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Jüdisch-liberale Zeitung · 1927-07-01 · 26 (1.7.1927) · page 7

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
7 (1927)
Issue
26 (1.7.1927)
Date
1927-07-01
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
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ttaflujfen zu lasse». Es sei vielmehr Pflicht der Gemeinde, von sich auS der Fügend Gelegenheit zu gehen, ihre tzebrS» ischen Sprachkenntnisse zu vervollkommnen. Bei dieser Ge« legenheit stellt der erste Vorsitzende mit Befriedigung fest, daß es dem neuen Jugendfü-Hrer. Herrn Rabbiner Dr. Schorfch. gelungen fei. tm JugendgotteSdienft eine beachtliche Anzahl junger Menschen um sich zu scharen, die ihr jüdisches Wissen, ihre hebräischen Sprachkenntnisse sowie die Freude am Gottesdienst pflogen und erweitern. Schließlich findet der Antrag betr. Vorweisuirg des Gesuchs an den Schulvorstand zur Prüfung und Klärung der ganzen Angelegenheit einstimmige Annahme. Für Beschaffung und Ordnung neuen Notenmaterials für den Smragoaenchor wird die erforderliche Summe bereitgestellt. Dem Pro-Falafcha-Komitee wird eine einmalige Beihilfe bewilligt. Die Jahresabrechnung der Friedhofsverwaltung liegt zur Genehmiguug vor. Sie wird aber von der Tagesordnung abgesetzt, weil sie erst den Herren des Kollegiums zur Einsichtnahme und Prüfung zugestellt werden soll. Dabei wird von seiten des GemeindevvrstandeS betont, daß die immer wieder läntwerdenden Magen und Reklamationen wegen der Höhe der Friedhofsaedühren ganz unberechtigt seien. Es sei zu bedenken, daß Sie Friedhofsverwaltung mit ihrem Bureau und ihren verschiedenen Beamten ufm. sich selbst erhalten müsse. Die angefetzten Tarife seien billigere als die der Stadt Hannover und die anderer Großgemeinden. Kassel. (Gerechte Sühne.) Am 23. Juni mußte sich der hiesige Antiquar Edler Herbert von DvlSperg wegen Vergehens gegen 8 166 des Strafgesetzbuches (Beschimpfung der jüdischen ReligionSgesellschast) vor dem Schöffengericht verantworten. Der Angeklagte hat im Dezember 1926 in seinem Schaufenster illustrierte Zeitschriften des „Völkischen Beobachters" ausgestellt mit aufreizenden Bildern „Der jüdische Ritualmord", „Die Schächtuug des heiligen Rudolf" und „Es ist ein gutes Werk, den Nichtjuden zu töten". Die scheinbar beabsichtigte Folge dieser Ausstellungen war. die Menge, die sich vor dem Schaufenster ansanrmeite, gegen die Juden aufzapeitschen. Der Angeklagte, der früher Opern-, dann Chorsänger war, rechtfertigte seine Handlungweise mit dem Hinweis, daß es seine Pflicht sei, das national-sozialistische Programm durchzusetzen. Als Zeuge trat u. a. der Vorsitzende der Kasseler Ortsgrupve des Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, Rechtsanwalt Dx. Th. Dcttevin auf, der auf den Aushang der Bilder ausmerksam gemacht worden war. Das Gericht verurteilte den Angeklagten an Stelle einer verwirkten Gefängnisstrafe von % Monat zu einer Geldstrafe von 50V Mark, die auch der Anklagevertreter beantragt hatte. Außerdem sollen die noch zu erreichenden Nummern der Zeitschrift sowie di« zu ihrer Herstellung bestimmten Druckplatten beschlagnahmt und vernichtet werden. Köln. (T a g u n g d e r j ü d i s ch c u K r a n k e n a n st a lten.) Der Bund der jüdischen Kranken- und Pflegeanstalten Deutschlands hält hier am Sonntag, den 3. Juli, eine Mitgliederversammlung ab. Nach Erstattung des Geschäftsberichts durch Rechtsanwalt Dr. Philuppsborn-Berlin wird als Hauptthema erörtert werden: „Wie werden Pfleglinge ritueller Anstalten nahrhaft, abwechslungsreich und dabei sparsam ernährt?" Es iverden referieren: Geheimrat Prof. Dr. Strauß - Berlin über Ernährung in Krankenhäusern» Dr. Freimann-Fran'kfurt a. M. über Ernährung in Heilstätten, Dr. Stahl-Berlin über Ernährung in Kinderheilstätten und Irl. Lizzie Laqueure-Frankfurt a. M. über Belieferung mit Lebensmitteln und Küchenführung in Anstalten. Die Tagung bezweckt, durch Austausch praktischer Erfahrungen festzustellen, wie die Ernährungsfragen in rituellen Anstalten zum Wohle der Pfleglinge am geeignetsten zu lösen sind. tisLübeck. (Gemeindetagung.) Die Esra-Loge zu Lübeck und der Oberrat der israelitischen Gemeinden Mecklenburgs veranstalteten am 17. und 18, Juni in Lübeck eine cDagung mecklenburgischer Juden. Es sollte hier einmal der Versuch gemacht werden, alle Fragen jüdischen Lebens in kultureller, sozialer, religiöser nnd politischer Hinsicht zu behandeln und besonders die Jugend dafür zu interessieren. Deshalb bildete das Problem der jüdischen Erziehung einen Hauptpunkt der Tagung. Vom Standpunkte des Rabbiners (Dr. Winter-Lübeck), des jüdischen Pädagogen (Direktor Dr. Jonas-Hamburg) nnd der Vertreterin des jüdischen Frauenbundes (Hannah Karmiusky-Berlin) wurde dieses Thema erschöpfend behandelt. Die Grundlagen jüdischer Pädagogik nach Bibel und Talmud wurden aufgezeigt. Mittel und Wege für die Gewinnung der jüdischen Jugend Mecklenburgs für positives Judentum angegeben, und die Wichtigkeit der jüdischen Frau als Erzieherin, ihre Rolle im öffentlichen Loben und ihre Stellung zu religiösen Problemen bettüchtet. Die hauptsächlichen politische« Strömungen tm deutsche» Judentum vertraten Dr. Felix Goldmann-Leipzig vom Hauytvorstanb des Zentrakverelns deutscher Staatsbürger jWtfchen Glaubens in einem Bortraa über ^Deutschtum und Judentum", und Dr. Kano witz-Berlin, der Redner der zionistischen Bereinigung Deutschlands, der über „Das Programm der Zionismus" sprach. Fast sönrtlich« jüdischen Gemeinden hatte» Vertreter zu dieser Tagung entsandt, denn sie sollte zugleich, der Auftakt zu einer Arbeitsgemeinschaft der Lübecker Gemeinden mit dem Oberrat der Israelitischen Gemeinden Mecklenburgs fein. München. (Die Vergebung von Aufträgen an jüdische Firmen.) Im Hauptausschuß des Münchener Stadtrates kam es bei der Besprechung über die Vergebung einiger Anfträge von seiten der, Stadt zu einer bemerkenswerten Aussprache. Der völk siche Stadt rat Fiehler hatte gegen die Vergebung aus dem Grunde protestiert, weil man eine Anzahl jüdischer Firmen berücksichtigt habe, „nachdem wir genug deutsche Firmen haben". Ihm antworteten sofort j der zweite Bürgermeister Münchens, Dr. Küfner und' Stadtrat Dr. Jodlbauer (Bayr. Bolksp.). Dr. Küfner führte aus: . . Der Jude zahlt bei uns so gut seine Steuern wie jeder andere. (Stadtrat Fiehler: Dann braucht man bloß zu 1 Prozent, aber nicht zu 10 Prozent jüdische Firmen berücksichtigen. wenn man auf diesem Standpunkt steht.) Das kourm-t ganz darauf an, wie die Zuschläge sich kalkulieren. Wenn wir schon auf dem Standpunkt stehen, daß jeder Gewerbetreibende, der seine Steuern zahlt, einen gewissen Anspruch darauf hat, daß er nach Recht und Gerechtigkeit berücksichtigt wird, dann möchte ich das bei den jüdischen Firmen nicht missen. Wir haben eine ganze Menge Juden — das möchte ich immer wieder betonen —. die insbesondere auf dem Geb-iete der Wohltätigkeit schon recht viel getan haben. (Stadtrat Lutz: Sehr richtig!) . . . Stadtrat Dr. Jvdlbauer (Bayer. Bolksp.): „Ich möchte die Ausführungen des Herrn Bürgermeisters Dr. Küfner mit Nachdruck unterstreichen. Ich halte es schon im Interesse der Stadt für im höchsten Grade bedenklich, daß. wenn bei einer Submission ein jüdisch an klingender Name auftancht, dies sofort eine Antisemitcndebatte auslöst, oder daß zum wenigsten unschöne Anspielungen und hämische Bemerkungen gemacht werden. Das geht aber meines Erachtens nicht an. Der Jude ist ebensogut unser Mitbürger wie der Christ. (Stadtrat Fiehler: Leider!) Das mag Ihre private Ansicht sein, das ändert aber nichts an der in der Religionsfreiheit begründeten Tatsache. Ich sehe auch gar keinen Grund ein, den israelitischen Mitbürger niedriger zu werten, als den christlichen. Ich kenne viele Israeliten, die ich in sittlicher Beziehung und hinsichtlich ihrer Gefchäftsmoral höher einschütze als manchen Christen. Stadtrat Fiehler versuchte feinen Standpunkt noch einmal zur Geltung zu bringen. Dies gab dem zweiten Bürgermeister Dr. Küfner Anlaß zu einer Bemerkung grundsätzlicher Art. Er sagte: „Solche Debatten habe« nach meiner Auffassung gar keine Sinn, sondern schaden uns wirtschaftlich. Ich meine, eS ist ganz gut. wenn hier einmal zum Ausdruck gebracht wird, daß dies« Stellungnahme gegenüber den Inden die Auffassung einer bestimmten einzelnen Gruppe hier ist, mit der die Übrigen Fraktionen des Stadtrgtes nicht einverstanden sind . . . Wenn man die deutschen Staatsbürger nach >dam Charakter aus nehmen r^rd nicht aufnehme» wollte, wäre ich begierig, was dabei herauskäme.,, (Jta.) ReeS a. Rh. (Persönliches.) Der Vorsteher der hiesigen Gemeinde. Louis Wolss, ist kürzlich verstorben, lieber ein Bierkeljahrhundert hat der Heimgegangene als Bvrstoher der Gemeinde die ihm anvertrauten religiösen Interessen mit seltener Hingabe und großem Eifer vertreten i und gewahrt. An der Trauerfeier für den als Israelit und Bürger in gleicher Weise geachteten Mann nahmen der Bürgermeister mit dem Magistrgt, die Geistlichkeit beider Konfessionen, viele Bürger des Ortes und auswärtige Frennde teil. Am Grabe wi'dmete Lehrer Levisohn dem Entschlafenen einen tief empstmden Nachruf. Gchueidemühl. (Tagungen.) Der BezirkSverband der jüdischen Gemeinden der Grenzmark hielt hier wiederum eine Tagung ab. Den Tätigkeitsbericht erstattete Rabbiner Dr. Rosenzmeig. Er teilte mit. daß er den Religionsunterricht in'allen Bezirksgemeinden inspiziert habe, in Schlappe und Hawmerstein Religionsunterricht eingerichtet worden sei, mch daß auch Schöulanke beabsichtige, den: Verbände bei» zutreten. Der Bezirksrabbin« hat in den BezirkSgeweinden Vorträge gehalten, un-d ist dem Oberpräsidenten der Grenzmark Mitteilung vom Zusammenschluß der Gemeinde gemacht nnd ihm das Statut des Bezirksverbandes zugesandt ivorden. Nachdem von den Amves-enden noch verschiedene Gemeindcangekegenheiten besprochen worden waren, hielt Dr. Rosenzweig im Beisein der Delegierten des Verbandes der jüdischen Jugendvereine der Grenzmark, die an demselben Tage hier getagt haben, einen sehr interessanten Bortrag über „Der EinheitSgedarvke im Jndentume". Nachdem Dr. Rosenzweig für seine Berichte und seinen Bortrag und den Anwesenden für ihr Erscheinen gedankt worden war, wurde die Sitzung von Lervin geschlossen. Am selben Tage fand eine Dolegiertentaguug der jüdischen Jugendvereine der Grenzmark statt, bei der Referendar Dr. Lewinski einen sehr lehrreichen Vortrag >über „Jude,; und Sport" hielt. Lebensfragen des prentzifchen Lasiksoer-Mes Von Bruno Doyda. Vorbemerkung des Versagers: In mehreren Aussätzen beabsichtige ich, Fragen zu behandeln, die mir für die Zukunft des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden von entscheidender Bedeutung zu sein scheinen, insbesondere die Fragen des Jndengosetzes. des ReichsverbauLs sowie organisatorische und finanziell« Dinge. Es ist selbstverständlich, sei hier aber noch ausdrücklich betont, daß die Aufsätze nur meine persönliche Auffassung wiedergeben, und daß sie weder für die liberale Fraktion des Preußischen Landesverbandes, noch für irgendein« andere Instanz von bindender Bedeutung sind. Die Artikel sollen auch Anlaß zur Diskussion und zur Klärung der darin aufgeworfenen Fragen sein. I. Der Gesetzentwurf für die jüdische Religionsgemeinfchaft in Preußen. Der Preußische Landesverband jüdischer Gemeinden wurde in erster Linie geschaffen, damit jüdische Angelegenheiten nicht durch außenstehende Instanzen, sondern durch die Vertreter der preußischen Judenheit selbst geregelt werden. Insbesondere sollte die Regelung jüdischer Angelegenheiten durch den Staat nicht mehr, wie in früheren Zeiten, erfolgen. ohne daß der Wille der preußischen Jude» selbst in entscheidender Weife zum Ausdrirck gebracht worden wäre. Durch das demokratische Wahlrecht zum Berban-dsiag des Preußischen Landesverbandes ist die Möglichkeit gegeben, klar die Mechrhertsverhältniffe in der preußischen Judenheit in Erscheinung treten zu lassen. - Mit Reckst wurde in der Wahlbewegung znm ersten Verbandstag als dessen vornehmste Ausgabe die' Abäihderung des veralteten preußischen „Gesetzes über die Verhältnisse der Juden von 1847" erwähnt, das weder mit dem Geiste der Weimarer Reichsverfassung noch mit der Würde der jüdischen ReligionSgemeürschgft zu vereinbaren ist. Betrachtet man nun die bisherige Arbeit des Landesverbandes. so wird man mit tiefster Sorge gewahr, daß die Autorität, die eine Existenzfrage des Preußischen Landesverbandes fein muß. systematisch von innen unterhöhlt wird. Der Landesverband hat durch einen übereinstimmenden Beschluß von Bevbandstag und Rat den „Entwurf eines neuen Gesetzes für die jüdische Religionsgemeinschaft in Preußen" angenommen. Schon bei dem letzten, im März.dieses JahreS abgehaltenen Berbandstag erklärte der Führer der Jüdischen Bolkspartei jedoch nach Annahme des Entwurfes, daß man das Gesetz in der angenommenen Fassung „nicht nur ablehnen. sondern den Widerspruch auch an anderen Stellen zur Geltung briygen werde".* Dieses Verhalten zeugt nicht nur von einem bedauerlichen Mangel an Disziplin und par- Galdstein" für die slawische Idee gestorben fein — aber diese selbe „slawische" Frage wäre doch schon längst zugunsten der Slawen und nicht zugunsten der Türken entschieden worden, wenn die jüdische Idee in der Welt nichtso stark wäre. Ich bin bereit, zu glauben, daß Lord Beaconsfield vielleicht selbst seine Herkunft von einstmals spanischen Juden vergessen hat (oh, er wird sie bestimmt nicht vergessen haben!): daß er aber im letzten Jahre die englische „konservative" Politik teilweise vom Standpunkt des Juden aus geleitet hat, daran, glaube ich, kann man nicht mehr zweifeln. Doch nehmen wir an, daß alles bisher von mir über die Juden Gesagte noch kein schwerwiegender Einwand ist — ich gebe es selbst zu. Trotzdem aber kann ich dem Geschrei der Juden, daß sie so furchtbar erniedrigt und gequält und verprügelt wären, doch nicht ganz widerspruchslos glauben. Meiner Ansicht nach trägt der russische Bauer oder überhaupt das niedrigere russische Volk noch viel größere Lasten, als die Juden sie zu tragen haben . Bedenken auch Sie doch, bitte, daß zur Zeit, da der Israelit lediglich' nicht das Recht hatte, sich seinen Aufenthaltsort frei zu wählen, dreiundzwanzig Millionen des „schwer arbeitenden russischen Volkes" in der Leibeigenschaft zu leben und zu leiden hatten, was, wie ich glaube, etwas schwerer war. Und wurden sie damals von den . Israeliten etwa bedauert? Ich glaube nicht: im Westen und Süden Rußlands wird man Ihnen arrsführlich darauf Antwort geben. Auch damals fchrden die Juden ganz ebenso nach Rechten, die das russische Volk nicht einmal . selbst hatte, schrien und klagten, daß sie Märtyrer feien, und daß man erst dann, wenn sie größere Rechte bekommen haben würden, von ihnen auch „die Erfüllung aller Pflichten dem Staate wie dem russischen Volke gegenüber verlangen" könnte. Da kam nun der Befreier und befreite den russischen Bauer, und — wer war der erste, der sich auf ihn wie sein Opfer stürzte? — wer benutzte so voMUgsrveife seine Schwächen nnd Fehler M eigenem Dorteil? wer umspann ihn sofort mit feinem ewigen goldenen Netz? — wer ersetzte im Augenblick. wo er nur konnte, die früheren Herren? — bloß mit dem Unterschied, daß die Gutsbesitzer, wenn sie die Bauern auch stark ausbeuteten, doch darauf bedacht waren, ihre Leibeigenen nicht, wie es der Jude tut, zugrunde zu richten, meinetwegen aus Eigennutz, um ihre Arbeitskraft nicht zu erschöpfen.! WaS aber liegt dem Inden an der Erschöpfung der russisch«» Kraft? Hat er öaS Seine, so zieht er weiter, Ich weiß schon, di« Juden werden, wenn sie dies lesen, sofort foüföteieti, daß ci nicht wahr, daß es eine Verleumdung sei. daß ich lüge, daß ich all diesen Klatschereien nur gla-ubte, weil ich ihre „vierzig Jahrhunderte alte Geschichte" nicht kenne, die Geschichte dieser reinen Engel, die unvergleichlich sittlicher sind nicht nur als die anderen Völker, sondern auch als das von mir vergötterte russische Volk" — Zitat ans den: mir gesandten Brief siehe oben. Nun schön, mögen sie hundertmal sittlicher sein als alle Völker der Erde, vom russischen schon gar nicht zu reden, so habe ich doch vor kurzem erst in der Märznummer des „Europäischen Boten" die Nachricht gelesen, daß in Nordamerika (in den südlichen Staaten) die Juden sich sofort auf die befreiten Neg'er gestürzt haben nnd sie jetzt bereits ganz anders beherrschen, als es die Plantagenbesitzer taten. Natürlich tun sie es wieder auf ihre bekannte Art und Weise mit dem ewigen „goldenen Netz", — wobei sie sich wieder so trefflich der Unwissenheit und Laster des auszubentenden Volkes zu bedienen verstehen! Als ich das las, fiel mir sogleich ein, daß ich diese Nachricht schon vor fünf Jahren erwartet hatte: „Jetzt sind die Neger wohl von den Plantagenbesitzern befreit, wie aber sollen ff« in Zukunft unversehrt bleiben, denn dieses junge Opferlamm werden doch die Juden. deren es ja so viele in der Welt gibt, ganz zweifellos überfallen. . . ." Und vor zehn Tagen las ich in der „Neuen Zeit" einen Bericht aus Kowno, der auch ungemein charakteristisch ist: „Die Juden, heißt es, haben d o r t f a st die ganze litauische Bevölkerung durch d c u Branntwein zugrunde gerichtet, und nur den katholischen Priestern ist es noch gelungen, die Armen durch Hinweisung ans die Hölle nguaien und durch Bildung von Mäßigkeitsvereinen vor größerem Unglück zu bewahren... Aber erstens: diese Nager und Litauer sind doch noch ärmer <vls dje Inden, von denen ihnen das Letzt« herausgepreßt wird, und noch verabscheuen sie, bitte Sie Zeituvgs» korrespowdenz z« lesen — diese Art Handel, auf di-e der Jude so erpicht ist. Zweitens ist cs nicht schwer, human und moralisch zu sein, wenn man selbst satt ist und im Warmen fitzt: zeigt sich aber ein wenig „Kampf UMS Dasein", so „komm dem Juden nicht zu nahe!" Meiner Meinung nach ist daS gerade kein Zug. der „wahren Engeln" zusteht. Und drittens, ich stelle ja diese beiden Nachrichten aaS dem „Enrsptttschen Boten" mch der „Neuen Zett" keineswegs als kapitale nnd alles entscheidende Tatsachen hin. Wollte mau anfanaen, die Geschichte dieses Weltvolkcs zu schreiben, so könnte man sofort hunderttausend solcher und noch wichtigerer Tatsachen fiirden. so daß zwei mehr oder weniger nichts zu bedeuten hätten. Doch bei alledem ist eines auffallend: braucht jeniand. fei es im Streit oder sonst ras trsesöeistertt GrmrSe eine Auskmkft über die Inden und ihre Taten, fo gehe er nicht in die Bibliotheken, suche er nicht in alten Notizen: nein, er strecke nur, ohne sich vom Stuhl z« erheben, die Hand nach irgendeiner ersten besten Zeitung, die neben Hm liegt, aus. und daun suche er auf der »weiten oder dritten Seite unbedingt wird er etwas finden, das von J»den handelt, unbedingt gerade das, was ihn iuterossiert, unbedingt das Allercharakteristischfte und unbedingt immer dasselbe d. h. immer die gleichen Heldentaten! Man wird mir wohl Mgeben: das hat doch irgend etwas zu bedeuten, das weist doch auf etwas Bestimmtes hin, eröffnet einem doch'ein gewisses Etwas über dieses Volk, selbst wenn man ei»r vollkommener Laie in der vierzig Jahrhunderte alten Geschichte dieses Volkes ist!? Selbstverständlich wird man mir hierauf antworten, daß alle vom Haß verblendet seien und infolgedesien lügen. Natürlich ist es sehr leicht möglich, daß alle, bis auf den Letzten, lügen, doch erhebt sich dann sofort eine andere Frage: wenn alle bis auf den Letzten von so einem Haß beseelt find, baß sie sogar lüge«, fo muß doch dieser Haß auch eine« Grund, eine Ursache haben, und irgendetwas muß doch dieser astgemeine Haß bedeuten — „irgendetwas bcdvutet doch das Wort „Alle!" wie einstmals Bolinski auSrtef .. . Wenn ich auch die jüdvsche Ledensweife nicht kenne, eines jedoch weiß ich bestimmt und werde es daher allen gegenüber bezeugen: daß in nuferem einfachen Russen ein avriorifcher, stumpfer, religiöser Hatz, tu dem Sinne wie: „JudaS hat Christus verkauft", nicht vorhanden ist. Hört man dies auch einmal vielleicht von Kindern oder Betrunkenen, so siebt dock unser ganzes Bolk, ich wiederhole es, ohne jeglichen voreingenommenen Haß auf die Juden. Davon habe ick mich fünfzig Jahre lang selbst Überzeugen könne«. Ich bade mit dem Volk in ein und dewfelben Kasernen gelobt, auf denselben Pritschen geschlafen. Es waren dort auch einige Juden: niemand hat ste verachtet, niemand sie anSgestotzen oder verfolgt. Wen« ste beteten — und die Juden beten mit großem Geschrei und ziehe,: sich dazu besondere Kleider an —fv hat niemand das soivderbar gefunden, noch sie gestört oder über sie gelacht, was man doch gerade von einem, nach unserer Meinung fs „uugeöilöeten" Bolke wie dem russischen erwarten könnte. — Im Gegenteil, sie sagte«, wenn sie die Juden beten sahen: „Sie böten fo, weil sie so einen Glauben haben, und ruhig, ja fast billigend, gingen sie an ihnen o«rüder. Und diese selben Juden taten diesen selben Russe« gegenüber fremd, wollten nicht mit Wnen zusammen esierr und sahen auf ste fast von oben llerav: und das an welch einem Ort? — im stbiristhen Gesllngnis! — iGchlntz folgt.)

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