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Jüdisch-liberale Zeitung · 1927-07-08 · 27 (8.7.1927) · page 3

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
7 (1927)
Issue
27 (8.7.1927)
Date
1927-07-08
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Gerade wett der überwiegende Teil unserer Jugend seine Haupterziehung auf nichtjüdischen Instituten erhält, mutz hierfür eine umfassende Bewegung unter Führung der Gemeinden einsetzen. Zwanglose Bildungsstätten für Erwachsene und Jugend, weitgehendster Ausbau schon bestehender. Herausgabe historischer Zeitschriften und Einzelabhandlungen. Verweigerung der Subvention an Jugendvereine, die neben ihren Spezialzwecken diese Erziehungsarbeit nicht leisten (was nutzt uns ein Sportsmann, der innerlich doch kein Jude ist'?), sind nur einige wenige Mittel hierfür. Die Hauptarbeit aber mutz in den jüdischen Schulen ge- Ieistet «erden. Bei Ueberprttfung dieser Möglichkeit lagen mir die Arbeitspläne einiger jüdischer Mittelschulen vor, die neben zwei Stunden deutscher Geschichte pro Woche noch eine Stunde jüdische Geschichte — und zwar nur für die höheren Klassen — enthielten. Selbst wenn die Lehrbücher mehr Leben und Gestaltungskraft hätten, was mit wenigen Ausnahmen nicht der Fall ist. und der Lehrer ein Künstler im Formen des Stoffes wäre, kann mit diesen Lehrplänen die gewünschte Wirrung nicht erzielt werden. Für die Bildmrä durch deutsche Geschichte liegen die Verhältnisse günstiger. Milieu und Leben knüpfen täglich geschichtliche Beziehungen an durch Bauwerke und Denkmäler, dnrch historische Hintergründe von Erzählungen, Bühnen- und Bildwerken usw. Wir müssen also suchen, eben solche Anknüpfungen für die jüdische Geschichte zu finden, die den »Gegenstand" des Unterrichts in einen „Zustand" des Schülers umbilden. Eine bisher noch wenig versuchte Möglichkeit liegt in einer Verbindung deutscher und jüdischer Geschichte. Denn das Schicksal der Juden war zu allen Zeiten und ip allen Ländern mit dem Geschehen der übrigen Bevölkerung verknüpft, und zwar nicht nur durch Bewirkung des jüdischen Lebens durch das nichtjüdtsche. sondern in vielen Fällen — und oft in den bedeutsamsten — auch umgekehrt. So hat z. B. die Haltung Heinrich IV. gegen die Juden, denen er schon deswegen günstig gesonnen war, weil sie Städter waren — bekanntlich stützte er sich auf die Hilfe der Städte gegen die Landesfürsten — einen Anteil au dem Zerwürfnis mit dem Papst. Reuchlins Talmirdstreit mit den Dominikanern hat der Reformation durch Erregung der gebildeten Volksschichten zweifelsohne ebenso die Wege geebnet, wie die Kanzelreden Johann Geilers von Kaiserberg dies bei der breiten Masse bewirkte. Aber während man letzteren in deutschen Geschichtsbüchern erwähnt, findet man ersteren nur in jüdischen Lehrbüchern. Hier ist noch ein weites Feld für Geschichtsforscher, historische Schriftsteller und Lehrer, den Stofs zu erforschen, niederzulegen und zu gestalten. Fast für jede Epoche lassen sich derartige Zusammenhänge erkennen. Reiht man diese in einen einheitlichen Unterricht ein,so gewinnen beide Geschichtsgebiete einen neuen Reiz und größere Plastik. lDann wird z. B. der Anblick des Kaiserhauses in Goslar nicht nur an Heinrich IV.. sondern anch an die Haltung der Juden, das Syeverer Privileg usw. erinnern. Dann erhalten viele Symbole einen doppeltgeschichtlicheu Sinn.) Die Auswirkungen einer solchen Bildnirg wären aber noch viel tiefer und weiter, als in dieser kurzen Arbeit erörert Werden kann. Vorbedingung für sie ist die gründliche Durchforschung der historischen Tatsachen auf ihre Zusammenhänge und Wechselwirkungen in deutscher und jüdischer Beziehung. Da würde die Ursache von so manchen Fortschritten deutscher Entwicklung in Ereignissen und Taten der Juden aufgedeckt werde» uvd so unbeschadet unserer Eigentümlichkeit — die historische und kulturelle Berbundenbeit mit deutschem Werden und Wirken dargetan werden. Bon hier ans würde sich eine völlige Aenderung in der Beurteilung jüdischer Einflüsse auf deutsche Verhältnisse in objektiver Weise aubahnen und auch in Las Wissensgut des ganzen Volkes eindringen (wenngleich dieses Moment niemals Ziel und Tendenz , objektiver Wissenschaft sein darf). Der Verfasser dieses Aufsatzes hat 600 Jahre deutsch-jüdischer Geschichte untersucht und ist schon beim ersten Nmriß in der Ansicht bestärkt worden, das; hier ein Arbeitsgebiet mit vielen Möglichkeiten ist. In der Unterrichtspraxis dürfte dann keine Trennung der beiden Geschichten mehr stattfinden, sondern ein wöchentlich dreistündiger einheitlicher Unterricht. Nun gibt es Er eignisse in unserer Geschichte, die in keiner Beziehung zm deutschen stehen, für die Bildung unserer Jugend und das Verstehen unserer Entwicklung aber ganz unentbehrlich sind. Diese müssen in Einzeldarstellungen, und zwar in möglichst vollendeten und eindringlichen etwa als Vortrag, außerhalb des Drei-Stnndeu-Planes unter Zusammenfassung mehrerer Klassen — in noch einer Stunde pro Woche — den Schülern geboten werden, vertieft durch Lese- und Nebersetzungstex'te im hebräischen Unterricht. Schon die nächste Generation, die eine Schule mit diesem Unterricht verläßt, hätte das nötige Elemcutarwissen und daL naive Erlebnis unseres historischen Werdeganges, auf denen sich die höheren Stufen geschichtlichen Erkennens und Erlebens aufbauen lassen. Lersanunlungskalender : Berli«-R»rde«. Liberale Synagoge Norden lim Anerbachfche« Waisenhaus. Schönhauser Allee 108): Wege« Renovier««- fällt der Gottesdienst im Monat Juli ans. Wiederbeginn am Freitag. de« b. August. Bresla«. Jli „Abraham Geiger". Im Monat Juli finden allwöchentlich Mittwoch, abends von 8.18 Uhr an Zusammenkünfte im Friebebera-Garte«, Kaiser,Wilhelm-Strotze 121, statt. Gäste find herzlich willkommen. Kleine Zeitglossen. Eine kalte Donche. Abkühlungen werden in diesen heißen Tagen meistens als Erquickung empfunden. ES ist aber mehr als zweifelhaft, ob auch die kalte Touche, die die von mir bereits in der vorigen Nummer kurz charakterisierte Red« Welzin an ns vor den Berliner Zionisten für di« allzu hoch gespannten Erwartungen aller Galuthmüdeu bedeutet hat, eine so rvvhltueude Wirkung gehabt hat. Ich habe schon berichtet, daß diese Rede aus den Ton der Resignation gestimmt war. In welchem Grade dies zutrifft, erhellt so recht erst ein Vergleich dieser Auslassung Weizmanns mit den Enunztationen, die er noch vor einem Jahr« erließ. Am 29. Juli 1926 führte Weizmann in der Sitzung des zionistischen Aktionskomitees aus, daß „in Palästina Platz ist für zchntausende und zehntausende Jllden . .. Meine Konzeption ist festgelegt durch den Willen, in den nächsten Jahren immer wieder 40000 Menschen iuS Land zu bringen." Jetzt gibt Weizmann zu: „Heute einen großen Zuzug vo« Immigranten zu verlangen, wäre heller Wahnsinn. Im Jahre 1925 sind vielleicht 20 000 Einwanderer zu viel (!) ins Land gekommen, deshalb werden eben (sie!) in den nächsten Jahren viel weniger All e it s ch e n ins Land gelangen können." Im vorigen Jahre glaubte Weizmann nicht nur daran, „daß es möglich ist. in absehbarer Zeit die große jüdische Gemeinschaft in Palästina zu schaffen: ich will sie selbst sehen!" Heute empfiehlt derselbe Redner Akkommodiernng an das Temperament der Engländer, die gewohnt sind, eine Kolonisierung mit einer sich aus Jahrhunderte erstreckenden Langsamkeit dnrchzuführen und auch in Palästina keine Neigung zeigen, von dieser Gewohnheit abzugehen . . . Was heute vom Zionismus übrtgt bleibt, ist ein Wohlfahrtswerk, das sicher mit Geldopfern, aber ohne Opfer an Gefnhlswerteu der mit der Kultur ihrer Heimatländer verwachsenen Judenschaft burchzuführen ist und daher nirgends Widersband finden kann, vorausgesetzt, daß die jüdisch-nationale Ideologie ihre unhaltbar gewordenen Positionen, die allein den Geist deS Widerspruchs herausgefordert haben, endlich räumt. ES ist an der Zelt, baß die Zionisten einmal nach all den Abstrichen, die sie auf Grund der gesammelten Erfahrungen an ihrem Programm machen mußten, ihre Existenzberechtigung als jüdische Sondergrnppe einer gründlichen Prüfung unterziehen. Wenn sie aus der von ihnen selbst deklarierten Sachlage die richtigen Konsequenzen ziehen, könnten sie sich wenigstens um die innnere Befriedung des Judentums ein großes Verdienst erwerben. Andere Lorbeeren scheinen ihnen ia doch nickt bescbicdeu! Unlöblichcs von Herrn Loeb. Die Ausführungen des Herrn Semiuarvberlehrers F a l k e n b e r g. die in Nr. 28 der „Jüdisch-liberalen Zeitung" erschienen sind, haben das Mißfallen des Herrn M o r i z A. Loeb gefunden. Das wäre au sich nichts Verwunderliches, denn Herr Loeb ist konservativer Gemeinderepräsentaut und Herr Falkenberg hat in dem angezogenen Artikel die Interessen des LiberaliSm « s gegen die Uebergriffe der Orthodoxie verteidigt. Ran begreift; daß schon ein solcher Versuch an sich, eirrem echten Konservativen als der Gipfel menschlicher Anmaßung erscheinen muß. Trotzdem kaun mau sich eines gewisse« Staunens nicht erwehren, wenn man di« Form wahrnivmnt, in die «in immerhin als kultiviert aelteuder Mann seine Polemik diesmal zu kleiden beliebt. Herr Kalkenberg hat in seinem Artikel die Frage aufgeworfen, ob die Liberalen v v g e l f r e i sind. Daran knüpft Herr Loeb folgende witzige Bemerkungen: „Der Leser, der zunächst nicht weiß, ob eS sich hier um ein subjektives oder objektive- Bogelfreiseiu handelt, muß sich erst durch einen guten Teil dedreispaltigen Aufsatzes hindurcharbeiten, um dann aufatmenzu erfahren, daß die bang« Frage des Herr» Falkenberg der große Mcnschheitsapostcl Dostojewski, der feurige Anwalt der „Erniedrigten und Beleidigten", der Verteidiger oller Enterbten und Geknechteten dieser Erde. Vielmehr glaubt man, einen „advocatus diaboli" zu vernehmen, würdig, als Mitarbeiter der „Weisen von Zion", -es „Völkischen Beobachters" und ähnlicher Dokumente frevelhafter Demagogie, sowie geflissentlicher Volksverdummung und Rassen Verhetzung angeprangert zn werden. Ob Für oder Wider Kowner. gilt gleich. Uebcr seine Schuld und Sühne mag jeder denken, wie persönliche Stellungnahme ihm gebietet. Mer Äowners unsterbliches Verdienst bleibt es jedenfalls, den großen Philanthropen Dostojewski der kleidsamen ethischen Vermummung beraubt zu haben. Wenn die letzten Masken fallen, grinst uns oft da- Antlitz der Wahrheit voll unerwarteter Dämonie schreckhaft entgegen. Nicht die „Beichte eines Inden", wohl ober die «durch sie hervorgerufenen. halb unfreiwilligen Bekenntnisse und Geständnisse des „repräsentative mau" Dostojewski beweisen, daß man ein großer, ein genialer Dichter und -och ein kleiner, kleinlicher, enghirniger und engherziger Mensch sein kaun. — Da nun wohl dem Künstler, der hinter seinem Werk, gleich einer schützenden Wand verborgen bleiben darf! Sogar die religiöse Idee des Judentums wirvon dem sE frommen und religiösen Dostojewski tendenziös verzerrt und entstellt. -Obwohl tausendfach eines Anderen» Besieren belehrt, bezeichnet Dostojewski als die Quintessenz des sogenannten jüdisch-religiös e n „Status in statu": dennoch absichtlich die mißverständliche Formel: „Scheide dich aus von den Völkern und bilde dem« Besonderheit und wisse, daß du von nun ab allein -ei Gott bist. Die anderen vernichte oder mache sie zu deine» Gbla-ven oder beute sie aus. Glaube cnr deinen Sieg über -ie ganze Welt, glaube, daß alles dir untertan sein wird. Alle anderen Völker sollst du verabscheuen und mit keinem von ihnen Umgang pflegen. Und selbst, wenn du den: Änd und deine politische Persönlichkeit verlierst, selbst wenn du über die ganze Erde hin unter alle Völker verstreut sein wirst, — gleichviel: glaube an all das, was dir verheißen ist, ein für allemal glaube, daß eS also geschehe« werde, — inzwischen aber lobe, verachte, beute ans und — erwarte, erwarte, erwarte . . der Priester der Brüderlichkeit und der allgemeinen flRÖtföetftofc erniedrigt sich selbst dnrch Bohanvtungen. die man dem letzten und bvschränktosten Analphabeten feines Volkes kaum verzeihen würde. Er scheut sich nicht» niederzuschreiben: „Es ist unmöglich, sich einen Juden ohrre Gott vorzustellen. und ich glaube auch nicht au gebildete jüdische Atheisten: alle sind sie ein«S Wesens, und Gott weiß, was der Welt von der jüdischen Intelligenz noch bevorsteht! Als Kind habe ich oft von den Juden sagen höre«, daß sie auch jetzt noch unverzagt ihren Messias erwarten, alle, wie der niedrigste so der höchste von ihnen, der gelehrteste Philosoph wie der kabbalistische Rabbiner: daß sie alle glauben, ihr Messias werde sie wieder in Jerusalem versammeln und alle Völker mit seinem Schwerte zu ihren Füßen legen: daß nur aus diesem Grunde di« Inden — wenigstens in ihrer übergroßen Mehrzahl — bloß eine einzige Arbeit alle« anderen vorzögen: den Handel mit Go ld und mit allem. waS sich schnell in Golverwandeln läßt—, und daß sie dies nur deshalb täten, um dereinst, wenn der Messias kommt, kein neues Vaterland zu haben, nicht dnrch Besitz an das Lan d gebnnden zu s e i n, sondern ihr Hab und Gut in Gold und Wertsachen mit sich führen zu können. —" Fürwahrcs wird selbst dem inbrünstigen Dostojewski- Verehrer, dem aufrichtigsten Kenner und Bekenner dieses unvergleichlichen dichterische» Ingeniums, das beiläufig hauptsächlich durch die Vermittlung jüdischen Geistes in die Weltliteratur eingeführt ward, schwer gemacht, dem großen Poeten Treue zu wahren, wenn man dergleichen infantile Schmähungen und Hetzreden niedrigsten Niveaus aus seiner autoritativen Feber gelesen hat. Und trotzdem unternehme man einmal einen Runbgana durch die sogenanten gendeten Häuser der europäische» Welt und dann stell« «an eine Statistik darüber auf. wo man die besten Dostojewski. Ausgabe« und die tiefgründigste» DostojeivSki-Kenner gefunden hat. Das Ergebnis wird lauten: jüdische Kreis« aller Nationen! Denn weder die mrqebliche „Itnverschmelzba»ke it" deS Inden »it anderen Böllern, noch feine eigene durch vierzig Jahrhunderte erhaltene Kultur werden dem Inden seine geistige Unbestechlichkeit und seine« leidenschaftlichen Respekt vor einem — selbst dem Judentum noch so feindlich und verständnislos gegenüberstehenden — Eeni« -« raube» vevwbg«. nur objektiv aenreint ist." Das heißt aus der gelehrten Sprache deS Wissenschastlers in den gemeiuuerständiichcn Idiom der Vdarktwciber übersetzt, daß Herr Falkenberg — »einen Vogel hat" . . . Fein, nicht wahr'? Es ist nur schade, daß Herr 8oe6 diese Uebersetzung nicht gleich selbst vorgenommen hat. Denn eine Flegelei bleibt eine Flegelei, auch wenn sie in gewählter Sprache vorgebracht wird. Sie büßt dann nur an Wirksamkeit bei jenen Volksschichten ein, in denen solch« Art zu polemisieren, einzig und allein aui «in dankbares Publikum rechnen kaun... Der tote Soldat. Johann Gabriel Seidl, der Verfasser der österreichischen Kaiserhymne, hat schon etliche Jahrzehnte vor dem Weltkrieg den „unbekannten Soldaten" entdeckt und sein Schicksal in einem kleinen Gedichte beklagt, in dem die elegifclien Veric Vorkommen: „Es reiten viel Generale mit Kreuzen au ihm vorbei, Denkt keiner, daß der da lieget, auch wert eines Kreuzes sei. Diese Worte kommen einem in Erinnerung. wenn mau von der glänzenden Aufnahme des deutschen Außenministers Strefemaun in Oslo und besonders von dem Beifall hört, den seine rethorisch vollendete Begründung der deutsche Friedenspolitik vor Norwegens kulturellen und politischen Repräsentanten gesunden hat. urch gleichzeitig die Tatsache vernimmt, daß am fünften Todestag Walter R a t h e - n aus kein Mitglied der Reichsregierung es der Mühe wert gefunden hat, das Grab des Mannes zu besuchen, von dem die deutsche Außenpolitik in jene Bahn gelenkt worden ist, die in Norwegen Lob und Preis — den Nobelpreis! — geerntet hat. Die Phantasie deö österreichischen Dichters ist von der Wirklichkeit in den Schatten gestellt worden, denn weit ergreifender als der in seinen oben zitierten Versen geschilderte Kontrast ist der Gegensatz zwischen den Bildern, die man jetzt in den illustrierten Zeitungen einer Woche fand: Ans der einen Seite die prunkvollen Feste zu Ehren des deutschen Außenministers in Norwegen, ans der anderen Seite ein blumengeschmückies Judengrab ans einem deutschen Friodhos und einen Baum, dessen Schußnarben von einem Kranze verdeckt werden. Vielleicht hält ein Maler diesen Kontrast für alle Zeiten fest. Als Titel des Gemäldes käme etwa in Betracht: „Jüdisches Parasitentum am deutschen Geist . . . Wir Wilden. Ich weiß nicht, wer der Wiener Korrespondent des Berliner Zentrumblatts „Germania" ist, aber ich vermute, daß er in einer ch r i st l i ch s o z i a l e n Nedaktivn sitzt. Ich schließe -das aus der Form, in die er seine Eutrüstnug über die Gnade kleidet, die die Gattenmörderin Nelly Grofavesku vor den Wiener Geschworenen gefunden hat: „Der Herrgott im Himmel hat umsonst das Naturgesetz erlassen: du sollst nicht töten! In wilden, von oben herab angesehenen Völkern (von uns gesperrt. Die Red.) gilt der Spruch: Aug' um Auge, Zahn um Zahn. Ob solche wilde Völker, wenn ihre Vertreter zugehört hätte», nicht den alten Spruch gebraucht hätten: Wir Wilden sind doch bessere Menschen . . Als frommer Katholik — eilt anderer kommt doch wohl sür die Berichterstattung der „Germania" nicht in Betracht — weiß der Verfasser des zitierten Herzensergusses ganz gewiß, was für ein „wildes, von ober herab angesehenes Volk" das eigentlich ist, -in dessen Satzungen das Wort „Ang' irrn Auge, Zahn um Zahn!" zn findeil ist. Es wird ihm ganz sicher bekannt sein, daß es mit jenem „Volt" identisch ist. der» der Herrgott im Himmel das Naturgesetz: „Du sollst nicht töten!" offenbart hat. Aber was ein echter Christlichsozialer ist, würde sich «her die Zunge abbeitzen, als offen zugeben, daß die Inden — horribile dictu — bessere Menschen sind.. „Mandelstamm muß Preuße werden!" Unter diesem Titel regt sich die „Deutsche Tageszeitung" über die ' angebliche Erleichterung der E i n - üürgeruug von Inden in P re uße n auf. Die Zuerkenrmng der Bürgerrechte all Eingewanderie ist iit Deutschland eine Angelegenheit der einzelnen Länder, doch kann dabei keines selbständig vorgehelr. Mit Rücksicht auf die im ganzen Reiche geltende Freizügigkeit und die damit verbundene Möglichkeit jedes einmal Eingebürgerten, in jedem beliebigen La.ivde seßhaft zn werden, haben sich sämtliche Länder das Kontrollrecht über solche Einbürgerungen gewahrt. ES braucht wohl uicht erst gesagt zu werden, daß dieses Recht besonders streng angowendet wird, wenn es sich um die Aufnahme eines Juden handelt. Bewirbt sich ein solcher beispielsweise um die Heimatberechtigung in Preußen oder .Hamburg, dann findet sich im Reichsrat regelmäßig eine Majorität anderer, an dem Fall gar nicht interessierter Ätnder. um die Bewilligung des ängegaitgenen Landes hinfällig zir inachen. Bisher genügte hierzu sogar die S t i m m e n g l e i ch he i t. DaS wirb in Zukunft dadurch unmöglich gern acht, daß der Reichsrat nicht mehr die Frage nach der Würdigkeit des Petenten, sondern die nach der Stichhaltigkeit der gegen ^diesen vorgebrachten Bedenkenzu beantworten habe» wird. Nack wie vor wird die GtimmeMeichheit als Ablehnung gcwertet, doch wird der Effekt der dem früheren entgegengesetzte sein. Denn während bisher die Bewerbung abgelehnt wurde, sind eS bei der jetzigen Fragestellnng die B c - denken gegen die Bewerbung. Im Falle -er Stimmengleichheit — aber nur in diesem Falle — sind also die C-Hancen von Aufnahmswerbern günstigere als früher. Diese, wie jeder Nubefangene zugehen muß. nicht sehr wesentliche Verbesserung entlockt dem deutschnationalcn RegierungSblatte folgende herzbewegende Klage: „Für Mandölstaimm und Gilbersarb und Treppengeländer ist dank deS BorgühenS der preußischen Regierung ein weiterer Stei» arrS dem Wege geräumt auf dem Pfade ihres tugeudhafte» Lebenswandels. . . Angehörige des auserwähltcn Bolk-cs erhalten die Chance, in der Grenadierstratze anzllsangen nud am Kursürstendamm — Beletage — z« enden, wenn auch mit vorübergehender Luftveränderung in Moabit." Schließlich macht da- «ackere Blatt den nicht mehr originellen Versuch, „ehrbare Gewerbe wie dades Tafchendiebstahls oder der Jalschgeldfabrikatio" als jüdische Monopole hinzustellen. Es verlohnt sich natürlich nicht, diesen Versuch seriöser zurück- »WMtfe« als er gemeint ist, obwohl die Anspielung aus Juden als Falfchgloldfabrikanten eine sehr unvorsichtige Reminiszenz an die Machinationen eines gerade von de» Deutfchnationalen besonders verehrten Königs bedeutet der das Odium feiner Münzvevschlechter»ngen allerdings aus die Juden abzuwälzen verstanden hatte. Auch verrät die „Deutsche Tageszeitung" «in« wenig schmeichelhafte Meinung von der geistigen Qualität ihrer Leser, wenn sie diesen znmntet. zu glauben, daß Taschendiebe und Falschmünzer der Einüürgerung bedürfen, um ihr Gewerbe ausüben zu können. An »er „Seßhaft"-wachung solcher Elemente hat meftftenft der Staatsanwalt ein größeres Interesse als sie selbst. Uebeltätern wird am besten durch ihren Einspruch gegen di Berleibnng deS Berliner Ehrenbürg«rre chts a, MarSieverman«eu-lavot. Der greise Borkäinpfer de «adern«» Malkunst ist doch wohl über den Verdacht erhaben -aih« d«rch die neue Würde »Stein« aus -em Weg ae räumt weiden aas de« Pfade jenes tugendhaften Löbens warrdolS . den die ^Doutfehe Tageszeitung" de» Angchörvgei des auserwätzlten Volkes nachsagt. Di« Ablehnung Lieber maunS als Ehrenbürger zeigt, Saß die Deutschuationale, weniger die KUbturlosigkeit der Jud:n fürchten als vielmeh -ervn positive Kulturwerte. Und das ehrt -i Inden mehr «SS ihre deAffchnationalen Gegner. Dr. Hngo Spiraler.

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