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Jüdisch-liberale Zeitung · 1927-07-01 · 26 (1.7.1927) · page 3

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
7 (1927)
Issue
26 (1.7.1927)
Date
1927-07-01
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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tum Berlins seit 15 Jahren ein negativer ist. 1911 -iS 1914 -etras er 0.1 auf je 1000 Heelen. 1915 bis 1917 aber schon ein- Minus von S.2 pro 1000. 1919 2,6 m«5 1922 2,6, 1928 1,0-auf 10V9 Seelen. Das bedeutet, daß die alteingesessene Berliner jüdische Bevölkerung sich in ihrem Kern vermindert hat. Ein Masienzuflub aus der'Provinz, der diesen Verlust hätte ausgleichen und die Gemeinde um 60 000 bis 100 000 Seelen Hütte vergrößern können, hat seMtverstärrdNch nicht stattgefunderr Bon den 46 OM jüdischen Seelen der abgetretenen deutschen Gebiete verblieben bekanntlich ungefähr 20 MO in den jetzt polnischen Territorien, so daß die nach Deutschland herü-bergewanderten Juden auch nicht viel mehr als 20 OM gewesen sein konnten. Bon diesen kamen gewiß nicht alle nach Berlin. Die Londoner internälionale Konferenz zur Bekämpfung des Mädchenhandels unter den Jude«. Am 22. Juni wurde in London unter dem Präsidium von Elaude G. Montefiore die Internationale Konferenz der jüdischen Gesellschaften zum Schutze der Frauen 'und Mädchen und zur Bekämpfung des Mädchenhandels eröffnet. Nach einem Weihegebet des ReirhsrabbinerS Dr. I. H. Hertz hielt .Herr Montefiore die Eröffnungsansprache, in der er an die 1910 stattgefundene erste jüdische Frauenschutz- Konferenz erinnerte. Seitdem haben sich die Verhältnisse infolge der allgemeinen.wirtschaftlichen und sozialen Bedingungen. besonders derjenigen in Osteuropa?sehr verschlechtert. Es ist kein Geheimnis, daß ein weitverzweigter Mädchenhandel existiert und daß an diesem schändlichen Unternehmen eine Anzahl Juden teilnimmt. Juden sind unter den Händlern wie unter den Opfern. Es resultieren daraus, für Juden die Pflicht, an der allgemeinen Arbeit zur sittlichen Reinigung der Welt als Juden teilzunehmen. Es wurd.e ein Präsidium gewählt, dem die Herren Edouard Oungre (Paris). Prof. Dr. M. Sobernheim sBer- Itn), Karl Klempner (Wien) und Julius Becker (Danzigs angehören. Arthur R. Moro, der Vizepräsident und ehrenamtlicher SOretär der Association, hielt ein eingehendes Referat darüber, welcher Fortschritt seit der Konferenz von 1810 in dem Schutz der jüdischen Mädchen und Frauen vor unsittlicher Ausbeutung erzielt worden ist. Er wies auf die.Landerreise des Sekretärs S. Cohen durch Mittel- und Osteuropa hin und teilte mit. es sei Herrn Cohen gelungen, die durch den Krieg unterbrochene Arbeit zu reorganisieren. In Warschau und in Lodz, in Argentinien wie in Brasilien wurden hunderte Mädchen und Frauen den Sklavenhändlern entrissen. Zweigbüros find in Mexiko, Peru, Chile und Aegypten notwendig, aber der Geldmangel hemmt die Tätigkeit. In der Sitzung vom 23. Juni wurden die Berichte aus den einzelnen Ländern erstattet. Mamelsdorf sprach über die Lage in Frankreich. Frau Popper über die Lage in der Bukowina. Frau Paula Ollendors (Breslaus pries die unschätzbare Hilfe, die Organisationen wie JCA, Bnei Brith, Hilfsverein der Deutschen Juden, Emigdirekt u. a. m. der Arbeit für die Bekämpfung des Mädchenhandels leisten. Ju Hamburg. Berlin. Köln und Breslau bestehen Schutzstationen für junge Mädchen. In Deutschland selbst existiert kein regelmäßiger Mädchenhandel. Man kann bezweifeln, ob wirklich die Juden unter den Mädchenhändlcrn eine große Rolle spielen. Die Hanptursache des Nebels ist in den wirtschaftlichen und sozialen Nöten Osteuropas zu suchen. Zu?VMpjEhlen ist eine Stärkung der Franrnpolizei ln allen Landern. " Frau Teplickä (Lodz) berichtete' über, die Lage iü Polen bedauerte, daß die Heiligkeit des jüdischen Heims nicht -Mehr, der herrschende Faktor im jüdischen Leben ist. Der Krieg hat die bösesten Instinkte geweckt, die Neigung zum Luxus gesteigert. Von den drei Millionen Juden in Polen gehören 75% den ärmeren Schichten an. So suche die Prostitution ihre Opfer unter den Juden. In Lodz z. B. ist ein Sechstel aller Prostituierten Jüdinnen. Der Mädchenhandel wird Lurch die Duldung der sogenannten „Sttllen Chupa" (religiöser Eheschlntz ohne standesamtliche Trauung) gefördert. Irgendein Jude von der Straße wird von dem Mädchenhändler veranlaßt, die religiöse Trauungszeremonie zwischen ihm und seinem Opfer zu vollziehen, das Mädchen in seiner Ahnungslosigkeit glaubt an die ehrlichen Absichten des ihr religiös angetranten Mannes und geht so in die Schlinge. Ein zerstörender Faktor im jüdischen Familienleben sind die verschiedentlichen Einwanderungseinschränkungen, durch die eine Trennung von Familienmitgliedern bewirkt wird. Tausende von Frauen sind verhindert, zu ihren Männern zu kommen. Notwendig sei eine Zwangs¬ Versammlungskalender jj Berlirr-Roxide«. Li-erale Synagoge Norde« (im Auerbachscheu Waisenhaus, Schönhauser Allee 168): Gottesdienst: Freitag.' de« 1. Juli, abends 7,15 Uhr. Predigt: Rabbiner Dr. Galo« monski. Sonnabend, de« 2. Juli, vormittags 10 Uhr. Frankfurt a. M. . Jüdisch - liberale Jngendgemeinfchaft Frankfurt a. M.: Nächster Heimabend am 4. Juli, abends 8.80 Uhr. SitznngSzimmer, Königsteiner Straße. Fra« Dr. Martha Wertheimer spricht über „Frarrerrgestalten der Bibel-. registrierung der religiösen Ehen und eine internationale Regelung' zur Behebung der Familientrennung. — Die Sejmdeputierte Frau Dr. Melzer (Lemberg) forderte erzieherische unaufklärende Arbeit unter den Frauen und Mädchen des Ostens. — Dt. Lubinsky (Kowno) berichtete» daß infolge der Wirtschaftskrise in Litauen die Prostitution fortschrettet. Bon etwa 1200 Prostituierten sind 241 (20%) Jüdinnen. Die Haschomer-Hazair-Bewegung in Litauen bemühe sich, gesündere sittliche Bedingungen zu schaffen. Frl. Pappenheim (Frankfurt a. M.) behandelte die Frage der Agayroth (Frauen, deren Männer verschollen sind) und appelierte an die Rabbiner der ganzen Welt. Maßnahmen zur Erlösung dieser Frauen zu treffen. Sie regte auch die Gründung eines Weltschutz-Büros für Kinder und junge Mädchen an. Herr Edouard Oungre führte den Vorsitz in der Nachmtttagssitzung des 23. Juni, in der die Frage erörtert wurde, in welchem Maße die territorialen und wirtschaftlichen Umgestaltungen Prostitution und Mädchenhandel gefördert haben. Frau Blänkstein (Wilna) führte aus. trotz der Erweiterung der Franenrechte habe der Mädchenhandel zugcnvmmen. Hauptursachen sind die Aenderung der geographischen Grenzen, Pogrome, Massenwanderung. Trennung von Familienmitgliedern. wirtschaftliche Rot und andererseits auch die Steigerung des Amüsemeatbedürfnisses: ferner Wohnungsnot und Staatenlosigkeit. Vorbeugungsmaßnahmen wären moderne Einrichtungen zur Ausbildung in Landwirtschaft und anderen Berufen. Rabbiner Dr. Felix Goldmann (Leipzig), der im Namen des Deutschen Rabbinerverbandes sprach, führte aus, er glaube nicht an die Existenz eines speziell jüdischen Mädchenhandels. wenn auch in mehreren Fällen Juden als Mädchen- Händler festgestellt wurden. Die Zahl der jüdischen Opfer sei im Verhältnis noch größer. Wenn von Schuld gesprochen werden soll, so liegt hier eine Gesamtschuld der Welt vor, keineswegs aber irgendeine speziell jüdische Schuld. Es sei notwendig, das jüdisch-religiöse Gesetz betreffend die Agunoth zu reformieren. Rabbiner Dr. Moses Hyamson (New Hork) führt« aus. infolge der guten Wirtschaftslage ist in New Bork heute von einer Prostitution wenig zu merken. Das Agunoth-Prvblem muß gelöst werden, dies könne aber in dieser Versammlung nicht geschehen. Es wurde ein Schreiben des Oberrabbiners Frankreichs. Israel Levi. verlesen, das sich mit Maßnahmen zur Vorbeugung der Gcheimehen befaßt. Claude G Montefiore stimmte mit Rabbiner Goldmann dahin überein, daß der Mädchenhandel keineswegs ein vorwiegend jüdischer -Handel sei. Jüdische Mädchenhändler sind in der Regel nickt Mitglieder jüdischer religiöser Gemeinden. Auch Neichsrabbiner Hertz-sagten. Mädchenhandel sei keine jüdische./sondern eine allgemein soziale Frage. — Generalsekretär Cohen wies auf den Bericht der American Social Hygienic Association hin, wonach in den letzten 13 Jahren sich die Lage in Amerika sehr gebessert habe. — Chacham Dr. Gaster stellte die Schuld der vermögenden Klassen an dem Bestehen der Prostitution fest und klagte tief darüber, daß das Ideal der Reinheit des jüdischen Heims möglicherweise erschüttert werden könnte. Prof. Dr. M. Sobernheim führte den Vorsitz in der dritten Sitzung, in der Fran Henry Mvskowitz lNew Bork) über die erfolgreiche Arbeit des Rates jüdischer Frauen in New Bork sprach. Frl. Pappenheim sagte, sie ersehne einen neuen Rabbenu Gerschoii. der das Judentum revolutionieren und die Agunoth von ihren Ketten befreien werde. — Rabbiner Dr. Hildesheimer lBerlin) führte aus. die großen rabbinischen Autoritäten des Ostens, wie „Chofcz Chaim" n. a. verstehen die Lage der Agunoth. man könne aber ein religiöses Gesetz nicht brechen. Die Konferenz schritt nun zur Behandlung des vierten zünftige Universitäts-Wissenschaft über die betreffenden Autoren aufgehäust hat. Bon berufenster Seite ist diese s ch ö p f e r i s che Kritik größten Stils begeistert begrüßt worden, aber Allgemeingut des Volkes sind diese Bücher immer noch nicht. Vielleicht ist der Dichter dadurch verbittert worden, seine philosophischen Werke „Der Wert des Lebens" und „Halbmaske", „Aus dem Leben und,dem Jenseits des Lebens, eine tragische Philosophie in Bekenntnissen" — vielleicht das persönlichste Buch Goldschmidts — zeigen jedenfalls einen ans Herz greifenden. vergrämten Zua und eine tiefernste Weltanschauung. Der verstorbene Philosoph Alois Riehl, der Berliner Ordinarius, hat von der „Halbmaske" mit größter Hochachtung gesprochen: aber nicht ohne Grund hat er dieser schwermütigen Gedankenlyrik eine mehr epikureisch gerichtete und utilitaristisch orientierte Philosophie cntgegengestellt. _ Eine gut orientierende Auswahl auS Göldschmidts Schriften ist vor einigen Jahren unter dem Titel „Quintessenz" in der Concordia (Deutschen Verlagsanstalt) erschienen. Es enthält Proben aus seiner Lyrik, seinen philosophrschen Büchern, seinen Aufsätzen und seinen Aphorismen Es wird jeden denkenden Leser anregen, nach den großen Büchern dieses Autors oder nach seinem wundervollen Zeitand Weltbekenntnis „Buddha und Dionysos" zu greisen, das erst im vorigen Jahr veröffentlicht wurde und das zu te« <uropäischen Büchern gehört. Auf einem Gebiet hat Kurt Waller Goldschmidt tiefgehende und eine größere Menge in Bewegung setzende Erfolge erzielt, als Hochschullehrer. Wer den „Literaturwissenschaftsbetrieb" auf den deutschen Universitäten kennt, den widert die trockene „philologische" allen Saft und jede Stütze wegeskamöticrende Art an, mit der mau dort von den schönsten Dingen spricht: mit wissenschaftlicher Akribie werden hier gleichsam Blumen betrachtet, aber ihre Farbe und ihr Duft wird ignoriert. Kurt Walter Goldschmidt ist seit Jahrzehnten Literaturddzent an den Volkshochschulen, der „Freien Hochschule" und der „Humboldt-Akademie". Soviel lebendigen Geist aus seiten des Lehrers und soviel Interessiertheit und seelische Ergriffenheit auf seiten der Hörer findet man in keinem Universitätssaal! — Hier sieht man leuchtende Augen! — Hier wird einem großen, bildungshungrigen Publikum mit tiefgehender Wirkung die Kenntnis der großen Zusammenhänge in der Weltliteratur vermittelt: hier herrscht kein trockener, akademischer Ton, sondern hier spricht weckend und zündend ein geistvoller Mensch zu einer mitfühlenden, hingerissenen Hörerschaft. Ich hörte einst eine Abend-Vorlesung über das Buch Hiob. Die geräumige Sckmlaula war voll. Da saßen Handwerker und „kleine Leute", Bureauangestellte und katholische Geistliche, „Gebildete" und Ungebildete. Und Goldschmidt sprach von der Größe des Judentums und der Gewalt seines Gvttsuchertums. Nicht endenwollcnder Beifall belohnte am Schlüsse den Redner. Mit dem Judentum hat sich dieser Denker viel beschäftigt. Mit gelindem Grauen denkt man unwillkürlich an die Literatür-Ordinarien in Heidelberg und Breslau, die sich taufen, ihre jüdisch klingenden Namen in „germanische" umwandeln ließen und seitdem emphatisch Teuto-Barden mimen. Goldschmidt hat u. a. in prägnanter Weise seinen Standpunkt in den von Dr. Julius Moses gesammelten Ansichten über das Judentum Ausdruck gegeben: mit zornigen Worten verwirft er die unbedingte Anpassung und Taufe, die er als einen Akt der Feigheit und Heuchelei brandmarkt, und mit enthusiastischer Verehrung blickt er zu den ungeheuren israelitischen Knlturleistungen des biblischen Zeitalters empor: zu gleicher Zeit betont er ernst und fest sein deutsches Empfinden und formuliert in mustergültiger Art die Grundsätze liberalen Judentums. Sein erst vor kurzem erschienener, umfangreicher Essay: „Das indische Problem" ist eine geistvolle und klare Betrachtung über die vielen Fragen, die uns alle beschäftigen. Manches schöne Gedicht über Juden und Judentum findet sich in seiner Lurik, z. B. das „Juda" betitelte Sonett: Seltsames Volk du! Ueberlebensgroß Im Gut' und Bösen: ew'ger Widerspruch! Ewig in Gottes schuld und Gottes fluch: In wetterleuchtendem Iahrtansendlos! So nah' geheimnisvollem Schöpfnngsschcr, Auftrotzend aus unzähl'gem Niederbruch, Ewig krastschöpfend aus dem ew'gen Buch, In das. sich deine GotteSbrunst ergoß! An jeder Zeitenwende neu umzischt Vom Hatz der Dummheit — tausendfach gemischt. Berstveut, verzerrt — und doch dir ewig gleich ... Bewahrer und Empörer: proteushaft UitiÖ starr: nrachtwill'ge Diesseitsleidenschaft — Und fleischgewordnes Wort vom GotteSreich... Wir wünschen dem Dichter und Denker Kurt Walter Goldschmidt zum 2. Juli noch eine Reihe von Jahrzehnten glücklichen Gchaik?nS! Denn Schaffen ist ihm Glück! — Wir wünschen ihm Erfolge nach jeder Richtung hin und hoffen, daß Alle geistige Besitzer der Schätze werden, die er nnS gab. Dr. Ludwig DavidNrhn» Berlin. Programmpunktes: Berbreituna der Kenntnis der Ge^ fahren des Mädchenhandels und der Prostitution unter jungen Menschtn. Frau Paula Ollendors (Breslau) hielt das Referat »nd aab ihrer Meinung Ausdruck, -aß die Reinheit der amertdanifchen Jugend durch das «mstergütttge händliche Leben und die gute Organisation der Jugendsiedlungen bedingt ist. Sie sei gegen Aufklärung unter der Schuljugend, da eine solche, schlummernde Instinkte wecken könnte. Väter und Mütter sollen zu aktiver Mitarbeit herängezogen werben. — Miß Carrie Wtse (New Bork) berichtete über das von ihr begründete Heim für eingewanderte Mädchen. Unter 1400 Mädchen waren nur zwei böse Fäll«. Eine Unze vorbeugenden Schutzes ist besser, als ein Pfund Seelsorge. Miß Lily Montague (London) führte aus. religiöse jüdische Lehre sei ein hoher Schutz. In den von ihr begründeten Klubs lehre sie die Knaben und Mädchen, wirkliche Freude an der tückischen Religion zu finden. — Claude G. Montefiore führte aus. seitdem Herr und Frau Henriques sich in London-East End niedergelassen haben, haben sich die Berhältnisse gebessert. Er lade die ausländischen Gäste ein, die Jugendsiedlungen des Ehepaars Henriques in East End und von Miß Montague im westlichen London zu besuchen. Julius Becker (Danzig) referierte über Punkt 5 der Tagesordnung: Schaffung eines Zentralfonds für internationale jüdische Arbeit zum Schutz der Mädchen und Frauen. Der Referent empfahl die sofortige Gründung eines solchen Fonds, es sei Pflicht der Juden in den .höher kultivierten, materiell bessergestellten westeuropäischen Ländern, dazu beizutragen. daß das entsetzliche materielle und moralische Elend der jüdischen Massen Osteuropas gelindert werde. Generalsekretär S. Cohen beantragte die Veröffentlichung eines Appells an die Judenheit der ganzen Welt, den Zentralfonbs zu ünterstützen. Mehrere Delegierte sprachen in dem gleichen Sinne. Miß Salamon (New Bork) gab der llcberzeugung Ausdruck, daß die amerikanische Judenheit freigebig den Fonds unterstützen werde. Claude G. Montefiorc sprach sich dahin aus, daß das Zentralbüro der internationalen jüdischen Konferenz weiter in London verbleibe, da London zwischen dem Osten und dem Westen gelegen sei. Die amerikanische Judenheit sei der reichste und freigebigste Teil der Weltjudenheit. Der Westen müsse dem Osten Helsen, der Westen hilft dadurch sich selbst, da ja die Opfer aus dem Osten von dem Westen verbraucht werden. Es folgte der Bericht des Generalsekretärs S. Cohen, der die Vorschläge der Sachverständigenkommission deS Völkerbundes über Maßnahmen zum Schutz der Frauen und Kinder behandelt. Der Bericht des VölkerbundkommiteeS stellt einen erheblichen Anteil von Inden an dem Mädchenhandel fest, und zwar sowohl was Sie Händler als auch die Opfer betrifft. Die Hauptexportländer sind diejenigen Osteuropas und Frankreich, die Importländer sind, hauptsächlich das lateinische Amerika und Aegypten. Sobald Osteuropa erwähnt wird, wird der jüdische Aspekt sichtbar. DasBölkerbundkomitee berührt in seinem Bericht die Institution der nichtstandesamtlichen rein religiösen Heiraten. Dabei wird sestgestellt, daß gefälscht« Dokumente, falsche Pässe und Heiratszertisikate eine gewisse Rolle spielen. Man müsse anerkennen, daß es einen jüdischen Mädchenhandel gibt; ungeachtet der anzuführenden Entschuldigungen wie Armut. Rechtsungleichheit. ungünstige Wirtschaftsbedingungen usw., geziemt es uns, nicht zn ruhen, bis das Nebel ausgerottet ist. Laßt uns um unseres guten Rufes willen die Arbett zum Schutze der Mädchen und Frauen kräftig fortsetzen. Ich hoffe, die Delegierten werden mit neuer Schaffenskraft in ihre Länder zurückkehrcn und eine kräftige Propaganda entfalten, so daß jede jiddische Gemeinde es als ihre Pflicht erachten nrirö, eine Organisation zu schaffen, die jedem jüdischen Mädchen Schutz angedeihcu läßt und in engsttM Kontakt mit dem Zentralbüro der „Jewish Associqtion sor the Protection Girls and Women" in London steht. Nur so werden die Vertreter der Association in Genf darauf Hinweisen können, daß die Juden willens sind, ihr Teil zmt Unterdrückung des Nebels der Nnsittlichkeit und des Weißen Sklavenhandels beizutragen. Am 24. Jnnt ging die in London abgehaltene Konferenz der jüdischen Gesellschaften zur Bekämpfung des Mädchenhandels zu Ende. Nach einer längeren Diskussion über die die Juden besonders interessierenden Fragen, die dem Internationalen Kongreß zur Bekämpfung des Mädchenhandels, der am 23. Juni, ebenfalls in London, eröffnet wird, vorzulegen seien, wurden die folgenden Entschlüsse gefaßt: Es ist die Gründung von jüdischen Gesellschaften zum Schutze der Mädchen und Frauen in jenen Ländern zu empfehlen, in denen solche Gesellschaften noch nicht existieren. Die Arbeit ist nach den Richtlinien der Londoner Jewish Association sor the Protection of Girls and Women zu führen: alle diese Gesellschaften sind in einem Zentralkomitee vereinigt. Die Zentralkomitees in jedem einzelnen Lande stehen in direkter Verbindung mit dem Zentralbnreau in London, das die Informationen und Statistiken sammelt und sie den verschiedenen Zweigkvmitees zur Bearbeitung übergibt. In allen Durchwandererhäfen und Eisenbahngrenzpunkten sollen Bureaus errichtet werden, in denen reisende ,srauen und Mädchen Rat, Schutz unck Beistand finden. Diese Bureaus hätten auch die Wege der Mädchenhändler zn beobachten und diese zu entlarven. Die Länderkomitees werden die Kosten des Nnterhaltes solcher Bureaus oder Agenten zu tragen haben. Die Eltern und Vormünder sind durch geeignete Aufklärung aus die ernsten Gefahren aufmerksam zn machen, die ihren Kindern oder Mündeln drohen, wenn sie Ehen mit Unbekannten eingehen oder überhaupt Ehen, die der gesetzlichen Bindungen «des betreffenden Landes ermangeln. Den Rabbinern und den anderen verantwortlichen Beamten der jüdischen Gemeinden wird geraten, der Schließung reiner Ritualehen mit aller Macht zu widerstreben. Die Rabbiner sollen, wenn junge Männer und Frauen zwecks Eheschließung vor ihnen erscheinen, Dokumente und Legitimationen fordern, sowie den Nachweis, daß der Eheschließung kein gesetzliches Hindernis entgegensteht. Wo Unklarheit herrscht, mögen die Rabbiner in eigener Person Untersuchungen anstellen. Eltern, Votmiindcr und Rabbiner seien vor Heiratsvermittlern (Schadchonim) zu warnen, die oft Komplizen der Händler sind. Flugblätter in Jiddisch und in anderen Sprachen sollen unter der weiblichen Jugend verteilt werden, um diese vor Verführung und illegaler Ehe zu warnen. Sämtliche Rabbiner werden ersucht, durch öffentliche Ankündigungen und andere geeignete Mittel an der Unterdrückung des Mä'dchcnhawdels teilzunehmen. Die Länder, komitees mögen von Fall zu Fall Versammlungen arrangieren» um die öffentliche Meinung ans die Gefahren hinznweiien. die der Jugend von Seiten der Mädchenhändler drohen. Die Beschlüsse der Londoner Konferenz seien den indischen Gemeinden und Rabbinern mitzuteilen. Die Jca Alliance Jsraelite, Anglo Jewish Association, der Hilfsverem der Deutschen Inden und die Großlvge Deutschland ckes U. O. B. B. werden ersucht, bei der Verbreitung dieses Zieknlarschreibens behilflich zu sein. , , r V£S Die große Armut innerhalb so vieler großer jüdijcherGemeinschaften erfordert es. daß fortgesetzte und ernsteste Aufmerksamkeit den der jüdischen Jugend drohenden Gefahren seitens aller jüdischen Sozialfürsorger zugervendet wird» damit Grundsteine für eine bessere Zukunft gelegt werden Ein Zentralsonds soll von allen Ländern geschaffen und vom Zentralbureau in London verwaltet werden. Die Konferenz schloß mit einem von RaMner Dr. Felix l Goldmann gesprochenen Gebet (Jta)

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