Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 7 (1927)
- Issue
- 22 (3.6.1927)
- Date
- 1927-06-03
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Rofenthal-Köln gewählt. SC» Hauptpunkt dieser Sitzung rvurde die Errichtung der pädagogischen Simultan-Akadcmie, Frankfurt a. M. und im Zusammenhang damit die Dozentur des Herrn Rabbiners Dr. Horovttz-Krankfurt a. M. erörtert. Namentlich aus Lehrerkreisen wurde gefordert, datz bet der Ausbildung der jüdischen Religionslehrer in Zukunst die gleichen Voraussetzungen innegehalten werden müßten wie bei derjenigen der preußischen Volksschullehrer, also Abiturientencxamcn und Akaöcm-iobesuch. Es wurde ein Beschluß des Inhalts gefaßt, die jüdische Sektion der neu errichteten simultanen Akademie, Frankfurt a. M., mit allen Mitteln zu fördern. Ferner wurde auch von diesem Gremium eine Kommission zur Prüfung geeigneter Literatur für den Unterricht in jüdischer Religion und Geschichte bestellt. Auf die Eingabe des Allgemeinen deutschen Kantor en-Berban des hin wurde beschlossen, in die beantragte Prüfungskommission für Kantoren hinsichtlich ihrer fachlichen und anderen Eignung einen für diese Aufgabe besonders interessierten Gelehrten zu delegieren. Der Landesverband soll ersnckt werden, die direkte Subventionierung von jüdischen Schulen durch den Staat anzuregen und zu fördern. Schließlich einigte man sich dahin, daß die beiden Unterrichts-Ausschüsse (liberaler und konservativer) in allen nichtreliglöscn Fragen in Zukunft gemeinschaftlich beraten sollen. Neue Ausgrabungen in Palästina. Aus Jerusalem wird mitgeteilt: Eine der für die antike Geschichte deö Landes wichtigsten Entdeckungen ist anläßlich der Ausgrabungen geschehen, die von der Expedition der Pacific School of Religion, unter Leitung des Professors William F. Bade, ungefähr zehn Kilometer nördlich von Jerusalem im judäischen Bergland unternommen werden. Die Entdeckung geschah in Tell en Basbeli, das ungefähr fünf Kilometer nord-nordöstlich von Nebi Sanwil liegt, das nach lokaler Tradition als die Begräbnisstätte des Propheten Samuel gilt, und bisher als das in der Bibel in der Richterzeit oft erwähnte Mizpah tm Lande Benjamin angesehen wurde, wo der Prophet Samuel gelebt hat. Nach den neuen Ausgrabungen in Tell en Basbeh scheint aber das alte Mizpah an dieser Stelle gewesen zu sein. Die Ruinen, die gefunden wurden, deuten auf eine uralte kanaanitische Stadt. Die Stadtmauer, von der ein Teil freigelegt wurde, ragt etwa acht Meter über die Grundsteine empor und ist bis sechs Meter dick. Ursprünglich muß diese Mauer noch sechs Meter höher gewesen sein. Ihre Konstruktion und die vollendete Ausführung der Arbeit sind bewundernswert. Sie stammt wahrscheinlich aus dem Jahre 1800 v. Chr.. die gefundenen Töpferwaren deuten aber noch ans eine frühere Periode. Die unter der Leitung der Professoren Lake und Blake stehende Harvard-Michigan-Sinai-Expedition hat die Ueberführung der Steinschrift-Fragmente vom Sinai in das Museum von Kairo vollzogen. . Es sind dies, wie die Forscher behaupten, die ältesten bisher entdeckten semitischen Schriftzeichen. Während des letzten Aufenthaltes auf dem Sinai hat die Expedition weitere zwei Inschriften entdeckt. Die ersten Sinai-Inschriften wurden bekanntlich von Sir Flinders Petrie gefunden. Professor Grimme untersuchte sie und wollte aus einigen von ihnen die Geschichte Mose mittels hypothetischer Entzifserungsmethode herausgelesen haben. (Jta.) Sprechsaal Die „Universität" in Palästina. z. Zt. Berlin W10 Königin-Augusta-Str. 24 15. Mai 1927. An die Redaktion der jüdisch-liberalen Zeitung Berlin SW. Sehr geehrte Herren! Im Interesse einer sachlichen Richtigstellung bitte ich Sie. diesen Brief in der nächsten Nummer Ihrer geschätzten Zeitung zu veröffentlichen. . In Nr. 16 Ihrer Zeitung vom 22. 4. 27 ist u. a. folgendes über die Hebräische Universität von Herrn Staatsrat a. D. Cohn-Dessau ausgcführl worden: „Aber die Universität besieht aus vier oder fünf Zimmern mit chemischen Instrumenten. Ein Professor ist dg und 70 oder 80 Schüler, die mau bei uns kaum als Vollreife Studenten ansprechen würde. Dann gibt es noch ein paar Zimmer in der Stadt, in denen gelehrt wird. Biel anders ist nicht da. Die Universität ist 20 bis 25 Minuten zu Fuß von der Stadt entfernt. Den Namen Universität verdient sie heute noch nicht." Diese Ausführungen sind eine gröbliche Irreführung Ihrer Leser, die ich mir um so weniger erklären kann, als Herr Staatsrat Cohn-Dessau in Nr. 10 Ihrer' Zeitung ausdrücklich erklärt, die Universität gesehen zu haben. In Wirklichkeit besteht das chemische Institut nicht aus „vier oder fünf Zimmern mit chemischen Instrumenten", sondern, abgesehen von Hörsaal, Bibliothek usw., aus über zwanzig , glänzend eingerichteten Laboratorien. Es arbeiten dort außer dem Professor (Joclor) etwa 15 wissenschaftliche Mitarbeiter. Das Institut hat eine eigene Kraftstation, eigene Gaserzeugungsanlage, mechanische Werkstatt sowie Glasbläserei. Seit dem Bestehen des Instituts (etwa 2)4 Jahre) sind ca. 30—40 wissenschaftliche Publikationen in deutschen und englischen Zeitschriften erschienen. Aus das Allerencschiedenstc protestiere ich gegen die beleidigende Herabsetzung unserer Studentenschaft) die Aeußerungen von Herrn Cohn-Dessau gegen unsere Studenten, die in nichts denen anderer Universitäten nachstehen, sind absolut unmotiviert! Herrn Staatsrat Cohn ist es bei seinem Besuch der Universität ferner entgangen, daß außer dem chemischen Institut noch folgende Institute (mit Laboratorien) bestehen: 1. ein Hygienisches Institut unter der Leitung von Pros. Kliegler) 2. ein mikrobiologisches Institut) 3. ein naturwissenschaftliches Institut unter der Leitung von Pros. Marburg) 4. ein Röntgeninstitut) Don geisteswissenschaftlichen Instituten existieren: 1. ein judaistisches Institut) 2. ein orientalistisches Institut) 3. ein mathematisches Institut. Die Anzahl der Professoren und Dozenten in diesen Instituten ist so groß, daß ich mir an dieser Stelle die Aufzählung der Namen ersparen will. Ferner veranstaltet die Universität Ausgrabungen <88 wäre noch zu betonen, daß der Neubau der Bibliothek schon seit Monaten im Gange ist und der. Bau des physi- Sersammlungskalender Bevlin.Norden. Liberale Synagoge Norden (im Anerbachfchen Waise«, Hans. Schönhauser Allee 162): Gottesdienst: Freitag, de» 3. Juni, aicnbs 7,15 Uhr. Predigt: Rabbiner Dr. Salo» monfki. Sonnabend, den 4. Juni, vormittags 10 Uhr. Bres>la«. Jli „Abraham Geiger". Sonntag, den 5. Juni, Drei, viertel-TageSansflng „Rund «m den Zobten". Abfahrt 8 Uhr vormittags Hauptbahnhof. Treffpunkt: S'A Uhr vor dem Nordhotel. Führung: Ludwig Freund, Neudorffstr. 87. Fernsprecher: Stephan 38 820. Gäste herzlich willkommen. kalischen Instituts wohl während meiner Abwesenheit begonnen hat. Die Universität ist wirklich — an der schönsten Stelle Jerusalems, auf dem Skopns gelegen — 25 Minnten zu Fuß von der Stadt entfernt, durch einen regulären Autvmobildienst mit dieser verbunden. Selbstverständlich bestehen noch nicht alle Fakultäten, aber noch nie ist eine Universität in drei Jahren entstanden! Mit vorzüglicher Hochachtung Dr. phil. Dipl. agr. Adolf Reisenberg (Assistent am Institut für Bio- und Kolloidchemie der Hebräischen Universität. Jerusalem) * ¥t * Hierzu schreibt «ns Herr Staatsrat a. D. Dr. Cohn- Dellau: Bon den Zionisten ausgestellt, befand sich in der prächtigen jüdischen Abteilung der Gesvlei u. a. ein Diorama, das die Universität Jerusalem darstellte. Da waren, wie mir ein gewichtiger Augenzeuge erzählte, sechs oder acht mehr oder weniger umfangreiche Gebäude zu sehen, die sich dem Auge des Beschauers als einheitliche Anstalt darboten. Als mein Gewährsmann seinem Erstaunen und seiner Freude darüber Ausdruck gab. daß in so kurzer Zeit soviel geschaffen sei, erklärte der daneben stehende junge Zionist, der die Aufsicht führte, daß die Baulichkeiten nur im Entwurf dargestellt seieil, fertig sei erst ein einziges Gebäude! Das war. wenn es Herr Dr. Reifenbera wissen will, „eine gröbliche Irreführung" der Besucher der Ausstellung. Denn an dem Diorama stand zu lesen „Universität Jerusalem" und nicht etwa „Entwurf der Universität Jerusalem". So sind auch die Institute, die Herr Dr. Reifenberg aufzählt, vorläufig nicht viel mehr wie Entwürfe, wenigstens im Sinne von dem, was wir Deutschen unter Institut einer Universität verstehen) die Vielzahl der Namen blendet nur den Unkundigen) es sind das eben, um mit meinem Bericht zu sprechen, „die paar Zimmer in der Stadt, in denen gelehrt wird". Auch an meinem Urteil über das chemische Institut, das, gemessen an gleichartigen Instituten deutscher Universitäten, ebenfalls nur einen Anfang darstellt, habe ich nichts zu ändern) ich habe das chemische Institut eingehend besichtigt. Was den Bluff an der jüdischen Universität ausmacht, das ist. daß man die Einrichtung eine Universität nannte, ehe nur die einfachsten Voraussetzungen dafür Vorlagen. Münster hatte lange Jahrzehnte zwei volle staatliche Fakultäten und durfte sich nicht „Universität", sondern nur „Akademie" nennen! Wie große und umfassende wirtschaftliche und wissenschaftliche Voraussetzungen mutzten geschaffen sein, ehe der.Staat die Lehrinstitute in Köln und Frankfurt a. M. als Universitäten anerkannte. In Jerusalem sind vorläufig nicht mehr wie erste Wurzeln für das mnHärrdeij, wirs dev Mitteleuropäer eine Universität zu nennen gewohnt ist. Wie bei der Besiedlung des Landes, so ist auch hier der stete. Zufluß ungeheurer Geldmittel notwendig,' wenn die Leürinstitute wirklich eine „Universität" in der ganzen Bedeutnng des Wortes werden sollen. Herr Dr. Reifenberg sagt, die Universität liegt „an der schönsten Stelle Jerusalems") er hat leider recht: die Aussicht von der Universität ist viel schöner wie die Aussicht für die Universität. Nur meine ich. datz, nachdem sie einmal errichtet ist. auch wir deutschen Juden die jüdische Wissenschaft in Palästina unterstützen sollten, freilich in den Grenzen unserer Kraft und unter Bevorzugung der deutschen Bedürfnisse. Dabei denke ich nur an den Gesichtspunkt jüdischer Wohlfahrtspflege. Denn mit der Schaffung eines jüdischen Kulturzentrums in Palästina sieht es ebenso windig aus wie mit der Schaffung eines politischen Zentrums. Hätten wir Juden noch nötig, der Welt zu zeigen, was die Juden in der Wissenschaft bedeuten, wir brauchten nur ans die Inden zu verweisen, die in der Kaiser Wilhelm-Gesellschaft in Dahlem an führender Stelle stehen. Es wird, wenn überhaupt, lange Zeit vergehen, ehe von einer solchen Anhäufung führender Wissenschaftler aus jüdischem Stamm in Jerusalem etwas zu sehen sein wird. Böswillige Märchenerzähler. Verchrliche Redaktion! Sic übermitteln mir das „Jüdische Wochenblatt" und die „Jüdische Rundschau", damit ich mich von der Wirkung meines „Sprechsaal"-Artikels „DaS Ideal der Propheten" (in Nr. 10 der „Jüdisch-liberalen Zeitung") überzeuge, un& ich muß gestehen, daß ich über diese Wirkung anss höchste überrascht bin. Ich wundere mich natürlich nicht darüber, daß das zionistische Blatt die Zurückweisung eines Werturteils, das den Stand der Chalnzim als öen das Ideal der Propheten am vollkommensten repräsentierenden klassifiziert, übelnimmt. Worüber ich aber ehrlich erstaunt bin. ist die Tatsache. daß ein orthodoxes Blatt, das doch an das Ideal der Propheten einen noch viel strengeren Maßstab anzulegen gewohnt ist als ein „liberaler Zeitungsschreiber", wie es mich nennt, die zionistische Entrüstung über meine Ausführungen nicht nur teilt, sondern sogar vorwegnimmt, so daß sich die „Jüdische Rundschau" damit begnügen kann, das nachzudrucken, was das „Jüdische Wochenblatt" schreibt. Meine Verblüffung hierüber ist um so größer, als ich in meinen Ausführungen stellenweise direkt auf den Standpunkt des „Jüdischen Wochenblattes" und seiner Kreise Bezug genommen hatte. So in dem Satze: „Es wird sicher auch unter den Zionisten viele geben, die froh wären, wenn sich die Chalnzim, so wacker sic sonst sein mögen, zur Religiosität bekehren wollten". Schließlich glaubte ich anuehmen zu dürfen, daß die Grundtendenz des ganzen Artikels allen religiös eingestellten Juden, sic seien orthodox oder liberal, zusagen müßte. Läuft diese Tendenz doch darauf hinaus, daß weniger der Stand des Chaluz als vielmehr der des Rabbiners zur möglichst vollkommenen Repräsentation des P rv p hc ten ide als berufen erscheint. Denn die Autorität des Seelsorgers beruhe auf seiner sittlichen Borbildlichkeit. während die Befähigung zum .Kolonisten ans ganz anderem Gebiete als dem moraltheologischen liege. Als extremsten Beleg für diese Binsenwahrheit führte ich das Beispiel Roms an. das seine ruhmvolle Geschichte als Freistatt für Verbrecher begonnen hat. Und siehe da! Aus meinem ganzen 60 Zeilen langen Artikel ist nur dieser eine Satz, obwohl gerade er mit dem behandelten Thema nur in losestem Zusammenhang steht, dem Wortführer des „Indischen Wochenblatts". Dr. Ernst Simon, im Auge haften geblieben! Er hat ihn, aus dem Zusammenhang hc r aus ge r i sse n. jn so geschickter Aufmachung zitiert, daß der Leser glauben muß, ich hätte — die C h a I u * zim als Verbrecher stigmatisiert! Nach dieser schriftstellerischen Leistung erhebt Herr Dr. Simon neckisch sein Antlitz zmn Leser und fragt in aller Unschuld: „Ein böses Märchen?" Darauf antworte ich: Jawohl, ein böses Märchen! Ein Märchen der allerbösesten Art, närwlich jener, zu deren Herstellung nicht einmal eigene Phantasie nötig ist. sondern bloß ein gewisse- Raffinement tm Zurechtstutzen und Zurechtrücken fremder Gedanken, die auf solche Weise ad absurdum geführt werden fallen. Es ist dies jene Methode, die gemeinhin von den Antisemiten angewendet wird, um die hohe Ethik des Judentums in ihr Gegenteil um zudeuten, und Israel, das auSerwählt wurde, ein Volk von Priestern zn sein, als Abschaum der Menschheit hinzustellen. Diese Hakenkrenzlermethode in einem „Jüdischen Wochenblatt" und einer „Jüdischen Rundschau" praktiziert zn sehen, bedeutet für bas Judentum eine viel größere Schmach als meine Feststellung, daß „besonders wir Inden allen Grund haben, verallgemeinenden Werturteilen moralischer Natur überall entgegenzutreten. Wir würden eS als ungerecht empfinden, alle Chalnzim in Bausch und Bogen als unbotmäßige Abenteurer "m bezeichnen, müssen aber als mindestens ebenso übertrieben ihr Panschallob ablehnen, das sie samt und sonders als Verkörperer des Prophetenideals feiert. Es geschieht damit den Chalnzim, die ebensowenig eine moralisch homogene Masse darstellen wie die gesamte Judcnschast, kein Dienst". Zur Beruhigung aller um die Ehre der Ehaluzim mimosenhaft Zitternden füge ich ausdrücklich hinzu: „Mir persönlich erscheinen solche Elemente als ethisch ungleich höher stehe u d, als jene Lippenbekenner des Zionismus, die sich im Galuth so wohl fühlen, daß sie ihre Sehnsucht nach Zion an den llsern der Spree» des Mains und anderer „Gewässer Babels" in feurigen Gesängen abzureagieren vermögen, die andere dazu begeistern sollen, „Leben und Gut in den Sümpfen Palästinas zu opfern, um einem neuen Geschlecht festen Boden und gesunde Grundlage fröhlichen Wachstums zu schaffen", wie Herr Dr. Simon so schön sagt. Wenn sein Mitgefühl für diese jüdischen Pioniere ed>t ist, dann empfehle ich ihm. cS in zweckmäßigerer Weise zu dokumentieren als durch Verteidigung ihrer Ehre gegen jemanden, der sie gar nicht angreift. Hans Elensburger. Aus der Bewegung Elberfeld. Eine gutbesuchte Mitgliederversammlung deS Jüdisch-liberalen Gemeindevereins — (Ortsgruppe der Vereinigung für das liberale Judentum E. V.) — zu Elberfeld» befaßte sich am Dienstag, den 24. Mai, unter Bezugnahme auf die Verhandlungen gelegentlich der Tagung des libe^ ralen Rabbiner-Verbandes vom 29. März mit der Frage des Verhältnisses des religiösen Liberalismus zum National- Judentum. — Der Generalsekretär der Vereinigung für bas liberale Judentum, Herr George Goetz aus Berlin, dessen souveräne Beherrschung des umfangreichen Fragenkomplexes nicht minder bedeutend ist, als seine große Beredsamkeit, hatte das Hauptreserat übernommen) Herr Rabbiner Dr. Norden-Elberfeld. als Mitglied des liberalen Rabbiner- Verbandes. das Korreferat. Der Vereinsvorsitzende, Herr Rechtsanwalt Strauß, eröffnete die Sitzung und legt die Gründe dar, die zur Einbarnfung der heutigen Versammlung geführt haben,' er weist darauf hin, daß inzwischen in der nämlichen Frage eineMefolntion des Vorstandes der Vereinigung für das liberale Judentum zustandegekomm-en und veröffentlicht mordest"s?i, und bittet, die beiden Resolutionen, die der liberalen Rabbiner und die bereits genannte, in einen Vergleich miteinander zu stellen. Herr Generalsekretär Goetz stellt zunächst fest, daß die Bewegung des religiösen -Liberalismus nicht darauf angewiesen sei, sich lediglich durch die Bekämpfung anderer innerjüdsscher Richtungen zu erhalten. Liberales Judentum fei etwas Post» tives und habe die Aufgabe, das Judentum als Idee, rein geistig rn die Zukunft zu tragen. Wenn wir uns gegen den Zionismus wehren, so geschähe das aus religiösen Grüwden, weil durch eine Ideologie, die das Judentum zur Nation mache, das Wesen des Judentums verfälscht werde. Bon der bekannten Resolution der Liberalen Rabbiner sprechend, hält es der Redner für unbegreiflich, daß man in einer entscheidenden Gesinnungsfrage jedem einzelnen die Stellungnahme überließ. Die Resolution des Vorstandes der liberalen Vereinigung bedeutet demgegenüber eine reinliche Scheidung der sich entgegenstchendeu Anschauungen. Für den Zionismus sei das Judentum im Grunde nichts als ein materieller Konrplex (Bluts- und Nassengemeinschaft, Volk und Land). Das sei materialistische Anschauung. und selbst wo sie religiös verbrämt werde, wie etwa in den Reden der Rabbiner Wiener und Maybanm, handele es sich um hier ein Wort des bekannten Rabbiner Dr. Jacob-Dortmund SU zitieren, um mystizistischen Materialismus, der dem Blut oder dem palästinensischen Bode« eine magische Kraft zuschreibt. Unbegreiflich ist für uns, daß ein Rabbiner, der die Blibeltritik anerkennt, und die Verbalinspiration leugnet, von einer Blutsgemeinschaft mit dem Erzvater Jacob und einer Offenbarung für alle Geschlochrter des Volkes Israel redet. Solcher Anschauung stünde diejenige des Rabbiners Dr. Vogelstein-Breslau entgegen, der unzweideutig den Zionismus als mit dem wahren Judentum unvereinbar erklärt habe. Aehnlich hat auch Maimonides gesagt: „Der Glaube ist der Vater aller". Wer sich zur jüdischen Religion bekennt und ihre Grundsätze im Leben verwirklicht. gleichgültig welchen Blutes er sei, ist vollwertiges Mitglied der jüdischen Gemeinschaft, so wie auch ein dem Glauben Abtrünniger aufhöre Jude zu sein. Mit solcher Anschauung sei das Judentum nicht zu einer bloßen Konfession gemacht, denn Judentum sei eine Religion des Tuns. Diese Religion sei für alle Völker. Solcher Universalismns ist das wahre Ideal des Judentums) rvas die zionistische Jugend anbetreffc, so wüste man ihr, ähnlich wie der dentschvvltischen, sagen: Euer Idealismus ist schön, euer Ideal ist schlecht. Was angestrebt werden müsse, ist nicht mir die Emanzipation der Judenhcit. sondern auch die Emanzipation des Judentums. Nicht nur für den einzelnen'Inden und seine bürgerliche Existenz, sondern auch für die welthistorische Idee des Judentums müsse die Losung lauten: Heraus ans dem Winkel und aus der Einengung. Nur wenn das Judentum aller Welt sichtbar sei, könne es seine Mission in ihr erfüllen. — Die einstündige, vollkommen frei vvrgetragene Rede des Herrn Goetz fand den Btoifall der 'Versammlung. Hierauf erstattete Herr Rabbiner Dr. Norden-Elberfeld bas Korreferat. 8me ira et studio verbreitete er sich in ebenfalls einstündiger, wirkungsvoller Rede über das zur Behandlung stehende Thema und quittierte zum Schluß gleichwie der Rsbner des Hauptreferates über den Beifall der Versammlung. Er sprach im Sinne der Rosolutivn des liberalen Rabbinerverbandes und führte ln extenso folgendes aus: Die Tagung der liberalen Rabbiner hat bei vielen Mitgliedern der liberalen Bereinigung Enttäuschung hervorgerufen. Man hatte von den liberalen Rabbinern eine Reso-