Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 7 (1927)
- Issue
- 18 (6.5.1927)
- Date
- 1927-05-06
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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nur. um sie tu dem «»leichsallS stark „verindeten" Mariahilj aufs neue anfznstellen. Die Folge dieser Taktik war. daß die nun einmal geweckte Abneigung der Leopoldstädter Juden gegen die bürgerliche Einheitsliste auch auf die Juden in Mariahilf Übergriff. Es gelang denn auch hier, die Wahl de» HakenkreirzlerS zu verhindern, und zwar so gründlich» -ab auch der in der Liste unmittelbar vor Riehl rangierende groAdentsche Vizekanzler Dr. Waber bei der ersten Stimmenzählnng ohne Mandat blieb und mit einem Rest» stimmenmandat Vorlieb nehmen mußte. Die einfachste Berechnung machte c* klar, daß ein solcher Erfolg nur durch Unterstützung der sozialdemokratischen Liste möglich war. Trotzdem haben die zionistischen Führer nicht nur in der Leopoldstadt. — wo sie allein einige Chancen zu haben schienen und nach der geschilderten Uebcrfiedlung Riehls die Gefahr eines Hakenkreuzsieges nicht mehr unmittelbar bestand. — sondern in ganz Wien Sonderkanhidatnren ausgestellt. Ihre Mandatschmerzen waren eben größer als ihr Verantwortungsgefühl gegenüber der angeblich von ihnen geführten Jndenfchaft. Diese Erkenntnis hat nun auch die jüdische Minderheit, die der blan-weißcn Fahne in früheren Wahlschlachten Gefolge leistete, eines Besseren belehrt Die vernichtende Niederlage der Zionisten ist deshalb nicht bloß als Mandatverlnst zu werten, sondern als Der träne ns kr tse. Und das verleiht dem Ereignis erst seine eigentliche Bedeutung. Verlorene Mandate können wieder gewonnen werden, ein verlorenes Vertrauen —■ niemals ... Die jüdischen Wähler haben einen großen Erfolg erzielt, aber sic haben ihn gegen den Willen jener Männer, die sich eine jüdische Führerrvlle arrugierten. und durch rechtzeitige, bewußte Emanzipation von dieser Führcrfchaft erreicht, und es ist kaum anznnehmen. daß sie sich von dem in einer entscheidenden Stunde entlarvten Demagogentum ie wieder ins Schlepptau werden nehmen lassen. ES ist dies um so unwahrscheinlicher, als es schon früher an solchen Entlarvungen nicht gefehlt hat. Schon die eingangs erwätmte Weigerung der jüdischen Wähler, bei Schaffung eines eigenen Indenparlaments mitzutnu. zeigt, daß die österreichischen Inden rechtzeitig die Gefährlichkeit des Weges erkannt hatten, den ihnen die von Gervisseiishemmmlgen freie Herrschsucht der Ztvnistenführer norschreiben wollte. Im Vergleich zu dieser abgewehrten Gefahr eines freiwilligen Ghettos ist die Gründung einer „jüdischen V v l k e r b u u d l i g a für Oesterreich" eine harmlose Spielerei, die in der großen Oeffentlichkcit kaum Beachtung findet und daher auch nicht viel Schaden anrichten kann. Ihr Nutzen ist freilich noch viel problematischer . . . Gefährlicher ist das zionistische Streben nach Umwandlung der Kultnsgemeinden ans religiösen in „nativnal"-politischc Körperschaften. Zum Glüct ist sich die Mehrheit der Juden auch über das PerhänguisvoUe dieses Zieles im klaren und wird seine Erreichung mit allen Mitteln zu verhindern wissen. Eine groteske Ironie des Schicksals hat es gefügt, daß die Zivnistenführer gleichzeitig mit dem eben geschilderten Kampf nur die „i üdis ch c A n t v n v m i c" einen solchen um das jüdische — Deutschtum zu führen gezlvungcn waren. Und das kam so: die Iüdischnationalen hatten das größte Interesse daran, daß die zur Zeit nach dem Umsturz in Wien weilenden O st j n d e n für Oesterreich optierten, weil ja diese Schicht das Gros der zionistischen Anhänger stellt. Aber der damalige deutschnationale Innenminister berief sich auf die Bestimmung des St. Germaincr Friedensvertrags. daß die Bürger des neuen Oesterreich nach „Rasse und Nation" einheitlich deutsch sein müßten. Es war mm nrdrvllig zu sehen, wie die Zionisten im Gegensatz zu ihrer sonst verkündeten Theorie von der jüdischen Eigennation die Behörden zu überzeugen suchten, daß das Deutschtum der — polni scheu Inden in dem Sinne, in dem die französischen Friedensdiktterer das Wort ruco ansfassen, von dem Nachweis deutscher Schulzeugnisse abhänge. einem Nachweis, den sämtliche Optanten mit staunenswerter Promptheit zu er- " v'riugen imstande waren. Leider zeigte sich der deutschuationale Minister in der Weigerung. Juden als Deutschrassige anznerkennen. konsequenter als die sonst ins selbe Horn stoßenden Iüdischnationalen. Er wies die Optanten aus Galizien unterschiedlos ab. was weiter kein Malheur war. da die Ostjuden im selben Maße, in dem die Berrtrmmtrt des -eutschösterreichischen Wirtschaftsmarktes immer deutlicher zutage trat, dem Lande den Rücken kehrten, die hier seßhaft Gebliebenen aber auf dem Wege der sozialdemokratisch, also konfessionell und rassisch vorurteilslos orientierten Stadtverwaltung die Heimatsberechtigung in Wien erhalten können. Die einzigen Leidtragenden waren die Zionistenführer, denen die vorübergehende Preisgabe ihrer fondernatioualeu Belange statt des erhofften Gewinns an zionistischen Wählern nur eine schwere Blamage eingcbracht hatte. Schlimmer, weil ernster zu werten, als ihr „nationaler Verrat" war ihr sozialer. In den ersten Jahren der Republik gebärdeten sich die Jüdischnationalen als Sozialisten, die die offiziellen Sozialdemokraten an Radikalismus noch übertrafen. Dieser Tendenz diente auch das damals gegründete zionistische Tagblatt, die „Wiener Morgen- Zeitung". Aber ungefähr zur Zeit der vorigen Parlamentswahlen (1923s änderte das Blatt jäh seine wirtschastspolitische Tendenz. Statt der Interessen des jüdischen Proletariats wurden plötzlich die der jüdischen Hausherren und sonstigen Kapitalisten Gegenstand liebevoller Obsorge. Diese Schwankung hatte hauptsächlich w a h l t c ch n i s ch e Ursachen. Die Zionisten sagten sich, daß der Hanptkvnkurrent um die jüdischen Stimmen die Sozialdemokraten seien. Die bürgerlichen Parteien waren fast zur Gänze antisemitisch orientiert, ans diesem Lager waren keine Wähler zu gewinnen. Wohl aber aus dem sozialdemokratischen, in -cm viele Juden das Palladium der religiösen Tolerenz schätzten, ohne aber die letzten Wirt schaftsziele des Sozialismus zu billigen. Diese politisch eigentlich obdachlosen Schichten sollten von der roten Fahne weg zur blau-weißen gelockt werden. Deshalb machten die Zionisten den Derlenmdungöfeldzug gegen die sozialdemokratische Stadtverwaltung eifrig mit. Leider hat ihnen die Ironie des Schicksals auch aus diesem Wege übel mitgespielt. Denn ganz überraschend erscholl diesmal gerade von der Seite, von der man es am wenigsten erwartet hatte. nämlich von der christlichsozial-üentschnationalen Bürgerfront, ein Sireuenruf an die jüdischen Wähler ... Warum dieser Ruf ziemlich wirkungslos verhallte, habe ich schon eingangs dieser Ausführungen geschildert, gleichzeitig aber auch erklärt, wieso die Zionisten dabei zu Schaden kamen. Diese haben also die Sympathie der bürgerlich gesinnten Juden trotz allen Anstrengungen nicht zu erringen vermocht, dagegen recht gründlich die des jüdischen Proletariats verwirkt. Das zeigte sich schon vor der Wahl, da die Poale Zionisten mit den Sozialdemokraten offen paktierten. Gründlicher abgewirtschaftet hat wohl noch nie eine politische Partei, und so ist zu hoffen, das; im zionistischen Lager endlich jene scholl längst bestehende, aber bisher gewaltsam unterdrückte Gruppe siegen wird, die die Auffassung vertritt, daß mau dem Zionismus am besten durch Konzentrierung auf den Palästina-Aufbau — bei Ausschaltung aller „Landespolitit" — dient. Setzt sich diese Richtung durch, dann — aber nur daicn — kann der Zionismus die durch bk Demagogie seiner österreichische» „Landespoiitiker" ucrunrftcit Sympathien wiedergewinnen, besonders wenn es ihr gelingt, die von den Wählern grausam abgesagten Führer zur Verlegung ihrer, ach, so genialen Wirksamkeit aus dem undankbare« Oesterreich in jenes Land zn erreichen, das ja auch für sie das „gelobte" ist . . . Hermann Buch. Aus den Gemeinden Berlin. (Vom Preußischen Landesverband.) Der Preußische Landesverband jüdischer Gemeinden hat gemeinschaftlich mit dem Preußischen Landesverband gesetzeStreuer Synagogengemeinden. Sitz Halberstadt, den von der hierzu bestellten Svnderkommmwn ausgearbeiteten Entwurf einer Prüfung-- und Stu-ieiwrdnung für die Prüfung in iüdischer Religion bei der höheren Lehramtsprüfung.dem Ministerium für Willenschaft. Kunst und Volksbildung überreicht. In Hannover und Rassel haben unter Teilnahme von Vertretern des Rates des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden Besprechungen über die Ueberleitungsbestimmnlrge» m dem Gesetz betr. die Verfassung der jüdischen Religionsgesellschaft in Preußen stattgesunden. Die Verhandlungen sind noch nicht zum Abschluß gelaugt. Berlin. (Noch keine Bestätigung der Repr ä'- s c n t a n 1 e n w a h l e n.) Der Berliner Polizeipräsident hat das ihm von den vereinigten Wahlausschüssen mitgeteilte, neu ermittelte Wahlergebnis bisher nicht bestätigt. Der Grund hierfür ist in einem Schritt des Verbandes nationaldeutscher Juden zu suchen. in dem erneut ans die zahlreichen Verstöße bei den letzten Reriräsentantenwahleu hingeiviesen wird. Der Wahlprotest des Verbandes nativnaldentscher Inden ist vom Polizeipräsidenten an den Gemeindevorstand mit der Bitte »tut Stellungnahme weitergereicht worden. Berlin. iJübische Haushelferinnen.) Bom Jüdischen Frauenbund werden wir um Berössentlichung folgender Mitteilungen gebeten: Eine Folge der heutigen wirtschaftlichen Verhältnisse ist eS. daß eine breite Schicht des Mittelstandes kaum in der Lage ist. sich eine Hilfe in der Wirtschaft (Hansangestellte) zn halten. Auch die Hausfrau möchte ohne Sorgen um Haus und Rind ein paar Stunden in der freien Natur verbringen, oder einige Ferientage fern vom Alltag sein. Da erhebt sich die Frage, wer hiitet in unserer unsicheren Zeit für solche Tage oder Stunden Heim und Rinder? lim dieser Verlegenheit abzuhelfen, will die Bezirksgrnppe Westen des Indischen Frauenbundes. Verband Berlin, eine Stelle ins Leben rufen, in der sie für Haushaltungen de- Mittelstandes Damen empfiehlt, die früher als selbständige Hausfrau, als Lehrerin. Erzieherin nsw. tätig waren, und die es gern übernehmen würden, wahrend der kürzeren oder längeren Abwesenheit der Mutter, die Kinder zu betreuen oder auf einige Ferienwochen das Heim zn hüten. Meldungen von Haushaltungen, die solcher Hilfe bedürfen, und von Damen des Mittelstandes, die bereit find, gegen entsprechendes Entgelt diese Arbeit zn übernehmen, erbeten an: Indischer Frauenbund» Verband Berlin. Rosenstr. 2/4. Zimmer 25, unter Bermerk: Hanshelscrin. Mündliche Meldungen: Montag und Donnerstag li—1 Uhr. Rosenstr. 2/4, Zimmer 25. Das Heim des Jüdischen Frauenbundes in Wyk a. Föhr für tuberkulös gefährdete Kinder und weibliche Jugendliche wird am 15. Juni eröffnet. Einige Anmeldungen sind noch umgehend zu richten an die „Anmeldestelle für Wyk" per Adr. Geschäftsstelle des Jüdischen Frauenbundes. Berlin C2 Rosenstr. 2/4, Berlin. (8ü. Geburtstag.) Der Begründer der Trikvtagensirma Gebr. Grumach A.-G.. Herr Louis Grumach, beging am 2. Mai seinen 80. Geburtstag. Ter Jubilar gehört zu den ältesten und treuesten Mitgliedern der jüdischliberalen Bewegung. So gesellen sich unsere Glückwünsche für einen von Sonne beschienenen Lebensabend zu den zahlreichen Gratulationen, die ihin ans den verschiedensten Kreisen zugingen. Bonn-Poppelsdorf. lSynagogeujnbilänm.) Am 21. Mai feiert die hiesige Sunagogengemcinde das 25 jährige Jubiläum ihrer neuen Synagoge. Ans Anlaß dieser Feierlichkeit ist der Jnnenraum nach Entwürfen des Kölner Architekten Robert Stern renoviert worden. In ihrem neuen Gewände bietet die Synagoge jedem Besucher einen erbauenden Anblick. Dresden. (70. GeVnrtsta g.)) Der der liberalen Bewegung zugehörige Gememdeverordnete Julius Hirsch. Direktor der weithin bekannten gleichnamigen Holzhandelsgesellschaft. beging am 30. April die Feier seiner 70. Geburtstages. Aus diesem Anlaß wurde Direktor Hirsch, der den Tag im engsten Familien- und Freundeskreise auf seinem Wohnsitz in der Sächsischen Schweiz feierte, im Aufträge des Vorstandes und des Gemciuderates der Israelitischen Neligionsgemeinde zu Dresden unter Ueberreichung eines silbernen Pokals vom Vorsteher Max Levi beglückwünscht. Er gedachte in einer kurzen Ansprache der großen Verdienste, die sich Julius Hirsch während seiner fast 25 jährigen Zugehörigkeit zum Gemeinderat um die jüdische Oeffentlichkeit. insbesondere auf dem Gebiete des Wohlfahrtsmesens erworben hat. Königsberg. (Ergebnis der R e pr ä s ent a n't en - wähl.) Am Sonntag, den 1. Mai fand nunmehr die endgültige Repräsentantcnwahl für 14 auf die Dauer von 6 Jahren zu wählende Mandatare statt, nachdem die am 20. März vollzogene Wahl infolge Mandatsniederlegung der Gewählten ungültig geworden war. Die im Grobblock vereinigten Zionisten, Orthodoxen, ans dem Boden des Gemeindevereins stehenden Mittelparteiler und Chassribim sowie die Liberalen erhielten von 1737 insgesamt abgegebenen Stimmen 1352 Stimmen. während auf die Jüdisch-religiöse Mittelpartei 385 Stimmen entfielen . Die vereinigten Parteien erhielten 11 Mandate, und zwar wurden gewählt: Universitätprofessor Dr. Rudolf Cohn (Zionist). Justizrat Dr. Max Lichtenst e i n (liberal), Kaufmann S. Wolfs (orthodox). Frau Helene Arnsdorfs (liberal). Frau Jenny Winter (Mittelpartei des Gemeindevereins), Kaufmann Sally I o a ch i m lMittelpartei des Gemeindevereins), Rechtsanwalt Dr. Siegfried Holz (liberal). Rechtsanwalt Dr. David Schloßberg (Zionist). Kaufmann Nathan Kapelanskn (orthodox). Frau Else Goldschmidt (Mittelpartei des Gemeindevereins). Frau Martha B o r k o n (liberal). Auf die Liste der Jüdisch-religiösen Mittelpartei entfielen 3 Mandate: es wurden gewählt: Rechtsanwalt Dr. Kurt F r Luk« l. Konkursverwalter Paul G r o n o w s k i und Apotheker Julius Meyerowitz. Die Wahlbeteiligung betrug 00 Prozent. Die Parteien, die einen sehr erbitterten Wahlkampf geführt hatten, der sich besonders in der letzten Zeit sehr zuspitzte. entwickelten einen lebhaften Schleppdienst, den sie genau wie bei den politischen Wahlen organisiert hatten. Münster. (Jüdische Musik im R u n d fn n k.) Der Langcnberg-Lender hat sich am vergangenen Sonntag erstmalig zum Piorlier jüdischer Musik gemacht. Der Elberselder Oberkantor Hermann Zivi zeichnete iu scharfen Umrissen die geschichtliche Entwicklung synagogalcr Musik und schilderte in interessanter Weise die Synagogenkomponisten der letzten 100 Jahre, dnxch deren Verdienste der jüdische Gottesdienst eine würdige Ausgestaltung erfahren hat. Oberkantvr Hermann Fleischmann, Köln, und sein Bruder Nikolaus Naumow-Fleischmann. Frankfurt, brachten, begleitet vom Kölner Synagogenorganisten Alvys Kreuz den unsichtbaren Zuhörern die schönsten Werke jüdischer Musik in Solvnummern und Duetten zu Gehör. Treyfa. (Jubiläum.) Als Kreisvorsteher der dem Kreise Ziegenhain angehörenöen israelitischen Gemeinden konnte in diesen Tagen Herr Benedikt Strupp auf eine 25 jährige Tätigkeit znrückblickcn. Sprechsaal Für diese Rubrik übernimmt die Schriftleitung lediglich die preßgesetzlichc Verantwortung. Mehr Würde im Gottesdienst. Von einem der angesehensten Vorkämpfer des liberalen Judentums werden wir um Veröffeut, lichung des nachfolgenden Briefwechsels gebeten. I. 15. März 1027. Sehr geehrter Herr Synagogenvorsicher.' Der Unterzeichnete führ am letzten Samstag mit seiner Frau bei der Synagoge.straße vor und wurde von Ihnen in einer ihm bis dahin nicht gelünsigcn Weise znrcchtgewiesen. Da Sie mir durch Ihr lautes Schelten die Möglichkeit nahmen, auch nur einen Ton der Aufklärung zn finden. Ihrerseits aber die Worte gebrauchten, es wäre eine „Unverschämtheit" unsererseits, bei. einer orthodoxen Synagoge vorzufahren, und wir hätten durch unser Verhalten das religiöse Gefühl einer ganzen Gemeinde verletzt, möchte ich Veranlassung nehmen. Ihnen auf diesem Wege zu jagen, daß wir als Nichtjnden logifchermeise aus reiner Unkenntnis den fraglichen Formfehler begangen haben. Wir bitten Sie. in Ihrer Eigenschaft als Snnagogenvorsteher, für diese unbeabsichtigte Verletzung der religiösen Gefühle, der Ihnen unterstehenden Gemeinde hast. um Entschuldigung. Unser ganzes sonstiges Auftreten hätte Ihnen als welterfahrenem Manne doch den Eindruck geben müssen, daß eine gewollte Geschmacklosigkeit uns weltfern lag, und dürfen Sie versichert sein. Laß dex Grund unseres Besuches in der Synagoge.straße — begründet durch eine mehr als herzliche Freundschaft - in uns die Voraussetzung für eine durchaus aufrichtige Teilnahme an der kirchlichen Feier gesctmffen hatte. Der Umstand, daß wir Nichtjuden sind, ist Ihnen ja sicher auch zum Bewußtsein gekommen, als der Snnagogcndreuer Ihnen mitteiltc, daß ich um ein Gebetbuch mit deutscher Ueberjetzung gebeten haüc. und Sic oder ein Herr in Ihrer Umgebung in diesem Zusammenhang sestslclitc: „Ah, das ist ein Goi!" Ich -arf Ihnen sagen, daß ich das Gottcshans. erfüllt von innerer Ergriffenheit, verlassen habe, trotzdem ich im Verlauf der kirchlichen Handlung aus den Gesprächen der in meiner Nähe sitzenden Gemeindcmitglieder entnehmen konnte, daß der am fraglichen Samstag amtierende Prediger neu lväre. aus dem Ausland käme und daher in gewisser Beziehung recht verbittert sei, daß die ganze Art des Gottesdienstes in der .straße viel angenehmer sei als in der.straße und der Schammes irgendwelche Vorzüge besitze, deren ich mich im Augenblick nicht mehr erinnere nsw. Meine Frau hatte Gelegenheit zu erfahren, daß ihre eine Nachbarin sich vor zwei Tagen einen Bubikopf hatte schneiden lassen, während -ie andere Nachbarin einen Mann habe, der zwar modern denke, aber Gegner des Bubikopfes fei. Auf eine an sie gerichtet^ Frage mußte meine Frau zngeben. daß auch sie keinen Bubikopf trage, da ihr Mann cs nicht wolle. Sie durste ferner mit anhöreii. daß Frau.im Frühjahr zunächst nach Baden-Baden Zu reisen beabsichtige, im Frnhsommer an die Ostsee und zum Herbst mit ihrem jüngsten Sohne nach Wiesbaden gehen werde ufiu. nsw. Sie dürfen überzeugt sein, daß unser Bedauern über unseren doch nun leider einmal erfolgten Irrtum ein ernstliches ist. -och glaube ich. daß Sie mit nns gleich gehen, wenn wir inzwischen uns selbst gegenüber den Eindruck gewonnen haben, daß in der von Ihnen vertretenen Gemeinde des orthodoxen Tempels in der.straße z. T. ein recht beträchtlicher Mangel an verletzbarem religiösen Gefühl vorhanden ist. Wir erlauben uns diese bescheidene Feststellung nur. da der Ton. in dem Sie uns gegenüber Ihre au sich berechtigte Korrektur unseres Verhaltens zum Ausdruck brachten, doch ziemlich weit über den Rahmen der Umgangsformen hinausging, die meine Frau und ich im allgemeinen 'Verkehr mit uns gewöhnt sind. Mit der Versicherung meiner allerbesten Hochachtung bin ich Ihr ganz ergebener (Unterschrift.) 11. Berlin N 54, den 22. März 1027. Lehr geehrter Herr! Erst heute komme ich dazu. Ihren Brief zu bcantwortcu. Meine Erregung stammte aus der Annahme, daß GlanbenSbrnder die Feierlichkeit des Sabbats verletzten. Die Schilderungen Ihrer Gattin über Plaudereien der Damen iu der Synagoge während des Gottesdienstes treffen sehr richtig die heutige Zeit. Ich habe dieselben Unarten auch in Kirchen anderer Konfessionen feststellen können, um so mehr freut es mich, daß Sie gleich mir solche VoKvmmnisse verurteilen. Ich bitte Sie und Ihre Frau Gemahlin wegen meines vielleicht zn scharfen Vorgehens um Entschuldigung, ich sehe ein. daß nur Unkenntnis diesen Vorfall herbeiführte. Indem ich mich Ihnen empfehle hochachtungsvoll (Unterschrift.) BÜCHERSCHAU »Di« Jugendbibel“. Nach der Heiligen Schrift neu erzählt für die deutsche Jugend und das deutsche Volk von Willi Vesper, Gerhard Stalling-Verlag. Oldenburg i. 0. Mit zwölf farbigen Volksbildern, 46 schwarzweißen Streu« bildern von Paula Jordan. Die Vorstellung, die der Titel erweckt, daß wir eine Bibel — wenn auch für die Jugend — vor uns haben, wird durch das Geleitwort des Herausgebers dahin berichtigt, dafl er „durch ein möglichst lebendiges, buntes biblisches Geschichtenbuch die heutige Jugend und die Zahllosen, die zu der ganzen Bibel doch nicht mehr greifen, wieder zu dem lebendigen Gehalt des ewigen Buches der Bücher“ führen will. Das Buch soll „kein Bibelersatz“ sein, sondern ein „Weg zur Bibel''. Ein „biblisches Geschichtenbuch“ also und doch auch wieder für zahllose Erwachsene. Betrachtet man das Buch von diesem Gesichtspunkt aus und fragt, ob es auch jüdischen Kreisen etwas bieten könnte, so wird man wesentliche Ausstellungen machen müssen. Man tut es nicht leichten Herzens, da auf das Buch „jahrelang größte Sorgfalt“ verwandt wurde und von den 355 Seiten des Textes nur 122 dem Neuen Testament gewidmet sind, also der weitaus größte Teil dem Alten Testament. Aber bei der grollen Aufgabe, die das Buch erfüllen soll und dem großen Kreis, an den es sich wendet, können die Einwendungen nicht ver« schwiegen werden. Was wünschen wir denn heut von einem solchen Buch? Wir als Juden? Daß der Bibelgeist in seiner tiefsten, geläutertsten Religiosität, in den Gestalten und Ereignissen