Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 7 (1927)
- Issue
- 22 (3.6.1927)
- Date
- 1927-06-03
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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I - i? i Gottes in der Bidet nnib den Offerrbarungen der Götter im hcidmschen Mythos. Der Gott Israels mehrt jede Vorstellung seiner selbst mit allem Nachdruck ad. Es ist ein Negatives, was er von sich aus- Aat: nrit keinem Gotte teilt er seine Göttlichkeit, kein Bild saht ihn, keinerlei Gestalt,' sein Name soll nicht Mißbraucht werden. Aber was er denn nun positiv sei, wie er schaffe, warum und wozu er wirke, darüber gibt er keine Rechenschaft. Und dennoch wird von Gott hier etwas höchst Bedeutungsvolles verkündet: das nämlich, was er von dem Menschen, zunächst dem israelitischen, weiterhin von jedem fordert. Der göttliche Wille wird hier offenbart. Und dieser Wille will nicht sklavische Unterwerfung, will nicht Opfer, auch nicht Gebet, noch irgendeine b-esttrnmte religiöse UeLung, ja auch der Sabbat ist weit über ein „Zeremonialgesetz" binausgchoben. Nicht einmal der Glaube an den Ewigen ist Jichalt seiner Willensoffenbarung (der vielmehr als geschichtlich Erlebtes vorausgesetzt wird). Sein Wille an den Menschen tritt als sittliches Gebot, als eine unbedingte Forderung, das Gute zu wollen und zu tun, ins Reich der menschlichen Sprache, als ein kategorisches „dir sollst" und „du. foW nicht". Und wenn damit von Gottes Wesen nur ein Zug, freilich der für uns Menschen entscheidende, der sittliche Wille offenbar wird, so wird gleichzeittg das eigentliche Wesen des Menschen, der Sinn und der Adel seines Seins enthüllt. Damit wird zwischen Gott und dem höchsten seiner irdischen Geschöpfe die innerste Beziehiuvg aufgedeckt,' der heilige Gott fordert von den: Menschen, den er als sein geistiges Abbild erschuf, das unablässige Streben nach Heiligung. Eben darum verkündet er seine Gebote nicht unter Hinweis aus sein großes Schöpfungswerk, sondern auf die erste gewaltige sittliche Tat, die das Volk von ihm in der Stunde erfuhr, da er den unschuldig Geknechteter: und Unterdrückten gegen die Mächtigen und Unterdrücker mit starker Hand und ernporgehobenem Arme hals. Wird so die Offenbarung vom Sinai mehr zu einer Offenbarung über das Wesen des Menschen als über Las Weser: Gottes, so würden wir ihre Bedeutung doch verkennen, rveun wir sie als eine bloße Selbstoffenbarung menschlicher Vernunft ausfaßten: wie sie in die Erscheinung tritt, das bleibt ihr Geheimnis. Nichts wäre abgeschmackter als Mose zu dem klugen Politiker zu machen, der ein schweres Gewitter und den gleichzeitigen Ausbruch eines vulkanischer: Berges, den mm: seit alter: Zeiten als Götterberg verehrte, dazu benutzte, um dem erschrockenen Volke die vorher sorgfältig ausgeöachterr Grundsätze seiner Religion mit lauter Stimme zu verkünden, um nachher vorzugeben, daß Gott sie selbst verkündet habe. Dem Satz der Thora: „Mose sprach und Gott antwortete ihm mit Donnerstimme" steht der andere Satz gegenüber: ,Jtnd es redete der Ewige alle diese Worte und sprach" und andere ähnliche Sätze. Uns bleibt nichts als das Paradoxe steher: lassen, wie es dafteht: Gott redet und Mose redet, und das Eine ist fraglos so wahr wie das ^Andere. Es zeigt sich hier wie überall in der Religion 'der Bibel, daß ihr Was der Vernunft durchaus zugänglich und angemessen, ihr Woher aber aller Ver- 'mlnft entzogen ist. So erfährt es das Volk an sich als 'die Seiden Seiten eines Bundes, den der Ewige mit ihm geschlossen: Wem: ihm die Gewißheit, daß es von Gott die ewige Wahrheit vernommen, die Kraft, das Derirarren, die Begeisterung zu seiner Sendrrng gibt, so ist das, worin es seine Sendung sieht, nicht das Verborgene — das bleibt „des Ewiger: unseres Gottes", sondern das Offenbare, das rvas „für uns und unsere Kinder bis in Ewigkeit offenbart wurde: m tun alle Worte dieser Thora". Dies „Stehen am Berge Gottes", Lies Eurpsanger: der Thora, d. h. der religiös sittlichen Unterweisung, nach der es fett: ganzes Leben regeln soll, bedeutet für Israel den Beginn seiner Geschichte als auserroähltcs, als Gottes Volk. „Ihr habt gesehen, was ich an Aegypten getan, und wie ich euch auf Adlers Fittichen getragen und zu mir gebracht habe. Wenn ihr nun auf meine Stimme höret und «reinen Bund haltet, so sollt ihr mir tin auserwähltes unter allen Völkern sein, denn mir gehört die ganze Erde. Ihr aber sollt wir fein ein Reich von Priester:: und ein heilig Volk." Das war das grandiose göttliche Vorwort zu den Zehn Worten vom Sinai. So ist es ein Geheimnis und ein Offenbares zugleich, was die Erinnerurrg des Volkes mit jenem Berge verknüpft, der (Mainwnides verweist schon darauf) im Fetter brennt unh zugleich von Dunkel uuv geben ist, dessen zackiges Haupt noch heute in Wolken sich hüllt und um dessen Fuß der blendende, glühende Sand der Wüste sich breitet. Was der große deutsche Dichter von dem Berge sagt, auf den germanischer Heidenglaube den Hexensabbat verlegt, mit wieviel größerem Rechte dürfen wir es von dem Gottesberge sagen, der in die Geschichte nicht nur unseres Volkes, svlchern der ganzen Menschheit majestätisch ragt: Du stehst mit unerforschtem Busen Geheinrnisvoll offenbar lieber der erstaunten Welt Und schaust aus Wolken . Auf ihre Reiche und Herrlichkeit. Sitzung des Allgemeinen Rabbinerverbandes. Preffeansstelluug. Beteiligung an bet Weltfriedenskonfereuz aller Religionen. Eine jüdische Abteilung bei der Kölner internationalen Preffeansstelluug. Am 24. und 25. Mai fand in Kassel eine Sitzung des Zentralausschusses des Rabbinerverbandes in Deutschland statt. Der Vorsitzende Baeck-Berlin eröffnet«: am Dienstag nachmittag die Sitzung mit Worten der Begrüßung an alle Erschienenen. Ein Vertreter des Vorsteheramtes der Jsrealitcn und Herr Dr. Katzenstein als Vorsitzender der Gemeindeältesten entboten den Versammelten die Grütze ihrer Körperschaften, die zu dem wissenschaftlichen Teil als Gäste geladen waren. Dieser wissenschaftliche Teil war dem Andenken des Rabbi Jacob Moln Halevy tMaharil) aus Anlaß seines 500. Todesjahres gewidmet. Levy-Mamz berichtete über „Leben und Bedeutung des Maharil"; Rosenthal-Köln sprach zu dem Thema „aus Maharils Schriftwerk". In der Mittwoch-Sitzung erstattete Dienemann- Offenbach Leu Geschäftsbericht. Er wies darauf hin, daß der Verband seinen Mitgliedern in allen Angelegenheiten der geistigen und wirtschaftlichen Förderung zur Seite stehe, und daß er in steigendem Matze von Gemeinden und Amtsbrüdern als die maßgebende Stelle für die Regelung aller gemeinsamen Angelegenheiten betrachtet und in Anspruch den Landesverband in Preußen erfolgten Subventionierungen leistungsschwacher Gemeinden zum Zwecke der Erhaltung des Rabbineramtes und über die von der Regierung aufgestellten neuen Richtlinien für die Subventionierung. Aus der an den Bericht sich anschließenden ausgiebigen Aussprache ergeben sich mancherlei Anregungen für die weitere Arbeit des Verbandes. Es sollen in Zukunft öfter als bisher in der Presse die allgemeinen Grundsätze des Verbandes erörtert und dargelegt werden, die mit dem Interesse der Allgemeinheit zusammenhängenden Standesfragen sollen häufiger behandelt werden, insbesondere die Forderung der Zugehörigkeit des Rabbiners zum Vorstand. Ein Korrespondenzblatt des Verbandes soll in stärkerer Aufeinanderfolge als bislang herausgegeben werden und die Kollegen von allen wichtiges Vorgängen unterrichten. Einer Anregung, detr Rabbinern in Oesterreich und in der deutschen Schweiz die Teilnahme an der Arbeit des Verbandes zu ermöglichen, soll nachgegangen werden. In einem vor den hohen Feiertagen zu veröffentlichenden Rundschreiben an die Gemeinden soll auf die Heiligung des Sabbaths und dev Festtage mit Nachdruck hingemiesen werden. Wilde- Magdeburg hielt ein Referat über „Die Stellung des Rabbiners zur Friedensbewegung". Nach einer reichen Aussprache wurde folgende von dem Referenten angeregte Entschließung gefaßt: „Der Ausschuß des Rabviuerverbandes in Deutschland begrüßt, getragen von dem Gedanken des Judentums, alle Bestrebungen der Religionen, gemeinsam auf dem Boden der Gerechtigkeit den Frieden unter den Völkern zu fördern. Der Rabbinerverband in Deutschland ist bereit, sich an der geplanten „Weltkonferenz aller Religionen für den Frieden in der Welt" zu beteiligen." Eine in der letzten Ansschnßsitznng eingesetzte Kommission batte einen Normalanstellungsvertrag ausgearbeitet. Jacob- Dortmund berichtet als Leiter der Kommission über ihn. Zu einer festen Entschließung kam eS noch picht, eine Anzahl von Anregungen wurde der Kommission zu erneuter Prüfung überwiesen. Rosenthal-Köl« berichtet über die geplante jüdische Abtellung bei der internationalen Preiseausstellung in Köln: der Verband beschloß, die wirksame Förderung der jüdischen Abteilung, die nicht nur die Presse sondern auch das Buch darstellen wird. Die mmävische« Judenverfolgungen ans dem Kongreß.der Sölkerbundsligen. Im überfüllten Plenarsitzungsaal des Reichstages wurde am Donnerstag, den 26. Mai, der 11. Kongreß des Weltverbandes der Bölkerbundgesellschaften feierlich eröffnet. In der der offiziellen Kongreßeröffnung vorangegangenen Beratung der Kommission für Fragender Nationalen Minderheiten, der etwa 50 der angesehensten Mitglieder des Kongresses angehörcn, wurde neben der Frage der Deutschen in Südtirol sehr eingehend die Frage der Verfolgung der Juden in Rumänien behandelt. Es kam dabei zu teilweise sehr erregten Auseinandersetzungen. Schließlich schlug Baron Adelsward (Schweden) vor, die gesamte Minderheitenfrage einer wissenschaftlichen von objektiven Männern geführten Uirtersnchnng zu unterziehen, da die jetzige Debatte eher zu weiterer Entfremdung als znr Annäherung führe. Dementsprechend wurde beschlossen, sämtliche Angelegenheiten der Minderheiten, auch die der Deutschen in Südtirol, und der Inden in Rumänien erst in der Oktober-Session des Kongresses endgültig zu behandeln und vor das Plenum des Kongresses zu bringen. Ablehnung nationaler Minderheilsrechle durch die Amon österreichischer Juden. Die Union österreichischer Juden hielt ihre vierzigste Jahresversammlung ab, die die folgenden Beschlüsse annahyr: Die Union lehnt es ab. Rechte einer jüdischen Minderheit zu beanspruchen und verzichtet auf die im Friedensvertrag vorgesehenen Schutzbesttmmungen für Minderheiten: sic fordert bloß die Gleichberechtigung der jüdischen Bürger mit den anderen Bürgern Oesterreichs gemäß der Verfügung des Oesterreichischen Bundesstaates. Die Union stellt fest, daß an den österreichischen Universitäten und Hochschulen in den letzten Jahren ein offizieller Antisemismus vorhanden ist. Die Anstellung jüdischer Assistenten, die Zulassung von Inden als Dozenten, sowie die Berufung von jüdischen Gelehrten an österreichische Universitäten hat vollkommen aufgchört. Selbst hervorragende jüdische Gelehrte werden nicht berücksichtigt. Auch sind Beförderungen von Juden nicht mehr vorgekommcn. (Jta.) Vom Preußischen Landesverband. In der vorigen Woche traten die UnterrichtsauSschüsse deS Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden zu Sitzungen zusammen. Der liberale Unterrichts-Ausschuß tagte unter dem Vorsitz des Herrn Rabbiner Dr. Vog-elsteni- Breslau. Es wurde dabei auf die Notwendigkeit hingcwiesen, eine eigene jüdische Lehrerbildungsanstalt ins Leben zu rufen, da in kurzer Zeit ein Mangel an jüdischen Lehrern eintreten dürfte. Demgemäß wurde ein Antrag angenommen, der de» Rat des Landesverbandes ersucht. spätestcusdÄs zum 1. Oktober d. Js. -in Berlin eine Religionslchrer- Bilduugsanstalt zu erpichtem Herr Studiendirektor Dr. Driesen-Franksurt a. M. erstattete Bericht über die Dozgtiottlr bei der jüdischen Sektion der Frankfurter Akademie,' über ihre Einrichtung und ihren Lehrplan. Es wurde beschlossen, diese Anstalt zu fördern, für den Ausbau des Lehrplans Sorge zu tragen und auf die Heranziehung auch von Lehrkräften liberaler Richtung hinzmvirken. Dem Ersuchen des Allgemeinen deutschen Kantoren-Vcrüandcs, eine Kommission einzusehen, die von den anzustellcnden Kantoren ein besonderes Examen cvbnchmen soll, wurde stattgegeben. Zur Frage der Hilfsbüchcr für den jüdischen Neligionsunterricht wurde die Schaffung einer pädagogischen Zeitschrift für jüdische Lehrer, ferner die Verbreitung der Werke Raeck. „Wesen des Judentums", Spanier. „Psalmen" Elbvgcn. „Geschichte des Judentums", in Aussicht genommen. Die Schaffung von Pflegeschaftsbezirken für den jüdischen Religionsuntervicht wurde den lokalen Instanzen überwiesen. Zum Vorsitzenden des konservativen Unterrichts-Ausschusses wurde Herr Rabbiner Dr. Ewige Bindungen. Betrachtungen zur Enthüllung des Altouaer Heine-Denkmals. Von religiös eingestellten Juden hört man immer wieder die Sorge. daß den Kitt, der die moderne Judenheit noch zusaMmenhäkt, weniger die innere religiöse Einstellung als die Abwehr gegen äußere Feinde bildet. Und starren Hüter der altüberlieferten Glaubensreformen urteilen höchst skeptisch über die Widerstandskraft der Religion, wenn nicht eine baldige Renaissance des rituellen Lebens dem ehrwürdigen Gebäude, das unsere Urväter gebaut. wieder zu einem tragfähigeren Fundament verhilft als es jetzt zu besitzen scheint. Eine solche Unterschätzung der inneren Lebenskraft des Judentums kann nicht besser ad absurdum geführt werden, als wenn wan den Blick von jenen, die oft mehr aus anerzogener Gewohnheit die heiligen Satzungen pflegen, weglenkt auf die Seelentragödie derer, die sich vom Judentum äußerlich los gesagt haben, gerade von diesem Moment an aber erst so recht die c w i g c n Bindungen empfinden lernen, die sie innerlich au den treulos verlassenen Glauben der Väter fesseln. Bei der Suche nach einem geeigneten Objekt für solche Betrachtungen kommt uns ein äußerer Umstand zu Hilfe. In diesen Tagen wird in A l t o n a ein Denkmal H e i n r i ch Heines enthüllt, nachdem das benachbarte Hamburg, die „schöne Wiege seiner Leiden" mit dem guten Beispiel schon vor Jahresfrist vvrangegangen ist. Wie mau weiß, ist es heutzutage nicht ganz ungefährlich, auf solche Weise den Mann zu ehren, der von sich behaupten konnte: „Ich bin ein deutscher Dichter, bekannt im deutschen Land. Nennt man die heften Namen, wird auch der meine genannt." Der erste Teil dieses selbstbewußten AuLsprnchs ist inzwischen stark bestritten worden: für die Richtigkeit der zweiten Teiles gibt es aber keine bessere Stichprobe als die schwarzen Listen seiner gehässigsten Leugner: auf den deutschvölkischen Profkriptionslisten befindet sich der Name Heines wirklich in der besten Gesellschaft. Dort prangt ja alles, was jemals in deutschen Landen irgendwie nach geistiger und kultureller Geltung rang, fein „wissenschaftlich" etikettiert als «vertu de ff'. Dieses Schicksal entbehrt bei einem Manne, der die „ungesunde, altägyptische Plage" deS ererbten Glaubens rechtzeitig gegen das „Entreebillet in die europäische Zivilisation" cinzutauschen versucht hatte, nicht der größten tragischen Ironie. Doch nicht von solcher Tragik, die bloß zur Schadenfreude Antatz Me, soll hier die Rede sein, sondern von iener tieferen, die den eigentlichen Inhalt dieses erschütternden Dichterlebens auSmacht. Was bedeutet die von kleinlicher Bosheit Ungciftiger vollzogene Rückabwälzung eines unbequemen Satirikers gegenüber dem gewaltigen Ringen in der Seele, ja zum Großteil im Unterhewußtsein Heines, das mit einem gewaltigen Siege des Judentums über alle anderen geistigen Strömungen endet, die dieser reiche Intellekt unablässig in sich ausgenommen hatte! Spät genug erkennt dieses Dichtergemüt, was seinen eigentlichen Reichttrm auSmacht. Wie Jpbigenie steht Heine nach seinem Abfall vom Bäterglauben ans fremder Küste, das Land seiner Sehnsucht mit der Seele suchend. Aber im Gegensatz zur Atriöentochtcr weiß er nicht, daß dieses Land naturgemäß das der Väter ist. Et spürt nur das Weh der Sehnsucht, aber er kennt nicht ihr Ziel. Er weiß wirklich nicht, warum er so traurig ist. und nur intuitiv errat er: „Ein Märchen aus uralten Seiten, das kommt mir nicht aus dem Sinn." Bei der Agnoszieruug dieses Märchens geht er aber schon wieder in die Irre. Es ist nicht das von der Loreley, denn dieses ist damals noch nicht älter als zwanzig Jahre. Um so viel früher hatte Klemens Brentano die Loreley, seine Erfindung, besungen, doch ist diese Ballade von dem Heine-Lied aus den: Gedächtnis des Volkes verdrängt worden. In Heines Seele lechzt aber wirklich uraltes Märchengeheimnis nach dichterischer Gestaltung: «Das dunkle Weh. das sich vererbt vom Vater auf den Sohn." Dieser Vers steht in einem Gedichte, in dem Heine von den drei „Gebresten" Armut. Körperschmerz und Judentum das letzte als das schlimmste wertet. Damals war sein Körper gesund und seine Seele vom Weltschmerz angekränkelt. Später, als sein gelähmter Leib znr Regungslosigkeit in der „Matratzengruft" verurteilt war. erhob sich seine genesene Seele auf den Schwingen der „Hebräischen Melodie n" des „Romanzcrv" empor zu den Sternen... Es ist hier nicht der Raum, dieses grandiose Heimfinden eines vielfach seelisch Gestrandeten zum siegreichen Trostbringer. dem Judentum, in seinen einzelnen Phasen zn schildern. Vielleicht wäre diese Aufgabe leichter, wen» der Roman „Der Rabbi von Bacharach" vollendet auf uns gekommen wäre. Doch auch das Fragment, das uns erhalten geblieben ist, arbeitet deutlich die Symbole jener geheimnisvollen Mächte heraus, deren Resultante die ewige Binöekrast des Judentums auf alle ist. die iemals seines G e i st c s einen Hauch verspürt. Diese Mächte sind: Verfolgung von austen und der innere Zauber. Symbolisiert erscheinen die beiden einerseits in der verbrecherischen Vorbereitung der Ritual Mordanklage durch die Einschmuqgelung einer Kiuderlciche in eine Sedergesellschast. andererseits in der Anziehungskraft der r i t u e l l e u K ü ch e ans den vom Glauben Abqefallenen. Dieses zweite Symbol ist echt hernisch. Es empfiehlt sich aber, das im Zusammenbana mit diesem Dichter stets parate Schlagrvort „Zynismus" zurückznhalten. Denn wahrscheinlich hat Seine diese Liebe des Prosclyten, die durch den Mage n geht. in der verloren gegangenen Fortsetzung des Romans vertieft und veredelt. bis sie stark genug ist. den Abtrünnigen geläutert wieder zur angestammten Religion zurückznführen. Indes auch so. wie sie sich im Fragment darstellt. kann die geschilderte Schwäche für die koschere Küche gerade dem am Ritual hängenden Juden vielleicht ein Lächeln entlocken, sicher aber keine Ablehnung. Wichtiger jedoch, schon mit Rücksicht auf den Ausgangspunkt dieses Aufsatzes, ist das andere Motiv: die Verfolgung von außen. Hier beweist gerade das von Heine gewählte Symbol sehr glücklich,, daß auch dieser Kitt des Judentums im Grunde für dessen innere Stärke zeugt. Denn was ist es. was den Rabbi seine Rettung lieber in gefährlicher Flucht als in der Taufe suchen laßt? Was war cs, daß all die unglücklichen Opfer mittelalterlichen Glaubensverfolgungen nicht nur in der Dichtung, sondern auch in der Wirklichkeit eher dem grausamsten Tob als dem rettenden Schoße der christlichen Kirche zutrieb? Was anderes, als der Zweifel an der Sittlichkeit eines Bekenntnisses, deffen Vertreter sich unsittlicher Mittel bedienen, um Macht über die Seelen zu gewinnen. Damit mußten sie bei den Anhängern der Lehre Moses' den entgegengesetzten Erfolg erzielen. Die Gewinnung der Juden für die christlichen Dogmen stößt schon ans rein vernunftmäßige Schwierigkeiten, die Heine in den Versen formuliert hat: „Die Dreietnigkeitsdoktrin kann für unsere Leut' nicht passen, die mit regula de tri sich von Jugend auf befassen". Solche Hemmungen könnten nur von den Lockungen einer höheren Ethik überwunden werden. Denn Wichtiger als alle Verheißungen paradiesischer Wonnen im Jenseits ist dem Juden im Diesseits die sittliche Verankerung im Glauben. In Riten, deren übereifrige Agitatoren vor offenkundigen Verleumdungen, noch dazu so folgenschweren wie dem Ritualmord. Märchen, nicht zurückschreckten, kann er nicht Wurzel fassen. Dagegen hat ihn die vieltausenöiährige Erziehung durch das Judentum gefeit. Das Judentum hat eben die sittlichen Ansprüche seiner Söhne gewaltig gesteigert. Das ist sein Ruhm und seine Stärke. Deshalb ist das Judentum auch durch die liberale Auffasiunq. die daß Ethische über das rein Kultische stellt, in seiner Lebenskraft eher gefestigt als gefährdet. Dr. Hng-o Stvic-gl-e-r.