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Jüdisch-liberale Zeitung · 1927-06-17 · 24 (17.6.1927) · page 6

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
7 (1927)
Issue
24 (17.6.1927)
Date
1927-06-17
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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Dr. Lipschitz praktiziert seit 1889 als Zahnarzt -in Berlin. Er ist auch wissenschaftlich mit einer großen Anzahl von Arbeiten in zahnärztlichen Zeitschriften hervorgetreten. Dr. Lipschitz war der erste Zahnarzt, der auf Grund zahnärztlicher Untersuchungen in einer Berliner Schule (ewar -te Mädchenschule der jüdischen Gemeinde zu Berlin) auf die Wichtigkeit der zahnärztlichen Behandlung für Kinder binwieS. Um den zahnärztlichen Stand hat er sich durch oie Gründung der Unterstützungskaffe für deutsche Zahnärzte verdient gemacht, die er seit 20 Jahren leitet. Zum 36 jährigen Bestehen der Kaffe wurde er zum Ehrenvorsitzenden ernannt. Durch das Vertrauen -er Berliner Zahnärzte wurde er bet Errichtung der Zahnärztekammer für Preuße» als deren Mitglied berufen und gehörte ihr zehn Jahre an. Wenn somit weite Kreise seiner Fachgenossen und persönlichen Freunde ihm zum 60. Geburtstage Glückwünsche in Herzlichkeit barvrtngen, dann nimmt auch die jüdische Allgemeinheit lebhaft und erfreut an dieser Feier Anteil, die der Jubilar in -er Vollkraft seines Schaffens begeht. Besonders aber hat ihm der jüdische Liberalismus viel zu danken, dessen allezeit getreuer, unerschrockener und charaktervoller Vorkämpfer Dr. Lipschitz stets gewesen ist. Möge der verdiente Mann in seiner Vornehmheit und Gradhett uns weiter voranschreitenl M. S. Berlin. (Palästinaarbeit.) Wie wir erfahren, hat Herr OSkar Wassermann, Direktor der Deutschen Bank, die Einladung, in das vorläufige Jewtfh-Aaency- Komitee einzutreten, angenommen. (Jta) Danzig. (Rabbi»erwähl.) Das Danziger Rabbinat, daS fett dem im März 1926 erfolgten Ableben von Rabbiner Dr. Kaelter verwaist war. ist, wir wir hören, nunmehr endgMttg besetzt worden. Zum Ravbiner wurde der jetzige Gemeindevaibbiner von Frankfurt a. £>., Dr. Iwan Grün, gowäblt. Esse». (Zusammenschluß jüdischer Sportveretne.) Am 22. Mat 1927 fand in Essen unter der Leitung des bisherigen Vorsitzenden des Verbandes jüdischneutraler Turn- und Sportvereine („V intus"), Herrn Dr. Heimann, Essen, eine Versammlung statt, die den Zusammenschluß der bisher dem „Btntus" angeschloffenen Vereine mit sämtlichen Sportgruppen des R.j.F. in Westdeutschland brachte. Mit dieser Fusion hat ein jahrelanger Streit zwischen den beiden Organisationen sein Ende gefunden. In dem Gebiete von Hamm bis Trier sind nunmehr etwa 26 jüdische Turn- und Sportvereine und Gruppen mit etwa 4 bis 6090 aktiv Sporttreibenden in einem Verbände zusammengeschloffen. In den Vereinen werben fast sämtliche Sportarten gepflegt. Der Verband ermöglicht Spiele und Kämpfe zwischen den einzelnen Vereinen. Da die Leitung hauptsächlich Wert auf eine gute Attgemein-Durchbildung legt und zweitens sich von dem Züchten einzelner Favoriten unter Jagd nach dem Rekord fernhält, sind seine Bestrebungen im Interesse des Judentums durchaus zu begrüßen und zu unterstützen. Grevenbroich. (Hohes Alter.) Der in Jüchen (Kreis Grevenbroich) im Ruhestand lebende frühere Rentmeister Leopold Oberländer begeht am 6. Juli seinen 94. Geburtstag. Der immer noch rüstige Greis hat lange Jahre die Kasse der katholischen Kirche seiner Heimat verwaltet. Es wurde ihm seinerzeit der Kronenorden 4. Klasse verliehen. Hannover. (Senator Fischer gestorben.) Mit dem am 10. Juni nach langem schweren Leiden im Alter von 78 Jahren verstorbenen Senator Leopold Fischer ist die markanteste jüdische Persönlichkeit Hannovers dahingegangen. Der Verstorbene gehörte dem Repräsentantenkollegium seit 1894 an und war von 1902 bis 1916 erster Vorsteher der Synagogengemeinde. Vorher war er letzter Vorsteher der Lindcner jüdischen Gemeinde, und als diese vor 4ss Jähten sich der Synagogengemeinde Hannover anschloß, durfte er in der alten Lindener Synagoge in feierlichem Akt Seser Tora, Schmuckgegenstände. Inventar und Vermögen dem Vertreter der hannoverschen Gemeinde übergeben. Senator Fischer ist -er Begründer der Provinztalkaffe für Wanderfürsorge, der Zentralstelle für Wohlfahrtspflege in der Synagogengemeinde Hannover und des ProvinzialverbandeS hannoverscher Synagogengemvinden. In dem Nachruf, den Vorstand und Repräsentanten der Synagogengemeinde dem Dabingeschiedenen widmen, heißt es: „Fast ein Vierteljahrhunoert hat der Dahingeschiedene für das Wohl unserer Gemeinde gewirkt und seine hohen geistigen Gaben, gepaart mit seltener Pflichttreue und unermüdlicher Arbeitskraft in ihren Dienst gestellt. Sein Andenken wird in unserer Gemeinde unvergessen bleiben". — Auch im bürgerlichen Leben spielte Senator Fischer eine große Rolle. Er war lange Jahre Bürgervorsteher und Senator in Linden. Am 13. Juni wurde Senator Fischer zur letzten Ruhe gebettet. Der Wagen mit der sterblichen Hülle wurde, begleitet von den Verwandten und Freunden des Verblichenen, sowie Vertretern des Gemeindevorstandes an der geöffneten und erleuchteten Synagoge, sowie am geöffneten und erleuchteten Verwaltungsgebäude der Synagogengemeinde vorbei zum Friedhof gefahren. Die Trauerfeier wurde eingeleitet durch Gesang von Kantor und Chor „Schiwist adaunoi l'negdi somid". Darauf hielt Herr Lanörabbiner Dr. Freund die Trauerrede, in der er ein getreues Lebensbild dieses wunderbaren großen und starken Mannes entrollte und darlegte, mit welcher Meisterschaft es Leopold Fischer verstanden habe, in der Zeit, da Hannover sich aus der Khillo zur Großgemeinde entwickelte, seiner Gemeinde Führer und Wegbereiter zu sein. Er würdigte seine Verdienste um den Provinzialverband hannoverscher Synagogengemetnden, um die Einrichtung der Zentralwohlfahrtsstelle, um den Hilfsverein der deutschen Juden und um den deutsch-israelitischen Gemeindebund. Auch den Dank des Frauenvereins, dem Leopold Fischer ein unermüdlicher Helfer und Berater war, stattete ihm Dr. Freund in herzlichen Worten ab. Für den Gemeindevorstand sprach Herr Alfred Fuerst. Er sagte u. a.: „Wir können wohl sagen, daß mit der Aera Fischer eine ganz neue Epoche in der Geschichte unserer Synagogengemeinde beginnt. Es war chm klar, daß die Führung der Geschäfte in der bisherigen, sagen wir patriarchalischen Weise, für eine Großgemeinde eine Unmöglichkeit sei. Sein glänzendes Organisationstalent leitete deshalb in kürzester Zeit das ga»ze Berwaltungswesen in geregelte Bahnen, auf deren Basis noch heute alles geführt wird und der von chm in so hervorragender Weise zusammengestellte Haushaltsplan ist heute noch ein Vorbild für unsere Etatsberatungen. . ." Herr Fuerst gab sodann Mitteilung von dem einstimmigen Beschluß der Direktion der Chewra Kadischa. daß sie „als kleines Zeichen ihrer Dankbarkeit für die großen Verdienste, die er und seine bewährte Gattin sich um unser-e Gemeinde erworben, ein Ehrenevbbegräbnis zur Verfügung stellen". Namens der Beamtenschaft sprach Herr Seminardirektor Dr. Knoller anerkennende Worte für die fürsorgende Treue, die der Dahtngeschiedene den Beamten hat angedeihen lassen. Herr Oberkantor Alter sang daS „El mole rachamim". Mit einem Chorgesang schloß die würdig verlanfene Feier. Homburg (Bad). (70. Geburtstag.) Die Vorsitzende des Israelitischen Frauenvereins. Frau Jeanette Ackermann. konnte in voller körperlicher und geistiger Rüstigkeit chren 70. Geburtstag feiern. Kassel. (70. Geburtstag.) Am 18. Juni vollendet Lehrer I. Herzberg, der bis zur Abtretung der Provinz Posen in Bromberg als Lehrer und Kantor amtierte, in erfreulicher körperlicher Frische und geistiger Regsamkeit seine» 70. Geburtstag. AIS Herausgeber anerkannter Hilfsmittel für den hebräische» Unterricht und produktiver Journalist auf geschichtlichem und jüdisch-erzieherischem Gebiet hat sich Herr Herzberg einen geachteten Namen verschafft. Auch die von ihm verfaßte» Jugeubschriften verrate» gemütsinnige Vertiefung in das umfangreiche Gebiet talmudischer Kenntnisse, die mit schönem Erfolg für die sittlich-religiöse Erziehung der Jugend nutzbar gemacht wurden. Sissiugcu. (Ein seltenes Jubiläum.) ES ist wohl nicht allzuoft in den Annalen unseres Badeortes verzeichnet, daß ein Gast 50 mal wiederkehrt. Dieses seltene Ereignis können wir von einem treuen Stammkurgast. Herrn Rentier S. Guggenhetm aus WormS berichten, der am Sonn, tag zum 50. Kurgebrauch hier eingetroffen ist (Hotel Ehrenreich). Der 86 Lenze zählende Mann — trotz OberarmbrucheS vor einem Vierteljahr in bewundernswerter körperlicher und geistiger Frische — wurde schon am Bahnhof von hier weilenden Familienmitgliedern und alten Badebekannten empfangen und in einem mit Blumen gezierten Wagen in seine hiesige Wohnung geleitet. Hier begrüßten ihn Frau Jeidel und sein langjähriger Badearzt (S.-R. Dr. Wahle), ein Trompetensolo erklang und freudestrahlend und gerührt betrat der Jubilar sein mit reichem Blumenschmuck auSgestattetes Zimmer, das außerdem erfüllt war mit zahlreichen Geschenken hiesiger Freunde. Bo» seiten der Stadt und Kultusgemeinde wurden Blumenarrangements, ersteres mit Begleitschreiben deS Herrn Bürgermeisters Dr. Pollwein, letzteres persönlich von Herrn Zahnarzt Bamberger überreicht, von Seite des Staat!. BadkommissariatS wird eine Ehrenkarte überreicht werden. Wir wünschen unserem lieben Stammkurgast für dieses und viele folgende Jahre Vesten Kurerfolg. Recklinghausen. (Konfessioneller Friede.) Donnerstag, den 27. Mai, wurde in Anwesenheit des Bischofs aus Münster der Grundstein zum Bau des neuen Prosperhospitals gelegt. Als Vertreter der Synagogengemeinde war Prediger Hvrwitz geladen. Er hat an der offiziellen Feier, wie auch an der anschließenden internen Veranstaltung teilgenommen. Der Vorsitzende des Kuratoriums, Pfarrer Rölfing, begrüßte die Vertreter der Kirchengemeinden und betonte hierbei, daß in den ganzen Jahren des Bestehens des Krankenhauses sich niemals Schwierigkeiten in konfessioneller Hinsicht ergeben haben. Weder von evangelischer noch israelitischer Seite sind Hindernisse in den Weg gelegt worden. Er gab der Hoffnung Ausdruck, daß es auch in Zukunft so bleiben möge. Mit tiefer Befriedigung kann festgestellt werden, daß zu allen Veranstaltungen, die seitens der Stadtverwaltung und der konfessionellen Vereine hier veranstaltet werden, unser Seelsorger eingeladen wird. Das Verhältnis zwischen der Behörde, den Konfessionen und der Gemeinde ist das denkbar beste. So hat Oberbürgermeister Hamm vor kurzem anläßlich einer Kriegergeöenkfeter, bei welcher er die Rede halten sollte. Prediger Horwitz gebeten, an seiner Stelle die Ansprache zu übernahmen, welchem Wunsche letzterer gerne nachkam, umsomehr, als bei der Veranstaltung nur Nichtjuden anwesend waren. Sicherlich ein Zeichen vollkommenster Toleranz. In allen Kommissionen, wie Wohlfahrtsamt, Jugendamt, Ortsausschuß für Jugendpflege usw. sind auch die jüdischen Bürger mit Sitz und Stimme vertreten. Wie stark das Entgegenkommen der hiesigen Stadtverwaltung gegenüber der Gemeinde ist, geht auch daraus hervor, daß diese der Gemeinde, die beabsichtigt ein Gemeindehaus zu bauen, einen Platz zur Verfügung stellte. Durch den Bau dieses Hauses hofft die Gemeinde bas religiöse Leben zu heben. Unsere jüdischen Vereine arbeiten zur Zeit sehr gut, aber eine wirklich gedeihliche Entwicklung ist nur gegeben, wenn die Vereine zu ihren Veranstaltungen eigene Räumlichkeiten haben. Wir hoffen, daß das Projekt recht bald Wirklichkeit werden wird. Aus der Bewegung Berlin. Der Liberale Verein für die Angelegenheiten der jüdischen Gemeinde ztk Berlin E. V. bittet seine Mitglieder, vor Antritt der Sommerreise den Beitrag für das dritte Quartal 1927 auf das Postscheck-Konto des Liberalen Vereins. Berlin NW. 7, Nr. 14806 zu überweisen. Berlin. Anfang des Monats Mai 1927 sprach in 2er Bezirksgruppe Süden Herr Dir. Dr. Guttmann über die Einrichtungen der jüdischen Gemeinde. Er ging insbesondere auf die Fragen der Schule, des Gebetes und des Gottesdienstes ein. Er berührte in formvollendeter, geistreicher Weise die Probleme, die gerade in dieser Zeit uns alle bewegen. Die Versammlung war gut besucht. Es fand nach dem Referat eine lebhafte Diskussion statt, in der unter anderem Herr Rabbiner Dr. Kantoronsski, Herr Justizrat Siegmann, Herr Dr. Rheinsberg, Frau Friedinamr und Herr Sanitätsrat Dr. Baron zu längeren Ausführungen das Wort nahmen. Nach Schluß der wohlgelungenen Versammlung wurde in kleinem Kreise noch lebhaft über die im Laufe des Abends aufgeworfenen Fragen debattiert. Elberfeld. In unserer Nr. 22 brachten wir einen ausführlichen Bericht über die Mitgliederversammlung des Jüdischliberalen Gemeindevereins (Ortsgruppe der Vereinigung für das liberale Judentum e. B.) zu Elberfeld vom 24. Mai, in welcher als Referent der Generalsekretär der Vereinigung für das liberale Judentum e. D.. Herr George Goetz (Berlin), und als Korreferent Herr Rabbiner Dr. Norden (Elberfeld) über das Verhältnis des religiösen Liberalismus zum Nationaljudentum gesprochen hatten. Der Bericht schließt mit folgendem Satz: „Als Ergebnis stellte Herr Goetz fest: Nationaljudentum und Zionismus sind mit Atheismus vereinbar. Judentum ist mit Atheismus nicht vereinbar, daher auch das religiös-liberale Judentum mit dem im Grunde antijüöischen Nationaljudentum und Zionismus nicht vereinbar sei". Dieser Schlußsatz ist insofern mißverständlich, als aus ihm gefolgert werden könnte, daß die Mitgliederversammlung eine in diesem Sinne gehaltene Resolution gefaßt hätte. Das ist jedoch nicht der Fall; eine Resolution ist nicht gefaßt worden. Sie würde auch übrigens von dem Leiter der Versammlung, Herrn Rechtsanwalt Strauß, und nicht von dem Referenten als „Ergebnis festgestellt^ worden sein. Der betreffende Satz ist vielmehr von Herrn Goetz im Rahmen seines Schlußwortes gesagt worden und gibt also seine subjektive Meinung über das Ergebnis des Abends wieder. — Im übrigen unterliegt es keinem ZwAel, daß die Ortsgruppe Elberfeld auf dem Boden der vom Vorstand der Vereint^ gung für das liberale Judentum e. B. am 8. Mai dieses Jahres gefaßten, in unserer Nr. 20 veröffentlichten Entschließung steht. Der Grabstein. Von Hein riet Kurt zig. Allen erschien er so, als ob er niemals jung gewesen wäre, der alte Baruch Pastemack. Es gibt solche alten Männer und Frauen, bei denen man sich nicht vorstellen kann, daß sie einmal frisch und blühend durchs Leben gingen. Wie? der weißhaarige, gebückte, zitternde Greis dort mit den triefenden Augen und dem. spitzen, hervortretenden Kinn, dem langen zerzausten Bart, sollte einmal ein strahlender, flotter Jüngling gewesen sein? Unmöglich, sich das vorzustellen! Alle sagten, Baruch hat wohl immer so ausgesehen, der war wohl nie jung. Er schien anders zu sein, als alle anderen Menschen in der Stadt. Die meisten hatten ihn noch nie gesehen, und kaum einer hatte ihn sprechen hören. Er pflegte mit niemandem eine Unterhaltung, und so erfuhr man auch nicht, was vorher mit ihm war, als er noch im Dorfe wohnte. Daß Baruch eine schwere Zunge hatte, kam nicht in Frage. Sein Nachbar iiu Tempel hörte, wie er seine Gebete deutlich* murmelte. Und das „Schmäh Jisroel“ sprach er sogar immer ganz laut. Er hatte nur den einen Tempelnachbar. Auf der anderen Seite seines Platzes war eine Säule. In diesem Eckchen in der allerletzten Reihe hatte Baruch seinen Platz. Dort saß er immer in seinen „Tallis“ gehüllt. Nicht nur an den hohen Feiertagen, wo die Synagoge bis zum letzten Platz gefüllt war, auch am Schabbes rosch chandesch, an dem der Vorbeter den neuen Monat verkündete, und nur die Hälfte der Plätze von Andächtigen besetzt war. Sogar auch an den gewöhnlichen Sabbaten, wo der Tempel fast leer war, und an den Wochentagen, Sommer und Winter, alle Tage, war Baruch frühmorgens zu „Schacharith“ und abends im Gotteshause. Er hatte nicht weit zu gehen. Seine Wohnung war ganz in der Nähe, wenige Schritte von der Synagoge entfernt, in einem der niedrigen Häuschen am „Beth hamidrasch“, deren Fenster so winzig klein und fast in gleicher Höhe mit der Straße waren. Das war der einzige Weg, den Baruch regelmäßig ging. In den Straßen außerhalb des J udenviertcls sah man ihn nie. Noch nie hatte man den Alten lachen hören, nicht einmal lächeln sehen, aber auch nicht weinen. Hatte er auch in seiner Jugend nie gelacht, nie wenigstens gelächelt, nie geweint, nie geliebt? In sein Haus kam selten jemand. Einmal humpelte ein altes Mütterchen, auf einen Stock gestützt, heran. Die Frau ging ganz gebückt mit krummem Rücken, und ihr Gesicht schaute nicht nach vorwärts, sondern tief nach unten, als ob sie einen Gegenstand auf der Straße suchte. Sic kam aus dem Dorfe, tastete sich durch die Hauptstraße über den Marktplatz, bog in die Gasse ein, die zur Synagoge führte, und ging in Pasternacks Häuschen, Sie war bei ihm in dem ärmlichen Stübchen und sagte: „Baruch“, und er sagte: „Lea“. Und er lächelte ein wenig freudig, als er die Jugendgeliebte nach so langen, langen Janren wiedersan. Dann weinten beide. Ach, warum hatte Lea jhn früher zurückgewiesen! Er war doch ein braver Junge gewesen. Doch er war nicht „gebildet“ genug. Sie wollte höher hinaus. Als Lea fortging, geleitete der alte Baruch sie noch einige Schritte, dann begab er sich in clen Tempel, denn die Zeit zur Abendandacht war gekommen. Diesen einen Weg ging er nun schon viele Jahre, und er ging ihn auch an den nächsten Tagen und in den nächsten Wochen, Monaten und Jahren. Endlich ging er doch einmal einen anderen Weg. Über den Markt durch die Hauptstraße. Er bog in die schmale Klostergasse ein, wo der Synagogenvorsteher sein Amtszimmer hatte. Er trat an den Würdigen heran und sprach (Baruch konnte hier ganz gut und laut sprechen): „Herr Vorsteher,4* sagte er, „ich komme mit einer Bitte. Ich möchte mir eine Grabstätte kaufen, ein schönes, ruhiges Plätzchen, wo ein Baum in der Nähe ist, auf dem die Vögel Gott Loblieder singen. Ich möchte liegen, wo ein Baum blüht und ein Vogel singt. TJnd eine „Mezeiwe44 möchte ich mir jetzt schon setzen lassen. Es soll nicht viel auf ihr stehen, nur mein Name und der meiner seligen Eltern. Ich will alles fertig machen, bis auf den. Todestag, den, so möchte ich bitten, soll der geehrte Vorstand, wenn die Zeit gekommen sein wird, dann noch einmeißeln lassen. Das Geld für den Platz und den Stein habe ich mitgebracht, soviel habe ich gesammelt.“ Und der Alte holte einen Beutel mit lauter harten silbernen Talern hervor und übergab ihn dem Vorsteher mit den Worten: „Zu einem Eisengitter reicht es nicht, aber für den Platz und auch zu einem Stein, wenn er auch nicht aus Marmor ist, wird es wohl genug sein.“ „Baruch! Ihr sollt den schönsten Grabstein aus Marmor und mit Goldbuchstaben bekommen,“ sagte der Vorsteher ergriffen. Und der christliche Scbxossermeister, der zufällig dieser Szene beiwohnte, fügte hinzu: „Und ich spende ein kunstvolles Eisengitter, das ich mit eigener Hand in meiner Werkstatt schmieden und selbst aufstellen werde-44 Nun saß Baruch nicht mehr immerzu in seinem einsamen Stübchen. Jeden Tag, außer Sonnabends, machte er seinen Spaziergang nach dem Friedhofe, „zu seiner Villa“, wie er sagte. Mit freudigem Stolze blickte er auf den Platz mit dem kostbaren Grabstein und dem kunstvollen Eisengitter, wo er einstmals ewig ruhen würde. Da war es, wo man ihn lächeln, selig lächeln sehen konnte.-- Er pilgerte noch viele Jahre hinaus. Es schien, als oh er immer jünger würde. Jetzt konnte inan sich vorstellen, daß Bamch einmal jung war. Mau konnte sich ein schönes Bild von ihm aus früherer Zeit machen. — Aber einmal kam der Alte frühmorgens nicht in den Tempel, und an diesem Tage ging er auch nicht auf den Friedhof. Er war gestorben. Man trug ihn hinaus in sein Heiligtum, und ans dem Dorfe kam Lea und weinte an seinem Sarge.- Im Dorfe konnte man lange Zeit einmal im Jahre in einem Stübchen ein kleines, flackerndes Öllämpchen brennen sehen. Einmal im Jahre, immer am Tage von Baruchs Jahrzeit. Es brannte von einem Abend zum anderen, bis es knisternd verlöschte. Einmal brannte das Lämpchen aber nicht. Lea war dem Jugendfreunde in die Ewigkeit nachgefolgt.-— Baruch Pasternacks Grab auf dem kleinen Friedhofe in Polen liegt jetzt ungeschmückt da. Wer sollte dort auch eine Blume niederlegen? Niemand denkt mehr an den Alten. Der Grabstein aber, den er sich selbst gesetzt, dieses rührende Denkmal an einen Einsamen, steht unversehrt. Und auf dem Baume in der Nähe des Grabes singen die kleinen Vögel Gott Loblieder. So sind die letzten Wünsche von Baruch alle ganz in Erfüllung gegangen.

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