Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 7 (1927)
- Issue
- 23 (10.6.1927)
- Date
- 1927-06-10
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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solcher Brauch im Gotteshause aeübt wird. Man -mle s an die Hawdoloh am Sabbat-AuSgang, an den Ethrog! am Laubhüttenfeftc. Aber auffalknd ist her Brauch schon deshalb, weil all die symbolischen Handlungen,' welche unsere Religion geschaffen hat, ganz vorzu-s» weise im häuslichen Gottesdienste vorgenommen werden (besonders bei Familienereianissen freudiger und trauriger Art), während die Synagoge in der Hauptsache dem religiösen Erleben aufder Grundlage der in keine Form eingekleideten reinen Idee dient. Man empfindet eine Speise, einen Trank beinahe als etwas dorthin nicht Gehörendes. Aber dies schon hingenommen als Absicht. Gott für die Speise, für den Trank zu danken so ist vor allem zum Nachdenken anregend die B e r b i n d u n g des Lobspruches iiiber den Wein, der nicht nur eine Verherrlichung Gottes, sondern auch fraglos einen Preis des Weines an s i ch enthält, mit den Gedanken des zweiten, längeren Teiles unseres Kidtnrschgebctes. Was hat der Wein mit der Auserwählnng Israels zu tun, was mit dem Auszug aus Aegypten? Wrc. wollen uns über diese Fragen einige Gedanken machen. * Zunächst sei gesagt, daß auch der Kiddusch ursprünglich nur als häuslicher Brauch gedacht war. Entsprechend dem rabbinischen Grundsätze: „En Kiddusch, elo bimkanm ssudoh" — „kein Kiddusch, außer dort, wo eine Ssudoh (ein Mahl, ein Weihe mahl) stattfindet", wurde er bei der Abendmahlzeit gespochen: denn die Sitte, den beginnenden Sabbat oder Feiertag durch einen Weihespruch über einen Becher Wein zu heiligen, stammt aus einer Zeit, in der an diesen Abenden ein öffentlicher Gottesdienst gar nicht stattfarrd. Vielmehr wurde zur Feier des Tages von den religiösen Genossenschaften eine festliche Mahlzeit veranstaltet, bei welcher das Haupt der Tischgesellschaft beim Becher Wein das Gebet zur Weihe des Tages sprach. Erst später wurde dieser Brauch in die Synagoge verlegt, rveil die Synagogen nicht nur Vetstätten, sondern auch sozusagen Hospize waren, in welchen Reisende oder Arme sich aufhielten, die zum Teil in den Nebeuräumen der Synagoge auch ihre Mahlzeiten einnahmen und eine andere Gelegenheit, den Kiddusch zu hören, nicht hatten. Darum ia auch bis heute der Brauch, all den ersten beiden Abenden des Peßachsestes in der Synagoge k e i n e u Kiddusch zu machen, weil man voll der Voraussetzung ausgeht, daß es keinen Juden gibt, der sich an der herrlichen Feier des Sseder, die an diesen Abenden stattfindet, nicht beteiligt, so daß er ja also den Kiddusch auf jeden Fall zu Hause hören kann. . Als später die Verwendung der Synagoge als Herberge aufhörte, hatte sich der Brauch des „Kidüusch- Machens" in der Synagoge schon so eingewurzelt, daß er nicht mehr zu entfernen war. Zweifellos haben wir eS Hier auch mit einem letzten Rest des Opferdienstes zu tun, und der Becher Wein soll wohl an die iw Tempel dargebrachten Gutzopfer erinnern. Ob wohl der eine oder der andere, der bisher den Freitag-Abend nicht festlich beging, wegen dieser Er- „ innerung zum Brauch des Kiddusch-Machens zurück- Tehren wird? Wir fürchten, daß mancher das als Atavismus ablehnen wird. Religiöser Liberalismus erweist sich jedoch nicht vorzugsweise darin, Latz man "Lkrvas nicht tut, vielmehr kommt es darauf an, die alten Bräuche, soweit nur irgend möglich, mit Gedanken zu verbinden, die es auch dem modernen Menschen ermöglichen, sie zu üben. Wir wollen uns darum, nachdem wir von der geschichtlichen Entwicklung des Ktdduschgebetes gesprochen haben, ausführlicher mit unserer zweiten Frage beschäftigen: Weshalb schließt sich an den Lobspruch über den Wein noch ein Gebet, in dem von der Auserwählung Israels und vom Auszüge aus Aegypten die Rebe ist? Können wir in diese Gedanken einen inneren Zusammenhang bringen? * Ja! Der Wein ist uns ein Symbol für die Auserwählung Israels und für den besonderen Tag, der sich grundsätzlich vor den übrigen Tagen der Woche auszeichnen soll. Der Wein ist Las Besondere unter den Getränken. Unsere alten Weisen, die bei ihren forschenden Grübeleien den Wert der feineren materiellen Genüsse nicht vergaßen, werfen im Talmud schon die Frage auf, woher es komme, daß es einen besonderen Lobspruch Mer den West: gibt, wo doch ein allgemeiner Lobspruch Wer alle Getränke (schehakaul utmeh vidworau) vorhanden ist. Warum wird der nicht auch über den Wein gesprochen? Auch wäre ja die B'rochoh über die Früchte (baure p'ri hoez) passend! Der Talmud findet auch, daß der Wein etwas so Besonderes ist, daß ihnr eine besondere B'rochoh zukomme. Der Weinstock ist sich übrigens seines Wertes auch selbst durchaus bewußt. Als in der Jotham-Fabel die Bäume ihn zu ihrem König wählen wollen, da antwortet er stolz: ,-Soll ich weinen Most lassen, der Götter und Menschen erfreut, und hingehen, um über den Bäumen zu schweben?" Die Königs würde ist dem viel zu gering, der mit fernem Saft ja sogar die Götter, nicht nur die Menschen, erfreut. Interessant ist auch, daß zum Kiddusch, mit dem der Sabbat anfängt, von allen Getränken n u r Wein benutzt werden darf, während es bei der Hawdoloh, die den Feiertag endigt, mit der es schon wieder in den gewöhnlichen Werktag geht, gestattet ist, auch andere Getränke unterpeordneter Art, wie Bier oder Milch, zu verwenden. Ja, der Wein ist schon ein ganz besonderer Saft, und da wir vom Weine als dem Symbol der AuSerwählt- Leit eines Volkes sprechen, wollen wir einmal den Zusammenhängen nachgehen, die zwischen dem inneren Wesen eines Volkes und dem, was es trinkt, bestehen. Biel berechtigter als der Satz: „Sage mir. was Du ißt. und ich sage Dir, was Du bist!" wäre der Satz? „Sage mir, was Du trinkst, — und ich sage Dir, was Du bist!" Man kann da geradezu unterscheiüev zwischen Weinvölkern, Biervölkern und den Völkern, die Branntwein trinken. Völker, die Wein trinken, sind Völker von feinerer Geistigkeit (Einwirkung des Klimas, nicht nur aus die körperliche, sondern auch auf die seelische Entwicklung!). In PaMtirm gedieh der Wein, und wir Inden waren ein Weinvolk, sowohl im materiellen Sinne,!wie in dem idealen, daß Mir ein Volk des Geistes, der Geistigkeit waren. Die Deutschen trinken Bier, sie sind das Musterbeispiel eines BiervolkeS: Mischung von Geistigkeit und handfester Körperlichkeit:, haS Volk der Dichter und Denker auf der einen Seite, das Voll eine-, etwas derberen Wesens aus der andern. Ich lasse dafür, wie ich es mit dem berveren Wesen meine (nicht nachteilig!), Coüstantin Brunner sprechen, der in seinem Werre „Der Judenhaß und die Juden" über Luther, diesen Urdeutschen, äußert: „Uno Luther ist mir bewunderungswürdig noch im besonderen und nicht zuletzt, weil er deutsch ist auch in jenem andern Sinne, der uns schon das Wort Deutsch so lieb und herzerfrischend macht: deutsch heißt uns: in der Sicherheit des Gutgewollten nichts in den Bart, sondern alles in die Lust gebrummt, rechtschaffen grob hörbar, und einem närrischen Untier gradan ernst uitib fröhlich — beides mit Totschläge tust — aus den Leib gerückt." (p. 2R-V). Rußland galt bisher als das Volk der Branntweintrinker. Allerdings gab es dort eine Oberschicht von ganz ausgesuchter Intelligenz, aber wer kann leugnen, daß die große Masse, unter Knute nnd cn)ißcm$rutf, auf einer kulturellen Stufe stand, die man eben mit „östlich" oder „asiatisch" prägnant bezeichnet?? Das war, — muß es nicht bleiben, — ein Branntw ein volk. Ein BramrtweintriuLer ist immer ein Trinker, einen Weintrinker n-ev'ut man einen Genießer. Wir Juden sind die Spätlinge eines Weinvolkes: das, was uns auszeichnet, ist die besondere Art unserer Geistigkeit, durch die wir der Welt die Bibel geschenkt haben und durch die wir geblieben sind die Stehaus- . männer der Geschichte über die Jahrtausende hinweg. (Nietzsche: „Die Juden — das ethische Genie un-ter den Völkern!") Und so stellen wir eine innere Beziehung her zwischen dem Wein und der Auserwähltheit Israels, wenn wir uns beim Jubel des Mdduschgebetes (denn es wird in einer jubelnden Weise vorgetragen) mit Stolz, als späte Nachfahren dieses Weinvolkes fühlen. * Mit Stolz! Aber was ist Stolz? Der ist wahrlich nicht der beste Jude, dem eS genügt, „stolz zu sein auf sein Judentum!" Das ist ja die einfachste Sache von der Welt, sich auf die Gedankentaten früherer Geschlechter zu berufen und sich, heute, auserwählt zu fiihlen, weil man Nachkomme eines Weinvolkeist! Ich höre da überhaupt schon immerzu Einwände: Wer spricht denn heute im religiösen Liberalismus noch von der Auserwäbltheit Israels? Wir haben, doch sogar in den Gebetbüchern mancher liberaler Gemeinden diese Stellen alle gestrichen, sagen z. B. auch im Kidduschgebet nicht mehr: „Ki wonu wocharto mikol hoammim" — „Du hast uns ausgewählt von allen Völkern", sondern nur noch: „Kr wonu wocharto" — „Du hast uns ausZewählt". Warum hat nmu das getan? Erstens, um der Ueberheblichkeit der eigenen Bekenner zu steuern, zweitens, um bei den andern keinen Anstoß zu erregen. Aber im Lobspruch, den der zur Thora Aufgerufene spricht, wo es ganz wörtlich ebenso heißt . . . „auKgewählt von allen Völkern", da hat man es stehn lassen, wohl, weil man diese B'rochoh doch als zu geheiligt durch Tradition empfand, nm an ihr Aerröerungen vorzunehmcn. Das ist jedenfalls eine Inkonsequenz. Aber mir will scheinen, daß es auf diese Kleinigkeiten nicht so sehr ankommt. Wer mit dem in Frage stehenden Begriff nur den Sinn einer Auszeichnung verbinden kann, eines Besscrseins, und glaubt, daß das überheblich sei, daß man damit Anstoß errege, der lasse die Wendung „mikol hoanrmim" ruhig weg. „Auscrwähltheit" ist gar keine glückliche Ucbersetzung. Der Jude, der nicht nur so heißen, sondern Jude sein will, fühlt sich nichj a it § erwählt, er fühlt sich ge wählt. (Siehe Uebersetzung des Gebetes oben!) Aus erwählt wird Htüii zur Auszeichnung, zur Hervorhebung für bereits geleistete Taten, nachdem man bewiesen hat, daß man Besseres als andere zu leisten imstande ist, — gewählt wird umn für eine crst zu leistende Ausgabe und es liegt darin nicht der mindeste Sinck einer Aus-eichnung, sondern nur der einer Aufforderung, einer Bestimmung, dies oder seiles zu tun. Wir sind gewählt, um eine Ausgabe zu erfüllen, nämlich die Aufgabe, durch die eigentümliche Besonderheit unseres Menschseius — Inden zu sein. Wer die Ausgabe fühlt, für den kommt es nicht darauf au, ob er zwei Wörter hinzusügt oder weglätzt, — wer aber nicht fühlt, daß in dem Satz „Uns hast Du gewählt und uns lmst Du geheiligt von allen Völkern" nicht zwei verschiedene Gedanken durch das Wort „und" summarisch cmeinanHerge reiht sind, sondern, daß sie in einem kausalen Zusammenhänge stehn, daß die Aufgabe eben bald anschließend genannt wird, daß wir gewählt sind, um heilig zu werden i-, wer das nicht fühlt, der möge sich denn damit genug sein lassen, stolz zu sein auf sein Judentum! Der sagt dann auch gewöhnlich: ich bin stolz auf mein Judentum: er sagt nicht: ich bin stolz aus mein (eigenes!) Jude-Sein! So aber nur ist die Auserwähltheit, um bei der gebräuchlichen Uebersetzung zu bleiben, gemeint) so wissen es alle, die es sich an dem Stolz nicht genug sein lassen, sondern Zeit ihres Lebens in ihrem Innern den Kampf um ihre Tiefe kämpfen: so wußten es die Propheten, wenn sie von der Erwähltheit Israels sprachen, z. B. Amos, als er sagte: „Von allen Völkern der Erde habe ich dich erwählt, darum werde ich dich (um so eher und mehr!) zur Rechenschaft ziehen für alle deine Sünden", oder Deutero-Jesaja, wenn er vom „ewed Jahweh", dem Knechte Gottes, sprach, in welchem Ausdruck nicht nur die Aufgabe für Israel liegt zu leiden, sondern auch wie ein Knecht cm sich zu arbeiten. So weiß es endlich auch der wunderbare Dichter Richard Beer- Hofmann, wenn er in „Jaakobs Traum" Jaakob, da er noch im Zweifel ist. sprechen läßt: „So heißt „erwählt": Traumlosen Schlaf nicht kennen, Gesichte ivachts — und Stimmen ringsum tagS! Bin ich erwählt?! Dazu erwählt, daß alles, Dem Leid geschieht, mich ruft, mich heischt, mir klagt? Daß selbst der Blick des Tiers, das stumm verendet, Mch fragt: ,Warum?!"." — ..um Jaakob später, nachdem er den Zweifel abgeschüttelt und sich zur Gewißheit durchgerungen hat, selbst die Antwort finden zu lassen: „Er selbst hat Dich in Deine Himmel droben . Herrlich und furchtbar, ferne festgebannt.v So wählt me t n Blut er aus zum stolzen Reife — In alle Zeiten sprießend, nie verdorrt — Daß meinem Mund — »tut neuem immer wieder Entstürze Deines ewigen Millens Dort!" Wer so es weiß, der weiß dann auch endlich zu dem im Ktdöuschgebet noch erwcchnten Auszug aus Aegypten eine innere Beziehung herzustellen. Eine innere Beziehung —, für unser religiöses Erleben ist uns vollständig gleichgültig, ob die Wissenschaft über irgendeine Frage noch streitet, ob in diesem oder jenem Falle die Frage nach geschichtlicher Wahrheit oder Unwahrheit schon einwandfrei geklärt ist oder nicht. Uns kommt eS nicht auf das Wort an, — aber alles auf seine denkende Durchdringung. Wer die Erwähltheit Israels richtig versteht, wer — wie oben gesagt wurde —ettte Aufgabe in sich findet (was keineswegs mit einer „Betätigung" identisch ist), der erlebt den Auszug ans Aegypttzn alt sich selbst und in sich selbst: er braucht dazu weder eilt Landgebiet, noch Rosse, noch Wagen: aber er kennt den Vorgang eines Auszuges, der „mcawduth l'chcruth", von der „Knechtschaft zur Freiheit" führt, von der Knechtschaft der Bedingtheit in die Freiheit der Unbcdingtheit seiner Seele, er gelangt von der Gebundenheit in die Ungebundenheit, er ist aus Aegypten gezogen in das freie Land seiner tiefsten Innerlichkeit, er empfindet die Erwähnung des Auszugs aus Aegypten als den Gedanken des Kiöduschgebetes zuinnerst zugehörig, er weiß, daß es bei dieser „Heiligung" zuletzt nicht auf den Sabbat und nicht auf den Wein ankommt, sondern er hat für sich selbst,Fiddusch" gemacht —, er hat sich geheiligt! Die Hauptversammlung des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus. Am 30. Mai hielt der Verein zur Abwehr des Antisemitismus seine vom Vorsitzenden, Reichsminister a. D. Dr. Gothein, geleitete Tagung in Frankfurt a. M. ab. Aus allen Teilen Deutschlands waren Vertreter anwesend. Der Geschäftsbericht stellte das starke Anwachsen der Bewegung und die erfreuliche Steigerung ihrer Wirkung fest. Mit der Tagung war ein Vortragsabend vor geladenen Gästen im Börsensaal verbunden. Herr ReichSminister a. D. Dr. Gothein erinnerte in seiner Begrüßungsansprache an den größten Sohn Frankfurts, Goethe, dessen Menschheits- und Toleranzprinzip Antisemitismus ausschüeßen und der ganz zu Unrecht von den Antisemiten unter Verdrehung mrd Sinnesfälschung eines Zitats aus „Wilhelm Meister" für sich in Anspruch genommen wird. Eindringlich warnte Gothein vor der Rassentheorie, da die wissenschaftliche Forschung heute noch mit Hypothesen arbeitend, bis jetzt noch keine klare Definition und Gruppierung dcS Rassenbegriffs gefunden habe, keinesfalls aber eine Scheidung nach minder- und höherwertigen „Rassen" znlasse: dem stehe schon entgegen, daß sowohl die Deutschen wie die Juden Mischvölkcr seien. Maßgebend für uns mutz sein, daß Deutscher ist, wer die deutsche Muttersprache spricht, wer der deutschen Kultur zugehört und an ihr mitarbeitet, und wer fürs Vaterland Gur und Blut einzusetzen bereit ist. Unehrenhaft und roh ist die antisemitische Gehässigkeit gegen die AngehötMkvit einer Glaubensgemeinschaft, die im Weltkriege 12800 Sölme dem deutschen Vaterland geopfert hat. / " ': Das Hauptreferat hielt Herr UniversrlätsprvsessoxzM:- heimrat Dr. Walter Götz-Leipzig über „Der Antisemmsmus im neuen Deutschen Reiche seit 1870". Nie hatte es vor dem 19. Jahrhundert einen politischen Antisemitismus gegeben: was in früheren Jahrhunderten an Judenverfolgungen vorkam, waren bedauerliche Auswüchse religiösen Fanatismus (Kreuzzüge!) oder blinden Aberglaubens (Judenverfolgungen bei Pestepiöemien). Der seit den Freiheitskriegen lebendige Liberalismus ließ keinen Antisemitismus zu. Auch das erste Programm der aus den sozialen 3rüten der 80er Jahre erwachsenen christlich-sozialen Arbeiterpartei deö Hofprcdigers Stöcker enthält noch kein einziges Wort gegen das Judentum. Zunächst gleich der Sozialdemokratie vom Sozialistengesetz bedrückt, stellte sich aber Stöcker um, wandte sich statt an die Arbeiter nunmehr an die damals schwerbedrückten Kreise des Handwerks und der kleinen Kaufleute und benannte diesen, die in ihm den Retter sahen, den Juden als schuldig an der sozialen Nor. Die Jugend, die neue Ideale suchte, nachdem der Liberalismus mit der Reichsgründung feine nationale Aufgabe gelöst hatte, nahm begeistert deu GedankcngUng Stöckers auf. Aber mit der durch die sog. Kathedersozialisten geförderten Erkenntnisse der wahren Zusammenhänge der sozialerr Lage fielen viele Anhänger von Stöcker ab: gerade seine talentvollen jüngeren Mitarbeiter, deren bester Friedrich Naumann war, suchten neue Wege zur Lösung der sozialen Frage. Rapide sank die politische Bedeutung der Antisemiten: von 10 Abgeordneten im Jahre 1895 auf 2 im Jahre 1909. Die eigenen politischen Vertreter (Ahlwarth!) hatten die Bewegung kompromittiert: zerspalten und zerflattert war sie als politischer Faktor vorläufig erledigt, zngrundegcgangen an der Aussichtslosigkeit, mit Antisemitismus die soziale Frage lösen zu können: an der Unvollkommenheit in sachlichen Dingen, ebenso auch an der Unvollkommenheit der Menschen, welche die Bewegung führten. — Zum zweiten Male entstand ein politischer Antisemitismus, als nach dem Zusammenbruch 1918 viele Deutsche nach den Urhebern der schweren Notstände suchten, als ein greifbarer Schuldiger gefunden werden mußte für das unbegreifbar schwere Schicksal. Wir alle kennen diese Bewegung ans eigenem Grieben, kennen auch die Kleinheit, Uneinigkeit und Machtsucht ihrer Führer. Auch diese zweite Phase bricht nun au fiäi selbst zusammen, schon wirkt sich ihre Gehässigkeit mehr am politischen Konkurrenten als am vermeintlichen Feinde aus. — Die Geschichte lehrt, daß mit Antisemitismus irgendeine Erneuerung im wirtschaftlichen, geistigen oder staatlichen Leben nicht herbeizuführen ist. Antlsemiiismus als politische Bewegung kann nur wachsen in dem psychologischen Moment, wo ein Sünöenbock von denen verlangt wird, die die eigentlichen Zusammenhänge nicht zu durchschauen vermögen. Als zweiter Redner sprach Herr Regierungsrat Dr. Steiger, Berlin, über „AntisemiüSmus im Lichte des Christentums". Das Judentum ist die Basis des Christentums: Jesus selbst sagt, daß er das alte Testament erfüllen, nicht auslösen wolle. 274 Stellen im Neuen Testament sind wörtliche Zitate aus dem Alten Testament und das höchste Gebot des Christentums, das „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!" ist schon im 2. Buch Moses ausgestellt. Gerade von diesem zur ersten Maxime erhobenen Gebot der Nächstenliebe aus ist Antisemitismus für einen Christen unmöglich. Anöererseüs führt mehr oder weniger zwangsläufig der völkische Kampf gegen das^ Judentum letzlich zu einem Kampf gegen das Christentum. In hochinteressanten Einzeldarstellungen entrollte der Redner ein Bild der Unzahl von völkischen Bünden die auf Wiedererweckung heidnischer Religion und heidnischer (dabei sittlich höchst bedenklicher!) Gebräuche hinauKlaufen» Rach eine« Rückölicl!