Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 7 (1927)
- Issue
- 29 (22.7.1927)
- Date
- 1927-07-22
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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jüdischen Abgeordneten sind nach den bisherigen Feststellungen ans der liberalcu Regierungsliste der Präsident der Union rumänischer Juden Tr. Fildcrman und der Gerent der Czernowitzer Knllnsgemeuide Tr. Straucher gewählt. Jüdischer Goltesdienst durch Rundfunk? Wie die .Aiia" meldet, ist non jüdischen Kreisen Frankfurt a. Mains an den Preußischen Landesverband jüdischer Gemeinden ein Antrag geleitet worden, die Frage zu prüfen, ob und inwieweit die Einrichtung des Rundfunks benutzt werden könne, um kleinen jüdischen Gemeinden, insbesondere den Landgemeinden und zerstreuten einzelnen jüdischen Familien in kleinen Orten, jüdische, insbesondere religiöse jüdische Anregung zu übermitteln durch Verbreitung von Borträgen, Predigten, gottesdienstlichen Hebungen, kantoralen Gesängen usw. Die Anregung wird in der nächsten Sitzung der Dezernentenkonferenz des Landesverbandes zur Sprache kommen. Die «neue Aera" in der Kölner jüdischen Gemeinde Wie wir seinerzeit mitteilten, hatten die am 13. März d. I. stattgesundenen Neprnsentantenwahlcn einen Wechsel der Mehrheitsverhältnissc in der Versammlung zur Folge. Bon den 18 Repräsentanten gehören 8 der liberalen Partei an, währendie restlichen 10 den übrigen Parteien (3 Zionisten, 3 Konservative, 1 Orthodoxer und 1 Mittelparteiler) zngehören Die Folgen der Tatsache, das; infolge der Uninteressiertheit der jüdischen Wähler die Liberalen gegenüber den anderen Parteien in die Minderheit gerieten, zeigten sich nunmehr bereits deutlich bei der Beratung des Haushaltsplanes. Der Gemein devorst and hatte aus Gründen der Parität für den Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens und für den Keren Hajessod je 100 M. in den Etat eingesetzt, Beträge, die lediglich als Anerkenunngsznschüsse gewertet werden sollten. In der Repräsentantensitzung vom 14. Fnli beantragte der Fraktionssührer der Jüdischen Volkspartei die Erhöhung des Beitrages für den Keren Hajessod ans 1300 M., was auch gegen die Stimmen der Liberalen genehmigt wurde. Als nun die Liberalen billigerweise die gleiche Summe für den <5. B. verlangten, ritt das bekannte zionistische Vorstandsmitglied, J.-R. Dr. Rodenyetmer eine scharfe Attacke gegen den (5. V Gr machte dem C. B. die bittersten Borwürfe darüber, das; er die Verbreitung der zuerst in unserem Blatte veröffentlichten Vorträge des Herrn R.-A. Tr. Bruno Weil und Staatsrat a. T. J.-R. Tr. Cohn über ihre Palästinareisen gefördert habe. Auch die ablehnende Einstellung des C. B. zur Gründung des Pro-Palästina-Komitees fand der Redner unverzeihlich und schließlich könne man überhaupt den (s. B. nicht in Parallele zu der weltn.'nspannenden Organisation des Keren Hajessod setzen. Ans allen diesen Gründen sei der Antrag der Liberalen abznlchnen. Als glänzende Sekundantin in dieser Frage erwies sieb wieder die konservative Fraktion, die ihre eigene Selbständigkeit immer mehr zugunsten der! Bnndesbrüdcrschaft nttt der Jüdischen Voltsparlei anfgibt. | Umsonst war der Appell der Liberalen an die anderen Fraktionen, das; man die ehrliche Gesinnung und Weltanschauung unserer hervorragenden deutschen Fnden, die sich als Führer so hüben wie drüben finden, respektieren sollte, umsonst die Mahnung an die Konservativen und Zionisten, das; sic doch nicht gut Richter in eigener Sache sein können, umsonst die Betonung des Gesamtwohls der Gemeinde, der cs nicht anstelle. eine Weltanschauung der andern vorznztehcn, sondern die Parität zu üben habe. Cs half nichts, der Betrag für den Keren Hascfwd wurde gegen die Stimmen der liberalen Fraktion erhöht, ohne nmh den Centralverein mit der gleichen Summe zu bedenken. Ern Umstand verdient noch besonders erwähnt zu werden. J.-R. Bodenheirner hatte sich zn. der Beschuldigung verstiegen, der E. B. sei dem Zion'smnS mit Kampfmitteln, wie aus dem antisemitischen Lager entlehnt, entgegengetrcten. Und er fügte hinzu, der C. B. hätte eigentlich längst erfahren haben müssen, das; der Zionismus seine nationalen Tendenzen ansaegeben badet er ivies als Krvnzengen sogar aus Kurt Blnmcirseld hin. Ter nationale Gedanke sei fallen gelassen, das»Schwergewic!,t lege man auf den Aufbau Palästinas. Nachdem nun in der letzten Zeit von den Zio- Aus den Gemeinden nisten mit einer wirklich anznerlennendeir Gewandtheit Scir Nichtzionisten gegenüber alles, was bisher als wesentlich am Zionismus galt, abgestritten worden rst, dürste cs interessant sein, einmal von kompetenter zionistischer Seite positive Angaben über das Wesen d e s Zi v u is m ns zu erhalten. Berlin. (R e p r ä s e n t a n t e u s i tz n n g.» Für Donnerstag, den 14. Juli. 8 Uhr abends, hatte der Vorsitzende der Berliner Jüdischen Gemeinde, .Kammergerichtsrat Leo Wvlff, die am Iki. Mai IllW gewählten Repräsentanten und Stellvertreter zu einer Sitzung eingeladen, um den feierlichen Akt der Einführung und Verpflichtung vorznnehmen. Ter Vorsitzende hies; die Erschienenen willkommen und setzte die Umstände auseinander, weshalb die Nepräsentantenvcrsammlung nicht früher einberufcn werden konnte. Infolge der erhobenen Wahlproteste, die zu prüfen waren, hat der Polizeipräsident erst jetzt die Bestätigung der Wahlen ausgesprochen. Der Vorstand zögerte nicht mit der Einberufung, obwohl laut Vorschrift Sitzungen in den Monaten Juli und August nicht stattfinden sollten. Diese Sitzrmg sei aber der Einführung und Verpflichtung gewidmet. Der Vorsitzende führte weiter ans, er habe das Bedürfnis, von dieser Stelle aus der bisherigen Repräfentantcnversammlung einige Worte zu widmen. Es ist bekannt, was diese Versammlung in der ganzen Periode, in den schweren Stunden, die Deutschland und das deutsche Judentum dnrchznmachen hatten, geleistet hat. Jedes Mitglied dieser Versammlung hat sich den Dank der Gemeinde erworben. Die ireue Nepräsentantenversammlung gewinnt ihre besondere Prägung dadurch, das; zum ersten Male Freuten in ihrer Mitte sitzen. Tie Frau hat jetzt das aktive und passive Wahlrecht in der Gemeinde. Der männliche und der frauliche Geist haben jeder seine Vorzüge. Mit dem fraulichen Geist ist arrch ein Geist der Versöhnlichkeit und des Familiensinns eingezogen. Frei von persönlichen Beweggründen werden die Repräsentanten der gemeinsamen Sache dienen. Zum Wöhle und znm Segen der Berliner Jüdischen Gemeinde. ES sokgte hieraus der feierliche Akt der Verpflichtung durch Handschlag, den Kaminergerichtsrai Wolfs von jedem einzelnen Repräsentanten cntgegcnnahm. 'Nach Schlus; der offiziellen Sitzung wurde zioischen den verschiedenen Richtungen vereinbart, das; die bisherige Etatkommission ihre Arbeit sortsetzcn soll, dau-it der Etat für 19:17 unmittelbar nach der Ferienzeit beraten werden kann. Dr. Klee und Karnmergerichtsrat Wolfs gaben bann noch der Teilnahme der Berliner Jüdischen Gemeinste an dem Erdbeben in Palästina Ausdruck. Berlin. iE in Verein silbischer Gelehrter.) Aus Aurcgnng der Herren Tr. Pinezower und Lazarus Goldschmidt wurde vor kurzem in Berlin unter dem Ncinieu „Achieser" ein Verein gegründet, dessen Ziele in den Statuten wie folgt umschrieben sind: „Im Hinblick ans die groste Rot, in der zur Zeit in Deutschland lebende geistige Arbeiter, vornehmlich aus den ostjüdischen Zentren, sich befinden, wird ein Verein ins Leben gerufen, der den Namen Arhieser (Brnderhilse» führt, seinen Sitz in. Berlin hat und bezweckt, notleidende jüdische Gelehrte, die durch wissenschaftliche Arbeiten aus dem Gebiete der jüdischen Geschichte und Literatur sich bereits bewährt haben, zu unterstützen, womöglich auch die Veröfseiitlichnttg ihrer Arbeiten zu fördern/' Dem Gründungskomitee aehöreu an die Herren Israel Cohn-Reiß, Dr. Winkel, Tr. Galliner. Lazarus Goldschmidt, Rabbiner Tr. Mauer Hildesheimer, Tr. M. Pineff, Dr. Pinezower und Ingenieur Schalst. In den Vorstand wurden gewählt: Dr. Galliner, Dr. Pinezower und L. Goldschmidt. Berlin. (Jüdische B a u e r n s i e d l u n g in deutscher Heimat.) Die LandsiedlungSaktion, die der Nerchsbnnd jüdischer Frontsoldaten in großem Maststabe eingeleitet hat, hat — wie uns nsttgcteilt wird — bislang die besten Erfolge gezeitigt und ist geeignet, das jüdische Problem der Sesthaftmachnng von jungen Inden auf dem flachen Lande der Löknng näher zu bringen. Dem Siedlungsansschnst, dessen Erweiterung bevorsteht. gehören bis jetzt an: Pros. Dr. Franz Oppenheimer, Geh. Jnstizrat Berth. Timendorfer, Di-, jur. Heinrich Elkeles, Bankier Will). Graetz, Dr. für. Ludwig Haas, M. d. R., Dir. Siegmnnb Hirsch, Dr. phil. Leo Löwenstcin, Rittergutsbesitzer Rud. S. Moste. Der RjF. wird bei seinen Plänen, deren Vorbereitung und Durchsübrnng non ersten Sachverständigen beraten. Zur Propagierung der Siedlvngsidee gab der RjF. soeben eine Broschüre ./Jüdische Banernsiedlnng in deutscher Heimat" heraus, die die folgenden Aufsätze enthält: Dr. Leo Löwen.stein: „Ter jüdische Bauer ans deutscher Scholle": Rittergutsbesitzer Rud. T. Messe: „Aufs Land!": Domänendircttor S. Thk: „Das Problem": die Einleitung steucrw Tr. Franz Oppenheimer bei, der unter der lieber ich./!»/ „Eine Tat" ausführt, die Siedlung sei ein tt'.dttwes -no zugleich ein deutsches Werk: sie sei aus dem Veiten Genie des Judentums geboren. Die jüdischen «ta-lcr weroen sich als die besten Bürger des neuen Deutschland bc.v,.;ren. den Haß und den Neid beschämen, wenn sie Deutz cZanew Boden mit ihren» ehrlichen Schweiße düngen. Berlin. (Todesfall.) Am 13. Juli ist an den Folgen einer Jnscltiou der berühmte Kinderarzt Prof. Jakob Capel gestorben. Er wurde 18.39 als Selm des Predigers der Indischen Gemeinde in Schwerin (Warthe) geboren. 1890 begründete er eine eigene Poliklinik für Kinderkrankheiten, die über Deutschland hinaus bekannt wurde. Er schrieb eine Reihe vielbeachteter Werke über Kinder-Therapie. Er war ein Bruder des verstorbenen Stadtvcrordnetenvorstchers und Ehrenbürgers von Berlin. Ein anderer Bruder des Verstorbenen, Herr Richard Eaisel ist ein eifriger Förderer unserer Bestrebungen und Vorstandsmitglied des Liberalen Vereins von Berlin. Bierstadt. «lOO - Ja h r f e i e r der Kultusgemein de.) Wie die „Jüdische Wochenzeltung, Kästet, mittestt, beging in diesen Tagen die Gemeinde Bierstadt bei Wiesbaden die Feier des hundertjährigen Bestehens des Gotteshauses. Am Samstag, den o. Juli, fand die feierliche Wiedereinweihnug statt. An der am Sonntag, den 10. Juli, stattgesnndencn Hanptseier nahmen der Landrat. die beiden Bürgermeister, der evangelische und der katholische Geistliche und zahlreiche Vertreter auswärtiger jüdischer Gemeinden und des Preußischen Landesverbandes teil. Bezirksrabbiner. Dr. Lazarus (Wiesbaden» hielt die Weiherede. Grußansprachen hielten der Landrat, Bürgermeister Jrrgang, die die indischen Opfer für die deutsche Heimat betonten. Zum Schluß sprach der Lehrer der Gemeinde, S. I. Rosenberg. Eorbach. (Jubiläum des Israelitischen F r a u e n v e r e i lt S.) Das fünfzigjährige Bestehen des hiesigen Israelitischen Franenvereins bedeutete für die ganze Gemeinde einen seltenen Festtag. Bei der Feier, an der auch auswärtige Gäste teilnahmen. hielt Lehrer L. Meyer eine eindrucksvolle Ansprache, deren Leitgedanken in der Bctvuuug sozialer Nächstenliebe bestanden, wie sie der Franeuverein zu verwirklichen suche. Mancherlei Ehrungen verdienter Mitglieder waren mit der Jubiläumsfeier verbunden. So wurde die einzige noch lebende Mitbegriiriderin. Frau Johanna Kal), znm Ehrenmitglied ernannt: auch die anderen seit 40 Jahren für die Interessen des Vereins eifrig wirkenden Damen Markhosf, Schönthal, Emilie und Sofie Löwenstern, wurden in gleicher Weise ausgezeichnet. Kindervorsührungen und Gesangsvorträge umrahmten die harmonisch verlaufene Feier. Flörsheim a. M. (S u n a g o g e n - N cuciitmci h n n a.f Die seit mehr als 'ZOO Jahren bestehende hiesige Synagoge ivar einer gründlichen Renovierung unterzogen wurden und tonnte kürzlich in neuem Gewände durch eine stimmungsvolle Feier für ihre Bestimmung wieder geweiht werden. Zur Feier der Neuennvcihnng fanden (ich neben der Gemeinde und den Angehörigen der Filialorte auch die Vertreter der Ortsbehörde, des katholischen und protestantischen Kirchenvorstandes und viele andere geladene Gäste ein. Durch geschmückte Straßen wurden die vorübergehend im Privathause mstergebrachten Thorarvllen in die Snnagoge getragen und dort in die heilige Lade gestellt, während Kantor Eapett, Wiesbaden, die üblichen Gesänge vertrug. Die Festpredigt wurde von Bezirksrabbiner Tr. Lazarus, Wiesbaden, gehalten. Mit der Feier war auch die Enthüllung einer Gedenktafel für die im Weltkriege gefallenen Angehörigen der Gemeinde verbunden. Das ergreifende DI mole rachamim wurde wieder von K antor Eapelt gemütsilinig zu Gehör gebracht. Lehrer Stern. Rüsse'lslieim, sprach im Anschluß au die würdig verlaufene Feier die üblichen Gebete. Frankfurt a. M. (Todesfall.) Wiederum hat die große Frankfurter Gemeinde einen schweren Verlust zu beklagen. Am Donnerstag, den 14. Juli, starb an einem tückischen Herzleiden im Alter von 62 Jahren im Haag (Holland) Herr Sanitätörat Dr. I. Kohn. Ter Verewigte, der ans einfachen Anfängen heraus mit Fleiß und Hingabe es zu einem der bekanntesten Aerzte Frankfurts gebracht hatte, war ein Mensch, der äußerlich und innerlich vom Klang einer reinen Harmonie gesegnet war. Als Arzt die rein menschlichen Zusammenhänge des Lebens dnrc! - schauend, siel bei ihm jeder wesenlose Schein ab und ließ ihn in die tiefe mit Worten unfaßbare Welt der Töne besonders warm empfinden. Oesfentlich — als Bauführer des Rnhlschcn Gesangvereins — ivie auch privat in seinem gastfreien Hans, lebte er treu dieser Welt des Unbedingten. Gndsner Eindrücke. (Schluß) in Antisemitismus und England. »Im Na'.n.en der Religion Feine Christus, die der Welt die Reinheit gebracht Hai." begrüßte der Lordbischos von London den internationalen -Kongreß zur Bekämpfung des Mädchenhandels, der ans den jüdischen Kongreß folgte, und zu dem eine imposante Zahl Delegierter ans der ganzen Welt znsammengcströmt war. „Im Namen der Religion, die zum ersten Male die Heiligkeit und Kleinheit einer himmlischen Welt gekündet, als Vertreter der Gemeinschaft, die die ersten sittlichen Krcr.zzügler in der Geschichte hervorgebracht hat, nehme ich mir das Vorrecht, diesen Kongreß zu begrüßen." Mit diesen von tosendem Beifall ansgcnommcncn Worten schloß sich der Chiesrabbi von England. Dr. Hatz, seinem christlichen Vorredner an, und diese mit stolzem Selbstbewusstsein vorgelragene Rede dieses vielgereisten, sehr gelehrten, äußerst tinaen, tüchtigen und geschickten Mannes, der sicher die richtige Persönlichkeit auf dem schwierigen, verantwonnngsvollen Platze ist, übten eine starte Wirkung aus.. Cs war wohl Ironie des Schicksals, daß der Chiefrabbi neben dem Führer der deutschen Frauenichutzbewegung. einem bekannten Antisemiten, saß. Niemals hatte ich ein solches Gefühl tiefster Beschämung als in dem Augenblick, wo ich erfuhr, daß wieder und nur allein die Deutschen cs gewagt haben, die Schande des Antisemitismus auch hier hineinzntragen, wo Männer und Frauen aller Länder, aller Religionen einträchtig beisammen waren, um eine allgemeine soziale Gefahr zu bekämpfen. Der deutschen Gesellschaft zur Bekämpfung des Mädchenhandels blieb es Vorbehalten, einen von ihrem Vorsitzenden Unterzeichneten Bericht ansznlegcn, dessen antisemitische Absicht unverkenbar ist: auch wenn nachher von verantwortlicher Seite das Gegenteil beteuert würde. In dennnziatorischer Weise werden nur solche Fälle von Mädchenhandel und Menschenschmnggel erwähnt, in denen die Schuldigen mit Namen genannte Ostjnden sein sollen. Selbstredend haben die jüdischen Delegierten sofort energisch gegen dieses Verhalten Front gemacht und erreicht, daß dieser „streng vertrauliche Bericht" unter Entschuldigungen der verantwortlichen Stelle zurückgezogen wurde. Zugegeben, das; tatsächlich bedauerlicherweise eine prozentual starke Beteiligung von Juden bei diesem schändlichen Gewerbe zu verzeichnen wäre — ans dem Bölkerbundsbericht, soweit er schon zugänglich ist und aus dem von den Delegierten vorgebrachten Material gebt dies durchaus hervor — so ist es schon eine tendenziöse Entstellung, alle in den letzten Jahren, besonders wahrend des Krieges vorgekommenen Fälle von Menschenfchmnggel (d. h. des illegalen Transportes von Menschen, Männern und Frauen über I die Grenze) im Zusammenhang mit Fällen von Mädchen- ( hlU'öel zn buchen und dadurch ein ganz schiefes, ungünstiges > Bild entstehen zu lassen. Bon deutscher und auch von englischer Seite werden auch noch weitere Schritte zur Klärung j der Angelegenheit unternommen werden, die hoffentlich zu j unserer Genugtuung und Befriedigung führen werden. Der! Vorfall wurde in England besonders peinlich empfunden! als einem Laude, in dem Juden höchste Staats- und Ehrenj hinter bekleiden, und auch gesellschaftlich kein Unterschied zwischen Inden und Nichtjuden besteht. Bei dem glänzenden Empfang, den Lord und Lady Aberdeen, Marguef; os Aberdeen and Ternaer den Delegierten des interkonfessioitcUcit Kongresses gaben, wurden die jüdischen Delegierten aufs Liebenswürdigste empfangen: ja. als die Fürstin mein mangelhaftes Englisch bemerkte, begann sie sofort das Gespräch aus deutsch mciterznführcn und ihrer besonderen Freude darüber Ausdruck zu geben, das; gerade wir Deutschen uns in England so wohl fühlen würden. Ein besonderes Hochgefühl war es, Frl. Pappenheim, die Scniorin der jüdischen Frauenbewegung in Deutschland, Arm in Arm mit Lord Aberdeen, den Vertreter des ältesten und vornehmsten englischen Adels, durch den Saal schreiten zn sehen: alles Dinge, die ich mir schwer in Deutschland vorstellcn kann. Bol diesem Empfang gab es auch ein Wioder>seL)en mit der Kommandantin Allan, die Chefin und Gründerin der weiblichen, englischen Polizei, die uns bekanntlich zur Zeit der Besatzung die Kölner weidliche Polizei einrichtete. Leider ist diese wichtige soziale Institution beim Abzug der Engländer von Köln in dieser Form aufgehoben worden. Kein Wunder, das; der englische Jude, ohne den ewigen Druck, der auf uns lastet und die Jugend unserer Kinder vergiftet, ohne die Nghelftichc und Zurücksetzungen, an denen wir bluten, ohne die Kämpfe, in denen wir unsere Kräfte verschwenden müssen, viel selbstbewußter, freier und stolzer anftritt als wir. Er versteht aber auch in sehr geschickter Form, immer und überall seine Würde zu wahren. Ein Empfang bei der La,dy Notschild, zu Ehren der jüidischen Delegierten, in dem herrlichen allen Palast am Hydepark, in der Nähe des Schlosses des Thronfolgers, gab ein interessantes Bild von demi Londoner geselbschasblichen Leben. Hier zeigte sich auch, daß daß Geheimnis der ehrenvollen Stellung des enKlischen Juden in seiner Umwelt nicht zuletzt darauf beruht, daß er zunächst sich selber ehrt, und zwar in den Persönlichkeiten, die ein Volk in erster Reihe ehren muß. seinen geistigen Führern und Lehrern. Sämtliche Lehrer am ckewisst College, dem Londoner Ravbinerseminar, sämtliche Dajonim lRabbinatsassessoren) waren außer den amtierenden Rabbinern eingeladen. Uebrigens habe ich weder dort noch bei den anderen Empfängen, an denen wir teilnahmen, etwas von der dem Engländer so oft nachgesagten Steifheit und Schwerfälligkeit gemerkt. Im Gegenteil, ich finde, es aing miudesteus ebenso ungezwungen als bei ähnlichen Anlässen in Deutschland zu. Nachdem man von der Wirtin (der verstorbene Lord Noischild war bekanntlich ein Freund Eduard VII.) nnss freundlichste begrüßt worden ivar, erging man sich zwanglos plaudernd in den herrlichen Sälen oder dem Park (es regnete ausnahmsweise nicht!», oder man nahm von der reichen Auswahl der Speisen und Erfrischungen. Es ging sehr verguirgt zu. besonders als der Photograph da? bunte Bild verewigte. Erhobt war die Stimmung durch das Bewnfttfein, daß diese Säle, geschmückt mit den erlesensten Kunstwerken, der wunderbare Park mit den Rasenflächen und Lauibengängen, daß alles dies jüdischer Besitz sei, daß in dieser fürstlichen Pracht Menschen leben — und das ist das wesentliche — die sich aufs innigste mit ihrer jüdischen Gemeinschaft vcrbimden fühlen. Ist doch Lady Noischild eine bewußte Jüdin, ihr Sohn, Vorsitzender der Londoner vereinigten Synagogengemcinde: hört man doch den Namen „Notschild" immer dort zuerst, wo es gilt. Leid und Elend armer Glairbensgcnosscn zn lindern. Und das; diese Inden imnistten ihres Reichtums und ihrer Pracht dennoch Pietät bewahren, zeigt ein kleiner, vielleicht von den wenigsten Amvesenden. bemerkter Zug. Mitten in einem Saale, dessen Wände Glasschränkc, angcfnllt mit seltenen KoMarkeiten. antiken Basen, Schalen, Lilbcvgcrätcn bedecken, steht ein Tisch. Und auf diesem Tisch in nnendlichcr Zahl, große und kl-eine, die Familienbilder der Rotschilds. Da sind Männer mit ehrwürdigem Barte und Frauen mit Häubchen auf dem Kopfe und Gebetbuch in der Hand, und Knaben an ihrem Barmizwahtage: es sind Photographien, wie wir sie alle aus Großmutters WohnstMchen her keirnen. die aber der moderne Jude allzugern aus seinen Prunkräumen in Sie Hinterzimmer zu verbannen liebt. Der englische Jude, auch noch so hoch ans der Stufenleiter von Macht und Ansehen gestiegen, denkt nicht daran, das Band zu zerschneiden, das ihn mit seiner Ahnenreihe verbindet: er sucht im Gegenteil die Vorteile seiner Stellung nur dazu zu benutzen, um seinen Glanbensbrirdern zu helfen. Er sieht in seinem Reichtum nur ein von Gott geliehenes Pfand, um Not und Elend zu mildern. Es ist ihm heiligste Pflicht überall an erster Stelle mitzmvirkeu. wo es gilt jüdische Jnteresien zu pflegen und zu fördern und die soziale Lage der Juden zu verbessern. ErZttgt sein Wirken ein jenem Aufgabenkretfe. dem wir alle unsere Kräfte widmen müssen, jenem großen Werke, das da gipfe'lt in dem herrlichen Propheten wort, das man als Leitwort über jede jüdische Hilfsarbeit setzen sollte und das auch das Motto dieses Kongresses für Frauen- und Mädchenschutz war: „Wir wollen suchen das Verlorene und wollen zurück» bringen das Vertricbenc. Wir wollen ausrichtcn das Zer» brochene und wollen mit neuer Kraft ersullcu das Morsch, gewordene!" Klara C-g-r«.