Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 7 (1927)
- Issue
- 24 (17.6.1927)
- Date
- 1927-06-17
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Bon Rabbiner Dr. Lubasch, Hamburg. »Das Wundern ist der Anfang der Philosophie", lautet ein griechisches Sprichwort,- aber es ist nicht nur -er Anfang der Philosophie sondern der Anfang jeder Wissenschaft. Erst die F r a g e gab den Anstoß zu jeder Erkenntnis, und derjenige Mensch nimmt nach den Worten der Haggada die unterste Stufe ein, der nicht einmal zu fragen versteht. So sind Frage und Zweifel die mächtigsten Kulturfaktoren im Leben der Menschheit geworden,- sie haben den Menschen aus seinem dogmatischen Schlummer aufgerüttelt und geben ihm die Möglichkeit an die Hand, mehr oder minder tiefgründige Antworten aus die Probleme der Welt zu geben, aus, denen wiederum neue Fragen entstanden in unendlicher Fülle, und so erhob sich stolz das Gebäude der Wissenschaft, in ständigem Fortschritt sich unendlich fernen Ideale vollkommener Erkenntnis nähernd. Man kann sich vielleicht wundern, woher das Menschengeschlecht den Mut zu den vielen Fragen und Problemstellungen nimmt; denn zahlreich, allzu zahlreich waren Irrtum und Mißerfolg auf dem langen Meae. den der Forschergeist beschritten hat. Aber wenn auch me Wissenschaft mehr Fragen zu stellen vermag, als sie beantworten kann, so hat doch der Mensch nicht Mutlos resigniert. 4000 Jahre sind keine lange Zeit für die Ergründung der großen Probleme unseres Lebens; die Menschheit ist noch nicht alt, sondern steht erst am Beginn einer kulturellen Entwicklung. Stärker aber als wissenschaftlicher Mißerfolg ist jener unausrottbare Drang des Menschen zu fragen und zu erkennen, und weist chm den Weg durch Fehler und Irrtum zum Reiche der ewigen Wahrheiten. So wie das Kind verwundert in die Welt hineinblickt, sv waren auch die Airgen der primitiven Menschen voll Erstaunen auf die Dinge seiner Umgebung gerichtet. Er sah die Natur, die chm Nahrung und Leben gab, er liebte und verehrte sie als die große Spenderin und Wohltäterin. Ilber er fürchtete sie und fchauderte vor ihr zurück, denn auch Tod und Verderben brachte sie ihm, und so erhob sich die erste und elementarste Frage in chm: Was ist die Welt? Woher stammt sie? Woher kommen ihre Kräfte? Woher stammen Himmel und Erde? Was ist der Mensch? Was ist seine Bestimmung ans dieser Erde? Die älteste Form der Antwort auf diese Fragen ist der Mythus. Der Verstand der Menschen vermag sich in den ersten Anfängen noch nicht von der Phantasie frei zu machen. Die Natur und das, was sie erfüllt, wird beseelt gedacht. Kein Wunder, daß diese Allbeseeltheit erste Form des Naturerkennens ist. Denn der primitive Mensch, der nur sich selbst kennt;, vergleicht alles Existierende mit seinem eigenen Ich. So wie er sich bewegt, getrieben von seelischen Regungen, so glaubt er auch die Natur bewegt. Das Säuseln des Windes, das Toben des Meeres, Donner und Blitz sind für ihn Erscheinungen, die sich nur als Parallelen zum menschlichen Wirken und Schaffen verstehen lassen. So gehen die Schöpfungsmythen aller primitiven Völker von der Beseeltheit der Welt aus. Nach dem babylonischen Mythus war zuerst das große Chaos, ein gewaltiges Ungeheuer ,Thiamath genannt; dieses wird vom Gotte Marduk im schweren Kämpfe besiegt. Nach der Bezwingung der Thiamath (hebr. T'hüm) zerschneidet Marduk das Ungetüm in zwei Teile; ans der einen Hälfte macht er den Himmel, zieht um ihn eine Schranke, aus daß das Wasser ans ihm nicht herausströmen kann; aus der anderen Hälfte macht er die Erde. Dann folgt die Schöpfung der übrigen Welt. Zuletzt bildet Marduk den Menschen. Dieser babylonische Mythus ist ein Gedicht von großer poetischer Kraft und Schönheit. Wir verstehen feinen Ursprung aus der Natur der babylonischen Landschaft. Der Dichter denkt sich die Weltschöpfung, so wie die Natur in jedem Frühjahr in Babylonien neu ihre Kräfte regt. Wie noch jetzt im Winter Wasser und Finsternis herrsichen, so hat einst das Urwesen Thiamath die Welt beherrscht. Den Höhepunkt des Mythus bildet die Spaltung des Ungeheuers durch Marduk. Wiederum finden wir für diesen Götterkanipf die Erklärung in der babylonischen Natur. Am Ende der Regenzeit bezwingt die Sonne die dunklen und trüben Regenmassen und siegt in diesem Kampfe Mer die Finsternis der langen Winterzeit. In den verschiedensten Varianten besitzen wir eine Fülle von Schöpfungsmythen, in denen der Götterkampf das am häufigsten wiederkehrende Motiv ist. Daß die babylonische Kultur unser Judentum stark beeinflußt hat, gehört zu den unumstößlichen Ergebnissen moderner Bibelwissenschaft. Daß aber trotz Postverlusl. Wichtige Mitteilung. Am Sonntag, de« 12. Juni, ist die gesamte für uns bestimmte Post nicht in unseren Besitz gelangt. Nachforschungen beim Postamt Berlin SW. 48 find eingeleitet. Wir bitten alle Diejenigen, die zum Sonntag! hier eintreffende Post an uns abgesandt habe», «m entsprechende Nachricht und, nach Möglichkeit, um Ueberseudung von Duplikaten. Bereinigung für das liberale Jndentn« E. B. Liberaler Verein für die Angelegenheiten der jüdische» Gemeinde zu Berlin E. B. Liberale Fraktion des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinde». Jüdisch-liberale Zeituug (Schriftleituug, Inseraten- Annahme «nd Expedition). Berlin SW. 48, Wilhelmstrabe 147. alledem Israel feine Eigenart sich bewahrte und weit über das Niveau babylonischer Religionsvorstellungen hinausgegangen ist, wird nirgends deutlicher als durch den Bergleich der biblischen mit der babylonischen Schöpfunaserzähluna. Frei von jeder mythologischen Beimischung entsteht die Welt nach dem biblischen Bericht durch das Machtwort Gottes. Hier hören wir nichts vom Kampfe der Götter, nichts vom grauenvollen Chaos, das der Weltentstehnng vorangeht. Hier gibt es keine Verwicklung im Sinne des menschlichen Lebens, keinen Gegenspieler, der sich im Gegensatz zum schöpferischen Gotte stellte. In majestätischer Größe, absichtlich auf formale Schönheit verzichtend, erhebt sich vor uns das Bild der Schöpfung, getragen vom Schöpferworte des Ewigen. Welch hohe Vergeistigung im Vergleich zu den Kosmogonien anderer Völker! Das Wort als Ausdruck des Willens, als Inbegriff seelischer Kräfte und Energien wirkt durch sich selbst, tritt an die Materie heran und gestaltet sie seinem Gbenbilde In beinahe trocken zu nennender Schematik werden die einzelnen Tagewerke abgehandelt. Ueber dem düsteren Chaos erhebt sich das Licht, das nach antiker Anschauung nicht ein Produkt der leuchtenden Gestirne ist, sondern einen Weltkörper für sich üarstellt, der vor der Sonne und den Sternen erschaffen wurde. Auch der Wechsel von Tag und Nacht hat merkwürdigerweise nichts mit den Bahnen der Gestirne zu tun, sondern existiert selbständig, unabhängig vom kosmischen Geschehen. Don der Unermeßlichkeit der Gestirne finden wir noch keine Vorstellung, sie existieren nur als Leuchtkörper, um die Erde zu erhellen. Der zweite Tag bringt die Wölbung de Himmels; für uns nur eine Täuschung unserer Augen, ist sie für den antiken Menschen, der sich unbedingt auf ferne Sinne verläßt, etwas absolut Reales. Die ganze Welt ist also ein feststehendes Gebäude, von Säulen getragen, darüber wölbt sich kuppelförmig der Himmel, lieber dem Himmel aber ist ein großes Meer, ein Wasserreservoir; denn wo käme sonst der Regen her, der die Erde befruchtet und erquickt? — Es folgt nmr die Scheidung von Land und Wasser, der die Vorstellung zugrunde liegt, daß vordem das Wasser die ganze Erde bedeckte, eine Anschauung, die sich auch mit der des Psalnnsten (104,6) deckt. Sofort nach ihrer Entstehung wird die Erde mit Pflanzen mannigfaltigster Art bedeckt. Daß die Gestirne erst am vierten Tag, also nach dem Lichte, der Evde und den Pflanzen geschaffen wurden, fiel schon den alten Btbelerklärern auf. Sir können diese Tatsachen nur begreifen, wenn wir uns aus den Boden vorwissenschaftlicher Anschauungen stellen. Die Gestirne kommen nur insofern in Betracht, als sie in Beziehung zu unserer Erde stehen, ihr Leuchten. Und wiederum erhebt sich die jüdische Weltanschauung zu unvergleichlicher Größe. Dü«! nichts lesen wir von Vergöttlichung der Gestirne, nichts von Anbetung des Sternenhimmels, sondern die Gestirne sind nur Sachen, geschaffen wie alles andere vom Herrn der Welt. Die moderne Naturwissenschaft, die eine deutlichere Vorstellung vom Bau der Welten hat als das antike Judentum, ist erst dadurch möglich geworden, daß unser Schöpfungsbericht mit dem fest eingewurzeltem Vorurteil einer mythologischen Stern- Letrachtnng aufgeräumt hat. Der fünfte und sechste Tag bringt die Lebewesen hervor, Fische, Bügel, Landtiere und endlich den Menschen. Der Würde des Menschen entsprechend, wird seine Schöpfung noch besonders unterstrichen und hervorgehoben. Die Ebenbildlichkeit mit dem Schöpfer wird betont: er fit die Krone der Schöpfung und ihr Herrscher zugleich. Harmonisch klingt die Schilderung von der Erschaffung der Welt mit der Einsetzung des Sabbates aus, die hier eine metaphysische Begründung erfährt. Der Schöpfungsbericht unserer Bibel, den wir in aller Kürze Wiedergaben, hat die Geister von jeher auf das heftigste erregt. In ihm spiegelt sich eine klare, unzweideutige Anschauung vom Wesen der Welt aus, die Anspruch auf Anerkennung und Geltung erhebt. Annahme oder Ablehnung dieses Berichtes war ASweilen identisch mit religiöser oder unreligiöser Weltanschauung. Kritik und Begründung der Religion suchten an diesem Punkte einzusetzen und haben mit mehr oder weniger Glück ihre Meinung zu verteidige«! gesucht. Suchen wir nun die Gedankengänge unserer Schöpsimgserzählung kritisch zu beleuchten! Daß die Bibel überhaupt mit einem Schöpfungsbericht beginnt, ist nicht zu verwundern. Denn die Weltschöpftmg ist Voraussetzung für alles Sein, ist Beginn jeglichen Lebens und jeglicher Entwicklung. Aber die BiveL begnügt sich keineswegs mit der Ausstellung der Tat-«, fache einer Weltentstehuna durch Gottes Willen, sondern gibt einen nach Tagen und Werken genau detaillierten Bericht. Bor allen Dingen muß man fragen, woher diese Erkenntnis stammt. Die übliche wissenschaftliche Methode, die sich auf die Erfahrung stützt, ist nicht anwendbar; denn die Schöpfung der Welt hat niemand erlebt. Ist also der Schöpsunas* bericht eine Vvrstelluna der ersten Menschen über Ordnung und Bau des Weltenalls? Dem widerspricht aber die Psychologie und die ganze Formung menschlichen Denkens. Denn das primitive Denken hatte zuerst ganz andere Probleme zu bewältigen, ehe eS sich die Frage nach einer detaillierten Weltentstehnng vorlegen und sie beantworten konnte. Der Echüpfmrgsbericht zeugt von einer höchst kultivierten Sprache, die nach ganz bestimmten ästhetischen Gesichtspunkten geformt ist; er setzt ein Denkvermögen voraus, das weit Wer die primitive Stufe eines Urverstandes hinausgcht; und ferner basiert er auf Erfahrungen, die die Menschen erst im Laufe von Jahrhunderten sich zu eigen machen konnten. Bleibt also nach traditioneller Erklärung nur eine direkte Offenbarung Gottes an die Menschen übrig. Nun muß aber eine Offenbarung Gottes unbedingt eine Borcnrsstetzung erfüllen, sie muß nämlich eine Wahrheit enthalten, die unterschiedslos für alle Zeiten und alle Geschlechter unantastbare Gültigkeit besitzt. Schon bei der Besprechung der einzelnen Schöpfungstage haben wir auf stärkste Widersprüche gegen die moderne Naturerklärung hingewiesen. Speziellere Erwägungen sollen nunmehr dieses Bild noch vervollständigen. Der ganzen Weltschöpfungstheorie lag der Gedanke als selbstverständlich zugrunde, daß die Erde im Mittelpunkt des Weltalls steht und daß sich um sie der ganze Kosmos bewege. Was ans dieser Theorie geworden isk lehrt die Entwicklung der Astronomie von Kopernikns bis auf unsere Tage. Wir wissen heute, daß unsere Erde nur ein kleines Stäubchen im unermeßlichen Weltenrawm darstellt, das seine Kreise um die Sonne zieht, die wiederum nur ein winziges Glied eines anderen größeren Systems ist und so fort As ins Unendliche. Wir wissen, daß Ae Sterne nicht Lichter sind, um die Erde zu erleuchten, sondern daß sie selbständige Himmelskörper darstellen, die von denselben Gesetzen regiert werden, wie der Planes auf dem wir wohnen. Der biblische Schöpfungsbericht wird ferner charakterisiert durch das beständige Eingreifen des göttlichen Schöpferwrllens. Gott sprach: „Es werde Licht". Gott sprach: sei eine Scheidung zwischeni den