Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 7 (1927)
- Issue
- 17 (29.4.1927)
- Date
- 1927-04-29
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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» werden, wenn im Durchschnitt gerechnet jeder erwachsene Jude und Jüdin drei "ose erwirb: bei angenommen 260 000 erwachsenen Juden von den 600 OOü jü-ischerr Einwohnern (Kinder und cum* Arme abaerechnett Deutschlands. Die „Jüdische Altersheim-Lotterie" die jährlich einmal «ursgesyielt werden sollte würde wirklich und verhältnismäßig auch schnell Seacn und die nötigen Gelder stiften. Die Lotterie sollte sich dann in dem üblichen Rahmen halten und der Preis der Lose drei Mark per Los nicht übersteigen. Die Gewinnpläne jeder Lotterie sollten ähnlich der Äircheubau- und Wohlfahrtslotierieu gestalt-et werden, wobei eS kür mich aleichaültia wäre, ob Wertsachen oder Bargeld auSpesvielt werden sollten: das wäre daun Sache der betreffenden Veranstalter. Neben der „Jüdischen Alteroheim-Lvtterie" wäre vielleicht auch diese Anregung diskutabel: sogenannte „Bausteine" für Jüdische Asleroheime auSzugeben. wie es bcisyielsweise der jlentralverband deutscher Pbotogravhcn- Jnnungen vor zwei Jahren zwecks Gründnua eines Altersheims für Photographen getan hatte und große Erwine damit erzielte. Diese «Bausteine" könnren im Werte von 5. 10, 20. 50. 100 M. usw. ausgestellt werden: Anteile gewissermaßen. die eine hohe Summe hereinbringen würden. Lotterie und „Bausteine" zugunsten jüdischer 'Altersheime zusammen veranstaltet, würden die Errichtung von einer wder gar zweit Altersversorgungs-Anstalten jedenfalls schneller ermöglichen, als lauge Beratungen in der Gemeindeverwaltung über die Bewilligung der notwendigen Gelder dazu, die einstweilen luud wahrscheinlich auch späterst nicht arnzubringeil und. Diese Lotterielose und „Bausteine" würden gleichzeitig aber Anlaß geben, bei Barmizivah. Hochzeiten, Tombola usw. als Geschenke zu geben. Und noch viele andere Möglichkeiten sind geboten Und es ist durchaus kein Geheimnis, es hier zu verraten: sehr viele Menschen tauch „ohne Unterschied der Konfession!^ kaufen lieber tür neun Mark drei Lose, weil sie dann doch,die Hv'snung haben, einen — und „natürlich" den Hauptgewinn zu erhalten, alc. dag sie fünf Mark „für nichts" spenden! Für viele Menschen gilt turntet noch die Variation: «Rühmen ist seliger, denn geben!" — statt umgekehrt! W. Roth. f ||{ Aus der Bewegung |j|j tVtmtffuEt a. M. IIüdifch - libera! e I u g e tt d g emeinschajtst Auf unserer diesjährigen Generalversammlung wurde von der reichen Tätigkeit des vergangenen Jahres berichtet. Es wurde festgestellt, daß wir zwölf größere BeranstalLrmgen hatten, und zwar die Mitgliederversammlung. die Gabriel-Rießer-Feier. das Svmmerfeft in Cronberg. die Treffahrt mit neutralen Vereinen der Umgebung an den Rhein, die Kundgebung in der Frankfurt- Loge über London den Festabend in der Laubhütte, den Besuch von Worms lBesichtigung seiner jüdischen und allaemeineu Sehenswürdigkeiten. Zusammensein mit dem Wormser Jugendverein). den GeselischaftSabend in der Loge, die Chanukay-Feier, die Moses-Meudelssohn-Feier, den Besuch der neutralen Vereine bei uns. iVesichtiguug von Frankfurt und gemütliches Beisammenseins und bas Purim-Kostüm-Fest lim JLJ-Lmtfchifs um die Endes. An 14 Heimabenden wurde über jüdische Fraget, referiert und diskutiert, an acht Abenden über religiöse Fragen, an vier Abenden über polnische Probleme iOrthodorge. Zionismus usw.s. an den übrigen zwei Abendert über jüdische Kunst nnd füdische Gemeindearbeit. In sechs Arbeitsgemeinschaften wurde wöchentlich gearbeitet, und zwar in vier Arbeitsgemeinsch-asten über religiöse Gebiete rrnd in zwei Arbeitsgemeinschaften über allgemein-kulturelle Gebiete. Die Arbeitsaemeinschasr „cVirftcimun mt5 Eäristernum" leitete Frau Dr. Güiuoer. diejenige über „Jüdische Geschichte" Herr Rabb. Dr. Gottschalk: über „ReliaionSv'nilosophie" sprach Herr Rabb. Dr. Tellgmann: „Hebräisch" leitete Herr E. Gut. Die «Arbeitsgemeinschast für freie üteierate" beschäftigte sich mit den verschiedenen Gebieter« des kultnrelleu Leberts sPo« kitik, Kunst Soziales!. aber auck mit indischen Fragen. Der RezitationökurruS des Herrn Alsr. 'Atterbach lehrte Sprachtechnik und Einstudierung kleinerer dramatischer Wecke. Die Zahl -er Teilnehmer in den Arbeitsgemeinschaften schwankte zwischen 10 und 25, an den Heimabenden waren meistens 25—40 Personen anwesend 12 gemeinsame Ansflüge wurdert veraristaltck. durchschnittlich init 8—10 Teilnehmern. darunter zwei RodelauSslüge. Die neugegründete Jnaendgrriove zahl! 25 Atttglieder und hatte seit -er dreirnouatlicheu Feil ihres Bestehens zwölf Veranstaltungen. meistens religiöse oder allgemeine Vorträge, ein Purimkest (mit Ausführung des Schatienfnielö „Esther"). Wir hoffen, im kommenden Jahr die Arbeit noch mehr ausbauen zu können, und bitten alle unsere Freunde und Gönner, uns darin wirksam zu unterstützen. Magdeburg, l I ü d i s ch - l i b e r a l e r I ng e rr d b u n d Heimat"). Urrsere diesjährige Sederfeier fand am Sonntagabeuö im Kabarettsaal des Kaffee Hohertzollern statt. Gab schon der freundliche Saal der Veranstaltung ein anderes Gevrage wie in vergangenen Jahren, so merkte man auch n« der hübsch gedeckten und dekorierten Tafel, daß die Feier von einer Hand vorbereitet ivar, die Interesse hatte an einem besonders schönen Gelingen des Aberkds. Frau Hamlet hatte in dankenswerter Weise sich dieser Ausgabe unterzogen und auch für ein tadelloses Essen Sorge getragen. Herr Rabbiner Dr. Wilde las ans der Hagadah vor und gab dazu interessante Erlarnernngen. >o dasi auch die Jüngsten mit Aufmerksam reit snigten. Besonders eindrucksvoll waren die Schilderungen von Tederfeiern im Felde, die Dr. Wilde uns gab Das manescbtauoh las Gerda Teller, die Tochter unseres Kanters, der durch gesangliche Unterstützung dem Abend mit znm Erfolge verhalt. Rach der Feier war man noch gemütlich zusammen. Beteiligt batten sich ungefähr 30 Perstmen, darunter auch der erste Vorsitzende der liberalen Ortsaru'we Magdeburg. Herr Wilhelm Kronheim, rrnd der zweite Vorsitzertde der Arbeitsgemeinschaft jüdisch-liberai-'r Juaendvererne. Edgar Friedmann. Im Namen des Vorstavd-'S dankte Hans Frankeustein Frau Harnlet für ihre wir.Aich glänzend gelnrtgenen Bemühungen. Als man 'ich um '-12 U.rr trennte. batte jeder die Empfindung, einen Abend verbrach: zu haben, der lange m Erinnerung bleiben :vird. Verklungenes Leben. Biblische Novellen von Else D a h 1 b e r g. (i. Fortsetzung.) Leo. Lea hatte schon lange mit bangen Augen auf Jaakob «sehen, der im Hause ihres Vaters diente. Sie wußte, u»ß der einfache Knecht nicht das war, was er schien. Jni eie eprach zu Rahel, ihrer Schwester: „Siehe unsern Knecht Jaakob. scheint er dir nicht schön von Gestalt und klug?'* Aber Rahel schwieg und hatte nur ein Erröten. So richtete Lea. die stolze, ihre Augen auf Jaakob und er schien ihr liebenswert. Und Jaakob diente in Labans Haus, Tag um Tag, Jahr um Jahr. Lea spürte in sich die Gewißheit, daß etwas ihn an dieses Haus fessele, und wenn sie seinem träumerischen Blick begegnete, meinte sie zu wissen, daß die Liebe ihn gefangen hielt. Sprach sie wiei ehemals zu Rahel: „Siehe unsern Knecht Jaakob,'* so eilte die Sanfte aus dem Gemach. Und Jaakob diente- Ging Lea zum Bade in dem kühlen Bach, so beugte sie sich tief übers Wasser, um ihr Antlitz zu sehen. Dann ordnete sic ihr langes und köstliches Haar und schmückte eich mit Blumen. Die roten Blüten erhöhten den Glanz ihrer Augen und das Rot der Wangen. Der Körper wurde durch die Kälte des Wassers erfrischt, so daß er dem eines ganz jungen Mädchens glich. Dann sonnte sie sich im Grase liegend und ihre Sehnsucht, schön zu sein wie ihre Schwester» machte sie erröten und durchstrahlte den ganzen Körper in sehnender Kraft. Dann erhob eie sich und kehrte stolzen Ganges in den Hof ihres Vaters zurück und begegnete im Hofraum Jaakob. Doch der sah sie nicht, er war mit dem Vieh beschäftigt und starrte dumpf vor sich hin. Plötzlich sah sie ihn aufzucken, in seinem Blick glühte ein Funken, sein starker Körper richtete sich auf — sie fühlte sein Auge sich zu ihr wenden und willig wollte sie eich unter seinem Blick demütigen, um ganz des Geliebten Größe zu ertragen — da rief sie der Vater, und sie wandte sich, ihm entgegen zu eilen. So sah eie nicht, daß Rahel eine Manneslänge entfernt hinter ihr gestanden In dem schlichten Wohn raum sprach Laban zu seiner Tochter: „Lea, ich weiß, du hast dein Auge auf Jaakob, den Knecht, geworfen —" Lea senkte den Kopf. „Mich dünkt, daß er, der sieben Jahre diente, nun wert sei, meine Tochter zur Frarti zu bekommen. Er ist ein guter Arbeiter, ein kluger Kopf; er wird diesem Hof gute Dienste leisten. Du bist die ältere, du wirst ihn heiraten. Die Tochter fühlte Wogen von Seligkeit auf sich einstürmen und sprach leise: „Es möge sein wie mein Vater befiehlt!" Ds kam eine seltsame Zeit für Lea, denn als ihr Vater sie noch über verschiedene« befragt hatte, nebensächliche Dinge, die sic in der Wonne des Augenblicks nicht zu beantworten wußte, hatte er eie in ihre Kammer geschickt. Und als sie nach Stunden frohen Traumen*, sich zu Rahel wandte, um sie nach Jaakob zu fragen, fand sie dieselbe an ihrem Fenster sitzend, müde den Blick dem Gebirge zu gerichtet. „Wo ißt Jaakob?" frug Lea. „Er wurde vom Vater in« Gebirge geschickt, nach dem Gesinde und deu Herden zu sehen." „Wird er lange bleiben?" „Bis zu Hochzeit, Liebe!" Bis dieser Tag kam. — Sie führten Lea tief verschleiert zu Jaakob; der strahlte wie sie ihn noch nie gesehen! Es schien ihr leicht, dem Glänzenden, Geliebten ihre Jungkranschaft zu gehen; leicht, an seiner Seite zu leben und Schmerzen zu ertragen. Während an der fröhlichen Tafel getrunken wurde, war die Braut ganz still und verhalten, ihre große Freude konnte nicht Worte finden. Sie dachte an Rahel, die drinnen für Speie und Trank sorgte, das Lager bereitete. — Wie wollte sie ihr sagen, wie unsagbar schön eß sei, den Liebsten so^nahe zu haben, immer bei ihm zu sein! Au Jaakobs Seite bcvschritt sie die Hochzeitskammer und sie trank seine Zärtlichkeiten wie eine Wiese, die nach langer Düne endlich den segenspendenden Regen empfängt. Jaakob aber grub seine Hände in ihr Haar und stöhnte: „Sieben Jahre Knecht, sieben Jahre um dich. — Und dennoch: sieben Tage nur!' Da war cs Lea, als ob ihr die Krone aufgesetzt würde, die fortan ihr Leben schmücken sollte; sie wußte sich die Sehnsucht ihres Mannes. — Der Morgen graute. Lea erhob sieh, um das Antlitz Jaakobs zu sehen und er erwachte unter ihrem Blicke. Seine Lider öffneten sich erstaunt, erschreckt; seine Hände spreizten sich gegen etwas, das ihn zu erdrücken schien. „Du, Lea, du — nicht Rahel? Du warst es heute Nacht — Nein, nein du warst cs nicht!“ Noch begriff Lea nicht. Aber der Mann stammelte: „Darum sprach dein Vater: du sollet meine Tochter haben! Darum! Nicht Rahel gab er, sondern dich, Lea! Ach Rahel, Liebe, Liebste —“ ln Lea war alles erschreckend klar geworden, fast fliehend verließ sie den Raum. So also sah ein Hochzeitsmorgen aus — Für die andere war eie gegeben worden, für die andere sieben Jahre-Knechtzeit! Diese andere — ihre Schwester. Kein Wort fand eie für den Mann, der litt wie sie, kein Licht sah sie mehr in ihrem Leben. Ls war ihr, als ob sie immer so still am Fenster stehen müßte, ob wohl das Glück kommen wollte — aber sie wartete vergeblich: das Glück kam nimmermehr. Nie mehr, nimmermehr, klagte ihr Herz! Nie mehr, nimmermehr, sagten die Blumen, die sie gestern getragen: nie mehr, nimmermehr, flüsterte der Schleier. Und die Knechte und die Mägde schienen höhnisch zu grinsen: Junge Frau, liebe junge Frau! Ls kamen wieder die Tage der Woche; Lea arbeitete mit rüstigen Händen das Alltags werk. Aber man sah sie nicht lachen. Oft saß sie in eifrigem Denken: „Ist Rahel besser denn ich? Sie ist schöner, aber noch so Jung. Ein Kind, das nichts weiß, das mit seinen Händen alles umfaßt und vielleicht sogar zerdrückt . . Nur eine kurze Spanne Zeit verging, da führte Jaakob Rahel als zweite Frau in sein Gemach. Und Lea mußte sehen, wie das finstere Gesicht des Gatten «ich aufhellte, seit die Schwester sein geworden war. Sie selbst blieb die stille, eifrige Haushälterin, sie blieb in ihrem Innersten die Jungfrau Lea, nur daß sie von der Bitterkeit der Welt gekostet hatte und ihr die Zukunft freudlos schien. Als die Wochen schlichen, ward es ihr gewiß, daß eie gesegneten Leibes sei. Sie bekämpfte eifrig die trüben Stunden, die dem leidenden Körper entsprangen. Still ging sie umher, still tat sie ihr Werk und als sie merkte, daß der Blick des Gesinde» an ihrem Leib herumtastete, trat eie vor Jaakob. Doch ihm galt sein eigenes Erleben der Liebe mehr als die Frucht eijier halb vergessenen Zeit. Lea ging allein durch alle Schmerzen bis zur Geburt ihres Sohnes. Sie nannte ihn Rüben. Jaakob aber ward von fast wilder Vaterfreude erfüllt und es schien Lea, als ob Jaakob sein Lieben auch ihr zuwandte. Doch nicht ihrem sehnenden Herzen erfüllte er den Traum, nur dem sehnenden Körper wurde sein Recht. Sie ertrug dumpf geduldig alles. Und ihr starker und gesunder Leih gebar aber und aber. Drei Knaben waren cs im Laufe der Jahre: Simon, Lewi, und Jehuda. Tn der Zeit, als sie die Kleinen trug und stillte, fühlte sie tiefe Freude. Es schien ihr, als mb ihr das große Mutterglück Ersatz schaffen wollte für da« versagte Liebesieben. Denn draußen glitt Rahel noch immer schmalen Leibes einher und harrte der Erfüllung durch das Kind. Scharfen Blickes sah Lea, daß das Auge der andern trübe war vor ungeweinten Tränen — und sah, daß Jaakob nichts von Rahe!« Kummer merkte. Und Lea hörte durch die dünne Wand der Räume wie Rahel ihr Leid Jaakob klagte. Da nahm Jaakob sie in «eine Arme und beruhigte sie durch siifien Laut, wie man ein Kind tröstet. Kind sei sie ihm und Frau, sein Liebstee und Bestes trotzdem. Rahel aber hatte nicht genug an dieser großen Liebe, sie wollte auch das Glück der Mutter naben. Und sic empfing durch ihre Magd zwei Söhne: Dan und Naftali. Jaakob sah sie mit den Kleinen spielen; immer blieb sie, die Unfruchtbare, seinem Gemüt fruchtbar; sie wußte stets neu zu «ein, stets sein Auge zu überraschen. Kanin daß Lea noch mit ihr sprach und wenn eie es tat, so leuchtete ihr Stolz hervor: „Nicht deine Kinder sind es!" Ihr Mutterglück hatte ihr einen Halt gegeben, so nieinte sie wenigstens; ihr großer Stolz diente ihr als Schild. Die Söhne waren gleich Beschützern um sie geschart, diese waren ihr eigen, ihr Blut, ihre Schmerzen! Mochte kommen \va« wollte! Im ferneren Ring standen die Sohne ihrer Magd: Gad und Ascher. Jaakob aber, Jaakob blieb fern. Und Lea mußte sich nochmals der alten Sehnsucht beugen: ihr starker Leib «ehnte eich, zersehnte sich nach dem Gatten, wild und weh schrie es in ihr nach ihm So tat sie denn auch das Entsetzliche: sic kaufte sich den Gatten um die Liebe des Sohnes. Kindlich hatte ihr Rüben die Früchte gebracht und Rahel hatte den glücklichen Finder an sich gezogen, als die Mutter hinzutrat. „Nimm mir nicht noch dies. Rahel!" klagte eie. Aber Rüben hatte schon die Äpfel in den Schoß der andern geschüttet — diese lächelt: ..Gib mir die Früchte, so soll mein Gatte heute nacht bei dir sein!" Und Lea schlug die Hände vor das Antlitz. Am Abend trat eie Jaakob entgegen: wußte er um den Kauf? Genug, er ging mit ihr. Wieder sollte Lea Mutter werden — Seltsam unbehilflicli war sie dieses Mal und sie sah der Geburt mit Angst entgegen. Vielleicht mußte sie nun sterben — Die Welt, ihr Leben, ihre Kinder, ihr Gatte, traten mit schmerzlicher Deutlichkeit vor sie hin. Sie sann allem nach. — In jener Empfänglichkei und jenem weichen Zurückcehnen ward ihr vieles klar. So erkannte sie auch die Liebe Jaakobs Rahel. Nicht die Persönlichkeit suchte er. — In den sieben Jahren der Knechtschaft, der Hoffnung auf Rahel, war das Kind ihm lieb geworden. Seine Gedanken waren um sie geflogen; die Sanfte ward ihm der Hafen, in dem er Ruhe finden wollte, war ihm der Acker, den er befruchten sollte. Rahel wußte dies. Ahnend hatte sie die Seele der seinen vermählt, lange vor der Ehe. Die Unfruchtbare blieb ihm stets die Erinnerung an seine Jugend, seine Sehnsucht — so blieb sie ihm fruchtbar, blieb ihm ewiir neu. Sie selbst konnte ihm Weib sein, Mutter. — Die andre war ihm mehr, war dos Kind ihres Gatten, das Geschöpf seines Geistes. Darum brauchte es kein Kind zu geben aus jener Verbindung, denn die Geliebte selbst war Fleisch von seinem Fleisch, war Geist von seinem Geist. Sie waren so eins, daß keiner sich dazwischen stellen konnte. Wie durfte sie die,andern für all das Traurige ihres Lebens verantwortlich machen? Lea erkannte — und Lea schwieg. Sie rang bei der Geburt schwer um ihr Leben, es den Kindern zu erhalten. Und aus der Nacht des Kaufes blühte Isaohar auf, aus einer andern Sebulon. Jaakob sprach: „Sechs Söhne hast du mir gegeben, Lea; wie bist du reich, Mutter Lea." — Er sali ihre Liebe, die so Schweres still getragen und als die Monate schwanden, brachte sie ihm die Frucht seiner Zuneigung: Dina die Tochter. Und Lea trug in das kleine Mädchen all ihr eigenes Seimen und Wünschen hinein, die Kleine atmete die Liebe der Mutter ein, — sie ward für Lea die Hoffnung auf ein Erfülltsein der versagten eigenen Wünsche, eie ward ihr Geschöpf. Und um Leas Mund ließ die Freude und Demut ein Lächeln blühu. \Vas tat es, daß Rahel noch spät Söhne gebar, daß Jaakob die beiden Jüngsten besonders liebte, weil sie ihm von Rahel, dem zweiten Ich kamen? Was tat es, daß sie noch von dem alten Heim wegzogen in frem-r des Land? In Lea war es still geworden: sie pflegte nicht mehr ihr eigenes Ich, sie lebte den Söhnen und Dina. Sie tat dies rücksichtslos, mir von dem Wunsche beseelt, alles was ihr eigen war und gut schien, clen Kindern zu hinterlassen. Sicher schritt sie den Weg, meist allein. Jaakob verehrte in ihr die Mutter, die stille Trägerin, nicht mehr. Erst nach Jahren, als Rahel längst gestorben, geschah es, daß er erkannte, was sie ihm hätte sein können — trotz Rahel. Doch war zu ihnen schon ein stiller Gast gekommen: das Alter. Sie vereinigten ihren Sinn zu dem letzten Werk auf Erden: ihren Kindern zu leben. Denn sie wußten, daß von eigenem Glück und Leid nichts übrig bleibt, nichts als die Nachkommen Jaakobs, seine Kinder. Und so lebten sie beide dem Ende ihrer Tage zu, Lea und Jaakob. Jaakob der stark geworden in vollem Finnen des Glücks in einem andern wie Lea in vollem Lsfdea ihres Weibseins bis zur Entsagung. Lea starb, wie «• gelebt; ihre Sicherheit des Lebens blieb ihr auch im Tode treu und neben ihrem toten Leib wollte Jaakob ruhen, als er aus diesem Leben schied. (Fortsetzung folgt.}