Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 7 (1927)
- Issue
- 27 (8.7.1927)
- Date
- 1927-07-08
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Die ersten jü-ischenAerzte im Herzogtum Preußen' Bon' A. S t r u k a t. ML'sich der alte Ordensstaat im Jahre 1525 in das Hevzvgtum Preußen umwandelte, da stand es mit der ärztlichen Praxis noch sehr schlecht. Studierte Aerzte gehörten L« den größten Seltenheiten, und in den Landstädten fand nnm sie fast nirgends. Herzog Albrccht beschränkte sich nur zmveAen einen luugen Mann aus eine Univerntat nach Deutschland und später wohl auch nach Italien zu senden, welcher dort auf herzogliche Kosten die Arzneikunbe studierte. Nach seiner Rückkehr trat er dann bei dem Herzog als Leibarzt ein. wozu er sich bei Annahme der herzoglichen Stipendien ausdrücklich verpflichten mußte. Nun wurde aber im Jahre 1538 die Iran eines herzoglichen Dieners von einer schmerzliche» und gefährlichen GeftchtsLrankheit und einer immer mehr zunehmenden Kovperschwäche befallen. Man hatte von einem im polnischen PLiNchen wohnenden jüdischen Arzt Isaak Map gehört, der vielleicht die Krankheit heilen konnte. Mit Erlaubnis des Her-ogS wollte dieser auch nach Königsberg kommen und die Kur 'übernehmen. Der Herzog gestattete dieses zuerst nicht, weA er annahm, -er silbische Arzt könnte sich mit betrügerische« Absichten in Königsberg ansiodeln. Erst als die Bitte um Erlaubnis wiederholt wurde, lieb er seinen ArgwoHn gegen die Juden fahren und erließ am 23. Oktober 1538 folgendes charakteristische Schreiben an ihn: „An Isaak May. den Inden! Uns heck des ehrsamen unsers Dieners und liebelt (betreuen Gallen Hacken Hausfrau untertäniglich und mit bekümmertem Gemüte anzeigen lassen, daß sie aus Schickung Gottes in beschwerliche, jährliche Schwachheit ihres Gesichts und sonsten gefallen sei und verhofft nächst göttlicher Hilfe durch Deine Geschicklichkeit, Rat, Mühe und Fleiß, ivie Du Dich gegen ihr tröstlich sollst haben vernehmen lassen, zu genasen urrd beständige Gesundheit zu erlangen. Sie hat »nS darauf in aller Untertänigkeit angelangt, Dir. althier zu kmnmen. gnäidiglich zu vergönnen. Wiewohl wir Dir ans Dein Ansuchen das selbige jüngst ans diesem Bedeuten, daß wir niemand fremdes Glaubens denselben in nnserm Fürstentum ausznbreiten und andern damit zu vertippen, öqSgteichen Wucherei zu treiben, in keinem Wege zu gestatten | gesinnt, abgeschlagen, dieweil wir aber nun eines andern! und das berichtet sind, daß Deine Meinung und Intention 1 ist, kranken, schwachen Leuten nnt gebührliche, leidliche, «ermögliche Belohnung mit Verleihung göttlicher Gnade und Deiner Kunst rechtschaffeic und ohne einigen Betrug r>u Helsen» wo dem so, so magst Du im Namen des Herrn Dich allher begeben (welches wir Dir hiermit gnädiglich zulassenj, und darfst Dich keines UeberlasteS, dafür wir Dich dann schützen und schirmen wollen, befahren berührtes unsers lieben Getreuen Gallen Hacken Hausfrau neben andern, die Deines Rats und Hilfe begehren, in Deine Curam nehmen und Deinen möglichen Fleiß ihnen zu helfen verwenden, versehentlich ein jeder Patient werde sich mit Dir um Deine gehabte Mühe nach seinem Vermögen gebührlich und nnerweislich erzeugen und vertragen, doch daß Du Dich allwcge. wie oben vermeldet. Deines Glaubens halten, niemand damit befchmitzeu. auch keinen Wucher treiben und sonsten rechtschaffen halten tust. Welches wollten wir Dir, Dich darnach rviffen zu richten, nicht verhalten." Drei Jahre später bat ein zweiter jüdischer Arzt. Michel Abraham, den Herzog um die Nieöerlassungsgenehmia für Königsberg und die Erlaubnis, „sich für einen rrzt gebrauchen lassen zu dürfen." Der Herzog trug diesmal gar keine Bedenken, seine Genehmigung zu erteilen. W «fühl, sogar den Stadtvätern, den Juden als Bürger MMttßMklti falls er sich aufrichtig und redlich erweise. Auf NM'Mj>Ä»i«ten des jüdischen Arztes, auch dem Herzog in Krankheitsfällen gern dienen zu wollen, ließ dieser ihm antworten, wenn der Arzt gezeigt habe, was er verstehe, wolle der Herzog seine Hilfe im Bedarfsfälle in Anspruch nehmen. Das waren die beiden ersten jüdischen Aerzte. denen in Königsberg die Praxis gestattet wurde. Wie schwer es aber einem Arzt in einer kleinen Stadt sein mutzte, sich von seiner Praxis zu ernähren, zeigt das Beispiel eines Arztes, der sich im Jahre 1538 in Ragnit niederließ. Um überhaupt leben zu können, bat er den Herzog, ihm eine freie Wohnung einräumen zu lassen und auch den Branntweinschank zu gestatten sowie freie Weide für das Vieh. Der Herzog ließ ihm durch den Hauptmann ein Häuschen anweisen und zwar als erblichen Besitz, wofür jährlich eine Mark Zins zu zahlen war (etwa V* Pfund Silber). Den Branntweinschank und die freie Weide wollte der Herzog nicht gestatten, trotzdem der Arzt dafür das herzogliche Gesinde auf dem Schloß umsonst behandeln wollte. Es wurde ihm befohlen, nur „eine gebürliche Vergleichung" zu fordern und auf dem Schlosse keine Heilung ohne Wissen des Hauptmanns vorzunehmen. Für die Erlaubnis zur Praxis und um seine Einkünfte etwas zu verbessern sollte er einen Tag in der Woche zwischen Ostern und Michaeli helfen, das Getreide auf der Kornkammer im Schlosse umschaufeln. Dabei erhielt er an diesem Tage an Lohn und Verpflegung dasselbe, was man anderen Arbeitern dafür zahlte. Ein jüdischer Minnesänger. Von C i I l t Marx. „Die gesungen hant uu zemale sind huudertnndachtdreißig". So schloß der von Gottfried Keller in seiner zierlichen Züricher Novelle verherrlichte „Hadlaub" die große Sammlung des Minnesangs, die man die „Manessische Handschrift" nennt. Des „Minnesangs Frühling!" ‘ Was enthält sie nicht an Zartem und Duftendem, an Blühendem und Kecken, diese Handschrift, die Hadlaub im 14. Jahrhundert im Auftrag des Züricher Ritters und Ratsherrn Rüdiger Manesse zusannnentrua. Mühsamer Fußwanderungen bedurfte es, eifrigen Stöberns und Forschens in Pergamenten, aufmerksamen Horchens im Volke, das sich VereioförFeiierbestaM in Berlin?on 1874, e.V. Kostenlose Fenerbestattnnft Annahme W 35, Lützowstr. 41. Telefon Lfitzow 980-61 und Charlottcnburß Kantstr. 151a. Ecke Fasancuitraße Telefon Stcinplalz 1835 B.TT.m -- rss die Lieder der fahrenden „Liut" aneignctc, um den Stofs zum Werke zusammenzutrageu. das er mit bunten Bildern schmückte, mit abenteuerlichen Rittergestalten in seltsamen Helmen, mit Pferden und Wappenschildern, in ungeschickter Perspektive das alles — und dennoch! rvelchcr Reichtum an dichterischem Gefühl, an lyrischer Feinheit! Heinrich von Oftevdingcn, Reinmar von Hagenau, Wolfram von Eschenbach. Kürenberg und Walther von der Vogelweide! Klingende Namen und klingender noch ihr Lied! „Herr Walther von der Vogelweide, wer des vergäße, tat mir leide!" Ja, ihn vergißt wohl niemand. und es mußten Jahrhunderte vergehen, ehe seiner Lyrik ebenbürtige geschaffen ward. Wie viele der anderen aber kennt die Welt noch, und doch gehörten sie zu den Besten ihrer Zeit, waren ihre Werke würdig, der Nachwelt erhalten zu bleiben. Und da sind auch sechs Lieder eines Sängers ausgezeichnet, der gewiß nicht zu den schlechten zählte. Sechs Lieder nur, — wenig und dennoch genug, erkennen zu lassen, daß ihm die Kunst des Singens und Sagens wohl zu eigen war, die Kunst des höfischen Minnesanges. SüMnd von Trimberg ist cs, der Jude, der wie die anderen Sänger Gefühle zu verherrlichen versteht, der zu Lob und Preis der Frauen, zur Ehre Gottes Minnelieder erklingen läßt. Um das Jahr 1220 ist seine Schaffenszeit gewesen; er wußte von den Leiden, die die Kreuzzüge den Juden brachten; auch seine Heimat, das Frankeuland, blieb wohl nicht frei von grausamen Judenverfolgungen, zum Mindesten nicht frei von der im Mittelalter so selbstverständlichen Verachtung des Inden. Und all dem zum Trotz fühlt er sich als Deutscher, als indischer Deutscher, liebt er seine Heimat, liebt er das Volk, nimmt er forschend und mit daran arbeitend teil an deutscher Kultur. Aus seinem Geburtsort, vermutlich einem kleinen stillen Platz unweit Kissingens ziM er auS. gleich den anderen höfischen Sängern in den Schlöffern und Gütern deS Adels und der Vornehmen einkehrend. Und ungefähr zu der Zeit» da ein Me'ir von Rothenburg hebräische Klagelieder schreibt, noch nicht 100 Jahre nachdem ein Jehuda Halevi die bedeutendsten hebräischen Dichtungen des - Mittelalters verfaßte, zu einer Zeit, da daS Gebot des Papstes das Tragen von Judenhüten, von Judena-bzeichen verovdnet, da wagt ein Jude, in der Sprache des Landes, in dem er geboren wurde, zu dichten, zu schreiben. Und eS ist ihm trefflich gelungen. Er zieht umher, hie und da gut ausgenommen, in vielen Fällen aber wohl nicht „adelig", denn so singt er vom „Adel": „Wo aber Adelsmann sich mit Gemeinem paart, da wird «das Adelskleid ein Fetzen schlechter Art; nicht tangt's dem Mehl, wenn Spreu sich mischt de« Korne." — und: „Wenn einer von geringem Stand von Ueblem sernhÄt sein Hand zum Besten stets das Aug' gewandt, der heißt mir edel. — strömt sein Blut auch nicht aus adeligem Borne." — Mag dies Lied ans einer kleinen Verbitterung über üble Aicknahme entstanden sein, so sprechen die Lieder Wer „Falschheit" und „Gedankenfreiheit" mehr von phikosoMschem Godankengang. wenn auch im naiven Gewände: „Gedenke ni-eman kan erwern den toren noch den wisenl" In Neuhochdeutsch: „Gedanken niemand kau« verwehren deu Toren noch den Wersen", Gedanken schlüpfen durch den Stein, durch Stachel und durch.Eisen." — Auch Fraueuminne ist ihm nicht fremd geblieben. Klingt eS wir WaltherS Lied „Zucht und reine Minne, wer die sucht und liebt, komm' in unser Land" — oder ist da ein Anklang an Sälowos Worte vom „Biederweib", wenn Süßkind fingt: „Ihres Mannes Krön' ist das viel reine Weib, — ein sel'gtt Mann der, dem Güte sie beschert?" Soviel ist sicher, daß er vertraut mit dem Minneliod, vertraut aber auch mitakftjüdischem Gut war. Und dichten Walther und die anderen Marienlieder und Gebete, so gelingt ihm die Verherrlichung Gottes in -er Weise der Pscrlirrrsten: „O König, hochgelobter Gott, das All füllt deine Macht, du leuchtest mit dem Tage und dunkelst mit der Nacht, daß cs der Welt an Freud und Frieden nicht gebricht;, ' König! Alle Ehre gebühret dir allein. Wie zierest du den Tag mit Hellem Sonnenschein, und auch die Nacht schmückt deines Mondes Licht. Du schufst den Himmel und der Sterne Schar, und deine Schönheit währet immerdar. Viel hast du uns zu spenden — das wankt und weichet reicht."' Und dann konmrt das Ende! Walther, der viel gescholten hat. er kann doch zum Schluffe jubelnd sagen: „Ich Hab' ein Lohen, alle Welt, ich Hab' ein Lehen!" Seine Kunst hat ihm Ehre und Besitz eingobracht. Der arme Süßkind aber bleibt der rastlose, nirgends lang geduldete, er bleibt der — Jude. Da resigniert er: „Da bin>ch eines Toren Fahrt — mit meiner Kunst gefahren. — Die großen Herren wollen mir nichts geben. — drum will ich ihre Höf« flieh« — und laß mir ein«n langen Bart — wachsen von grauen Haaren. — Nach alter Jivdenfitte will ich fortan leben — und stistc meines Weges zieh». — Der Mairtel soll umfahrr mich lang — tief unter meinem Hute. — demütiglich sei nun mein Gang' — Und nie mehr sing' ich höfischen Gelang — seit mich die Herren schieden von dom Gute." SüMnd von Trimberg! Die Literaturgeschichte eines Bartels wird ihn wohl kaum rühmend erwähnen, aber daß alte berühmte LiteratnrdenEmal der Manessischen Handschrift hat uns fein Andenken und Werk bewahrt—das Werk eines jüdischen Mannes und deutschen Minnesängers. mß ■ 'Ww KÖMIGSTR. ECKE SPAMDAUERSTR. myapi,Sfcriai#!ljM^^ nodiMCtocir! mm “Ml Inserat || o<x^ocock>o<><>o<><>o<>ochc^>oooooco^ Malerarbeiten jeder /lrt führt ans Robert Hucheim öerlin WLH, Culmbacher Straße 7 LÜhvW 6200 $ — Kostenanschläge gratis. - OOOÖOOOOOOOOOOOOOOOOÖOOOOOOOOO^ Ungeheure Mengen Lcinenschuhe,Seglerschuhe, T ennisschühe.Tourenstiefel, Sandalen, Kinderschuhe, Hausschuhe u. Luxusschuhe sensationell billig) - 'T$ri mit Krepj feinste RahmenarheÜi Zur Aufklärung! Oer Riese neu drang in unseren Filialen beweist, dass unser Saison- Aus verkauf die Erwartungen der Berliner Bevölkerung wett öbertrifft. 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