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Jüdisch-liberale Zeitung · 1927-05-06 · 18 (6.5.1927) · page 2

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
7 (1927)
Issue
18 (6.5.1927)
Date
1927-05-06
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Die göttliche Ethik dieser Worte müßten gerade aUt die zu würdigen wissen, deren auS der Geschichte bekannt Ist. wie rechtlos der Fremde, der „Barbar'" gewesen ist. denen bekannt ist. daß iwstte ursprünglich — noch bei Cicero -— nur Fremder, nachher aber Feind bedeutete und -atz auch -aS deutsche Bort „(Staft" von —- hoette abstammt. Ter Fremde, der Ausländer war der Feind, der Spion, der Verräter. Er war vogelfrei — er wurde getötet, Len Göttern als Opfer dargebracht. U»»d inmitten solcher Anschauungen gab eS ein Bvlk, gab eeine Religion, die lehrten: Liebe den Fremdling n>ie dich selbst! Man vergleiche doch damit den Ton. den man immer noch in die Worte legt, wenn man von einem Fremdling spricht, wenn dieser leider nicht reich und noch dazu ein Jude ist: „Er ist ein Ausländer . . " Und man denke an die Fremdengesehe und die Einwaiidernngs- und Ausweisung^'- gesetzt in den verschiedenen modernen Staaten mit L»ftfahrzermcn und Radio, und man vergegenwärtige sich das kleine Bott' ttt der Wüste vor viertausend Fahren, das nicht als nreltlichcs. leicht veränderliches Gesetz allein, das als Religionsaesetz, als göttliches, nicht aufhebbares Gebot aunabw: „Wie ein Eingeborener sei der Fremdling unter euch und ihr sollt ihn lieben wie euch selbst!" Aber noch mehr! Dieses Juden voll' mit seinem „Gott der Rache und der Wiedervergeltnng" war aus Aegypten gckommen. in dein es vierhundert Fahre geschmachtet hatte unter grausamste» Bcdriicknngen. die sich bis dahin gesteigert hatten, dvß ntrtit den jüdischen Müttern die neugeborenen Säuglinge ans den Armen riß und avstülackrtclc damit das JudenvvU sich »licht vermehre. Was hätre sedcs andere -'e!i sich nach seiner Bcs'eiung für ein Gesetz gegeben was hätte der „Gott der Narbe" für. .«in Gesetz geben müssen'? „Denket daran, wie man euch als Fremdlinge in Aegypten behandelt hat. Wenn Fremdlinge .-,u euch kommen, dann mitzyandelt sie. beutet sie als Sklaven aus. labt die niedrigsten Arbeiten von ihnen verricht«»», gestattet ihnen nicht, Grund und Boden zu erwerben, ein Hand wert .ui treiben, eine Kirnst ,iu erlernen. Setzt ihnen gelbe Hüte auf, damit jeder seinen Svolt mit ihnen »reibe, sagt sie von Ort gl» Ort. foltert sie. schleppt sie ans Scheiterhausen, reiß» die Kinder von den Rrüstcn der Mütter ~~ gedenke», was man euch in Aeg»ivtcn getan!" Aber der jüdische Gott „der Rache" ri»s unter Donner und Blitz vom Sinai: „Gedcnle. »nie man dich in Acgnptcn behandelt l»at. gedenke der Rechtlosigkeit und Bedrückung und fühle /,» jede» Minute, wie es bc»n Fremdling. dein Heimatlos-1« .nnnue »st. Und »vie ich der Barer der Witwen und Walsen bin, nnd ihr Kinder Israels. blinder eures väterliche»» Gottes seid, so bin ich ,-.»»ch der Vater des Frernölings und ihr seid seine Brüder. Schutzbcdürftig »vie die Witrve nnd die Waise ist der Fremdling, »vie der Witwen und Waise»» muß» dr» dich feiner annehmen, ihn nähren ttirE» l leide», dein flachster ist er, dein Bruder, du sollst ihn lieben wie di»h selbst!" Und an alt den vielen Stellen tm allen Testament, in denen des Fremdlings gedacht ist. »vird er in Verbindung gebracht mir der Witwe und den Waisen, also jene»» Menschen, die oer wärmsten Fürsorge nnd des liebevollsten Beistandes gewiß fein sollen. Von „lästigen Ausländern" ist nirgends im Gesetze MvsrS die Rede . . . ' Nächstenliebe, Ireurdenlieüe. Schutz der Armen und Gedrückten, Güte und 'Hilfsbereitschaft, soziales Mitempfinden in einem damal.) nicht gekannten, ja nicht einmal geahnten» Matze, das allein »var es. was das Volk Israel zum anserrvähllen Volte machre - - »»ich» aber ein verstiegener Nationnlstolz. Jedermann stand es frei, sich dem auserwählren Bolle als Mitansermählter mrznschllerren. sofern er sich allem Götzendienst lvssagre und sich zu dern Schöpfer der Welt, zu dern alleinigen Gotle bekannte und damit die Ber- ' pMchnmg ans sich nah»»», dessen Gebote zu halten. Diese Gebote, die Brüderlichteit. treue brüderliche Liebe, »reue briiderltche Hilfeleistung aller Menschen untereinander lehrten, sie allein beniirtsten es. Latz die Fahl her sich zum Judentum Belehrende»» eine außerorderrrlicki große mar. ohne datz eure Missionstätiglcit sich »As notwendig erwies. Die Erhabenheit der mosaischen Gesetzgebung wirkte »veniger auf die grvtze Bolksmast'e. die den ungeheuren ethischen Gehalt und Neichtnln rricht zu fassen verrnochte. sondern viel eher aut die Gebildeten aller Nationen. Es ist deshalb nicht zu verwundern, das; sich Könige nnd Fürsten, daß sich weltliche ui»d geistliche Wiirdeuträger, datz sich Gelehrte aller Ztotioneu den» Judentum »nit Begeisterung anschlossen. Wenn trotzdem das Jrlderrinn» nicht Weltreltgio» wurde, so lag das Hindernis in den immer rnehr gesteigerten Schruierigkeitcn, die »nau »nachte und — nach der» imrner grausamer »verdeuden Gesetzeil — »nachen mntzLe, »venn »ich jemand zur Aufnahme irr das Iirdentum meldete. Es ist daher nur sehr bedingt richtig, »verrn eine rabbinische Autorität des 17. Jahrhunderts. Rabbi Iehuöa (Leims de Mode»»a in seinem Werke „Beckinath Hakabbalah" meint, durch eine wesentliche Erleichterung des Zeremonialaesetze-, besonders durch Erlaß der Beschncidung und der Gpaisenorschristen, soweit sie nickt »m »nosaische»» Gesetz begründet sind, wäre die Zahl der jüdischen Proselyten aufteroxbentlich gestiegen. „eS »vürde den Völkern erleichtert haben, unter die Obhut der wahre» Religio»» einzutreten und unsere Thora anzunehmen. Die gleiche Ansicht vertreten übrigens auch die christlichen Schriftsteller Ernest Havet und A. Lcron-Beautteu »vohei ober» alle drei zu vergessen scheinen, daß die alten Gesetz* lehrer in bezug auf die Aufnahme ins Indcntnm gar nicht alle so strenge waren, und namentlich Hillcl viel »nchr Wert darauf legte, daß der Proselyt sich zu den» Sittengesetz; als zu den Zeremonialvorschristen bekannte. Sxine Antwort ou den Heiden, der fragt »vas mau tun müsse, um Jude zn iverden, ist in de»l Lprichwörterschatz der Weltliteratur übergegangen: „Was du ttichl »villst, das »nan dir tu', das fitg' a»»ch leinen» arideren zu", also „Liebe dci>»cn Nächsten »vie dich selbst,,, da» ist der Kern des Judentums. Alles andere sei Beitverk. lautete die Antwort Hillels. Ter bereits erwähnte Gr»u»d. daß sich das Jrrdentnm nicht ansbreiten konnte, lag an den jndenfeindlichen Gesetzen, die jeden Uebertritt nicht nur praktisch fast unmöglich machten, ihn a»»ch »vegen der Aechtung, mit der man die Juden bedachte, nur sehr selten jernand erstrebe>»s»vert erscheine»» liest. Es lag auch von vornherein in der Politik der Judenfeind.'. d>e Lehre des Indentmns cnllvedcr z» verfälschen oder' ii'tzuschiveigcn. Alles Grotze. Schöne, Edle, das im jüdischen Gesetz lag, luitröe abgeleiignet. unterdrückt, als Iiiciic Errungenschaft »ui? vesondcrcn Forlschriu der zu propagicreuden üieligivu hiugestcllt »l»>.d gepriesen. Aber alles Schwere. dein Nichtjuden lästig, unverständlich, dadurch oft lächerlich Erscheinende, »vnrde in den Vordergrund geschoben und damit das Judentum als eine Religivil yin'gej stellt, die nur aus komischer» und abscheuliche,, Zerernvnieen u,rd seltsarnen, überglärrbischen Gebräuchen bestünde. Tic große Masse der Volker davon z>» überzeuge»» »var leicht, dem» die Menge glaubt nur dem Schein und »st »veder tu der Lage, noch auch geneigt, der Wahrheil nachzngehen. Das ist bis auf die he»»tige Zeit so, sonst »vürden ja, selbst von akademisch Gebildeten, von Doktoren und Prvscisoren die dümmsten airriseinitischen Märchen nicht nur geglaubt, sondern irnmer noch weiter verbreitet werben. Es fehl» leider an Männern, die hinansgehen und die Wahrheit predigen, es fehlt an Männern, die hinansgehen Hilft sic verbrcitcn Helsen. »Tne schöttsten Predigten über hie Reinheit uub Heiligkeit der Religion Israels helfen nichts, »o lange sic nur in der Sm»agoge vor Inden gehalten werde»», so larrge nicht »mch Andersgläubige, die von» Iuderrtum leine Ahnung haben, sie anhören. Alle jüdischen Propagandaschristen sind »»»ertlos, so lange sie »iu»' Juden in die Hände bckontmen oder nur politischer Abivelir arttisemitischcr Angriffe dienen. Nicht immer nur den Leisten sagen, was die Juden nicht sind, sondern ihnen auf Grund der Bibel »lud auch des vielgeiästerten Talmud anseinanderfetzen, »vas die Juden sind und »vas ihr Glaube sie lehrt und was er sie lehrte z»l einer Zeit, in der die Welt noch in Finsternis lag, das irr Wort Hilft Schrift zu verkünden wäre eine ideale Ausgabe. Nicht aber in salbungsvollern Prehigerstil. sondern! stark, lebendig, frisch, ganz modern, im Anschluß an die lebendigsten Fragen der Gegenwart. Tann ivürde sich zeigen, datz das Indenlum nichts von seiner Lebenskraft eiu gebüßt hat und daß der Segen, mit dein Gott den Äbrarn : bedacht hat. seine Wirkung in vielleicht heute nicht geahuter Weise entfalten könnte. Die zum Judentum kamen. Bon I. M. M e r i ch. Doch — es k«m»en »vesche. Zu manchen Zeiten sogar recht viele, vb»vvhl man es ihr»eu wirklich sehr schwer machte. Bor» seiten der bisherigen Waubensgenossen ltnft von denen, | deren Glanben sie annehmen rvvllten. Es war auch nichts Verlockendes für die Profelyten zu erruarte»,: .Haß und Berachtirng a»rf der einen, einige Mißtrauen, eine gewisse Scheu iknd auch ein gervisses Erstaunen aus der anderen Seite. Zn leiten fernen Zeiten, in denen Israel noch ein Volk »var und einen eigenen Staat besaß, da gab es sehr viele jüdische Proselnteu. Sie saßen in Aemtern und Würden, ja sie »vnrde», sogar bedeutende jüdische Schriftaelehrte. Es »vird erzählt, daß von den 17t» Tannaim, deren Namen überliefert worden sind, nenn Proselyten gewesen sein sollen, unter ihnen sogar Schernaja. der sich durch so große Strenge auszcichncte, dann Ahtalion. Rabbi Merr und Rabbi Akiba, sorvie zwei vv»l dessen Schülern. Wenigstens berichtet der Talmud so. Die Zeit nach den Makkabüersiegen darf als die angesehen »verden. in der sich die Uebertritt« zum Judentum häuften, ür der ln -ex heidniscken Welt die erßa-ette Jdes des Monotheismus irnmer mehr AnerkennunA erlaubt« und mit ihr eine Ehrfurcht vor der Religion, die zuerst einen einzigen Gott und Gesetze lehrte, in denen sich die edelsten ethischen Äoe-ertLnge» ausdrüekten. Aus zeitgenössischen Pchriften ist ersehen, daß das Judentum auf den»,beiter» Weae aewksen mar. -ur Weltreltgton zu nserden. Gab es doch, wie JoscphuS erzählt, kaum eine Stadt in Griechenland. in Kletnasien. in Rom und de»» dies«» Ländern zugchöriker» Provinrnr. i,» denc», nickt die Sabbatruhe und ander« soziale itNd religivse Einrichtungen bekannt waren und imch oft beobachtet wurde»,. Welche Gründe einen Teil der alten Gesetzlchrer veranlaßtcn. den Eintritt in das Iudentnrn immer mehr zu erschrvcren, läßt sich »nit rinbedingtcr Srchcrlicit heute nicht genau fcststellen: cs ist jedoch anzunehmen. daß die Furcht, die Reinheit d?r monotheistischen Lehre könne durch eingeschmuggelte»» Götzeukult verfälscht werden, das Ausschlaggcbcudc »var. Tic Ersahrnnq hatte ja anch wirklich gelehrt. datz die Reichen und Vornehmen nur aüznleicht geneigt waren, dm heidnische»» Götzenk»»lt mit all seiner sinnlicher, Pracht aber auch all seinen sinnlichen und nicht zuletzt widernatrirtichen Ausschrveisungen anzunehmen. und auch das gerneine Volk an dieser Art von ReliglonSübuirg Gesallcu fand. Die Gefahr nmrde um so großer, je mehr Heiden sich aus ir-gendipelchen materiellen Ursachen vsfiziell «war der herrschenden Rcligrorr. dem Judentum, anschlossen, innerlich jedoch au ihrem alten Glauben und Aberglauben hängen bliebci» und heidnische Gebräuche weiter übten und weiter verbreitete». Dennoch härten die großer, Wahrheiten des Iudcn.t»»ms die Welt erobern könne'!, denn auch unter den Mächtigsten der Erde, den >lönige»r nnd Fürsten, suhlten sich manche vom Indcntirm angezogen. Wie sehr das Iudentnrn sich ausbrcitele. geht daraus hervor, daß nach der Rückkehr aus dem bab-rlonischen Exil die Heinrkehrendcu das Vaird »oller Heiden fanden. All« mählich nahm fast die ganze heidnische Bevölkerung das Irrdentunr an. Dic Idumäer, die im Sriden von Palästina festsasien und die am längsten sich fern gehalten hatten, traten schließlich auch zum Indcntnru über. Dic Viebe spielte bei den llebertritlen eine besonders große Rolle. Tie Tatsache, daß gerade das Fremdartige reizt, bestand damals ~ auch in der Bezichnng der Geschlechter zueinander ~ geradeso rvrc heute. Deshalb verliebten sich die heidnischen Mädrtze»» in jiidijche Mä»»>rrr nnd diele wieder in heidnische Frauen. Dadurch tarne-, viele Uebertritte znstawdc, da Mischehen damals nicht zulässig wäre«. Datz die heidnischen Silanen sehr häusig zürn Judentum übertraten, lag darin begründet, dag ihnen im jüdischen Hause eine ungleich bessere Pehanolung-zuteil wurde, als int heidnischen. Im übrigen pssegre rnan den übcrgetretcncn Sklaven in der Reget die Freiheir zrr schenken. Als ein Berveis, daß der Nebertritt zum Itrdeutrrrn keineswegs nur cjn oberflächlicher war. mag gelben, datz Tvbi. ein Sklave des Geseyeslehrers und Patriarchen Ganraliel kt., selbst als Gesetzeskundiger gerühmt wird. Daß gervaltsamc Bekehrung »tatrfaiuft, aber nicht .zum Guten führte, bewies der von Johannes Hyrkan erznuingene Uebertritt der Idumäer. Hervdes I. war ein I dnmäeriprößling, und cr »var es auch, der heidnische Gebräuche wieder einführte nnd sein jüdisches Reich despotisch regierte. Bültllierig. grausam, dabei schlau uud gervissenlos, vernichtete er alles, was sich seiner Tnranuei entgegensteüte, »md er scheute nicht davor zurück, sein Weib und feine Söhne ermorden zu lasier». Svlckt« Erfahrmvgen ir»;gcu. »vie bemerkt, dazu bei. daß die Gesetzeslehrer strengster Richtung über die mildere Auffasi»»Ng de»» Sieg davoir »rügen nnd die Ausnahme »n das Judentum von der Bedingung abhängig gemacht wu?rde. daß der Eintritt freirvillig und nur a>»s Liebe zunr.^asaischeu Glauben und der BereitivlUigkeit, bessen Elesetze a»»zunehrnel», stattsiuden dürfe Immerhin hat das Judentum unter de»» Gebildete»! große Verbreitung gefunden. Der gelehrte Grieche Akizlas. der Ueberfetzer der Bibel, den man später »nit Oukelos, der den Targnm Vnkelos, die chaldäische Bibelübertragung angesertkgl Hai, identifizierte, »var ein Proselvt. Aknlas soll cin Schwager oder Nesse des Kaisers Hadrian gervese»» sei»». Dieser Kaiser Hadrian machte der Ausbreitung des jüdischen Glaubens ein geivaltsames Ende. Er fürchtete zlveifcllvs, daß die »»»«»»schenfreundlichen Lehren der Juden den Grausarnkeiten iiuft Ungerechtigkeiten der römischen Aristokratie im Wege sein könnte. Erbittert durch den Aufstand Bar Kochbas. der» Hadrian blrrtig niedergekämpf» hatte, erklärte «r das Indcntnm überhaupt für eir» Verbrechen. Und nun begann die Periode, in der jeder als todcsschrrsdig galt, der sich zum Judentum bekehrte. Das »var unter den heidnischen Kaisern so, und daran änderte sich nichts unter Der hohe Rabbi Löw. Von S. M e i i e l s. In der ziveiteu Hälfte des sechzehnten Jahrhunderts lebte in Prag ein Mann, de»» die Sage zu»» Alchiinisteu und Zairberer macht, der aber in Wirklichkeit nichts anderes war als ein Gelehrter von Rang und ein Rabbiner von Weltruf. Dieser Mann hieß Lö»ve ben Bezalel. im Volksmund wurde er „der hohe Rabbi Lün>" genannt. Neuirt mait den Namen des hohen Rabbi Lörv, so tut sich gleich eine Gedächtniszelle aitf, ans der der Golem heransspringt. Alle Welt »veib, datz der hohe Rabbi Lö,v einen Golem geschasfen hat. Wie Prometheus saß der Rabbi in feiner Stube in der Josefstadt z»» Prag und sonnte aus Ton einen Menschen nach seinen» Ebenbilde. Und er nahm ein Täfelchen, mit heiligen Zeichen beschrieberr. und legte es m den Mund des Golerns. und siehe da. der Gv!e»n startd aus lntft bewegte sich nach Mensckenart. zeigte sich diensteisrig, spaltete Holz, holte Wasser und verrichtete in Haus uud Hof der Arbeiten mancherlei. Aber jeden Freitag abend, vor Anbruch des Sabbats, »rahm der Rabbi das heilige Täfelchen ans dem Munde des Golerns. ans datz er nicht am Ruhetage ruhelos »»»nhcrirre. Als der Rabbi »edoch eines Freitagdabeuds dies z»» tun unterlassen hatte und zusehen mußte, wie der Golem an» Ruhetage ruhelos umherirrtc. gereute es ihn. dieses menschliche Gebilde gcschaffeu zu haben: er entzvg ihm daher das Täfelchen für irnrner und so blieb der Golein cin Golenr bis auf den Heu »gen Tag. Die Frage, wer bunt) wen er berühmt geworden sei, ob der Gvle»» durch de» Rabbi oder «»»»gekehrt, ist heute gar »licht schwer zr» errtscheiden. Der hohe Rabbi Löw. der »nit der Last eines Golerns durch die Zeiten »vauderk. hat feinen Teil Unsterblichkeit diesem ungesligeu Tvugebilde zu »rerdauken. Das Andeukeu des hohen Rabbi ist heute nur »»och im Schatte»» seines Golems lebendig. Die Literatur über den „Golem" irr hebräischer, jiddischer, insbesondere in deutscher Sprache, ist zierulich »»»»»fangreich, es gibt Sagen. Legenden, Romane. Drameu. Filrnstückc. die von ihm handeln. aber der eigentliche Held ist eben der Goleu». nnd nicht der Rabbi, ans ftcffeit Hä »den er hervorging. Falsch wäre es indeüeri. zu glauben, die Volkstümlichkeit des hohen Rabbi Lörv berrrhe ganz auf der Golemsage. Es gibt noch airdere Voltssagcu, die sich an seine» Natner» fttüvfctt. echte Vvlkssagen. wuuderlich u»»d »vu»»derbar. »»nd sind sie gleichwohl nicht so volkstümlich geworden wie dic Golemsagc. so besitzen sie doch dieser gegenüber den nicht geringen Vorzug, mehr lebendige Ueberlieserung als überlieferte Literatur zu sein. In den» Wunderreich dieser Sagen herrscht einzig und allein der Rabbi, da steht er im Mittelpunkt, da »vird er von keiner »reinden Bildmassc verdunkelt. Aber auch hier hüllt ihn der Sage»»schleier so völlig ei»», daß dar»n»ter der wahre, der historisch beglaubigte Lörve bcn Bezalel bis zur Unsichtbarkeit verschrvindet. Den»» der hohe Rabbi Lörv, »vie er »virklich »var, war von ganz anderem Wnchö u»»d voi» ganz anderer Gestalt als der. de» die Sage verherrlicht. Löwe ben Bezalel »var ein GeistcSfürst. und es hat Zetter» gegeben, wo neben den» Sagenhelden auch der Geistesfürst in» Gedächtnis der Lebenden lebendig war. Heilte ist Rabbi Lörve tot, cs lebt nur noch der hohe Rabbi Löw, der Held der Sage. Es ziemt sich »vohl für eilte» Helden der Sage, datz auch Jahr uud Ort seiner Geburt in cin gervisses Dunkel gehüllt bleibe»». In den Lebensbeschreibungen des hohen Rabbi Löw gehen die darauf bezüglichen Arrgaben stark auseinander. Sein ältester Biograph, Maier Perls, gibt 1512 als das Geburtsjahr nnd Worrns als die Gebnrtsstadt Lörves an. »vogegerr einer »einer jüngsten Biographen. Doktor Nathan Grün, mtf Grund eingehender Durchforschung der vorhandenen Quellen zu dern Ergebnis gelangt, datz er um das Jahr 1520 in Posen geboren wnrde. Auch über seinen Studrengang herrscht Unklarheit: man weiß rricht, »vo er eigentlich erzogen »vnrde und »vcr seine Lehrer rvaren. Aus öcui Umstand, daß Lörve ben Bezalel in seiner» Schriften mit keinem Worte seiner Lehrer gedenkt, folgert Grün, daß er überharrpt kernen Lehrer gehabt, datz er sich also sein viclumfassendes Wissen durch Selbststudium erworben habe. De»»»»ach durfte er in seinen» Gebursskande Polen erzogen worden sein, denn bei den Jude»» in Polen »var dazumal die nntvdidaktjsche Studienweisc die Regel. Ir» den u»eisten pol»»isch-jüdischen Lehrhänser« gab eS „keinen eigentlichen Lehrer ni»d keiner» eigentlichen Scküler, jeder »var Lehrer itnft Schüler zugleich, der Fortgeschrittene nntcrstntztc mit seinem Wissen der» Schwächeren, half ihr»» über die Schrvierrgkerten des Lehrstoffes hittlveg, es »var ein gegenseitiges Ergänzen, ein gemeinschaftliches Streben und Forschen, eine Art des geistigen Kommunismus. Diese» Stirdieugaug hat and) Rabbi Löwe dnrchgemacht: das Lehrhans in seiner .Heimatgemeinde war sein Lehrer". Drei Städte hatten also die Ehre, den hohen Rabbi Löw den ihren zu nennen: Posen, Worms und Prag. Die Familie des hohen Rabbi sta»n»nte ans Worqis — sein Onkel Jakob ans Worms, »var Oberrabbiner sämtlicher Gerneinden des Deutschen Reiches —. er selbst »var in Posen geboren, mit Prag aber verband ihn durch seine Gattin, eine gebürtige Pragerin. verwandts'chaftliche Beziehungen. Nun zeigt es sich, wie sehr manchrnal der Ort für das Wachstum eines Menschen bestimmend ist. Ter hohe Rubbi Lörv dürft« erst nach feiner Verheiratung z»l»n erstenmal nach Prag gekvm»nen fein. Den grötzten Teil seirreö Lebens verbrachte er außerhalb Prags. Er »var zrvanzig Jahre lang Landesrabbiuer in Mähren, vier Jahre Rabbiner in Posen, fünf Jahre Landesrabbiner von Grotzpolen: sein Anfenthalt in Prag rveist mehrjährige Unterbrechungen ans und erstreckt sich auf die Jahre 1573 bis 1581. 1588 bis 1592 »»nd dann von 1597 bis zu seinem am 22. August 1099 erfolgter» Ableben. Er erreichte also ein Plter von 89 Jahren, davon hatte er rricht weniger als'02 Jahre fern von der böhmischen Hanptstadt gelebt. Und doch nannte snnd nennt ihn heute nochj die jüdische Welt „Maharal mi-Prog", das heißt „Rabbi Löwe ans Prag". Und mit Recht nennt sie ihn so. Denn der hohe Rabbi. Lörv war als geistige Berühmtheit, als rabbinische Autorität und rricht zuletzt als Held der Sage ganz und gar nach Prag zuständig. Prag war der Ort seiner Wahl und die Wiege feines Ruhmes. Der Prager Boden hat die Feru- »virknng seines Namens begünstigt. Unter dem Himmelsstrich der Josefstadt ist aus Löwe ben Bezalel der hohe Ngbbi Löw aemorden. Seine Zugehörigkeit nach Prag mochte der hohe Rabbi Lörv selbst triebmützig gefühlt haben, denn er sehnte sich immer »vieder nach Prag zurück. So oft er in einer ander»» Stadt seiner Amtsbnrden müde geworden war, flüchtete er nach Prag. Rach zrvanzigjähriger Amtstätigkeit in Mähren ließ er sich 1573, anscheinend als Privatgelehrter, in Prag nieder und gründete hier, »vie David Gans berichtet, eui „Versammlungshaus für die Weisen". daS heißt ein LehrhanS, n»n sich einen Wirkungskreis zu schaffen. Er^ folgte einer Vernfttng »»ach Posen und kehrte nach vier Jahren wieder nach Prag znrnck. Einige Jahre bekleidete er daS Amt eines LandeSrabbiners von Grotzpolen nnd karr» dann »vieder »»ach Prag. Zr»m Oberrabbiner von Prag »vnrde der hohe Rabbi Lörv erst in» Jahre 1567 ernannt, aber iu allen Jahren, tu denen er seinen Wohnsitz in Prag hatte, »var er ck« facto das geistliche Oberhaupt der Gemeinde» obgleich cke jure ein anderer als Oberrabbincr fungierte. Hier in Prag fühlte er sich heirnisch, hier kam die Macht seiner. Persönlichkeit zur Geltung. Bon hier ans drang fein hinaus in die Welt. Und hier auch, nirgendwo anders, weder in Mähren noch in Großpolen, erblühte die Sage von» hohen Rabbi Löw.

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