Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 7 (1927)
- Issue
- 23 (10.6.1927)
- Date
- 1927-06-10
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Jahrgang Das jüdische Gebet. toftftCeit Alles Malten unsres eine Handlung. Detml Lon Rabbiner Dr. Iwan Grün, Frankfurt a. O. . GS gehört zum Wesen öeS jüdischen Gebetes, daß es nicht er» Ursprüngliches bedeutet, fonüern daß es an Lre Stelle eines Ursprünglichen getreten ist und es ersetzen will. Die Zeit des Gebetes ist einst die Zeit des Opfers gewesen. Der Sinn des Opfers sollte m Gebete sich wieöerftnden und erneuern. Beten Sedentet darum opfern. Der Mensch, der zn Gott brtn't tX *er*etttffC/ ^r seinem Gotte ein Opfer , ist das Beten seiner eigensten Bedeutung nach nicht die Bitte um etwas, nicht die Forderung, die etwas kerbeiwünscht und nach etwas verlangt, nicht die Sehnsucht nach einer Verwirklichung und Erfüllung, sondern es ist ein Geben, ein Darbringen, em Schenken des Menschen, das Geschenk, die Grbe für den Ewigen. DaS Räucherwerk, das da aufsteigt -um Himmel, und das emporgesandte Gebet, beides ist nicht voneinander zu trennen, der opfernde und öer betende Mensch, sie bedeuten im Grunde einundldasselbe. „Mein Gevet bestehe als Weihrauch vor dir und das EmporLeLen meiner Hände als Opfergabe des Abends." (Psalm 141, S.) Das wahrste Wesen des Opferaber ist die Selbstwahrhafte Opfern verlangt ein Aus- M, eS bedeutet ein selbstloses Tun, . Jte nicht um eines Gewinnes, um erneS Vorteils willen erfolgt. ES ist der große Augenblick in unserem Dasein, in welchem jedes Jchmoment, jede Selbstbezogenheit ein Ende findet, in welchem die Fähigkeit Learnnt, verzichten unö entbehren zu können, ohne die Msicht, dafür etwas zu erhalten und zu empfangen. Man wird aum Menschen der Uneigennützigkeit, der sich selbst etwas zu nehmen vermag, der abhebt von dem, was ihm zu eigen ist, der da die „Hebe" spendet von seinem Besitz, von seinem Vermögen, ohne daß er ein Leid dabei empfindet. So ist auch alles wahre Beten ein selbstloses Wollen. Es ist die Gabe, diese Hingabe des. Menschen an Gott, die für den Menschen ohne Nutzen und ohne Dorteil bleibt. Das Gebet, es bedeutet Selbstlosigkeit im letzten und höchsten Sinne. Denn das, was der betende Mensch sich selber nimmt, was er aufgibt und worauf er verzichtet, das ist doch das eigenste Eigentum, das er besitzt. Er gibt sich selber auf, gibt sich selber hin. Sem eigenstes Selbst bringt er dem Ewigen, seinem Gotte, dar. Er nimmt die Hülle von seiner Seele hinweg, offenbart sein Innerstes, das, was als ein Geheimnis in ihm ruhte und verborgen war. Was er bisher für sich behielt, was er in sich hütete und bewahrte, das gibt er jetzt preis, was ihn in feinen tiefsten Liefen bewegte und erfüllte, das vermag jetzt zu reden. Sein Herz öffnet sich, feine Seele erhebt sich zu Gott. Auch das ist eine »Hebe", die äußerste, die ein Mensch zu bringen vermag. Zu jedem Betenden spricht so das Gebot, zu entbehren und zu entsagen, nicht zu trachten nach Nutzen, nach Vorteil und Gewinn. Darum finden jedes wahrhafte Gebet und somit jede aufrichtige Frömmigkeit ihren stärksten Widerspruch, ihren erbittersten Gegner im Materialismus. Tenn mit jedem Materialismus verbindet sich stets ein Egoismus, dieses Ichmoment, diese SelVsMezogenheit. Jeder Mensch, dessen Dasein sich im Materiellen bewegt, wird ein für sich wünschender und fordernder, der nach seinem eigenen Nutzen, nach seinem eigenen Gewinn, nach seinem eigenen Vorteil strebt. Darum sind Zeiten des Materialismus immer Zeiten einer religiösen Verflachung gewesen. Darum sind die Menschen, welche in Liesen Zeiten lebten, zumeist Menschen gewesen, -Le nicht zu beten vermochten. Denn wie sollte man wahrhaft beten können, dort, wo man sich daran gewöhnte, nicht zu entbehren, sondern nur zu empfangen, nicht hinzugeben, sondern nur hinzunehmen. So trieb eS die Menschen heraus aus dem Gotteshaus, sie hatten keine Zeit mehr, dort zu verweilen. Denn Zeit konnte um Geld und Gut veräußert werden. Sie wurde teuer bezahlt, wenn man sie hergab. Zeit kostet Geld, so ist es vielleicht zum geflügeltsten Worte -er materiellen Welt geworden. Beten aber erfordert Zeit. Denn beten kann man nicht beiläufia. «Mt gelegentlich nur, bei irgendeinem Einfall und ichendekrer Stimmung. Sondern Beten verlangt ein bestimmtes Gerichtetsein öeS Menschen, nicht eine Gelegenheit nur, sondern ein Ausgefülltsein von Stunden und Augenblicken. Es ist einmal die Zeit, die nichts Lostet, die Stunde, der Augenblick, den man opfern will, den man geben, hingeben will, ohne von ihm etwas zu haben. Eine Stunde der Selbstlosigkeit, eine Stunde der Uneigennützigkeit, eine Stunde des Opfers, das will, das soll die Stunde des Betens sein. Und das ist ja auch der eigentliche Sinn des Gotteshauses, dieser Stätte, an der Menschen sich zusammen finden, um zu beten. Es bedeutet eine Welt für sich, eine Welt mit ihrem eigenen Leben, mit ihrer eigenen Zeit, ja vielleicht mit der Zeit überhaupt. ES ist der ruhende Pol in dem Zeitmangel, in der Flucht der Erscheinungen, die Stätte, an der der Mensch wirklich zu seinem Eiqentume gelangt, wo er sich selber findet, wo er die Zeit eben findet, die nicht fvrtgegeben, die nicht verhandelt unö verkauft worden ist. Dieser eigenartige Weg, der einerseits ein selbstloser ist, andererseits aber gerade doch einen Weg zu ück selbst bedeutet, mit ibm verbindet sich stets ein Kämpfen und Ringen im Innern des Menschen. Es ist -er Kampf zwischen dem Gelbstverlangen und der Selbsterkenntnis. ES ist ein Widerstand, ein Widerstreben deS einen gegen daS andere. Denn beide wirken aufeinander entgegengesetzt. Selbstverlangen ist immer ein Verzichten auf lein Ich. ein Aufgeben, ein Verkaufen seines Selbst. ES ist ein Weg von sich fort, ein Entfernen von seiner Seele.. Und Selbsterkenntnis bedeutet doch gerade umgekehrt den Weg zu sich hin, den Besitz feines Ich, em Sichfelberfinöen, ein Sichselberhaben, ein Gelangen zu seinen tiefsten Tiefen, ein Sichnahebringen seiner Seele. Betende Menschen sind darum solche, die es vermögen, in sich hineinzirschruen, die es verstehen, hinetnzublicken in das Geheimnis ihrer Seele. Es sind Menschen der Selbstüberwindung, die kämpfend und ringend durchs Leben gehen, die immer wieder ankampfen und Niederhalten das in ihnen aufstrebende und aufbegehrende Selbstverlangen. die ihrer Seele all den lockenden und versuchenden Gewinn zum Opfer bringen. So hat es denn auch die Bibel dem König David in den Mund gelegt: „Dein Knecht hat sein Herz gefunden, um vor dir das Gebet zu verrichten. (2. Buch Samuel 7, 27.) Nur.wer fein Herz gefunden hat, wer so sich selber besitzt, vermag wahrhaft ein Gebet zu sprechen. Aber Selbsterkenntnis setzt auch noch etwas anderes voraus al§ nur Selbstüberwindung. Sie fordert vom Menschen vor allem auch, daß er sich selbst nicht verleugne, daß er sich selbst nicht trüge und betrüge. Sie verlangt vom Menschen Ehrlichkeit, damit eS ihm gelinge, zu sich selbst zu kommen, sich selbst einmal zu sehen, so wie man wirklich ist, und nicht nur so wie man sein will, sich selbst einmal zu schauen mit allem, waS einem fehlt und wange^. Ehrlichkeit bedeutet im Grunde nichts anderes als ein großes Geständnis deS Lebens, ein Eingeständnis über das, was man wirklich seinem Tiefsten und seinem Innersten nach ist, das dem Menschen Klarheit gewährt über seine Anlagen unö Fähigkeiten, über all seine Kraft und all sein Können. Der ehrliche Mensch kann sich nicht verleugnen, kann sich und andere nicht himvegblenden und yinwegtänschen über seine Fehler und seine Mängel, über seine Unfähigkeit und seine Schwäche. Er will alles das bessern und meistern. Darum besitzt er nicht den Ehrgeiz, für die andr en und vor den andern etwas zu sem. Er sorgt sich nicht um das, waS andere von ihm halten und über ihn denken. Er will sich selbst erkennen, erkennen, so wie der Sinn des Betens vielleicht seine gedankenreichste Auslegung gefunden hat, ,chrn Schaden seines HerzenS". (1. Buch Könige, 8, 88.) Zu ihm spricht immer üaS Gebot, über sich selbst zu denken, ülyer sich selbst nachzusinnen, dieses Gebot an sein Gewissen. Oder anders gesagt: ES ist das Wort öeS Ewigen, die Stimme Gottes, die zu ihm redet. Diese Zwiesprache zwischen Gott und Mensch bedeutet das Gevet. Das Wort Gottes redet zum Menschen, und das Wort des Menschen redet zu Gott. So begegnen sich beim Beten die Worte beider. Sie begeanen sich und werden eins miteinander. Denn der Mensch beginnt am Ende zu sprechen mit den Worten Gottes. Gott und Mansch, sie sprechen beide schließlich nur noch eine Sprache. So hat die Religion des Judentums denn auch ihre eigne Sprache des Gebetes. Der betende Jude spricht in dieser „heiligen Sprache", in dieser Ursprache des göttlichen Wortes, in welcher das Wort Gottes, der Geist des Ewigen sich zuerst offenbarte und zu erkennen ggb. Die hebräische Sprache bedeutet die große Begegnung zwischen Gott und dem jüdischen Menschen. Das Wort, das Gott einst gesprochen, das durch die Bibel uns gekündet ist, es ist zum Worte des frommen Beters in Israel geworden. Gott und Mensch sprechen eine Sprache. Die Frage, die Anfrage Gottes an das menschliche Gewissen und die Antwort des Menschen auf das göttliche Gebot, eS ist einuudderselbe Klang der Worte, es sind Worte, die zu Worten des Gebetes geworden sind. So deutet sich uns das Gebet als das einigende Band zwischen Gott und Mensch. Es ist der Bund, den Gott mit dem Menschen schließt. Beide finden sich zu inniger, zu liebender Gemeinschaft, so wie sich Menschen oft auch finden, Mann und Frau, zum Bunde der Liebe. Auch das ist vielleicht oft für den Menschen eine Stunde des Betens, dieser Augenblick, in dem zwei Menschen einander zu verstehe« beginnen, einer dem andern in die Seele zu schaues vermag. Einer will sich dem andern schenken,. etneH gibt für den anderen sein Ich, sein eigenstes Eigentum her. Man bringt einander sein Opfer dar, dieses Opfer, das da pretsgibt das Geheimnis der rnensH« lichen Seele. Man spricht sich aus. so daß eben nichtt mehr zu sagen bleibt. Man hat das Herz, sein Hergesunden, um sich dem andern zu eröffnen und z« offenbaren. Man betet sich an. Und als einziger Wunsch bleibt nur die gegenseitige Bitte, daß einer den andern erhöre. Auch dem Menschen, der zu Gott betet, der sein Ich hergibt, indem er sein tiefstes uninnerstes Geheimnis dem Ewigen opfert, der sei« Herz ausschüttet vor Gott, sich ausspricht, so daß er nichts mehr zu sagen hat, ihm bleibt nur noch -ie Bitte: „Ewiger, erhöre mich!" Gedanken zum Kiddusch-Gebet. Don Hauptkantor Bernhard Alt, Danzig. „Gepriesen seist Du, Ewiger, unser Gott, König der Welt, öerschafftdieFruchtdeSWeirrstocks." „Gepriesen seist Du, Ewiger, unser Gott, König der Welt, der uns geheiligt hat durch seine Gebote, an unS Wohlgefallen gesunden und seinen heiligen Sabbat in Liebe und Wohlgefallen uns hat zuteil werden lasse», — ein Andenken an das Werk der Schöpfung. Denn es ist der Tag des Anfangs der heiligen Verkündigungen, ein Andenken an den Auszug ans Äegnpten. Ja, uns hast Du gewählt und uns ha st Dugeheiligtvoualle «Völkern, und Deinen heiligen Sabbat hast Du uns in Liebe und Wohlgefallen zuteil werden lassen. Gepriesen seist Du, Ewiger, der den Sabbat geheiligt." * Der Freitag-Abendgottesdienst ist kurz vor dem Ende, der Vorbeter hebt den mit Wein gefüllten Becher und nimmt mit diesen Worten den die Heiligung des göttlichen Namens unö des Sabbats (Feiertags) vor. In manchen Gemeinden sogar das Gesicht der Gemeinde zugewanöt, — damit der Bedeutung de- AugeiEicks und der Worte Ausdruck gebend, von denen keines der Gemeinde verloren gehen soll. Es ist, wenn auch am Ende stehend, das Herzstück des Abendgottesöienstes. Die Worte sind nicht sonderbar. Die gleichen Gedankenverbindungen kehren an sehr vielen Stellen des Gebetbuches wieder, wie ja überhaupt unsere Gebete sich iribaltsmäßig häutig stark ähneln, weil sie rein wörtlich mehr der Ausdruck des A n b e t e n S, als des Betens sind. Von der Bedeutung des Sabbat, der Währung Israels aus den (Heiden-Mölkern, dem Auszug aus Aegypten ist in unserem Siödur immer wieder die Rede. Gar von Gott, als dem Schöpfer, nicht nur öeS Weines, sondern aller Dinge! WaS dieses Gebet von andern wesentlich unterscheidet, ist: daS Nichtbeanügen mit dem Wort und die Darreichung eines materiellen Genußmittels im GotteShaisle. Somalisch. DieS nicht immer nur: vielfach gibt wan auch ^^niaf>enK Kinde, wirklich davon zu trinken. Auch ist es nicht das einzige Mal, wo