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Jüdisch-liberale Zeitung · 1927-06-24 · 25 (24.6.1927) · page 2

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
7 (1927)
Issue
25 (24.6.1927)
Date
1927-06-24
Page
– (sequence 2)
Language
German
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diese Zeit ist: Die Feste sind nicht an ein Datum gebunden, sie hängen von der Ernte ab und werben nicht vom Volke gemeinsam begangen, sondern von jedem privat, wenn die Ernte bis zu dem betreffenden Punkte gediehen war. Sie sind der natürliche Ausdruck von Dank und Bitte bei Bauern, Andere Feste gab es nicht. Doch schon in dem genannten ältesten Gesetz meldet sich ein theologisch verstandeSmäßiges Prinzip, -ageschichtliche. DaS Mazzotfesi ist noch daS fröhliche Opfer der ersten Aehren oder der daraus gebackenen ungesäuerten Brote. Aber damit wird verbunden: daS Erstling-opfer der Tiere, die Danksteuer an Gott für den Viehwurf. Dies stammte noch aus der Nomadenzeit, wo die meisten Viehzüchter waren. Mit dem Einzug ins Land und -er Verwandlung der Viehzüchter in Ackerbauer verlor es viel an feiner mittelbaren Bedeutung. Da gab man ihm eine neue, eine wissenschaftliche, eine geschichtliche: es wurden Zeichen der Erinnerung an die Tötung der Erstgeburt beim Auszug auS Aegypten, Petzachopfer! — Hier sehen wir das erste Beispiel für die wichtigsten Gesetze der Kulturgeschichte: Im Wandel Ser Zeiten bleibt der konkrete Brauch, er bekommt aber neue Bedeutung. Die neue Bedeutung ist meist abstrakter als die ursprüngliche. Sie verwandelt daS alte Ausdrucksfymbol in ein Mahnzeichen. Dabei verändert sich der Brauch selbst gleichfalls etwaS: er wird erweitert oder beschnitten. Und schließlich: Die Ursache für all dies ist eine von außen kommende Veränderung im Leben, bei gleichbleibcndem religiösem Gefühl. Auch die zweite Stufe in der Entwicklung der Feste, die ded Gesetzes in Deut. 16, kennt nur die genannten 3 Feste, ohne Datum und ohne Gemeindefeier. Aber eine große Neuheit hat sich durchgesetzt, das Gebot des Deuteronomiums: nur an einem Ort ld. h. iu Jerusalem) darf geopfert werden. Will man „vor Gott erscheinen", so muß man nach Jerusalem wallfahren. Damit wird die Loslösung vom Acker und die Entwicklung zum Gemeinöefest allmählich bewirkt. Schon bat auch das Wochenfest eine, wenn auch noch lose, undeut. liche Beziehung aus den Auszug aus Aegypten: und die?sreude des Laubhüttenfestes, früher eine Selbstverständlich« eit, wird zum Gebot. Auch das Zahlenmäßige beginnt schon: Schowuoth ist sieben Wochen nach Peßach, und Suckoih dauert sieben Tage wie Peßach: ja zu Peßach selbst stellt sich -um ersten Male ein Verbot ein, daS des Chomez. Dafür aber' macht sich auch eine neue moralische Forderung notwendig, die Bedürftigen nicht zu vergessen, die die Wallfahrt nicht mitmachen können! Bald nach Einführung deS deuteronomischen Gesetzes erfolgte der gewaltige Riß in der Geschichte Israels und seiner Religion, die Zerstörung deS StaatSwesenS. Von allen ihren natürlichen Grundlagen, Land und Wirtschaft und Volkssitte, wird die Religion losgerissen: dafür erfüllt daS Exil die Menschen mit neuen Gedanken und Gedankenrichtungen: Mathematik und exakte Wissenschaftlichkeit, der Gedanken- Horizont eines Weltreiches, die Befestigung deS Eingottglaubeus, Schuldgefühl und SühnebedürfniS. nationale und universalistische MessiaShoffnnng. — Hier beginnt zum ersten Mal ein mit Namen bekannter Mann bewußt, fast wissenschaftlich eine Weiterbildung der Religion und dabei auch der Feftgesetzgebung: daS ist der Prophet Jecheskel. In seinem Plan für das sogenannte Neue Jerusalem bestimmt er (45,18 ff.) nicht nur die Gemeinbeopfer und ihre Daten, sondern auch zwei neue Feiertage, nämlich je einen Sübnopfertag am 1. Nißan und 1. Tischri, zur Entsühnung deS Tempels. Fast alle Einzelheiten feiner Dorfchläae sind (obwohl er sie im Namen Gottes verkündet!) unbeachtet geblieben: 100 Jahre später, 444, fand die Verkündigung der Thora durch Esra am 1. Tischri statt, ohne daß ein Fest an diesem Tage erwähnt wird! Aber die Richtung der Entwicklung in -en Gedanken der Zeitgenossen ist bei JecheSkel deutlich erkennbar. Der Priesterkodex faßt diese Entwicklung in Er. 12. Lev. ISM. Nu. 28 f. zusammen. Nun erst sind die Feste (einigermaßen!) so. wie wir sie kennen: Gemeindefeste mit bestimmten Daten. Die aus dem Ernteleben so natürlich erwachsenen Bräuche sind zu halb unverständlichen Geboten versteint, Mazzoth wie Laubhütte und Lulow. Das Erntefest ist zu einem Fest der Erinnerung an den Wüstenzug geworden. Die Hauptsache an den Festen wird die Gemeindeversammlung und daS Arbeitsverbot. Dinge, von denen vor dem Exil nicht die Rede ist. Die Opfer aber werden von der Gesamtheit und für sie im Nationalheiligtum dargebracht: sie sind genau geregelt nach Zahl und Art usw.: daS Privatopfer ist daneben zugelassen, aber ganz nebensächlich geworden. Zu den frohen Erntefesten aber sind zwei neue gekommen, Neujahr und Versöhnungstag. Neujahr feierte man scheinbar eine Zeitlang am 10. Tischri (vgl. Ez. 40.1. Lev. 25,9): eS hatte aber kaum zuerst den Charakter eines Für und wider! Don DoriS Wittner. „Ihr laßt den Armen schuldig wenden. Dann überlaßt ihr ihn der Pein." Es ist ein unbestreitbare- Verdienst deS hervorragenden Moskauer Dostojewskiforschers Leonid Großmann, daß er sich der Mühe unterzogen hat. auch alle Dokumente deS eigenartigsten Korrespondenten Dostojewskis, nämlich de§ russischen Juden Abraham Urija Kowner. einer gründlichen Prüfung?«u unterziehen ilnd insbesondere den Briefwechsel zwischen Kowner und Dostojewski der Öffentlichkeit zu übergeben*). Zur Rekonstruktion dieses seltsamen Lebensfchicksales hat Grohmann vor allem die noch unveröffentlichten Briefe KvwnerS an Dostojewski und Rosanosf. desgleichen Kowners literarische Arbeiten „Memoiren eines Juden", „Erinnerungen aus dem Gefängnis", „Marterwege", sowie den Traktat „Warum ich nicht glaube" und eine ganze Anzahl kritischer und publizistischer Artikel, deS ferneren Bruchstücke auS seinem Tagebuch und die Akten seines Str<üprozesies zusammengestellt. Die Herausgeber Haben dem Werke Großmanns alsdann noch Briefe Kowners an Dostojewski, Tolstoi und Rosanosf, sowie jene Aufsätze Dostojewskis aus dem „Tagebuch eineS Schriftsteller-", die sich, unter Berufung auf Kowner. mit dem Judenproblem auSeinandersetzen, hinzugesügt. Di« Briefe KownerS an Dostojewski stammen auS dem im Nachlaß de- Dichter- .auf, gefundenen, bisher unveröffentlichten Korrespondenzarchiv, daS sich gegenwärtig im Historischen Museum zu MvSkau befindet: daS Antwortschreiben Dostojewskian Kowner ist unter den von der Hand Anna Gr-gorfewnaangefertigten Kopien von Dostojewskis Briefen aufgefunden worden. Die an Tolstoi gerichteten Briefe stammen auS dem Tolstoi- Museum in Moskau, während die an Rosanosf gerichteten Briefe dem Nachlaß von Rosanosfnachmaliger Gattin entnommen worden sind. So viel nur a» äußeren Daten zur Entstehung eines Werke-, das geeignet scheint, in allen literarisch interessierten Kreisen, nicht zuletzt jenen, die sich gerne mit dem kleidsamen Mantel der Duldsamkeit und Nächstenliebe drapieren, insbesondere aber auch innerhalb de- Judentums selbst Sensation zu erregen. Gerade unter Kowner- Stamwe-genofsen wird es an einem erregten „Für und Wider" diese sogenannte „Beichte eines Juden" nicht fehlen. Und es ist vorauSzusehen. daß der kühne „Ghettovoltairianer". wie er sich selbst gelegentlich nennt, von -er strengen imd starren Orthodoxie des Judentumnoch heute. 1927, *) Leonid Grobmann: Die Beichte eine- Juden ln Briefe« an Dostojewski. Herausgegeben von Rene Fülöp- Miller und Friedrich Eckstein. R. Viper & (So. Verlag München» Bußtages. Jomkippur aber bedeutete nicht ein Bußfest für die Einzelnen: das wurde es erst nach der Zerstörung deS zweiten Tempels. Er war vielmehr der GÜhnetaa für die Nation und für deren Symbol, den Tempel (Lev. 10,33); und daS Fasten, für uns heute ein Hilfsmittel zur Büßfertigkeit, war damaldie Unterstützung, die -er Einzelne zur kultischen Reinigung der Gesamtheit beitrug. So steht -er Anfang der Dinge auS, die für uns heute zum Heiligsten gehören. Die Entwicklung n ach dem Priesterkodex, die Entstehung von Chanukatz und Purim, der vier Fasttage Sech. 8,10. de- Dasserschöpf- und Holzfestes, des hohenpriesterlichen Volksfestes am Ende des Jomkippur usw., auftauchender und absterbender Bräuche im großen und im einzelnen, liegt außerhalb dieser Betrachtung. Genugsam ist die These klar, von der wir ausgegangen sind: Unsere Feste sind nicht Thora Mosevom Sinai: sie sind in tausendjähriger Entwicklung gewachsen und dabei mehrfach total umgeändert worden. Die Umstände haben sie gemodelt, und zwar nicht bloß in Einzelheiten, sondern in ihrem Gefamtcharakter, ja sogar in ihrem Ideengehalt. Hier wie überall gibt eS nichts absolut Feste-, nicht einmal einen allezeit gleichgebliebenen Kern: Allefließt: nur die Kontinuität be. weist die Einheit! Wozu wir aber all das wissen und verbreiten müssen? Schadet enicht dem Judentum mehr, als e§ dem Wissen nützt? Ich behaupte daßgGegenteil. Der größte Schaden -eS Judentumentsteht und ist schon entstanden dadurch, daß es als etwas Veraltetes und für unser Leben Gleichgültiges und Fremdeangesehen wird. Das geschieht in weiten Kreisen derer, die sich heute liberal nennen. Da zeigt solche Geschicht-kenntnis, daß für die Religion ebenso wie überall das Goethewort gilt: „Wisse, ein erhabener Geist Legt daS Große in das Leben Und er sucht es nicht darin." Religion ist ein Lebendiges: und was lebt, erhält sich nur Lurch Aufnahme und Abgabe. Wir verändern uns, ob wir wollen oder nicht: mit nn§ muß sich unsere Religiosität ändern, und mit dieser die objektiv gegebene Religion: „Niei mand kann Len Geist aushalten" (Kob. 8,8). Eine Zeit, die! den Lederstiefel alS Reiscvequeinlichkrit empfand, konnte ihn für den Versöhnungstag verbieten. Eine Zeit, die Filzschuhe oder bloße Strümpfe als unanständig in guter Gesellschaft empfindet, muß natürlich den vornehmen Lederstiefel für den Bersöhnungstag fordern! So gibt e§ viele Dinge in der Üeverlieferung, die für unsere Zeit bedeutungslos oder gar widersinnig geworden sind, vom Wortlaut mancher Gebete an bizu allerwichtigften religiösen Handlungen und Glaubenslehren. Solche Dinge müssen wir ändern dürfen. Das zeigt uns die Entwicklungsgeschichte der Religion: Solche Aenöerungen hat es immer gegeben, und gerade am stärksten in Zeiten starker Religiosität. Wir haben also nicht nur Erlaubnis und Recht, sondern die Pflicht, die Religion für unS passend zu machen: ja eine Zeit wird desto höher gerühmt, je mehr sie dazu die Kraft findet. DaS Deuteronomium fragt nicht, ob die Entlehrung der Wallfahrt-feste von persönlicher Frömmigkeit, der Priesterkodex nicht, öS die Einsetzung neuer Festtage nicht für die altheiligen ein Schaden ist. Sie können nicht anderdenken, und verändern tapfer da- Alte nach ihren neuen Denkweisen. Täten sie enicht, fo wären sie unfromm, so täten sie nicht ihre Pflicht vor Gott! WaS dabei für die Zukunft herauskommt, oder für die Politik oder für die jüdische Gemeinschaft, dalegen sie getrost in die Hand dessen, der die Geschicke lenkt. Sie kennen nur ihr Innere- und die Pflicht zur Wahrhaftigkeit, und gestalten damit die Üeverlieferung uur. Daist e-, wauns solch ein Kapitel ReligionSgeschichte predigt. Ob unsere Zeit von den Späteren einmal als schöpferisch gerühmt werden wird, wissen wir nicht. Aber das wissen wir: Ein starker religiöser Trieb geht durch die Welt, und auch durch unsere Seele. Wir haben keine dogmatischen, gesetzlichen oder äußerlichen Hemmnisse für unsere Frömmigkeit. Wir sind also Sünder am Heiligsten, wenn wir uns durch -aewig Gestrige unser Frommsein verderben lassen! Wir wollen ehren und wahren, was am Alten von uns als wertvoll empfunden oder begriffen wird, aber nichts. waS nur als heilig gilt, weil eS „grau für Alter" ist. sondern nur daS. waS wir als aufbauend für unser Innenleben empfinden. waS unS zu Gott erbebt, was unanregt zu stärkerer persönlicher, und sozialer Sittlichkeit, und waunS anhänglicher an Judentnm und Judenheit macht. Und wenn dabei vom Alten zu viel fällt, so müsien wir eben auS unserer religiös-künstlerischen Gestaltungskraft heraus Denken. Sprechen und gottesdienstliches Tun der Ueberlieferung umwandeln oder gar Neues schassen. So ruft letzten Endes solch ein Kapitel Entwicklungsgeschichte unS zu: Laßt euch nicht von den Anhängern des Alten auS dem Judentum herausdrängen! Laßt euch nicht daS Judentum verekeln, als wäre echtes Judentum nur k»aS Alte! Laßt jedem seinen Glauben, aber vertraut selbst eurem etgenen religiöse« Bewußtsein! Und rafft euch auf zu vionscher Größe! Nehmt alles Religiöse in euch zusammen. Denken und Wissen. Fühlen und Wollen. Ehrfurcht und Liebe zum Heiligsten, Gerechtigkeit und Güte, Sehnsucht nach Reinheit und Willen zur Selbstzucht und Schamhaftigkeit: und BerantwortlichkettSgefühl vor der Ewigkeit, — ihr alle, denen dies nicht bloß idealistische Schwärmerei ist, alle, die fühlen oder erfahren haben, wie wenig man als einzelner und auS dem eigenen Wille» heraus sich dies Höchste schassen und erhalten kann, alle die fühlen, daß nur Gemeinschaft Gleichgesinnter und Gemeinschaftsrelig^sititz Helsen rann — rafft ch* auf zu .^lösender Tan Schließt euch zu Genossenschaften zusammen und lernt. auS Büchern und auS eurem Innern, und schafft. — nicht Parteimäßiges, nicht Kämpferisches nach außen oder innen, nicht Erzieherisches für andere, — sondern gestaltet eure Frömmigkeit! „Es ist Zeit, für Gott zu arbeiten! Sonst geht die Religion zugrunde." Vom Rechlsausschuß des Preußischen Landesverbandes. Am 29. Mai tagte zu Berlin unter dem Vorsitz von Herrn Tr. JSmar freund der RechtSauSschuß des Preußischen Landesverbandes. Ein für die Feststellung eine- Normalstatuts für die Synagogengemeinden schon vor einiger Zeit eingesetzter Unterausschuß wurde nunmehr auch mit -er Vorbereitung -er Revision der Wahlordnung für Verbandstag und Rat sowie mit einer Gesamtrevision der Verfassung deS Landesverbandes betraut. Ueber den Entwurf eines neuen Strafgesetz» buche- und die Notwendigkeit und Möglichkeit, hierbei jüdische rseitS Anträge zu stellen und Wünsche zu äußern, wurde eingehend verhandelt. ES wurde für notwendig erachtet, daß der Landesverband unverzüglich sämtliche an der im Augenblick akutesten Frage der Sch ächtfrage, interessierten Stellen zu einer gemeinsamen Beratung einlädt, um zu versuchen, zu einer einheitlichen Formulierung der von jüdischer Seite zu stellenden Anträge zu gelangen. Andere Anträge alzu der Schächtfrage sollen im Augenblick nicht gestellt werden. ES wird ein« Kommission, bestehend auS sieben Personen, eingesetzt, die die Frage der eventuellen E i n r i ch. tung eine - WahlprüfungSgerichtS beim Landesverband prüfen soll, an dadie Gemeinden sich bei Streitigkeiten, die aus Wahlen entstanden sind, zu wenden hätten. ES soll dadurch die Inanspruchnahme der Behörden ver-> mieden werden. Aufgabe der Kommission wird eS sein. Statuten für ein derartiges Gericht zu entwerfen, und durch Umfrage bei den Gemeinden ihre Stellungnahme zu der beabsichtigten Regelung zu erfahren. Ein von einer hierfür eingesetzten Uuterkommission sertiggesiellter Entwurf einer generellen Geschäftsordnung für alle Ausschüsse deS Landesverbandes wurde mit den dazu einqegangenen Abänderung-, und ErgänzungSvorschlägen öurchberaten: die Geschäftsordnung wurde nun» mehr endgültig festgelegt. Der Vorsitzende berichtete sodann über den Stand der Arbeiten de- Unterausschusses zur Festsetzung eines N v r m a l st a t u t - für die Synagogengemeinden, dessen baldige Beendigung er in Aussicht stellte, sowie über den zurzeit dem Reich-wirtschaft-rat vorliegenden Entwurf eineneuen ArbeitSschutzge setze- und die unternommenen Schritte, bei dieser Gelegenheit die Frage der SonntagSarbeit in jüdischen Organisationen gesetzlich zu regeln. ES fand schließlich eine eingehende Durchberatung und Stellungnahme zu Rechtsfragen statt, die von verschiedenen Gemeinden au- Erfordernissen der Praxis heraus an den Landesverband gestellt worden waren, und denen über den Einzelfall hinaus eine prinzipielle Bedeutung zukommt. Die Frage, ob al- „Kirchendienst" in steuerlicher Hinsicht auch Dienstleistungen bei den jüdischen Gemeinden anzu. sehen sind, wurde bejaht. Eine andere Anfrage, ob eS zur Gründung einer Sondergemeinde mit korporativen Rechter durch di« aueiner Synagogengemeinde Äu-getretenen der Genehmigung dieser Gemeinde bedürfe, wurde verneint» daran anschließend darüber beraten, ob die kontraktliche Bindung einer solchen Austritt-gemeinde ohne die Rechte einer Körperschaft öffentlichen Rechts an ihren Beamten der einer Synagogengemeinde gleichwertig ist. und ob ein rechtlicher Unterschied zwischen einer Religionsgesellschaft e. D. , genau so unbarmherzig verdammt werden wird wie der noch! nicht zwanzigjährige Kowner. der zu Beginn der 50iger Jahre des vorigen Jahrhunderts die Tollkühnheit besaß. auS der beklemmenden Enge des Ghettos, der hochangesehenen „Jeschiweh" von Woloschin, sowie einer wider seinen Willen als halber Knabe weniger von ihm geschlossenen als ü b e r ihn b e schlossen«« Ehe zu entfliehen, um sich westliche Kenntnisse und Kulturgüter anzueignen und — nach seinem damaligen, noch primitiven Ausspruch — ein „Allmensch" zu werden. Karl Emil FranzoS hat uns analoge Schicksale solcher nach westeuropäischer Bildung verschmachtenden östlichen Juden geschildert. Auch wissen wir, daß die Lebeusgängc ein- Maimonides. eines Baruch Spinoza oder eines Moses Mendelssohn ebenfalls nur durch ein« schmerzhafte LoSlösung und Emanzipation von Jahrtausende alten Traditionen zu den erstrebten Zielen führten. Wie stark diese Ueberlieserung aber selbst in dem jugendlichen Revolutionär Albert, alias Abraham Uurija, Kowner wurzelte, berveist sein eigener Ausspruch, womit er seine Gefühle bei der Flucht auS der unfruchtbaren talmudischen Gelehrsamkeit in di« Weltliteratur kennzeichnet«: „Mir schien «S damals, alS verfolgte wich der strafende und drohende Gott Israels in eigener Person, weil ich meinem eigenen Weib entflohen war und wegen meiner Absicht, mich mit der europäischen Aufklärung zu beschmutzen." Und eine Orthodoxie, die der GtammeSabgeschlojsenheit das Wort redet und in der rabbinischen Vollendung daS einzige Ziel und den höchsten Gipfel jüdischen Lebens und Strebensteht, wird vielleicht -er Meinung fein, -atz das über Albert Kowner später hereingebrochene Schicksal nur die gerechte Strafe für frevles Tun gewesen sei. Die Stimmen, dir in -er Brust dejungen TalmudbochurS Kowner allgewaltig nach Offenbarung rangen, waren die Stimmen einer ununter druckbaren Natur schlechthin. Denn er. der seine ersten weltlichen Kenntnisse aus hebräischen Ueberfetzungen von Engen Sue's „Geheim- »isien von Paris" und FönelonS „Telemague" sog, schulte sich alSLald an westlichen Autoritäten wie Buckle. Mill, Büchner und Moleschott (für den jungen Bochur sämtlichst) „verbotene Bücher"), um binnen kurzem schon selbst literarisch hervorzutreten. Seine literarischen Wanderjahre hatten ihn von den nördlichen Gouvernements Wilna und Minsk l.en Süden Vis Kiew und Odesia geführt. Im Jahre 1871 übersiedelte er. dem sich als einen Renegaten, obzwar er Biß dahin nur als Kritiker des orthodoxen Judentums hervorgetreten war, alle jüdischen Häuser verschlosien. nach Petersburg. wo er sich sehr bald als geschätzter Mitarbeiter der tonangebenden russischen Blätter hervortat. Diese Beschäftigung sollte den Grundstein zu seinem spateren verhängnisvollen Schicksal legen. Sein journalistischer Beruf brachte es mit sich, daß er gelegentlich in den Spalten der ihm zur Verfügung stehenden Blätter auch die Klingen kreuzte mit dem dazumal eben in den Zenith seines Ruhmes tretenden Dichter Dostojewski, dem wahrhaft inkommenfumenrabeln Genie des literarischen Rußland. Kowner sah in Dostojewski, dank dessen publizistischen Aeußerungen. einen f a n a» tischen Judenfeind und. obwohl selbst vom Dogma abgefallen, setzte er sich doch mit glühender Begeisterung und feurigem Wort für sein durch 40 Jahrhunderte geschrittenes Volk öffentlich ein. Der Jude Kowner — denn das b lieb er. mochte die Orthodoxie ihn tausendfältig als Ketzer ver« schreien und mit dem großen Bann belegen — konnte wider den vermeintlichen Judimfeind Dostojewski eifern und geifern. Der Dichter Kowner aber neigte sich tief und inbrünstig, und zwar um so tiefer, alS er es mit heimlichem Widerstreben tat, vor dem Dichter Dostojewski. Er verschlang jedeeinzelne Werk deS von ihm gleichzeitig Ge. haßten und Vergötterten, und eines dieser Werke — nämlich Dostojewskis „RaSkolnikoff" — sollte ihm zum Fluch für Zeit und Ewigkeit werben. Das geniale Problem, das Dostojewski in seinem „RaSkolnikoff" entwickelt, und wonach ein wertvoller, aufstrebender, für die Menschheit bedachter Mensch das Recht haben solle, selbst auf dem ungewöhnlichen Wege deS Verbrechens — im Falle des Rodion RaSkolnikoff dem deS Mordes die Erfüllung seiner vielleicht für die ganze Menschheit heilbringenden Idee zu vollbringen, fand in Kowner einen leider nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch zusttmnvenden Schüler und Adoranten. In sklavischer Nachahmung der dichterischen Idee suchte Kowner aus den grauenvollen Nöten und Verfolgungen, denen er und nicht allein er, sondern vor allem eine von ihm heißgeliebte kranke Glaubensgenofsin auSgefetzt war, ebenfalls die letzte Zuflucht zum — Verbrechen. Allerdings nicht zu einem Morde, sondern nur zu einem schweren Eigentumsdelikt, indem er durch einen falschen Wechsel eine Moskauer Bank um eben die Summe betrug, die ihm und seiner Lebensgefährtin eine Flucht nach dem AuSlanbe und ein neue- Leven hätte ermöglichen können. Die messerscharfe Logik RaSkolnikoffhatte sich in daS Denke» demißglückten Reformators eingebohrt und ihn unheilbar hypnotisiert. Di« dichterische These Dostojewskilautete: „Solche, die die Begabung oder da- Talent haben, in ihrem Kreise ein neues Wort zu sagen, alle, die im Name» einer besseren Zukunft zur Vernichtung deS Gegeuwärtigen berufen sind, besitzen dahöchste Vorrecht heroischer Naturen, daS Recht, ein Verbrechen zu begehen. Wenn die Entdeckungen von Newton und Keppler infolge irgendwelcher Umstände der Menschheit hätten auf keine andere Weise bekannt werden können alS durch den Verlust des Lebens von einem, zehn, hundert ober mehr Menschen, die diese Entdeckung hätten ver»

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