Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 7 (1927)
- Issue
- 18 (6.5.1927)
- Date
- 1927-05-06
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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zu uns spreche, die Zeugnisse und Typen dieser Religiosität sind. Wie wir im Gotteshaus nichts von den Opfereinzelheiten mehr hören wollen, so dort auch nichts von den Kriegs- und sogenannten Wundergeschichten. Daß ich damit keinem kalten Rationalismus das Wort rede, ist ja bei meiner religiösen Einstellung selbstverständlich. Aber wie es für den Gottesdienst gilt, so auch für eine Bibelauswahl und selbst für die Jugend: es gibt genug Stücke und Stoffe, auch wenn man die erwähnten fort läßt, an denen sich lebendiges, religiöses Fühlen entzündet oder an denen es erweckt werden kann und die doch auch der Phantasie Nahrung geben, die lebendig und packend sind. Nur darf man es nicht so machen wie der Verfasser: „Die bis in tausend Einzelheiten gehende jüdische Gesetzgebung ist fortgefallen", verkündet er. Aber damit auch die ganze jüdischsoziale Gesetzgebung! Nicht ein Wort von ihr! Und nichts von den Feiertagen! „Manche Greuelgeschichten und Schandtaten der Königszeit" fehlen; aber abgesehen davon, daß noch genug von Kriegen erzählt wird, es fehlt eine . so dramatische Episode wie die zwischen Zedikia und Jeremia. Und dabei — wie fesselnd für das Alter, an das der Verfasser gedacht zu haben scheint. Stellt man nämlich fest, «laß alle Propheten zusammen auf 20 Seiten erledigt werden: der 1. Jesaia auf zwei Seiten, Jeremia und der 2. Jesaia auf zweieinhalb Seiten, Ezechiel auf eineinhalb Seiten — Ilosea und Amos und Micha fehlen ganz! Dagegen erhält Daniel acht Seiten. Von den Psalmen erscheinen 26 — ohne den 8., den 15., den 73. übrigens; das Hohelied und Kohelet fehlen, wie freilich auch die Klagelieder und Esther —, so scheint also der Verfasser bei dem 14. Jahre etwa wohl haben aufhören zu wollen. — Nicht recht dazu zu passen scheint cs allerdings, daß Hiob mit elf Seiten vertreten ist. Aber grade diese Uebcrsicht zeigt freilich, daß auch für das begienzte Alter die Auswahl verunglückt ist. Es ist gewiß richtig, wenn mit Propheten und Psalmen bei der Jugend zurückgehalten wird, aber so wenig ergiebig wie der Verfasser glaubt, sind sie für die Jugend denn doch nicht. Betreffs des Textes bemerkt der Herausgeber, daß er in „enger Anlehnung an Luthers Verdeutschung" vorgegangen ist, „die aber im ganzen mit der neueren Forschung in Einklang gebracht wurde", Außerdem hat er „kurze Uebergänge und Brücken zwischen den einzelnen Teilen“ eingefügt. Man wird sich auch im allgemeinen mit der Sprache einverstanden erklären können. Einzelnes bedürfte freilich der Verbesserung: „Weder des, des oben im Himmel" f2. Gebot). „Laß dich nicht gelüsten deines nächsten Hauses" (10. Gebot). „Von einer Morgenwache bis zur anderen" (Ps. 30). „Was für ein Gemachte wir sind" (Ps. 103). „Wer ist derselbige König der Ehren“ (Ps. 24). Der „Busen Moses" in den er „seine Hand steckt“, ist auch wieder da. (Dafür fehlt Frage und Antwort betreffs des Gottesnamens — eine so grundlegende Stelle.) „Du sollst sein Geist sein". (An Mose bezüglich Arons). „Es sollen Berge weichen und Hügel h i n - fallen, aber der Bund meines Friedens soll nicht hinfallen". „Sie haben einen Greuel an mir" (Hiob). Unmöglich sind Verbindungen von Text und Erklärung wie: „Und Gott segnete den siebenten Tag und heiligte ihn — daß auch der Mensch ruhe am siebenten Tag von seinen Werken“. — ..Israel hatte Josef lieber denn alle seine Kinder — um Rahcls willen". — „Und Potiphars Weib fand Gefallen an ihm — und wollte ihn verführen, daß er ihr zu willen wäre. (In einer Jugcndbibel). Christliche Färbung gradezu bekommt der Text durch eine Stelle wie: „Im Schweiße eures Angesichts sollt ihr euer Brot essen — und sollt den bittern Tod leiden und wieder zu Erde werden", Oder durch Ausdrücke wie: „Messias, der Heiland und Gesandte des Herrn", „Messias, der Erlöser“. Aber vielleicht sind wir damit bei dem Punkte angelangt, von dem aus sich der Verfasser gegen jede Beurteilung von jüdischer Seite wenden könnte. Er könnte sagen, daß $r doch nicht vom jüdischen Standpunkt aus gearbeitet habe und nicht zu dessen Verteidigung. Er könnte auf sein Geleitwort hinweisen, nach dem jede derartige Arbeit den „Charakter eines persönlichen Bekenntnisses" haben muß. Aber das Buch ist doch dem deutschen Volk und der deutschen Jugend ohne Einschränkung gewidmet. Und selbst wenn damit nur die christliche Jugend gemeint war, wogegen die starke Berücksichtigung des Alten Testaments zu sprechen scheint, müßten wir dagegen Einspruch erheben, daß diese Jugend unsere Bibel so kennen lernen soll — und erst recht die „Zahl" der Erwachsenen! — Die Bilder sind, soweit farbig, wirkungsvoll, wenn man sich mit den Trachten einverstanden erklärt. Die Streubilder bieten fast nur alte, ernste, häßliche Gestalten. Der Preis beträgt 10 Mark! Für eine Jugendbibell Rabbiner Dr. Gottschalk, Frankfurt a. M. Verklungenes Leben. Biblische Novellen von Else Dahlberg. (2. Fortsetzung.) Dina. Raben erhob seijic Stimme, um seine eindringliche I rugc nochmals au Dina zu richten, die mit gesenkten Augen an der Wand stand. ..Schwester, sage mir, bist du noch rein? oder hat Sichern . . . Sage, warst du Sichcms Weib?“ Doch ihm ward keine Antwort. Da wurde Zorn in ihm wild. -A ater Jaakob, unser Vater, meint cs an deinerZerstörtheit zu sehen, du siehst bleich aus — deine Anmut in Bewegung und Gang hat dich verlassen, du luchst nie mehr — aber du sollst reden, Dina! Wir wollen dich rachen, du mußt sagen, ob du Sichern lieb hast. — Ach was, Sichems Vater war da. er möchte dich zur Frau seines Sohnes. Du, ein Mädchen aus Jaakobs Stamm, sollst Sichern, den Nichtgcwcihtcn, heiraten! Wir müssen wissen: warst du sein? Rede, rede doch, Dina! Du kannst dich doch nicht so vergessen haben. — Aber du kannst ihn auch nicht lieben! Deine Ehre, Schwester, ist verloren! Begreifst du das nicht? Nicht nur deine Ehre, nein, auch die der ganzen Familie! Dein Vater geht gebeugt — wir Brüder können niemand mehr ins Auge sehen. Du bist schuld. Dina! Rede, um unser aller Willen! Du hast nicht das Recht, zu schweigen. Es geht ura Jaakobs Haus!“ Dina schmiegt den schmalen Körper eng an die stützende Wand, sie schlägt die Augen zu dem Bruder auf. Und Ruhen fängt den großen, sanften, verzweifelnden Blick mit seinen stählernen Blitzen. Es kommt ein großes Erbarmen über ihn, und er geht ein paar Schritte auf Dfna zu. Er bittet: „Schwesterchen, sage mir die Wahrheit. Ich bin doch dein großer Bruder, der dir . immer geholfen hat. Dina, ich weiß zutiefst in mir, daß du rein bist. Wer könnte dich denn so mißhandeln wollen! Aber deine Brüder — der Vater! Dina, sprich! Du sollst mir nicht sagen, ob du Sichern liebst. Nur das: ist unsere Ehre noch unbefleckt? Denn du hast dich ihm nicht gegeben, das ist nicht möglich. Oder doch, Dina? Oder doch?“ Und Dina spricht in den grauen Stahlblitz hinein, fast unbewußt, ihr „Ja!“ Da taumelt Rüben zurück. „Geh, Dina, geh! Ich will mit den Brüdern reden . . .“ Dina geht. Sic senkt den Kopf mit den schwarzen Haaren und schleicht in ihre Stube. Keinem wird sie es sagen, keinem. lluben ist auf die Hcrdbank gesunken. Er stützt den Kopf in die zcrarbeitetc Iland und sinnt. Der Führer des Hauses ist er. der Halter der Ehre. — Wie konnte Dina das tun? Gewiß, auch er wußte, Was Liebe war. Wenn man ein Weib siebte wie — nun, wie Jaakob sein Weib Rahcl liebte —, so achtete man sie und hielt ihre Ehre höher als die eigene. Ihre Nähe ließ des Mannes Herz höher schlagen. Er begreift Dina nicht, nimmermehr. Sie war ein Weib, ein schwaches, erbärmliches schwaches Weib. Und es war wohl so. daß jede Frau sich nach der Leibesfrucht sehnte. Vielleicht war dies Sehnen stärker wie beim Mann. Sie sagten es nicht, die Mädchen — sie schämten sich wohl. Vielleicht, weil diese Sehnsucht in ihnen stärker war, und weil der Mann sie immer sanft und still sehen wollte, darum schwiegen sie. Ja, Dina war stets still gewesen und hatte sich so schutzuchcml an den Bruder geklammert. Ganz heilig war sie ihm dann gewesen, und er hatte gedacht, wie cs sein würde, wenn ein Mann seiner Schwester zu nahe käme. Er hatte nie geglaubt, daß ein Mensch cs wagen würde, und hatte noch weniger bemerkt, daß Dina anders geworden war. Oft hatten ihn Fragen gequält Und sie schien ihm berufen, sic zu beantworten: Wie das Weil, sei und was es haben wolle. Aber er hatte nicht gewagt zu sprechen, sie schien ihm zu rein, zu fern diesen Dingen. Und jetzt? Rüben stöhnte in sieh hinein. Sichern hätte sie auch so sehen müssen, hätte sie heilig halten müssen, sie schützen vor sich selbst. Er hatte dies nicht getan. Und soll Rüben dem Sohn des fremden Stammes seine Schwester gehen? Ihm, der sie nicht zu ehren wußte? Gerächt sollte Dina werden, gerächt ihre Schande. Sicher schämte sic sieh ihrer Schwachheit — oder sie war überhaupt nicht schwach gewesen. Die Reine! Daß er nicht daran gedacht hatte: sie lichte den Sichern trotzdem, und er dauerte sie, so daß sie selbst alle Schuld tragen wollte, daß s i e für die — Vergewaltigung büßen wollte. Sic mußte ja in ihrem I iefsten den Mann verachten, der sic entehrt hatte. Dina, sein Fleisch und Blut, war zu stolz dies zu sagen. Vielleicht hatte sie Sichern geliebt, aber jetzt vermochte sie cs nicht mehr! Darum schwieg sie. Nein, er wollte sie nicht mehr fragen. So sicher wie er war, konnte er nur sein, da er die Schwester sich gleich wußte. *Ccist von seinem Geist — große, starke Seele. Ruhen richtete sieh aut. draußen klangen Schritte und die Söhne jaakobs blickten ihm fragend entgegen. „Rache!” sagte Ruhen. ..Rache für Dina!“ Ls geschah also, daß sie Sichern rieten, erst ganz sieh dem Jankob-Bunde zu weihen, er und die Seinen alle Sic sollten ihre Mannheit bewähren, indem sie das Zeichen des Bundes auf sich nahmen. Und cs taten so Sichern und sein ganzes Ilaus und die ganze Stadt. Wie sic krank lagen, fielen die Söhne Jaakobs über sie her und töteten alle Männer. Als Ruhen nach Hause kam, die Todesnachricht zu überbringen, starrte ihn die blasse Schwester an und brach mit einem VYchruf zusammen. Lange Stunden saß er an ihrem Lager. Wohl schlug sic die Augen auf, aber sie schwieg. Sie schwieg, wie wenn sic allein gewesen wäre und nicht er bei ihr, der große Bruder. Da fing er an zu sprechen: ..Dina. du darfst nun wieder lachen, dein Fehler ist gerächt; rein bist du geworden! Du wirst mehr gelten, als jede Jungfrau in unserem Stamme, von dir werden sie singen noch in späten Zeiten: „Preiset Dina, die so hoch geschätzt war. daß um sie eine Stadt geopfert wurde und ihr F ürst und des Fürsten Sohn — sie war es wert, Dina!“ Ist es nicht ein schönes Lied?“ Keine Antwort. Wie zu einem Kinde sprach Rüben in leise singendem Ton: „Du wirst einen braven Mann bekommen und Kinder — und wirst deinen Sohn Ruhen nennen, ja?“ — ..Nein. Rüben, ich werde das nie!" tönte es leise von Dinas Mund. „Sichern gehörte meine ganze Liebe.“ — „Du wirst vergessen, Schwester!“ — „Daß du nie w issen möchtest wie solche Liehe ist, Ruhen. — Nun geh. Ruhen, geh!“ Er schritt vorsichtig stapfend hinaus. Unbegreiflich schien ihm Dina. Aber die Zeit würde bessern. Die Monate gingen. Jaakob war davongezogen mit seinem ganzen Haus, um es vor der Rache der umliegenden Städte zu schützen, ln diesem Wanderleben fiel es keinem ein, auf Dina zu achten. Die zog mit in fremde Gegenden, geduldig und still. Meist fand inan sie. die kleinen Kinder hütend, in ruhigem Spielen. Nur in Rüben wütete noch das Grübeln, das ihm nimmer losgelassen, seit Sichern getötet. Er hatte Dina nicht gekannt, nicht das Herz seiner einzigen Schwester. Und sie, die ihm hätte Wegweiserin sein sollen, hatte ihm nicht die Wahrheit Uni dieses Weibes willen hatten sie flüchten müssen. — Zorn, Haß, Verachtung und Verzweiflung kämpften in ihm. Aber die im Mittelpunkt seiner Fragen stand, schwieg. Oftmals glaubte er, daß sie ihn anreden wolle, wenn ihr trauriger Blick lange auf ihn ruhte. Einmal fing sie auch an. Rubens Herz setzte mit Schlagen aus: „Rüben, Bruder!“ — Er fragte begierig: „Was solls, Dina?“ — „Ich habe geglaubt, daß wie wieder heimwärts ziehen würden, Bruder, wenn Ruhe ist.“ — Da mußte er antworten, und in ihm zitterte es, daß seine Stimme rauh klang: „Nein, Schwester.“ Abermals hüllte sich Dina in Schweigen. In Ruhen empörte sich alles, als er diese Frau so leiden sah — denn daß sie litt, wußte er nun. Er konnte nicht helfen. Warum aber lebte Dina nicht auf — es gab doch schöne Stunden im Leben. Oder — liebte man nur einmal? Er wollte das wissen, es an sich erfahren. Er wollte ja auch wieder eine Hand haben, die ihm half, einen Mund, der zu ihm redete. Seine Sehnsucht wuchs —^ so ohne Liebe leiden müssen, keinen Menschen haben und jung sein! Dina — sie hatte genossen! Auch er wollte um das andere Geschlecht wissen, Hunger schrie in ihm. Dann mußte er sehen, wie Rahel, Jaakobs Frau, starb bei der Geburt ihres Kindes. Entsetzen brachte ihn zum Sprechen. Er rannte zu Dina: „Schwester!“ — Die wandte sich, kühl, freundlich: „Rüben?“ — „Rahcl starb und ihr Sohn lebt!“ — „Dann ist ja alles gut. Bruder.“ Dina lächelt. — Sie lächelt. Er hätte sie erwürgen können. Ihm grauste vor dem Tod, vor dem Tod durch den Menschen, durch die Liebe. — Sie lächelt. — Dina lächelt. Das soll sie büßen. — Nicht sic allein, ihr ganzes Geschlecht. Als er durch den Zeltvorhang spähte, sah er Bilha, die Magd Rahcls, auf dem Boden kauern. Er wußte, daß sein Vater sie nicht liebte, daß sie ihre Kinder nur Rahel verdankte, die ihrem Mann in der Zeit ihrer Unfruchtbarkeit um Kinder gebeten hatte — seien sie auch nur Kinder der Magd. Bilha jedoch nahm dies alles geduldig hin, so still wie Dina. Diese Weiber, die nie klagten. — Schreien sollten sie, wüten,'damit der Mann weiß, was sie wollen. Und Rüben stürzte sich auf Bilha und nahm sie . . . Es war ihm, wie wenn der Raum um ihn dröhne vor Leere. Er ging selbst zu Jaakob und sagte ihm, was geschehe. Der nickte ernst: „Dina hat mich gebeugt, du hast mir die weißen Haare gegeben — wer wird mich aufrichten?“ Rubens Gerechtigkeitsgefühl wollte in sich die j Reue finden — und fand sie nicht. Nur Sehnsucht j blieb in ihm, ein großes Sehnen nach dem Körper des j Weibes. In seinen schlaflosen Nächten suchte er cs, I und immer strahlte ihm die Erfüllung aus Bilhäs j Traumsterncn entgegen. „Bilha, Bilha!“ Doch nie ward ihm Gewährung seiner stummen! Bitten, die er nicht laut werden ließ — aus Scham, daß er zuerst ihren Körper gesucht, ohne die Seele zu begehren. Es war eine tiefdunkle Nacht, als ihm die Erkenntnis kam, daß er Bilha liebte und daß seine Liebe besitzen wollte und nicht vergessen, wie sie es mußte. Da brach er zusammen und preßte seinen Körper an die feuchte Erde, schmiegte sich an dem Gefühl, durch ihre Warme die eigene Kälte 311 verlieren! Fr stöhnte in den Boden hinein, stöhnjg dann in sieh selbst, in tiefem Schämen, (laß ihn ein Mann hätte hören können. Oder — schlimmer -r ein Weib! Line iland berührte seine Stirn: „Bruder?“ Er begriff, daß es Dina war, seine Schwester, und daß sie reden wolle, nun cs zu spät war. Die sanfte Stimme klang neben ihm: „Ruhen, cs ist die Liehe. Wir leben dies nur einmal und tragen an dem Erlebnis Zeit unseres Lebens. Das ist die VVeib-Mannreifc. Bruder, Bereue nicht, Ruhen. Was war, ist gut. Du sollst deine Schuld lieben. Rüben. Und sic täglich leben, um anderen zu helfen!“ Ruhen wußte, daß diese Worte die Frucht ihres stillen Leidens enthielten und daß sic wieder an die alte Schwesterstelle treten wollte. Nur daß sie jetzt jedem helfen konnte auf die innig leise Art, wie sie ihm geholfen. Er fühlte, wie in ihm das Neue ward, das ihn hieß, so zu leben wie Dina. das Weib. Daß der Schmerz, den er jetzt leiden mußte, gut sei, weil er vom Leben kam. Oder von Gott. Dina sagte es nun auch: „Vielleicht schickt uns dies alles Gott, Rüben?“ Er spürte, welch große Kämpfe in Dinas Seele nötig gewesen, damit sie dies alles so wußte, und daß das Wissen um den Schmerz immer durch ihr Herz fließen würde, gleich einem Fluß, daraus sie die Sanftmut und das Lächeln nahm. Das Lächeln zum Leben und zum Tod. Eine seltsame Dankbarkeit kam über ihn, als er sie so mutig ihm helfen sah, und ein wildes Mitleid wallte auf, daß. sie so vieles hatte dulden müssen. Er zog sie an sich, sie wie einst zu schützen: ..Schwesterchen, kleines Schwesterchen!“ — Sie murmelte: „Schmerzen sind gut, Ruhen.“ Er spürte den Körper des Mädchens an seinem. Ein tiefes Geborgensein in wissender Sehnsucht (lurchglühte ihfi und er preßte seine Lippen auf die zarten der Schwester. „Bleiben wir nun zusammen, Schwester?“ Da stand sie auf: „Nein, Ruhen, nein. Das kommt nie wieder. Dein Leid bleibt dein und das meine . . ." „Komme zu mir, Schwester. Wie soll ich allein finden, was soll ich suchen, Dina?“ „Dich selbst, Bruder, deine Einsamkeit.“ „Dina!?“ Leise Schritte verhallten. „Dina!“ Dina!“ Kein Laut antwortete. Die Einsamkeit schlug seine Worte in ihn zurück. Tränen würgten ihn. Rüben weinte das erste Weinen seines Lebens, und in ihm brach alle Starrheit und Müdigkeit seiner Jugend. Das war die Nacht, die Rüben, Sohn Jaakobd, zum Manne reifte. (Fortsetzung folgt.) » Werbt neue Mitglieder *.V~ <