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Jüdisch-liberale Zeitung · 1927-05-06 · 18 (6.5.1927) · page 5

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
7 (1927)
Issue
18 (6.5.1927)
Date
1927-05-06
Page
– (sequence 5)
Language
German
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7. Jahrgang Stummer 18 Beilage 8. Mai 1927 IudischMemleZeibing Der „Laie" in der Religion. Von Rabbiner Dr. Gottschalk. Frankfurt a. M. Ost genug ist betont worden, datz es im Judentum den Gegensatz zwischen Laien und Priestern nie geben sollte. Jeder sollte berechtigt sein, sich Gott zu nähern, jeder im Besitz des nötigen Wissens sein. Erst die Neuzeit habe diesen Gegensatz auch im Judentum geschassen. Der unwissend gewordene „einfache" Jude ist -er „Laie" gegenüber dem Wissenden, dem Rabbiner vor allem. Wie verhält es sich nun eigentlich mit diesem Gegensatz, gerade wenn man ihn vom Standpunkt des .^Wissenden" betrachtet? Ist es nicht merkwürdig und höchst bedeutsam, ungibt cs nicht außerordentlich zu denken, das? gerade die Stiftet aller Religionen nichts als Laien waren — wenn man darunter den Nichtwissendcn, den Mann ohne „positive" Kenntnisse, den nicht wissenschaftlich Geschulten, den nicht syste, matisch Gebildeten, versteht, den Mann, der keine „gelehrten" Werke hinterlassen, der nicht in der „Fachliteratur" erscheint, keine Zeitschrift herausgab — und doch die Welt verwandelt hat! Oder betonen wir — um nur von uns zu reden — nicht immer wieder, -ah Mose, datz alle Propheten keine Männer der Wissenschaft waren, keine „Denker und Philosophen", sondern die Genies der Intuition? Und was sie — vor allem Mose — au tatsächlichen „Vorschriften" und „Geboten" hinterlassen haben, das erschien und erscheint uns doch niemals als begrifflich formulierte Wissenschaft, sondern als die leidenschaftliche Sprache eines religiös ergriffenen Herzens. Ja. soweit geht es doch, -ah alles, was wie Wissenschaft erscheinen könnte, auch noch im Namen Gottes befohlen oder verboten ward. Aber vor allem das Religiöse „an sich", wo wäre es jemals das „Ding an sich", £63 sich ans mühsamen Untersuchungen herauskristallisicrt hatte. Und gerade diese Menschen, die „Ungebildeten" sind es. die unsterblich geworden, deren Geist oder besser, deren Urgefülil auf die Späteren übergegangcn. sie sind cs. die uns religiös geboren und von denen wir alle heute noch leben! Ja. gerade die unter uns. die ja nicht am Buchstaben hängen und am einzelnen Gebot, sie sollten sich hier einmal ganz klar werden. Nur so ist es ja möglich, und so erwächst uns freilich auch die Pflicht. Menschen auch dann als religiös zu verehren, wenn sie Wert darauf legten, in ihrer Religion Systematiker zu sein. Das gilt für Maimonides. es gilt für Evhen. es gilt für Steinthal und manchen anderen. Nur -er verzerrte Begriff des jüdischen" wieder brachte es fertig, die gewaltige religiöse und deshalb jüdische Kraft zu übersehen. die aus diesen Männern und durch diese Männer zu uns sprach. Aber das ist schon richtig, was vergeht oder sich am wenigsten durchsetzt und für die religiöse Folgezeit 6.m welligsten fruchtbar und schöpferisch erweist, das ist die Wissenschaft von der Religion oder wie man auch hier lagen möchte: die von des „Gedankens Blässe" angekränkelte Religiosität. Mau hat viel in den letzten Zeiten von Abraham Geiger gesprochen. Aber ist er nicht gerade ein Beispiel dafür, wie cs immer nur die Ursprünglichkeit des religiösen Fuhlens ist unalle Leidenschaftlichkeit die daraus entspringt welche den stärksten Nachhall erwecken und nicht das „lange Prüfen oder Wahlen." Was wir davon — dem Prüfen und Wählen — her Geiger bemerken oder was sich davon in seinen religloien Schriften oder erst recht seiner religiösen Praxis zeigt, dass kann und könnte ihn nicht lebendig erhalten. Aber man lestzgerade jetzt immer wieder, wie er uns. Religion gegen OrWodoxie und erst recht gegen jüdischen Nationalismus spricht und man wird sich von diesem wahrhaft religiölen Eifer immer wieder mit fortgerissen fühlen. Es ergibt sich so. und damit kommen wir zum Ausgangspunkt. datz der Gegensatz zwischen „Laien" und „Nichtlaien" ganz anders zu fassen ist als man es gewöhnlich tut. Religiös-schöpferisch oder r e l i g i ö s - n a ch a h m e n d. oas sind die in Wahrheit sich entgegenstchenden Typen. Aber beide haben ganz zn tiefst nichts eigentlich mit dem „Wissen" zu tun. Wenn die Fülle dieses Wissens, die Fülle der Fachleute die Fülle der Religiösität verbürgen würde, müsste es dann nicht herrlich mn uns stehen? Aber gab und gibt cs nicht auch in allen Künsten immer mehr Kritiker und Historiker als künstlerisch-schöpferische Persönlichkeiten? Was aber weiter daraus folgt und vielleicht auch für jetzt gerade wichtig ist. ist die Ankgabe. den Standort sür die Arbeit der Zukunft — ich meine die rein-religiöse Arbeit — doch ja nicht falsch zu wählen. War es schon bisher höchst einseitig, wenn auch gewiss nicht überflüssig, bei allen möglichen Gelegenheiten die Notwendigkeit religiös-jüdischen Wissens zu betonen, so ist jetzt, da sich ganz offensichtlich Neugcuppierungen unter uns vollziehen, durchaus scharf zu betonen, datz der Weg zur Religiosität nur von religiösen, leidenschaftlich religiösen Menschen gezeigt werden kann: datz nur diese sprechen d ü r f e n, wenn man nach neuen. Wegen fragt — datz diese aber freilich auch sprechen musien. Nur darf auch die Möglichkeit freilich nicht fehlen. daß sie wrechen können. Verhängnisvoll aber geradezu wäre es, wenn man in jener ganz falschen Weise eme Klnst zwilchen den Wissenden und Nichtwissenden, den „berufenen Führern und den „Laien" aufreitzen würde. Auch die »Laien^ selbst handeln falsch, die die Dinge in diesem Lichte ,chen. Wer urkräftig religiös-jüdisch fühlt, hat das Recht und die Pflicht, das Judentum religiös mitanszubaucn und wenn er noch schöpferisch veranlagt ist. bat er Recht und Pflicht, mitführend zu sein. Soll ich betonen. datz dieses Recht und diese Pflicht vom zufällig gewählten Gemeinöevertreter ganz unabhängig ist? Selbstverständlich gilt alles auch für ihn und für ihn zuerst — doch cs gilb auch für jeden anderen. Aber gar nicht zweifelhaft sollte auch sein, datz der blotz Wissende oder vor allem der religiös aber eigentlich nur Nachahmendc, portfiifireni&e und nur Bewahrende — datz er. im ~uf)t öct Religion gesehen, gegenüber dem andern der „Laie" ist. Er gefährdet die Religion, wenn er das nicht erkennt. wenn er in hohlem Standesbewntztsein unter allen umstanden und durchaus allein führend sein will und nicht mmdestens darin den Ausgleich sucht, sein Wissen um die Dinge mit der Schöpferkraft des andern i n religwsen Dingen in glückliche Harmonie zu bringen. /TBAHt Cr FAL.CKC blumen'au//teu1unci" BERLIN.V/ 66 LL M AUERSTR. 79 FERNRUF: ZENTRUM 5C23U.S02.4 BLUMENSPENDEN - TRAUER^PENDEN - TAFEL¬ SCHMUCK. INNENDEKORATION IN KUNST! ERISCHER AUSFÜHRUNG. 12, ERSTE PREISE. Wohl dem, der doppelt begnadet ist: mit Wissen und mit der Schöpferkraft. AVer immer sind ihrer wenige gewesen. Und doch möchte man es fast übertrieben — und in Anlehnung an ein bekantcs Wort — so formulieren: Latz wir als Juden existieren, ist nicht notwendig.- datz wir jüdisch rvisiend sind, ist auch nicht notwendig. Aber datz wir jüdisch religiös sind, das ist notwendig! Reiche einer darum dem anderen die Hand! Wahrheit. „Sagt immer nur die Wahrheit," so prägt man allen Kindern ein. Und den Erwachsenen? Theodor Storm lehrt seinen Söhnen: „Erquickend wie Gewitter sind zu Zeiten goldene Rücksichtslosigkeiten," oder ins Prosaische übertragen: Anr rechten Platz sagt den Menschen die Wahrheit. Manch anderer Mensch meint wieder: Tu's nicht, sprich nicht immer die Wahrheit laut aus. Du machst dir nur Feinde, und erreichst doch nichts damit. Und doch ist es „ergnickend" und manchmal notwendig, der Menschheit die Wahrheit in's Gesicht zu sagen. Versuchen wir cs. Gibt es in Deutschland liberale jüdische Gemeindeverwaltungen? Gibt es liberale Rabbiner? 600 000 Deutsche jüdischen Glaubens gibt es ungefähr. Davon halten, wenn wir die Mitglieder der Separatgemeinden abzichen. infolge der Zuwanderung aus dem Osten etwa zehn Prozent der Gemeindemitglieder die rituellen Vorschriften. Diese zehn Prozent der deutschen Juden beherrschen die übrigen 99 Prozent in den Gemeinden. Wer nicht mit ihnen hält, gebürt einer anderen Religion an. oder ist im beste» Falle „Nochjude". Und wie stellen sich die Gemeindeverwaltungen dazu? In dem grötzten Teil der Verwaltungen, haben die Liberalen ziffernmätzia die Mehrheit. Als Grundsatz ihrer Verwaltung wird überall angegeben. ,^alleu Richtungen gegenüber „objektiv" und „tolerant zu sein". Wenn'S so wäre, möcht's tresflich scheinen. Aber hinter Objektivität und Toleranz verstehen die Gemeindeverwaltungen. datz alles, was die zehn Prozent fordern, eingeführt werden mutz, und zwar nicht nur für die zctzn Prozent, sondern für alle Gemeindemitglieder. Die SO Prozent Liberale werden nicht beachtet. Alle Gcmcindeinstitute sind so eingerichtet. datz sie der Orthodoxie acsallen. Die Kaschruth-Kommission ordnet an. und die Gemeindeverwaltung gehorcht. Von jedem Beamten nnd Angestellten fordert sie Jnnehaltnng der orthodoxen Einrichtungen und Vorschriften. Ein liberaler Rabbiner wurde in eine neue liberale Gemeinde berufen: er wurde auf Herz und Nieren hinsichtlich seines Liberalismus geprüft. Als er die Geaeusrago stellte, ob ihm gestattet sei. am Sabbat zum Gottesdienst in die Synagoge zu fahren, schlug der durchaus liberale Vorsteher dre Hände zusammen und erklärte aanz entsetzt, -atz dies natürlich nicht anginge. weil dadurch die Anschauung der Gemeindcmitglicder (also auch der 90 Prozent) verletzt würde. Ein Beamter, der in einer Dienstwohnung wohnte, wollte nach seiner Art leben. Es wurde ihm sofort bedeutet, datz er in der Dienstwohnung nur nach rituellen Regeln seine Nahrung znbercitcn dürfe. Bei einer Beerdigung nahm einer der Teilnehmer bei einer Ansprache an die Trauernden seinen Hut ab. Sofort kam ein Ufas: Hutabnehmen gibt es nicht. Wer eine Trauerrede hält, muh den Hut ausbchalten. Es gab eine Zeit, in der sich die Gemeindeverwaltung mit der Wissenschaft des Judentums beschäftigte und sie nach Kräften förderte. Heute haben die Verwaltungen nur „Wichtigeres" zn tun. Man erörtert den grossen und kleinen Tropp; man veröffentlicht im Gemeindcblatt feste Regeln, wie man sich beim Ehomczbattcln zu verhalten habe, (mutz das Chomez eventuell verkauft werden..., so heisst cs trefflich nnd charakteristisch in der Verordnung.) Wir fragen: Wie viele von den zebir Prozent Orthodoxen haben eine Ahnung vom Tropp? Wie viele battcln Chomez? Keine der liberalen Verwaltungen hat während des Krieges und in der Inflationszeit den armen Gemeindcmitgliedcrn, die sich auf rituelle Weise verpflegen wollten, es aber nicht konnten, vorgehalten, dass in den Zeiten der Not und Gefahr von den rituellen Vorschriften Dispenz erteilt werden kann. Keine gestattet den armen alten oder kranken Leuten, die in die Gemeindeanstalten ausgenommen werden, nach ihrer Art wie bisher, zu leben, alle zwingen sie, mit der Aufnahme in ein Gemeindeinstitut eine neue Lebensweise zu beginnen nnd unterwerfen sie strengen Bisitationsrcgeln. Ob auch in diesem Jabre wieder die Wirtschaft des Krankenhauses der Jüdischen Gemeinde zu-Berlin zu Ostern für einen Schekel verkauft worden ist? Die weit überwiegende Mehrzahl der Gemeinöcbeamten ist nicht liberal. Wer sich liberal gebärdet, hat wenig Aussicht auf Anstellung. In der Tat überwiegt unter den Angestellten und Beamten die Zahl der Orthodoxen (und Zionisten). Es gibt sonach zwar Liberale in den Gemeindeverwaltungen, aber keine liberale Gemeindeverwaltung. — Und die „liberalen" Rabbiner? Wenn man ihre Schriften liest, möchte man manchmal glauben, dass es Liberale unter den Rabbinern gibt. Sie lehren, wie sich in ältesten Zeiten die Ausübung der jüdischen Borschriften gestaltet hat. sic entwickeln den Fortschritt der Religion und ihrer Ausübung, sie zeigen, wie und wann die einzelnen Vorschriften sich dem Leben angcvaßt haben. Jedermann kann Nachlesen in welcher Weise die Landessprache im Gottesdienst Anwendung gefunden hat, wie Männer und Frauen im Gottesdienst mitgewirkt haben, datz und aus welchem Grunde gewisse Gebräuche sich in alter Zeit und manche andere im Mittelalter entwickelt haben. Da aber bleiben sie stehen. Die Anwendung der Grundsätze der Fortentwicklung auf die heutiaen Tage stockt, die Anwendung aus sie selbst, ihre Tätigkeit und ihr Leben fehlt. Statt Borbild des Fortschritts zu sein, geben sie ein Bild der Rückständigkeit, statt ihre Ansicht vor allen Juden, deren Führer sie sein wollen «nd sollen, offen anszusprechen. verstecken sie ihre Beratungen hinter verschlossenen Türen. Wann nnd wo hat in Deutschland ein Rabbiner oder ein Rabbinatskollecnum seinem Gemeindevorstanö gesagt: Die Grundsätze, die wir theoretisch für gültig halten, müssen wir auch praktisch ins Leben übertragen, sonst folgt man ihnen nickt, sonst glaubt man uns nicht. Datz dies möglich ist. zeigt das rege Gemeindeleben der Enaländer und Amerikaner jüdischen Glaubens. Statt dessen führt man ein Leben, wie man es im Mittelalter geführt hat. Statt dessen wagt man nicht, selbst diejenigen Schritte zu tun. die manim Innern für ricbtia oder wenigstens für zulässig hält. Welcher Rabbiner hat die deutsche Sprache für die Gebete einzufuyrcn sich bemüht, die seit altersher immer in der Landesiorache gebetet wurde? Man betet noch heute lieber aramaisch statt deutsch. Wo bleibt das Gebetbuch für die liberale Gemeinde? Statt dessen wird tnt Gottesdienst hier und da rückwärts revidiert, oder wenigstens jede Fortentwicklung unterbunden. ich. so rost ich." Ein gutes Wort, aber —■ unbekannt geworden tn den Kreisen der deutschen Rabbiner. Und die wenigen Ausnahmen bestätigen nur dte Regel. So kommt es. datz die liberalen geistigen Führer zwar die Fortentwicklung des Judentums kennen und anerkennen, aber vor dem Fortschritt im jüdischen Leben erschrocken stehen bleiben. — Blcibt noch cin Wort über die neueste Richtung im uroderi nen Leben zu sagen, den Zionismus. Warum soll es nicht Leute geben, die den Wunsch, „im nächsten Jahr in Zion" wörtlich nehmen und betätigen wollen. Man kann vielleicht darüber den Kops schütteln, aber es mutz auch solche Käuze geben. Nur müssen diese Juden sich nicht über die Glaubensgenossen in ihrer Heimat erheben. nur müssen sie sich nicht einbilden, datz sie die einzigen oder daß sie die wahren Juden sind. Nur müssen sie ihre Bestrebungen nicht verschleiern und vertuschen. Schon das Ziel ihrer Bestrebungen, das. trotz allen offiziellen Ableugnens, nach den öffentlichen Reden und veröffentlichten Aufsätzen ihrer Führer und Anhänger der jüdische Staat in Palästina n^r nnd ist. dürfen sie nicht in eine „öffentlich rechtlich gestarrte Heimstätte" umwandeln, wie ihr in dieser Bestimmung mit Ach und Krach entstandenes Baseler Programm erklärt. Die schlauen Engländer haben sie an dieser Umvahchaftigkeit gepackt und haben ihnen diese rechtlich gesicherte Heimstätte, selbstverständlich unter englischer Oberhoheit und in einer englischen Kolonie, gewährt. Jetzt sitzen sie in Palästina und können nicht aus und ein. Es fehlt ihnen vor allem am „nervus rerum". am Gelde. Da gründen sie den Keren-Hajessod und wollen aller Welt einreden. daß dieser durchaus nicht für den Zionismus, sondern für Kulturarbeiten in Palästina bestimmt sei. Sie wissen, daß die Dummen nicht alle werden. Da führen sie ihre begeisterten Anhänger in das Land, die dort ein neues Volk errichten sollen, und das unergiebige, fruchtarme kleine Ländchen kann nicht einmal die wenigen Fanatiker ernähren, die sich zur Einwanderung haben bestimmen lassen. Fragt doch die Juden im Lande, ob sie sich mit Steineklopfen, ob sie sich selbst als Dienstboten oder Wagenführer ihren Unterhalt verdienen? Fragt doch die Juden, die in die deutsche Heimat zurückkehren, nach dem Grunde ihrer Rückwanderung. Wenn sie offen sind, sagen sie euch, datz die Besiedelung Palästinas durch deutsche, ja durch Ostjuden. eine Unmöglichkeit ist. Schickt 10 000 Kavitalisteu in das Land, früher wird aus dem kleinen Ländchen nichts werden. Diese Kapitalisten aber kommen nicht und werden sich hüten, ihr Geld in einer englischen Kolonie oder einem dereinstigen arabischen Staate anzulegen. Und inzwischen wird in Deutschland weiter mit allen Mitteln agitiert. wird die deutsche Ingenjüdischen Glaubens fanatisiert, werden die Erwachsenen immer weiter zur Auswanderung angeregt, wird mit allen Mitteln, mit Kinovorstellungen und Pro-Palästina-Komitees auf das unmögliche Land hingewiesen und. was das schlimmste ist, weiter der Versuch gemacht, die grosse Zahl der nicht-zionistischen Inden, die ihrer deutschen Heimat treu bleiben wollen, zu entwurzeln, sie ihrer Heimat zu entfremden und allen Judenfeinden die Möglichkeit gegeben, ihre Waffen gegen die Juden zu schmieden. Alle Achtung vor denen, die aus Fanatismus, oder, wenn wir es höflich nennen, aus Neberzengung nach Palästina gehen und dort bleiben. Was soll man aber über alle jene denken, die mit großen Worten eine Zahl deutscher Juden zur Auswanderung nach Palästina anregen, selbst einmal' ihre Nase in das Land ihrer „Sehnsucht" stecken, und dank' gemütlich nach Hause, n a ch D e u t s ch l a n ö zurückkeh*' ren, hier ihren alten Kohl bauen und weiter hetzen? So steht es in Wahrheit mit dem Zionismus und den Zio^ nisten in Deutschland. Aber den schönen Worten der Zionisten glaubt man, die Wirklichkeit lernt man nicht kennen, und auch von den Herren Rabbinern lässt sich so mancher durch mystischen Gedankenkram oder durch Verkennung der Verhältnisse blenden. Allerdings wagen sie nicht, ihre Ansichten und Wünsche öffentlich aüszm'prechen,- auch hier unterhalten sie sic^nur hinter verschlossenen Türen. Was geht die misers pflis an. was ihre Führer denken! Was würden die Gemeindemitglieder auch dazu sagen, wenn sie erfahre», datz die Alten unter Verleugnung ihrer früher öffentlich bekannten und verkündeten Anschauungen, sich von der Jugend, die soeben erst die Kanzel bestiegen hat und erst lernen muß, wie es in den Gemeinden zugeht, fortreißen und auf Wege führen lassen, die die Gemeindemitglieder nicht gehen wollend Und die Gemeinden? Die Gemeinde . . . voller Huld Sieht dies alles mit Geduld. Bis ihr eines (hoffentlich nicht zu späten) Tages diese Gedulh reißen, und sie den Verwaltungen, den Rabbinern und den Zionisten in Deutschland die Wahrheit ins Gesicht sagen wird. Bernhard Breslauer. Religiös-liberales Judentum und Zionismus. Ein Nachwort zur Tagung der Bereinigung der liberalen Rabbiner Deutschlands. Von Rabbiner Dr. I. Galliner, Berlin. Der Rabbinerverband in Deutschland hat in seiner Generalversammlung am 1. und 2. Juni 1898 sich zum ersten Mal mit der Frage des Zionismus beschäftigt. Eine Diskussion freilich über diese Frage hat nicht stattgefunden. Es handelte sich damals nur, eine Erklärung zu rechtfertigen, die der Vorstand des Rabbinerverbandes für geboten erachtet hatte, weil ein Zionisten-Kongreh in München geplant war. Die Erklärung enthält drei Punkte: 1. Die Bestrebungen sogenannter Zionisten, in Palästina einen jüdisch-nationalen Staat zu gründen, widersprechen den messtanischen Verheißungen des Judentums, wie sie in der heiligen Schrift und den späteren Religionsquellen enthalten sind. 2. Das Judentum verpflichtet seine Bekenner dem Baterlande. dem sie angehören, zu dienen und dessen nationale Interessen mit ganzem Herzen und mit allen Kräften zu fördern. 3. Mit dieser Verpflichtung aber stehen nicht in Widerspruch jene edlen Bestrebungen, welche auf die Kolonisation Palästinas durch jüdischen Ackerbau abzielen. weil sie zur Gründung eines nationalen Staates keine Beziehung haben. Diese Erklärung wurde, wie das Protokoll bemerkt, mit einer an Einstinnnigkeit grenzenden Majorität angenommen. Darüber sind fast 30 Jahre vergangen. Wir stehen heute einem anderen Zionismus gegenüber als damals. Eine Erklärung, wie sie der „Zionistische Verein zu Köln" seinerzeii abgegeben hat. datz „der Zionismus mit Religion nichts zu tun habe und darum etwas sei, was die Rabbiner als solche wenig angehe", ist heute wohl nicht mehr möglich. Ebensowenig ist es denkbar, datz ein Zionist heute eine Ansicht äußert» wie sie einmal in einer jüdisch-nationalen Studentenverbindung in Karlsruhe ausgesprochen worden ist: bin kein Deutscher, denn ich erfasse seine Art nicht.

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