Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 7 (1927)
- Issue
- 23 (10.6.1927)
- Date
- 1927-06-10
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Ist wirklich das liberale Judentum so völlig vogelfrei geworden? Deshalb mußes fragen — und fragen, bis es Antwort bekommt: Wer ist für die Berufung verantwortlich? Hat der Rat -eS Landesverbandes, zu dessen wichtigsten Aufgaben diese Angelegenheit gehört, nichts davon gewußt, oder sich nicht darum gekümmert, so hat er eine schwere Pflichtvernachlässigung begangen. Hat er aber davon gewußt und sie zu solchem Ende geführt, dann har er — ob ans „Politik", Schwäche oder mit Bewußtsein, ist nebensächlich — eine schroffe Brüskierung des jüdischen Liberalismus in Preußen begangen. Deshalb die fünfte Frage, diesmal an den Nordes LaudesverLandes: Was gedenkt der Rat zu tun, um diesen für das liberale Judentum Preußens untragbaren Zustand s ch l e u n i g st z u ändern? Ze uTmad! Geh und lerne! Bedarf es noch mehr als dieser fünf kleinen Bildchen, um zu zeigen, wie vogelfrei der Liberalismus geworden ist? Und doch muß ich noch eine Frage richten, diesmal weder an den Vorstand der Berliner Gemeinde noch an den Rat. Eine Frage über eine Erscheinung, die sich in neuerer Zeit wieder in der Berliner Gemeinde breit macht: Eine Seuche, die Spionage gegen liberale Funktionäre. Es ist, als ob gewisse Denunzianten- Instinkte witterten, daß man jetzt ungestört bis in die intimsten Privatangelegenheiten hineinstöbern und Tratsch und Verleumdung ungestraft weitertraaen könne. Das wäre ja alles nur lächerlich, wenn diese Leute nicht wüßten, daß sie damit an höheren Stellen geneigtes Ohr finden. Denn das ist das Traurige, das Beschämende, daß selbst führende Persönlichkeiten des Berliner GemeindelebenS — statt solchen Individuen die Tür zu weisen, diese Dinge weiterleiten, um womöglich zur Maßregelung nicht genehmer liberaler Funktionäre zu gelangen. Man fühlt sich manchmal in die Zeiten der finstersten preußischen Reaktion zurück. Wenn diese liebevolle Beobachtung sich wenigstens nur auf die Funktionäre ihrer Richturm bezöge! Vielleicht hätten sie dann genug zu tun. Vielleicht würden sie manchen ihrer Synagogenvorsteher am Sonnabend in der Untergrundbahn finden, vielleicht auch manchen dort, wo nicht die Kaschrutkommission ihre Flügel ansbreitet. Nun, das wäre ihre eigene Angelegenheit. Aber wer gibt ihnen das Recht, über Anfang und Art der Pflichten des Liberalismus zu urteilen und zu bestimmen? Hat nicht auch der liberale Funktionär das Recht auf Bekundung und Betätigung seiner liberalen Anschauung? Und deshalb dieletzte Frage und diesmal tzn das gesamte liberale Judentum: Wie lange noch wollt ihr geduldig zuschauen, daß der Liberalismus im Judentum vogelfrei ist? HermannFalkenverg. Aus den Gemeinden Berlin. (Ein jüdisches Wochenendheim.) Die Ortsgruppe Wilmersdorf deS Jüdischen Frauenbundes hat mit der Gründung eines rituellen Freizeit- und Wochenendheimes für berufstätige jüdische Mädchen und Frauen einen lang gehegten Plan verwirklicht. Das Heim ist in Woltersdorf bei Erkner am 1. Juni eröffnet worden. (Schriftliche Meldungen sind zu richten an das Bureau deS Jüdischen Frauenbundes. Berlin C, Rosenstr. 2/4.) Berlin. (T ö d l i ch e r U n f a l I.) Am vergangenen Freitag abend wurde Rabbiner Dr. Bernhard KönigSberger beim USberschreiten des Pariser Platzes vor dem Brandenburger Tor von einem Wagen der Autobus-Linie 28 erfaßt und zu Boden gerissen. Dr. KönigSberger wurde zur Rettungsstelle in der Kronenstraße gebracht, wo der Arzt eine blutende Kopfwunde feststellte und den Verletzten nach Anlegung eineS Verbandes in seine Wohnung entließ. Am Sonnabend nachmittags ist Dr. KönigSberger an den Folgen eines Schädelbruchs verstorben. Die polizelliche Untersuchung der Schuldfrage ist eingeleitet worden. Diese Ermittlungen werden sich auch darauf erstrecken, ob der Arzt -er Rettungsstelle den Verunglückten mit der nötigen Sorgfalt untersucht hat. Rabbiner Dr. KönigSberger war für -ie konservative AhawaS-Scholaum-Gemeinde tätig und genoß wegen seiner Frömmigkeit und seiner umfassenden Gelehrsamkeit über seine Gemeinde hinaus einen guten Ruf. Er war mit mehreren wissenschaftlichen Arbeiten, die sich namentlich auf pädagogische« Gebiete bewegten, hervorgetreten. Berlin. (Hauptversammlung.) Montag, den 18. Juni 1927, aben-S 7,80 Uhr. findet in der Aula der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums die Hauptversammlung deS Vereins der ehemalige» Hörer statt, bei der ein Vortrag des Herrn Dozenten Prof. Baneth, „Der Piut des R. Zahlal Gaon" gehalten werden wirb. Bingen. (Jubiläum deS Synagogenchors.) Anläßlich deS 25 jährigen Bestehens des Gynagogenchor- DereinS fand am 29. Mai in der Synagoge ein öffentliches Konzert statt, das außer voy Gemeindemitgliedern auch von der christlichen Bevölkerung besucht wurde. Der Programmzettcl enthielt auf der ersten Seite eine Einführung in die Geschichte und daS Wesen der synagogalen Musik, die sowohl für ganz Außenstehende als auch für jüdische Laien sehr belehrend war. Sie wies auf die teilweise Abhängigkeit von der christlichen Kirchenmusik, die die ersten Anfänge der synagogalen Musik beherrschte, hin und auf die bei Sulzer und Lewandowski bereits vorherrschende Selbständigkeit, die die traditionellen Motive schon zur Geltung zu bringen verstanden. Diese Einführung, die aus der Feder des Herrn Kantor Loevy stammte, brachte auch Biographisches über Sulzer, Lewandowski, Kellermann und Ed. Birnbaum, mit denen das Programm bestritten wurde. Die in der hiesigen Presse erschienene Kritik ging auf daS Konzert sehr eingehend ein und äußerte sich lobend über den Dirigenten Herrn Kantor Alfred Loevy und seinen gut geführten Chor. Der Abend versammelte die Mitglieder deS Synagogenchores in gemütlichem Beisammensein bei Tanz und Gesang. Herr Ernst Groß, der Vorsitzende deS Synagogenchor- Vereins, der dem Verein durch die 25 Jahre ein wertvolles, immer tätiges Mitglied und organisatorischer Leiter war. und Herr Kantor Loevy wurden herzlichst gefeiert. Frankfurt. (Jüdische Musik.) Zn Beginn des von der Stadt Frankfurt a. M. veranstalteten Unternehmens „Musik im Leben der Völker", an dem sich nicht nur fast alle deutschen Städte und Länder, sondern auch eine Anzahl fremder Nationen beteiligen, liegen vom 26. bis 28. Jnnt, die Tage, die der jüdischen Musik gewidmet sind. Am Montag, den 27. Juni, soll zu Ehren des Allgemeinen deutschen KantorenverbandeS, der seine diesjährige Hauptversammlung in Frankfurt abhält, eine Führuna durch die RiesenauSstellung erfolgen, die bekanntlich auch eine Abteilung für jüdische Musik enthält. Um >$12 Uhr wird dann Oberkantor E. Kirschner aus München, der als der größte Fachmann Deutschlands auf diesem Gebiete gilt, einen öffentlichen Vortrag über „Die historische Entwicklung deS Synagogengesanges" halten. Am Abend finden bann synagogale Konzerte der Chöre der Gemeindesvnagogen statt, während der folgende Abend dem jüdischen Volkslied gewidmet ist. Hamburg. (Max Marburg 60 Jahre alt.) Am 5. Juni wurde Herr Max Marburg, -er Chef des Hamburger Hauses Warbuvg. 60 Jahre alt. Max M. Marburg wurde in Hamburg als der Sohn des Bankiers Moritz Marburg geboren, der eine der größten Privatbanken in Hamburg. die zum Rothschildschen Konzern gehörte, leitete. In jungen Jahren wurde er Teilhaber deS väterlichen Hauses und hat sich bald in der Bankwelt eine führende Stellung erworben. Ueberall wurde sein Rat eingeholt und gern befolgt. Das Deutsche Reich bediente sich seines Rates in den wirtschaftlichen Fragen im Kriege. Marburg hat auch beim Frieden von Versailles mitgearbeitet. Bor politischen Entscheidungen hat er sich stets znrückgehalten. Im Leben der deutschen Inden spielt Marburg eine große Rolle, obwohl er auch hier nicht gern in den Vordergrund tritt. Er ist Mitglied deS Zentralkomitees und Vorsitzender deS Hamburger LokalauSschusseS deS HilfSvereinS der deutschen Juden. Mitglied des Palästina-Aufbaufonds „Keren Hajessod", ist er ein Freunde der Besiedlung Palästinas vom Kultur- und Kolonialstandpunkt.' er sst aber nicht Anhänger der zionistischen Bewegung, sondern vor allem deutscher Jude. Hannover. (Aus dem Gemeindeleben.) Die Inflation. die ja fast alle StiftungSvermögen ausgezehrt hat. machte vor Jahren die Bereinigung deS Knaben- und MädchenwaisenhauseS notwendig. Bisher konnten Waisen nur in beschränkter Anzahl ausgenommen werden, da das obere Stockwerk des Waisenhauses anderweitig bewohnt war. Nun hat das Wohnungsamt das zweite Stockwerk für die Zwecke des Waisenhauses freigegeben. Diese Wohnung muß einem Umbau unterzogen werden. Auch sollen die Hygienischen Einrichtungen des Hauses verbessert werden. Zur Durchführung dieses PlaneS waren die SchowuauS- Festtage als Opferwoche für daS Waisenhaus festgesetzt. — Bor Jahresfrist schlossen sich die Ortsgruppe Hannover deS Retchsbundes jüdischer Frontsoldaten, die Vereinigten Turnerschaften und der Jüdische Turn- und Sportverein Bar Kochba zusammen, um in der damals neugegrünöeten jüdischen Sportvereinigung Hakoah beachtenswertere Syortleistungen zu erzielen. Da eS den drei Vereinen aber auf die Dauer nicht möglich war. ihren finanziellen Verpflichtungen gegenüber der von ihnen gemeinsam unterhaltenen neuen Bereinigung nachzukommen, wurde die Vereinigung in einer außerordentlichen Generalversammlung am 30. Mai wieder ausgelöst. Kassel. (8 5. GeburtStag.) Bankier Alexander Fiorino. der langjährige Vorsitzende der Humanität und des Kuratoriums vom israelitischen Waisenhaus, beging dieser Tage in seltener körperlicher und geistiger Frische seinen 88. GeburtStag. Lissa. (Die Rabbinerfamilie Baeck und die Lissaer Gemeinde). Man wirft den Juden nicht selten vor, daß eS ihnen an HetmatSgefühl fehl«, und besonders ein früherer Gymnasialoirektor an unserem Orte konnte nicht oft genug von dem Mangel an „Bodenständigkeit" bei den Juden sprechen unschreiben. Daß dies nicht: der Fall sei, dafür führte unser erster Gemeindevorsteher JSmar Lands« b e r g die Familie Baeck als Beispiel an. als er am offene« Grabe der Frau Eva Baeck ergreifende Worte des Abschieds sprach. Es ziehe die Mitglieder der Familie Baeck immer wieder nach ihrer Heimatstadt Lrssa. Und auch die i« vorigen Jahre in BreSlau verstorbene Witwe unseres früheren Rabbiners Dr. Samuel Baeck. Frau Eva Baeck, habe ihren Heimatsstnn dadurch bewiesen, daß sie in ihrem Testamente bestimmte, an der Seite ihres im Jahre 1812 verstorbenen und hier beerdigten Gatten bestattet zu werden. So fand denn die Ueberführung der Leiche von BreSlau hierher — von Deutschland nach Polen — und ihre Bestattung am 1. Juni 1927. oem Jahrzeitstage des verstorbenen Rabbiners, auf dem Lissaer Frieshofe statt. Die ernste würdige Feier hatte fast die gesamte Familie Baeck hier zusammengeführt. an ihrer Spitze den Rabbiner der Berliner jüdischen Gemeinde Dr. Leo Baeck. In Worten voll tiefer Empfindung und Pietät widmete er seiner seligen Mutter einen Nachruf, und vor den zahlreichen bewegten Zuhörern erstand wieder bas Bild dieser überaus kluge», milden und gütigen Frau, die unermüdlich war im Wohltun und auf allen Gebieten des sozialen und humanen Wirkens. Nach der Feier auf dem Friedhofe fand noch ei» Zusammensein in der Raphael-Kosch-Loge statt, unter Vorsitz des Präsidenten derselben, Landgerichtsrats Dr. Hofsmann, der seiner Freude darüber Ausdruck gab, den verehrten Großpräsiderrten der deutschen Logen inmitten anderer geschätzter Mitglieder der Familie Baeck, hier begrüße» zu können und mit dankbarer Genugtuung seine Zusicherung entgegennahm, daß er die Absicht habe, im Herbst hier eine» Vortrag zu halten, während der Gemeindevorsteher Jsmar- Landsberg. die Verdienste hervorhob, die sich Dr. Samuel Baeck nicht nur als Rabbiner seiner Gemeinde, sondern auch um die Ravhael-Koschi-Lv-ge hier erworben hat. Das Andenken an Raphael Dr. Samuel Baeck aber, der 48 Jahre hier feines Amtes segensreich gewaltet hat, und an seine nunmehr an seiner Seite ruhende edle Gattin wird in der Lissaer jüdischen Gemeinde unvergeßlich fortleben. Mannheim. (Konzert des Synagogenchors.) Ein Konzert de§ Synagogenchors in der Hauptsynagoge Mannheim fand am Sonntag, den 28. Mai. statt. ES war dem verdienten Oberkantor Nettler aus Anlaß seines SOjährigen AmtSiubiläumS gewidmet, mit dem der Chor durch gemeinsame Aufgaben aufs innigste verbunden war. Ehre» wollte er ihn für seine hochwertigen kantoraleu Leistungen und für ununterbrochene künstlerische Anregungen, die er ihm verdankt. Diesem besonderen Anlaß trug das Konzert. Programm Rechnung. Dem zaddik krtomor deS Tenoristen Theo Süß und der Chorbealeitung hörte man das seelische Miterleben des gesungenen Wortes an. Andachtsvoll lauschte die Zuhörerschaft einer alten, wohlvertrauteu Weise, dem berosch haschonoh von Naumbourg. das der Jubilar selber zn Gehör brachte, in ungeschwächter EmpfindungStiefe und Klangschönheit, rrwdurch eö ihm stets gelingt, in -er Stunde des Gebetes alles in seinen Bann zu ziehen. Mah tvwu und weschomru von Kirschner. adonoj moloch von Lewandowsky trug der Chor in bestgelungener Weise vor, da» Kantvrsolo vermittelte Herr Liebermensch. Das selten schöne Stimmaterial deS Chores entfaltete sich unter der Leitung seines erprobten Dirigenten beim Vortrag der EhKye „Herzlich lieb" von Hermann, „Ewigen Frieden gib. o von Nagler und „Was betrübst du dich" von JaöaSsohn zu Leistungen mit rühmenswerter musikalischer Kultur. »mH einzelne Solokräfte der Chorvereinigung waren, mit ssWß gaben betraut worden, die Damen Lazarus und Weil uns Herr Lippmann, die ihre oft bewährte Kunst mit gutem Gelingen in den Dienst der Sache stellten. Musikalische Stütz«' aller Darbietungen mär die feinfühlige Orgelbegleitung de» Herrn Bosch. Den Abschluß der Vortragssolge bildete» Psalmsprüche in der Vertonung von Lewanöowsky. gedacht als Wort und Klänge des Segens für den verehrten Kantor, jubilar. Nürnberg. (Konzert.) Vor kurzem veranstaltete der hiesige Kantor und Lehrer, Julius Kaufmann, ein öffentliches Konzert, auf dem er nur eigene Kompositionen zu« Bortrag brachte. Diese Kompositionen stellen ein bisher wenig gepflegtes Gebiet dar: die Vertonung moderner jüdischer Lyrik tu der Form des Kunstliedes. Die Nürnberger Tagespresse widmet dem interessanten Adend ausführliche Kritiken. Die Nürnberg-Fürther Presse z. B. schreibt: ..er schreibt schöne, dem Hörer gut verständliche Musik, er weiß jede Dichtung in ihrem ganzen StimmungsgLhalt auszuschöpfen, und er versteht es gleich gut ohne dabei in kleinliche Tonmalerei zu verfallen, die weiche, etwas monotone Süßigkeit des Orients, sowie das Grausen vor der Nacht im finsteren Loch, die klatschenden Regengüsse deS kalten Herbstes, die sanfte Milde deS Abends, die an Wahnsinn grenzende Angst des von seine« Bettelgerümpel verfolgten irrenden Gesellen und die erhabene Größe des Psalms 137 in ergreifender Weise zu Halb so teuer wie andere qleichwertiq» Tafelwasser. Ärztlich empfohlen bei Zuckei> Nieren.-Maqen,-Darm*und Stoffwechsel* Krankheiten AUFALLE FALLE HARTWIG-QUELLE DEUTSCHE MINERALQUELLEN ArG, JÄGERSTR.6 MERKUR* 4664/4666 Ausserdem vorrätig in allen einschlägiger* Geschäften uuallen Verkaufsstellen dHPedhArfi *4rtai Jüdischer Liederabend Leo Gellanin Grober Loäensaal. Kleiststr. io Mittwoch, den 15. 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