Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 7 (1927)
- Issue
- 28 (15.7.1927)
- Date
- 1927-07-15
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Stellvertreter, während die jüdische BELpartei nunmehr Niir mit einem Oicpräfentanten in das Gemein deparlament ein?,iel>en wird. * * * -hierzu wird uns noch folgendes geschrieben: »Die Jüdische Vottspartei hat den Wahlkamps mit maßloser Erbitterung und Gehässigkeit geführt. Neu zu wählen waren fünf Repräsentanten und zwei Stellvertreter. Die in dem »Wahlvorschlag Back" vereinigten Liberalen und Konservativen hatten der Bolkspartei einen Repräsentanten und einen Stellvertreter zugeftehen wollen. Das genügte diesen Herren nicht; sie verlangten zwei Repräsentanten und zwei Stellvertreter und eröffneten. da ihnen baS verweigert wurde, den Wahlkampf, deffen Ergebnis für sie noch ungünstiger ausfiel als der ihnen angevotene Kompromipvorschlag: sie erhielten nur einen Repräsentanten und keinen Stellvertreter. Lehrreich ist, daß der Wahlredner, den die Volkspartei sich hatte kommen lassen. Herr Moses Waldmann von der »Jüdischen Rundschau" in Berlin, bei seiner Rede in Gelfenkirchen zum ersten Mal die Jüdische Volkspartei offen als eine zionistische Partei bezeichnete, während sonst, z. B. bet den Wahlen »mn Landesverband, bet den letzten Berliner Wahlen und anderwärts, die Jüdische Volkspartei bekanntlich stets den mißglückten Versuch gemacht hat. sich als neutrale, d. h. auch aus nichtzio. nistischen Kreisen des jüdischen „BolkeS" sich zusammensetzende Partei auszugeben. DaS Flugblatt. daS diese Partei in Gelsenkirchen herausgegeben hat, wirst ein grelles Licht auf die KampfeS-weife dieser Partei. In ihrem Flugblatt bezeichnet sie die Kandidaten der Gegenliste als Vertreter „der hofnungslosen Resignation und der bedingungslosen Assimilation, Vertreter des „Liberalismus", der das jüdische Heim entjnbete, die einst in Deutschland blühenden Lehrhüuser zerstörte und verödete, die Synagogen leerte und die jüdische Eigenart verwischte. Die stark betonte Förderung des „religiösen Lebens, der religiösen Interessen und des religiösen Wissens ist auf die jüdischen Begräbnisstätten beschränkt!" Die Herren haben ihre Quittung erhalten. Die vereinigten Liberalen und Konservativen veranstalteten eine Wahlversammlung. zu der Herr George Goetz aus Berlin als * Redner gewonnen war. Der Vortrag wurde ein Ereignis fü Gelsenkirchcn und hat seine Wirkung getan, indem er auch die sonst Lauen und Indifferenten ausrüttelte und an die Wahlurne brachte. Zum ersten Mal haben 58 Prozent der Wähler an der Wahl teilgenommen. Die „Gelsenkirchener Zeitung" schreibt in ihrem amtlichen Bericht vom 12. Juli folgendes: „Die Wahl 'der Synagvgengemeindevertreter am Sonntag, den 1<1. Juli, wurde zum ersten Male nach den Grundsätzen des allgemeinen Verhältniswahlsystems getätigt. Es hatten sich zwei Parteien gebildet mit eigenen Kandidaten. Während die eine Partei sich wohl in der Hauptsache aus Mitgliedern rein deutscher Herkunft zusammensetzt, sind die Anhänger der andern Partei gemischter Abstammung — meistens Ausländer. Der Wahlkampf unter den Parteien war sehr heftig, wenn er auch nach außen weniger zu Tage trat. Die Wahlbeteiligung betrug 68 Prozent. Es wurden für die Repräsentanten 276 und für die Repräsentanten-Stellvertreter 270 gültige Stimmen abgegeben. Von den Stimmen entfielen für die Repräsentanten ans den 1. Waylvorschlag „Jüdische Bolksvartei" 85 Stimmen. auf den 2. Wahlvorschlag „Back" 101 Stimmen und für die Stellvertreter auf den 1. Wahlvorschlag „Jüdische Volkspartei" 83 Stimmen, ans den 2. Wahlvorschlag „Back" 187 Stimmen." Wie schon bemerkt, ist das "Ergebnis: Bier Repräsentanten und zwei Stellvertreter für uns und nur ein Repräsentant für die zionistische Volkspartei. Das Ergebnis und die Wahlbeteiligung.von fast 60 Prozent ist um so bemerkenswerter, als die Wahl in der Reisezeit erfolgte und eine große Anzahl der liberalen Wähler auswärts in den Bädern weilt. Der Ausgang der Wcchl zeigt, daß, wenn die Zionisten einen vernünftigen Kompromiß-Vorschlag nicht annehmen wollen, man dem ausgezwungenen Wählkampf nicht aus dem Weg zu gehen braucht, führt man ihn mit dem nötigen Jnteresie und läßt man's auch an gründlicher Vorarbeit nicht fehlen, so bleibt der Erfolg nicht aus." Berlin. (Vom Preußischen Landesverband.) In voriger Woche trat der vom Wohlfahrtsausschuß des Preußischen LandesvcvbandeS jüdischer Gemeinden eingesetzte Unterausschuß für Bevölkerungspolitik unter dem Vorsitz vor» Frau Wronsky-Berli» zusammen. Als wichtigster Punkt der Tagesordnung wurde der von Herrn Sanitätsvat Dr. Pcnscr und Frau Wronsky ausgearbeitete Entwurf eines Flugblattes durchberaten. das tu großem Uin>fauge an weiteste Kreise der jüdischen Bevölkerung verschickt werden und Aufklärung über die bevölkerungspolitischen Gefahren, die das Judentum bedrohen, bringen soll. Ein zweites von Herr» Dr. wed. Dheilhaber entworfenes Flugblatt, das mehr wiffenschaftlichen Charakter trägt, soll zu einem späteren Zeitpunkt, besonders in Rabbiner- und Lehrerkreisen verbreitet werden. Der Ausschuß war sich darüber einig, daß eine sofortige Aufnahme der Arbeiten mit aller Energie eine dringende Notwendigkeit ist. wen» den derzeitigen bedenklichen Verhältnissen abgeholfen werden soll. Besondere Beachtung verdient die von Herrn Dr. Theilhaber mitgeteilte Sterblichkeitsziffer unter den Juden, welche die Geburtenzahl um jährlich 3000 übersteigt. Der SlusMttz wird demnächst zu weiteren Beratungen zusammentreten; die Herstelluna! des FlugbkatteS soll inzwischen so gefördert werden, daß die Verbreitung noch vor den Herbstferien erfolgen kann. Berlin. (Das jüdische Heim in WyL) Bon dem Vertrauensarzt für das Wyker Heim dejüdischen Frauenbundes. Dr. Rudolf Neumann, werden wir um Beröffentlichung folgender Zeilen gebeten: In dem Tätigkeitsbericht der Jüd. Tuberkulosefürsorge, der vor einigen Wochen an dieser Stelle abgedruckt war. wirb das neue Wyker Kinderheim des Jüdischen Frauenbundes als Heim für tuberkulöse krank« Kinder bezeichnet, wodurch Mißverständnisse hervorgerufen wurden. Zur Richtigstellung mutz folgendes gesagt werden: Die Nordsee ist für Lungentuberkulose absolut ungeeignet, schon aus diesem Grunde können Lungenkranke in Wyk überhaupt nicht ausgenommen werben. Ausgenommen werden in erster Linie nur sogenannte tuberkulosegefährdete Kinder. d. h. solche, deren schlechter Gesamtzustand «ine Tuberkulvsebereitschaft befürchten läßt, oder in deren näherer Umgebung sich ständig Tubevkuilos>-Grkrankte befinden. Ferner finden Aufnahme in Wyk sogenannte skrofulöse Kinder und gelegentlich solche, die leichtere Formen von Drüsen- oder Knochentuberkulose zeigen, bei denen aber eine Ansteckungsgefahr ganz ausgeschlossen ist. Jeder irgendwie anfteckungSfähtge Fall wirb unbedingt abgewiesien, wofür zunächst die erste ärztliche Untersuchung auf Grund der festgesetzten Ausnahmebedi-ngungen, dann die genaue vertrauensärztliche Durchsicht der einzelnen Aufnahmeatteste und drittes schließlich noch der leitende Arzt in Wyk sorgt. — Bet dieser Handhabuna ist es deshalb ganz unbedenklich, falls dringende Fülle nicht vorliegen, einzelne Müder mit Asthma oder immer wiederkehrenden Katarrhen, die für das Nordfeeklima besonders geeignet sind, im Heim unterzubringen. Es sei zum Schluß nochmals betont. daß ansteckungSfäh ige Kinder im Heim nicht ausgenommen werden. Dresden. (Besuch des Weltpr äs identen des Ordens B'nai Brit h.) Als erste deutsche Stadt des Binnenlandes besuchte der Präsident der Weltorganisation der Mnai Brrth«Logen, Mr. Alfred M. Cohen aus Cincinnati, die Hauptstadt Sachsens. Aus diesem Anlaß veranstaltete die Dresdner Fraternitas-LogeU. O.B. B. im großen Saal des LogenHekmes eine Festsitzung, der «ine größere Anzahl von Vertretern auswärtiger Loden u. a. aus Chemnitz, Leipzig, Plauen. Breslau. Königsberg beiwohnten. Logenpräsident Rechtsanwalt Saling er betonte in seiner Begrüßungsansprache. daß die Anwesenheit des Weldpräftdenten die deutschen Logenbrüder m dem Glauben an die Menschherts- und Eintgkertsgedanken des B'nai Brith, an die Verbrüderung über den Ozean hinweg bestärke. Der Besuch werde dazu beitragen, di« heimische Ordenstätigkeit zu beleben. In seiner Antwort gab der Weltpräsident «in Bild vvn dem Wesen und der Bedeutung der amerikanischen lt O. B. B.-Logen. Anschließend fand ein Festmahl im Hotel Bristol statt. Der folgende Tag brachte den Besuch des Ferienheims Oberrochwitz, wo Gemeideverordneter Max Lesser den Wel-tpräfidenten im Beisein der auswärtigen Gäste, von Damen deS Schwefternvereins der Fraternitasloge und sonstigen Gemeindsmitgltodern in englischer Sprache begrüßte. Der oberste Würdenträger des jüdischen Logenwesens erwiderte darauf mit anerkennenden Worten für die ihm in Dresden auf dem Gebiete der jüdischen Wühltätigkeit gezeigten Leistungen. Nicht minder lobend sprvch sich der Weltpräftdent Über die Eindrücke aus. die er bei «tnvm Besuch der Sächsischen Schweiz und bei Besichtigung der großen Ausstellung „Das Papier", der dieSfommerlichen „JahreSschau Deutscher Arbeit", empfing. Gberbach. (Pensionierung.) Der Kantor und Lehrer der hiesigen israelitischen Kirchengomeinde. Abraham Frohmann. tritt nach 26jähriger erfolgreicher Tätigkeit aus Gesundheitsrücksichten kn den Ruhestand. Die Gemeinde verliert in dem Schetdenden eine wertvolle Kraft, die ihr seelsorgerifches Amt mit besonders seinem Gefühl versah. Die gegenwärtigen und ehemaligen Schüler haben eine besondere Ehrung für ihren Lehrer vorgepehen. Hannover. (Die Arbeit des Wohltätigkeit^- vereins.) Am 1. Juli hielt der Wohltätigkeitsvcreiu seine Vereinsversammlung ab. Dem Rechenschaftsbericht ist zu entnehmen: .Der Verein verteilte im Laufe des verflossenen GeschästSjahres über 600 Wkrtschafksbethilfen in monatlichen Raten an' Kranke und' alte Bedürftige, 180 Wirtschaftsbeihilsen in morratlichen Raten an Kleinrentner, ferner über 400 einmalige Unterstützungen, darunter 00 Beihilfen als ErholungSzuschüsie für bevusstätigz Männer und Frauen, 50 Beihilfen für Kranke in Krankenhäusern. 52 Rezepte. 12 medizinische Bäder, 107 Beihilfen zu Rauschhaschono und Pessach, Zuschüsse zur Anfertigung für Bettwäsche für Kranke. Außerdem überwies der Verein Beihilfen an die Krankenschwesterstation der Zionloge und an die ZentralwohlstchrtSstelle. — Im Jahre 1936 wurden 26 Männer, 85 Frauen und 4 Kinder beerdigt. Nach auswärts überführt wurden vier Leichen." De» groben Ausgaibvn (u. a. Unterstützung an Einzelpersonen 7503,70 SR.; Aerzte, Bäder. Apotheken 3402.60 M.) steht an Einnahme an Müglieüsbeiträgen die verhältnismäßig geringe Summe von 5822,50 M. gegenüber. Es wurde beschlösse«, an die zahlungsfähigen Gemeind«Mitglieder, die bislang noch abseits stehen, mit der Mibe heranzutreten, Mitglied des Vereins zu werden^ da es ihm sonst unmöglich ist. seine segensreiche TMgkeit in gewohnter Wels« fortzusetzen. Die turnusmäßig ausftheidendeu Herren Alfred Fucrst (Vorsteher), Paul Goldmann und Rudolf eHrzberg (Beisitzer) wurden einstimmig durch Zuruf wredergewÄhlt. Der Verein feierte in diesem Jahre fest» 165Mriges Bestehen. Frankfurt a. M. (Kantoren Ladung.) Der Allgegemeine deutsche Kantoreuverband Hatte seine Mitglieder zu einer Generalversammlung nach Frankfurt a. M. eingeladen. hauptsächtch, um eine endgültige Fassung der Statuten der Bereinigung zu formulieren, aber auch, um ihnen Gelegenheit zu geben, die außerordentlich reichhaltige Muftkausstellung zu besuchen und ihnen im Rahmen mehrerer Konzerte alte und neue jüdische Musik vorführen zu lassen. Aus allen Teilen Deutschlands waren Kantoren erschienen, insgesamt ca. 60, aber daneben auch Chorleiter und sonstige Interestenten. Die SyNagogeugenveinde Frankfurt am Main hatte es sich nicht nehme» lasten, die Teilnehmer der Tagung als ihre Gäste zu bewillkonrmnen und zu bewirten. Im Mittelpunkt der Beratung standen die Statuten. die nach dem Vorschlag des Ausschusses und dem Referenten Atav Kaiser-Berlin mit wenigen redaktionellen Aenderungen Annahme fanden. Eine Fülle von Anregungen für die ideelle und materielle Förderung des Standes wurden gegeben. Den Höhepunkt der Veranstaltungen bildete das ganz ausgezeichnete Referat des Oberkantors Emamrel Kirschner-München über das Thema: „Die historische Entwicklung des 'Synagogengesanges unter Berücksichtigung des süddeutschen Ritus." Dieser Dortrag wird im Verbandsblatt zum Abdruck gelangen. An den. musikalische» Darbietungen beteiligten sich der Mannheimer und Münchener Synagogenchoc, drei Chöre der israelitischen Gemeinde Frankfurt und die Kantoren Alter-Hannover. Fleischmann, Groß, I B. Levy, Scheuermamr und Saretzki-Franksnrt. Allgemein wuvde bedauert, daß nicht einer der trefflichen Berliner Chöre und Kantoren zur Mitwirkung aufgeordert worden waren. Den Teilnehmern an der Kantorenta-gnng wurde zum Schluffe durch einen Vortrag des Prosestors Dr. Julius HMsen-Frantturt und die Führung durch den alten jüdischen Friedhof ein hoher Genuß bereitet. Kassel. (Beisetzung.) Montag Vormittag fand unter außergewöhnlicher Beteiligung aus allen Kreisen der Bürgerschaft. insbesondere von Vertretern der Ba«ken. des Handels und der Industrie die Beisetzung des verstorbenen Kommersenrais Moritz Wertheim aus dem israelitischen Friedhof in Betten hausen statt. Landrabbiner Dr. Walter entwarf an der Bahre ein anschauliches Bild von der schlichten, arbeitsfreudtgen Persönlichkeit des Entschlafenen, den nicht nur Hohe geistige Eigenschaften, sondern auch freundliches Wesen und rein menschliches Empfinde« auSzeichneten, der sich darum treues Gedenken in vieler Herzen gesichert Wbe. Namens Ser Stadt legte Oberbürgermeister Dr. Stadler einen Kranz mit Schleis« in den Farben der Stadt nieder, um dadurch dem Danke der Stadt Ausdruck zu geben, den sich der Verstorbene als Stadtverordneter erworben hatte. Kassel. (Lehrer tagnng.) Die 56. Jahresverfa-mmlnng der Israelitischen Lehrerkonferenz Hessens fand am 4. Juli im Hotel Meier zu Kassel statt. Lehrer Schaumberg. Neukrrcken. er öffnete 10 Uhr vormittags die von etwa 50 Mitgliedern und mehreren Gästen besuchte Tagung und widmete allen Anwesenden herzliche Begrüßungsworte. die insbesondere den Vertretern der Borsieheränrter der Jsra- Frieden. Vvn Rabb. Dr. Gattschalk, Frankfurt a. M. l. In dem Buche „Das einsame Land", das ein Rabbiner schrieb, lesen wir unter «der Ueberschrift „Mütterchens Stube" folgendes: „Kleines, trautes Stübchen, du bist das größte Heiligtum der Welt. In dir hat sich mir einst GotteS Liebe offenbart. In deinem Raume war mir die große Seligkeit be schieden, in die sanften, frommen Augen meiner Mutter Slicten au dürfen. Hier ist der Tisch, dort ist der Stuhl. Auf diesem Stuhle saß sie, und ich saß ihr gegenüber. Ihr seelenvoller Blick ruhte <mf meinem Angesicht. Traulich ging die Rede von Mund zu Mund. Bei dem Klang ihrer süßen Stimme schwieg der Kampf, der in meinem Herzen tobte. Bei ihrem milden Augenaufschlag verklärt« neuer Hossmlngsqlanz mein Leben. Bor ihrem Zauberblick glätteten sich die hochgehenden Wogen, die mein L«ibenSschiff hin- und hcrwarfen. In ihrem Umkreis war Ruhe und Friede." Wohl dem, dem diese Schilderung mehr als Dichtung ist. Wohl dem, der es kannte und der es kennt, was diesen Sohn hier einst erauickte: das trauliche Stübchen, den Lebens« frieden. Wohl ist auch äußerer Friede viel, aber wie wenig, das sehen mir erst ein, wenn er uns den inneren Frieden nimmt, wenn wir persönlich betroffen werden. Denn das Wichtigste bleibt im Grunde doch das. was unsere eigne Seele berührt. Es ist nicht Selbstsucht, die also spricht und ist nicht Gleichgültigkeit gegen den andern. Aber alles Aeußere und selbst das Scl)werste — Lenken wir an Len furchtbaren Krieg -- es geht ja schließlich einmal vorbei, es ist die Sorge von Tausenden, jeder hilft mit, daS Unglück, zu tragen. Wie anders bei unfern persönlichen Gorgen, persönlichen Schmerzen, persönlichen Leiden! Wie anders bei unserm innern Unfrieden, inneren Quälen, unserer inneren Spannung. Da handelt es sich ja um unser Selbst, um die Gestaltung unsres Lebens, um Dinge, die richtung- und wegweisend sind, da wissen wir oft nicht, wann kommt das Ende, dg sehen wir nicht, wo ist das Ziel, da stehen wir meist ganz ans uns selber, La hilft uns fast niemand und kann eS auch kaum, ja fragt uns erst gar nicht, wie wir auch ihn nicht — und doch gehts dem andern vielleicht so wie uns, und einen Wunsch nur haben wir beide, den Wunsch nach Ruhe, nach Levenoglück, nach Lebensfreude, nach stillem Frieden. Denn cs ist schön, das zu besitzen, was wir im „Einsamen Land" gelesen: „Das traute Stübchen", dieses größte Heiligtum der Welt", wo nicht nur die äußern Sorgen schweigen, wo vor allem der innere Mensch sich ausleben und betätigen kann, wo man nicht vor der Zeit altert und müd wird, schwach und matt und lebenSverdrosten. Glücklich vor allem immer die Jugend, die in so traulichen Stuben aufwächst, Eindrücke dort in sich aufnehmen darf, die auchdas flutende Leben niemals verlöschen und wegspülen kann. Da singt man denn gern in späteren Jahren: „In meines Lebens wilde Stürme bricht oft ein Friedensklang herein, da mutz ich dein, o Mutter, denken und alle Schmerzen schlafen ein. Und mir aufs Haupt wie einst vor Jahren legst lirrde deine Hände du. und mich umfängt wie Mntterseaen ein Ahnen ew'ger Sabbatrnh." Ob man wohl diesen innern Frieden sich selber bereiten und schaffen kann? Zu einem Teile sicherlich: wenn man sich von kindischer Klage freimacht, die Menschen Unzufriedenheit nennen, wenn man die Augen nicht absichtlich verschließt vor dem, was man an innern Besitztümern hat, vor dem, was man kann, leistet, erreicht. Doch freilich, das alles mag sein oder nicht, zum inneren Frieden reicht es nicht aus oder braucht es nicht immer auszureichen. Denn es ist ja auch hier wie mit so vielem andern: Friede ist etwas Persönliches. ES ist natürlich schon beinah töricht, ist eine Anmaßung und fast Ueberhebung, wenn ich vom eignen Standpunkt aus das Friedensbedürfnis eines anderen Menschen abschätzen und ihm etwa vorschreiben will. Da, wo ich überfließe vor Glück, kann der andere noch immer unglücklich sein, da, wo ich viel brauche, braucht er vielleicht wenig und wo ich wenig brauche, braucht er vielleicht viel, um zu dem inneren Frieden zu kommen! der eine hat morgen bereits vergessen, was ihm dar Leben heut angetan, der andere leidet und stöhnt darunter, solange er eine Erinnerung hat. Ob unser Schicksal und unser Wesen, ob unsere Erlebnisie und unsere Art sich ausgleichen oder im Widerspruch stehen, das ist eS, was unseren Frieden bedingt. In jener Schilderung, mit der wir begannen, lesen wir weiterhin folgendes: „O souvige, selige Zeit! Das ist nun alles vorbei. Stehe ich jetzt oben an der Schwelle des Stübchens, dann krampst sich mir das Herz vor Sehnsucht und Bangigkeit zusammen. Alles gemahnt mich an sie, und doch ist sie cfort. Dort ist ihr Platz, aber ihr Platz ist leer. Das Feiirr im Herde ist erloschen. Im Stübchen herrscht Graun und Totenstille. Sie haben mein Mütterchen in einen Sarg gelegt, ach, ihre Lichtgestalt in einen schwarzen Sarg. Sie haben die Sonne z« Grabe getragen." Das aber ist's, worauf es ankommt und was das Leben von uns fordert: Sonnen zu Grabe tragen und doch das Jriedenswort begreifen „sei stille in Gott". Das muß das EndergebrttS sein all dessen, was daS Leben bringt. Wenn man es immer wieder sah, wie unser Hoffen doch durchkreuzt wird, wie überall ja doch ein Rest bleibt, eine Gebundenheit und Leere, wenn man berechtigt ist, zu flüstern: „Uns allen hates gelogen, uns allen hat es betrogen das sonnige Märchen vom Mück", dann wird man scheu gegen daS Leben und zaghafter in seinem Fordern und maßvoller in seinem Wollen, bescheidener und genügsamer, zufriedener und dankbarer. Man flieht dann jene lauten Menschen, die immer nur vom Glücke reden, weil sie das Glück nicht in sich fühlen. Man meidet dann die lauten Stätten, an denen Glück uns vorgetäuscht wird und vorgcspiegelt, vorgemacht und geht lieber zu jenen andern, die auf das Glück still warten können. Man darf in solchem Fall nicht fragen, wer ist der Glücklichere von beiden? Wie einer ist. so ist sein Glück und so sein Friede. Und jeder von uns hat das Recht, ja jeder von nnö hat die Pflicht, sich die Gefährten auszuwählen, welche zu seinem Glück gehören. Stur wenig von dem Leben wollen und auf das Wenige warten können, das macht uns still, es führt znm Frieden. Zum vollen Friedev freilich nur. wenn wir das Wort noch weiter hören, „sei still in G o tt". Sei still in deiner Gotteskraft, die tief in deiner Seele ruht, sei still in deiner Seeleukraft. Sei still, heißt das, und doch nicht müßig, sei still vielmehr in dem Bewußtsein, daß du noch Hoffnung in dir trägst, Haß du dich niemals unterwirfst, nie blind und willenlos ergibst, daß keine Kraft in dir gelähmt und keine Freude je gedämpft ist. Nein, unser höchstes Lebensziel mutz in uns um so lauter sprechen, je stiller wir nach außen sind. Man täuscht sich oft in solchen Menschen, die gar so still und schweigsam sind, nicht gerne üon sich selber reden und ihren Plänen, ihren Zielen, man traut ihnen fast niemals Kraft und niemals Fähigkeiten zu, Entschlüsse tapfer durchzuführeu, ja, man verkennt sie oft so sehr, daß man sie leicht in ihrem Ernst und ihrer Selbstgenügsamkeit unglücklich nennt, bedauernswert und weiß doch nichts — von ihrem Frieden. Ach gar nichts wissen die davon, die also oberflächlich reden, daß man an seinem Glücke leiden und dennoch sein Glück lieben kann. und. ach. sie können sich nicht denken, daß dieses Aufspeichern der Gluten, die in uns lodern, in uns glühen, zugleich doch Last und Lust sein kann. Ach, sie verstehen es ja nicht, daß, wenn man auch zuweilen müde, so müde wird an diesem Leben, man dennoch dieses Leben liebt, weil man bte Zukunft in ihm liebt. „Gey es. wie es geh, nur nicht im Hafen liegen und schlafen und sichi