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Jüdisch-liberale Zeitung · 1927-07-15 · 28 (15.7.1927) · page 5

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
7 (1927)
Issue
28 (15.7.1927)
Date
1927-07-15
Page
– (sequence 5)
Language
German
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7. Jahrgang Nummer 28 Beilage 15. Juli 1927 IiMHMmleZeikmg Vaulus Ford. Da selbst der Himmel — biblischer Tradition zufolge — mehr Freude empfindet über einen reuigen Sünder denn über zehn Gerechte, wie begreiflich mutz demnach -er Jubel der Irdischen erscheinen angesichts der jähen Bekehrung eines der Hochmögenden dieser Erde! — Es geschehen mithin immer noch — selbst innerhalb unseres materialistischen, „mechanisierten Zeitalters" —Zeichen und Wunder. ES zieht also immer noch gelegentlich ein SauluS aus. um als ein Paulus hoimzNkehren und die Seinen mtt Feuer und Schrvert zu der neuen, der einzigen HeilSlehre zu bekehren, deren Offenbarung ihm aus seinem Wege unversehens zu Teil geworden. Und eben dieser jüngste Paulus, von dessen Erkenntnissen und Bekenntnissen zwei Weltteile dröhnend wtderhallen. ist nicht gerade der Ersten Besten Einer. Vielmehr ist er ein hundertprozentiger Bürger der Vereinigten Staaten von Amerika, seines Zeichens Multimillrardär und Bolksbeglücker zugleich. Dem» seinem geniale» Hirn entsprang der zwiefach fruchtbare Gedanke, daß auch der kleine mb kleinste Mann. etneS eigenen Autos wert sei. Und so produzierten die Werkstätten des — seiner Zeit vorausevlenden — königlichen Kauftmmnes täglich die vielen tausend kleinen SeMtftchrer, die die Sehnsucht auch des bescheidenen Mannes nach einem eigenen Wagen erfüllten, den Namen des großen Mannes — Henry Ford — aber volkstümlich machten vom Hudson bis znm Goldenen Tor, vom Gols von Mexiko bis zur Bucht von Rancouver. und den Fordschen Kassen gleichseitig jene unübersehbaren Milliarden «intrugen, die den Vater dieser „philantropischen" Idee selbst im Sande deS alleinseligmachenden Mammons zu einem absoluten König von eigenen Gnaden erhoben. Ein Wolkenkratzer von Milliarden bildete den Dhron von Henry Ford. Auf diesem güldenen Sitz, in einsamer Höhe, saß er, gleich einem phantastischen Götzenbild, und sann, nachdem die erste und einzige nutzbar zu machende J-dee seines Leben»' n^tomatisch für chn wirkte und werkte, zu seinem persönlichen Zeitvertreib Wer einer «fixen Idee". einem Wahn, einem „Spleen", bestimmt, ihn zu zerstreuen und aus der Einförmigkeit seines goldenen Käfigs zu erlösen. Und siehe: auch dieser Wunsch ward Erhörung. Ans die Schöpsung folgte prompt der Wechselbalg. Und sein Name hieß: Die Weltherrschast der Juden und ihre Bekämpfung. Durch FvvdscheS Geld und Fordschen Geist. (Sit venia verbo!) Am 30. dieses Monats wird Henry Ford «4 Jahre alt. Davon hot er mindestens vier Jahrzehnte daran verwendet, das znm Dulden und Leiden ,>auscrwählte" Volk Israel, diesen „gottgewollten Prügelknaben" Dantes den Völkern der Erde mit vergifteten Waffen anzugreisen und zu verfolgen. Etwa zwei Dutzend Zeitungen — zumeist dem Hearst-Konzern angehörig — wurden, aus Fords Geheiß, in den Dienst der Verleumdung und der Hatzvropaganda gestellt. Die besten Federn mußten dein schlechtesten Zwecke fronden. Keine Ersinduirg war zu bösartig, um nicht in dem Feldzug Ford kontra Judentum angewandt werden zu können. Landesverrat. Sabvtierung der edlen, völkevbegliückewden Ideen des Präsidenten Wilson durch jüdische Teilnehmer des Friedenskongresses zu Versailles, Mädchenhandel, gewerbsmäßige Unzucht, Schändung der reinrassigen Bevölkerung der Union durch Juden und Judenstänrmlinge. Wucher und Ausbeutung uneigennütziger amerikanischer Bürger durch jüdische Blutsauger: das ist nur ein bescheidener Auszug aus der reichhaltigen Liste der dem Judentum zur Last gelegten Verbrechen. Und diese Rotte menschlichen Auswurss, diese Horde allgemein verachteter Frevler Hat es gleichzeitig zustande gebracht, die Weltherrschaft an sich zu reißen. Also nachzulesen in dem von Henry Ford bis vor kurzem leidenschaftlich propagierten Pamphlet, den „Protokollen der Weisen von Zion!,, Fürwahr: „difficile cst satiram non scribere!" — Aber warum auch nicht? Für eine Weltanschauung, die mit Fug als „der Sozialismus der Dummen" .bezeichnet und angeprangert worden ist, kann auch keine Dummheit zu dumm, keine Fälschung zu fadenscheinig sein, um nicht als demagogische Waffe verwertet werden zu können. — Herrn Henry Ford, dem Wohltäter des kleinen Mannes in Amerika, dünkte sie jedenfalls zweckmäßig, um sie den viellmndert von thm besoldeten, mehr oder weniger arronymcn Skribenten einer schändlichen Hetzprcsse als verwendbar in die Hände zu spielen, auf daß jene hinwieder mit ihr ein verwerfliches Spektaknlum treiben durften. Seit langen Jahren ist uns die Weltanschauung des amerikanischen Antvkönigs und die Handlungen, in denen sie sich answirkte, 'geläufig. Wir haben sie belächelt, wie man jede Torheit eines großen oder — groß sein wollenden Mannes belächelt. Die Juden seiner engeren Heimat, der Vereinigten Staaten, nahmen je nach «ihren eigenen Möglichkeiten, Stellung zu der ihnen zngefügten Schmach. Waren sie arm und einflußlos, so duckten sie sich stumm unter der Fuchtel des mächtigen Peinigers. „Schweigende Bettler", wie Kurt Münzer einen seiner ergreifendsten Romane dereinst benannt hat. Waren sic hingege nsevbst zu Ansehen und Reichtum in der neuen Welt gelangt, so scheuten sie sich nicht, znm Kadi zu gehen oder auch selbst eine Preßpolemik wider die anonymen Pressepiraten des gewalttätigen Gegners und — Mitbürgers, zu eröffnen. — Diese Prozesse und Polemiken steigerten sich in jüngster Zeit in einem verblüffenden Grade. Und zwar hielten sie — Wunder über Wunder! — genauen Schritt mit der Abnahme der wirtschaftlichen Erfolge Fords. Das „Gesetz, nach dom er angvtreten", der Selbstfahrer des kleinen Mannes, scheint abgelaufen. Da der Fordsche Urtypus, der sogenannte „siiwer". den leeren Beutel seines eitlen Besitzers offenbart, statt ihn schamhaft zu verhüllen, ist er schlechthin erledigt. Das Absatzgebiet in Europa kann den Autokönig a. D. nicht entschädigen. Und die Schaffung eines großen und doch gangbaren Typus erfordert — selbst ffir einen Ford — den Einschuß großer Kapitalien. Wall Street aber zeigt Henry Ford die kalte Schulter. Dagegen drohte ein verhängnisvoller Beleidigungsprozeß, den ein namhafter jüdischer Advokat und Industrieller gegen Ford angestrengt hat, sowie eine gvnreinsame Aktion aller kapitalkräftigen jüdischen Organisationen Amerikas. Und man wird 04 Jahre. Der Kampfesmut der sogenannten ,-besten Mannesjahre" ist «längst verraucht und verflogen. An der Schwelle des biblischen Alters sind Milde und Duldsamkeit für jeden — -er nicht Henry Ford heißt — Gebote organischer Selbstverständlichkeit. Alle diese Umstände ins Auge fallend, gelang Ford zu einem Schachzug, den beim Gegner als „echt jüdisch" zu charakterisieren er nicht unterlassen würde. Nach dem kindischen Karl May-Roman, demzufolge die ganze Geschichte des letzten Jahrzehnts nichts anderes war als eine düstere Verschwörung des Judentums, um die Gewalt zu ergreifen und die ganze übrige „lammfromme, sanftmütige und eitel friedliebende Welt in chaotisches Elend, in Grauen und Verniästung zu stürzen: nach der jahrelangen systematischen Unterstützung der ebenso geschmacklosen wie verlogenen Legende von den Protokollen der „Weisen von Zion", geht plötzlich, fünf Minuten vor Zwölf, d. h. unmittelbar vor Eintritt in den für Ford recht ungünstig stehenden Ssensations - Prozeß Schapiro kontra Ford lGetreidemilliarden gegen Automilliarden!) in den ersten Julitagen ans der Feder Arthur Brisbanes. Amerikas begabtesten Publizisten lobzwar auch Henry Fords Freund und Prophet) ein Pronunciamento in die erschüttert aufhorchenden Welten hinaus, ein Pronunciamento, wonach alles, alles, alles, insbesondere aber der angebliche Antisemitismus Henry Fords nichts anderes als ein Irrtum, bestenfalls ein Märchen für spukliisterne Kinder gewesen. Exst durch fremde Menschen sei er, Henry Ford, darauf aufmerksam gemacht worden, daß in der aus seinen Schatullen gespeisten Wochenschrift „Dearborn Independent", antisemitische Hetzartikel erschienen und seit Jahren erschienen seien. Daraufhin habe Papa Ford sich alle Bände des ihm gehörigen Organs kommen lallen und — er sei fürbaß erschrocken über das, was er darin gefunden habe. lVielleicht hätten ihm wohl informierte Wegweiser noch andere — auch irrtümlich — von ihm unterhaltene Quellen tendenziösen Schundes und Schmutzes augoben können.) Und Henry Ford besinnt sich darauf, daß das beste Geschäftsprinzip immer ist, wenn Gefahr in Sicht ist, r ei ne n Tisch zu machen. 8. 0. 8. Save our Souls! Als er sieht, daß sein Schiff durch falsche Richtunggebnng den Kurs zu verlieren droht, dreht er es mit eiserner Energie um mehr denn hundertfünfzig Grad . . . „Als Mann von Ehre steht er nicht an, öffentlich für alles Unrecht Abbitte zu leisten, das er ans diese Weise ('&. h. unbewußt) den Juden, seinen lieben Genossen und Brüdern (hört, hört!) angetan hat." „Es tut mir aufrichtig leid." — so fügt er den Worten Brisbanes hinzu — „daß die Zeitschrift, die aNfbauenöe Ziele verfolgen soll, den „Protokollen der Wessen von Zion" Glauben geschenkt hat, die, wie ich mich überzeugt habe, grobe F ä l s ch u n g e n sind." Süß klingts in gkanbenssrcndige Ohreu: balsamischer Honigseim träufelt verschwenderisch. Vergessen ist jeder Zweifel. Ketzerei die Behauptung: „Vor Tische las man's anders." ,^Jch bedauere, daß die Zeitschrift den Juden nachslagt, sie beabsichtigten, das Kapital der Welt und die Herrschaft über alle Industrien an sich zu reißen. Ich bedauere die vielen Anklagen, die gegen Ehre, Sittlichkeit und Moral erhoben worden sind. Wenn ich die verallgemeinernde Natur dieser Anklagen zeitig erkannt hätte, würde ich ihre Ausstreuung sofort unterbunden haben, da ich über die Tugenden der jüdischen Rasse, die Verdienste ihrer Vorfahren für die Zivilisation und-die Entwicklung der MeuscOeit, über ihren Fleiß und ihre uneigennützigen In teacessen in allen Fragen der öffentlichen Wohl» fahrt nur zu gut orientiert bin." Und er beteuert, daß er, soweit cs in seinen Kräften liege, das unbeabsichtigterweife begangene Unrecht wieder g«tnmchen wolle und seine jüdischen Mitbürger fürderhin fernes guten Willens und seiner Freundschaft versichere." (Sie!) Mo spricht Paulus Ford. Immerhin: wir danken für die gute Absicht. Aber so schnell vermögen wir den Saulus nicht zu vergessen. _ Wenn die Indenschast hüben und drüben in Dankesmw Berföhirungspsalme ausbricht, so können wir nnS dem, grabe aus irrvserem jüdischen Gefühl heraus, noch nicht anfchließen. — Wir verstehen eher die „Matter-of- «fact-Leute" von Wallstreet, die sich ins Fäustchen lachen und die boshaften Gerüchte in Umlauf setzen, daß PauluS Ford (ich für den bevorstehenden Prozeß Schapiro als Verteidiger «zwar einen Senator und einen Abgeordneten gedunsen hätte, die beide als Präsidentschaftskandidaten in Betracht kamen: daß er es am Ende aber doch gescheut habe, vor die Richter zu treten. Eines „erlittenen Automobi lUnfalls" wegen, wispert hämisch Wallstreet. Auch wir ziehen es vor, di« Haltbarkeit deS Fordscheu Phi'losemitiSmns an der Er tragssähiH* keit des neuen großen Automobiltypus zu erproben, dev Henry Ford benötigt, wenn er seine <Äellmrg bewaHvev will. Bis dahin »verden uns immer fatale Analogie« werfolgen, wie zum Beispiel der Aufruf des GeuevahS Ludendorff lals Oberkommandierender von Ober-OK „An meine lieben Juden in Paulen" — oder auch an S i erfrier, Wagner, der Haus Wahnsried den Jude» vevwehrte und erst, als seine Amerikatournee nicht die erhosstsu Einnahmen gezeitigt hatte, sich ebenfalls als unser d e r" entpuppte und in rührsamen Tönen an die j ü dusche n Herzen appellierte, um die jüdischen B ö rs e« zu weinen. Wir sind nicht märclieubedürftig, noch märchen-gläubig. Sollte cs der eine oder andere unter uns aber doch sein, so erzählen wir ihm einfach die wahre Geschichte vom Woks im Schafspelze. Damit ist er meistens kuriert. Doris W i tt n e r. \ Aus den Gemeinden Liberaler Wahlsieg in Gelsenkirchen. Die Synagogengemeiüde Gelsenkirchen hatte die Neuwahl von fünf Repräsentanten und zwei Stellvertretern vorzunehmeu. Wie zu erwarten war. forderte die Minorität der Ostinden, die unter der Flagge der jüdischen Bolkspartei in den Wahlkampf eingetreten war, für sich zwei Repräsentanten und die zwei Stellvertreter, die ihr nach ihrem ZMenverhättnis nicht zustande». Die liberale Partei, die hier die Majorität der Gemeinde bildet, hatte den Ostjuden einen Repräsentanten und einen Stellvertreter zugesichert, womit jene sich aber nicht begnügten, wodurch eS zu einem recht heftigen Hahlkampf kam. Die jüdische Bolkspartei entwickelte nach ihrem Palästinaprogramm eine weftgehewöe Propaganda für ihre Kandidaten, von denen sie drei bis vier durchzubringen hoffte. Diese Kampfes-weife rief die Liberale Partei zur energischen Gegenwehr auf. in der sie durch die hinreißende Wahlrede des Herrn George Goetz aus Berlin in wirkungsvollster Weise unterstützt wurde. Bor einer zahlreich versammelten Wählerschaft sprach er über das Thema: „ReligioiiHqenieinde. oder Bokksgemeinde" mit zündender Beredsamkeit, strenger Sachlichkeit und richiger Vornehmheit. Er betonte, daß nur durch die Religiottsgemeittde und nicht durch die Bolksgemeinde das Judentum zu erhalten sei. Nicht von einer nationalen Idee, sondern von der religiösen Idee komme die Erneuerung des religiösen Lebens. Unsere Aufgabe sei. die Thora hochzuhalten und sie unfern.Kindern zu vererben. Bon dem uns gemachten Vorwurf des Jndi'fferentismus können wir uns mit gutem Gewissen frei sprechen: denn der Jndifferentismus hat mit dem wahrem Liberalismus nichts zu tun. Wir wollen den Ausbau, die Erneuerung durch Heiligung des Sabbats und der Festtage mit dem erbauenden Gottesdienst durch Orgel und Ehvrgcsang. Das religiöse Leben in dem neuen Palästina beweist hinlänglich, daß dort die nationale Idee die vorherrschende ist, und daß die jüdische Bolkspartei sich daher mit Unrecht als die Trägerin des religiösen Gedankens ausgibt. An den zündenden Vortrag schloß sich eine lebhafte, oft stürmische Aussprache an. in der sich die Zionisten vergeblich bemühten, ihre verlorene Position zu verteidigen. Die Wahl, die am Sonntag, den 10. Juli, stattfand. brachte einen Sieg der liberalen Partei. Es wurden gewählt vier liberale Repräsentanten und zwei liberale fahr! DcHfsche Kraftfahrzeuge!, Es bl nkH nur eine Frage des persdnlidien Oeifitiis, sondern an* «er siaab' bOrgerktfeea Pfltdfc den Interessen der «otisdKi Vott$wtrts<kafl za dicncn. Deufsdte Personenkraftwagen Deutsche Lastkraftwagen und Spezialfahrzeuge Deutsche Noionräder kr «AOrtstcntttferaattonaltn Konkurrenzen erprobt, gediegen ab QnaHttb• Faknenge hOAsten Weltrul. I % \;!

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