Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 7 (1927)
- Issue
- 29 (22.7.1927)
- Date
- 1927-07-22
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Altar weihe Jahr für Jahr zu ihrer Zeit — vom 25. des Monats Kislew an — acht Tage lang mit Freude und -Frohlocken gefeiert werden sollten. Erst der Talmud (Sarbibat 21b) erzählt Me Sage, -aß Juda im Tempel einen kleinen Rest unentweihten Oeles fand, der wunderbarer Weise acht Tage brannte. Am ersten Tage wird ein Licht entzündet, am Kweiten zwei usw. Man schenke i e d e m Kind, das ein Licht f rh v n entzünden kann, feinen eigenen Leuchter, Selbsttätigkeit ist für jedes Kind eine große Freude. ES spreche beim Anzünden die Legensfprnchc: ,Melobt feist du. Ewiger, unser Gott, König der Welt,' du hast uns durch deine Gebote geheiligt und uns befohlen, Cbanukalichter zu entzünden. Gelobt seist du Ewiger, unser Gott, König der Welt, der für unsere Ääter in jenen Tagen Wunder getan." Oder besser hebräisch: „boruch athoh adaunoi clauhenu melech hoautom. ascher 'kidschonu b’mizwaussow w’ziwonu l'hadlik ner schelachanukoh." „boruch athob adaunoi elauhenu melech hoaulom, sch’ossoh nissitn laawaussenu basomim hohem basman baseh." Ä lach her sittge man bei fehlenden hebräischen Kenntnissen das Lied moaus zur fschuossi nach der gleichen Melodie in der Uebersetzung: Schirm und Schirl? in Sturm und GrauS, dir erschall ein Jubellicd; schütz, v Herr, dein heilig Haus, drin dir Lob und Preis erblüht. Doch wenn einst verstummt der Feind, dem dein Volk ein Spott erscheint, dann erschall' allüberall, Liedcssang, der uns vereint nsw. Verfasser des Liedes ist wabrüheinlich Atordechai ben Isaak, der int 1*1. .sahrliundert lebte. Das Lied ist bei den südeuropäischen (sephardischen) Juden unbekannt. An: ersten Abend spricht inan auch den Schehechejeun-Segensspruch. Das Anzünden der Lichter ersolgt mit einem besonderen Licht, dem Diener, der bei den meisten Leuchtern ans einein besonderen Arm steht. Als Lesestoff sei für kleinere Kinder das Ehanutamärchen aus der früher erwähnten, durch die Loge herausgegebenen Sammlung, empfohlen; für größere — mit verteilten Rollen — die Makkabäer von Otto Ludwig, in billigen Reclamheftchen. Bon alten Ehanutaspielen sei das mit dem Trejdl erwähnt, einem ans Blei gegossenen hohlen Drehwürfel, dessen vier Seitenflächen die Ansangsbuchftabcn der Worte: ne? .t>odaul hojoh schom idamals geschah ein großes Wunder» tragen. Der Würfel wird vermittelst der durchgehenden Spindel in Drehung verseht. wobei die Kinder raten, welcher Buchstabe beim Umfallen nach, oben zu liegen kommt. Wer richtig geraten hat, gewinnt. Der neue Reichsschul-Gesehentwurf. Die non der Reichöreaicrnng verabschiedete Schntvvrlaae. die den Namen „Entwurf eines Gesetzes zur Ansiührnna der Artikel 14(i Abs. 2 und 14!) der Reichs verfassmach führt, qclangt soeben zur Veröffentlichung. K 4. d e r die U e b e r s ch r i f t „D i e Bekenntnis s ch u l e" trag t, lautet: t. Voraussetzung für die Einrichtung einer Volksschule eines bestimmten Bekenntnisses »Bekenntnisschule» ist, daß für die aemeinschastliche Pflege dieses Bekenntnisses eine Religionsgemeinichaft besteht, welche die Rechte einer Körperschast des öffentlichen Rechts besitzt »Artikel Nt?, Abs. 5, MB.). 2. Die Bekenntnisschule dient zur Aufnahme von Kindern eines bestimmten Bekenntnisses, sowie von Kindern verwandten Bekenntnisses (Abs. 8): doch können ans besonderen Gründen auch andere Künder eingeschnlt werden. Durch die Aufnahme solcher Kinder verliert die Schule nicht den Charakter als Bekenntnisschule. 3. Die Bekenntnisschule wird nach dem Bekenntnis näher bezeichnet als cvanaetifche, katholische, jüdische Bolksschnle. Sic erfüllt die Unterrichts- und Erziehungsausgcibcn der Lutschen Bolksschnle gemäß dem (Glauben, in dem die Kinder erzogen werden. Lehrpläne. Lehr- und Lernbücher sind der Eigenart der Schule auznpassen. Im Leben der Schule sind, unbeschadet -er Bestimmungen der Artikel 130, Abs. 4, und 140, Abs. 2, der Rcichsverfassung, die dem Bekenntnis eigenen religiösen Hebungen und Gebräuche zu pflegen und die den: Bekenntnis eigenen Feier- und Gedenktage zn berücksichtigen. 4. Der Religionsunterricht ist für alle Klassen ordentliches Lehrfach. 3. An der Bekenntnisschule dürfen »abgesehen von den Ausnahmen der Abs. 6 und 7» nur solche Lehrkräfte hauptamtlich angestellt werden, die dem Bekenntnis der Kinder für welche die Schule bestimmt ist. oder einem verwandten Bekenntnis angehören. Vorübergehende Verwendung anderer Lehrkräfte ist ans besonderen Gründen zulässig, 6. Jur Erteilung von gesondertem Religionsunterricht an Kinder eines Min'derheitsbekemckm'zes (8 14 Abs. 2» tonn eine dem Mindcrheitsbekenntnis angehörige Lehrkraft anstellt werden, wenn die Beschafsnng dieses Unterrichis ans andere Weise nicht möglich ist. Diese Lehrkraft kann auch mit anderem Unterricht betrank werden. 7. Die Vorschrift des Abs. 5 Satz 1 bezieht sich nicht ans diejenigen Lehrkräfte, die zur Erteilung des technischen Unterrichts verwendet werden. 8. Bekenntnisse sind verwandt, wenn die obersten Stetten der zuständigen Reliqionsgcscllschaften dies gegenseitig anerkennen. Die Schulaufsicht der R c l i g i o n s g e s e l ls ch aste ii. sessione.lisiernng hemmungslos durchsetzt und daß er auch die freie Entfaltung der Lehrerpersönlichkeit behindern würde. Der Entwurf wird den Reichstag in seiner nächsten Session beschäftigen: cs steht fest, daß Zentrum und Deulschnationale Voltspartei für ihn stimmen werden: die Haltung der dritten Regierungspartei. der Deutschen Botts- Partei, stellt noch nicht ganz fest, so daß mit einer Gesetz-- wcrdimg des Entwurfs »och nicht sicher gerechnet werden kann, wenn sie auch wahrscheinlich ist. Wir behalten uns eine Betrachtung des Entwurfs vom jüdischen Standpunkt ans vor. Die'Red.» Der völkische Sieg auf dem Würzburger Studenlentag. Würz bürg. 2i). Juli. ist. T. A.». Die diesjährige Tagung der Deutschen Studentenschaft ging gestern spät nachts zu Ende. Ans Antrag des BorfiandcS wurde in der Schluftütznlig ein Beschluß angenommen, der lautet: ,D>er Studententag halt an der völkischen Würzburger Verfassung von 1022 unbedingt fest." Dieser Beschluß bedenket das Festhalten an dem Rasier Prinzip und an der Ucbung. rassisch eingestellte ausländische denhchc Studeutcnverbindnngen, in denen Juden als Mitglieder nicht ausgenommen werden, als Glieder der Deutschen Studentenschaft anznerkennen. Damit hat sich der intransigente Flügel der Deutschen Studentenschaft eindeutig 8 13, »Äbs. 3 und 41 lautet: 13.» In die örtlichen Scinii-! vcrwattungslörper. denen Schulen unterstehen, an welchen } Religionsunterricht ordentliches Lehrfach ist, ist je ein Bertreter der entsprechenden Religionsgc'ellschast leoangelischer; Pfarrer, taiholischer Pfarrer, Rabbiner» mit Sili und Stimme ansznnehmen. 14.» Den Vertreter der üieligionsgesellschast beruft die Schnlanfsithtsbchörde aus Vorschlag der b e t r c ssen d e n R c l ig i o n s g esc lt s ch a s t. Der Religionsunterricht in den Volkss ch n l e n. 8 14. Allgemeine s. 1. Der Religionsunterricht wird non einem Angehörigen der betreffenden Retzgiviisgeiellichcht in Ucbcreinslimmnng mit ihren Grundsätzen unbeschadet des Aiifsichtsrechtes des Staates erteilt. Beteiiiitillsverwandte tonnen zur Erteilung des Religionsunterrichts zngelanen werden. 2. In den (Kenieinschafts- und Bekenntnisschulen ist für Bekenntnisin inderheiteu stiel igivnsnnterricht als ordentliches Lehrfach einzurichten, wenn durchschnittlich mindestens .zwölf Kinder des betreffenden Ntindertjeitsbetenntnisses in der Schule vorhanden sind, die am :>,'eligionsnnterricht teilnchinen. 3. Die Bestimmungen über Lehrplan, Lohrunb Lornbücher für den Religionsunterricht iverden uu Einvernehmen mir der Rcligionsgesellschast orlaisen. Auch! bei der Festsetzung der Z.ahl der diesem Unterricht zur Ber; siignng stehenden Wochenstunden wirkt die üleligionsgesell- ' schast mit.! if Ist Privater 34 e l i g i o n s n n t e r r i ch t. 1. Falls; in einer Gcineinschasts- oder ^ietenntnisschulc für die Bej kenntnisminderheit wegen zrr geringer Schülerzahl stielij gionsnnterricht nicht erteilt wird, sind auf Wunsch der Erl ziehungsberechtigtcn zur Ermöglichung eines privaten R:-! ligivnsnnterrichts Schnlränme nebst Beizung und Beleuch- * tung unentgeltlich bereitznstellen. Die weiteren Voraussetznngen und den Umfang der Bereitstellung bestimmt das > Landrecht. 2. Für Kinder, die einem Bekenntnis ango-! hören und eine bekenntnisfreie Schute besuchen, ist auf! Wunsch der Erziehungsberechtigten in gleicher Weise ein j privater stieligivnsnntei richt zn ermöglichen, eS fei denn, , da»ß innerhalb der Gemeinde die Möglichkeit zum Besuche; des stieligionsnnterrichts in ihrem Bekenntnis an einer Goi meinschaft- oder Bekenntnisschule besteht. > 8 10. E i u i i ch t n a h m einden R e l i g i v n s u n t e r-! r i ch t. Jur Einsichtnahme in den Religionsunterricht bcj stellt der Staat im Schutwosen erfahrene Beauftragte, die > von der Rcligionsgcsellschaft vorgc sch lagen werden. Dev! obersten Stellen der sticligivnsgesellschasten ist Gelegenheit zn geben, sich davon zw überzeugen, ob der Religionsunterricht in Uebereinstimmung mit den Grundsätzen der Rcligionsgefettschast erteilt wird. tDer vom Kabinett Linmwtig bvschlossene Entwurf fiwdet schärfsten Wibersprnch in den Kreisen der Deutschen Demokratischen Partei und der Sozialdemokratischen Partei, die ihn als rückschrittlich und den Grundsätzen der Weimarer Bersassung widersprechend bezeichnen. Gegen den Entwurf wird eingewendet, das; sich in ihm der Gedanke der 5kondnrchgesetzt und den Kamps mit dem preußischen Kultusmini nori um ausgenommen, der nach der Meinung aller Eingeweiisten nicht anders als mit der Zerf ch lagrrn <r fce* o e u t s ch o ii Studentenschaft enden kann. Bevor die Entscheidung fiel, hatten die Minderheitsvertreter eine Unterpcilgtivn ein gebracht, die der Bersaimnilung! svlgendo fragen vorlegte: 1. Ist es die Meinung der Deutschen Studentenschaft, daß die staatliche dlrrcrkennung lebenswichtig für ihre sachliche Arbeit ist oder nicht? 2. Ist es die Meinung der deutschen Studentenschaft, daß die Lösung der Berfassungsfrage im Sinne des völkischen Prinzips wichtiger ist als die In gehörig teil der preußischen und badischen Studentenschaften zur deutschen Srudentenschg.fr? 3. üst sich die Deutsche Studentenschaft bewußt, dach sie mit der Lidentifizierung von rcalpolitischen NotwewdiMeiton und richknngspolitischen Wunschbildern das Werk der ('i c m c i it \ di <i f t aller deut s ch c n S tu deuten - s ch a f t e n z u z e r s ch l a g e n im Begriffe ist? 4. Ist sich die Deutsche Studentenschaft bewußt, daß die Sendung das deutsche Akadeinilertum zur Lösung der grostdeutschen Frage im notionaltiitturetten Sinne verpflichtet oder nicht? —7 Die'e Interpellation wurde in der Abendsttzung behandelt, ihre Richtlinien konnten sich aber bei der völkischen Einstellung der Meluheit niclst durchsetzen. iBgl. auch die A'vtiz „Würzburg" in der Rubrik „Aus den Gemeinden".» Die Palästinawanderung. Jerusalem, K Juli »J.T.A.». Im April 1927 wanderten 2stö Inden, liö Ehrislen und 10 Moslemiten in Palästina eni. Im Mai wanderten 273 Inden, 34 Christen und. 3 Moslemiten ein. Im April wanderten 132, im Mai 485 Juden aus. 104 Moslemiten und 80 Christen wanderten in den beiden Monaten ans. Das Ergebnis der rumänischen Kammerwahlen. Das definitive Ergebnis der vor einigen Tagen durchgeführten Wahlen zur rumäutschen Kammer liegt nun vor. Von 3 381332 stiinrnberechtigten Wählern im 34eiche gaben 2 751008 ihre Stimmen ab. Rund 33 000 Stimmen wurden annnltiert: somit haben über 830 000 Wähler ihr Stimmrecht nicht ansgeübt. Es ergibt sich die folgende Verteilung auf die einzelnen Parteien: Liberale 73,08 Prozent und 318 Mandate: Nationalzaranisten 22,10 Prozent und 34 Mandate; Minoritätenblock dreann) 0,27 Prozent, kein Mandat. In dem neugewählten Parlament sind also nur Liberale, NationalLaranisten und Minoritäten vertreten. Die beiden antisemitischen Parteien verfügen also über kein einziges Mandat. Von Henry Bernsteins Tragödie „Israel" im Lefsingtheater zu Berlin. tE r st a u f f ü h r n n g a m 10. Juli 1927.» Das Traurigste bei der Ausführung dieses „Trauerspiels" war, daß so viel wertvolle küusrlerische Arbeit an einen so wertlosen lllcister gewandt wurde. — Denn dieses Stück ist mit dem bösesten Wort zu belegen, das man einem literarischen Werk gegenüber gebrauchen kann: „es ist Mache". Falsch ist seine Psychologie, lächerlich seine „Tragik", unmöglich sein „Problem". Stoffe zn recht ernstzunehmenden Dramen bietet das Judentum als soziologischer Rexus leider in Hülle und Fülle! Gute Stücke, die die seelische Not des modernen Inden, sei es in historischem Kolorit, sei es im Gewände der Gegenwart, behandeln, gibt es eine ganze Anzahl! Der Dichter W t l h e l m v. Scholz lfrüher höherer preußischer Ossizier» hat als doch ganz Außenstehender eine tiessinnige irnd formschöne Jndentragödie, die bleibenden Wert hat, geschrieben! Bon Georg H t r s ch f e l d. Arthur Schnitzler, Heyermanns, Galsworthy gibt es beachtenswerte Leistnttgeil auf diesem Gebiete. Und vor allem von den lllussen und Ostjuden. Aber der Pariser Bonlevarddramatiker Henry B e r n st e i n, der als begabter Bühnentechniker seit Jahrzehnten ganz Erkleckliches leistet, hätte lieber „bei seinem Leisten" bleiben und sich auf die Abfassung französischer Ehebruchs-, Liebes- und Kriminalstücke beschränken sollen, die in üblicher Weise spannen und unterhalten. Zum Dichter jüdischer „Belange" — um einmal das schauerliche Lreblingswort unserer Rechts-Ultras zu gebrauchen — fehlt ihm so ziemlich alles! Die Handlung? Die fürnehme Herzogin von Crvucy hat einmal in ihrer Jugend Maienblüte den jüdischen Großbankier Gutlieb, der natürlich seiner geistigen Struktur und seelischen Haltung nach genau ebensogut wie sie Aristokrat ist, geliebt. Der mittterweilc znm Jüngling herangewachiene Prinz Thibault ist die Folge dieses Verhältnisses. Fanatisch-katholische Kreise haben die Herzogin einst ihrem Freunde entfremdet und sie selbst in unfruchtbare kirchliche Bigotterie hineingchetzt. Darob war der — sonst als überragende Persönlichkeit geschilderte — Gutlieb gar sehr ergrimmt und hat Millionen für antiklerikale Propaganda ausgegeben. — Wer lacht da? Nun sind die größten Tiere ber Gesellschaft Mitglieder eines stinknoblen Klubs, darunter der Prinz und der jüdische Bankier. Der Prinz hat sich inzwischen zum Antisemiten entwickelt und provoziert im Klub vor allen Gästen Herrn Gutlieb in törichtster Weise zum Duell. Dieser aber ist seit einem Menschenleben Klubmitglied und will — auch das ist wieder höchst unglaubhaft! — unter keinen Umständen auf diese Zugehörigkeit zu der Gesellschaft vornehmer .Hohlköpfe und Nichtstuer verzichten. Er nimmt das Duett an. Das Entsetzen der Herzogin, als sie erfährt, das; Vater und Sohn einander in tödlichem Zweikampf gegenüberstehen sotten, ist gewaltig, und es kommt zn „hochdramatischen" und turbulenten Paradeszenen, in deren Verlauf inst unmotiviert die unerwünschten Personen gerade dann eintreten. wenn die im Zimmer Sitzenden glauben, das; sie ungestört seien. — Papa Gutlieb steht in großartigster Anklägerpvse da, und das bedauernswerte, arme 2lntise-" mitenprinzlein erfährt das bisher sorgfältig gehütete Geheimnis, daß er — Huhn! — ein „Bastard" sei. Das ist znvie! für ihn! Das Bewußtsein, jüdisches Blut in seinen allerhöchst herzoglichen Adern zu haben, erträgt er nicht, und er bringt sich daraufhin glatt um, worauf daö Stück aus ist und sich das Publikum Tränen der Rührung aus den Augen wischt. Mit unserer Zeit, mit dem Indent n m, mit' der Wirklichkeit, mit der Dichtkunst hat dieses Stück nicht das mindeste zn tun, und nur die Tatsache, daß es mit großem äußeren Erfolge von besten Künstlern ans einer der ersten Bühnen Berlins gespielt wird, bedingt die Notwendigkeit, überhaupt von ihm zn sprechen. Alles Tendenziöse in diesem Stück ist unfreiwillig komisch, und es ist vor allem bedauerlich, daß die Zuhörerschaft noch nicht so weit ist, um mit einem befreienden Gelächter überlegener Erkenntnis diesen ganzen unsagbar dummen, abergläubischen und antiwissensch'aftlichen Rassenplunöer vom Tisch zu fegen. Wie man ein derartiges Thema diskret mit dichterischen Mitteln zu einem Kunstwerk gestaltet, hat vor kurzem Alfred Neu mann in seinem knappen, sehr feinen „König Haber" gezeigt, der in diesen Blättern auch eingehend gewürdigt wurde. tEngelhorn-Romanbibliothek.» Aber bei diesem Theaterstück können selbst die raffiniertesten Bühncneffekte nicht über die sich einander geradezu überstürzenden psychischen Unmöglichkeiten und inneren Verlogenheiten hinweghelfen. — Daß ein jüdischer „Prominenter" sein Geld zur Bekämpfung des Katholizismus hergibt, ist unsinnig, denn er weift doch sicher, daß sowohl im Alten wie im Neuen Testament Wunder und Mysterien Vorkommen, die in der Sphäre des gläubigen Herzens oft eine große Rolle spielen, mit denen aber die „Propaganda des Verstandes" nichts, aber auch gar nichts, zu tun hat. Die geschilderte Art. auf privateste Herzensenttänschnngen mit politischen Preßfehden zu antworten, ist so unweise und gleichzeitig so unjüdisch wie nur irgend möglich! Der Pater Silvianus obendrein ist ein ganz und gar untypischer Vertreter des Katholizismus. Die Kirche zählt so viel abnorm Kluge, Taktvolle und „Genies des Herzens" zu den ihrigen, daß rnan an einen solchen Herrn nicht recht glauben mag. Ten Selbstmord des Prinzen schließlich werden nur etwa der „Fridericus", der „Miesbacher Anzeiger" oder gleichgesinnte Kreise, die mit der Vernunft und der Wirklichkeit dauernd erbittert auf dem Kriegsfüße stehen, berechtigt finden! Wenn der Prinz nur etrvas gebildet wäre — mrd io unwissend sollte er doch nicht sein! —, so hätte ihn bei der Erkenntnis, daß Blut von der Bevölkerungsgruppe in ihm ist, die die herrlichsten und gewaltigsten Kulturleistungen ans diesem Planeten inauguriert und eine solche Menge „Spitzenleistungen" hervorgebracht hat, höchstens freudiger Stolz und ein erhöhtes Lebensgcfiihl erfüllen müssen! Er könnte sich allenfalls schämen, daß er noch nichts geleistet habe, das solch gewaltigen Traditionen würdig ist! — Aber deswegen Jreitod?! — Läppisch! — Das ganze Rassenproblem in dieser Form ist Schwindel und geistige Nahrung für Halbgebildete! Das ist nun mal eine Wahrheit. die auf die Dauer nicht umzubringen ist! Es gibt „Mischlinge", die etwas rätselhaft Zwiespältiges und Ber-- ivorrenes in sich haben, und es gibt ebensogut unzählige, die geistig und körperlich im höchsten Grade wohlgeraten sind. Montaigne, Hans von Maröes, Paul Heyse, Thomas Mann, Brchlicky, um nur einige Namen von sehr vielen zu nennen, sind „Kreuzungen". Seelische mrd physische Erstrangigkeit ist an keine Nasse und keine Mischform, höchstens an das Klima gebunden! Der Hexenaberglaube hat ja ebenfalls Jahrhunderte hindurch geherrscht und sich erst ganz allmählich verloren, nachdem er schwerstes Unheil angerichtet hat. Der Nassenaberglaube nach dieser Richtung hin grassiert heute nur bei znm Nachdenken und Beobachten Unfähigen; — wie lange noch? Uebrigenö war der Theaterabend als solcher — das muß gerechterrveise betont werden — sehr lohnend! .s>ermann B a l l e n t i n war als Gutlieb von einer ergreifenden menschlichen Echtheit, Schlichtheit und Wärme und fand zu Herzen gehende Töne! Dieser Schauspieler wird wie lagernder edler Wein bet seinem jetzigen Altern immer reifer und köstlicher! Auch Maria Feins Herzogin war höchst eindringlich, behutsam und erschütternd! Und dann stand der junge Egon von Jordan als Prinz auf der Bühne, ein ungewöhnlich gut und gepflegt aussehender. schon durch sein Aenßeres bestechender Künstler, der auch darstellerisch nichts verdarb. Er hätte nur ein wenig mehr „stummes Spiel" amvenöen sollen. Etwas anfängerhaft verzieht er noch im Affekt zu häufig das Gesicht; es kommt dabei leicht zu unschöner Grimassenschneiderei! — Der Pater Silvianns des hochbegabten Paul Günther war gar zu sehr böser Intrigant — Marke Domingo ans dem Don Carlos! Und die Regie des vortrefflichen Meisters Reinhard Bruck stand ans sehr beachtenswerter Höhe. — Nochmals, schade um so viel gute Arbeit an einem abznlehnenden Objekt! — Wenn Herr Direktor Salten bürg wieder einmal ein „vi nden st ü ck" spielen lassen will, so wähle er sich ein besseres. Dr. L u d w i g D a v i d s o h n, Berlin.