Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 7 (1927)
- Issue
- 29 (22.7.1927)
- Date
- 1927-07-22
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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7. Iahrgan., Nummer 29 MffchNeraleZerbmg Beilage 22. Juli 1927 Max Liebermainl. Zu seinem 8V. Geburtstage. Es gibt keinen stärkeren Beweis für die Berechti- §ung des Anspruchs auf volle Gleichberechtigung der müen im gesellschaftlichen und kulturellen Leben wie auch irn Organismus des Staates als die unbestritten großartigen Leistungen von Juden auf allen Gebieten er nationalen und allgemeinen Kultur, in Industrie und Wirtschaft, in Wissenschaft und Technik und schließlich in Musik, in Dichtung und in den bildenden Künsten. Und es gibt auch keinen stärkeren Beweis für dre Notwendigkeit einer inneren religiösen Emanzipation des Judentums neben der äußeren, der politischen und gesellschaftlichen, als eben diese Leistungen von Juden im 19. und 20. Jahrhundert, Leistungen, die nunmehr ebenso der Geschichte der Gesamtnation (sei es der deutschen, der französischen, der englischen oder irgendeiner anderen) angehören, wie sie zugleich ein bedeutsames Kapitel der jüdischen Geschichte darstellen. Ja, wir sind überzeugt, daß diese schöpferische Teilnahme an dem Leben der Nation nicht möglich gewesen wäre, hätte sich zuvor nicht die Erkenntnis Bahn gebrochen, daß das Heil des Judentums nicht in seiner Abschließung liege, sondern daß es sich nur erhalten und fortentwickeln, daß es nur dann seine Aufgabe erfüllen könne, wenn es die Pflicht auf sich nehme, mitzuarbeiten an dem großen Werk der Menschheit und der Weltgeschichte. Als Sigismund S t e r n in den 40er Jahren des vorigen Jahrhunderts sein Reformwerk in Berlin begann, war dies die erste Forderung, die er stellte, daß das Judentum nicht mehr nur Objekt, sondern auch Subjekt der Weltgeschichte sein müßte, wenn es eine Zukunft haben wollte. Darum verlangte er für die Gegenwart das Recht, die Gestaltungen der Berangenheit anzutasten, es galt, aus dem neuen Geist er Zeit eine neue Gestaltung für das Judentum zu schaffen, es aalt, den Widerstreit zwischen Lehre und Leben oder besser zwischen religiösem und gesellschaftlich-kulturellem Leben auszugleichen und so die seelische Einheit für den religiösen Juden und deutschen Staatsbürger zu schaffen. Indem die Religion selbst — wie Sigismund Stern es wünschte — die unbeschränkte Teilnahme an allen Bestrebungen der Zeit, den sittlichen wie den kulturellen, nicht nur gestattete und ermöglichte, sondern geradezu forderte, ward der Zwiespältigkeit des Daseins, ward der seelischen Zerrissenheit ein Ende bereitet und die Bahn frei gemacht zu schöpferischer Tätigkeit im Dienst der Gesamtnation und der Menschheit. Damit er st tritt das Judentum wieveralsbewegende, lebenschaffendeMacht in die Geschichte ein. Kein Wunder, daß das geistige Berlin — und nicht nur der jüdische Teil der Bevölkerung — mit steigendem Interesse damals (1844 bis 1846) den Vorträgen Sterns über „Die Aufgabe des Judentums und des Juden in der Gegenwart" folgte. Sie haben zu gutem Teil eine Atmosphäre schaffen helfen, aus der heraus das moderne Berliner Judentum mit seiner schöpferischen Teilnahme an dem gesamten kulturellen Leben sich entwickeln konnte, eine Atmosphäre freiheitlicher Gesinnung, die — im bewußten Fortschritt — mit 5er Vergangenheit nicht brechen, sondern den historischen Zusammenhang zu wahren strebte, die also nicht revolutionieren, sondern organisch entwickeln wollte. Von Dr. Arthur Gaviner. Aus dieser Atmosphäre ist Max L i e b e r m a n n hervorgegangen. Nicht daß dadurch seine Gesamterscheinung erklärt wäre! Zu mannigfalt sind die Einflüsse, die diese Persönlichkeit gestaltet haben. Aber daß sie früh zu einer solchen Geschlossenheit gelangte, daß sie zielbewußt und selbstsicher sich entfaltete, trotz mancher Hemmungen und Wirrnisse, mag wohl seinen Grund darin haben, daß im Hause Liebermann eine freiheitliche Gesinnung obwaltete, die alle Zwiespältigkeiten des Daseins ohne viele Mühe siegreich überwand. — Die Familie Liebermann war eine der angesehendsten Berlins schon in der erstell Hälfte des vorigen Jahrhunderts. Durfte doch der Großvater des Künstlers, der aus der Mark, ans Markisch-Friedland, 1824 in die Residenz übergesiedelt war und es hier sehr bald zu Wohlstand gebracht hatte, dem König Friedrich Wilhelm III. selbstbewußt sagen: „Majestät, ich bin derjenige, der die Engländer vom Kontinent vertrieben hat — nämlich in der Kattunbranche". Aber der Reichtum hat hier weder bei Söhnen, noch bei Enkeln die Tatkraft erschlafft, sondern im Gegenteil die Spannkraft erhöht und zugleich die Vorbedingung geschaffen für eine vergeistigte und ästhetisch gehobene Kultur. Bon den Enkeln jenes Großkaufmanns und Fabrikanten wird der eine (Felix) ein unabhängiger Gelehrter und stiller Wohltäter, der andere (Max) ein freischaffender Künstle r. Die Entwicklung zum Geistigen, Wissenschaftlichen wird hier weniger Wunder nehmen — sie lag doch in der Tradition der indischen Familie —, als die Entwickluna zum Künstlerischen. Man mag zugeben, daß Wohlhabenheit und Macht oft zum Aesthetisch-Knnstlerischen führen, daß insbesondere bei Max Liebermann die kaufmännische und wirtschaftliche Energie und Zielstrebigkeit der Voreltern sich in ästhetisch gestaltende Kraft umsetzte, aber das Austreten des künstlerischen Genies bleibt letzten Endes unerklärlich. Es ist da, und beweist durch sein Dasein, daß sein Erscheinen eine Notwendigkeit war. Wir wissen nicht, ob der Entschluß zur Wahl des Künstlerbernfs von außen hergekommen, ob ihm, dem jungen Menschen, etwa bekannt war, daß anderwärts auch Juden als Maler sich schon einen Namen machten, ob er von Josef Israels in Holland, von Camille Pissaro in Frankreich damals schon gehört hatte — wir glauben es kaum. Und im Hause selbst hat seine Neigung gewiß nicht den entscheidenden Antrieb erfahren. Mochte er auch von der Mutter, die als feinsinnige Frau von .vornehmer Geschmackskultur geschildert wird, die seelische Verfassung geerbt haben — der Vater setzte dem Drängen des Gymnasiasten und Abiturienten nach künstlerischer Ausbildung heftigen Widerstand entgegen. Es ist ein Zeichen für die Stärke der inneren Stimme, daß er diesen Widerstand zu überwinden vermochte. Es war doch nicht etwa „der Ehrgeiz, der Reihe von großen Leuten seiner Rasse einen Namen hinzuzufügen, in Deutschland, in dem modernen Deutschland, eine tüchtige Rolle zu spielen", wie Meier-Gräfe von ihm meint, sondern d i e i n n e r e Berufung zum Künstler. Eine seltene durchaus ursprüngliche Malernatur offenbart sich hier in einem Inden. Aber wie bekundet sich diese Natur Max Liebermanns in den Schöpfungen? Lassen sich in seinen Werken im Gegenständlichen, im Technischen, im Künstlerischen Besonderheiten anfweisen, die gerade dem Inden und n it r dem Inden eignen? Wohl fast alle seine Biographen haben diese Frage diskutiert und zu beantworten gesucht. Wenn etwa gesagt wird, andere malen mit den Muskeln, er aber mit den Nerven, andere mit dem Gemüt, er aber mit dem Verstand, so mag das für manche Bilder vielleicht zutreffen. Aber seine Schöpfungen sind so außerordentlich mannigfalt, daß es unmöglich erscheint, das ihnen Gemeinsame und für Liebermann Besondere auf eine 5ormel zu bringen. Hüten wir uns, in die Fehler der ionisten oder der Antisemiten zu verfallen und eine ersönlichkeit unter einem bestimmten Gesichtswinkel, d. h. mit vorgefaßter Meinung zu betrachten, eine Persönlichkeit, in der nun einmal ver - schiedeneKulturenzueinergroßartigen Einheit zusammengeschmolzen sind, die jüdische Familienkultur, die berlinisch-großstädtische und die preußisch-deutsche Kultur. Sie können hier nicht voneinander gelöst werden, sie durchdringen einander und führen zu dem „Aufgeschlossensein", zu einer inneren Befreiung von konfessioneller nnd nationaler Bindung, machen ihn zum „g u t e n E n r o p ä e r". Er selbst freilich fühlt sich ganz und gar als deutscher Künstler. In den Berliner Meistern, in Krüger und Menzel vornehmlich, sieht er seine künstlerischen Ahnen, mit ihren Zeichnungen umgibt er sich, köstliche Stücke hängen an den Wänden in seinem Haus am Wannsee,' und wie schätzt er Leibl! In der Tat ist er einer der wenigen, der die Tradition des guten Handwerks mit der neuen Gesinnung des 19. und 20. Jahrhunderts verbindet. So wird er zum Repräsentanten der modernen deutschen künstlerischen Kultur und ein Biograph (Karl Schefsler) betont „aller nationalistischen Befangenheit gegenüber, daß seit Menzels und Leibls Tod kaum etwas Deutscheres in der Malerei geschaffen worden ist, als die Bilder Liebermanns", ja er meint, „daß nach dem Tode dieser beiden kein anderer Künstler mehr verdiente, „Ehrenbürger" der deutschen Nation zu heißen, als eben Max Liebermann." Aber er ist sich auch dessen bewußt, daß d a s G e n i e der Welt gehört, daß insbesondere die Kunst weder vom konfessionellen, noch vom nationalen Standpunkt gewertet werden dürfe. Früh schon hat er diesen Sinn für das U eber - nationale bekundet. Er war wohl einer der ersten deutschen Maler, die sich nach 1870 nach Frankreich wagten, nicht aus Liebedienerei, nicht ans Schwäche — stolz widerstand er dort der Verlockung, Franzose zu werden — sondern er hatte einen sicheren Blick für die Notwendigkeiten der künstlerischen Entwicklung einer Persönlichkeit und der künstlerischen Kultur eines Volkes. Darum ist er allezeit mutig für Anknüpfung von Beziehungen zum Ausland eingetreten, für Beteiligung an Ausstellungen, selbst in Frankreich, auch für das Hcreinziehen ausländischer Kunst in deutsche Ausstellungen, und das alles ausgesprochcnermaßen zur Förderung, zum Vorteil der deutschen Kunst. Er hat ihr dadurch wieder Geltung in der europäischen Welt verschafft, und damit der gesamten Nation ausgezeichnete Dienste geleistet. Und schließlich, er weiß wohl auch um jene geheimen Triebkräfte, die dem Blute ent-, strömen, weiß von Rasse und von jahrhundertelang wirkendem Kultur-Milieu, weiß von den Bedingtheiten, denen auch der kosmopolitisch eingestellte Mensch unterworfen bleibt. Wenn er etwa von Josef Israels schreibt, „daß er mit der ganzen Innerlichkeit seiner Nation (Holland) nnd seiner Rasse (Jude) sich in die Natur versenkt, dorthin wo sich die Aenßerungen des Gefühlslebens am naivsten zeigen, in das Leben der Armen und Elenden" und wenn er von einer jüdischen Dame, von Frau Felicie Bernstein sagt: „daß sie diesen Zug ihrer Rasse besitzt, Differenzierungen, feinste Nuancen sowohl des Verstandes wie des Ge- NurM.l50.-Jahressteuer ♦ Benzinverbrauch auf 100 km 6-7 Liter ♦ Vierrad-Bremse ♦ Sofort lieferbar bei 800 deutschen Opel-Vertretern 4 ZWEISITZER mit Allwetter*V4fdeek M. 2800.— VIERSITZER mit Allwetter-Verdeck dl. 3100. 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