Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 7 (1927)
- Issue
- 28 (15.7.1927)
- Date
- 1927-07-15
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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eitlen in Kassel und Diardurg. Justizrat Dr. Rothfeis, Kommerzienrat Gotrschalk. Gcmeindeältester R. Nutzbaum. Kassel. Pro». Rabbircer Dr. (lohn. Marburg, und dem Geschäftsführer des Hessischen Volksschullehrervereins und Mitglied des Bezirkslehrerrats. Lehrer Liesecke. Kassel, galten. Aus den Erwiderungen der Gäste weckten die Ausführungen des Delegierten der hessischen Lehrer leibhaft zustimmendes Echo. Er betonte die pädagogische und kultur-politische Bedeutung der Konferenzen, unterstrich die rege Mitarbeit der jüdischen Kollegen an allen diesbezüglichen Bestrebungen, erkannte auch die inniger: Beziehungen zur Gelamtorganisation und ihren Einrichtungen sozialer Selbsthilfe an und gab endlich dem Wunsche Ausdruck, dach das Gefühl des Verbundenseins zur Gesamtheit der Lehrerschaft weiter erhalten bleibe. Sein Interesse für alle zur Debatte stehenden Fragen bekundete er durch Msharren bis in die späten Nachmittagsstunden. Studien rat Dr.^Bloch, Berlin, als Sohn des früheren Lehrers in Gudensberg, ein Hesse von Geburt und eifriger Spezialist auf volkskundlichem Gebiet, sprach Uber das Thema: „Der jüdische Lehrer und die Volkskunde." Nach allgemeinen einleitenden Betrachtungen über die Volkskunde als Wissenschaft, wobei der Einfluß englischer Forscher auf Herder und Goethe, die Bedeutung der Brüder Grimm für die deutsche Volkskunden forschung getont wurde, wandte sich der Redner der jüdischen Volkskunde zu, die seit etwa 30 Jahren gepflegt werde, allerdings bisher nicht Ne ^Beachtung gefunden habe, die sie verdiene. Fm einzelnen beleuchtete der Vortragende in anregender Weise, wie Ne Sprache, Sitten und Gebräuche beim Kultus und häuslichen Andachten. Redensarten, Reime, Melodien unseres Volkes eine wertvolle Fundgrube volksArndLichen Materials darftellten und der jüdische Lehrer an ötefeit Dingen nicht achtlos vorübergehen dürfe, sie vielmehr in das Gebiet feiner Lehrtätigkeit einbezrehen müsse. Rege Mitarbeit, die er zur Ausgestaltung bisheriger Ergebnisse erbat, wurde ihm seitens der Mitglieder zugesagt und auch für seine interessanten Darlegungen lebhafter Beifall gezollt. Aus dem Jahresbericht des Vorsitzenden war die Beteiligung der Lehrervertreter an den vorbereitenden Arbeiten für die Reform der kurhessischen Judengesetze von Interesse. Lhrer NeuhauS, Fritzlar, der darüber ausführlich referierte, fand mit seiner Auffassung und den von ihm aufgestellten Forderungen die einmütige Zustimmung der Mitglieder. Recht ausgiebig und lebhaft gestaltete sich die Aussprache über die seit vielen Jahren erörterte Frage des Anschlusses an den Verband der jüdischen Lehrer-vereine im Deutschen Reiche. Die dem „Bund" und .Oeschurrm" angehörendeu gesehestreuen Mitglieder verlangten Vertagung der Angelegenheit. Die von der Majorität geforderte Abstimmung über diese Frage erbrachte mit 26 Stimmen für den Anschluß bei einigen Stimmenthal t urige n die Klärung in dem allgemein gewüusttzten Sinne. Lehrer Pevlstcin, Gndensberg gab den Bericht über die Hilsskasse „Esra". die im laufenden Jahre günstigere finanzielle Erfolge verzeichnen konnte und darum auch größere Beihilfen gewähren könne. Trotzdem fei weitgehende Unterstützung durch Ne Mitglieder erforderlich. Au dem im Dezember tot München stattfiudendeu Beibaudstag wird sich die Israelitische Le hrerlo ickereuz Hessens durch den Vorsitzenden und die beiden Ausschussmitglieder Goms, Ntedera-ula, und Rosenbufch. Bebra, vertreten lassen, während Neuhaus. Fritzlar, als Referent für das Thema aus dem Gebiet der Jugendkunde vorgesehen ist. Tie bis gegen l8 Uhr dauernden Beratungen wurden vom Vorsitzenden mit kurzen Dankesworten geschlossen. Durch den Anschluß an den Verband wird die „Freie Vereinigung jüdischer Lehrer Hessens" die bisher dem Verband schon ange hörte, deren Mitglieder größtenteils aber auch zur Israelitischen LeHrerkonfereniz Hessens zählten, als gesonderter Verein Lufhören und da-mit eine langersehnte Vertretung der jüdischen Lehrer Hessens durch den Verband erreicht sein. In dieser Tatsache liegt das bedeutsame Moment der befchlosienen Zugehörigkeit zum Verband. Königsberg. sBe r«r H t des Waisenhauses.) Das Israelitische Waisenhaus für Stadt und Provinz zu Königsberg hat jetzt seinen Mitgliedern einen Tätigkeitsbericht über die BerwaltungSjahre 1921—1926 in Form einer Broschüre erstattet, der von der überaus segensreichen Tätigkeit, die dieses Institut für die gesamte Provinz Ostpreußen entfaltet hat, Kenntnis gibt. Besonders bemerkenswert ist, daß sich die Tätigkeit der Anstalt nicht nur auf die Erziehung von Waisen und Vollwaisen erstreckte, sondern daß sie auch diejenigen Fälle erfaßte, in denen in einer Familie wirtschaftliche ober moralische Not vorhanden mar. Die Anzahl der im Waisenhaus erzogenen Kinder hielt sichin den letzten Jahren stets zwischen 25 und SO. Dreißig Kinder wurden in der Berichtszeit neu ausgenommen, die an den verschiedensten Schulen — von der Obcrrealschule bis zur Hilfsschule — eingeschult sind. Bei einer Revision durch die Regierung wurde durch den Regierungskommissar besonders das ungezwungene und auf gute Erziehung deutende Auftreten der Kinder sowie ihr WohlauSseHen gelobt. 36 Zög, linge kamen zur Entlassung, von denen sich der größt« Teil dem Kaufmannsftande und et» kleiner Teil der männlichen Zöglinge dem Handwerk widmete, während von den Mädchen sich fünf in kaufmännische oder BureauistellunHen begaben, während sich zwei der Hauswirtschaft widmeten und zwei Kindergärtnerinnen wurden. Bier Zöglinge wurden andern Anstalt«« überwiesen. Ein Teil der in der Lehae befindlichen Zöglinge wird noch heute vom Waisenhaus unterstützt. In den Vorstand traten während der Berichtszeit ne« ein: Kaufmann Nathan Rawraway. Gemeiwderavbiner Dr. ReinHoEd Lewin und Kaufmann Arthur Cohn. Die unterstützten Mttglieber des Waisenhauses Verteilen sich auf die gesamte Provinz Ostpreußen. Königsberg. (Habilitation als P r i vatd oze nt.) Der Oberarzt an der Universitäts-Kind erklinik in Königsberg. Dr. Kirrt Falke «Heim. habilitiert sich an der dortigen Albertus-UniverMät als Privatdozent für Kinderheilkunde. Dr. Kurt Falkercheim ist ein Sohn des bekannten Geheimen MedizinalratS Professor Dr. Hugo Falken heim in Königsberg. deS Begründers der Königsberger Univerfit-äts-KinderkliNik und Bahnbrechers auf dem Gebiete der KtnderHEuNde. der bekanntlich auch im ftidischen Leben eine hervorragende Rolle a>!S Führer der Zentralvercins- Annahme von Bestellungen auf die Jüdisch-liberale Zeitung bei allen Postämtern DeuIsHlands. bewegung im deutschen Osten und als stell vertreten der Vorsteher der Königsberger Synagoge ngemeinde spielt. Mannheim. (Overkantor Neitler gestorben.) Oberkantor Theodor Nettler. dec noch vor kurzem sein ölijähriges Jubiläum als Oberkantor an der hiesigen Hauptsynagoge feiern konnte, ist ganz plötzlich im Alter von 76 Jahren einem Herzschlag, erlegen. Wie es heißt, sollte sich der Verstorbene noch einer Staroyeratiou nuterzielreu. Es scheint, daß die Erregung darüber deu Herzschlag verursachte. Die israelitische Gemeinde betrauert in dem Dahingeschiedenen einen vorbildlichen Lehrer und Erzieher, der ihr mit seinem erhebenden Gesang viele Jahre hindurch die Gottsöienste verschönt hatte. Seine Angehörigen und Freunde verlieren einen Menschen von untadeligem Charakter, einen treuen Freund und Berater. Seit dem Jahre 1922 war Oberkantor Nettler Ehrenmitglied des „Liederkranz" Wiesbaden. iS ynag o gen- I n b i l ä u m.) Die hiesige Syuagogongemeinde. wozu auch die israelitischen Einwohner von Igstadt und Eribercheim gehören, beging am Sonntag den 10. Juli, den hundertjährigen Gedeukta gder Errichtung ihrer Synagoge. Aus diesem Anlaß hat die Synagoge ein neues Kleid erhalten. Auch das Innere ist von tüchtigen Bierstädter Meisterhänden neu Hergerichtei worden. Mit dem Gedenktag war eine kirchliche Feier verbunden, wobei auch die Enthüllung einer Ehrentafel der im Weltkrieg gefallenen Gemeidewitglieder verbunden war. Kleine Zeitglossen. Die rumänische Regierung gegen den Antisemitismus. Bei den dieser Tage Snrchgeführten Parlamentswckhleu in Rnmänien vermochten die antisemitischen Parteien kein e i nz i g e s Ma n d a t zu erringen. Nun darf man Mahlen in den Ländern östlich von Oesterreich nur sehr bedingt als den Ausdruck der V o lk s st i m m u n g werten. Um so uneingeschränkter kann man ihnen die Absichten der jeweiligen Regierung, die die Wahlen „macht", entnehmen. Gerade deshalb ist es sehr erfreulich, daß Mimstcrprüsideut Bratianu. der sich aus den Wahlen eine überwältigende Mehrheit für seine Partei geholt hat, gleichzeitig dem offiziellen Antisemitismus eine solche Katastrophe bereitet hat. Man darf daraus auf den Willen der rumänischen Regierung schließen, dem HakerrErcuzterror endlich entgegenzutreten. Diese optimistische Auffassung wird noch durch folgende „Jta"-Melduug bestärkt: Die Korrespondenz „Radar" teilt mit: Seitens des Innenministeriums wurde bei verschiedenen Fakultäten interveniert, «an den jüdischen Studenten die Möglichkeit zu geben. Me Prüfungen ahzulegen, woran sie durch die letzten, GtudenüemmrUhen gehindert wurden. Diele Meldung wirb von der Korrespondenz As" dahin ergänzt, daß auch das Unterrichtsministerium Maßnahmen ergriffen hat. Latz die jüdischen Stndenten der Medizinisch, n und juristischen. Fakultät an der Ablegung der Prüfung' n nicht mehr gehindert werden. „Musik wir» störend oft empfunden Wie die Jtoo" mittet,lt. hat Sie Israelitische Religio nsgemeinde zu Preß-burg in ihrer Letzten Sitzung beschlossen, die Orgel aus der Synagoge zw entferwen. Der Befchluh erregt in der flftn&ert Slowakei SeträchKWeS Aufsehen: er ist das Resultat eines AMriKen mrmckerbrochenen Kampfes. Len der RaMtner der Gemeinde. Dr. Samuel Funk, Zügl-bm des Storni wen RaEner- Seminar-, «nd feine AichSngerfchaft: in der ©ewdwte geführt haben. Rabbiner Dr. Funk hakte seit Jachrrrr seine Andacht in der Synagoge nicht mehr verrichtet, sondern < schien nur zur Predig LftmEtion. Gr and 400 Gemein glieder erklärten. mm der S ch e der Set bm i gotteSdieast wirkenden Schächter nicht a*t essen «au Fleischbedars bei der Drehburger o rthodv xe n Geme^che zu decken. Dies gab den AuSffchlag für den Beschoß, die Orgel aus der Synagoge zu emtfernen. Diese Pression mit der Schechita erinnert etr an die Anekdote von dem getauften Indem der a lischen Pfarrer am Freitag beim Gemrtz eines — Gänsebratens überrascht und wegen dieser Berßetzmqg freitäglichen Fleischoerbots zur Rebe gesellt, sbch «Lisch. woriet: „Das ist keine GanS. sondern ein — «GL. So wie Sie zu mir bei der Taufe gesagt halbem „Dm> r»nst-«^J«ibe, jetzt bist du Christ!", so Habe ich zu dem Braten «chagt: „Du warst eine Gans, fetzt bis du ein"'Fifcht" Gun^aansog wurde «den libemlen Schächtern von Pretzbnrv gchtzK: „Wenn ihr mit dem Orgelspielen nicht aNMrt. dawr Ptzd alle Koischergänse, die ihr vochchrfftsvE« aeschSchtet Hatz, nur unreines Getier!" Man darf eS den so Bedrohtem-Sächt ttbelnehmen, wenn sie es aus die goheimnrisvMe Bevrmurtzlung ihrer gottgefälligen Gänsegriebe« tn sünkchasteoSchrveknskoteletts. eine Metamorrchose, die an die tiessien MyKerteN des Weltgeschehens gerührt hätte, nicht ankymmon. Die Berliner „Deutsche Tagesz ei,tu NH"'Hvt-'iHven Lesern &d oculos demonstriert, wie lächerlich Sie>vvnrOatz diktierte Methode ist. aus dem Schrifttum einer MUengemeinschaft mit Gewalt ungünstige CharcWereisenschaften diciser Gemeinschaft zu folgern. Da hat in dem dcutschgeschriebenen Prager Regierungsorgan ein FenDetonist den Versuch gemacht, aus deutschen KlassikerFÄaten die — lleptomanische Veranlagung der Deutschen sestzustellen. Unter den für diesen edlen Zweck anseyogenen Stellen findet mau auch die Schillerschen Verse, in bsnen Wilhelm Tell beischrerbt, wie er als Gesiarvgener ans dem SchiMein nach seiner Armbrust ^schielt" und sich dieser schließlich bemächtigt, obwohl sie. wie der tschechische Lkberat entrüstet kommentiert, .-behördlich beschlagnahmt" war. Das deutschnationale Berliner Blatt mokiert sich mit Recht über die geistige Höhe solcher ArgmnenM. In uns Juden ist aber das Gefühl für deren Komik schon einig ermaßen avgestmn-pft. Sind wir es doch gewohnt, unser religiöses Schrifttum tagaus tagein im selben ^Geiste" komurentiert sn sehen. Wenn die Deutschüationalen sich von dieser Methode, die erst dieser Tage wieder völkischen Schriftleftern m Bamberg eine gerichtliche Niederlage eingetragen Hat, angeankdert fühlen, müßten sie 'daraus die Konsequeivz ziehen: »Was i du nicht willst, daß man dir tu. daS füg' auch keinem andern! zu!" Mer dann hätten sie sich ein gut jÄtb ts che s-Prinizip , zu eigen gemacht — und daS hieße denn doch, -ihnen zuviel zuzumuten. Das Fiasko der zionistischen Sportbeweg^rs. Zur.gleichen Zeit, da die recprUen»atttOe südische-Sportz Vereinigung der Welt, die Wiener ^H<a-doach" von--einer Amerikatournee rühmurud d o -H a rbeladen in ihre Heimatstadt zurltckkommt, muß tn derselben Stadt der größte jüdische Amateur fportverein, die ^Kadtmah", den Ftchballbetrieb einstellen. Beide Wiener Vereine, der Prvfessivnalklnb „Hakoah" und der LiobhabersporMub sind zionistische Organis-atio-nen, und es ist sehr lehrreich. daß der zionistische GeschWSWub, der mit jüdischen, aber aus allen Ländern der Erde Mammengewürfelten Akrobaten einträg-liche Zirkusgasispielreisen vevaustaltet, floriert, während jene Parteisvorbklnbs, die das rein ideale Ziel versosgen. den heimischen jüdischen Nachwuchs zu stählen, dieses wirklich im jüdischen Interesse liegende, zugleich aber auch patriotische Ziel nicht erreichen begnügen mit leichtem Spiel. Kampf und Sieg allein ist des Lebens heiterstes Ziel." Und darum lächeln diese „Stillen" über das Mitleid aller Fremden, und darum gleitet all ihr Flüstern und all ihr Tuscheln und Gerüchtcln ganz gleichgiltig an ihnen ab. Voll Hoheit und voll tiefsten Friedens, durchaus erfüllt von dem Bewußtsein der innnern Kraft und innern Reinheit bedauern sie all jene Kleinen, die nichts von ihrem Glücke wissen, die. unbekannt mit ihren Kämpfen, als Richter vor sie treten möchten. Und es ist nicht etwa der Hochmut, wenn sie all seuen Nengierigen, die gerne in sie dringen wollen. Verschlossenheit cntgegenstclten. Nein, das, was andere Hoa-mut nennen, ist ja doch nichts als der Entschluß, das Tiefste und das Allerletzte erst daun vor Menschen anszubreiten, wenn nichts mehr davon mißverstanden und mißgedeutet werden kann, nichts mehr den inneren Frieden stört. Doch kommt einmal der Tag heran, an welchem sie ihr Schweigen brechen» dann sehn die andern vielleicht doch: cs lebte in dem arg Verkannten und in dem leichtfertig Geschmähten, den zwar nach außen Leidvollen so viele Kraft und so viel Größe, so sehr viel Sturm und Leidenschaft. daß all die kleinen, lauten Seelen dagegen ganz verstu.mmen müssen. Hat jene stets ihr Gott geleitet, so führte sie ein Menschcntrieb. lind darum konnten sie nicht ver- Üeheu, daß jene immer vorwärts blickten, daß sie nicht einmal um sich sahen, die Viclzuvielen nicht beachtend, die sie in ihrem Rücken wußten, auf jeden Schritt der Stillen lauschend. Ja, es gehört zum wahren Frieden die echte, rechte Gotteskraft, die demütig und stolz bekennt: „Was du vor dir nur bist, entscheidet. Der Spruch der Welt, du Heber Gott, geht heute hü und morgen hott, und ob sie dich mit Purpur kleidet — für das, was einer litt und leidet, ist all ihr Purpur Fastnachtsspvtt." Was du vor dir nur bist — dem wahrhaft Religiösen aber kann ja nur vor der Seele stehen, was ewig gut und ewig schön, er kann ja nur die Bitte kennen, die alles, was wir' hier gesagt, so kurz und tief zusammenfatzt: „Der Ewige wende sich dir zu und gebe dir — Frieden." II. Zu den geheimnisvollsteu Dingen im Menschenleben gehören Geburt und Tod — ehedem wie heute. AuS unergründlichen Tiefen heraussteigend, sind sie ein Symbol menschlichen Wesens, seiner gottähnlichen Schöpferkraft, seiner menschlichen Ohnmacht. Tie Geburt eines Menschen ~ was ist sie anders, als jedes Entdecken und jedes Erfinden: jeder Schritt, den wir nach vorwärts in die Zukunft tun. anders als ein Schleierwegziehen von bis dahin Verhülltem, ein Vorhangzurückschlagen vor bis dahin Verborgenem. Freilich die Geburt ist noch viel mehr: ein Bauen ist sie an der Ewigkeit, ein Anknüpfen an die Unendlichkeit, ein Festigen und Sichern des Menschengeschlechts. Und doch, so heilig das alles ist, so groß, so wunderbar, so überwältigend — es kommen doch Stunden in ünserm Dasein, die uns gar seltsame Fragen aufzwtngeu: die Menschen wissen doch, daß das, was sie lieben, was ihnen einst zum Glück werden svll — sie wissen, daß ja auch diesem Leben der Tod als Grenze vorherbestimmt ist, sie wissen, daß sie sich einst von ihm trennen, sie wissen, daß zwischen Leben und Tod eine Fülle von Schicksalsmöglichkeiten liegt, wissen, daß oftmals die Mutter selbst die Geburt des Kindes mit dem Leben bezahlt, wissen, daß nur gar wenigen Menschen Anteil an Glück und Freude bestimmt ist! Und doch dieser Mut, Schicksal zu spielen, und doch dieses Einsetzeri eines Lebens, und doch dieses Wünschen immer wieder und Hoffen, und doch dieser Glaube, daß auch dem Kinde das Leben einst so sehr lebenswert scheint wie den Eltern selbst und ihren Ahnen! Und dann kommt das Kind, und dann steht es da und ist den Kämpfen gar nicht gewachsen, den Kämpfen um Leben, Schicksal und Glück, steht da und wird so oft überwältigt von dem, was häßlich an dieser Welt, von dem. was Not heißt, Unglück und Jammer, von dem. kurz, was man das Weltleid nennt, steht da mit jener erschütternden Frage, die wie eine furchtbare Anklage klingt: „Weshalb habt ihr mir das Leben gegeben? Wie konntet ihr wagen, Schicksal zu spielen? Warum habt ihr mir diese Last aufgebttrdet? Warum habt ihr mich — zu sterben gezwungen?" Sagt nicht, so fragt ja kein junger Mensch, und jedes Kind lacht, sobald es nur lebt. Ach nein, so hat man schon oftmals gefragt, und selbst, wenn es Kinder niemals tun würden — Eltern sollten stets daran denken und gerade aus Liebe zum Ungeborenen, gerade um seines Glückes willen! Gerade um seines — Friedens willen. Doch freilich, wir können uns nicht dabei beruhigen, derarttge Fragen aufzuwerfen, die Seelensicherheit aufzustören, ohne der Seele den Frieden zu geben, der eigenen Seele und der des Kindes. Aber Frieden nicht mit dem Hinweis darauf, daß das Wagnis der Geburt meistens gelingt, daß die Menschheit von heute ja gar nicht da stände, wo sie kulturell angelangt ist. hätten nicht einzelne unsterbliche Geister die Welt so gewaltig vorwärts gebracht. Nein, jeder von uns hat Anspruch darauf, gerechtfertigt daznstehn vor sich selbst, wenn er ein Schöpfer im kleinen wird,' ein jeder hat Anspruch aus seinen Frieden. Und jedem sollen wir deshalb sagen: einjettig ist. es darüber zu klagen, daß dem Leben der Tod gegenübersteht — auch Glück ist nicht ohne Sterben möglich! „Wer leben will, der töte sich" — das ist ein Wort alkjüdischer Weksheit und mahnt zunächst zur Selbstitberwindung. Aber es li^t doch wohl mehr darin. Wer leben will und da-bei glücMch sein, der ringe sich durch zu der Erkenntnis — «nd das heißt ja, er „töte" unmögliche Wünsche —: es gibt kein Satksein ohne ein Fasten, es gibt kein Genießen ohne ein Huugern. dieweil ja ke i n Glück — natürlich das innere — in ganzer Vollkommenheit möglich ist. Wir wünschen uns freilich stets „alles Gute" — und doch ist es Tragik, daß gerade allen Guten nie „alles G-ute" beschieden sein kann! Denn wenn ihnen selber auch gar nichts fehlt, das Weltleid steht immer wieder ans und verdüstert doch immer Freude und Glück, ja soll uns hindern an unserem — Frieden. Uu>d gilt denn nicht gleiches auch für die Kultur? Ja, wollen wir die Welt nicht völlig verneinen, wollen wir selber ein Teil von ihr sein, wollen wir Entwicklung und wollen wir Reifen, wollen wir Fortschritt und höheres Sein, dann muß uns das Wort noch einmal ergreifen: „Wer leben will, er töte sich." Wir müssen ausgeben, wo wir geglaubt, müssen begraben, was lange bestand, müssen uns trennen, wo wir vereint, müssen entsagen, wo wir geliebt. Nicht nur da draußen im Reich der Natur, auch im Reich der Seele und dem des Geistes gibt es kein Blühen ohne Vergehen, gibt es niemals kampflosen — Frieden. Und damit füllt die Verantwortung von uns, daß wir einem Menschen das Leben erschließen, ohne ihm damit das Glück zu eröffnen. Wir können nichts anderes als vorbereiten — uns unld damkt ja auch das Kin-ö —, in tiefster Tiefe dem Schicksal begegnen und das Ergebnls bann zitternd erwarten. Daß aber das Erche deS Le-beuS der Tod — auch das braucht uns nun nicht mehr zu erschrecken. „Wer leben will, er töte sich" -- zum drittenmal spricht dieses Wort zu uns und verkündet melleicht mrn deS Themas „Schluß". So seltsam es klingt. eS ist doch wahr und ist durchaus religiös gefühlt: es gibt ein Glück. daS nur möglich ist, sobald wir daS Sterben hinter uns haben — nicht das Glück, das man das „Jcn erts" nennt. Nein, jenen überirdischen Zustand, der wirklich Glück genannt werden muß, restlos vollkommenes, herrlichstes Glück, den Zustand, bet nie auf Erden erreicht wirb, der uns nur als „Verklärten" beschieden ist. da wir r estloser Geist und r estlose Seele, r ostlo S ungetrübte Idee, gar nichts mehr von dem Weltleid wissen »er» wirklich das „bessere" Leben genietzen. wirklich m „Gott ruhen und ganz drum im — „Arieben".;