Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 7 (1927)
- Issue
- 26 (1.7.1927)
- Date
- 1927-07-01
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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7. Jahrgang Nummer LS FMWelchZeilmg L Beilage l. IM 1927 Drei Parabeln aus dem Talmud. In neuer freier Erzätzluna von Max Hayek. Der Körper und die Seele. Als die unsterbliche Seele aus dem sterblichen Körper aufgesttegen war. sagte der Körper zu ihr: »Stehe, nun. La ou mich verlassen hast, erkenne ich, baß ich sündelos war von Anfang an und daß du es warst, o meine Gefährtin, die in mir gesündigt hat von Anfang an! Denn nun. da du mich verlassen hast, ist alles friedevoll in mir, stille, ohne Leid und Leidenschaft! Ich bin nun wieder fromm und rein, es ist kein Begehren in mir und kein Verlangen! Und so werde ich vor den hohen Richter kommen und sagen: »Ich bin ohne Schuld gewesen, hoher Richter, die Seele war es, die mich in Schuld hat fallen lassen!" Doch die unsterbliche Seele antwortete dem sterblichen Körper: »O mein Gefährte, nicht ich bin sündig gewesen von Anfang an. sondern du! Denn ich kam makellos aus dem Reiche des Lichtes zu dir. und nun, da ich dich verließ, kehre ich heim in das Reich des Lichtes, darin keine Sünde ist und sein kann! Du hast mich in die Tiefe des Stoffes gezwungen. du fehltest und versuchtest so. mich zu verunreinen und in Schuld mich zu verstricken! Doch der Stoff vermag nichts über mein Wesenhaftes, und so will ich vor den hoben Richter treten und er wird meine Unschuld erkennen!" Mit solchen und anderen Worten sprachen die unsterbliche Seele und der sterbliche Körper zueinander, und es wähnte die unsterbliche Seele, ohne Schuld zu sein, und es wähnte der sterbliche Körper, ohne Schuld zu sein. Wie nun wird der hohe Richter die unsterbliche Seele rickten? Und wie wird der hohe Richter den sterblichen Körper richten? DaS ist ein Gleichnis. Es war einmal ein kluger Gärtner, aus dessen Garten Früchte gestohlen wurden. Und der kluge Gärtner sah einen Lahmen und einen Blinden in der Nähe seines Gartens und er beschuldigte sie deS Diebstahls. Als aber der Lahme die Anschuldigung hörte, sagte er (der in Wahrheit schuldig war): »Wie kann ich, der ich nicht einmal bis zu jenem Garten zu gehen vermag, darin die Früchte wuchsen, Schuldigen suchen!" Und als der Blinde die Anschuldigung hörte, da sagte er lder in Wahrheit schuldig war): „Wie kann ich, der ich jene Früchte nicht einmal zu sehen vermag, sie gestohlen haben? Du mutzt einen anderen Schuldigen suchen!" Aber der kluge Gärtner hob den Lahmen vom Boden auf und setzte ihn dem Blinden auf die Schultern. Und dann rief er mit Gewißheit aus: »So war es! So habt Ihr vereinigt die Früchte aus meinem Garten gestohlen!" Wie also wird der hohe Richter die unsterbliche Seele und den sterblichen Körper richten? Genau so. wie der kluge Gärtner den Lahmen und den Blinden gerichtet hat. Denn sie hatten beide gesündigt. Der Fuchs und der Weinberg. Ein Fuchs wollte in einen Weinberg hineingelangen, der voll süßer Trauben hing. Aber die Mauer, die den Weinberg umschloß, war zu hoch, der Fuchs konnte nicht hinüber. Doch da. an einer Stelle war ein schmales Loch. Und der FüW wäre gern hindurchgekrochen, aber er war zu dick. Was tat der schlaue Fuchs? Er verblieb, von der Gier nach *SB den süßen Trauben besessen, drei Tage lang in der Nähe deS schmalen Loches und fastete. Er fastete so vollkommen, daß er dünn wurde und seinen Leib mit einiger Mühe durch das schmale Loch zwängen konnte, das in den Weinberg führte. Und nun, einmal drinnen, fraß er so viel der süßen Trauben, daß er sich überfraß, und so, infolge seines erschwollenen Leibes, das Freie nicht gewinnen konnte. Denn das Loch war zu schmal, um den feisten Fuchs hindurchzulassen. Was blieb da dem gefräßigen Gast übrig, als abermals zu fasten? Und der schlaue Fuchs fastete, diese Früchte gestohlen haben? Du mutzt einen anderen Und wie er einst in der Gier nach den süßen Trauben gefastet hatte, so saß er ihnen nun gierig gegenüber, ohne sie genießen zu dürfen. Und dazu peinigte ihn die Angst, von den Menschen erwischt und totgeschlagen zu werden. Doch am dritten Tage endlich vermochte er sich, mager und hungrig, durch das schmale Loch ins Freie zu zwängen. Und als er nun zu der Mauer hinaufsah, hinter der die süßen Trauben hingen, und als er dann zu dem schmalen Loch hinabsah, das zu ihnen führte, da rief er in schmerz, licher Erkenntnis: »Wie schön bist du, o Weinberg, und wie süß und köstlich sind deine Früchte! Aber so mager und hungrig wie ich in dich hineinkam. so mager und hungrig kam ich aus dir heraus!" Und so, o Sohn des Staubes, lugst du, kaum zum Bewußtsein gelangt, nach den schimmernden Schätzen dieser köstlichen Welt. Und du genießest sie im Uebermaß — und mutzt sie endlich verlassen, um nackt und bloß in das Unbekannte zurückzukehren, aus dem du kamst! Die drei Freunde. Ein Mann hatte drei Freunde: einen, der sehr mächtig war und dem er sehr vertraute, einen, dem er sehr zugetan war und der ihn sehr liebte und einen, den er gering achtete, doch der sich im entscheidenden Augenblick als der treueste und beständigste erwies. Denn eines Tages wurde der Mann, der die drei Freunde hatte, unter großer Anschuldigung vor den König gerufen, um von seinem Wandel Rechenschaft zu geben. In seiner Not dachte nun der Mann an seine Freunde: die wüßten doch, wie er gelebt und was er getan habe, die könnten also sein Zeugnis bekräftigen und ihm vor dem König helfen. Und so gmg der Mann zu seinem ersten Freund, der sehr mächtig war und dem er sehr vertraut hatte und bat ihn, mit ihm zu gehen und ihn zu schützen. Doch der mächtige Freund sagte ihm ohne Freundschaft: „Ich kann nicht mit dir gehen, ich habe jetzt andere Geschäfte an anderer Stelle!" Und da ging der Mann bekümmert zu seinem zweiten Freunde, dem er sehr zugetan war, und den er sehr liebte. Und er sagte zu diesem Freunde: „Ich brauche dich! Verlasse mich nicht! Komm' mit rMr vor den König und zeuge für mich! Denn ich stehe unter schwerer Anschuldigung!" Doch auch der zweite Freund wollte mit ihm nicht bis vor den König gehen, dies schien ihm zu viel gefordert. Aber da er den Mann aufrichtigen Herzens liebte, sagte er ihm voll Teilnahme und Bekümmernis: „Ich will mit dir gehen, so weit ich es vermag! Ich will dir bis zur Pforte des Königpalastes das Geleit geben und mein Gebet und meine Wünsche sollen bis über die Pforte hinaus mit dir sein und dir nützen!" Und da ging der Mann, völlig verzagt, zu seinem dritten Freunde, den er gering achtete. Und er sprach zu ihm von der schweren Anschuldigung, und wie er sein Zeugnis nötig hätte und ihn bitten müsse, ihm beizustehen. Und siehe, der dritte Freund erwies sich nun als der treueste und veständigste der Freunde. »Ich will gern mit dir bis vor den König gehen!" sagte er schlicht und innig, »und dort für dich zeugen, so gut ich es vermag, um dir Freiheit zu erwirken! Ja. ich will sprechen für dich mit lauter Zunge und deine menschliche Herrlichkeit verkünden!" Und dieser dritte Freund ging mit dem Manne in Wahrheit bis vor den König und erwirkte ihm dort die Frecheit. Denn der König war gnädig. Wer sind diese drei Freunde? Wer ist dieser Mann? Dieser Mann ist jedermann. Die drei Freunde sind der Reichtum, die Familie und die gute Tat. Unser Erdengut ist fern und unsere Familie ist nicht da, wenn wir vor den König gerufen werden, der unseren Wandel wägt. Aber die gute Tat leuchtet uns in der Finsternis unserer Schuld und ihr Zeugnis ist unser Heil. Ausruf! Ehemalige Samfonschüler! Eine große Zahl deutscher Juden, die heute an ehrenvoller verantwortungsvoller Stelle stehen, Hatzen thre Jugend in Wolfentzüttel verbracht und in der altberühmte» Samsonschnle nicht bloß die gediegenen Grunidlagen ihres Wissens, sondern auch eine ausgezeichnete Erziehung empfangen, die ihnen wertvolle Antriebe für ihre gesamte Lobensrtchtung gegeben hat. Sie gedenken in Dankbarkeit der Männer, zu deren Füßen sie einst gesellen haben, wie z. B. des verewigten Direktors Prof. Dr. Tachau. der ausgezeichneten Anstalt, mit der unvergeßliche Erinnerungen sie verknüpfen, der Eindrücke, die ihnen Freude an der Natur und an der Kunst, an der Wissenschaft und an der Technik vermittelt haben. Den Zusammenhang mit der Schule aufrecht zu erhalten und neu zu beleben, dürfte der Wunsch vieler ehemaliger Samsonschüler sein. Diesem Gedanken zur Verwirklichung zu verhelfen, soll der Plan dienen, den wir hiermit den ehemaligen Samsonschülern unterbreiten. Gegen Ende des Monats August dieses Jahres oder zu einem anderen Zeitpunkte soll eine Zusammenkunft ehemaliger Schüler tu Wolfenbüttel stattfinden. Es ist beabsichtigt an diesem Tage eine Gedenktafel für die im Weltkriege gefallenen Schüler einzuweihen. An die Eltern dieser im Kriege gebliebenen Schüler ergeht die Bitte der Direktion der Schule die Angaben über ihre Angehörigen einzusenden. Wir hoffen, daß die geplante Zusammenkunft zahlreich besucht wird und zur Bildung eines Vereins ehemaliger Samsonschüler führt. Alle diejenigen, die unserem Wunsche Folge leisten wollen, bitten wir ihre Bereitwilligkeit alsbald webst ihren Wünschen über den Termin der Direktion der Samsonschule oder dem mitnnterzeichneten Dr. Behrens, in Fürth (Bayern) bckanntgoben zu wollen. Furt h, Ende Juni 1927. Dr. Behrens, Distriktsrabbiner, Fürth (B.). Walter Löwendorf, Braunschweig. Sigmund Rothschild, Realschullehrer, Frankfurt a. M. Wilhelm Meyer. Düsseldorf (vberkasseN. Erich Kassel. Oppeln. Erich Golbschmtdt, Gelsenkirchen. Dr. Italiener, Provinzirlrabbiner, Daruvstaöt. KurtLeffer,^. Berlin. Wilhelm Goldschmidt. Bremen. Iwan ESbevg, Wolfenbüttel. Hermann Saloschin, Braunschweig. r* uer Saison-Ausverkauf v, ü; Leipziger Sfn 42 Oraniensto *165 3 z eine Kubchbahn Preise? Beginn::Fneil’ag'1.Juli QUhr