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Jüdisch-liberale Zeitung · 1927-07-01 · 26 (1.7.1927) · page 10

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
7 (1927)
Issue
26 (1.7.1927)
Date
1927-07-01
Page
– (sequence 10)
Language
German
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BÜC HERSCHAU Vr. Michael Müller-Claudius: Deutsche Rasaen&ngst. Verlag C. A« Scbwetschke & Sohn, Berlin 1037. Dieses Buch sollte von allen, die das Wesen ^des Antisemitismus kennenlernen wollen oder müssen, eitrigst studiert werden; denn es legt mit seltener Gründlichkeit, ohne jegliche unnötige Schärfe, als Ergebnis wissenschaftlicher Forschung die Wurzeln des Antisemitismus bloß. Es ist, wie der Untertitel zutreffend lautet: eine Biologie des deutschen Antisemitismus. Müller-Claudius weist aus der Geschichte nacli, daß der deutsche Antisemitismus nicht in einer Rassenverschiedenheit seinen Ursprung hat, sondern in der christlichen Religionssymbolik. Der Jude wurde, zumal seit der Zeit der Kreuzzüge, nicht als Individuum gewertet, sondern als Symbol des Ojristusmörders, des Gottfremden, Gottwidrigen, der nicht um seiner Rasse, sondern um Jesu willen verfolgt wurde. Selbst Dinge, die man heute gemeinhin als Ausfluß plattester antisemitisener Demagogie betrachtet und auf politische oder wirtschaftliche Motive zurückzuführen geneigt ist, wie etwa die Ritualmordlegende oder den Trachtenerlaß für die Juden im Mittelalter, haben im Religiösen ihren Ursprung. Erst in der neuestem Zeit wird entsprechend der Bedeutungssteigerung des Nationalbewußtseins der Übergang von der religiösen Symbolik in die Nationalsymbolik vollzogen, wird aus dem religiösen der völkische Antisemitismus. Nun wird die Symbokeltung übersteigert, das Symbol erhält autonome Herrschaitsgewalt, statt Entlastung des einzelnen bringt es Belastung. Ls wird zur Waffe, die nicht mehr schützt, sondern sich gegen den Geschützten richtet; denn es macht kleinlaut und verzagt, wirkt entmutigend und Selbstbewußtsein mindernd, kurz» schafft ..Rassenangst“ und vernichtet den Sinn der Rassenkraft, den Müller-Claudius so formuliert: „Das ist der Ursinn und das Erzeugnis der gesunden Rassenkraft, daß Erfolg und Machtschaffen der anderen nicht neidisch und scheelsüchtig macht, sondern: sprungbereit zu gleichem Ziel, mit gleicher Kraft, zu gleicher Macht. Dieser sprungbereite Sinn kennt keine Rassenangst, und er kennt darum keine Rassenfeindschaft. Er fühlt sich nie durch den Aufstieg der anderen Rasse bedroht, sondern: aufgerufen. Er hört den Ruf mit freudig-bereitem Ohr. Er weiß: Haben sie, die anderen, einen Sprung zur Macht getan, so gibt es doch keine Sprungtechnik, die nicht auch die unsrige sein wird. Wir sehen innen zu — unser Wille ist gut und hart wie jeder in der Welt. Wir werden den gleichen Sprung tun zu gleichem Ziel und gleicher Macht.“ Dieses Verhältnis muß wiederhergestellt werden: „Der Deutsche soll seine Rasse nicht als tatloson Erweis für sich an rufen. Sondern er soll Erweis seiner Rasse sein.1' ..Weil es (das Symboltypenbild Jude) nicht biopsychische Werte schafft, sondern biopsycbischen Zerfall, weil es nicht mehr erlöst, sondern verwüstet, weil es nicht mehr Orientierung, sondern Verwirrung schafft weil es nicht stärkt und führt, sondern uns an unseren eingeborenen Werten irre macht, darum sollen wir uns freimachen von ihm, wie sich ein ehrlicher Mann von einem schmeichlerischen, beruhigend-einschläfernden, aber verführerischen und gleifinerisclien Ratgeber mit kühlem Entschluß freimacht.“ Hierin sieht der Autor als Deutscher die Rettung; ..ln diesem Augenblick sind wir wieder, was wir seiu sollen, und was die alten Franken waren: Symbollos Durchdringende, Männer, die der Krücken des Symbols nicht bedürfen, die sie verachten.** „Der Jude ist uns, wie den alten Franken, Mensch neben Menschen; sympathisch oder nicht sympathisch, das ist nicht mehr Diktatur des Symbols, sondern Entscheidung der einzelnen Begegnung, des unverschleicrtcn Erlebnisses. Er ist nicht mehr der große Maskenspieler, der unseren Wesenskern arglistig anbohrt und uns mit unwiderstehlicher Gewalt unterordnet.“ Müller-Claudius betont, daß der deutsche Jude in seinem Schicksalsgefühl Deutscher geworden ist. „Die feinen Säfte seines Heimatgefühls strömen aus den deutschen Landschaften, in denen er wuchs. Seine Sprache, seine Weltanschauung, seine Lebenshaltung, das dichterische Lied, in dem er Ausdruck nimmt und gibt, die malerische Atmosphäre, in der er schaut und bildet, der soziale und ethische Gestaltungswille, in den er eingefügt ist, die wissenschaftliche Methodik, mit der er arbeitet — alles dies an ihm Gestaltende und durch ihn und mit ihm Gestaltete ist Strömung des Stromes deutscher Gestaltung.“ Und er begrüßt die Synthese von Jüdischem und Deutschem im deutschen Juden, „die, wie jede Synthese, biopsvchischc Leistungssteigerung. Härtung, Verschiebung des Unwesentlichen mit sich bringt“. In diesem Zusammenhang tut er den stolzen Ausspruch: „Wenn es uns selbstverständlich ist, daß der Jude innerhalb unseres Rhythmus nichts anderes seiu kann, als deutscher Staatsbürger, dann wird kein Jude in Deutschland etwas anderes sein wollen, als deutscher Staatsbürger.“ In einem Kapitel „Tragödie zwischen Kind und Rasse“, das von dem Wege des Buches etwas abseits liegt, behandelt der Verfasser noch das Leben des jüdischen Kindes in der nichtjüdischen Kinderwelt. Es kann hier auf die geistvollen Betrachtungen, die der Verfasser auf diesem Gebiet ansteilt, nicht mehr näher eingegangen werden. Dankbar aber soll anerkannt werden, daß Müller-Claudius hierbei auch die Frage aufwirft: „Was trennt den Juden mehr von uns — die Rasse oder die andere Jugend des Juden, diese erschütterte und umschattete Jugend, in die Leid hineinblutcte, das wir nie erfuhren und dem wir deshalb fremd bleiben mußten, obwohl es von uns kam?“ Es ist nur natürlich, daß man mit einem Buch, das eine solche Fülle von Gedanken birgt wie das vorliegende, nicht in allem einverstanden ist. Das aber erhöht nur den Wert des Buches, da es zum erneuten Durchdenken dev Fragen Anlaß gibt. Auch wer z. B. der Auffassung nicht bei zupflichten vermag, daß Quell und Sinn aller Symbolgestalten im Bedürfnis des Menschen nach Entlastung zu suchen ist, wird nicht ohne Anregung die Ausführungen über die Symbolzeugung lesen. Und wer im Gegensatz zum Verfasser des Buches an der Existenz des „Eindeutig-Bluthaften“. an der Existenz „rassisch-umschlossenev Aiiverwandischaften“ nicht eben geringe Zweifel hat, wem die gemeinsame Quelle des Blutes nichts für die geistige Welt zu besage« scheint, die sieh das Individuum erbaut, der wird ihm gewiß oft widersprechen müssen, auch er wird aber nicht unbereichert das Buch aus der Hand legen. Wer so z. B. einen Satz wie diesen: „Es lebt kein sehender Stammesdeutscher, und es lebt kein sehender Jude, der nicht weiß, daß cs stark abweichende spezifische Artmerkmale des Stammesdeutschou und des Juden gibt** — wer eine solche Behauptung mit Entschiedenheit ablehnt, weil er die angebliche ..Artverschiedenheit“ nur für eine noch vorhandene Folge des Ghetto, für eine Folge der Berufsscbichtung und ähnlicher äußerer Umstände hält, der wird doch mit großem Interesse eine so gründliche Auseinandersetzung zwischen einem nicht-antisemitischen „rassenbewußten Stammdeutschen“ und völkisch-antisemitischer Ideologie lesen, wie sie sich hier findet. Müller-Claudius spricht als Nidhtjude zu den Stamm* deutschen. Sein Buch weist aber auch uns Juden erbeut auf unsere Pflicht hin: die Fremdheit zwischen jüdischen und nichtjüdischen Deutschen beseitigen zu helfen durch die Verbreitung von Kenntnissen über das Wesen von luden und Judentum. Bruno Woyda, Rabb. Dr. Norden: Grundlagen und Ziele des religiös* liberalen Judentums. Nr. 8 der Schriftenreihe der Vereinigung für das liberale Judentum. 33 8. Von der seit langem bereits bekannten und in ihrer Brauchbarkeit erprobten Schrift liegt die zweite Auflage hier vor. Daß sie notwendig ward, ist ein erfreuliches Zeichen. Kaum jemand war auch zu ihrer Abfassung so berufen wie der Verfasser, der zu jenen Menschen gehört, die nicht deshalb zum Liberalismus gekommen sind, weil sie ein anderes Judentum nicht kannten, sondern die sich unter aufreibenden und schmerzvollen Kämpfen aus dem orthodoxen Judentum losgerissen haben und sich aus tiefster Kenntnis der Dinge der liberalen Auffassung zugewandt haben und ihr darum anfs tiefste verhaftet sind. Die neue Auflage spiegelt alle Vorzüge der ersten wieder. Sachlichkeit der Darstellung, Klarheit der Wiedergabe des Programmatischen, umfassenden Überblick über die einschlägigen Fragen. Die Schrift bietet den Nachweis, welche Macht des Erhaltenden in dem Liberalismus liegt, und wie er für eine unübersehbare Zahl Heutiger da« einzige Mittel ist, sie im Judentum zu erhalten und fürs Judentum zu erziehen. Besonders gewichtig ist das Kapitel „Liberalismus uod Zionismus“; hie* ist das seit langem angebahnt, was auf der jüngsten Tagung des Liberalen Rabbinerverbandes und in der neulichen Resolution des Hauptvorstandes der Liberalen Vereinigung ausgesprochen ward, die Erklärung, daß Liberalismus und Zionismus, sofern der eins rein religiös und der andere nicht völkisch-politisch ist, nicht Feinde an sich sind, daß zwischen ihnen eine gute und glatte Möglichkeit der Verständigung liegt. Der flüssige und leichtfaßliche Stil der Darstellung macht die Schrift besonders wertvoll. Dienemann, Offenbach a. M. Entwicklungsstufen der jüdischen Religion, Vorträge des Institutum Judaicum an der Universität Berlin (boi Alfred Toepelmann, Verlag, Gießen, 1927). Angesichts der vielfachen Unkenntnis über das Judentum gerade auch in Kreisen christlicher Theologen (vgl. hierüber in der „Jüdisch-liberalen Zeitung“ Nr. 21 vom 27. März d. J. den ausgezeichneten Aufsatz von Gemeinderabbiner Gustav Cohn-Leipzig über das völlig sacliunkundige Buch „Jüdische Frömmigkeit“ von Universitätsprofessor D Jeremias-Leipzig) war e> ein Verdienst des jäh verstorbenen Leiters des Institutuni Judaicum an der Universität Berlin, vor einem sich hauptsächlich aus angehenden christlichen Theologen zusammensetzenden Kreise Vorträge Über das Judentum von jüdischen Gelehrten halten zu lassen. Diese verdienstvolle und nützliche Einrichtung soll alljährlich; fortgesetzt werden, und man darf sich davon wohl einiges I Gute und Aufklärung Liber da* Judentum auch in christ- I liehen Kreisen versprechen. — Dennoch werden gewisse Ein- | Wendungen laut, lie&t man die nunmehr in Druck vorliegende erste Vortrags folge aus dem Jahrgang 1925/26. Wir Juden haben dem verewigten Grefimann aufrichtigen Dank zu zollen, für die Liebe und Bewunderung, die er dem Judentum ent gegengebracht hat — Gefühle, die er durch die Einrichtung de; jüdischen Vorträge an seinem Institut praktisch betätigte —. und doch scheint uns beim Lesen seiner Einfühlung“ (Seite 1—12). als werde er dem Judentum nicht hinreichend gerecht, so gar anthropromorphistisch faßt er den Gott des Judentums auf. den er überdies allzu relativistisch der geschichtlichen Entwicklung (immer entsprechend der Geschichte Israels) unterworfen sein läßt, anstatt den Patriarchen und Moses die höchste und absolut« Gotteserkenn inis zuzusprechen. — Ismar Elbogen bringt in seiner Abhandlung „Esra und das nachexilische Judentum“ [Seiu- 13—26) allgemein -sogar auch dem gebildeten Laien l^ekannte Dinge zur Sprache, ohne allerdings zu einer auch nur einigermaßen lebendigen oder anschaulichen Darstellung seines Gegenstandes zu gelangen. Befremdlich wirkt ein gewaltsam hcrbeigezogencs. obendrein völlig bedeutungsloses Hebbel-Zitat, befremdlich überhaupt die begeisterungslose Nüchternheit der ganzen Abhandlung. Man möchte wünschen, daß der namhafte Gelehrte nunmehr nach mehrjährigem Vacuum wieder einmal etwas veröffentlicht, was seinen Ruf in der wissenschaftlichen Welt rechtfertigt. — Auch Juda Bergmanns Aufsatz „Das Judentum in der hellenistisch-römischen Zeit“ (Seite 27—42) läßt unbefriedigt. Allzu wenig Material ist darin verarbeitet, und das Wenige, was gebracht wird, ist allzu bekannt. — Ausgezeichnet dagegen ist Michael Guttmann (Breslau): „Zur Entstehung des Talmuds“ (Seite 43—60). Hier ist vielfach unbekanntes Material in interessantester Grunnierune höchst reizvoll und anschaulich vorgetragen. Den Höhepunkt bildet die Schilderung der „lebenden“ Talmndexemplare. — Rühmenswert ist sodann der Aufsatz von Julius Guttmann (Berlin): .Die religiösen Motive in der Philosophie des Maimonides“ (Seite 61—90). Von innen her durchleuchtet der Verfasser die Psyche des großen jüdischen Religionsphilosophen, zeigt uns. wie die Synthese von Aristotclismus und Judentum in ihm zustande kommt und was dadurch Maimonides für Juden und Nichtjuden seiner und aller späteren Zeit geworden ist. D;eses Kanitel von Julius Guttmann über Marmorn des ist übrigens das einzige, welches dem Gesamttitel I der Sammlung gerecht wird, denn es behandelt eingehend! die jüdisch-traditionelle, die aristotelisch-neuplatonisehe und I die maimonidisrhe Gottesauffassung, also wirklich eine; „Entwicklungsstufe der jüdischen Religion“, während die j anderen Mitarbeiter, Uhogcn. Bergmann und sogar auch , Michael Gutfmann. vorwiegend nur philologisch-formalistisch i Tatsachenmaterial vortragen, ohne im Rahmen ihrer Schil-! clerungen auf das Kernproblem aller Religion, die Gottes- I auffa«sung. ein zu gehen. Julius Guttmann dagegen, der j künstlerisch naehzeiehnend die Seele des großen Mainionides i vor uns erstellen läßt, zeigt wirklich die Entwicklungsstufe und das Stück jüdischer Religion, das durch Maimonides ' verkörpert wird. — Den Beschluß der Sammlung macht Leo Baeck mit einer Betrachtung über „Ursprung und Anfänge der jüdischen Mystik“ (Seite 91—103) Hier gewinnt man leider wieder kein klares Bild des behandelten Gegenstandes und vermißt einen einheitlichen Gesichtspunkt, welche? vom Wesen der Mvstik aus hätte genommen werden müssen. Den Grund für diesen Mangel findet der Leser in der vom Verfasser ausgesnrochenen Ansicht, es gäbe „keine Mystik schlechthin, sondern jede Religion entwickelt gemäß ihrer besonderen Art ihre besondere Mystik**. Die Widerlegung dieser auf Verkennung des Wesens der Mystik beruhenden Anschauung gehört nicht in die Besprechung dieser Vortragasammlung, welche durch die gute Absicht des Veranstalter» sowie durch die Beiträge der zwei Professoren Guttmann lesens- und empfehlenswert geworden ist. Leopold N a t li a n s o n. David Joaef Born stein: Einführung in das Hebräisch der Gegenwart. Methodische Texte und Erläuterungen. Verlag der »Jüdischen Rundschau“. Berlin 1927. Es gehört zu den Kühnheiten des modernen Geistes, eine Sprache, die mehr als zweitausend Jahre nur ein Ausdrucksmittel derr Literatur, größtenteils sogar der religiösen, gewesen ist, zu einer Volkssprache umzuschaffen, die den weitgehenden Erfordernissen der neuzeitlichen Kultur gerecht werden soll. Und es ist eine zweite Schwierigkeit, dom Verständnis des europäischen und amerikanischen Menschen diese gleichsam neue Sprache so nahe zu bringen, daß er sich von seiner indogermanischen Muttersprache auf das semitische Idiom umstellt. Vielfache Versuche sind in den letzten Jahren nach dieser Richtung gemacht worden. Unser Buch wird seiner Aufgabe, in das heutige Hebräisch einzuführen, mit großem sprachpädagogischem Geschick unrecht. An der Hand von 46 Lesetexten, denen grammatische, sprachliche und inhaltliche Erklärungen beigefügt sind und die die verschiedensten hebräischen Stilarten zu einer Einheit verschmelzen, gewinnt der Lernende ohne trockene grammatische Übungen eine starke Kenntnis der Sprache und vor allem ein feines hebräisches Sprachgefühl. Neben Erzählungen, die das Leben des Alltags behandeln, und Lehrstücken, die uns mit den Festtagen, dem Kalender und den Naturerscheinungen vertraut machen, werden Musterbeispiele aus Bibel, Talmud und Midrasch geboten. Auch Texte in Briefform sind vorhanden; ein herrliches Gedicht von Bialik repräsentiert die neueste hebräische Poesie. Daß es schwer war. das Material zu sammeln und methodisch zu bearbeiten, können wir dem Autor nachempfinden. Aber wäre es nicht leichter gewesen, auch Stücke dem historischen Teil der Bibel zu entnehmen, der doch eine klassische erzählende Prosa bildet? Mit stilistischen Wendungen wie se sch’wnans (schon seit Wochen) kann man sich schwer abfinden. da sich das Fürwort in dieser Bedeutung wohl nur vor Numeralien findet. Auf jeden Fall hat sich die „Jüdische Rundschau“ mit der Veröffentlichung dieses Werkes, überdies in einer vorzüglichen Ausstattung, um die Kenntnis der hebräiecken Sprache ein starkes Verdienst e» worben. Rabbiner Br. Löwenstamm. Georges Duhamel: Prinz DschaJIar. Deutsch von Erwia Rieger. Rotapfelverlag Zürich und Leipzig 1926, Mr. Cremieux, der bekannte französische Kritiker, hat bei einer kürzlich in Frankfurt a. M. abgehaltenen Konferenz darauf hingewiesen, daß bei einer großen Anzahl junger französischer Schriftsteller der neue europäische Geist sieb in der Beschreibung fremder Länder und Volkssitten, in der Einfühlung in andersgeartete Kulturen seinen Ausdruck sucht. Die liebevolle Versenkung in das Wesen der im Laufe der Weltgeschichte von je als „Barbaren“ empfundenen fremden Völker soll den Boden bereiten für ein allmenschheit* liebes Einheitsgefühl und mit der Aufhebung der alten Gleichung von „hospes und hostis" (Fremdling und Feind), mit der Verdrängung kannibalistischer Urinstinkte, die>i«eh in den Krieg als ihre moderne Erscheinungsform geflüchfSt haben, eine höhere, von innerem gegenseitigen Verständnis getragene Stufe menschlicher Beziehungen anbahnen. Aus diesem Geiste heraus schildert Duhamel, einer der tapfersten Vorkämpfer des^ neuen europäischen Geistes in Frankreich, in seiner Skigzensamralung: „Prinz Dschaffar“ amüsant und lebendig Leben und Sitten, Typen und Landschaf t der tunesischen Araber. Ein Block ungebrochener einheitlicher Kultur, innig und schalkhaft, träge und lästerlich, beschränkt und voller Tiefe, unendlich überlegen und geruhsam und nur selten yon wilden vulkanischen Eruptionen religiöser Extaseu dmehsebauert. So wie dort im Lande wenig geschieht und viel ist, so auch in diesen Geschichten, die den Namen einer solchen kaum verdienen. Keine gestalteten Novellen und spannenden Handlungen, nur impressionistische Bilder, die so prägnant mit Worten gemalt sind, daß sie in gleicher Weise allen Sinnen, dem Auge wie dem Ohr, dem Geschmack und dem Geruch eingehen. Auch das jüdische Element, das im Lande stark vertreten ist, aber wie überall den Sitten der Umwelt kaum unterscheidbar assimiliert, ja dank seiner eigentümlichen eingeborenen Konservierungskraft die alten arabischen Volksgewohnheiten fast noch treuer als die anderen bewahrt, findet in den Schilderungen seinen gebührenden Platz. Eine der hübschesten Erzählungen handelt von der Wiederbekehrung eines dem Zeremonialgesetz Feindlichen und Abtrünnigen zu den alten Riten. So wie diese Geschichte verklärt das ganze Buch ein feiner, nie überlegener, sondern fast sehnsüchtiger und verstehender Humor, der dem sympathisch ausgestatteten und flott übersetzten Wcrkchen gewiß manche Freunde erwerben wird. D r. Erwin S e 1 i g m a n n , Frankfurt a. M. Oskar Goldberg: Die Wirklichkeit der Hebräer. Einleitung in das.System des Pentateuch und Erich Unger; Die I Theorie — Versuche zu philosophischer Politik. Das I Problem der mythischen Realität. Eine Einleitung in die ) GoIdheigsche Schrift: „Die Wirklichkeit der Hebräer.“ (Beides Verlag David, Berlin. 1925 und 1926.) j Erich Unger, der philosophisch gewiß sehr hochstehende Mann, versucht, das System und Problem der Goldbergschen Arbeit mit allen möglichen Argumenten zu erhärten, und j besonders auf dem Vortragsabend der Gesellschaft für Pbilosphie des Hebraismus tritt er durch sein Referat über das Wirklichkeitsproblem des Wunders restlos für die Annahme der Ideen Goldbergs ein. . Bet aller Sehnsucht nach Entwicklung auf geistigem Gej biet stößt uns die in vielen Punkten zu bewundernde Arbeit durch ihren krassen Materialismus ab. Ein Kenner der; Bibel, wie es wenige gibt, ist Goldberg, sowohl in philologischer Hinsicht wie die Materie des großen Ganzen durchleuchtender Art. Aber eine Ernüchterung, die den Flug in das j geweihte Land der Religion lähmt, befällt den Leser, wenn er selbst das Höchste, was es gibt, —. — die Heiligkeit nach Goldbergscher Theorie ausderB i bei schwinden und das Erschauern des bußfertigen Menschen als einen naiven Begriff in sich zusammensinken sieht Uebrigens gehört zur Seelengröße eines Menschen und za vornehmer Wissenschaftlichkeit nicht der anmaßende Tom der sich so unangenehm aufdrftngt. Jedenfalls: man lese und — — — prüfe! Rabbiner Dr. Arthur Rosenthal* BeiÜo-Lichtcnborf.

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