Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 7 (1927)
- Issue
- 23 (10.6.1927)
- Date
- 1927-06-10
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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öuf f»ic Haltung der katholischen Kirche, die mehrmals in Konzilien und durch ihre Päpste sich für Schutz und Duldung der Juden einsetzte, wies der Redner auf die Kampfstellung seiner Partei, deö Zentrums, gegen den Antiserni, ttSmuö hin. Weiteste intensive Aufklärung von Person zu Person müsse den Kampf der nichtantisemitischen Parteien unterstützen. Als letzter Redner entwickelte Herr Rabbiner Dr. Salzbcraer, Frankfurt a. M.. einen Abriß der Geschichte der Juden in Frankfurt a. M. Packend schilderte er die vielen Leidenstäler und die wenigen Höhepunkte des Weges, den seit 800 Jahren die Judenschaft Frankfurts geben mußte, bis sie dauernde politische Freiheit erreicht hatte. Durch Sahrhundertc daran gewöhnt. Leid zu tragen, werden die uden auch durch die antisemitischen Angriffe nicht untergehen; aber dankbar und voll Hochachtung vor den andersgläubigen Mitbürgern begrüßen es die Juden, wenn Männer des Christentums aus ihrem sittlichen und religiösen Gewissen heraus an der Abwehr des Antisemismus arbeiten. In feinen Schlußworten nannte der Vorsitzende die Judenverfolgungen früherer Zeiten schwärzeste Blätter in der deutschen Geschichte; herausreißen können wir sie nicht, aber wir können dafür sorgen, daß nicht neue schwarze Blätter hinznkommen. Die englische Politik in Palästina. Der jziomstischeü Korrespondent des Berliner Tageblatts meldet seinem Blatte folgende in der Ausgabe vom 9. Juni veröffentlichte Information: Die „Siassa" in Kairo brachte dieser Tage eine Meldung, wonach ein hoher Regierungsbeamter in Jerusalem ihrem zu JnformationSzwecken nach Palästina und Syrien entsandten Redakteur erklärt hat, die Mandatsverwaltung habe vor. auf der Grundlage der Kommunalvertretungcn. die eben gewählt werden, eine gesetzgebende Versammlung einzuberufen. Das Wahlrecht zu den Gemeindeparlamenten sott entsprechend geändert werden. Bon der Regierung wurde mir zwar erklärt, daß diese Nachricht jeder Grundlage entbehre, in Kreisen des Jüdischen Nationalrats und auch in der Tel- Aviver Stadtverwaltung hat man jedoch schon seit längerer Zeit die Auffassung gewonnen, daß die Negierung sich mit derartigen Plänen beschäftigt. Sollte tatsächlich eine Art Landcsparlament geschaffen werden. so würde das eine sehr ernste Gefahr für die jüdische KolonisationSarüeit und eine wichtige Stärkung der arabischen Nationalbewegung bedeuten, da ein palästinensisches Parlament bei der heutigen Zusammensetzung der Larröesbevölkerung praktisch ein arabisches Parlament mit einer jüdischen Minderheit, ähnlich dem polnischen Sejm, wäre, und weil alle Rechte, die cs etwa erhalten würde, daher in Wirklichkeit den Arabern verliehen würden. Selbst wenn seine Machtbefugnisse zunächst auch noch so klein sein sollten, würde cs zum mindesten der heute sehr im argen liegenden und völlig zersplitterten arabischen Nationalbewegung von außen her eine Spitzcnorganimtion und eine ausgezeichnete Propagandatribünc geben. Tie Indische Delegraphen-Agentur meldet unter dem 3. Juni aus Jerusalem: Im Hinblick aus den Abbruch der diplomatischen Beziehungen zwischen Groß-Britamrien und der Union der Sowjet-Republiken und die Zurückziehung des britischen .Konsulardienstes ans russischem Territorium bat die Palästina-Regierung die Weisung gegeben, daß den Emigranten aus Rußland, die sich um Einreise-Visa für .HEstina beworben haben, solche Visa bis auf weiteres nicht mehr gegeben werden sollen. Jedoch dürfen diejenigen in Rußland lebenden Ans- Mg^dernngSwilligen, die noch vor dem Abbruch der englischem,sichen Beziehungen im Besitze von Palästina-Etnreise- Disa waren, auf normalem Wege nach Palästina komme». Die Wahrnehmung jüdisch-liberaler Interessen in Palästina. In einer Versammlung liberaler jüdischer Persönlichkeiten Londons hielt der Leiter der zionistischen Palästina- Executive, Colonel F. H. Kisch, eine Ansprache, woraufhin beschlossen wurde, unter dem Vorsitz von Reverend Maurice L. Perlzweig ein Komitee zu gründen, das die Aufgabe haben soll, eine Gesellschaft liberaler und Reformjüöen für die Mitarbeit an der Jewish Agency zu organisieren. Die Gesellschaft, der Zionisten wie Nichtzionisten angeboren, wird n. ft. auch die Aufgabe haben, die Interessen deS liberalen Judentums in Palästina wahrzuliehmen. Die Synagogenverbände Amerikas für die Fiinf°Tage°Woche. Der amerikanische Synagogenrat, in welchem die Union der orthodoxen jüdischer Kongregationen und deren Rabbinerrat, ferner die Union der amerikanisch-jüdischen Kongregationen und die Zcntralkonserenz der amerikanischen Rabbiner lliberale Richtung). endlich die vereinigte Synagoge Amerikas und die Rabbinerversammlung der vereinigten Synagoge vertreten sind, hat eine Resolution angenommen, in der eine Fünf-Tage-Arüeits - wache in der Industrie gefordert wird. Durch die Füuf-Tage-ArüeitSwoche wird der sozialen Gerechtigkeit gedient und inSöesondere den jüdischen Arbeitern Gelegenheit gegeben, den Sabbath zu beobachten. Dadurch, daß sämtliche religiösen Richtungen gemeinsame Ruhetage haben, wird auch der Friede unter den Menschen gefördert. Der Synagogenrat ruft alle im Dienste der Oeffentlickkeit stehenden Kräfte auf. für die Verwirklichung der Fünf-Taae- Arbcitöwoche zu wirken. tJta.) Die Einbürgerung von Juden in Preuhen. Der deutschnatioualc Abgeordnete Borck richtete vor einiger Zeit an die Preußische Regierung die Frage, wieviel Einbürgerungen von Einwanderern aus dem Osten im Jahre 1926 stattgefunden haben. Der Minister hat darauf die folgende Antwort gegeben: Im Jahre 1626 sind in Preußen eingebürgert worden: Ausländer aus Rußland nebst Randstaaten a) deutschstämmige 601, b) andere 72; aus der Ukraine a) 830, b) 6; aus der Tschechoslowakei ») 1357, b) 297; aus den Balkanstaaten a) 218, 6) 280. Abgeordneter Borck fragt wieder, ob in die Zahl der deutschstämmigen Einwanderer auch jüdische Ausländer mit deutschen ober deutschkkingenden Namen eingerechnet feien, und gleichzeitig verlangte er Auskunft über die Zahlen der Einwanderer aus Polen. Hierauf hat min der Minister Grzesinski folgende A.ntwort gegeben: In der Zahl der im Jahre 1826 in Preußen eingebürgerten 2506 fnicfit 2496) deutschstünnnigcn Ausländer aus den östlichen Nachbarstaaten faußer Polen) und aus dem Balkan find 8 „jüdische Ausländer mit deutschen oder deutschküngenden Namen" enthalten; sie sind deutschen Stammes. Im Jahre 1936 find 2682 aus Polen stammende Ausländer eingebürgert worden, und zwar 2565 deutschstämmige und 67 andere. In die Zahl der Deutschstämmigen sind 7 „jüdische Ausländer mit deutschen oder deutschklingenden Namen" eingerechnet; sie gehören ebenfalls der deutschen Nationalität <uv : -'v "" (Jta.) Sind wir Liberalen vogeisrei? In der Hagada heißt es: Ze uTmad! Geh und lerne! Und dann führt -er Erzähler Bild auf Bild vor, um so dem späten Enkel zu erweisen, was Israel dereinst angetan worden. Ze uTmad! Möchte ich heute zum gegenwärtigen Geschlecht der Liberalen sagen und einige tatsächliche Bildchen -er Gegenwart vorführen, um deutlich zu machen, wie sehr wir Liberale« vogelsret geworden: Bild 1. Fall einer Barmizwa-Eins e g n u n g. Fritz H., Sohn einer schuldlos geschiedenen Jüdin, der gegen mütterlichen Wunsch und eigene Neigung vom christlichen Bater im Christentum sestgehalten wird, gibt seiner Sehnsucht nach Judesein dadurch Ausdruck, daß er jahrelang heimlich (und regelmäßig) die Religionsschulc besucht und dann mit dem 14. Lebensjahr ins Judentum cintritt. Ehe er die Schule verläßt, will er Barmizwa werden, nachdem er vorschriftsmäßig den Barmizwa-Unterricht besucht hat. Der Rabbiner der zuständigen siBvcntionicrten Gemeinde nimmt die Einsegnung nicht vor, wenn er nicht vorher beschnitten wird, obwohl, wie mir berichtet wird, der konservative Arzt die Beschnei düng wegen der Gefährlichkeit in diesem Alter abgclchnt habe. Meine persönliche Auffassung der Beschneidung, die, um Mißdeutungen von vornherein auszuschließen, der traditionellen entspricht — spielt hier keine Rolle. Auch hat dieser Fall insofern eine Erledigung gefunden, als ein weitherzigerer Rabbiner an anderer Stelle den Knaben anstandslos eingesegnet hat. Aber was heute hier geschieht, kann sich das llicht an anderer Stelle wiederholen? Gibt cs in diesem Punkte nicht auch eine liberale Auffassung? Und hat in der Berliner Gemeinde diese Ansicht kein Recht mehr auf Existenz? Deshalb die erste Fragc an den Borst a n d der jüdischen Gemeinde; Hat ein Rabbiner de x Gcmc i it ö c oder einer s u b ventilierte n G e - meind e daS 3!echt, den I uden, de r seine religiöse. Einsegnung erbittet, zu fragen: B ist d u beschnitten? Bild 2. Fall ans dem Wohlfahrtsamt. Julius L. ist von seinem vor einigen Jayrem verstorbenen Bater im Judentum erzogen, und diese jüdische Erziehung ist von der christlichen Mutter in einer Weise fortgesetzt worden, an der manche jüdische Mutter sich ein Beispiel nehmen könnte. Der Knabe hat seit seinem sechsten Lebensjahre die Religionsschulc besucht und ist auch Barmizwa geworden. Wegen der ungünstiger gewordenen wirtschaftlichen Verhältnisse ist von seinen Lehrern die Aufnahme ins Waisenhaus betrieben und von dem Anstalts-Leiter zugesagt worden, wenn das Wohlfahrtsamt einen Zuschuß gewährt. Die Angelegenheit ist vom Wohlfahrtsamt bereits ein halbes Jahr hingezogen, ohne daß eine Entscheidung getroffen wäre. Und nun wird der Grund bekannt: Es genügt nicht, daß von dem Lehrer bescheinigt wird, welch wertvolles Menschenmaterial, auch in religiöser Beziehung, hier vorliegt. — Nein, die Frage beißt: I st der Knabe beschnitten? Nun ist das hier der Fall; nur ist es bei dem Gesuch und bei der Bescheinigung nicht angegeben. Denn wer sollte auf den Gedanken kommen, daß vom Wohlfahrtsamt der jüdischen Gemeinde, das doch für alle ohne Unterschied da sein sollte, die Gewährung eines Erziehungsgeldes von her Beschneidung abhängig gemacht würde. Der Fall liegt noch immer in den Akten des Wohlfahrtsamts. Welche Perspektiven in die Zukunft eröffnen sich für den liberalen Teil der jüdischen Gemeinde! Deshalb die zweite F r a g e a n den P o r - st a n ü der jüdischen Gemeinde: Hai das Wohlfahrtsamt der G e - in e i n d e oder irgendein e feiner sozialen Einrichtungen das Recht, den Petenten 5 u fragen : B i ft du beschnitten? Bild 3. R e l i g i 0 n s l e h r p l a u der Berliner Volksschulen. Ans das jahrelange Dränge:: der Lehrerschaft ist endlich in den Berliner Volksschulen der Unterricht im Hebräischen zugelassen. So ward ein neuer Gesamtlehrplan für den Religionsunterricht von öeit städtischen Behörden veranlasst. Wer wäre wohl die berufene Instanz zur Abfassung gewesen? Man hätte annehmen sollen, die gesamte jüdische Bolksschnllehrerschast der Stadt. Weit gefehlt. Die jüdische Lehrerschaft der Stadt Berlin wird eines Tages mit der Nachricht überrascht, daß der Plan von zwei städtischen Lehrern, die „zufällig" konservativ sind, fertiggestellt und von den Gemeindeschnlinspektoren, die von der Stadtverwaltung herangezogen waren, bereits gebilligt seien. Und welches ist nun der Geist des neuen Plans? Nur eines, das mir bekanntgeworden ist: Nach diesen; Plan darf in der Volksschule z.B. nicht mehr voll einer Reform des Josiagesprochen werden. Ist das nicht ein Standpunkt, den der liberale Lehrer unter keinen Umstättden gntheißen kann? Daraus kann mau auf den Geist des ganzen Planes schließen. Was hat die Schulverwaltung der Gemeinde getan, um auch liberalen Lehrern die Mitarbeit am Lehrplan zu ermöglichen? Gibt es in Berlin keine liberalen Lehrer, keine liberalen Eltern mehr, die ihre Kinder in die Volksschule schicken? Liegt nicht darin eine Vergewaltigung all dieser, wenn ihnen ein so einseitiger Standpunkt aufgezwungell wird? Deshalb die dritte Frage an den Vorst a n d der j ü d i s ch e n Gemeinde: Was gedenkt der Vorstaird der jüdischen Geme inüe zu tun, ittit diese geistige Vergewaltigung der liberalen Eltern u n ö der liberalen Lehrer zu verhindern? Bild 4. G e m e i n d e b l a t t. Mit welchen Hoffnungen ward einst das Gemeindeblatt begrüßt. Aber das ist lang vorbei. Es ist —* abgesehen von seinen sonstigen Qualitäten — das geworden, was es nicht sein sollte. Denn daß es kein unparteiisch geführtes Mitteilungsblatt öarstellt, ist seit langen Jahren so ziemlich allgemeine Ansicht nicht bloß innerhalb der Gemeinbemitglieder, sondern auch bei den Gemeindebehörden, wenigstens bei den liberalen. Alle Diskussion darüber war bisher zwecklos, man hat resigniert, weil eine Wandlung nicht zu erreichen war. Aber die liberale Wählerschaft sollte sich doch einmal mehr darum kümmern und fragen: Wer ist eigentlich der Redaktionsausschuß? Wie arbeitet er? Dann würde man vielleicht erfahren, wie an Aufsätzen liberaler Verfasser herumgemäkelt wird, um mir ein Wörtchen herausznbekommen, das etwa anstößig sein könnte, daß Aufsätze liberaler Verfasser ganz abgelehnt werden. Wie ist es aber möglich, daß Aufsätze, wie der Leitartikel vom 1. Juni, „die Thora", ausgenommen werden können, obwohl das liberale Mitglied des Redaktioneausschnsses ihn gbgclehnt hat? Und mit Recht abgelehnt hat. Demr was in diesem Artikel einem liberalen Menschen geboten wird, übersteigt doch das Zulässige. Der Artikel offenbart eine so einseitige Auffassung und zeigt so unrichtige Darstellung, daß er zu einer Verunglimpfung all der Männer führt, die in schwerer Zeit im Judentum und für das Judentum gewirkt haben. Was dem Verfasser an wahrer Geschichtsauffassung abgeht, ersetzt er durch die Gesinnung, die scheinbar die Alleinherrschaft auch im Gemeindeblatt angetreten hat. Die unbekannte Redaktion scheint vergessen zu haben, daß es in Berlin so gewissermaßen noch liberale Gerneindemitglieder gibt, deren Anschauungen auch Anrecht auf Respektierung haben, in einem Gemeindeblatt, das doch für alle bestimmt ist und auch aus den Mitteln der Liberalen unterhalten wird. Deshalb die vierte Frage an den B 0 r - st a n d d e r j ü d i s ch e n G e m e i n d e : Was gedenkt der V 0 r st a n d der jüdisch e n G e m e t w ö e 5 u tu n, it nt d i e Unparteilichkeit des Gemeindeb l a t t e s a u ch gegeuüberden A ns chauungen der Liberalen — für die Zn - k u n f t s i ch e r z u st eile n? Bild 5. Pädagogische Akademie in Fra u k s u rt a. Diese Frage ist in erster Reihe an den Rat des Landesverbandes gerichtet. Sie betrifft die Ausbildung der jüdischen Lehrer. Neben den zwei evangelischen und der einen katholischen ist endlich die viclumstrittene simultane Lehrerakademie in Frankfurt a. M. gegründet. Obwohl sie nicht als paritätische, sondern als simultan, d. fi. nur als gemeinsam für die beiden christlichen Konfessionen gedacht ist, sind an ihr nicht bloß jüdische Kandidaten zngelasicn. sondern es wurde auch die Stelle eines jüdischen Dozenten für Religionspädagogik geschaffen. ..i.i Nun hätte jedermann amtehmen müssen, daß für diese Dozentur wie es für die anderen Konfessionen selbstverständlich ist — ein Fachmann gewählt wirdz; der auf dem Gebiet der religionspadagogischen und religionsmethodischen Wissenschaft sich allgemeine Autorität erworben hat. Und dieser Anschauung war und ist mit recht die überwältigende Mehrhen der jüdischen Lehrerschaft aller Richtungen. Aber das völlig Unerwartete geschieht, ohne daß die Berufensten, die Vertretung der jüdischen Lehrerschaft, gefragt oder auch nur in Kenntnis gesetzt wird, ohne daß — wie ich erfahre — selbst die nächstbeteiligte Schulbehörde, die der Gemeinde Frankfurt, auch nur eine Ahnung davon hat: Keine Autorität auf pädagogischem Gebiet, überhaupt kein Fachmann, sondern ein Theologe, der in pädagogischen und methodischen Fragen ein völliger homo novus. Wer die Wertschätzung kennt, die der gewählte Dozent als Persönlichkeit genießt, eine Wertschätzung, die ich in vollem Umfange teile, der wird wissen, daß keines dieser Worte gegen ihn gerichtet ist. Aber die verantwortlichen Stellen wird mall fragen müssen, ob sie sich klar darüber waren, daß eine Dozentur für Religronspädagogik Ulld Methodik des jüdischen Religionsunterrichts noch etwas anderes fordert als theologisches Wissen: wissenschaftliche, theoretische und praktische Beherrschung des gesamten Komplexes der Religionspädagogik. Und das ist ein Gebiet, das nicht als Nebenprodukt der Theologie abfallt, sondern das eine Lebensallsgabe mtö eine Lebensarbeit für sich dar- Vor allem aber, war nicht noch ein Zweites zu berücksichtigen, was uns Liberale insbesondere artgeht? Für die Ausbildung jüdischer Lehrer orthodoxer Richtung ist in dell zwei Lehrerbildungsstütten (Köln und Würzbnrg) reichlich gesorgt, und die beiden Anstalten und ihre Zöglinge erhalten vom Landesverbände ihre Subventionen. Nicht eine einzige Institution aber gibt es zur Ausbildung von Lehrern Liberaler Richtung. Gibt es keine liberalen Juden mehr, keine Gemeinden, die einen liberal gesinnten Lehrer verlängert? Was hätte da näher gelegen, als an der neuen Lehreransbildnngsstätte endlich die Möglichkeit zn schaffen, liberale Lehrer auszubilden! Rücksicht ans die liberalen Anschannngen? Nein! Man beruft einen Mann mit rechtseingestelltem Kotkservatismus, der — gelnüß seiner Ueberzengung — jede liberale Auffassung ablehnen mutz, für den beispielsweise schon die Erwähnung des Begriffs „Entwicklung" im Lehrplan als Stein des Anstoßes gelten muß und gilt. Wißt ihr, liberale Juden iu Deutschlaltd, was das bedeutet? . t . Das bedeutet nicht mehr und nicht weniger, üls dan es zukünftig in Deutschland nur noch konservative unorthodoxe jüdische Lehrer geben wird, daß liberale Eltern, liberale Gemeinden keine liberalen Lehrer mehr bekommen werden. Denn damit wird die Heranbildung des .liberalen Nachwuchses -es jüdischen Lehrerstandes und als Folge, die religiöse Erziehung der Jugend im liberalen Sinne unmöglich gemacht.