Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 7 (1927)
- Issue
- 27 (8.7.1927)
- Date
- 1927-07-08
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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AU F ALLE FALLE HARTWIG-QUEU.E KVTSCHt MINBtAIOUtUSMfKRS lXStKSDLälMBUaiftuMÖ4M<Söä Rabbi Rasdii. Von M. A. Gold Schmidt. Rabbi Rascbi lebte im eilten und zwölften Jahrhundert (1040—1105) und war in Troyea in Frankreich geboren. Sein Name wird noch neben dem des Meimomdes mit großer Ehrfurcht genannt. Er schrieb einen Kommentar zur Thora und zu mehreren der Propheten, sowie auch eine Erklärung des Talmud, ein wahres Riesenwerk, ohne das man jenes dunkle Buch nur schwer verstehen kann. Ueberdies war er ein großer Mathematiker und ein außerordentlich frommer Mann. Als Rabbi Rascbi alt geworden, wünschte er zu wissen» wen er im Paradiese als Gesellschafter haben werde. Denn es fiel ihm natürlich nicht ein zu zweifeln, daß ein so gelehrter und rechtschaffener Mann, der niemals die Zeremonien übertreten hatte, im Garten Eden mit der Perlenkrone auf dem Haupte auf einem goldenen Stuhle sitzen und sich an Gottes Herrlichkeit sättigen würde. Aber er wollte doch gerne wissen, wer ihm gegenüber an demselben Tische seinen Platz zu haben ^bestimmt sei (denn die Frommen sollten ja paarweise sitzen.) Nachdem er lange gefastet und gebetet, offenbarte sich Gott ihm auch in einem Traum und sagte ihm, daß sein künftiger Kamerad Abraham ben Gerson in Barcelona mit dem Beinamen Zadik (der Fromme) sei. Als Rabbi Rasch! dies erfahren, kam ihm große Lust an, schon in diesem Leben die Bekanntschaft seines späteren Tischgenossen zu machen, und er begab sich auf den Weg nach Barcelona. Im Vorhinein malte er sich aus, wie sein Paradiesfreund wohl aussahe: mageres, bleiches Gesicht, tiefliegende Augen, langer Bart, krummer Rücken, wackelige Beine — kurz ein Mann, der Tag und Nacht das Gesetz studiert, gefastet und gebetet hat; denn nur ein solcher verdiente den Beinamen Zadik. Wie groß war daher Rabbi Raschis Verwunderung, als er nach Barcelona kam und keinen Abraham Zadik fand. Mehrere hatten diesen Beinamen erhalten, aber sie hießen nicht Abraham ben Gerson. Endlich fragte er, ob hier nicht ein Mann dieses Namens wohne. „Wie?“ rief der Gefragte, „meint ihr etwa Don Abraham den Reichen? Wie kommt ein Mann wie Ihr dazu, nach solch einem Heiden zu fragen, der alles tut, was Gott verboten hat? Das ganze Jahr kommt er nicht in die Synagoge und er speist Unreines! Wollt Ihr ihn denn besuchen, Rabbi Raschi?“ Das ist ja ein netter Kamerad, den ich da haben soll, dachte der Rabbi, machte sich aber doch auf den Weg zu Don Abraham. „Ihr wollet wirklich zu ihm gehen, Rabbi?“ wiederholte der Andere. — „Ich will versuchen, ihn auf bessere Wege zu bringen,“ erwiderte Raschi. „Es nützt euch nichts, an dem ist alle Mühe verloren!“ rief ihm der andere nach. Als der Rabbi vor Don Abrahams Behausung stand, staunte er nicht wenig: es war ein nach allen Regeln der Baukunst aufgeführter Palast. Ist dies eine Wohnung für einen Sohn unseres Volkes? sagte der Rabbi mit Kopfschütteln. Aber sein Erstaunen und Unwillen wuchsen, je weiter er kam. Diener in goldgestickter Livree liefen hin und her, vornehme Herren und Damen kamen und gingen, prächtige Fuhrwerke rollten unter dem Portal ein, alles war lustiges Leben und Bewegung. Es fehlte nur wenig» so wäre der Rabbi wieder umgekehrt, und er näherte sich einem Diener, blos in der Hoffnung, abgewiesen zu werden und vor dem lieben Gott eine Entschuldigung zu haben. Aber der Diener führte ihn sogleich mit großer Höflichkeit die breite Marmortreppe hinauf und in ein reich ausgestattetes Gemach, wo er ihn bat, zu warten, bis er ihn Don Abraham gemeldet hätte. Unterdessen sprach der Rabbi zu sich selbst: Es geht doch seltsam zu in dieser Welt. Hier lebt ein schlechter Jude» ein Verächter des Gesetzes, in königlichem Glanz; anderwärts sah ich fromme, gotieefürchtige Männer mit Not kämpfen und in Elend und Schande versinken. Warum sollen die ein Paradies haben, die es bereits hier genießen? Wenn auch diese ins Himmelreich kommen sollen, wozu dann der Frommen Entsagung? Da öffnet sich die Türe und ein großer schöner Mann trat dem Rabbi entgegen. „Ich bin höchlichst geehrt von des berühmten Rabbi Raschis Besuch,“ sa$te er; »gönnt mir die Freude, euch längere Zeit als meinen Gast behalten zu dürfen.“ Der Rabbi fühlte sich von dieser Aufnahme so verwirrt daß er zuerst keine Worte fand. Der freundliche Wirt merkte seine Verlegenheit und sagte: „Ihr IHltUIILHtMIIMiülllllillllllllllHIIIIIIIIIItlüllllUimillWWIMtHtWmmitHHIUUmWtWmHUKHttllittmtWIlttMWIilHIIIHBW Annahme von Bestellungen auf die Jüdisch-liberale Zeitung bei allen Postämtern Deutschlands. wundert euch vielleicht über diese Pracht in einem jüdischen Hause." — „Nein,“ rief Raschi, „nicht der Reichtum ist es, der mich überrascht, auch nicht die Pracht, sondern, daß Ihr dem Geber so schlecht danket, indem ihr . .. ", — „Ah, nun merke ich, wohin Ihr wollt, lieber Rabbi,“ unterbrach ihn Don Abraham lächelnd; „aber spart euch die Mühe. Ich habe nun einmal meine Lebensweise gewählt. Bleibt doch einige Zeit,. um sie richtig kennen zu lernen. Morgen ist der Hochzeitstag meiner Tochter, wohnt dem Feste bei!“ „Der Hochzeitstag eurer Tochter? Ist euer Schwiegersohn reich?“ — „Nein, es ist ein armer, aber strebsamer junger Mann und ich liebe ihn wie einen Sohn.“ — Der Rabbi fühlte sich ein wenig besänftigt, fuhr jedoch in strengem Tone fort: „Nein, ich will nichts von euch wissen, ehe ihr nicht Buße und Besserung gelobt und an eure Seligkeit denket.“ „Ich hoffe dereinst selig zu werden, so gut wie ihr,“ versetzte der Wirt sanft. — Mit welch unverschämter Zuversicht dieser Mensch hofft! dachte der Rabbi. Das Gespräch wurde von einem Diener unterbrochen, der. meldete, daß ein armes Weib mit Don Abraham zu sprechen wünsche. — „Ich komme sofort,“ sagte dieser. — „Ein armes Weib!“ rief der Rabbi. „Morgen ist die Hochzeit eurer Tochter, und noch habt ihr die Armen nicht bedacht, sondern lasset sic Hit ftööfti, wo i>emt 5er Rock mär Bf erneu? Dann fearrt ftit Mauscheu-Tatterlewen: „Verkost! Mit Schmutz verkost! Sieh hier! Zwei Tholer kost' das Röckche Dir Vch kriegte vir. Zwei Dir. zwei mir Mag Gott uns oft fo’n Reddes gerneu. Diesem „Mäuschen" stell« die prächtige Figur des „Moses" in 5er „Stronitid" entgegen. Zu diesem wahrhaftigen und gütigen Menschen tzat ein allgemein beliebter und Loch geachteter Jude Moses Israel Salomon Modell gestanden. Gin Schriftsteller nennt ihn ein „mecklenburgisches Gegenstück zu Lessings; „Nachan der Weise". Jnspeetor Harvermanu sagt ähnlich wie der Klosterbruder: „Nathan, Ihr seid ein Christ" auf der Heimkehr vom Grabe des Moses: „Er mar ein Jude dem Glauben. und «in Christ den Taten nach." Mit seinen Glaubensgenoffen ist Reuter oiel schlimmer umgesprungen, er konnte weder jüdischen, noch christliche Parvenüs leiden. Wie hat er den arischen Emporkömmling Pomuchelskopp verdammt. Auch der christliche Kopmann Kurz muß wegen allerlei zweifelhafter Geschäfts- Praktiken Reuters Spott über sich ergehen lassen. In antisemitischen Sinne wird auch die Reise von Brästg mit dein Produkteuhändler Moses Listvenkhal nach Berlin „ausgeschlachtet"', ebenfalls mit Unrecht. Bräsig hat keine Legitrmationspapiere und Löwenthal gibt sich für seinen Onkel Lsvi Ioseptzi (das doppelte Biehl aus. Hierdurch ergeben sich die drolligsten Situationen, die man im Original Nachlesen muß. Bei der Abreise von Berlin scheiden „Onkel und Neffe" in bestem Einvernehmen. Fritz Reuter war kein Antisemit! Reuter kann mit ReM von sich sagen: Multa tuli. Die sieben Jahre, in denen er unschuldig von Festung zu Festung geschleppt wurde, haben'ibür ein schlimmes Leider: zugezogen. Trotzdem haben ste nicht vermocht, ihm seinen herrlichen, seinen überwältigenden, seinen goldenen Humor zu rauben. Szenen wie „Hanne Nütes Abschied vom Poster (Ich würde doch nach Jena geh'n) und der nächtliche Ausruhr, den ,der Uhrmacher Droz in dem Schlafzimmer -er alten Mamsell Westphaün erregt, weil -er unvernünftige Schlingel Fritz Dahlmann einen Eisklumpen aus die Decke des Himmelbetts gelegt hat, sind die köstlichsten Perbrn der plattdeutschen Literatur, welche den ärgsten Hypochonder znm Lachen zwingen. Reuter hat erst spät Anerkennung gesunder;. eine aairz besondere Freude hat ihm die Ernennung zum voeior honoris causa, durch die LandeS-Uniiversität Rostock gemacht. Im EHreudiplom d. d. 10. März 1363 heißt es in deutscher Uebersetzung: „Der Manu, welcher mit der vateÄäuöischen Sprache, der vaterläidüiqchen Gefühls- und Anschauungsweise innig vertraut ist, den die Grazien, vereint mit den Musen, gelehrt, Ernst und Scherz zu verbinden, dessen Schatzkästleiu — Olle Kamellen — und durch seine anderen Werke ganz Deutschland preist." Fritz Reuter starb 12. Juli 1874, seit 1868 war er als kranker Mann nicht mehr literarisch tätig. In der Zeiischrist: „Im neuen Reich" ritchmt Gustav Freytag Reuter als einen gleichstrebenden. sichere«, festen Bundesgenossen, als einen guten Gesellen und ehrlichen Mitkämpfer gegen die Teufel, welche engherzig sein wolle«. Klaus Groth, der ernstere der beide» bedeutendsten plattdeutschen Schriftsteller, schreibt in seinem Nachrüs in der „Gegenwart" u. a.: ^Se hevbt Fritz Reuter begravt op den Karkhos bi de Wartborg, een va« de grötste» Dichter iS hin und fingt m mehr. Wi hebbt finS Liken ni hast, um kriegt em nich wedder." In der „Deutschen Dichter-alle" ließ der Humorist Richard Schmidt-Laban iS ein Gedicht veröffentlichen, dessen letzte Strophe lauset: „Wie Reuters Name fort und fort, Am deutschen Herzen bleibet füng, Schwebt stets um seines HttgeLs Port, Der Flügel der Erinnerung!" Eitle Anekdote bilde den Schluß. Fritz Reuter wurden einst von einem Dr. Berlins sehr mittelmäßige plattdeutsche Gedichte im Manuskript zur Begutachtung zugesandt. Reuter wollte kein abweisendes Urteil schreiben, er wählte *1» Antwort de» Zweizeiler: De KuduL singt un ok de Sparting, L>ing Du man dnchtig Doetor varling!" Julius Falk. Köln. kommen und bitten!“ — «Mein lieber Rabbi, damit ihr nicht Böses von mir denken und mir Unrecht ton sollt, fragt die Frau selbst.“ Sie traten in den Saal, wo sie wartete» und sie antwortete auf die Frage des Rabbi: „Geschenke sind an alle Armen verteilt worden und ich komme nicht um einer Gabe willen.“ Da fronte sich der Rabbi, daß sein künftiger Genoese doch nicht aller Tugenden bar sei, und er beruhigte sich einen Augenblick. „Tretet näher,“ sagte Don Abraham zu der Frau, „womit kann ich euch dienen?“ „Mit einem Rat.“ „Sprechet und seid sicher, daß ich euch gerne zu Nutzen sein will,' „Ich bin eine arme Witwe,“ erwiderte die Frau, „und ernähre mich kümmerlich mit meinen vier Kindern. Meine einzige Hoffnung war der Verlobte meiner Tochter; er sollte meine Stütze und den Vaterlosen ein Vater sein. Aber nun hat er eine reiche Braut gewählt und laßt meine Tochter sitzen.“ „Frau“, sagte Don Abraham, „warum kommst du zu mir um Rat? Habe ich denn Macht über den jungen Mann?“ „Ja, du hast es, Herr; denn er ist dein Schwiegersohn.*' Don Abraham erbleichte. Erst nach Verlauf einer Zeit sprach er zu der Frau: „Die Sache soll untersucht werden und ist sic so, wie du sagst, sollst du Genugtuung erhalten. Geh getrost heim.“ „Das ist eine ärgerliche Geschichte!*' meinte der Rabbi. „Ihr werdet euch mit dem Mädchen und der Mutter abfinden müssen.“ Don Abraham erwiderte trocken: „Wollt ihr morgen bei der Trauung meiner Tochter zugegen sein, so werdet ihr das Ende dieser schwierigen Sache erfahren.“ Rabbi Raschi konnte vor Begierde, den Ausfall dieser Angelegenheit zu erfahren, des Nachts kaum schlafen und begab sich nächsten Tages, sobald die Schicklichkeit es gestattete, eiligst nach dem Palast. Hier war alles Bewegung und Geschäftigkeit, eine Menge Gäste aller Stände strömten herbei und der Rabbi hatte Mühe, sich bis zu Don Abraham vorzudrängen, der von den Vornehmsten der Stadt umringt stand, ihm aber dessen ungeachtet höflich entgegen trat. Die Feierlichkeiten begannen; der Baldachin war in dem marmorbelegten Hof errichtet; unter Musik und von Fackelträgern umgeben, wurde der Bräuti- {'am hinabgeführt, zwei vornehme Damen und ein anges Gefolge von Brautjungfern begleiteten die weißgekleidete verschleierte Braut; der Ehekontrakt, die Zusage der Morgengabe wurde verlesen, der Bräutigam steckte seihen Ring an den Finger der Braut und zertrat ein Glas, worauf die Menge ringsum in laute Glückwünsche ausbrach. Jetzt näherte sich Don Abraham der Braut und hob den Schleier von ihrem Gesicht. „Allmächtiger Gott! Mirjam!“ rief der Bräutigam uncl sank beinahe zusammen; denn die Braut war nicht Don Abrahams, sondern der armen Witwe Tochter. „Ich muß euch nun das Rätsel lösen,“ sagte Don Abraham. „Dieses Mädchen war früher dieses Mannes Verlobte, Liebe vereinte sic Beide; aber ich wußte es nicht. Aus Dankbarkeit, weil wir ihm gut waren, und in der Hoffnung, das Los seiner Mutter und seiner Geschwister verbessern zu können, gab er meinem Wunsche nach und wollte meine Tochter ehelichen. Erst gestern erfuhr icli den Zusammenhang. Durch mich soll keine Jungfrau beschämt oder unglücklich werden. So nimm sie denn an meiner Tochter statt und werdet glücklich.“ Alle standen schweigend und gerührt. „Und was die Mitgift betrifft,“ fuhr Don Abraham fort, „so wollen wir natürlich das nicht brechen, was in diesem Papier zugesichert steht.“ Nun konnte Rabbi Raschi nicht länger an sich kalten. Er schrie mit Tränen in den Augen: „Ja, du bist würdig, den Garten Eden mit mir zu teilen! Ich freue mich darauf, einstmals deine Gesellschaft zu genießen!“ Die Anwesenden verstanden diesen Ausruf nieiht und der Rabbi war zu leidenschaftlich bewegt, um daran zu denken, sich den anderen verständlich zu machen. . Später aber erzählte er Don Abraham seinen Traum und dieser antwortete gutmütig: „Das freut mich herzlich; es ist ja so angenehm, einen guten Nachbar zu haben.“ Nun sind viele, viele Jahrhunderte seither verflossen. In kurzer Zeit kann jeder von uns sehen, ob die beiden wirklich beisenimenettzen. Sendet den fälligen Beitrag für M dritte LierteHaHr 1927.in Höhe von 2,60 Mark einschließlich Be-ug»geld für die -»JiMsch-lNerale Leitung" an das Postscheckkonto der Bevei'nigung für das liberale Judentum E. SB., Berlin NW 7, Nr. 187 069 nmnMiüüiütMmniiiiimmnn