Mannheim
Compact Memory

Jüdisch-liberale Zeitung · 1927-07-15 · 28 (15.7.1927) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
7 (1927)
Issue
28 (15.7.1927)
Date
1927-07-15
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2613366-2613895-2613923--2335-2619796
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

M) ihre erhabenen Züge wieder, und sie lächelt. Das Lächeln der großen Mutter, die alles verzeiht. Dem Herzen dieser Mutter eutbrauste der davidische Traum, ein Volk zu einem Bunde eines Wvllens, einer Sehnsucht: derSehn sucht na ch G o t t. Ter Kopf dieser Mutter gebar die salomonische Tat, diesem Bunde «in Haus zu bauen in Gold und Elfenbein. Zcbernhvlz und Edelaestcin. Aus dem Schoß dieser Mutter aber erblühte die süße Seligkeit: eines vermeintliclien Heilandes Werden. Zwei gekreuzte Holzer erhoben sich auf der Nichtstätte dieser Stadt — und diese hölzernen Arme reckten sich gebieterisch über eine Welt, der sic Untergang dräuten. Aphrodite mußte sterben, weil ans dem Richlhügel des heiligen Salem das Zeichen emporwuchs, in dem die Erde fortab Erhebung und Erlösung suchte. Glühende Wunder strichen an der Stadt der Tore und -er Braunen vorbei. Der große und gewaltige Herr Zebaoth verkündigte s i ch h i c r durch den Flammenmund seiner Propheten. Der Zimmcrmannssohn aus Nazareth verströmte sich hier im Rausch der Liebe. Was der Menschen Fühlen, Denken und Tun durch die Jahrtausende pulst, ward gezeugt in der Stadt, die dem Erdball Sitte und Satzung schenkte. — Hier ward der Zweifel geboren' denn hier fragte Pilatus um Wahrheit,- — hier kam die Reue zur Welt, denn hier schämte Maria von Magdala sich sündigen Wandels: — hier dunkelte des Verrates schändliches Antlitz, denn Judas verkaufte seinen Herrn hier, und Petrus verlengncte ihn vor dem ersten Hahnenschrei: — hier sproß der Dichtung Zauberlbume. denn Salomo sanghiersein Hohes Lied und Johannes seine Gesichte: — hier ward dte Lehre begründet, die geflügelten Fußes durch Zeit und Raum eilte, denn Paulus, der Jünger, wirkte hier. Und der — Krieg ward hier gezeugt, denn Bruder stand wider Bruder, zu morden um der Gottheit willen. Und der Widersacher nahte der Stabt in tausendfacher (Gestalt. Ob der Aegypter sie befehdete, ob der Römer sie in Asche legte und Schutt, ob der Sohn der Länder, die gen Untergang der Sonne gelagert sind, ihr Schwertgruß beute, ob der Muselmann mit dem Krummsäbel ihr Gewalt antat: — sie blieb — unter malmenden'Stein und rauchenden Trümmern —, was sie war: die Fürstin unter den Städten, die da lächelt uüd vergibt: denn ihrer ist die Gnade und ihrer ist das Herl. Hoch lagert sie auf sonnigen Hügeln, eine Herrscherin, stolz von Mienen und Sinn. Keiner hat sie bezwungen, keiner sie erniedrigt,- denn sie ist eingesetzt als Wächterin übet dem Ewigen, dem Gvttesgedankcn der Menschheit. Millionen, die als Fremdlinge, als Heimatlose mit dem Stecken der großen Wanderer über die Erde irrten, tranken Labe, Tröstung, letzte Lebensmvglichkeit aus dem geweihten Namen dieser Stadt. Vernachlässigung dieses Namens bedeutete Fluch. „Verwelke meine Rechte, wenn ich je Deiner vergesse, Jeruscholajim!" Hoch lagert sie auf den Bergen — die Fürstin. Feigenbaum und Wcinstock stützen ihr Lager. Der Terebinthe würziger Atem und der Granatäpfel Hauch fächelt ihr Antlitz. Die biblische Sanftmut der Olive schmiegt sich ihr kosend zu Füßen. Und die Lüfte küssen ihren Mund: die Lüste, „die da kommen vom Libanon, hertrcten von der Höhe Amana, von den Höhen Senir und Hermon. von den Wohnungen der Löwen, von den Bergen der Leoparden,,. — Seidenhaarige Maultiere tragen köstliche Lasten von Oel und Früchten hügelauf, hügelab. Und die Töchter der Stadt schreiten ihnen zur Seite, rosenlippig, mit hochgetürmten Hälsen, üppig wiegend in ihrem Gang, schwarz und lieblich zu schauen wie Sulamith, die bräutliche Magd, von der das Lied gesungen . .. Ueber Land, durch die Lust und zu Wasser kamen die Söhne des Abendlandes, der Gefürsteten Leid zn tun, sie im Bade zn schlagen. Doch sie lächelt nur, so man ihr Unrecht zufügt, lächelt, so man ihren Kopsschmuck zu schänden trachtet, denn sie weiß: sic, des Morgenlandes Königin, ist eine Unverletzbare. Und dieses i h r Wissen ist unser Glaube, unser Trost, wenn auch im Augenblick unverbürgte Nachrichten des Unheils zu uns dringen und unsere Herzen atempressend bedrängen. In uns wohnt die Gewißheit eines beseligenden Gefühls: „Jeruscholajim" ist von Ewigkeit zu Ewigkeit, mögen nicht nur alle Völker der Erde, sondern die Elementarmächte höchstselbst sie mit Feuer und Wasser, kurz: mit allen Schrecken der Natur bcrcnneu! Stein gewordener Gedanke, ist diese Stadt Verheißung und Erfüllung zugleich. Und darum ist sie ebenso unsterblich wie der Gott, dessen Hans dereinst aus dem Hügel Moria stand und dessen Wohnstätte heute in den Herzen mehrerer Millionen, über*die ganze Erde verstreuter Menschen sein unerschütterliches Fundament besitzt. Der Bericht über die letzte Landesverbandslagilrig Stenographie und Objektivität. In den letzten Tagen ist die Nummer 5 des Verwaltungsblattes beS Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden zum Versand gelangt, welcher auf 42 Druckseiten den stenographischen Bericht über die dritte Verbands, tagung vom 27. und 28. März enthält. Bet der Durchsicht fällt uns eine Weglassung auf. die uns zu schärfsten Einspruch gegen die Tatsache veranlaßt, daß ein stenographischer, amtlicher Bericht entstellt wird. Es handelt sich um einen Vorfall bei der Etatberatung, der auf Seite 41 des Vcrwaltungsblattes wie folgt wiedcrgegcben wird: Jetzt kommt der Titel Arbcitcrknltnrvereiue. Da ist Streichung beantragt. Wer für Aufrcchterhaltung ist, den bitte ich, sich zu erheben (geschieht. Die Auf. rechterhaltung wird mit 22 Stimmen gegen 21 Stimmen beschlossen. (Beifall links. Große Unruhe bei den Liberalen.) Man sollte meinen, ein stenographischer Bericht sei das Objektivste was es gibt. Hätte sich nun der Vorfall wirklich so abgespielt, wie er im stenographischen Bericht dargestellt wird, so würde damit festgestellt sein, daß die bösen Liberalen den Arbeiterkulturvereinen eine Subvention mißgönnen. Indessen liegt es damit ganz anders, und um zu sehen, was sich eigentlich zugetragen hat. muß man nicht den scheinbar objektiven Bericht in dem amtlichen Verwaltungsblatt des Landesverbandes, sondern vielmehr den Bericht des „Parteiblattes", nämlich der Jüdisch-liberalen Zeitung vom 1. April d. I. Nachlesen. Dort heißt es: Dabei kommt es zu einem erregten Zwischenfall. Das zionistische Natsmitglied Dr. Klee wirft den Liberalen, die gegen die Subventionierung der zionistischen sogenannten Arbetterkulturvereinc lediglich deswegen gestimmt hatten, weil deren Existenz, Arbeitsweise und Geschäftsführung nicht feststellbar ist, arbeiterfeindliches Verhalten vor. Hierüber kommt eS zu erregten Auseinandersetzungen, in deren Verlaus Dr. Klee sich dazu hinreißen läßt, den liberalen Abgeordneten Dr. Wertheim durch den Zuruf „alter Esel" auf das gröblichste zu beschimpfen. Der Präsident Stern erklärt, daß er wege.n dieses Zurufes Dr. Klee zur Ordnung rufen würde, wenn ihm gegenüber Ratdmitgliedern Ordnungögewalt znsteben würde. Er wird auf die Bestimmungen der Geschäftsordnung aufmerksam gemacht, nach denen solche Möglichkeit besteht. Hierauf rnft der Präsident nachträglich Dr. Klee zur Ordnung. Dr. Bruno Weil llib.) bittet namens der Liberalen, daß der Präsident den Ratsmitgliedern nicht nach seinem Belieben, sondern nur entsprechend den Bestimmungen der Geschäftsordnung das Wort erteilt. Mau habe das provokatorische Verhalten des Ratsmitgliedes Dr. Klee, der sich in Verhöhnungen und Beleidigungen der Liberalen gar nicht genug tun kann, endlich einmal satt und wünsche, daß der Präsident gemäß den Bestimmungen der Geschäftsordnung verfahre und den in der Geschäftsordnung für alle Parteien vorgesehenen Schutz, auch den Liberalen zugute kommen lasse. Da Herr Dr. Werthcim in einer persönlichen Bemerkung den oben erwähnten Zuruf des Herrn Dr. Klee als „Anpöbclei" bezeichncte, mußte der Präsident auch ihm, aus formalen Gründen, einen Ordnungsruf erteilen. Wir stellen fest: die erregte Kontroverse zwischen den Herren Klee und Wertheim mit sämtlichen dabei erfolgten Zwischenrufen und Beschwichtigungsversuchen des Präsidenten, sodann die beiden ausführlichen persönlichen Bemerkungen der Herren Dr. Klee und Dr. Wcrthetm. ferner der Vorgang, der den Präsidenten zur Erteilung von zwei Ordnungsrufen ncranlaßte, ferner diese Ordnungsrufe selbst, und schließlich die Rede des Herrn Dr. Bruno Weil zur Geschäftsordnung, alles das fehlt im „stenographischen" Bericht vollständig: man hat es kurzerhand gestrichen und den amtlichen Bericht derart entstellt, daß er in feiner Wirkung nichts anderes bedeuet als eine Wiederholung der damaligen Kleeschen Provokation, die den ganzen Vorfall heraufbeschwor. Unseres Erachtens steht niemandem — weder den an dem Zwischenfall Beteiligten, noch denjenigen, die für die Abfassung des Berichtes verantwortlich zeichnen, — das Recht zn, in einem Protokoll derartige Korrekturen vorzunehmen: ein stenographischer Bericht ist unantastbares Eigentum der Oeffentlichkcit und hat — abgesehen von rein stilistischen Aenderungen — wortgetreu zu sein. Ucbcrdies aber haben wir einwandfrei festgestellt, daß die Weglassung gegen den ausdrücklichen Widerspruch des beteiligten Herrn Dr. Wert heim erfolgt ist, und daß man die Rede des Herrn Dr. Weil fortgelassen hat, ohne diesen Redner über fein Einverständnis auch nur zu befragen. Die oben wiedergegebene Darstellung aus der „Jüdifch-liberaleu Zeitung" zeigt wohl zur Genüge, wie unangenehm der Zwischenfall für Herrn Dr. Klee und seine zionistischen Freunde ist) aber gerade darum ist es beispiellos und unerhört, daß der stenographische, amtliche Bericht diesen Vorfall einfach aessi chen hat. Wir behalten uns vor. auf die Angelegenheit in c, er der nächsten Nummern zurlickzukommen. Der Präsident des Weltordens Bnei Briih in Deutschland. Vom 2. bis 7. IM weilte der Präsident des Ordens Bmt Vrith. Mr. Alfred Cohen ans Eineinnati. in Berlin. Ihm zu Ehren wurde im Berliner Logenhaus <M»e feierliche, überaus stark besuchte Sitzung der Berliner ^Logen albge- .halten. Mr. Cohen besuchte eine Reihe bedeutsamer sozialer Einrichtungen der Berliner Logen und der Gemeinde, so u. a. das Altersheim der Berliner Logen UOBB. in Lichterselde-Ost. das Mütter- und Säuglingsheim des Frauen- Vereins der Berliner Logen UOBB. in der Bru n neust r. 41, ferner das Waisenhaus der Jüdischen Gemeinde in Pankow, die Hochschule für die WIsienischast deö JirdSsttlMrs sowie mehrere Synagogen. Am Mittwoch, den 6. Juli, wnvde Mr. Cohen in Gemeinschaft mit dem Großpräsidenteu -es herrischen DistMks 11OBB., Hei^u Rabbiner Dr. Baeck. von dom Reichskanzler D r. Marx in längerer Audienz überaus liebenswürdig empfange». Bor feiner Ankunft in Berlin weilte Mr. Alfred Cohen in Hamburg: die brdt Hamburger Logen hielten chm zu Ehren eine feierliche Sitzung ad. (Jta.j Die Presse -er Inden.; Im Hinblick auf die geplante Organisierung etnerAbteilung „Die Presse der Juden" auf der Internationalen Press eausstellinng „Pr-essa". Köln 1928. wandte sich die ITA. an das Mitglied des Organisationskmniitee s. BiMoth-okar der Berliner Jüdischen Gemeinde, Herrn Josef Lin, der ein Fachmann aus dem Gebiete des jüdischen Zeitnngswesens ist. mit dem Ersuchen um eine Aeußerunig über Zahl und Bedeutung der jüdischen Presse in Vergangenheit und Gegenwart. Herr Lin führte aus: Die jüdische Abteilung auf der Kölner Internationalen PresseanSstellnng soll ein möglichst vollständiges Bild vom geistigen Schaffen des Judentums, soweit es sich in perio-« bischen Publikationen offenbart, darbieteu. Es handelt sich hierbei um einen umfangreichen und mannigfachen Ausgabenkrcis, der die gesamte jüdische Presse von ihren ersten Äns-änaen bis zn ihrem heutigen Stande umfaßt. Diese Gosamtpresse der Juden umfaßt zirka 400« Zeitungen und Zeitschriften in 30 verschiedenen Sprachen. Davon entfallen in runden Zahlen ausgedrückt auf hebräisch 050. jiddisch 1>500. deutsch 680, englisch 500, französisch 100, russisch 200. spcmioliisch 100, polnisch 80, ungarisch 60, holländisch 50, rumänisch 30, arabisch 39, italienisch 30, periodische Erscheinungen verschiedener Richtungen und Gattungen: Tageszeitungen, Wochen- und Monatsschriften, Partei» und Fachorgane nfw. Selbstverständlich wird unser Organifaiüonskomitee völlig unparteiisch, nach rein objektiven wissenschaftlichen und kulturgeschichtlichen Gesichtspunkten .icin'c Arbeiten dlvchführen. (Jta.) Die Abstammung von Georg Brandes. Bei dein Ableben von Georg Brandes wurde von antisemitischer Seite die alte Legende wieder aufgetischt, daß der berühmte Kritiker seinen Namen gewechselt habe, indem er in Wirklichkeit gar nicht Georg Brandes, sondern Morris Cohen (bzw. Cohen, Kogan usw.j heiße. In den Mitteilungen der Gesellschaft für jüdische F-amilienforfchuug klärt Professor David Simonlsen-Kopenhagen den Irrtum auf und meint, wie Brandes sich «auch sonst rvechselvoll zum Judentunr gestellt hat. so hat er sich doch nie eines Verrates an seinem eigenen Namen schuldig gemacht. Der Ur-Urgroßvater von Brandes ist nach Dänemark nicht, wie von mancher Seite behauptet wivo, aus Litauen, sondern aus Alton-a gekommen. „Der Großvater von Georg Brandes," schreibt Pros. Simonien, „namens Israel Cohen starb jung, am 10. November 1810 und hintcrlietz einen Sohn Hirsch oder in danisiertcr Form Hermann. Die junge Witwe heiratete in zweiter Ehe den aus dem Posenschen stammenden I. I. Brandes, mit dem sie ebenfalls Kinder hatte. Der Sohn erster Ehe nahm dann den Namen des Stiefvaters neben dem Namen des Vaters an und hieß somit Herma» Moses Cohen Brandes, und infolgedessen nannte er seinen Sohn Georg Morris Eohen Brandes. Ein Namenwechsel versöhnliches Gefühl ausgleichcndcr Gerechtigkeit. daß diese ganze Arbeit von den Söhnen und Töchtern der reichsten und »ornchmsten Juden des Londoner Westens geleistet wird, und der ungeheuere Gegensatz zn der überaus glänzenden Lebensführung dort, den Palästen und Gärten, von deren Pracht wir in Deutschland uns keine Vorstellung machen, wird gemildert durch das Gefühl, daß hier kein Abschluß ist, sondern daß viel stärker alö bei uns das noblesse oblige zur Tat wird, das Bewußtsein des Verantwortlichseins für den andern, das selbstverständliche Rerpflichtsein zur Hilfeleistung, das innerliche Durchdrungcnsein. daß cs keine Phrase, sondern immer mehr lebensnotwendige Wirtlichkeit fein und werden muß: Ob Ost, ob West, Lynesisroel /lrewim Selose. In Israel bürgt ein Bruder für den andern. Claude Montefiore. „(5r ist leider ein ^ritablc ilentleman." Mit diesen Worten charakterisiert einer der bedeutendsten und größten politischen Gegner diesen Mann, den Führer des englischen Liberalismus, den Schöpfer der stteformbcwegnng in England. den Vorsitzenden und Gründer vieler Hilfswerke für notleidende Glaubensgenossen, den Präsidenten der Gesellschaft ior protection for women and jfirls, der nach den vom 22.-24. Juni in London tagenden Kongreß mit bewundernswürdiger Ruhe und stets gleichbleibender Objektivität leitete. Welch eine starke, edle Persönlichkeit muß ein Mann sein, den seine größten Gegner — und darin hörte ich selbst von Extromorthodoxen immer und immer wieder das übereinstimmende Urteil — das Zeugnis des feinsten, vornehmsten und gütigsten Mannes anssteilen, den man sich als Ideal edlen Menschentums vorstellen kann. Man mutz diesen Mann in seinem Hause, an diesem Orte alter Kultur, verfeinertster Aristokratie gesehen haben, wie er mit größtem Takt und bezwingender Liebenswürdigkeit den Wirt macht, und man muß ihn. den fast 70jährigen, in der Versammlung hörenwenn er mit jugendlichem Feuereifer ankämpft gegen die Schäden und den Schmutz der Welt oder ihn als Prediger vernehmen in der liberalen Synagoge, der Stätte seiner Wirksamkeit, um den Zauber dieser einzigartigen Persönlichkeit. zu empfinden. Claude Montefiore, der die Abschaffung des Zeremonialgcsctzes wünscht und Jesus als jüdischen Propheten anerkennt, und der doch aus Taktgefühl, um das Empfinden des andern zu schonen, beim Gebet, mit dem der Kongreß eröffnet und geschlossen wurde, seine Kopfbedeckung nimmt oder in seinem Hause mit Rücksicht auf seine religiösen Gäste die Zeremonie des Waschens und des Tischgebetes vollziehen läßt. „Haschaumer ochi onauchi." „Bin ich der Hüter meines Bruders," dieser Gedanke der solidarischen Haftung, der seiner Festpredigt zugrunde lag, kennzeichnet den Geist, >die Ethik, die dieses liberale Judentum, das sich loslöst von jeder Fessel des gesetzlichen Rituals, kündet. Man mag noch so voreingenommen sein — und ich gehörte zu den sehr Voreingenommenen — man mag und muß als gesctzcstreuer Jude diese Richtung noch so sehr bekämpfen, es wird auch von Orthodoxen immer und immer wieder bestätigt, daß in England und Amerika Tausende von Juden, die sonst dom Judentum vcrlorengegangcn wären (nicht durch Taufe: denn warum sollte man sich dort taufen lassen, wo es keinen Antisemitismus gibt?), aber die innerlich völlig entfremdet und losg-eilöst von der Gemeinschaft dahin lebten, durch diesen Liberalismus dem Judentmn gewonnen worden sind: denn dieser Liberalismus hat eine Eigenschaft, die ihm vom deutschen, wie er sich vielfach ausprägt, trotz des viel, viel stärkeren Radikalismus unterscheidet: er fordert, er verlangt stark und streng den ganzen Menschen und er fordert — und dies ist «das Gehe sin nis seines Erfolges — vor allem von der Jugend! Der Prediger an der Reformsynagoge Mattuck, den Claude Montelivre sich aus Amerika verschrieben hat — leider war er gerade zur Zeit des Kongresses abwesen> — der eine faszinierende Persönlichkeit von hinreißender Beredsamkeit sein soll, hat es verstanden. Tausende von jungen Menscl>en zu begeisterten Juden zu machen. Aber er fordert viel. Niemand wird zur Konfirmation, Knaben oder Mädchen, zuaelaffen, der nicht 3—4 Jahre intensivsten Religionsunterricht genoffen hat. Religionsunterricht ist nicht eine quautits neglüJeafele, sondern es ist das Hauptfach. Die Kinder sollen, wie mir allgemein bestätigt wurde, über ein ungeheures Wissen verfügen und in der heiligen Schrift und Propheten. Geschichte und Literatur völlig dnrchgelbibdvt sein. Nach der Konfirmation treten sie in einen Jugendverein und lernen weiter unter Leitung des Predigers. Mattuck, und jetzt müssen sie auch praktisch die ethischen Ideen betätigen, die sie m sich ausgenommen haben. Jedes Mädchen, jeder Knabe ans begütertem Hause ist verpflichtet, eine Pslegrschaft über ein ärmeres Kind zu übernehmen, es zu kleiden, von seinem Wohlstände mit ihm in jeder Weise zu teilen. So sorgt der Liberalismus dafür, das will ich auch als Gegnerin zugestehen. daß das Gefühl der Brüderlichkeit und des V'erbundenseins. das sonst in vielen Glaubensgenossen erloschen wäre, erhalten bleibt: und s-o ist zu vevstohen, daß jene liberalen Juden in England und Amerika überall da, mo es sich mn große jiidische Aufgaben, sei es der Ausbau Palästinas oder die Ansiedlung in Rußland oder sonstige große Hilfsaktionen handelt, immer in großzügigster Weise eintreten. In der „charity" betätigen sie ihr Jivdentmu, und man muß gerechterwoise anerkennen, daß dies doch imiuerhin höher zu werten ist als die völlige Gleichgültigkeit so liuanchcr deutschen Juden, die überhaupt zu keinem Opfer für ihre Gemeinschaft fähig find. Lernen können wir aber auch von dem Verhallen im Gotteshanse. Ich gehe nicht so weit wie ein deutscher Delegierter, der erklärte, daß er noch nie in einem deutschen Gotteshause so andächtig gestimmt war. wie in Claude Montekiores Synagoge. Ich erinnere mich ans meiner Jugeirdzett. daß Gottesdienste wach altem RituS, ein llamvMp,pur in einer Gemeinde strengglänbiger in Andacht und Gebet versunkener Inden, ein viel stärkeres Gefühl der Gvtbesnähe und deS Schauernd vor benr Unfaßbaren in mir heworgebrachi hat. Aber es ist nsiht abzu. leugnen, daß die weihevolle Stimmung, die tiefe Stille — cs ist ausgeschlossen, daß jenrand wagen würde, zu flüstern, oder sonst zu stören — eine Andacht und Ruhe verleiht, wie man sie in der Natur oder beim Schauen bedeutender Kunstwerke empfindet. Beim Anblick des Meeres, im Louvre und im Britistz-Müseum fühlte ich ähnliche innerliche Ergriffenheit. Besonders wirkungsvoll und die Stimmung beetnfluffeud ist dag stille Gebet, das hÄrstger für Eurac Zeit eingeführt ist. Es zwingt den Beter sur SeMeiwkehr und gibt ein gewisses Ruhegefühl. den Zwang abzuschließen mit den Dingen dort draußen nnd Einkehr zn halten in sich selbst. Es wird ernem gleichsam suggeriert durch die ganze Stmvmung. die über der versammelte» Gemeinde Negt, sich seelisch irgendwie Hineinzufinden in Stille und Ferne vom Alltag. Vielleicht ist es aber auch die Erkenntnis dessen, was fe der Sinn jeder Religion sein soll und von uns erstrebt werden muß. wülcher Parteirichtung im Judentunr wir auch anaehören mdgeu. Claude Montefiore erwähnte es, als er znm Schluß setner Fesdpredigt davon sprach, daß wir Wasser aus einer reimen, kliarvrr Quelle trinken müssen, dann werden wir wie. wo wir auch in der Wüste des Lebens rrreir. Gefallen am Unreiwen finden. Es ist das Gebot unserer Rekigivn. nach Heiligkeit zu streben, denn wir alle, ob rechts ob links in unserem Wandel und Wirken als höchstes Ziel zmtreben müssen: „Ihr sollt mir sein ein Reich von Priestern und ein heiliges Volk." (Schluß folöU

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.