Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 7 (1927)
- Issue
- 19 (13.5.1927)
- Date
- 1927-05-13
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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?. Jahrgang Nummer 19 Beilage 13. Mat 1927 Liberalismus und Zionismus. Van RechtSanwaLt Dr. E. Baerwald, Frankfurt a. M. Wieder einmal bildet die Frage des Verhältnisses zum Zionismus den Gegenstand der Erörterung in Kreisen deS jüdischen Liberalismus. Vor wenigen Monaten trat, für die meisten non uns völlig überraschend, das Pro-Palästina- Komitee in Erscheinung An seine Spitze traten Männer der deutschen Regierung, und das war für weite Kreise, bei der Stellung, welche unsere Regierung sonst in jüdischen Fragen eimtiiitmi, etwas auffällig Man kann nicht gerade behaupten. dost sic alt zu viel für uns late, obwohl auf dem Gebiete der Justiz, der inneren Verwaltung. auf dem Gebiete der Gleichberechtigung an den Universitäten, in Schulsragen und dergleichen mehr, Anlatz genug vorhanden wäre, die uns verbriefte Gleichstellung auch in der Praxis in Wirksamteil zu fetzen. Blickt man über die Grenzen Deutschlands. so wird es eher verständlich, das; auch unsere Regierung es für erwünscht hielt, ein Interesse für jüdische Dinge nach Antzen hin an den Tag zu legen. England hatte mit der Balfonr Declaration und mit der Berufung von Sir- Herbert Samuel zum ersten Gouverneur von Palästina — er ist inzwischen allerdings durch einen englischen Fetdmarschall ersetzt worden — alles nur mögliche getan, um sich alS Förderer jüdischer Interessen hinznstellen. Frankreich hat das Komitee Franco Palästine begründet, dessen Protektorat kein geringerer als Herr Doumergue der Präsident der Republik, übernommen bat und in dessen Vorstand Poincare, Briand. Barthou und Männer ähnlichen Ranges sitzen. ES mag bei dieser Sachlage den Zionistenführern nicht allzu schwer gefallen sein nun auch unserer Regierung klar zu machen, daß es sachgemätz sei, sich an einem deutschen Pro- Palästina-Komitee zu beteiligen, schon um den Engländern und den Franzosen einigermaßen — so gut es noch eben ging — den Rang abzulanseu. Freilich ist man in Deutschland nicht so weit gegangen, das; der Reichspräsident daö Protektorat übernommen hätte, und daß der Reichskanzler Marx und der Minister des Aenßeren. Strefemann» im Komitee säßen. Immerhin ist der Staatssekretär der Reichskanzlei und der preußische llnterrichtsminister neben anderen hohen Herren ans der Regierung dabei. Was merkwürdig erscheinen könnrc, ist die Tatsache, das; auch Männer wie Rabbiner Dr. Baeck. einer der Führer des Liberalismus und Georg Bernhard, der zweifellos liberalen Anschauungen näher steht als denen der Zionisten, in dies Komitee hine:ugegangen sind. Die Gründe hierfür smd nicht bekannt geworden. Dem einen mögen irrationale Momente, die Sorge für die Belebung des sog. jüdischen Kulturzentrums in Palästina und die ganze Gedankeurichtung, die mau als Kulturzionisnrns zu bezeichnen pflegt, maßgebend gewesen sein, für den anderen mögen wirtschaitpolitische Momente die Entscheidung gebracht haben. Vielleicht wird auch mancher der nicht-zionistischen Juden, der dem Komitee beigetreten ist. es begrüßt haben, das; die Regierung sich überhaupt u:n jüdische Tinge kümmert und er wird es für richtig gehalten haben, da nicht abseits zu stehen So ist dann das .Komitee zustande gekommen, in dem Herr Staatssekretär Pünder vom Zentrum der demokr,rtiiche Diplomat Graf Bernstorif, der preußische lknierrfchtsminister und Orientalist Becker, der jüdisch-liberale Rabbiner Baeck und andere unter der Aegrde des Führers der Zionisten. Herrn Kurt Blmnenfeld, friedlich z-nlammenützen. Unter ihnen befindet sich auch der Außenpolitiker der deutschnationalen Volkspartei, Herr Reichstagsabgoordneter Professor Dr. Hoetzsch, gewiß ein Mann von hoher Bildung und vielen Kenntnissen, aber doch einer der Leiter der Partei, die unter ihren Mitgliedern keine Inden haben will und die mit aller Macht den: politischen und kulturellen Antisemitismus huldigt. War cS wirklich notig, daß indische Männer, die Selbstüberwindung so weit trieben, 'ich not einem Herrn, der 'ich zu solcher Gesinnung bekennt, zur Forderung jüdischer Zwecke zusammenzusinden!' Wir hätten die Zionisten über Mangel an C.hara.r.:c.-r im.d an jüdischem Selbstgefühl gezetert, wenn etwa wir Liberalen uns mit Herrn Hoetzüh zufam men ge sctzt hätten! Da es indessen unter der Förderung der Zionisten geschieht, jo irr erlaubt, was gefällt,und es bleibt den Außenstehenden nichts Übrig, als sestzn.stellen, daß sich über Geschmacksachcn nicht streiten läßt. Was in praxi ein so, zusammengesetztes Komitee für Palästina nnd die den ticken Inden berausschlagon wird, erscheint freilich im üöckften Maße zweifelhaft. Wir Liberalen können seine, Leistungen in Rn.be abwartcu. Mit größerer Begeisterung ist die (Gründung des Pro-Palä'stina-.Kvmiiec natürlich in den Kreisen der Zionisten ausgenommen morde::. Es kann dort als auSaezeichnetes Aushängeschild wirken und es mag dazu beitragen, daß ein.!' ganze Reibe von Leuten, die,sich über die Tinge nicht klar und nun noch in stärkerem Matze als früher, denn Zionismus sich zumenden, weil tte sich eiureden oder eiureden lassen, daß nunmehr auch die deutschen Regierungsstellen i/m fordere Daß die Gründung gerade in einem Augenblick vor s?ch geht, in dem eine schwere Krisis in Palästina selbst den Bl:udenen die Augen darüber öffnen muß. daß Paläßina nicht ,.d a s" Land nationaler Zukunft lür die Juden sein kann, ist nebenbei bezeichnend. Es mag Oearciiliosein daß die zionistische Parteileitung gerade in einem solchen Augenblick cs für sachgemäß gehalten hat, zur Stärkung ihrer Position angesehenste christliche Männer vor ihren Wagen zu spannen. Tob andererseits deutschen Regt er mm s stellen gerade dieser Augenblick als der geeignete erscheint, aibt denen reckt. die behgnptcn. daß unsere Diplomatie no-h iininev nach Meister in der E^sasinng des psychologischen Momen.ll's iH. Das zweite erregende Faktum in die Haltung der liberalen Rabbiner DentsÄlauös. Sic haben sich hinter vcrschloneuen Türen über ihre Stellung zun: Zionismus ausgesprochen Der über die Beratungen herausgegebene Bericht gewährt genügende Einblicke. Es ist danach ohne weiteres Aar. daß gerade in den Kreisen der jüngeren liberalen Rabbiner eine nicht unerhebliche Hinneigung zum Zionismus vorhanden in. Es hat keinen Wert diese Tatsache zu verschleiern. Auch Rabbiner, welche der alteren Richtnna angehören, find im Laufe der Zeit dem Zionismus freitnMtioer geworden Einzelne von ihnen sind in, die * des Keren Hgienod hincingcaangen,' andere scheinen enttäuscht darüber, daß nicht alle Blütentränme^des religiösen Liberalismus zur Reise gelangt sind, das Judentum als Idee scheint ihnen nicht zu genügen, sie suchen nach einem materiellen Substrat und non da ans ist die Anknüpfung an den Zionismus und an die Manen, die er angeblich an sich zu fesieln'weitz. leichter gegeben. Die Wahlresultate in einzelnen Gemeinden, in denen cs nicht gelungen ist. die unzweifZögst vorhandene Mehrheit der Liberalen zur Urne zu brinnenwährend die ostiüdischen Elemente in Scharen herangeGmnmn sind und der zionistischen VolkSpartei neue Wäbler'nassen zusührtcn. dient dazu, Unbehagen bei Einzelnen zu fordern. Man. will nickt als altmodisch erscheinen und womöglich nicht bei einer Minorität landen. Was ist zu solchen Ergebnissen, Tatsachen und Stimmungen zu sagen'? Es muß zunächst festgestellt werden, daß die überwiegende Mehrheit der deutschen Inden sich in den letzten Jahren um die Glaubensgenossen außerhalb Deutschlands und vor allem im Osten nicht genügend bekümmert hat. Die Gründe dafür liegen nahe. Während des Krieges waren wir von der Welt abgeschieden: nach Beendigung des Krieges hatten wir unendlich Arbeit, um uns überhaupt nur mühsam aufrechtzuerhalten und um den Kampf um unser Dasein nach jeder Beziehung hin in Deutschland zu führen. Was auf diesem Gebiet seit Ausbruch der Revolution der Centralverein geleistet hat, kann gar nicht genug gerühmt werden. Der jüngeren Generation aber bedeutet der Kampf um das Recht längst nicht mehr so viel wie uns älteren, weil ihr das Recht überhaupt weniger sagt. Sie ist auf die Dauer enttäuscht. weit trotz aller aufopferungsvollen Arbeit der Antisemitismus. mag er auch äußerlich nicht mehr so stark, wie vor drei Jahren in Erscheinung treten, sich doch tief in Deutschland eingefressen hat, und weil er nicht von heute ans morgen verschwindet. Wir Aelteren, die Stöcker, Treitschke, Bücket. Ahlwardt. den Treschgrafen Pückler und wie alle diese heute nahezu längst vergessenen Leute geheißen haben mögen, haben kommen und verschwinden sehen, während das Judentum bestehen geblieben ist. wir vermögen der Jugend nicht klar zu machen, daß wir mit längeren Perioden rechnen und daß wir mancherlei geduldig tragen müssen. An dieser Stimmung der Jugend, die gefühlsmäßig mehr verlangt, als der Kampf nms Recht ihr geben kann und derep religiöse Interessen meiner Erfohrnng nach längst'nicht so hoch eiuzm'chätzen sind, wie es gemeinhin geschieht, hakt der Zionismus ein. Er »erweist ans die Verbundenheit aller Inden und er findet Interesse sowohl bei den Gläubigen, wie erst recht bei den gar nicht religiös Interessierten. Hieraus ergeben sich gefühlsmäßig Erfolge uhden Zionismus. Die Beitragslisten zum Keren Hajessod und die Tatsache. daß im vergangenen Jahre nach verbürgten Mitteilungen mehr als 500 000,— Reichsmark in Deuischland für den Keren Hasesiod emgegangcn sind, spricht Bande. Verstandesmäßig ist es gar nicht zu begreifen, daß wir in Deutschland die größte Mühe haben, altbewährte Wohlsghrtsanstalten, deren Vorhandensein ein dringendes Erfordernis ist. anfrechtzucrbaltcn. daß die Rabbiner- und Lehrerseminare Rot leiden, daß mir einem Betrage von einer halben Million Mark jährlich dem weitaus größten Teil dieier darbenden Institutionen geholfen märe, und daß sie statt dessen hinansgehen, damit noch ein paar Striche steinigen Landes gekauft und noch ein paar hundert Oelbämue in Palästina gepflanzt werden. All das in einem von Engländern beherrschten Lande kleinsten Formats, in dem rund 130 000 Inden neben OÖOOOO Arabern und <7)000 Ehristen leben, in einem Lande, das für England die Brücke zwischen Aegypten und Mesopotamien bildet, das für seine Stellung am Mittelmeer von höchster Bedeutung ist und das einen Teil des schwer errungenen Kampspreiies in dem Weltkriege bedeutet. Wenn Juden, denen man dock sonst nachsag:, daß sie zu rechnen verstehen, in die englische Kolonie, die Palästina nun einmal sein wird, solche Summen hincinstecken und damit der englischen Regierung einen nicht unerheblichen Teil ihrer Ausgaben avnehmeu, so zeigt sich darin eine Bewegung, der man nur mit einem Kopsschütteln nicht beitommen kann. Neben nationaljüdischen Ideen, neben der Fnrsorge für das Land der Urväter, das aber niemals die Heimat unserer Kinder sein kann, zeigt sich in diesen reichlichen Gaben der Wunsch, für die bedrängten Glaubensgenossen außerhalb der Grenzen Deutschlands zu wirken. Diese Arbeit für die Ostinden, außerhalb Deutschlands hat seit Beginn des Weltkrieges geruht. Sie war zuvor immer ein Sammelpunkt für die Glairbeusgenosien aller Richtungen, die sich in der Alliance Israelite Universelle, im HilsSverein der deutschen Juden, in dem Frankfurter Osteuropäischen Hilsstomitee. in der Tätigkeit der Jca in immer wicderkehrendcn Konferenzen der führenden Köpfe geltend gemacht hat. Diese positive und produktive Arbeit für die Ostjnden ist durch den Krieg und nach den: Krieg bei uns in den Hintergrund getreten, in gewaltigem Ausmaße haben Rrfur die Glaubensgenossen in den Vereinigten Trauten sic bewältigt. Nirp aber dürren auch wir nicht länger bei Seite stehen. D»e Zeit für die Wiederaufnahme dieser Ar- Leit erscheint nicht ungünstig. Blicke ich aus die nur besäumen Frankfurter Verhä ltni sie zurück, so hak hier dos Osteuropäische Hilfstomstee. von dessen Begründern heute noch der ehrwürdige große Wohltäter Michael Moses Mainz am Leben ist. unter Aufwendung bedeutender Mit:cs und unter Leitung von Männern wie Salomon Fuld, Hermann Baerwald, Charles Hallaarten, ststarcus Horomrtz, Julius Blocke — nur um der Dahingeschiedenen zu gedeirken — -Hervorragendes geleistet Alle diese Männer. die den verschiedensten Lagern im Jndeutmn entstammen, hatten ans Grund fahrzehntelauger Tätigkeit die tteberzengnng. daß den Millionen notleidender Glaubensgenossen im Osten schließlich doch im wcientlicken nur innerhalb der Länder gcholseu werden könne, in denen sie seßhaft waren. Die Auswaiidernng erschien, selbst wenn sie sich in solchen Massen vollzog, wie sie seit Beginn der 80er Jahre des vergangenen Jahrhunderts nach deic Vereinigten Staaten gegangen sind, lediglich als ein iiichk anöschlgggc'bendcS Hilfsmittel. Damals war es angesichts der Zustände im zaristischen Rußland ganz unmöglich, den Juden in Rußland selbst zu helfen. Jetzt liegen die Tinge anders. Die Ausivaudernng ist zum großen Teil durch die Sperre, welche die Bereinigten Staaten und andere Länder auferlcgt haben, gehemmt, wohl aber bietet iich die Möglichkeit in Rußland selbst — leider nicht in den Randstagten — das Los der Juden zu verbessern. Im Süden Rußlands werden in größerem Ausmaße jüdische Kolonisten unter der Billigung der Regierung angesiedelt. Es bedarf keiner Darlegung, wieviel besser und billiger die Bedingungen für die Niederlassung dort sind, als wenn eine Nebcrsiedlnng nach Palästina stattsinden würde, das in den letzten Monaten ohnehin mehr Rückwanderer als Einwanderer zählt. Die Kolonisation, die in Rußland zum großen Teil mit amerikanischer Hilfe und die anderwärts durch die Jca geleistet wird, muß zum Wohl unserer armen Glapbensgenossen in weitaus stärkerem Maße von Deutschland aus gefördert werden, als es bisher geschehen ist, selbst wenn gewisse Bedenken gegenüber der Sowjetregierung und hinsichtlich der Dauer ihres Bestandes bestehen mögen. Der Hilfsverein der deutschen Juden muß neu belebt und es muß ein enger Zusammenschluß aller Organisationen herbeigeführt werden, die sich um die Ansiedlung der Glanbcnsgeuosien im Osten und um ihre Förderung bekümmern. Innerhalb dieses Rahmens erscheint auch Palästina als eines der Siedlungsländer mit leider recht begrenzten Möglichkeiten. Innerhalb einer solchen Siedlnngsarbeit könnte man auch mit und für den Keren Hajessod arbeiten. Gewiß leistet er jetzt Erhebliches und zweifellos gibt er unmittelbar keine Beträge für die nationalistischen Zwecke der Zionisten, wenn et sie auch von anderen Ausgaben entlastet. Ob es uns. die wir aus religiösen Gründen dem Zionismus ablehnend gegenüberstehen müssen, gelingen wird, mit seinen Vertretern im Keren Hajessod im Rahmen der hier geschilderten Siedlnngsanfgaben erfolgreich zusammen zu arbeiten, erscheint allerdings zweifelhaft, und zwar erst recht bei der jetzigen Lage des Zionismus. Die Krisis, die einmal für die rein national eingestellte Richtung im Zionismus kommen mttftte, ist eingetreten. Für die Führer mag es unendlich schwer sein, den Mißerfolg gegenüber den Mafien einzugestehe«. und es mag fein, daß sie die Arbeit für das Phantom eines jüdischen Nationalstaates in Palästina nur noch in stärkerem Maße betreiben werden. Der Zusammenbruch der Hoffnungen bedeutet für die Gegner des Zionismus keineswegs eine Freude. Die Stunde, in der — nicht aus der Mitte der bedrohten Glaubensgenossen im Osten heraus, sondern aus dem Gehirn eines vollkommen westeuropäisch eingestellten Oesterreichers, Theodor Herzl. der in Wien, der Stadt des radikalsten Antisemitismus eine Fülle seelischer Enttäuschungen hatte erleben müssen — der Gedanke des Zionismus geboren wurde, war nach unserer Auffaffung lein Glück für das Judentum, mögen auch eine ganze Reihe von Nebenwirkungen der großen Bewegung von günstigem Einfluß gewesen sein. Der Tag aber, an dem der nationale Zionismus scheitert und dies all seinen Anhängern zum Bewußtsein kommen muß, wird für das Judentum erst recht kein Glück bedeuten. Es steht zu befürchten, daß unendlich viele derjenigen, die einer Utopie nachgejagt sind, sich dann einem völligen Nihilismus ergeben werden, und daß sie für das Judentum ganz verloren sind. Nach dieser Richtung hin unterschätzen die jüngeren liberalen Rabbiner in Deutschland, die eine dem Zionismus freundliche Stellung eittuchmen, die Gefahr der Lage zweifellos. Es ist keine vereiuzclte Erscheinung, wenn man von Anhängern der Poale Zion Partei, die doch behaupten, die eigentliche Idee des Zionismus darznstellen, Worte hört, wie sie mir vor einigen Monaten in einer öffentlichen Versammlung begegnet sind und die dahin gehen, daß die Frage der Existenz des jüdischen Glaubens in den Hintergrund zu treten habe, und daß man den Fragen der jüdischen Religion ganz indifferent gegeniiberstehe; den Rednern, die derartiges geäußert hatten, wurde von ihren Anhängern lebhafter Beifall gezollt, keiner von den zahlreichen Zionisten, die in dieser Versammlung anwesend waren, erhob airch nur ein Wort des Widerspruchs Das sind durchaus keine vereinzelten Erscheinungen, und ich hege die Besorgnis, daß sie sich mehren werden, iveun der Gedanke des Judenstaates in Palästina endgültig ans den Köpfen verschwinden muß. Auch der sogenannte Kultur-Zionismus wird sich hier nicht als Rettung erweisen. Jeder Jude wäre glücklich, wenn von dem Land der Vorfahren ein neuer Strom religiösen Lebens nnd jüdischen Geistes sich ergießen würde, aber bisher hat man davon reichlich wenig geinerkt. trotzdem die indische Sicdluugsarbeit in Palästina doch schon einige Jahre im Gang ist und trotzdem es an Mitteln, alle Gebiete jüdischen Lebens im heiligen Laudepflegen, keinesfalls gefehlt hat. Die Tatsache allein, daß weitaus die Meisten unter den Führer:: der Zionisten es vorgezogcn haben, nicht nach Palästina zu geben, sondern in den Ländern zu verbleiben, die seit Jahrhunderten die Heimstätte ihrer Familien gewesen sind, kann diese Oede nicht allein erklären. Geistige Bewegungen lassen sich nicht kommandieren. sie entstehen spontan. Bon einem anS eigener Kraft rinnenden Quell neuen religiösen Lebens in Palästina, hat man trotz aller Bemühungen leider nur wenig gesehen, und ich-fürchte, daß das Resultat um so geringfügiger sein wird, je mehr man sich bemüht, etwas Greifbares' zu erzielen. Auch auf diesem Gebiet zionistischer Betätigung muß leider festgestellt werden, daß die unendlichen Summen nnd die; Fülle der Arbeit, die jahrzehntelang für daS Unternehmen! anfgewendct worden sind, sich — um einmal kaufmännisch zu reden — nicht als eine glänzende Anlage erwiesen haben: „Ein großer Aufwand kläglich ward vertan." Was folgt aus alledem für uns liberale Juden? Wir sollen uns über die Gründung des Pro Palästina Kommitss nicht zu sehr aufregen. Wir müssen uns in iveitairö stärkerem Maße a/s es bisher geschehen ist, um unsere GlaiibenSgevossen in anderen Ländern und vor allem wenn wirkliche Garantien dafür gegeben find, daß'sie nicht dem Anfban eines natio:»alen Staates dient, aber wir dürfen seine Tätigkeit niemals als das Zentrum aller jüdischen KolonisicrungZarbeit betrachten. Wir müssen unsere ablehnende Haltnrig gegenüber der Idee des nationalen Zionismus gerade von unserem religiösen Stanbpuirtt aus mit aller Energie artsrechterhalten, und mir dürfen uns dabei nicht dadurch irre machen lassen, daß sich eiitzelne it:m uns aus unklaren Gedankengäugeu, aus übertriebener Hinn-cigung zu mustischen Vorstellungen und auch MtßstiiNliiuug über langsames Vordringen liberalerer religiöser lckedankeri dem Zionismus geneigt zeigen. Gerade in solchem Verhauen scheint mir ein völliger' Trugschluß zu liege:'.. Mit Verbeugungen vor dem Zionismus füllt man leere liberale Sunagogen nicht. Die Tatsache, daß unsere Zeit wenig Neigung zu regelmäßiger religiöser Betätigung zeigt, liegt nun einmal vor. Das lehren nicht nur unsere liberalen Synagogen, sondern c.::ch der V/ick ans die jüngere Generation innerhalb der Orthodoxie, ja selbst bei den Separatisten Blicken wir über die Mauern des Judentums hinaus, so können wir feststellen, daß der Prozentsatz der Juden in Westeuropa, die sich überhaupt noch um religiöse Dinge kümmern und das Gotteshaus anfsucheu — sei es auch nur ein oder zweimal im Jahre —, noch immer größer ist. als bei den Evangelischen in Deutschland, die trotzdem ihre große Macht und Bedeutung nicht eingebüßt habe«. Tie Geschichte zeigt immer wieder, daß auf Perioden, tu oci'en das religiöje Leben im Vordergrund aller Interessen der Menschen stand, Zeiten gefolgt sind, in denen die religiös Betätigung den: einzelnen Individuum wenig bedeutet hat. Gerade auS solcher Erkenntnis heraus dürfen diejenigen, denen die religiösen Gedanten des Judentums unendlich viel find und die an die Kraft und Bedeutung seiner Idee für die Entwicklung der ganzen Menschheit glauben, nicht leichtherzig ihre Stellungnahme ändern, wenn zahlreiche Mitglieder der jüngeren Generation sich heutzutage von der aktiven Teilnahme am religiösen Leben fernhalteri Ist etwa der Gedanke des politischen Liberalismus tot. weil Nch heute in Deutschland, in Oesterreich, in Italien und in England die Massen von ihm abgewendet haben die — mögen sie den extremsten Parteien ans der Rechten oder Linken folgen — schließlich doch in den Schuhen des Liberalismus stehen und mit seinem Kalbe pflügen? Es wäre eure Kurzsichtigkeit, wenn Erscheinungen, wie die Gründung des Pro Palästina Komitees und die Haltung eines Teils der jüngeren liberalen Rabbiner unsere grundsätzliche Stellung zum Zionismus und unsere Arbeit für die religiösen Gedanken des liberalen Judentums beeinträcktiaen würden Mit dieser Haltung gegenüber dem Zionismus ist aber kecneswegs gesagt, daß wir mm in ewigem Hader mit den Zionisten leben müßten. Freilich wird bei einer offizieü aufgezogenen Befrledrgungsaktion nicht viel herauskommen. ^.aö haben die Vorgänge bei der Frühjahrstagung des Landesverbands jüdischer Gemeinden Preußens gezeigt. Alle anderen Parteien Hatten keine große Sehnsucht nach eine'- Generaldebatte mit der ewigen Wiederkehr allgemeiner k 4