Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 7 (1927)
- Issue
- 22 (3.6.1927)
- Date
- 1927-06-03
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Organ der Vereinigung für das liberale Judentum e. D. Bezugspreis durch die Geschäftsstelle jährlich M. LSv Linzelnunnuer 0.20 Bei freier Zusendung i. Inland 0LS ISr die Mitglieder der Vereinigung ist der Bezugspreis tm Mitgliedsbettrage enthalte«. :: r :: Verantwortl. Redakteur. Bruno Doyda vl« „ladlfch-Uderols Zeitung" erscheint seven Sreitag. Nedoktion «. 0efchSkt»s1«Ne: verlin SW, tVlldslmstr. 147. Karnrirkr kZosenl)vidv 33SS» 3354 Poftfdwfckonto: 5«riinnW7 Nr.isrvS» (Vf Int gütig für vcr» liberal« Juttontam Nod)Oruck fflmtltd)«r Origlnal-D«itrüg« nur mit vorheriger Genehmigung her Rebafcfton gestattet. Anzeigenpreise: Die IS gespaltene NonpareillezeUe 0.4S Goldmark, die R klamezeiie SM " SM Goldmark. bei Wiederholungen Rabatt. s st :: Anzeigenannahme: . Inserat-nadtetlung: Berlin SD 48. __ (Hasenheide: 3SS8—SS), sowie sämtl. Annoncen. .Misch - liberale Zeitung' $348. Wilhelmstraße 147 Nr. 22 Berlin, 3. Juni 1927 7. Jahrgang Tchownaus. D-r neue Gott. Betrachtung zum Offenbarungsfest. Bon Dr. Joseph Lehmann, i erschien dem Abraham, dem Isaak und dem . als „El Schadaj", aber mit meinem Namen MIahwe" bin ich ihnen noch nicht bekannt geworden." . Bon einem neuen Gottesnameu ist hier die Rede. Ein neirer Name bedeutete eine neue Wesenheit. Wohl hören wir, baß die Israeliten schon früh ein stark entwickeltes religiöses Bewußtsein hätten, daß sie über E einzelnen Gottesroesen, wie sie frühe Kulturstufen überall aufweisen, schon ein Wesen weit hinausyoben, Vielleicht schon als einziges betrachtet haben. Aber die Art dieses Wesens, des „El Schadaj", war wohl noch nicht allzusehr verschieden von der Art der anderen „Mm", der anderen Gotteswesen. Sein wesentliches Attribut war die Macht, von der der Mensch sich ab- Hangig fühlt, vor der er zittert und deren Gunst er durch Gaben und Gebete erlangen muß. Und nun kommt ein anderer Name, der, wie die Forschung entdeckt hat, vielleicht an sich gar nicht so steil war. Irgendeine Naturmacht am Sinai mag ihn Won pur Israels Werdezeit getragen haben. Aber das Bedeutsame ist, daß dieser Name als c»was völlig MtzHs empfunden wirb, und so, losgelöst von seinem Wfpntng, w einem ganz Neuen geführt hat, zu einem tteuen, noch unbekannten, noch unerkannten Gotte. Ein Gott, der nicht, wie all die Gotteswesen und Gottesmächte der Völker, in der Natur gesucht und .gesunden wird, kein Naturwesen mit all den beschränkenden Schalen, die solcher Naturhaftigteit anhaften. Sondern diese: Gott offenbart sich in der Geschichte! „Sprich zu den Kindern Israel: Ich bin Jahwe! Ich führe euch heraus aus den Lastarbeiten Aegyptens, ich rette euch aus ihrem Sklaven- -ienst, ich erlöse euch mit ausgestrecktem Arm und mit - großen Strafgerichten und ich nehme euch mir zum Volke, daß ich euch zum Gotte sei und daß ihr erkennt, daß ich Jahwe euer Gott es bin, der euch herausgeführt hat aus den Lastarbeiten Aegyptens." Ein Gott, der keine Sklaven will, der als Anwalt der Sklaven, der Entrechteten und Bedrückten zum Befreier und Erlöser wird in der Bölkergeschichte. Und so erfährt der neue Gottesname auch seine völlig neue Deutung, die mit dem alten Naiurwesen nichts mehr zu tun hat. „Ehje ascher eh je": „Ich werde sein, der ich fein werde", das reine, ewige Sein! Und dieses Sein bedeutet nichts Materielles und nichts Spirituelles, sondern ein Ideelles, es ist das Sein der Sittlichkeit, dessen Attribute die Realität, die Wirklichkeit der Sittlichkeit bezeichnen. Bon diesem Gotte der Geschichte, der innerlich erfahren, der geistig erkannt und sittlich erfaßt wird, führt die crade Linie zu dem höchsten Gipfel der prophettschen GotteSidee, zu dem Herzensgotte Jeremias, der in den Tiefen des Menschenherzens, seiner Gerechtigkeit, Wahrheit und Liebe sich kunötut. Krimhaft ist schön im Anfänge der Erkenntnis dieses neuen Gottes alles vorhanden, was die prophetische Gottesidee kennzeichnet: der eine Gott, nicht eins neben und über den andern, sondern der einzigartige, der nur einzig ist und sein kann; der rein geistige Gott, der wohl im geschichtlichen Geschehen erfahrbar, der aber nicht vorstellbar ist und nicht bildhaft dargestellt werden kann; der sittliche Gott, der, wie Jefaia es später formuliert Hat, erhaben ist im Recht, geheiligt in der Gerechtigkeit. .Nicht das ist ja das Große und unendlich Neue in Israels Gottesidee, baß hier von einem Gotte gerfprvchen wird, sondern daß dieser Gott der einzige ist als der Gott der Sittlichkeit, daß der reine Monotheismus zum ethischen Monotheismus wurde. Eine Religion nahm ihren Anfang, die nicht neben den andern ihrer Zeit stand, die nicht aus ihnen hervorging, nicht aus ihnen erklärt werden kann. Den Jahwe vom Sinai zum Gott der Sittlichkeit machen, zum Hüter der Menschenrechte, — den festgewurzelten Lokalgott zum überall gegenwärtigen Gott der Geschichte,— das setzt das Genie eines Menschen voraus, der turmhoch über feiner Zeit gestanden hat. Diesen Gedanken nicht als Genieblitz in die Welt hiü* einwerfen, sondern ihn in feste Form fasten,. eingehauen wie in Stein, ihm in sittlichen und sozialen Normen eine Grundlage geben, die alle Weltenstürme überdauert hat, die, vom genialen Blick der Propheten wiedererkasint, nach Wegränmung alles Beisatzes ihnen die Möglichkeit gibt, ihr großes sittlich-soziales Werk fest verankert für die Jahrtausende zu errichten, das zeigt uns einen Führer, einen Organisator, mit dessen Erscheinen eine neue Epoche der Menschheitsgeschichte anheben mußte. Dieser neuen Gottesvorstellung entspricht auch schon, den neuestes Forschungen zusolg-e, von Anfang an eine y e n e Art der G o t t e s v e r e h r u n g. Wohl wußten wir schon, daß die Ritual- und Kultgesetze des späteren Judentums zur prophetischen Anschauung im Widerspruch standen. Heute sehen wir, daß sie auch schon der mosaischen Anschauung nicht entsprechen, daß schon mit dem Aufkommen der neuen Gottesvorstellung die logischen Konsequenzen gezogen waren, die das Zehnwort klar erkennen läßt, das in seinem Urkern schon in diese Zeit hinaufreicht. Das aber bedeutet, daß es schon in dieser Anfangszeit für den neuen Gott keinerlei bildhafte Darstellung und Verehrung mehr geben konnte, Latz all solcher Kult, wo er austaucht, mit Recht als Abfall und Rückfall empfunden und bekämpft wurde. Und keinerlei Ritus konnte mehr einen Sinn haben, da der Sinn aller Riten darin besteht, zwischen dem Pott und seinem Verehrer eine m a t e r teile Beziehung herzustWerk, eine sichere, ungefährliche Regelung des Verkehrs. Mib ebenso mutzte jeder Kultus bedeutungslos werden, der mit Opfersteuern und Gebeteshauch die menschlich-allzumenschliche Gottheit umschmeichelte. So versieben wir das leider noch immer unverstandene und Loch so klare und eindeutige Wort des Amos, die entschiedenste Ablehnung und Verwerfung des ganzen Opserkultus mit der Begründung: „Habt ihr mir denn Schlacht- und Speiseovser öargebracht in der Wüste vierzia Jahre. Haus Israel?!" Oder wenn Jeremia noch schärfer Las ganze Opferwerk mit verächtlicher Geste beiseite schiebt mit den Worten: „Packt eure Ganzopfer zu euren Schlachtopfern und esset sie als Fleisch!" Und zu diesem für das Ohr der Opferpriefter unsagbar frevelhaften Ansspruch sofort die Begründung: „Denn ich habe euren Vätern nichts gesagt (!) und ich habe ihnen nichts besohlen (!) am Tage, da ich sie herausführte ans dem Lande Aegypten, in bezug auf Ganzopfer und Schlachtopfer!" Liegt in solchen Worten nicht eher ein tiefes Verständnis als eine Unkenntnis der mosaischen Zeit? So gewinnt auch das Wort Hoseas erhöhte Bedeutung, der in seinen Erinnerungen und Hinweisen immer wieder an der mosaischen Zeit haftet: „Liebe verlange ich, nicht Opfer!" Und in neues Licht rückt der lapidare Satz Michas, das „Programm" des Prophetismus: „Er (* Moses!!) hat dir gesagt, oMensch, was gut ist und was Jahwe von dir fordert: nichts anderes als — Recht tun. Liebe üben und in Demut wandeln vor deinem Gotte!" Ein neuer Gott! Hat das Judentum der späteren Zeit ihn stets ersaßt und anerkannt? Hat das heutige Judentum zu diesem neuen Gotte die rechte Einstellung? Das ist eiire Frage von entscheidender Bedeutung für Sein und Nichtsein des Judentums. Denn das Wesen des Judentums ist seine Religion, und das Wesen dieser Reliaiou ist die Idee des neuen Gottes! In einer Hinsicht können wir diese schwerwiegende Frage unbedingt bejahen. Das Judentum der späteren Zeit ist dieser neuerkannten Gottesidee treu geblieben. Daß Bekenntnis des Einig-Einzigen wurde das Bekenntnis der Jahrtausende. Die Exklusivität des einig-einzigen Gottes ließ keinerlei Verdunkelung, keinerlei Vermischung zu und fand ihren Ausdruck in der völligen Bildlosigkeit, die das Judentum aller Zeiten und aller Kreise aus das strengste durchzuführen wußte. Ganz anders aber wird unsere Antwort, wenn wir die gleiche Fraae hinsichtlich der neuenGottesverehrnng stellen. Da erleben wir eine Erscheinung, die auch sonst in der Religionsgeschichte zu beobachten istdaß aus dem Unterstrom alter Bolksreligion in den Oberstrom neuer Erkenntnis immer wieder Fluten ermwrsteigen. Me zu Trübungen. Hemmungen und Verunstaltungen ftihren. Und so geschah es auch im Judentum und geschieht bis auf diese Stunde. Da kourmt nach dem Lebenswerke des Mosesunö wiederum nach der Zeit höchster prophetischer Wirksamkeit eine der neuen Gvitesverchrung völlig entgegengesetzte Wertschätzung des Rituskörperlicher Zeichen, Sühne- und Reinigungsmittel in Waschun* gen, Kleidung, Kasteiung und Speisevorschrifte« aller Art. All das aber, zum Teil heute noch in voller Blüte, hat mit der Idee eines rein geistigen, rein sittlichen Gottes heute ebensowenig zu tun, wie ehedem, und würde von den Propheten, wenn sie heute lebten, sicher noch schärfer verworfen werden. In diesen Riten, wie es so oft heißt, eine Heiliguug öes Lebens zu sehen, ist eine völlige Verkennung des jüdischen Heiligkeitsbegriffes. Heiligung heißt nach Jesaias genialer Verkündigung Versittlichung, m der rituelle Heiligung absolut nichts beiträgt, der sie aber gar oft im Wege steht. Und gleich unjüdisch im Hinblick auf die neue Gottesverehrung ist jener ganze Kultus, der, wenn er auch das Opfertier selbst nicht mehr auf den Altar legen kann, doch an der Idee dieses Opfers feskhält, der neben der Opsersteuer dem Gebeteshauch verdienstliche Bedeutung zuspricht und knlttsche Verdienste zu Sprossen macht aus der Leiter der Frömmigkeit. Kein Kultus, welcher Art auch immer, kann vom Standpunkt dieser neuen Gottesverehrung <nt& Selbstzweck sein. Jeder Brauchs jedes Symbol darf nur Mittel sein zur WeNMy arrdüchtigerH mung ünd jede andächtige Stimmung soll der A«. sein zum Gottesdienst des Lebens: „Gott zu ltt mit deinem ganzen Herzen, mit deiner ganzen G und mit deinem ganzen Vermögen und deinen Ri» sten zu lieben wie dich selbst!" Dem neuen Gott, wie ihn das Judentum kündet, muß auch die neue Gottesverehrung entsprechen, ipir sie Moses und die Propheten in streng logischer Konsequenz schon gefordert hatten. Diese Erkenntnis zum Siege zu führen ist hie höchste, die wichtigste Aufgabe eines wahrhaften Mischen Liberalismus. Das Offenbare der Offenbarung und ihr Geheimnis. Bon Rabbiner Dr. Georg Salzberger, Frankfurt a. M. Auf das gewaltige Erlebnis unseres Volkes tt» Sinai, das den Inhalt unseres Wochenfestes bildet, haben wir uns gewöhnt, die Bezeichnung «Offenbarung" anzuw enden. Diese Bezeichnung ist keineswegs alt. Der Ausdruck, den unsere Alten daMx brauchen, ist ms.', amad har Sinai „das Stehen am Berge Sinai" oder viel häufiger mattan taurosenu «die Gabe unserer Thora". Bon diesem letzteren Ausdruck hat denn auch unser Fest seinen bezeichnenden Name« empfangen: das Fest der Gabe unserer Thora. Vielleicht ist das Fehlen eines hebräischen Ausdrucks für Offenbarung nicht zufällig. Denn Offenbarung ist ein mißverständliches Wort: wird etwas offenbart, so setzt das voraus, daß es vorher verborgen war. Was aber ward am Sinai denn osfenbart, was nicht schon zuvor offenbar gewesen wäre? Ist es etwa die Gottheit, die hier aus Geheimnis und Dunkel heraus in die Evschernung tritt? Aber das eben wird in der Erzählung der Thora von dem Ereignis und erst recht in der Wiederholung dieser Erzählung aus späterer Zeit mit aller Entschiedenheit abgewehrt. Es wäre ja auch ein unlösbarer Widerspruch, wenn der Gott, der als erstes Gebot verkündet: „Du sollst dir kein Bildnis machen und keinerlei Gestalt", selbst unter einem Bilde und in einer Gestalt sich den Blicken seines Volkes darböte. Aber auch von dem Wesen Gottes wird in den sogenannten Zehn Geboten vom Sinai nicht - eigentlich etwas offenbart^ Wohl wird er hier einmal ein Eifervoller Gott" genannt, aber doch nur, um dem ersten seiner Gebote den nöttgen Nachdruck zu verleihen. Ja. selbst als Schöpfer der Welt enthüllt sich Gott nicht den Menschen, denn wo dieser Schöpfung Erwähnung getan wird, geschieht es abermals nur zur Begründung eines Gebotes, nämlich des Sabbatgebotes. Was vierrnehr Gott von sich aus sagt, ist der eine kurze Satz am Anfang des Dekalogs, der auch keine neue. Wahrheit offenbart, sondern einzig dem Volke in Erinnerung ruft, was es selber erst kürzlich lebendig von diesem Gotte erfahren hatte: Latz Er es aus Aegypten befreit. Es ist kaum ein bezeichnenderer religiöser Gegensatz zu denken als der zwischen der «Offenbarung*