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Jüdisch-liberale Zeitung · 1927-05-06 · 18 (6.5.1927) · page 6

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
7 (1927)
Issue
18 (6.5.1927)
Date
1927-05-06
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Es gibt überhaupt feine dcutschen Juden, die jemals ein deutsches Volkslied tief empfunden haben, oder cs empfinden können!" Es will mir scheinen, als ob auch deutsche Zionisten sich zu Anschauungen bekennen, mie sie der französische Ztonift Leon Blum auf einem Bankett zu Ehren Weizmanns geäußert bat. „Ich kann mich als assimiliert betrachten. und ich habe nicht den Eindruck, daß eS eine Feinheit des französischen Gefühls der französischen Ehre oder der französischen Kultur gibt. die mir fremd wäre. Trotzdem. ich fühle mich ganz als Franzose, und gleichzeitig fühle ich mich als Ziude. Ich habe niemals bemerkt, daß cö ,zwischen diesen zwei Teilen meines Bewußtseins einen Gegensatz, wenn auch noch so geringen Widerspruch gegeben hätte" („Ter Jude". Sonderheft „Antisemitismus und jüdisches Volkstum", Seite >^7). Ich erinnere hier an eine Äeußerung Franz Oppenheimers, die in demselben Sinne getan worden ist. „Ich stehe der zionistischen Palästina- Arbeit seit einem Vtertcljahrhundert nahe und bin gewiß kern „Aft'imilaut": aber ich habe auch meine» zionistischen freunden gegenüber niemals ein Hehl daraus gemacht, daß ich mich als völlig „assimiliert" empfinde. Ich habe das einmal so formuliert. daß ich jüdisches Stamm-esbewußtfetit und deutsches Nationalbemußtfein habe. Ich bin sehr stolz daraus ein Abkömmling des alten berühmten Volkes zu lein, das der Menschheit so viel Größen des Geistes im-d der Kunst und io viel unvergängliche Gedanken gegeben hat, aber ich bin mir ebenso bewußt, daß ich ganz und gar mit der Milch der deuLschen Kultur getränkt bin" ((?. P.-Zeitung vom S. Dezember 102U, Ar. lOi. Ütton iß auch im Zionismus aus der Zeit der Reden heraus und schon lanne zur Tat übergegangen. Tie gegenwärtige Bewegung geht daraus hinaus, allen Juden, auch den Nichtztonisten. die Möglichkeit zu geben, an dein Aushau Palästinas mitzuarbeueu, ohne daß damit jüdisch-nationalc Zwecke gefördert werden. Es ist darum ganz selbstverständlich. daß auch die religiös-liberalen Rabbiner das anerkennen. was wirklich Wertvolles durch den Zionismus geschchfeu ist. '42<i*» Elboc.en in seiner Geschichte der Juden schreibt ist öuyttzaus richtig. „Ter Zionismus har in jdxr geistigen Jugend das Streben nach körperlicher und geistiger Erneuerung getördert., die zentripetalen Kräfte gestärkt, sübische Energie» erzeugt, er hat auch aus die ihn bekämpfenden Richtungen anregend gewirkt. Der Zionismus hat unter den Westjuden Verständnis für die Lage und das Geuuttslcbeu der Ostjudeu geschaffen und aus gemeiwiLürer Plattform Juden der verschiedenen politischen und r/ligiösen Richtungen vereinigt." Aus meiner eignen Erfahrung möchte ich dem noch hnizusügen. Saß der Zionismus durch die Pflege der hebräischen Sprache viele Inden zu den Quellen des Judentums und dadurch zu relich äsen Menschen gemacht hat. Aber bei aller Anerkennung dessen, was der Zionismus Lurch Enrhusiasnnis und durch starken Willen geleistet har, Luisen wir uns als liberale Juden vom rechten Wege nicht abwendig »rächen lauen. Ter jüdisch-religiöse Liberalismus hat. an die lehren Ler Propheten angeknüpft. Die Propheten aber haben den Parrikularismus überwunden als er noch «ine politische Macht war. und den Nniversalismus dcS i.VndoiitumS und damit den Begriff der Weltrcligion geschaffen. Ohne Zweifel haben die gleichen Schicksale in allen Juden die gleichen Eindrücke hervorgebracht, eine Lchicksalsgememichan geschaffen, wohl auch das geschaffen, waö man «die jüdische Seele nennt, uns eine Eigenart gegeben, unser eigenes Gesicht. Aber das Wesentliche in uns bleibt doch der Wille, eilt Gotlesookk zu sein und zu bleiben, das Bewußtsein. daß das wahre Judentum, das schon so viel der Menschheit geleistet ha!, seine Voile nicht auSgcspiclt hat. -daß unsere Zerstreuung unter die Völker der Erde «ine Bedingung unseres Fortbestandes ist. Dnbuow. von dem die Zionisten sagen, daß er „d i e jüdische Geschichte" geschrieben hat, sagt in seiner geistvollen Schrift „Die jüdische Geschichte" sgeschichtlich-philvsophischer Versuch IdW, S. ü8): „Tie Einigung mit der Menschheit ans dem Boden des Geistes und der Erkenniltis, das erhabene Zukunftsbild, das bereits unsere Propheten entrollten (Ies. Kap. 2, Micha Kap. 4), ist das Endziel der edelsten Elemente in der Iudenheit." Weil das religiös-liberale Judentum dieses Endziel vpn vornherein klar erkannt hat, hat cs für das religiöse Leben auch die Konseqnenzen gezogen. Es hat die Gebete um Wiederaufbau des Tempels, um Wiedereinführung des Opfers, um den Aufbau eines jüdischen Staates, eine Znrückführung nach Jerusalem-ans seiner Liturgie gestrichen und Vom tzumarittälsgedarikcn in Israel. Von W i 11« A ro u . Hamburg. Hellas beglückte die Welt mit dem Gedanken der klassischen Schönheit. Nur in Griechenland konnte das Werk vom Schönen im Phaidros des Platon geschaffen werden. Gestalten der Lieblichkeit und der Anmut find zn ewigem Strahlen aus die Geschichte berufen. Alles. was schön mrd geistig ist, strahlt ,z»rerst und leuchtet daun für immer. Wo in der Welt gibt es noch ein zweites Mal einen Phaidroü und Mornchod. einen Pindervs und einen Aifchylos und Sophokles!? Das Leben dieser enorm schöpferisch groß gewesenen Griechen war ein ununterbrochenes Hinabtauchcn in die uncudlichen Tiefen ihres ästhetischen Lebenselemeittes. Diese wonneseligen, trnrrkcnen Schauer erfüllten die Well. Sie läßt mit Schönheit und mit der Verherrlichung dieses Ideals sich nicht anfbauen. Heine sagt einmal: „Die Griechen wareil immer schöne Jünglinge, die Juden waren Männer, unbeugsame Männer bis auf diesen Tag." Mit den Worten „Jünglinge" und „Männer" verbindet man die Vorstellung, daß man in der Eutwickkungsliltie sich bewegt vom Jüngling, der alles Acsthetilche mnschwärmt. bis zum Manne, der Ernst macht mit der Erfüllung der Aufgabe Mensch, ü. h. Bezwinger der vergänglichen Formen zu werden, die zwar bedingen den Zustand, den man nimmer zuvor in Hellas gekannt. die Helligkeit! Helligkeit ist bewußtes Streben nach höchstem, ethisch forderndern Lebe», mit seinen Bedeutungen und Spanunngen, Vielfältigkeiten und kategorischen Imperativen. Und den Sinn, diesen Sinn fürs Leben der höchsten Verantwortung in ihrer ganzen utierbittlichen Strenge verdankt die Geschichte Israel, „das ethische Genie unter den Völkern", wie Nietzsche es nennt. Und Israel tvar es, das den Gedmilen der Humanität Kirnt, ihn unerhört rein ausprägte. so klar wie lichtdurchhellteu Tag und ihn« zur großartigsten Wirkung vcrhalf. Das ist Sieg und Jubel über die Manen. Mehr als Hellas, Ideal bedeutet „Humanität,,! Spät, erst sehr spät brach dieser Gedanke sich Bahn. Wieviel Blut mußte erst den Boden der Völker diiligen. bis das in Tränen Geiäte als ein in Freude» Geerntetes ansging! Und dennoch ist die Macht des Humanitätsgedanken über utid über emporgckvmmen, was wir verzeichnet finden ans den Mellenstetnen. die die Straße der Z,eiten ausweist Und diese Meilensteine sind die Führer der Völker, die Leuchten des Gesanges, die Fackelträger des Geistes, die fort und fort künden das c'me Wort: Menschheit! Acht solcher hervvrragendeit HnmanitätSapvstel, „die der Schmerzenskarawaue Israels vvrangezogeu durch die Wüste des Exils". wollen wir zu Worte kommen lassen über das Menschliche, daö sie angetricbcn. Hochgemutes uns zu sagen. Durch Jahrhunderte, vom elften bis zum zwanzigsten Jahrhundert, führt uns unser Weg der Betrachtung. Im Wüten der Kreuzzlige. die namenloses Unheil fast allen abend- und morgenländiichen Menschen brachten, erstand unter den Anführern dieser kriegerischen Wallfahrten, in Bernhard von Clairvaux eine merkwürdige Gestalt, dessen .Charakterbild in der Geschichte schwankt. Dieser Heilige und damit zu erkennen gegeben, -aß cs solche Hvssnungen und Schnsuchtsgcsühle weder stärken noch wecken will. Aus baS Wort Martin BiiLers. da» dieser in seiner Auseinandersetzung mit Hermann Cohen über die Frage des Zioni-muS gesagt hat: „Jeder wahrhafte Zionist ist auch im innersten Sinne unterwegs", hat Cohen geantwortet: „Mit diesem einen Wort allein ist unsere ganze Kultuvbisferenz gekennzeichnet. Der Zionist ist unterwegs. Wir aber wollen durchaus überall daheim seit, und immer mehr uns heimisch machen. Auch mit unserer Religion sind wir daheim in der menschlichen Welt und daher geschichtlich vorzugsweise in der deutschen Welt" (Cohen: Jüdische Schriften, Bd.2, Seite 337). In der deutschen Welt — weil Deutschland die Heimat der neu erstandenen jüdischen Wissenschaft ist und das deutsche Judentum dadurch die Führung des Judentums in der ganzen Welt erhallen hat. Deutschland ist die Heimat des religiös-liberalen Judentums und diejenigen Männer, die diesem Judentum die Grundlagen und das wissenschaftliche Rüstzeug gegeben. (Zuuz und Geiger), habe» nicht nur ans Bibel und Talmud, sondern auch aus der Tiefe des deutschen Geistes geschöpft: sic und viele andere Männer der jüdischen Wissenschaft, sie waren die Schüler eines Kant. Dchelling, Hegel. Böckh, Niebuhr und vieler anderer hervorragender Geister, die Deutschlands wissenschaftlichen Ruhm bedeuten. Mit Recht konnte Bacck. der der Führer des deutschen Rabbinerverbandes ist, zu Mcizmann, dem Führer der zionistischen Weltorganisation, sagen: „die deutsche^ Sprache ist uns Loschaun hakkaudesch - die heilige Sprache. So sind denn unsere Gefühle für Vaterland und Heimat klar und eindeutig. Wir haben in Deutschland mancherlei Enttäuschung erfahren, wir aber sind seine Kinder, wir sind .Kinder seines Geistes. Es ist darum ein Selbstverständliches, was Hermann Cohen jagt: „Ich lese dett Fans» nicht schlechthiu als ein jchönetz Gedicht, sondern meine Liebe gebt vor ihm auf als zu einer deutschen Offenbarung." (Jüdische Schriften. Bd. 22, S. 337.) Es ist darnm kein Zweifel, daß Erziehung zum religiösliberalen Judentum und Erziehung zttm Zionismus etwas Verschiedenes find. Der Zionismus will in den detttfchen Juden jüdisches Nationalgefühl wecken und starken und sie schließlich von Heimat ltttb Vaterland lvslösen. Es ist dies auf dem Telegiertentag der deutschen Zionisten in Posen ausgesprochen. „In Konsequenz der tiberragenden Be dentnng der Palästinaarbeit für die Befreiung der Eiuzelpersönlicktteit sowie als Mittel zur Erreichung nuferes Endziels. erllärl es der Telegiertentag für die Pflicht jedes Zionisten — in erster Weilte der wirtschaftlich Unabhängigen — die Ucbersiedlung nach Palästina in ihr Levensprogramm auszimehmen. In jedem Falle sollte jeder Zionist für sich persönliche Interessen in Palästina schaffen." Diese Erklärung liegt zwar viele Jahre zurück, aber sie unterscheidet sich doch kaum von dein, was in der „Jüdischen Rundschau" vom 22. September 102(j in einer Auseinandersetzung über Internationalismus und Nationalismus zu lesen ist: „Zugleich aber, indem mir au einer Nerstäudianng der Völker Mitarbeiten wollen, sind wir und bewußt, daß wir festhalten müssen an nttserer nationalen Individualität und unsere Kräfte schöpferisch nur daun in den Dienst der Menschheit stellen können, wenn wir unsere eigene nationale Stellung geklärt haben." Das religiös-liberaleIudeutnm dagegen will, wie es in seinen „Richtlinien" heißt: „Mit der Treue zum Bäterglauben, die Liebe zum Vatcrlaudc und den Sinn für die Aufgaben der Menschheit wecken". Damit ist ihm der Weg vvrge,zeichnet, den es auch fürderhin zu gehen hat, zum Segen des detrtschetl Indentums und der Gefamttubenheit. Wiener Brief. Der Zusammenbruch des jüdischen „Nationalismns" in Oesterreich. Während die »tut beendigte Wahlkampagne in Oesterreich trotz der sieberltafteu Zuspitzung der politischen Gcge.tfätzc äußerlich im großen und ganzen diszipliniert und würdig verlaufen ist, tvußten die Zeitungen immer wieder von See S p re u g u n g j ü ö i s ch e r W ä h l e r v e r s a m m m - lungen zu berichten, und zwar sollten diese gewaltsamen Störungen nicht etwa von Hakenkreuzlern durchgeführk worden sein, sondern von den — Sozialdemokraten. Ging mau den grotesken Meldungen auf den Grund, dann stellte cs sich heraus, daß sich die angebliche „Sprengung" auf die ■nMSMPMOTBOMBnnHMMMMMaOVMBmnaMVHBDMMaaVMi spätere Kirchenlehrer Antipode Abälarbs. Mystiker und — Hanptbetreiber der Kreuzzüge. predigte gewaltig zum christlichen über das jüdische Volt: „Es ist schön von euch, daß ihr gegen die Israeliten ziehen wollt: jedoch, wer einen Juden anrührt. um sich au dessen Leben zu vergreisen, das ist so süudlich. alö rühre er Ietum selbst au: tnein Schüler Rudolf, der gegen sie gesprochen hat. um sie zu vertilgen, hat nur UnrichttaeS aevrediat: denn es stehet über sie im Psalmeubuche geschrieben: „Tötet sie nicht, damit mein Volk nicht vergessen werde!" Der zeitgenössische Jude Ephraim Bar Jacob, der uns diese Worte überliefert bemerkt, daß alle diesen Mönch wie einen Heiligen ehrten und daß er nie für das Gute, das er über Israel sprach, eine Bestechung angenommen hätte. Er war einer der größten und angesehensten aller Mönche, die unser Gesetz kannten und verstanden. Im siebzehnten und achtzehnten Jahrhundert sind es drei Namen, deren Träger zuckende Geistesblitze auf die Völker aussenden, damit die dumps-haßvrlitendcn Gehirne wundersam erhellend: Voltaire. Herder und Goethe. Aronlt de Voltaire, Frankreichs einflußreichster Manu im achtzehnten Jahrhundert, protestierte glühend gegen das Autodafö in Lissabon, welches am 20. September 1761 stattfand. Er fragt: „Was war ihr. der Juden. Verbrechen? Nur daß sie geboren waren. Sie waren als Israeliten geboren» sie feierten Pessach. Das ist der einzige Grund, um dessentwillen die Portugiesen sie verbrannten. O. Gott." so fleht Voltaire, dieser sonst so große Sarkastiker. „der du uns alle geschasfetl hast, der du nicht daS Unglück deiner Geschvyse willst, Allvater, Gott der Gnade, gib, daß es aus dieser Erde, der kleinsten aller Welten, nicht länger Fanatiker und Verfolger gebe! Amen." Johann Gottfried Herder, der große Sohn Ostpreußens, Lehrer und Freund Goethes, war sein aanzeS Leben hindurch ein Freund Israels, ein Mensch in höchster Vollendung und Läuterung. Er. der den „Geist der ebräischen Poesie" verspürt hatte und sich trug mit „Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit", schreibt einen ganz aichcrordentlich bedetltttttgsvollett Brief, das Studium der Theologie betreffend, worin cs heißt: Israel war und ist das ausgezeichnetste Volk der Erde: in seinem Ursprtw.ge und Fortkebeu bis aus den heutigen Tag. in seinem Glück und Unglück, in seinen Vorzügen und Fehlern, in seiner Niedrigkeit und Hoheit so einzig, so soicderbar, daß ich die Geschichte, die Art. die Existenz dieses Volkes für den gnsgemachtestet» Beweis der Wunder und Schriftetr halte, dle wir von ihm haben und wissen. So etwas läßt sich nicht erdichten, solche Geschichte, mit allem, was daran hangt und davon abhängt, kurz, ein solches Volk läßt sich nicht erlügen. Seine noch unvollendete Führung ist das größte Poem der Zeiten nnd geht wahrscheinlich bis zur letzten Entwicklung des großen, noch unberührten Knotens aller Erdnationeir hinaus." Als dritten Repräsentanten hören wir Goethe, was er nttS in -er zweiten Abteilung seiner Materialien zur Geschichte der Farbenlehre sagt: „So verdiente dieses Werk (also die Bibel als Quelle der Humanität), gleich gegenwärtig wieder in seinen alten Rang cinzntreten, nicht nur als allgr- Ablchnnng der z i o n i st i s ch e n Kandidaten durch die Mehrheit der in diese Versammlirugen cingcladenen jüdischen Wähler reduzierte. Hütten diese Kandidaten ihre Wählerversammlnngen als „jüdifch-n a t i o n a l e" cinberusen. dann wären sic vermutlich des Burgfriedens ebenso teilhaftig geworden wie die Veranstaltungen anderer Parteien, während die Anmaßung der Zionisten, sich als die Vertreter der Juden schlechthin zu bczeichuett, zur Abwehr geradezu l:e.rausfvrderte. Die Größe dieser Anmaßung erhielt durch das Wahlresultat eine geradezu sensattvneüe Belenchtnng. Denn trotz der Unverfrorenheit der Zionisten, auch ihre Kandidatculifte als „jüdische Liste" schlechthin einzurei<h«n und trotz der Geschmacklosigkeit der zionistischen „Morgenzeitung". alle nicht zionistisch wählenden Juden als csirlos zu brandmarken. sind die jüdischnationalen Stimmen in ganz Wien auf ein Drittel und in der Levpoldstadt auf die Hälfte der bei der vorigen, Wahl im Jahre l92ü erreichten Zahl gefunken. So ging das letzte zionistische Gem e i u de ra tS- Mandat an die Sozialdennriraten verloren, ebenso n e u n Sitze in verschiedenen B e z i r. k s v e r t r« t u n g e n und nur ein einziges, in der Leopoldstadt, blieb den Iüdischnattonalen crlmlten. Auf die Kontrolle der vorschriftsmäßigen Stcherung neuer Straßenschilder, der Müllabfuhr und ähnliche verdienstvolle Agenden, die ins Refsvrt eines Bezirkövertreters fallet,, wird sich also hinfort der „landespolitischc" Wirkungskreis einer Partei beschranken müssen, die dereinst -- in der Maienblüte demagogischer Träume nach dem Umsturz — keine geringere Forderung auf ihr Programm gesetzt lmtte als die nach einem eigenen jüdische n Pa r l a m e n t in Oesterreich. Die Dnrchsüchrnng dicier Idee friveiterte allerdings an dem Siege des gefunden Menschenverstandes in der Partei selbst, worauf deren Führer. Overbaurat Stricker, der sich im Geiste schon als den mächtigen Lenker der jüdischen Geschicke in Oesterreich gesehen hatte, sich mit der beischeidencren Rolle eines einfachen Mitglieds des allgemeinen Parlaments begnügte. Aber auch Meie Herrlichkeit dauerte nur etna Session lang. Bei den nächsten Natioualratswahlen siel Herr Stricker regelmäßig durch, gleichzeitig reduzierte sich der iüdjschnationäle Mandatsbesitz im Wiener Ratlmnse von drei zunächst auf -das eine des Dr. Ptaschkcs und jetzt schließlich arrs n u l l. Obwohl diese Niederlage, wie schon erwähnt, im Zeichen einer „jüdischen Liste" erfolgte, deuft doch kein Mensch daran, von einer jüdischen Niederlage zn sprechen. Es verhall sich vielmehr so, wie die ,.A r b c i r e r Z e i t n n g" schreibt : „E s gibt i ji W i e u keine s ii d i i ch n a r i o n a l e P a r - fei ui ehrt Das ist nicht etwa ein Schicksatsschlag für dris jüdische Proletariat, sondern ein erfreulicher Aufstieg zur wirklichen Erkenntnis feiner Lage. Die Kandidatur Riehls hat auch den indischen Kleinbürgern blitzartig enthüllt, wessen sie sich bei einem Siege Seipels zn verieheu haben. Sie haben detltlich erkannt, daß jede Stimme für Plafchkes ein Zutreiberdienst für die Einheitsliste, nutzloses Zersplittern von Stimmen wäre und sind darum in Hellen Scharen zur Sozialdemokratie übergegangen, die, wie sic jüdische und arische Kapitalisten in gleich energischer Weite bekämpft, umgekehrt keine« Unterschied der Konfession bei -er Interessen- Vertretung des werktätigen Volkes kenttt." Tatsächlich ist die Abschwenknng des jüdischen Kleinbürgertums ins sozialdemokratische Lager in erster Linie der merkwürdigen Taktik zuznschreiben, mit der die „bürgerliche Einheitsliste" um das jüdische Vertrauen warb. Die jüdischcir Wähler hätten Intelligenz und Selbstzucht genug anjgcbracht, um einzusehen. daß im Rahinen einer Einheitsliste auch deutfchvölkische Kandidaturen Raum finden müßten. Sie hätten cs daher in den Kauf genommen, wenn aus dieser Liste in einem der zahlreichen, rein arischen Wahlkreise des Alpengebiets ein Hakcnkreuzlcr paradiert hätte. Daß ihpen aber ein solcher Kandidat gerade in den am stärksten von Juden bewohnten Bezirken präsentiert wurde, war denn Hoch eine gar zn gewagte Spektilakion auf die von den AntifemEen stets gepredigte urtd, wie sich zeigt, wohl auch geglaubte Ehrlosigkeit der Inden. Diese hatten bisher von dem Rechtsanwalt Dr. Riehl bloß gewußt, daß er die Konfiskation der j it i> i > che u V c r m ögen forderte: daß es ihm auch um die jüdischen S t i m m c n zu tun war. bedeutete eine grobe Ucberraschnng für die Inden, aber offenbar keine freudige. Tie „bürgerlichen" Listenitrategen zogen at,S dieser rechtzeitig erkannten Tatsache die Konsequenz, die Kandidatur Dr. Riehls aus der Leopoldstadt zurückzuziehen, aber meines Buch, sondern auch als allgemeine Bibliothek der Völker zu gelten, und es würde gewiß, je höher die Jahrhunderte an Bildung steigen, immermehr zum Teil als Fttndatnent, zum Teil als Werkzeug der Erziehung von wahr- Haft weisen Menschen genutzt werden können." Zum Beschluß folgen zwei große Russen nnd ein großer Deutscher: Tolstoi. Gorki und Nietzsche. Gras Leo Tolstoi, der Weise von Iasnaja Poljana, hat sehr viel über den Humanitätsgedanken gedacht, gepredigt, geschrieben. Wenn man will, dann kann man sagen: sein ganzes Leben und Schaffen war cjn einziger großer Ausruf zur Humanität. Und wie er über die Personiiizierung dieses Gedankens in und durch Israel dachte, das möge folgendes Zitat ans Tolstoischen Aufzeichnungen beweisen: „Der Jude ist das geheiligte Wesen, welches vom Himmel herab das ewige Jener brachte und damit die ganze Wett erleuchtete. Er ist die religiöse Quelle und der Born, aus welcher die übrigen Völker ihren Glauben und ihre Religion geschöpft haben. Der Jude ist der Pionier der Kultur, der Freiheit, das Emblem bürgerlicher und religiöser Toleranz» das Emblem der Ewigkeit." Maxim Gorki, der russische Proletarier und Arbeiterdichter, der Autor des „Nachtasyl", glaubt, „daß die jüdische Weisheit mehr als irgendeine andere allgemein menschlich und universell ist. und zwar nicht nur deswegen, weil sie aus nnvordentlicher Zeit stammt, nicht nur deswegen, weil sie die Erstgeborene ist. sondern auch wegen des sie durchdringenden starken Menschheitsgefühls und wegen ihrer hohen Wertschätzung des Menschen." Als letztetl hören wir den Deutschen Nietzsche („Morgenröte"). „Jeder Jude hat in der Geschichte seiner Väter und Großväter eine Fundgrube von Beispielen kältester „Besonnenheit und Beharrlichkeit in furchtbaren Läget», von feinster Ueberlistung und Ausnützung des Unglücks und Zufalls: ihre Tapferkeit unter dem Deckmantel erbärmlicher Unterwerfung. ihr Heroismus im spernere «e sperni ttbertrifft die Tugenden aller Heiligen. Man hat sie verächtlich machen wollen, dadurch, daß mau sie zwei Jahrtausende laug verächtlich behandelt und ihnen den Zugang zu allen Ehren, zu allem Ehrbaren verwehrte: dafür sie um io tiefer in die schmutzigeren Gewerbe liiueinsties;. — und wahrhaftig, sie sind unter dieser Prozedur nicht reinlicher geworden. Aber verächtlich'? Sie haben selber nie cknfgchört. sich zu detl höchsten Dingen berufen zu glauben, nnd ebenso haben die Tugenden aller Leidenden nie ausgehvrt. sie zu schmücken. Die Art. wie sie ihre Väter und ihre Kinder ehren, die Vernnnst ihrer Ehen und Ehesitten zeichnet sie unter allen Europäern aus.... Und wohin soll auch dicte Fülle augesammcltcr großer Eindrücke, welche die jüdische Geschichte für jede jllditche Familie ausmacht, diese Fülle von Lcidcnschaftcu, Tugenden. Entschlüssen, Entsagungen. Kämpfen. Siegen aller Art, — wohin soll sie sich ausströmeit. wenn nicht zuletzt in große geistige Menschen und Werke!" Mögen die angeführten Dokumente hoher Menschlichkeit hinauswirken und uns dem mcfsiauischen Hnmanitätsidcal entgegenführcn helfen.

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