Mannheim
Compact Memory

Jüdisch-liberale Zeitung · 1927-07-22 · 29 (22.7.1927) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
7 (1927)
Issue
29 (22.7.1927)
Date
1927-07-22
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2613366-2613895-2613924--2342-2619804
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

IMchwerakZeilMg Organ der Vereinigung für das liberale Ludeninm e. V. Vezri-Aprei« durch die Seschästestelle ^jährlich Sv. 2M Edyärmmmer 0.20 Bei freier Zusendung ü bnland v^ö 5ür die Mitglieder der Vereinigung ist der Dezngsprei« im Mttgliedebeitrage enthatten. :: s « Verantwort!. Redakteur.- Bruno Dayda. Vis „Jüdisci)-Uberale Zeitung" erscheint jeden Freitag. Nedaktlon u. SeschüttssteUe: Vvrlin SW, Wilhslmslr. 147. firnrnft BafenljetDe 3358, 3359 Poftfdywkkonto: Berlin nW7flr.lJ7069 (Vereinigung fflr Oos liberale Judentum Nachdruck fflmtlUfter Original-Beiträge nur mit vorbirigir Oenet)mlgung der Redaktion gestattet. Anzeigenpreise: Die 12gespaltene Nonpareillezeile 0,48 Voidmark. die Reklamezeile 3.00 Goldmark, bei :: s u Wiederholungen Rabatt. :: :: Anzeigenannahme: .Jüdisch-liberale Zeitung" SuseralmableUung: Berlin SD 48, Wilhelmstrahe 147 (Hafenheide: 3358—59). sowie sämtl. Annoneen-Exped. Rr. 29 Berlin, 22. Juli 1927 7. Jahrgang Jeiem im T"', Heim. Es war einmal.... Formen und Bräuche. Bon Rabbiner Dr. W i lde- Magdeburg. V. Häusliche Feiern Märchen beginnen mit den Worten: Es war einmal. Jiddische Predigten und Betrachtungen beginnen oft mit den Worten: Es war einmal so wunderschön im jüdischen Haus . . . Märchen wecken Stimmungen: niemand aber denkt daran, sie zur Wirklichkeit werden zu lassen. Ist dies nicht auch das Schicksal jener Schilderungen? Wir sehen im Lehrhaus alte Männer mit weihen Bärten und junge mit durchgeistigten Gesichtern, über Talmudsoli anten gebeugt, tausend Jahre alte Schriften studieren. Wie schön dieses Bild! Aber sür immer versunken, verschlungen von neuer Kultur. Wie sollen die Knaben auf den öffentlichen Schulen, die Jünglinge in der Lehre, auf den Universitäten, die Männer im Berns noch Zeit, Stimmung und Gedanken finden, um mit dem Glauben, ein religiöses Werk zu verrichten, Tag und Nacht jene uns auch innerlich fremd gewordenen Schriften zu studieren? Der Maler -kann.jene Bilder noch schnell im Osten Europas suchen, ehe sie auch dort verschwinden. So wenig man die Welt znm Kloster leben des Mittelalters zurttckschrauben kann, ebenso wenig zum jüdischen Lehrhaus alter Art. Es w ar e t u m al so wunderschön, als die Juden in friedlichen kleinen Städten, in winkligen Gassen an stillen Menden vor ihren Häusern saßen, im Gotteshaus zum täglichen Gebet sich träfen, Nachbar an Nachbar wohnten, das Schicksal jedes Einzelneu Gesprächsstoff für alle war, jeder bereit, in bösen Tagen zu helfen, an frohen Tagen mit zu feiern. Es war einmal . . . Man kann die großen Städte nicht zerstören, die Inden nicht in Scharen in die kleinen Städte zurückführen, den Strom des Lebens nicht aushalten, der jetzt so schnell über jedes Einzelschicksal hinweg geht. Das Kleinstadtidyll ist ans dem Leben der westcnropäischeu und amerikanischen Juden fast ganz verschwunden. Die jüdischen Gemeinden der Provinz Posen Habel« sich in Berliner H e i m a t v e r e i n e verwan d e i t. Es lvar einmal so wunderschön im jüdischen Haus am Sabbat und an Feiertagen. Wenn sich am Freitag die Sonne senkte, rüstete man sich zum Sabbat. 54 Stundell ruhte alle Arbeit: die tausendmal geschilderte Weihe laa iiber Tisch und Hans. Wenn die Feiertage nahten, erstarb auf Tage alle Arbeit: Festesmeihc, jede anders in ihrer Art, erfüllte ausschließlich das Leben der Inden. Es war einmal. Der Schüler kann nicht jeden Sabbat aus der Schule fehlen, der Lehrling aus seinem Beruf, der Kaufmann aus seinem Geschäft, der Anwalt, der Bearnte aus seinem Bureau, der Arzt aus seiner Sprechstunde. Ter Strudel des Wirtschaftslebens, das den Juden zivingt, am Sonntag zu ruhen, zwingt ihn am Sabbat und an manchem Festestag in die Tretmühle der Arbeit, macht es schon zu einem Opfer, nur an wenigen Festen im Jahr sich der ganzen Welt cntgegcnznstemmen, zur Welt zu sagen: Heute bin ich stärker als du. Immer geringer die Zahl der wrenschen, die die Kraft, die die Möglichkeit, die den Willen besitzen zu feiern, wenn die Umwelt arbeitet. Sollen wir aber nur in wertloser Rührung nachschauen dem „Es war einmal", wie man vergangener Kindheit gedenkt im Bewußtsein, nie kehrt die Kindheit wieder! Sollen rv i r nich t dem „Es w a r c i n m a l" e i n. „E s i st" entgegensetzen? Wie haben die Juden einst dem zerstörten Tempel no.chgetrauert! Wie erschien ihnen die Vergangenheit wunderbar verklärt, die Gegenwart trost- und hoffnungslos! Nur im Tempel durfte man Opfer'bringen, nur dort war das Allerheiligste, nur dort der Hohepriester, nur dorthin strömte das Volk an den Wallsahrtsfesteu. Wie viele werden damals gesprochen haben: „Ohne den Tempel kann das Judentum nicht erhalten werden: ohne Tempel kein Judentum!" Und doch ging die jüdische Religion nicht unter! Neue Wege, neue Formen wurden gefunden. Neue Feste, ja neue Gedanken wurden geschaffen. Bor der ersten Zerstörung wußte man nichts vom Chanukah- und vom Simchas-Tho rasest: vor der zweiten Zerstörung von Kadüisch und Jahrzeit, von Kol niöre und Lecho dauöi, von der Hagada und vom Kiddnsch, von vielen Dingen, die jetzt religiöses Leben darstellen und bilden. Neues entstand. Altes starb: denn selbst der Strenggläubige, der um die Wiederherstellung der Opfer betet, würde kein religiöses Empfinden beim Davbringen der Opfer haben, ja würde sich abwenden, wenn man im Tewpelhof Hunderte Tiere schlachten, ihre Eingeweide verbrennen würde. Das Fallen der Ghettomauern war sür die Juden ebenso einschneidend, als das Fallen des Tempels. Hier starb der Tempeldienst, dort starb und stirbt noch immer der Teil der überlieferten Religion, der im Ghetto und für das Ghetto entstanden war. (Eine ähnliche Auffassung hörte ich in Palästina: ,Zier, wo wir wieder den Sabbat als biblischen Ruhetag feiern können, brauchen wir uns um die für das „Galuth" (Fremde) entstandenen Verbote: rauchen, fahren, tragen usw. nicht zu kümmern") Wäre cs nicht töricht gewesen, wenn nach dem Fall des Tempels die Leute gesagt hätten, — vielleicht haben es auch viele gesagt, — da ich im Tempel nicht mehr opfern kann, da ich nicht alles halten kann, so halte ich gar nichts? Hört man nicht oft in der Jetztzeit: „Wenn ich doch nicht den ganzen Sabbat halten kann, dann halte ich ihn gar nicht: da ich die Speisegesetze nicht halte, so halte ich auch keine religiösen Feiern in meinen: Hause." Ist das nicht die Antwort der Beschränktheit oder der Bequemlichkeit? Denn sicher gehört geistige Anstrengung dazu, sich selbst einen Weg zu suchen. Hat schon jemals ein vernünftiger Mensch gesagt: Weil ich meine Kinder nicht so erziehen kann, wie ich gern möchte, werde ich mich gar nicht um sie kümmern. Warum sagen aber soviel Leute: Weil ich meinen Kindern das religiöse Loben nicht geben kann, das ich noch in meiner Kindheit gehabt habe oder weil ich es selbst nicht kennen gelernt habe, will ich ihnen gar nichts geben! Die religiöse Erziehung des jüdischen Kindes verlangt die Religion im Hans, darum muß jeder das Haus entsprechend gestalten. Freitag-Abend. Niemand ist gehindert, den Freitagabend znm Familienabend zu machen: den Tisch besser zu decken, besser zu essen, Lichter zu entzünden — ganz gleich um welche Zeit, — Segenssprüche über Sabbat, Brot und, wenn möglich, über Wein zu sprechen. Wer es kann, tue es in der alten, üblichen hebräischen Form. Man soll in Dingen des Gefühls nicht Wahrheitssanatiker sein. Man liebt und singt ein Lied seiner Melodie wegen, auch wenn man nicht mit jedem Wort des Textes einverstanden ist. Die Segenssprüche über Licht, Brot und Wein glaube ich nicht hierher setzen zu müssen. Wer sie nicht kennt und niemand hat, der sie ihm sagen kann, dem will ich sie gern auf eine Anfrage in deutscher Sprache oder Hebräisch mit lateinischen Buchstaben schriftlich mitteilen. Wer den alten Kiddusch nicht sprechen kann oder will, der suche sich ans Bibel oder Gebetbuch eine Stelle, die für den Sabbat geeignet ist: etwa das 4. Gebot. (Manchem wird die Fassung im 5. Buch Mos. Kap. 5 Vers 12—15 besser gefallen.) Oder den letzten Vers von dem Sabbatlied Lecho daudi. Es wird jeder, wenn er in Bibel und Gebetbuch sucht, geeignete Stellen finden, die er ohne innere Hemmung sprechen kann. Feiertag-Abend. Noch leichter ist es, selbst fiir den „ungläubigen" Juden, geeignete Stellen aus der Bibel fiir die häusliche Feier an den geschichtlichen Festen zu finden. Passah: Sklaverei in Aegypten, Befreiung. Wochenfest: 10 Gebote, Sittengesetzc. Laubhüttensest: Aufenthalt in der Wüste. Schlnßfest: Einweihung des Tempels durch iSalomo. Gesetzesfreude: Schluß der Thora, Tod des Moses. Purim: Vorlesen aus dem Buche Esther. Chanukah: Aus den Büchern der Makkabäer. Neunte Ab: Zerstörung des Tempels, aus Josephus: Geschichte des jüdischen Krieges. Neujahr: Einige Sätze aus dem Gebet „owirau malkenu" oder aus „unesane lau'kef". Man sage nicht: Wir wollen keine „Ersatzfeie r n". Immer ist das Neue Ersatz für Altes. Der Tempel in Jerusalem war Ersatz für die Höhen, auf denen früher geopfert wurde. Der Gottesdienst am Versöhnungstag ist Ersatz für das vorgeschriobene Sühneopfer: der Gottesdienst am Wochensest Ersatz für Omer und Erstlingsfrüchte, der Seder am Peßachfest Ersatz für das Passahlamm. Immer wird man zuerst das Neue abgelehnt haben, weil es Ersatz" ist. DerSeder ab-eird. Die beste Rechtfertigung für NengestaLttmg cSkx häuslicher Feiern im Interesse der religiösen Jimenderziehuna ist der Sederabend. „Manche auffallende Zeremonie ist hier lediglich deswegen eingesetzt worden, damit den hierüber verwunderten Kindern Anlaß znm Fragen und somit den: Vater Gelegenheit zum Antworten gegeben werde." Später hat man ein Formular für solche Fragen ausgestellt, das noch heute übliche mak nisditanoh. „Die Antwort auf diese Fragen erteilte das Familienoberhaupt oder der Ehrwürdigste in der Versammlung in freier Weise, so gut es ein jeder vermochte. Diese Antwort nahm aber allmählich eine festere Form an . . ." Erst im 8. Jahrhundert ist unsere Hagada redigiert worden. Einige Stücke stammen «Ns dem 11. Jahrhundert. „Echod mi jantdea" und „chad gadjo" sind aus noch späterer Zeit stammende deutsche Volkslieder, die man ins Hebräische bzw. Aramäische übertrug. (Vgl. I. Lewy: Ein Vortrag über das Ritual des Pessach-Abends im Jahresbericht des jüdisch-theologischen Seminars, Breslau 1904.) Darum haben auch wir das gute Recht, den Sederabend immer wieder so zu gestalten, daß er seinen Zweck erfüllt: die Jugend durch eine Familienfeier über die Bedeutung des Festes aufzuklären. Das Mlesen der alten Hagada wird selbst dann keinen Zweck haben, wenn die Kinder folgen können: es sei denn, daß der Vortragende den Text mit geeigneten Erklärungen begleitet. Aus der alten Hagada suche sich' jeder nach seinen und der Zuhörer Kenntnissen die geeigneten Stellen ans: Segenssprüche, gemeinsam zu singende Lieder. Für die weggelassenen Stellen schiebe man Borlesmrgen ans geeigneten deutschen Büchern ein: Schilderungen von Sederabenden im Felde: die Einleitung aus dem „Rabbi von Bacharach" von Heinrich Heine: Erklärungen vom Magid Rabbi Jakob aus Dubna in: Lehmann, Hagadah chel Pessach: Stellen aus dem Roman Mose, der Gottsucher von B. Zapletal: das Buch: Chat Gadja von Hugo Herrmann usw. C h a n u k a. E s w a r e i n m a l... Es war eimnal ein kleines Fest, um das sich unsere Väter kaum kümmerten. Sie zündeten aus dem Fensterbrett kleine Lichter an und sprachen schnell die Segenssprüche: sie fügten einige Gebetstellen in das tägliche Gebet ein. Das war Ghanuftt; fast unbemerkt zog es vorüber. Draußen aber herrschte um dieselbe Zeit mit strahlendem Glanze das Weihuachtssest. Nicht nur in den christlichen Häusern. Das ganze Wirtschaftsleben war von dem nahenden Feste beeinflußt,' ans allen Schulen klangen seine Lieder, überall rüstete man sich zu Weihnachtsfeiern. Solange die Inden in ihren engen Gassen lebten, ihre Kinder in jüdische Schulen schickten, waren sie vom Weihnachtsfest unberührt geblieben. Je weniger aber das Leben der Juden und vor allem der Kinder von der Umwelt geschieden war, desto stärker begann sie dieses einzige poetische Fest der christlichen Religion zu beeinflussen. Mit Spott allein konnte man Weihnachtsbaum und Weihnachtsgeschenk nicht von Mischen Häusern ferichalten. Da wuchs das Chanukalicht, bis es mit seinem Glanze, mit seinen Feiern und Geschenken das Herz des jüdischen Kindes füllte und keinen Platz wehr sür den Neid ans fremdes Licht übrig ließ. Iw Kampf um die Seele unserer Kinder ist idas Fest groß geworden. Auch Feste haben ihr Schicksal. Im alten Palästina war einst das Lanbhütteufest als Erntefest das größte Fest: für den Großstadtjuden, der keinen Platz für eine Laubhütte hat, ist es das kleinste geworden. Channka, sür unsere Väter das kleinste Fest, ist für unsere Kinder das größte geworden. Aus zwei. Quellen wissen wir von Entstehung und Einsetzung des Festes: Megillas-Taanis, Fastenrolle, eine kurze Zusammenstellung freudiger Gedenktage, an denen man nicht fasten darf, etwa um das Jahr 67 nach Ehr. in aramäischer Sprache niedergeschrieben: und das erste Buch der Makkabäer: Juda aber und seine Brüder sprachen: Wohlan, unsere Feinde sind aufgerieben, so laßt uns hinaufziehen, das Heiligtum zu reinigen und wiederum einzuweihen . . . Als sie nun alle Arbeiten vollendet hatten, brachten sie in der Rtorgenfrühe des 26. Tages des Monats Kislew im Jahre 148 (164 vor) auf dem neuen Brandopseraltar ein Opfer . .. Juda aber und seine Brüder und die ganze Gemeinde Israel setztenfest, daß die Tage der 86

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.