Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 7 (1927)
- Issue
- 24 (17.6.1927)
- Date
- 1927-06-17
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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7. Jahrgang Nummer 24 Beilage 17. Juni 1927 MhchÄemleZeämg 1999BSS9HHE9E9iBE59S99SSSSS999i9B9E99S99fiSP99SEI^9£üS@l Kleine Zeitglsssen. 9U« Columbia. Nun ist also eingetroffen. was ich in der vorigen Woche als Plan des Berliner Magistrats angeführt habe: nicht Chamberlin und Levine sind in Berliner Straßennamen verewigt worben, sondern bloß ihr Flugzeug! Und auch meine Mutmaßung über die Motive dieser eigenartigen Ehrung ist durch die Tagespreise bestätigt worden. So hat die »Berliner M o r g e n p o st" in einem »Begeisterung mit Hindernissen" betitelten Leitartikel festgestellt, daß die deutschnationalen Stadtväter bei aller Bewunderung für die Flieger sich mit dem Gedanken an eine L e v i n e - stratze nicht vertraut zu machen imstande waren. Leider haben diese Herren mit der scheinbar so diplomatischen Lösung, die in diesem Dilemma gefunden wurde, einen argen Reinfall erlebt. Miß Columbia, nach der das Flugzeug und somit auch die zu dessen Ehren umgetaufte Berliner Straße jetzt heißt, ist nämlich niemand anderer als — das fünfjährige Töchterche» Levines! Die hochweisen Stadtväter haben also die Ehre, die sie einem erwachsenen Juden für eine vorläufig nicht alltägliche Leistung nicht vergönnten, einem kleinenJudenmäbchen erwiesen, das vorläufig noch keine anderen Verdienste aufzuweisen hat als das. nicht etwa Sara oder Rahe! zu heißen .. . Die amerikanischen Frauenrechtlerinnen, die es Herrn Levine gewaltig übelnehmen, daß er. ohne seine Gattin um Erlaubnis zu fragen, nach Europa geflogen ist. werden über diesen Ausweg gewiß entzückt sein, wenn sich auch in ihre Genugtuung ein wenig Neid über die kleine Geschlechtsgenossin mengen dürfte, die für ihre dereinstige Hochzeitsreise ein so auch nach amerikanischen Begriffen originelles Reiseziel haben wird wie eine nach ihr benannte Großstadtstraße in Europa. Und wenn dann am Ziele der Gatte neckisch fragen sollte, wie sie zu einer Ehre gekommen ist, die eigentlich ihrem Vater gebührte, dann wird Miß Columbia sicher mit reizender Naivität erwidern: »Papas Abstammung war den Berlinern zu wenig vornehm. Er hat eben nicht ganz so distinguierte Eltern wie ich . . Verfehlte Ziele. An dem Chor der antisemitischen Stimmen zu der Luftreise Levines, die ich zum Teil in der vorwöchigen Nummer schon zitiert habe, soll auch der »Völkische Beobachter" den ihm gebührenden Ehrenplatz nicht missen. Im Gegensatz zur „Deutschen Zeitung", die, wie ich schon letzthin mitgeteilt habe, nur den Piloten Chamberlin. seinen jüdischen Passagier aber gar nicht gesehen hat, hat der Gewährsmann des Hitlerblattes so scharf hingeblickt, daß er sogar über die Arbeitsteilung der beiden Flieger genauer Bescheid weiß als jeder andere Berichterstatter. Er erzählt nämlich seinen gläubigen Lesern. Chamberlin habe das V e r d i e n ft an der glücklichen Erreichung Europas, wohingegen Levine schuld daran sei. daß das Flugzeug statt nach Berlin nach Kottbns geflogen sei. Diese völkische Beobachtungsschärfe ist um so bewunderungswürdiger, als sie speziell in bezug auf jüdische Flngleistungen ganz neu ist. Bekennt doch der Verfasser des zitierten Artikels ausdrücklich, daß er bisher weder vor. noch in. noch nach dem Kriege etwas von jüdischen Fliegern bemerkt hatte, was — schon mit Rücksicht auf das bekannte Buch von Teilhaber »Jüdische Flieger im Weltkrieg" eine artige Leistung im — Vorbeisehen bedeutet. Diesmal hat er jedenfalls Pech gehabt, daß ihm der jüdische „Franz" ins Auge gefallen ist. Wenn er aber aus dem kleinen Schönheitsfehler, mit dem der Flug der Columbia geendet hat. den Schluß ziehen sollte, daß so etwas — Kottbus statt Berlin! — nur einem Juden passieren kann, dann möchten wir den offenbar vergeßlichen Herren an das Mißgeschick .erinnern, das ein ihm sehr nahestehender. vom „Völkischen Beobachter" bisher stets als Arier gefeierter Mann erlitten hat. der vor einigen Jahren nach pompösestem Start vom Münchener Bürgerbräu aus ft att in Berlin in einer bayerischen F e st u n g gelandet ist . . . Uns will es beöünken, daß das damals eine noch viel bedeutendere Abirrung vom rechten Wege war! Sie hat auch nicht mit einem verhältnismäßig harmlosen Propellerbruch geendet, sondern mit einem v o l l st ä n d i g e n Schtfsbruch des verwegenen Abenteurers, von dem sich dieser bis heute nicht erholt hat... Libertiner. Karl Moor mußte, als er seine Kommilitonen zu einer Räuberbande umorganisierte, vom akademischen Boden weg in die böhmischen Wälder ziehen. Heute müßte er den umgekehrten Weg vorzieheri. Denn es ist ganz ausgeschlossen,! daß sich in unseren Tagen in den böhmischen Wäldern solche! Vorgänge ab spielen könnten wie sie in der letzten Woche auf der Wiener Universität Anlaß zur Schließung dieser Hoch-; schule gegeben haben. In den böhmischen wie den meisten übrigen Wäldern Europas ist die planmäßige Organisierung I bewaffneter Horden zwecks Errichtung einer systematischen > Terrvrherrschast heutzutage nicht so einfach, wie aus »akademischemBode n", der als solcher von der Polizei > nicht betreten werden darf. Natürlich wurde dieses Privileg unter ganz anderen Voraussetzungen geschaffen, als die sind, unter denen es heut: mißbraucht wird. Man hat damals nicht daran gedacht, daß unter »akademischer Freiheit" das Recht verstanden wird, in das Uuiversitätsgebäude Waffen einzuschmuggeln. um sich gelegentlich mit der Veranstaltung kleiner Judenpogroms standesgemäß zu amüsieren. Es wäre ungerecht, die Skarrdalszenen auf der Wiener Universität als eine Ergänzuiq zu der gerade eröffneten Ausstellung „Wien und die Wiener" aufzufassen. Die rohen Exzesse, mit denen in regelmäßigen Jnterwallen Oesterreichs Hochschulen entwürdigt werden, sind alles eher als wienerisch, die Radaubrüder sind in der Mehrheit keine Oestereicher, ja zum Teil überhaupt keine Studenten. Die Tatsache, daß diese Elemente gerade die österreichischen Hochschulen zum Betätigungsfeld ihrer politisch maskierten Hemmungslosigkeiten wählen, mutz aber den reichSdeutschen Studenten, die in der letzten Zeit erfreuliche Zeichen erwachender politischer Vernunft geliefert haben, die Augen darüber öffnen, wie verfehlt es war. sich von den Wortführern der österreichischen Verbindungen ins Schlepptau nahmen zu lassen und einer Einheitsfront mit „rassenschützlerischen" Rowdies zuliebe die kameradschaftliche Gemeinschaft mit den friedliebenden und arbeitsfreudigen Oesterreicheru, die an Deutschlands Hochschulen Gastfreundschaft suchen, zu zerstören, indem man ihre Aufnahme in die deutsche Studentenschaft von ihrer Rasse abhängig macht. Dr. Hugo S p i e g l e r. 70. Geburtstag von Claude G. Monlefiore Der Präsident des Weltverbandes des liberalen Judentums und verdienstvolle Führer der liberalen Juden Englands. Claude G. Montefiore. beging in der vergangenen Woche seinen 70. Geburtstag. Aus diesem Anlaß'gingen ihm zahlreiche Ehrungen von nah und fern zu. Die Universität von Oxford verlieh ihm den Doktortitel honoris causa. Dem treuen Förderer des liberalen Judentums, dem bescheidenen Führer und mutigen Vorkämpfer unserer Bewegung wünschen auch die liberalen Juden Deutschlands von Herzen noch recht viele Jahre ein segens- und erfolgreiches Wirken. Aus den Gemeinden Bensheim. (Todesfal l.) Im 70. Lebensjahre verstarb das Vorstandsmitglied der hiesigen israelitischen Gemeinde, Herr M. Wolfs. Rabbiner Dr. Merzbach, Darmstadt, und Lehrer Müller gaben der allgemeinen Trauer um den Heimgang des um die Gemeiuideinteresien verdienten Mannes in herzlichen Ansprachen Ausdruck. Berlin. sSiegfried Sachs gestorben.) Am 8. Juni verschied infolge eines Herzschlags im 74. Lebensjahre Herr Siegfried Sachs, der Zeit seines Löbens der liberalen Bewegung ein treuer Mitstreiter gewesen ist. Lange Zeit gehörte er der Liberalen Fraktion der Repräsentantenversammluug an und widmete sich als Mitglied dieser Körperschaft besonders der Waisenpslege und der sozialen Fürsorge. Als Vorstandsmitglied der Reuen Synagoge hat er sich lange Zeit auch gottesdienstlichen Aufgaben der Gemeinde mit größtem Interesse gewidmet. Im Liberalen Verein für die Angriegenheiten der jüdischen Gemeinde zu Berlin e. V., den er mitbegründete. gehörte er viele Jahre dem Vorstand als Schatzmeister an. Stets war er hilfsbereit, wo es durch Rat oder Tat zu helfen galt. Berlin. (Das jüdische Kinderheim ln Wyk.) Am 29. Mai trat in Berlin das Kuratorium für das „Heim des jüdischen Frauenbundes in Wyk auf Föhr", das als Heilstätte für tuberkulös gefährdete Kinder und weibliche Jugendliche geführt werden soll, zur ersten Sitzung zusammen. Die Beteiligung war aus allen Teilen des Reiches erfreulich zahlreich. Berichte wurden erstattet: 1. über die Gründe, die zur Entstehung des Heimes führten, von Frau Bettina Brenner-Leipzig, die in ihrer Eigenschaft als Vorsitzende des Jüdischen Frauenbundes gleichzeitig Kuratoriumsvorsitzende für dieses neue Heim ist: 2. über Ausbau und Einrichtung des Heims sowie über die geplante Führung von Frau Charlotte Landau-Lübeck, Vorsitzende des Arbeitsausschusses für Wyk. Die Bunöesschatzmeisterin, Frau Helene Meyer-Stargard. Berlin, gab den Finanzbericht, der Vertrauensarzt des Heims. Herr Dr. Rudolf Neumann-Berlin erteilte über die medizinische Seite der neuen Heilstätte Auskunft. An der sehr fruchtbringenden Aussprache beteiligte sich u. a. die für das Heim gewonnene Oberin Sophie Mamelok, die dank ihrer langjährigen Tätigkeit als Kindergärtnerin, Schwester. Oberschwester und Leiterin gemeinnütziger Anstalten über große Erfahrungen in Änstaltssührung verfügt. Um für diejenigen Fälle, für die keine Organisation herangezogen werden kann, die Möglichkeit verbilligter Kuren zu schaffen (der Normalpslegesatz beträgt tnfl. Arzt und allen Kurmitteln 4 M. pro Tag bei sechswöchiger Kurperivdej, wurde beschlossen: 1. »Freunde für Wyk" zu gewinnen, die durch jährliche Mitgliedsvetträge ihr Interesse an den Ausgaben des Heims beweisen- 2. lebenslängliche Mitglieder durch einmalige Zahlung vo« 300 M. zu werben,' 3. die dauernde Mitgliedschaft bei einmaliger Zahlung von 8000 M. zu verleihen. Anmeldungen zur Mitgliedschaft oder Spenden nimmt entgegen die zur Kassenführerin ernannte Frau Käthe Sternberg, Breslau 18, Lindenallee 6. die gemeinsam mit der Bundesschatzmeisterin die Finanzen zu betreuen haben wird. Zn Stoffe». revisoren wurden ernannt die Herren Otto Eskeles und Dr. Richard WolfeS-Berlin. In den Händen von Frau Käthe Sternberg wirb später auch die Bearbeitung der »Nachgehenden Fürsorge" der aus dem Heim entlassenen Pfleglinge liegen. Die Eröffnung des Heims, das unter Aussicht des Herrn Oberrabbiner Carlebach in Altona stehe» wird, ist für Ende Juni in Aussicht genommen. Es wird zuerst etne Kurperiode für Knaben eingerichtet, die zweite Kolonie ist für Mädchen bestimmt. Eine kleine Station für weibliche Jugendliche (von 14 bis 18 Jahren) in einer besondere» Etage bleibt durchgehend geöffnet. Dankbar wurde der Frau gedacht, die im Jüdischen Frauenbund die erste Anregung zur Bekämpfung der Tuberkulose und für die Errichtung dieses Heims gab. Auch mit diesem Heim des Bundes wird der Name der Bnndesgründerin Bertha Pappenheim rmlSSlich verknüpft sein. Berlin. (60. Geburtstag von Max I. Friedl ä n d e r.) Am 6. Juni wurde Max I. Frieoländer. der Leiter des Kupferstichkabinetts der Berliner Nattoualgalerie, 60 Jahre alt. Der große Kunstforscher und Kunstkenner genießt Weltruf, und seine Verdienste um Forschung wrd Sammelwesen werden auch von den führenden fftome» -es Auslandes in einer Festschrift gewürdigt, die ans dem Kreise der Berliner Kunsthistoriker -um 60. Geburtstage Friedländers vorbereitet wurde. Wilhelm v. Bode schrieb für ei» „Verzeichnis der Schriften Max I. FriedländerS". da- Leo Blumenreich zusammengestellt hat, ein Vorwort, worin er der »treuen opservollen Beihilfe" gedenkt, die ihm sein »verehrter Kollege und Freund" durch fast drei Jahrzehnte tm Aufbau, in der Ordnung wissenschaftlichen Bearbeitung -er Gemäldegalerie geleistet hat und noch leistet." Bode spricht von den »bedeutenden Publikationen" seines Kollegen, die in dem verdienstvollen Verzeichnis aufgeführt werden — fast 600 Schriften aller Art sind darin erwähnt — und weist besonders auf den „eigentlichen Gipfelpunkt" von FriedländeÄs reicher wissenschaftlicher Tätigkeit hin, auf die für zwei Bände berechnete bei Paul Cassirer erscheinende Sammlung „die Altniederländische Malerei". Der Kunsthistoriker der Universität Berlin. Geheimrat Prof. Dr. Adolf Goldschmidt, feiert Friedländer im ,^runstwanderer". -er sein Juniheft dem großen Berliner Kunstforscher zu seinem 60. Geburtstage widmet. Der Kritiker des „Bei ''.rer Tageblatt" schreibt: »Max I. Friedlan-er ist Berliner. Unerreicht ist sein Werk über Dürer, unerreicht seine Forschung um die altnieöerländtsche Kunst. Daß er aber, abgesehen von seiner höchst erfolgreichen Tätigkeit für das Museums- und Sammelwesen, auch für die moderne Kunst hervorragend gewirkt hat und wirkt, dafür spricht sein Buch über Max Liebermann." (Jta). Berlin. (D r. L ipsch itz 60 Jahre alt.) Dr. Moses Lipschitz in Flatow, Grenzmark geboren, wurde., a« 15. Juni 60 Jahre alt. Für alle jüdischen AngeläÜ-Mkest hat Lipschitz sein ganzes Leben hindurch ein VeftlrckierS warmes Interesse bekundet. Als liberaler Jude förderte er in hervorragender Weise alle Angelegenheiten des liberalen Judentums. 20 Jahre gehörte er dem Vorstände deS Liberalen Vereins für die Angelegenheiten der jüdische» Gemeinde zu Berlin an, in den letzten Jahren als zweiter Vorsitzender. Hier genoß er das höchste Vertrauen und wurde zum Mitglied der Repräsentantenversammlung gewählt. in der er sich zehn Jahre als eines der eifrigsten Mitglieder betätigte. Was er in diesem Ehrenamte geleistet hat, läßt sich hier nur andeuten. So regte er vor 15 Jahren schon die Anstellung eines ReligionSschulinspektors an, trat für die Einrichtung einer Lesehalle und Bücherausgabe im Gebäude der Synagoge Fasanenstraße ein und für weitere Zweigstellen in anderen Stadtteile». Auf seinen Antrag bin förderte die Gemeinde die Ausbildung von Theologie-Studierenden und Lehrern durch Verleihung von Stipendien. Für den C.V. arbeitete er Jahrzehnte hindurch, zuerst im Vorstände der Gruppe Zentrum und später der Gruppe Charlottenburg. Auch in sozialer Beziehung leistete er ein gut Stück Arbeit. Seiner Tatkraft verdankte die Caspar Lachmannsche Provinzial-Waisenanstalt in Grauöenz, die nach dem Kriege leider einging, ihr Entstehen. Er sammelte aus Westpreußen stammende Glaubens-genossen in Berlin und veranlatzte sie zu jährlichen Beiträgen für das Waisenhaus. Als in der Inflationszeit die Waisenerziehungsanstalt des Frauenvereins von 1833, die seit 89 Jahren verwaisten jüdischen Mädchen das Elternhaus ersetzte, einzugehen drohte, setzte er sich mit großer Energie durch von ihm eingeleitete Sammlungen für die Erhaltung der Anstalt ein. kür Reise und Ferien. 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