Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 7 (1927)
- Issue
- 24 (17.6.1927)
- Date
- 1927-06-17
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Wassern" u. s. f. Nun lehrt aber die Knnt-Saplüceifthe Theorie, daß die Welt nach mechanischen Gesetze» entstanden sei. Zuerst hätten Me Ltovre Me Welt wie einen feinen Nobel erfüllt. Durch ihre verschiedene Schwere entziehe« »»» Bewe-mraen; diese schassen durch An-iehun- und «bstvhuna neue Zewtr-e», und so sei die Welt eutstanden, bochfft dieser DuOehungsprozeß niemalabgeschlossen, sondern heute und auch in aller Zukunft entstehe» neue Welte» ohne Zahl und ohne Matz. Noch weiter schritt die wifleusmtzt* liche Forschung. Man drang in die Tiefen der Erde ein und fand daselbst unzweifelhafte Spuren von Tier- und Pflanzenarten, die Millionen Jahre vor uns lebten. Man fand unwiderlegliche Beweis« dafür, daß die Form unserer Erde vor undenklichen Zeiten eine andere war und sich jetzt noch ständig verändert; eine Anschauung, Me ebenfalls dem Berichte der Bibel, Me ein von vornherein festes und unveränderliches Erdbild zeichnet, widerspricht. Kerner wies der Chemiker Lavoister nach, daß die Matene nicht verschwinden kann; eS gibt einen ewigen W ech f e l der Materie. Aus dem Unoeleibten geht die Materie in Me Pflanzen ein, von dort in die tierischen und menschlichen Körper, dann wieder zurück zur Erde im ewigen Kreislauf. Ist also die Materie ewig und nicht geschaffen?? Kerner entdeckten Robert Dtayer und Helncholtz da- Gesetz von -er Erhaltung -er Energie. Nicht nur Me Materie bleibt erhalten, sondern auch die Kraft bleibt konstant. Licht wandelt sich in Wärme um; Magnetismus und Elektrizität verschwinden nicht im Weltenatt, sondern kehren in irgendwelchen anderen Formen wieder, sind also ewig wie die Materie. So war also der Bau der Welten vom Urnebel bis auf unsere Tage klar? Nein, es fehlte noch etwain diesem gigantischen Weltbild, das jene Theorie wieder rnnzustoßen schien; das waren die Lebewesen, die Organismen, die sich nicht rein mechanisch erklären ließen. Über man entdeckte, daß sich dieselben anorganischen Substanzen auch im Tier- und Menschenkörper wiederfanden. Man fand weiter, daß das Gesetz von der Energie und Kraft ebenfalls für das organische Leben volle Giltigkeit besitzt. Alles Sein, also vom Urnebel der Welten an bis zum Gedanken des menschlichen Hirns ist also mechanisch erklärt. Es gab natürlich noch Lücken dir zum Teil recht groß waren, aber es gab keine Rätsel mehr; die M ö g l i ch k e i t einer rest, u>fen Erklärung war gegeben. Und auch diese Lücken sollten durch die geniale Entdeckung Darwins zum Teil ausgefullt werden: Das Wort „Entwicklung" warb zum Zauberwort; es erschloß Me Geheimnisse des Weltenalls und machte die Augen des Menschen sebenb. Wo war in diesem Weltbild aber Gott geblieben? Schloß diese mechanische Weltentheorie, die sich doch aus die Erfahrung und Beobachtung gründete, nicht den -Schöpserwiüen und die Schöpfermbglichkeit eines Gottes vollkommen aus? Was bleibt dem religiös gläubigen und fühlenden Menschen noch vom Schüpfunasbericht, mit dem das Buch der Bücher beginnt? Was fangen wir mit jener Aufzählung deS sechs tätigen Schöpsungswertes an, gemessen an den Theorien einer strengen und systematisch fortschreiten- GelMet Ser Ethik ist, sjo sehr steht die wissenschaftliche Anschauung Israels auf der Stufe der antike» Geisteskultnr. Das kann uns gewiß nicht Wunder nehmen. Die Antike glaubte nämlich, daß Me Evde im Mittelpunkt der Welt mcheweglich stehe, und Latz sich da- Weltenall um sie drehe; me Arckike hielt den Himmel für eine Wölbung, Me die Erde überdacht. Das Altertum mußte nichts von unendlich langen Epochen der Weltentwicklung und hielt daher sechs Lage für völlig ausreichend, um eine Welt zu schaffen. Nur ein u n - wissenschaftlicher Sinn konnte versuchen, das Weltbild der Bibel mit modernen Theorien zu vereinigen, oder Darwin gegen Mose «rrSMrspielen! Durch wissenschaftliche Begründungen kann man die Bibel weder verteidigen noch widerlegen Wir befinden uns hier auf verschiedenen Ebenen und streiten nur um W o r t e. Der Streit -wischen Theologie und Naturwtffenschaft ist geschlichtet oder existiert überhaupt nicht, wenn beide ihre Grenzen nicht Überkann sich bei der Art unserer Betrachtung um Leine tendenziöse Ehrenrettung des biblischen Stand- Punktes handeln, sondern um ein klares Erkennen der wissenschaftlichen Leistungen und einer Eindämmung der Forschung in jene Grenzen, die ihr von der Natur selbst gezogen sind. Das Prinzip, durch daS das Werden der Welt erklärt sein soll, ist das Prinzip der Entwicklung. Durch ein ständiges Fortschreiten in streng gesetzlicher Weise wird aus dem Niedrigen das Höhere, aus dem Einfachen daS Komplizierte, aus dem unbeseeltem Atom das beseelte Wesen; also ständige fortschreitende Entwicklung vis zur höchsten Form, ist Prinzip der Welt. Ja selbst innerhalb der geistigen Welt gibt es dieses Prinzip. Herder erkannte diese Entwicklung in der Geschichte, Hegel zeigte sic in allen anderen GeisteSw-issenschasten auf. Was besagt nun aber dieses Wort „Entwicklung"^ wenn wir es genau zu fassen und zu formulieren suchen? Löst es tatsächlich alle Rätsel dieser Welt? Kommen wir auch nur um einen 'Schritt vorwärts in der Ergründung des Welteualls, wenn wir sagen, daß alles dem Gesetz der Entwicklung unterliegt? Bei dieser Formulierung ist es wohl ohne weiteres einznsehen, daß der Begriff der Entwicklung nicht nur die Rätsel der Welt löst, sondern gerade alle Rätsel des Sein in sich birgt. Welches ist denn diese treibende Kraft, die zur Entwicklung führt? Was ist denn dasjenige, das sich entwickelt? Welchem Ziel steuert die Entwicklung zu? Ist diese Entwicklung dem Zufall unterlegen, oder verso lat sie bestimmte Zwecke und Absichten? Fraglos steckt irgendein Zweck oder eine Absicht in der Entwicklung; denn sonst gäbe es kein Ueberwinden von niederen Stufen, sonst gäbe es kein Fortschreiten zu höheren Ordnungen. Also ist der Grund jeder Entwicklung, der Grund der Welt, wieder eine zwecksctzende Intelligenz, ein vernünftiges Wesen, Las diese Entwicklung wollte und beabsichtigte. Und wie fügen sich nun die mechanischen Ursachen in dieses Weltbild ein, die Gesetze der Schwerkraft, der Erhaltmrg der Energie usw.? So müssen die mechanischen Gesetze nur Mittel sein um jene höheren Zwecke der Welt herbeizuführen. In allmählichem Fortschritt entsteht so die Welt und Me Menschheit, in allmählicher Auswärtsbeweguna entsteht Moral und Kultur, alle jene Werte, die unser Leben erfüllen. So wendet sich also wieder alles Leben aus Gott zurück, er ist der Quell» dem all unser Sein entspringt, er ist der Uranfang alles Werden und Enfftehens. und da- Wort von der Weltenschöpsung durch Gott wird die Wahrheit unseres Lebens. Zugegeben aber, daß Me religiöse Basis unserer Weltanschauung fest gesichert ist, was tun wir aber mit dem Schüpfungsvericht der Bibel, mit seinen detaillierten Angaben der GchüpsungSrvvrke der einzelnen Ta«? Brr müssen eine reinliche Scheidung vollziehen zwischen dem Problem der Religion und dem der Wissenschaft. - So gewaltig der religöse Geist Israels die Kultur der damaligen Zeit überragt, w einztgarttg und unvergleichlich die Schöpstrng des Iuderttums auf dem Annahme von Bestellungen auf die Jüdisch-liberale Zeitung bei allen Postämtern Deutschlands. schreiten. Der modernen Theologie ist das Verdienst zuzuerkennen, mit den alten Streitfragen zwischen Glauben und Wissen aufgeräumt zu haben. Dadurch ward die Hoheit der Heiligen Schrift in keiner Weise angetastet, sondern ihre Einzigartigkeit in vollem Umfange anerkannt. Die Bibel hat der Welt die Religion geschenkt, und durch diese Gabe ward sie der Menschheit zum Buche der Bücher. Marokkanische Juden. Von Leo Matthias, t Der erste, den ich sah, hatte einen Römerrops und schüttelte mit Hocherhobenen Armen, von denen die weiten Aermel herabfielen, irgend etwas in der Hand, das manchmal klappte und manchmal klang, und an den Lärm von Schlitten erinnerte, wenn die Pferde in Schweig sind und -aS Leöer-eug ausklatscht. Er Hockte in der Hauptstraße Tetnans, im drohendsten Gewühl, an einer Mauer, und unterbrach seine Beschäftigung nur, um hm und wieder in einen länglichen Holzkasten zu greifen, der mit einem Drahtnetz überspannt war und den er mit den Knien festhielt. „Ein hebräischer Geldwechsler", bemerkte mein Dolmetscher Hamido. Gibt eS viele Juden in Tetuan?" „Jeder sechste Mensch ist Jude." Später erfuhr ich. daß eS tatsächlich mehr alS 7000 Juden allein in Tetnan gibt und daß in Marokko sogar mehr als 100 000 leben, d. h. mehr als ein Drittel aller Juden ganz Nord-ÄfrikaS. S. Die Geschickte dieser marokkanischen Juden läßt sich fast ohne Unterbrechung über dreitausend Jahre bin verfolgen und ist selbst innerhalb der gesamtjüdischen Geschichte vielleicht das aufregendste Kapitel. Sie ist derartig unwahrscheinlich. daß die Mauren noch heute davon überzeugt sind, es sei nicht alles mit natürlichen Dingen zugegangen und sich daher mit einer Legende helfen, die das Ungeheuerlichste ist, was jemals von einer mythischen Phantasie erdacht wurde» um das Existenzrätsel eines fremden Volkes zu erklären. Sie erzählen sich nämlich, daß die Juden zu Zeitm Mohammeds einmal mit den Arabern gekämpft haben und daß in dieser Schlacht sämtliche Juden umgekommen seien. „Da schlugen die Frauen der Hebräer ihre Brüste und schrien und jammerten über ihre Männer und den Untergang ihres Volkes. Und sie wandten sich in ihrer Verzweiflung an den Propheten und baten ihn uw seine Vermittlung bei Allah und flehten, Allah möge ihnen gestatten, mit den Toten zu schlafen. Allah aber erhörte ihre Bitte, denn er wollte nicht, daß ein Volk, das einstmals sein auserwäliltes war, unterginge. Und so schliefen die Frauen den Toten bei, und die Toten zeugten Lebende ..." Umständlicher erzählt und ohne jenen Schauder und jene Bewunderung, deren vollendeter Ausdruck diese Legende ist: Selbst die furchtbaren Kämpfe der Juden mit den Arabern lum 680), kurz nachdem sie von byzantinischen Griechen aus Marokko nach Spanien und von Westgoten auS Spanien wieder nach Marokko vertrieben worden waren, konnten den Kern der jüdischen Gemeinden nicht zerstören — im Gegenteil. ihre militärische und politische Macht bleibt so uugeschwächt. daß die Araber es dreißig Jahre später vorzieheu, mit ihnen '-'in Bündnis zu schließen, und Tarik. der Berber und Heerführer der Araber, sogar gezwungen ist, sich der gleichen Abstammung wie die Besiegten zu rühmen, um die Unterstützung der jüdischen Berberstämme nicht zu verlieren. Tarik. Mr Besieger der Westgoten und Eroberer Spaniens, erklärt, er sei ein jüdischer Berber und Nachkomme des Stammes Simon Auch abgesehen von der Zuverlässigkeit der Quelle, hat man keine Veranlassung, an der Wahrheit dieser Behauptung zu zweifeln, denn die Juden haben, wahrscheinlich zugleich mit den Phöniziern, Marokko bereits zu einer Zeit besiedelt, als die monotheistische Entwicklung ihrer Religion noch nicht einmal angeschloffen war, und die Nachkommen dieser —zum größten Teil berberesierten — Juden, die später von Jerusalem auS als Heretiker verdammt wurden, haben ihre Tradition genau so treu bewahrt wie die Orthodoxen. ES ist sogar gewiß, daß eS noch heute Berberstämme jüdischen Ursprungs gibt lwie z. B. die Berber der Oase Mzab) und daß vor allem die Bevölkerung des Riffs zum Teil von jüdischen Bauern abstammt. S. Phantafttsche Dinge. Aber beinahe noch phantastischer: da- Schicksal der nicht berberisierten Juden. Denn während man die Juden im 18. Jahrhundert aus Italien vertrieb, im 14. Jahrhundert aus den Niederlanden und im 18. Jahrhundert aus England. Frankreich, ~:i*niew, war eS in Marokko gerade umgekehrt: ef "♦**« bei Todesstrafe verboten, das Land zu vc . Man sa! so etrvaS wie eine» Sklaven (uitö behandelte > ibtx betrachtete ihn zugleich auch, im wortwi . ’' als sein Kapital, denn der gesamte marokkanis . fand sich in jüdischen Händen. Der Maure fül \j diese Tatsache nicht ttwa bedrückt, sondern gar. ' »teil: er war froh, daß die Geschäfte feine- Lan deren gut besorgt wurden und daß er nur von S' Me Hand zu öffnen brauchte, nm bareS Geld zn k; Man schloß die Juden daher wie überall, i« „Mevay'. im Ghetto ein; gestattete auch, daß man mit ihnen irgendwelchen Unfug trieb, schützte daS Ghetto aber im übrigen wie einen Safe, und stellte sogar nachts Wachen davor, auS Angst, irgendein Jude könne abhanden kommen. Dieser seltsame Zustand dauerte 400 Jahre. Erst die Aufhebung deS Ghettos, Sie eigentlich erst feit 1911 wirksam ist, hat eine Senderung geschaffen. Spanien erkannte, daß die Unterstützung der Juden in Marokko nicht zu entbehren ist und sorgte für ihre Emanzipation. 191« übernimmt der König von Spanien den Vorsitz der spanisch-hebräischen Bereinigung. 4. ES wurde ihnep Jahrhundertelang nachgesagt, sie seien die habgierigste und korrumpierteste Rasse der Welt, und heute kann man in jedem dieser Flughefte, die im Auftrag der spanischen Regierung herausgegeben werden, lesen: ste seien eine „raza sencilla que no conooe La corruptiön", eine „aufrichtige Raffe, die keine Korruption kennt", eine .Raffe, die eine Hoffnung für die Zukunft ist"', die »mildtätigste uneifrigste". sogar „feurigste" der Welt. Die Juden in Tetuan, Larache, Aleazar Kabir lassen sich durch diese Komplimente wenig stören. Sie wandeln in ihren schwarzen Kleidern zwischen Fez. Burnus und Jillaba wie katholische Geistliche durch einen Karneval, meisten» schweigsam wie ihre Frauen, die man nur selten steht und dann nur zu vieren oder fünfen in einer Reihe, ttngehüllt in einen cremefarbigen Schal, der im Dreieck vom Kopf über die Schultern bis zur Erde fällt. Sie sprechen das Spanisch des 16. Jahrhunderts, sogar mit den Worten und der Diktion des Jahrzehnts, in dem ste ausgetrieben wurden, und sind wie in ihrer Sprache, so auch in allen religiösen und kulturellen Fragen ebenso konservativ wie überall in der Welt. Sogar in ihren Ehekontrakten ist bas Wort „Kastilien" noch nicht gesttichen, obgleich der Jahrhunderte alte Fluch der Rabbiner über die, die nach Kastilien zurückkehren, für viele noch heute so lebendig ist, daß sie zwar nach Gibraltar fahren, aber nicht eine halbe Stunde weiter, nach Algeeiras. Ihr Leben ist dasselbe wie überall. Abgesehen von de» Reichen, die sich außerhalb der Stadtmauern europäische Häuser bauen ließen, wohnen sie in engen Straßen und kleinen Zimmern, die sich, von den Quartiere« der Araber nur wenig unterscheiden. Häufig lebt eine ganze Familie, vom Großvater bis zum Enkel, in einem einzigen Raum, der — ohne Ironie — als „pslaoio". als Palast bazeichnet wird. *■ In den ärmeren Häusern besteht der Hausrat nur auS einigen Tontöpfen, die an den Wänden hängen, einem Reib» stein, einigen Tassen und zwei vergoldeten Leuchtern. Hin und wieder findet man auch zwei oder drei Stühle, eine« kleinen, sehr niedrigen Tisch und ein Eisenbett, das aber nur zur Parade da ist, und selbst bei Krankheit nicht benutzt wird, weil alle behaupten. daß sie seekrank würden, wenn sie einen dreiviertel Meter über dem Boden liegen. Sie ziehen es vor, auf der Erde zu schlafen und benutzen nur ein sehr schmales Kissen für den Kopf, das meistens so lang wie daS ganze Zimmer ist und wie eine Rolle an einer Wand liegt. Selbst die ärmsten Juden sprechen außer Spanisch noch Arabisch, häufig sogar Französisch, das sie in der Schule lernen. Das Vermögen der Reichen stammt aus dem Handel mtt den Ländern dieser drei Sprachen: Nordasrika, Frankreich, Südamerika. Vor allem durch den Handel zwischen Nordafrika und Südamerika haben diese Juden daher handelspolitisch exakt, die Bedeutung, die Spanien in Marokko erstrebt. Landesrabbiner Dr. Fabian Feilchenfeld zu seinem hundertjährigen Geburtstag. 18. Sirvau 5687. Bon Rabbiner Dr. I. Galliner, Berlin. Wenn einmal die Geschichte des jüdischen ErziehmrgS- und Unterrichtswesens der deutschen Juden in den letzte» fünfzig Jahren geschrieben werden wird, wird auch Fabian Feichenfeld in ihr eine besondere Stelle finden müssen. Wenn ihn auch sein ganzes langes Leben hindurch — er ist im 83. Lebensjahr aus seinem segensreichen Wirken geschieden — die religiösen Probleme des Judentums und die; Sorge um die Judenheit beschäftigte, so lebt er doch in der Erinnerung an erster Stelle als Lehrerbildner und Lehrer fort. Er war aus seinem ersten rabbinischen Amt in Kulm i. Westpr.. wo er 15 Jahre gewirkt hatte, nach Mecklenburg- Schwerin als Landesrabbiner berufen worden. Es sah damals recht traurig in den kleinen jüdischen Gemeinden Mecklenburgs aus; in vielen Städten fehlte es an einem Lehrer für die jüdische Jugend, und dort, wo ReligionSlehrer amtierten, vermochten diese auf die Jugend keinen Einfluß zu nehmen, weil es diesen Lehrern an der notwendigsten Vorbildung für ihren Beruf fehlte. Da die vorhandenen jüdischen Lehrerseminare meist nur Bolksschilllehrer ausbildeten, die kleinen jüdischen Gemeinden Mecklenburgs aber Religionslehrer brauchten, die zugleich das Vorbeter- und Schächteramt versehen konnten, nahm er die Ausbildung solcher Kultusbeamten selbst in die Hand. Es waren fast ausschließlich junge Männer aus Polen, die sich um ihn sammelten, die meist stimmbegabt waren und talmudische Kenntnisse besaßen. Es war eine schwere Aufgabe, die Feilchenfcld übernahm, aber er führte sie mit seiner ganzen Energie, die ihm eigen war, durch. Nachdem er die jungen Menschen mit der deutschen Sprache vertraut gemacht und ihnen auch allgemeines Wiffen, insbesondere auf dem Gebiete der deutschen Literatur und der Geschichte gegeben hatte, führte er sie in ihren künftigen Beruf als Religionslehrer ein. Er lehrte sie vor allen Dinge» die Bibel lesen und verstehen. Feilchenfelü war ein Meister in der Deutung des Bibelwortes. Wie verstand er es doch, seine Schüler in den Geist der heiligen Schrift einzuführen. Ihn leitete in seinen Auslegungen des Bibelwortes das Wort unserer Alten: „Die Thora spricht in der Sprache der Menschenkinder" — der Menschenkinder, wie Feilchenfeld einmal sagt, die sie zuerst verstehen sollten. Bei'aller Tiefe des Gemüts, bei aller Herzensfrömmigkeit, die ihm eigen, hatte er Bedenken. die biblischen Wunder seinen Schülern vorzutragen, weil er ftirchtete, daß er dadurch nichts Gutes bewirke, sondern vielmehr für jetzt oder später Zweifel an der Wahrhaftigkeit der Bibel erwecken könne. Nur »»religiöse Lehrer, meint er. erzählen kurzweg alles, wie es dasteht, well sie sich um die Wirkung ihres Unterrichts gar nicht kümmern. Aus seinen Unterweisungen, die er den künftigen Lehrern gegeben, ist sein Buch „Anleitung zum jüdischen Religionsunterricht" entstanden (tm Verlag Kühner, BreSlau, 1881 erschienen). Es enthält neben den methodischen Bemerkungen eine Fülle von Anregungen und Belehrungen für den Lehrer, wie er durch das Bibelwort erziehlich auf die Kinder einzumioterr vermöge. Die biblischen Personen werden alS Menschen dargestellt, die gekämpst und gerungen und zu sittlichen Persönlichkeiten geworden sind. Geradezu meisterhaft ist die Darstellung von David und Jonathan. Ans her Antwort, die Jonathan seinem Vater gegeben, „warum soft er sterben, was hat er getan?" wird die unbedingte Gerechtigkeit abgeleitet, die die Grundlage wahrer Freundschaft ist. Feilchenfeld war nicht nur bedeutend als Lehrerbildner, sondern auch alS Lehrer der Fugend. Wie verstand er es doch, seine Schüler zur Selbsttätigkeit anzuregen, wie wußte er auf Gemüt und Wille» einzuwirken. Ein helliger Zpr»