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Jüdisch-liberale Zeitung · 1927-05-13 · 19 (13.5.1927) · page 3

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
7 (1927)
Issue
19 (13.5.1927)
Date
1927-05-13
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Palästina. linier öiescr Ueberschrift veröffentlichten mir vor kurzem zwei Referate, die die Herren Recht-anwalt Dr. Bruno Weil. Berlin und Staatsrat a. D. Iusttzrat Dr. Cohn. Dessau im Centralverein deutscher Staatsbürger jüdische» Glaubens gehalten haben. Die Jüdische Rundschau, -aoffizielle Organ der Zionistischen Bereinigung für Deutschland, hat dies, wie bei ihr nachgerade üblich, nicht etwa zum Anlaß einer fach» licheu Auseinandersetzung genommen, sondern sich in persöv. lichen Gehässigkeiten gefallen. Die Berichterstattung wird durch Anführungsstriche von der Rundschau wertlos zu machen versucht und mit der Oberflächlichkeit antisemitischer Berichte in Parallele gesetzt. Das mag Sache des guten Geichmaüks sein, und über diesen laßt sich ja bekanntlich nicht streiten. Rech: eigenartig wirkt aber ein Brief des bekannten Makers und Zionistenlführers Hermann Struck, den die Jüdische Rundschau und das Jüdische Wochenblatt veröffentlichen. In ihm wird ausgeführt. Herr Dr. Weil habe in Palästina »von den für das neue Palästina wichtigen Dingen fast nichts gesehen" er sei von »Mangel an Willen, sich informieren und etwas zeigen zu lassen" beherrscht gewesen. Die Jüdisch« Rundschau fügt dem Briefe hinzu: »Was für Dr. Bruno Weil gilt, trifft in erhöhtem Mähe auf Staatscat Cohn zu." Offenbar war also Staatsrat Dr. Cohn als Anhänger des Uerctt Hajessod den Herren der Jüdischen Rundschau vor seiner Palästinareise genehm. Seitdem er aber seine Anschauungen in Palästina selbst überprüft hat, ist er ihnen weniger genehm. Das Merkwürdigste an dem Brief des Herrn Struck ist .-.der die Tatsache, dah die Vorträge selbst erst am 9. April in Berlin gehalten wurden, der Brief des Herrn Struck aus Jerusalem aber bereits vom 4. April datiert ist und mit den Worten beginnt: „Lieber Herr Blurnenfeld. Ihre Anfrage erreichte mjch hier." Anscheinend hatte man in der Zionistischen Bereinigung solche Knrcht vor dem Bericht des Herrn Dr. Weil, daß man sich schon a u f SJ> o c r a t eine Bescheinigung über schlechten Witten aus Palästina kommen liest? Nachstehend veröffentlichen wir eine Zuschrift des Herrn StaatScat Cohn, sowie das Antwortschreiben von Herrn Rechtsanwalt Tr. Weil an Herrn Struck. Hoffentlich tragen diese beiden Briefe dazu bei. das, die Zionisten in Zukunft bei Auseinandersetzungen persönliche, durch sachliche Argumente ersetzen. * 9. Mai Herrn H ermann Struck Akademifchcr Kunftmaler Haifa Sehr geehrter Herr Struck! Sie haben an Herrn Kurt Blnmeufcld unterm 4. April 1927 von Jerusalem aus einen Brief gerichtet, der sich mit meiner Reise durch Palästina und meinem Ihrer Gattin und Ihnen abgestatteten Privatbesuch beschäftigt. Es ist bisher nicht einmal zwischen politischen Gegnern schlimmster Art üblich gewesen. Privatunterhaltungen zu politischen Aktionen zu benutzen. Ihnen blieb es Vorbehalten. eine von meiner Seite aus mit vollkommener Offenheit geführte Privatuuterhaltnng nicht allein in einem zur Veröffentlichung bestimmten Briefe an eine dritte Person weiter zu geben, sondern sogar in diesem Schreiben, das vor jeder Veröffentlichung meinerseits in Deutschland erfolgte denn den Vortrag im Hotel Adlon habe ich erst am 9. April gehalten — Borwürse zu erheben, ehe Sie überhaupt wnstten. welche Eindrücke ich ans Palästina mitgebracht, und ums ich darüber zu sagen gewillt war. So gibt denn Ihr Brief aus dem Zusammenhang gerissene, zum Teil völlig unrichtige oder sogar entstellte Behauptungen wieder, die zu widerlegen schon die Lektüre meines Bortrages allein genügen wird. Ich lege aber Wert daraus, festzustellen. daß til) Ihnen mit keinem Wort erklärt habe, dast ,/bie zionistische Arbeit bedeutungslos sei. und keinen Beitrag zur Lösung dcr Jndenfrage daritelle" Ich habe mich während meines Aufenthaltes in Palästina in ehrlicher und keine Anstrengung scheuender Weise bemüht, alles, was im Lande zu sehen ist. kennen zu lernen. Aber ich habe — und das haben Sie mir offenbar besonders verübelt — es abgelehnt, mich durch von der .Monistischen Parteileitung delegierte Herren sichren zu lassen. Ich habe auch mit Christen und Arabern Fühlung zu nehmen versucht und alle Erkenntnisquellen die mir zugänglich waren. anSgeschöpft. Mit Ihnen bin ich allerduigs nicht einer Meinung gewesen darüber, was zu sehen besonders wichtig sei. Während ich die iüdische Stadt Tel- Aviv, die vom vielen Ihrer zionistischen Freunde als die wichtigste Schöpfung des modernen Palästina betrachtet wird, -wei volle Tage habe besuchen wollen und auch besllcht habe, sind Sie der Meinung gewesen, es genügten drei Stunden, um diese Stadt, für die Sie einen wenig respektvollen Ausdruck gebrauchten, zu besichtigen. Sie waren der Ansicht, inan müsse jede einzelne der Kolonien, von denen ich immerhin eine gewisse Anzahl gesehen habe, besuchen, um das Versammlungskalender Berlin-Norden. Liberale Synagoge Norden (im Anerbachfchen Waisenhaus, Schönhauser Allee 162): Gottesdienst: Freitag, den 18. Mai. abends 7.1a Uhr. Predigt: Rabbiner Dr. Salomonski. Sonnabend, den II.Mai. vormittags Ist Uhr. Breslau. Jüdisch-liberaler Jugcudocrein »Abraham Geiger". Dienstag. den 17. Mai. von 8% Uhr abends ad zwangloses Beisammensein i« Friedebcrg-Garte». Kaiser-Wilhelm-Str. 121. Gäste, durch Mitglieder eingesührt. willkommen. Freienwalde sOders. Montag, de» 16. Mai 1827. abends 7'A Uhr. i» der Synagoge. Bortrag: George Goest- Berlin, Generalsekretär der Bereinigung für das liberale Indentnm e. B.: »Unser unbekanntes Gebetbuch". jüdische Ausbau werk in Palästina beurteilen zu können. Ich habe Ihnen erklärt, daß die einzelnen Kolonien noch so ideal eingerichtet sein können — und ich glaube, dem Idealismus der dort tätigen Menschen auch in meinem Vortrag in hinreichender Weise gerecht geworden zu sein — so behielten sie als Einzelerscheinung ihren großen Wert: für das Gesamtproblem der Lösung der Indenfrage, insbesondere für die notleidenden Glaubensbrüder im Osten, werde ihr Wert wegen ihrer geringen Zahl nicht allzu hoch eingeschätzt werden dürfen. Wenn Sic diese Verschiedenartigkeit der Auffassung in der stundenlangen erregten Diskussion zwischen uns einen „Mangel an Willen" sich informieren und etwas zeigen zu lassen, nennen, so halte ich diese Charakterisierung für durchaus unzutreffend und gerade von Ihnen angesichts der langen Dauer unserer Bekanntschaft und meines Ihnen bekannten Interesses für alle jüdischen Dinge für ungerecht. Ich versichere Ihnen aber, sehr geehrter Herr Struck, dast ich mich auch nicht durch Ihre unzutreffende und aller guten Tradition widersprechende Darstellung einer privaten Zusammenkunft von der von mir nach bestem Wissen und Gewissen in der Beurteilung der palästinensischen Frage eingenommenen Haltung werde abbkingcn lassen, und ich gebe mich der Hoffnung hin. dast Sie selbst keinen Anstand nehmen werden, nach der Lektüre meines Vortrags, der ja im Wortlaut im Sonderdruck des Philoverlages erscheint, Ihr schiefes Urteil richtig zu stellen. Mit vorzüglicher Hochachtung gez. Dr. Bruno Weil. * Herr Ltaatsrat a. D. Tr. Cohn-Dessau schreibt uns folgendes: „In ihrer Nummer 85 vom 3. Mai d. I. behauptet die „Jüdische Rundschau", daß ich meinen Bericht über Zustände und Aussichten im jetzigen Palästina ohne genügende „Sachkenntnis" erstattet hätte. Das Gegenteil ist richtig. Ich habe Technikum und Universität, ich habe Tel-Aviv. Haifa. Akko mit ihren Fabriken, sch habe die landwirtschaftlichen Siedlungen Dilb, Rischon le Zion. Nahalal, Merchawia, Balfouria. Kinereth und Dagania besichtigt: ich bin kreuz und guer durch die Ebene Emek gefahren und habe die Runde um den See Genezareth vom Jordanausfluß bis Capernaum gemacht. Palästina ist ja so klein, daß man in einem guten Auto diese Reise in wenigen Tagen beauem ausführen kann. Auf Grund eigener unbefangener Prüfung fand und finde ich für Siedlungen und Siedler nur Worte der Anerkennung. Was sich aber dem unbefangenen Beobachter ansdrängt, das ist die von mir ausgesprochene Ueberzeugung. daß Palästina viel zu klein ist und daß die politischen, klimatischen und wirtschaftlichen Verhältnisse viel zu ungünstig sind, als daß im Verlaufe der nächsten Generation ein irgendwie erheblicher Teil der unter schwerer Not leidenden Ostjuden dort untergebracht werden könnte: nicht weniger ist ans denselben Gründen der Gedanke an die Begründung eines machtvollen jüdischen Zentrums in Palästina lediglich von heißen Wünschen und gutem Herzen getragen, kann aber nicht bestehen vor kühlem verstandesmäßigen Denken und nüchternem Erwägen der Wirklichkeit. Daß diese Feststellungen den Zionisten nicht gefallen, ist begreiflich: zu beleidigenden Unterstellungen geben sie doch wohl keinen Grund. Die weitere Behauptung der „Jüdischen Rundschau", daß Herr Dr. Weil und ich uns mit unseren Ausführungen in Widerspruch zur Leitung des EentralriereiirS deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens gesetzt hätten, wird wohl am besten dadurch widerlegt, daß unsere Vorträge vom Centralverein demnächst als Broschüre verbreitet werden. Wie ich höre, sind aus die blvße Ankündigung davon binnen drei Tagen so viele Vorbestellungen eiugelaufen, daß die in Aussicht genommene Auflage stark erhöht werden mußte." Der preußische Iustizminister über die jüdischen Richter. Bei Erörterung des Justizetats im Preußischen Landtag führte Justizmrmster Dr. Sch m i d t-Lichtcnberg aus: „Aba. Kuttner hat gestern darauf hinqewiesen. daß völkische Blätter jüdischen Richtern die Eignung -zu ihrem Amt abgesprochen haben. Es wäre bedauerlich, wenn diese Ansichten Eingang in weitere Volkskreise finden würden. Nach den Bestimmungen der Reichsverfassung darf die Zugehörigkeit zu einer Konfession bei der Aemterbesetzung keine Rolle spielen. Ich werbe mich streng an die Verfassung halten (Bravo links und in der Mitte.) Andernfalls würden sich die ungeheuerlichsten Konsequenzen ergeben." Aus den Gemeinden Berlin. (Der neue Wahlprotest.) In der vorigen Nummer hatten wir bereits mitgeteilt, daß gegen me im Mai vorigen Jahres stattgefundenen Repräsentantenwählen von Mitgliedern des Verbandes nationaldeutscher Juden erneut Einspruch bei der Aufsichtsbehörde eingelsgt worden ist. die diesen zunächst zur Aenßerung dem Vorstand der Berliner Jüdischen Gemeinde zugestellt hat. Das Mitteilungsblatt des Verbandes nattvnaldentscher Juden gibt in der soeben erschienenen Nummer aus der «mfaagreichen Einsprnchsfchrtst den Schlußabsatz wieder, b«r wt« folgt lautet: „Die oben gerügten Verstöße gegen ein orbnnngSmäßi«- Wahl- und Ermittelungsverfahren müssen meiner Anstcht nach in jedem Falle dazu führen,, daß die Vorgänge in der Sitzung vom 10. April lS37 als ordnungsmäßige Ermittelung außer Betracht bleiben und diese ordnungsmäßige Er> mittelung von neuem nunmehr wirklich ordnungSmLtzig vorgenommen wirb. Eine solche wirklich ordnungsmäßige Ermittelung wird aber meiner Ueberzeugung nach gar ntfc möglich sein, denn die Ordnungswidrigkeiten beruhen ja gerade darauf, daß bei der Wahl am 16. Mai 1636, Sei der Prüfung bzw. »Feststellung" der Ergebnisse in den einzelnen Bezirken und bei der darauf folgenden »Ermittelung" de» Wahlergebnisses seitens der sogenannten vereinigten Wahlausschüsse in einer Weise verfahren worden ist, die sich heute schlechthin nicht wieder gutmachen läßt, zumal die Stimmzettel zum großen Teil, in einem Falle sogar das Protokoll, nicht mehr vorhanden sind und sich wahrscheinlich niemals mehr mit Sicherheit wird feststellen lassen, wie die Per» sone», die am 16. Mai 1936 als Mitglieder der einzelnen Wahlausschüsse fungiert haben, zu ihrer Tätigkeit gekommen sind. Gerade deshalb erscheint mir ein Versuch, die seinerzeit begangenen tatsächlich irreparablen Verstöße doch noch zu reparieren, völlig aussichtslos. Ein solcher Versuch mutz, so oft er wiederholt wird, immer wieder scheitern und führt in letzter Linie nur zu einer weiteren Verzögerung der jetzt schon seit fast einem Jahr verzögerten Angelegenheit. Die Geschäfte der Jüdischen Gemeinde zu Berlin können fett einem Jahre nicht mehr ordnungsmäßig geführt werden, da eine ordnungsmäßig aervählte Repräsentantenversammluna nicht vorhanden ist. Werden noch weiterhin fruchtlose Versuche unternommen, die seinerzeit in unglaublich fahrlässiger Weise gehandhabte Wahl nachträglich „etnzurenken" so kantt das Ergebnis nur sein, daß der Zustand der Ungewißheit darüber, wer eigentlich die Gemeindegeschäfte zu führen hat, bis auf weiteres fortdauert. Zur Vermeidung jedes Mißverständnisfes erkläre ich schon jetzt mit aller Bestimmtheit, daß ich und meine Vollmachtgeber sich mit irgendwelchen Versuchen, einem unmöglichen Wahlvorgang nachträglich den Anschein der Ovdnungsmätzigkeit zu verleihen, unter keinen Umständen abfinben. daß wir vielmehr die völlige Amhebung der Wahl und die Anordnnna einer Neuwahl mit allen zulässigen Rechtsbehelfern bis zur höchsten Instanz betreiben werden. Ich bitte »daher ganz ergebenst, in eine ernste Prüfung darüber einzutreten, ob nicht schon unter diesem Gesichtspunkt die sofortige Ungültigkeitserklärung als das im Interesse aller Beteiligten zweckmäßigere und allein aussichtsvolle Verfahren erscheint." Berlin. (Versammlungen.) Der ZeniralverSapß jüdischen Handwerker Deutschlands E. V., Sitz Berlin. Geschäftsstelle Berlin NO18. Gr. Frankfurter Str. 80/81. hält am Montag, den 23. Mai 1927, vormittag- 9H Uhr, feine diesjährige Hauptvorstanbssitzung in Berlin, bei Kaufmann. Kleiststr. 14. ab. Der Verband nationaldeutscher Juden e. B. hält feine Hauptversammlung am 23. Mai ab. Auf der Tagesordnung stehen n. a. ein Bericht deS Herrn Dr. S. Breslauer über „Eindrücke von einer Amerikafahrt" sowie eine allgemeine Aussprache über »Ziele und Taktik des BerbandeS". Berlin. (Vom Hilfsverein der deutsche» Inden.) Am 4. Mai fand unter Vorsitz von Herrn Dr. James Simon eine Sitzung degeschäftsführende« AuSschnsses des HilfSvereins der deutschen Juden statt. Es nahmen u. a. teil: Der stellvertretende Vorsitzende des HilfSvereinS, Herr Generalkonsul Eugen Landau, Dr. Bernhard Kahn, und von den in der letzten Generalversammlung neu gewählten Mitgliedern die Herren: Berthold HhUnfic der Ostmark angchörten: und daß» er. der tünstlerisch Pietätlose, dein alten Bund inbrünstige ZttKc und Ueberzeugung zolle. War der Gras Hülsen eitel Lächeln und Liebenswürdigkeit, so strotzt Leopold Ießner von Kanten und Ecken, die abzuschleifen. er kaum gesonnen scheint. In allem i >t Leopo l d Ießne r der juste Gegensatz seines Vorgängers. War eS Hü Isen S Kunst, zu vermitteln und Vergleiche zu schaffen, so setzt Leopold Ießner offenbar seinen Stolz darein. Konflikte zu schüren. anzuftoßen und am Ende immer den eigenen Willen als letzten Trumpf auSznspielen. So mag es gekommen sein, daß man im Anfang Her Dinge hie und 5a von einem „F all I e ß n e r" redete, und daß dieser „Fall" sich allgemach zu einer „latenten Krise" ausgewachsen hat. Immer, wenn eine junge, selbstherrliche, aus eigenen Wegen eigenen Zielen zustrebende Kraft aus dem Plane erscheint. wird man von einem „Fall" reden. Otto Brahm war ein solcher »Fall". Max Reinhardt war ein solcher »<ralL und der »Fall" unserer Epoche heißt nun einmal »Leopold ,>eßner". weil in ihm sich wohl die stärksten und eigenbrödlertfchsten Potenzen unserer Zeit verkörpern. Der »Fall' wird gesteigert und kompliziert, weil in Ießner politischrepublikanische und kün stlerisch-revolutio- O näre Triebe am Werke sind. Und weil.in unserer königlich preußischen Republik Sie konservativen Elemente eine geschlossene Phalanx des Widerstandes bilden. Ießner aber ist nicht nur jung sntcht an Jahren, sondern an schöpferischem Willen), sondern auch unverbraucht und unbekümmert. Vielleicht hat grade seine Herkunst ans dem kleinen polnischen Ghetto, deren er sich — ihm zur Ehre sei es gesagt! — so gerne berühmt, ihm frühzeitig die Weisheit ins Blut gegossen: »Druck erzeugt Gegendruck". All der Druck, der vielleicht auf seinen Vorfahren gelastet hat. mag in dem späten Erben und Enkel, -em Träger westeuropäischer Kultur, die Schärfe und Unerbittlichkeit des Gegendrucks und die Zähigkeit, sich selbst durchzusetzen, konzentriert und kumuliert haben. Ießner verschmäht Kompromisse und verlacht Konventionen. Daher säumen Feinde. Gegner und Neidlinge jeden Weg, den er aufrechten Hauptes schreitet. Auch wir sind nicht immer und keinesfalls bedingungslos mit dem künstlerischen Schaffen Leopold Jeßners einverstanden. Aber in jeder seiner Bühuenleistungen hat sich bisher ein schöpferischer Gedanke und ein unbeugsamer Wille, diesen Gedanken durch die Tat zu gestalten, offenbart. Und wenn „man", d. h. die „Intellektuellen," ehedem das weiland königliche Schauspielhaus nur mit einem mitleidigen Lächeln streifte und höchstens bedauerte, welch großer Aufwand — an hochwertigen Künstlern und künstlerischem Material — schnöde hier vertan ward, so horcht man heutzutage gespannt auf. sobald es heißt: eine Uraufführung oder eine Neueinstudierung im Staatstheater stehe bevor. Vielen urteilsfähigen Kritikern deö Berliner Bühnenlebens wird beispielsweise Jeßners Neubelebung gewisser klassischer Werke, die uns sakrosankt sind, nicht ohne einen automatischen Protest von Herz und Hirn eingehen. Aber sei's drum! Auch wenn uns hin und wieder ein Experiment als zu gewagt, ja als verwegen im Sinne der Dichtung, erscheinen mag, das Experiment als solches bleibt ein B e r d i en st, dem nicht allein um seines Mutes, sondern auch um seines Ideenreichtums willen Hochachtung und Ehre gebührt. Auch als Max Reinhardt die Klassiker, wie e r sie auffaßte, zur Darstellung brachte, fehlte es nicht an ernst zu nehmendem Widerspruch. Nichts selbstverständlicher als das! Denn jeder Neuerer ist ein Revolutionär, der das Heute oder besser noch das Morgen gegen die kompakte Masse der Ewig-Gestrigen zu vertreten hat. Bor 25 Jahren hieß dieser kühne Aufrührer Max Reinhardt. Und darum gab es auch einen »Fall Max Reinhardt". Heute heißt er »Leopold Ießner" und darum werden von Zeit zu Zeit immer wieder jene, die das Bestehende um jeden Preis verteidigen, nur weil es besteht und ihrer Meinung nach immer bestanden hat, Sturm laufen gegen einen, der es wagt. Zeitliches nicht mit Ewigem zu verwechseln und dem Geiste seiner Zeit gerecht zu werden „immer strebend sich bemüht". Alle großen Menschheitserscheinungen sind Empörer gewesen wider eine Bergänglichkeit. die sich als Unzulänglichkeit erweist. Auch Leopold Ießner ist vom Stamme dieser trotzigen Empörernaturen. Vielleicht überhitzt und überspitzt er seine.Eingebungen zuweilen. weil erseinen Geist mrd seinen Wiüen schärst an der Stumpfheit der anderen, die ans die Fahne des Ewig-Unveränderttchen schwören. Jedenfalls: ob für oder wider Leopold Ießner: so viel steht fest, daß an feine Persönlichkeit heute der stärkste künstlerische Einfluß Berlins und die schöpferischsten Potenzen der deutschen Bühne gebunden sind^ und -aß sein Name in den Annalen der ehrwürdigsten und vornehmsten Berliner Bühne ruhmreich fortleben wird. Und dessen freuen wir uns, weil gerade wir in zwiefachem Sinne befugt sind, Leopold Ießner den unseren zu nennen. Denn heute ist es der deutsche Jude Leopold Ießner, der in Kampf und Streit, unbiegsam und ungebrochen, danach trachtet, die deutsche Bühnenkunst auf Gipfelhöhen zu führen. Manchem mag das Jeßnersche Geistesklima unzuträglich sein. Er tröste sich. Nicht jedermann verträgt Höhenluft. Aber als der „Sardaiapal" seine byzantinischen Orgien im ehemals König!. Schauspielhaus feierte, hieß es den künstlerischen Kritikern gegenüber: »Nörgler und Krittler haben draußen zu bleiben." Wir sind duldsamer geworden. Und vielleicht auch klüger. Denn sicher gehört Leopold Ießner selbst zu jenen, die noch aus dem Chor seiner Tadler zu lernen streben. anwH uuuj umie »erau <fepner „vlenenyr schon überwunden sein, die latente Krise, die den Namen Leopold Ießner an der Stirne trägt, möge uns noch lange erhalten bleiben. Dann wissen wir wenigstens, daß am Gendarmenmarkt ein Hort und «in Hüter deutschen Bühnenlebens zu finden sind. Ein Hort, will sagen, ein Schatz, reich an Kleinodien, Kostbarkeiten und Köstlichkeiten von erlesener Seltenheit, und ein Hüter von dem strengen Gewissen und der «nervittlichen Gewissenhaftigkeit des von der Ostmark hart gehämmerten Könners und Kämpfers Leopold Ießner. So lange die Gestrigen und die Morgigen immer noch oder immer wieder um einen »Fall Ießner" widereinander eifern und geifern, so lange wenigstens wird daS Salz des deutschen Bühnenlebens nicht taub werden. Darum Gruß und Heil dem »Fall Ießner" und stinem bisher noch unbesiegten Kämpen auS taufe»», jährigem Blut! ■ - - i

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