der einheitlichen Wcltaufchannng, die diese Persönlichkeit ersüllt und die ihr die nngeheure Schwungkraft verleiht bis auf den heutigen Tag. Aus einer gesunden, klaren Weltans ch a u n n g i st s e i n e K n n ft g e b o v e n; darum ist sie voller K l a r h e i t und von innerer W a b r h e i t, darum hat sie sich die Welt erobert und den Meister zn einem der großen Führer der deutschen Ration emporgehoben. Die Geschichte der deutschen, ja der europäischen Kunst wird ihm immer eine bedeutsame Stelle anweisen müssen, aber auch eine Geschichte des deutschen Judentums muß ihn würdigen als eine der seltenen schöpferischen Persönlichkeiten, denn er hat durch sein Wirken und Schaffen die Achtung vor der L e i st n n g s f ä h i g k e i t de s I u d e n erhöht, und noch mehr: er hat durch seine große Tat das I u d cn t it m fl u f s i n n igsteverk n it p f t m i t ö e r d e n ts ch e n k ü n st l e r i s ch e n n u dgeistige n K u l t u r. Der Tag Max Liebermanns. Die Gratulation des Reichspräsidenten und der Reichsvcfltenutn. — Verleihung des Adierschnös des Reichs nutz der Goldenen Medaille des Preußischen Staates. — Die Groß- und Altmeister der deutschen Kunst im Hause Lieberncomls versammelt. Aus Anlaß des 80. Geburtstages Max Liebermamis, des großen Meisters. Präsidenten der Akademie der Künste, versammelten sich heute im Sommerheim des Meisters?>u Wainlsec die Groß- und Altmeister der deutschen Kunst.'um dem Jubilar die Glückwünsche seiner Verehrer zn überbringen. Dr. h. c. Max Liebermann empfing aufrecht und elastisch die zahlreichen Gratulanten. Neben einzelnen anerkannten Meistern in Wissenschaft, Literatur und Knust fanden sich ein als Vertreter der Akademie der Künste Pros. Philipp Frank an der Spitze einer Deputation, der Präsident der Dichterakademie. Wilhelm v. Scholz, der Generaldirektor der staatlichen Museen, Geheimrat Otto v. Falle, der Direktor des Kaiser-Friedrich- Museums, Dr. Max Fricdländcr, eine Deputation der Berliner Universität unter Führung von Geheimrat Adolf Gvldschmidt. die den Ehrendoktor der Universität begrüßte, ferner Deputationen der Vereinigteil Staatsschvlen für freie und angewandte Knust. Deputationen der K ünsterlartcllc in Berlin und im Reiche, des Verbandes deutscher Kunstkritiker. des Eentral-Vereinö deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, des Rcirhsbnndes jüdischer Front soldaten n. a. m. AtS gegen Mittag die große Gratnlationscour begann, erschien als erster offizieller Gratulant der Reichsinncnminister v. Kendell, der Liebermann dcri Adlerschild des Reiches samt dem folgenden persönlichen Schreiben des eichspräsidenten überbrachte: „Sehr geehrter Herr Professor'. Zu Ihrem dl>. Geburtstage spreche ich Ihnen meinen Glückwunsch ans. Sie blicken am heutigen Tage auf ein Leben reich an Arbeit und an Erfolgen zurück. In ununterbrochenem Schäften und Wirken haben Sie als Maler und Graphiker ein Werl ausgestellt, das in der Geschichte der Knust von bleibender Bedeutung ist. 'Neue Wege haben Sie gebahnt, einer ganzen Zeit die malerische Form gegeben. Als Zeichen des Dankes, den Ihnen das deutsche Volk schuldet, lasse ich Ihnen hiermit den Adlerschild des Reiches zugehen. Meine besten Wünsche gelten Ihrem weiteren Schassen und Ihrem persönlichen Wohlergehen. In vorzüglicher Hochachtung gez. v. Hindenbnrg." Der preußische Kultusminister Dr. Becker überreichte Liebermann Las erste Stück der vorn Preußischen Staate neugestifteten Goldenen Medaille. Der Oberbürgermeister von Berlin. Böß, überbrachte dem Jubilar den Ehrenbürgerbrief der Stadt Berlin. Reichskanzler Dr. Marx übersandte ein in herzlichen Worten abgefaßtes Glückwunschschreiben, welches schließt: „Sie gaben uns Licht und Freude auch in Zeiten voll Not und Traurigkeit. Mögen Ihnen, hochverehrter Herr Professor, noch viele Jahre glücklichen Lebens in unverminderter Schaffenskraft beschieden sein." Der preußische Ministerpräsident Braun hat an Lieberwaun ein Glückwunschschreiben gerichtet, in dem es heißt: . . Indem das preußische Volk jedes Standes und Berufes. das in Ihren von Leben und Bewegung erfüllten Werken seinen Alltag und seine Freude gestaltet fühlt, heute mit Ihnen Ihren Ehrentag begeht, feiert es nicht nur Sic selbst, der die Tugenden demokratischer Arbeit verkörpert, sondern es feiert zugleich den Sieg des Zeitgeistes über eine in Politik und Kunst überlebte, dem äußeren Prunk zugetane Welt . . ." (Jta.j Diener Brief. Die Wiener Revolte. Die revolutionären Vorgänge der letzten Tage in Wien haben zwar znm Glück nichts mit dem Judentum als solchem zu tun, dagegen um so mehr mit dem H a t e u k r e u z l c rtum, dessen Begünstigung durch die staatlichen Machthaber sich so blutig gerächt hat. Für den Freispruch der bnrgenliindischen „Frontkämpfer", lder österreichischen Ausgabe des „Stahlhelms", aber mit ausgesprochen antisemitischer Tendenz). die im Konflikt mit dem Republikanischen Schutzbund ldem österreichischen Pendant znm „ReichsbcinuettZ einen Arbeiter und ein Kind erschossen hatten, ist zcvar die Regierung selbst nicht unmittelbar verantwortlich, da das Urteil, das den äußeren Anlaß zum Ausbruch, der Volkswut geliefert hatte, von Geschrvorencn. also Volksrichtern, gefällt worden mar. Aber der Beifall, den die gerichtliche Sanktionierung dos geschehenen Arbeitermords irrst in den Reg i e r u ngsblätter n. der christlich-sozialen „Reichspost" und den dentschnrtionalen „Wiener Neuesten Nachrichten", fand und der in einem grotesken Gegensatz zn der Empörung stand, mit der dieselben Zeitungen den vor kurzem gleichsalls vor dem Wiener Schwurgericht erfolgten Freispruch der Gnrltcumörderin Grosavescn ausgenommen hatten, zeigte den "Arbeitern nur zn deutlich, auf ivessen Seiten die Sun'.p.rthien der Kreise sind, von denen Oesterreich regiert wird, und das ist auch für uns Juden nicht ganz gleichgültig. Sind wir doch im allgemeinen noch öfter die Leidtragenden dieser Rcgierungstcrrdcnz als die Arbeiterschaft. Erst vor wenigen Wochen wurde der Mörder des Schriststellers ^ngo Bettauer, der. obwohl getauft, der Hakenkreuzingcnd als „jüdischer" Sittenverderber galt, aus der Wieuer Irrenanstalt, in der ihn der vorsorgliche Staatsanwalt nach seinem wegen „Jngeu-dmabnsinns" erfolgten Freispruch batte stecken lassen, als „geheilt" entlassen. Er ist seither in der engeren Umgebung Hitlers aufgetaucht, wo man solche Talente zn schätzen weiß . . . Das milde Schicksal rechtSorienticrter Nebcltäter steht in grellem Kontrast zn der -härte. mit der man gegen Linksstehende und Juden verfährt. Wie erinnerlich wurde während der von den Oakenkrcuzlern als Protest gegen den in Wien tagenden Z i o i: i st c n k o u g r e ß vor zwei ^fahren verurttachlen Tumulte ein christlich-sozialer Turner erstochen. Damals haben die klerikalen und deutfchmationalen Organe ganz anders .mm politischen Mord Stellung genommen als -diesmal zur Bluttat in Burgenland. Sie erlebten auch die Genugtuung, daß der Messerheld entsprechend verurteilt wurde. Trotzdem gaben sic nicht früher Ruhe, als bis auch rin Jude daran glauben mußte. Der Mörder war näm-;iro ein Zubälter gewesen, der nur durch Zufall in die „volitische" Keilerei hineingeraten war. Diese svmpathische Persönlichfett wurde von der antisemitischen Presse als christliches Opser indischer Berführnngskünste bezeichnet, das sich alK blindes Werkzeug der Weisen von Zion hatte mißbrauchen lassen. Es wurde weitergehetzt, bis — ein volles I a h r n a ch diese m -Ereignis! — ein indischer Arzt eruiert wurde, der dew bei der Rauferei auch selbst verletzten Bauditcu einen Nvtverband angelegt und ihn dann in ein katholisches -ftospital gebracht hatte. Ans dieser Samarttertat drehte man dem Juden einen Strick und brachte ihn nach geschickter Stimmungsmache wirklich ins Irian na!! Die eigentlichen Urheber der damaligen Tumulte dursten sich aber die ganze Dauer des Zionistenkongresses über slras- und hemmungslos auf der Straße anstoben und die Erinnerung an diese schöne Zeit hat erst während der jüngsten Unruhen an der Wiener Universität, die ia gleichfalls im .--Fichen des Hakenkreuzes standen, den jugendlichen Judenk-inöeu den Stoßseufzer euttvckt. es müßte wieder so werden wie damals. Run. am Widerstand der Polizei ist diese Sehnsucht nicht gescheitert. Trotz der gegenteiligen Weisung des Wiener Bürgermeisters hat die Schutzmannschaft den „akademischen Boden geschont, so daß die völkischen Raufbolde ihrem Tatendurst keine Schranken zu setzen brauchten, hätten sie es nicht mit der Angst vor der sozialdemokratischen Arbeiterschaft, die die Dcsavouieruna ihres Bürgermcisiers nicht gleichgültig lassen konnte, zu tun bekommen. Den sozialdemokratischen Demonstranten gegen das Fehlurteil im „Frvntkämpser"-Prvzeß gegenüber hat die Polizei jedensalls eine weniger tolerante Haltung an den Tag gelegt. Denn wenn auch die klntersuchnng über den berühmten „ersten. Schuß" noch nicht abgeschlossen ist —sie wird der Sachlage nach kaum jemals vollständigen Ausschluß geben — so neigt der Kenner der Verhältnisse doch der Ansicht zu, daß verfehlte Taktik der Polizei sehr viel zu der tragischen Eittwicklnug der Wiener Revolte beigetragen haben muß. Politische Demonstrationen sind nämlich in Wien gar nicht so selten, mit» wenn diese Stadt trotzdem bisher den Ruf einer, im Ausland oft als Indolenz mißdeuteten, „Gemüt-! lichtest" behalten hat, so lag dies an der klugen, feit Jahrzehnten erprobten Taktik der hohen Obrigkeit, die Demonstranten nicht--durch den Anblick bewaffneter Schutzmannschaften zn reizen. Diese hatten zwar starte Alarmbereitschaft. hielten sich aber verborgen und hatten auch nur selten Anlaß, ihre Schlupfwinkel zn verlassen, mm ihres -Amtes zu walten. Diesmal hat man die entgegengesetzte Taktik eingeschlagen: man stellte ein, wie sich nachher zeigte, viel zu geringes Polizeiaufgebot offen den Arbeitermasscn entgegen, die ihren Grimm über eine ihr Rechtsempfinden verletzende Justiz aus die Straße trugen und durch den unerwarteten Widerstand der Polizei nicht eben besänftigt wurden. . Es ist noch ganz unklar, warum man ictzt ans einmal von! der guten, alten, noch ans der Kaiserzeit übernommenen i Tradition abgegangen ist. Wenn man zur Konsolidierung! der staatlichen Verhältnisse, die in Oesterreich allerdings,! uu5 zwar hauptsächlich durch die Schuld des Friedensver- I trags von St. Germane trostlos sind, eine Politik der starken Hand für nötig hält, dann muß man diese endlich auch die .smteittreuzler fühlen lassen, deren Demonstrationen meist einen viel exzessiveren Eharatter tragen als die der Sozialisten. Sonst wird der Anschein erweckt, als ob die Scharfmacher weniger die staatliche Autorität im Auge haben als die Etablierung eines reaktionären Terrors. Und eine solche Entwicklung müßte vor allem vom jüdischen Standpunkt ans als bedrohlich empfunden, werden, während andererseits eine wirkliche Befriedung des Staates von niemandem heißer ersehnt werden kann als gerade von den Juden, die, größtenteils in freien Berufen wirkend, wirtschaftlich mit der Ruhe im Lande stehen und satten. Aber diese Friedenssehnsncht darf nicht in Sympathie für jene Parteien und Organisationen ausarten, die unter der Maske von Ordnungshütern Ziele verfolgen, die niemandem weniger erwünscht sein können, als wieder den Juden. Daß diese Warnung durchaus nicht überflüssig ist. zeigt die merkwürdige Vorliebe jener Blätter, die im Antisemiten-Jargon als „Judenblätter" qualifiziert werden, für judenfeindlich eingestellte Mitarbeiter. So hat sich jüngst die „Rene freie Presse", das Leihblatt der jüdischen Bourgeosie. das starke Stück geleistet, einem „grvßdentfchen". lies raffen antisemitischen Mitglied des Wiener Gemeinöerats zu einer Jeremiadc über die kommunale Sportpvlitik ihre angeblich liberalen Spalten zur Verfügung zu stellen. In diesem Artikel wird der sozialdemokratischen Gemeindcratsmehrhcit der Vorwurf gemacht, daß sie nur ausgefprochcne

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