Mannheim
Compact Memory

Jüdisch-liberale Zeitung · 1927-04-22 · 16 (22.4.1927) · page 10

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
7 (1927)
Issue
16 (22.4.1927)
Date
1927-04-22
Page
– (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2613366-2613895-2613911--2240-2619689
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

16 entity mentions

nunmehr Las aktive und passive Wahlrecht in 6er Gemeinde verliehen fei. Dann schilderte er, daß die Liberalen, da bei den Wahlen zum 20. März ihre eigene Liste wegen eines Formfehlers für ungültig erklärt worden war, sich dem Kompromiß der im Gemeindeverein vereinigte» Parteien angeschlossen haben und daß auf die Liberale Partei von 14 Kandidaten 6 entfiele». Er ging dann weiterhin auf die neuaegründete jüdisch-religiöse Mittelpartei ein. für deren Gründung ein Bedürfnis nicht vorgelesen habe, da die verschiedensten Richtungen von den Kompromißparteien durchaus vertreten würden. Der Vorwurf, den die neue Partei der alten in bezug auf Notabelnwirtfchaft gemacht habe, treffe nickt zu. Danach referierte das zionistische Mitglied des Gemeindevorstandes, Kaufmann Artur Cohn über die Arbeit der bisherigen Gemeindeverwaltung und -Vertretung. Der R^ner schildert die intensive Tätigkeit, die die Gemeindebehörden in der verflossenen Periode geleistet haben. Königsberg sei die erste Gemeinde oewcfeit, die dafür gesorgt habe, daß ihre Beamten nach den Grundsähen der Staatsbeamten und darüber hinaus besoldet würden. Auch erhielte jeder Beamte eine besondere Wirtschaftszulage für di« Mehrkosten des rituellen Haushaltes. Das Beerdigungswesen habe statt eines Zuschusses einen Ueberschuß ergeben. Mißhelltgkette» hätten sich bei der Vermietung der Synagogenstanlbe ergeben. Der Redner girrg dann noch auf verschieden« Einzelheiten aus der Verwaltung ein und kam weiterhin auf den Aufbau -er Parteien zu sprechen. Auch «r bestritt mit Entschiedenheit das Bedürfnis der neuen jüdisch-religiösen Mittelpartet und erblickte gleichfalls in ihr eine Zersplitterung des jüdischen Gemeindelebens. Er forderte zum Schluffe die Anwesenden auf, am Wahltage, dem 1. Mai, ihre Stimme dem Großblock, in dem alle Richtungen vertreten seten, zu geben. Magdeburg. (Generalversammlung deö Synagogengemeinde-Verbandes der Provinz Sachsen.) Die diesjährige Generalversammlung fand kürzlich im Sitzungssaale unseres Gemeindehauses statt. Es hatten Vertreter gesandt die Gemeinden: Aschersleben. Burg, DelMch (zugleich für Bitterfeld und Eilenburg), Garbelegen. Halberstadt, Halle, Magdeburg, Nordhausen, Schönebeck» Stendal und der „Verein israelitischer Lehrer Mitteldeutschlands^. Als Gäste und zwecks Teilnahme an der folgenden Sitzung des „Provinzialverbandes für jüdische Wohlfahrtspflege in Sachsen-Anhalt" waren erschienen: Frau Dr. Margolinsky für den Frauenbund der Mendelssohn-Loge, die Herren Broder, Michaelis, Ober-Magistratsrat Dr. Ollendorff von der Zentrale Berlin und Dr. Kreutzberger von der Hauptstelle für jüdische Wanderfürsorgc in Berlin. Da der Preußische Landesverband auch im vergangenen Jahre seine volle Tätigkeit nicht ausüben konnte, mußte der Synagogengenreinde-Berband seine Aufgaben wie bisher weiter erfüllen. Der Vorsitzende. Dr. Wilde, bedauert, daß viele kleine Gemeinden nicht vertreten sind, in deren Interesse der Verband hauptsächlich arbeitet, wodurch ein lückenloses Arbeiten immer wieder erschwert wird. Dieses mangelnde Interesse zeigt sich besonders in der Nichtbeantwor- ^una von Anfragen. Die Haupttätigkeit des Verbandes erstreckt sich wie bisher auf Unterricht und Gottesdienst und ans die Gewährung kleiner Unterstützungen. In der Ge- «v?."we Dailgermünöe wurde der Unterricht neu eingerichtet, .illlt Thale-H. schweben Verhandlungen: ebenso wird sich dre Gemeinde Halle der Gemeinden Bitterfeld—Delitzsch— Eilenburg annehmen. Die Rückzahlung der Summen durch den Landesverband bedeutet eine starke Entlastung für den Verband. Den Gemeinden Egeln und Bitterfelö wurde durch Gewährung von Zuschüssen die Abhaltung von Gottesdlensten zu den hohen Feiertagen ermöglicht. Ebenso konnte der Gemeinde Stendal zn einem Prediger verholfen werden. Zugleich ist der Verband Bertrauensstelle des Preußischen ^.andestzerbandes, an den sich die Kleingemeinden um Unterstu-üttg-znr Instandsetzung ihrer Synagoge und ihres Friedhofes wenden. So konnte zwischen dem Landesverband und den Gemeinden Neuhaldensleben. Egeln, Gardelegen und Ellrich-H. vermittelt werden. Wiederum wurden Unterstützungen an zwei Lehrer und eine Lehrerswitwe gewährt. Der Verband verhalf einer Lehrerswitwe und einem emeritierten Lehrer zu einem allmonatlichen Pensionszuschuß. ..APdebura. (Vom Provinzialverband für kirdische- Wohlfahrtspflege in Sachsen-Anhalt.) Bor kurzem fand im Sitzungssaal« unseres Gemeindehauses die fällige Generalversammlung des Verbandes statt. Den Vorsitz führte Rabb. Dr. Wilde. Vertreten waren die Gemeinden: Aschersleben, Bnrg, Delitzsch, Garbelegen, Halberstadt, Halle, Magdeburg. Nordhauseil. Schönebeck und Stendal. Die Zentrale in Berlin hatte Herrn Ober-Magistratsrat Dr. Ollendorff und die Hanptstelle Herrn Dr. Kreuhberger entsandt. Im Mittelpunkt der Tagung stawd die Wanderarmen-Frage. Die Gemeinde .Halberstadt hatte ihren Austritt erklärt. Es wurde von allen Seiten besonders von Herrn Dr. Kreutzberger, darauf hingewiesen, daß durch diesen Austritt das geschlossene Netz der Wanderfürsorge in Deutschland zerrissen wird, noch dazu ln einer Zeit, in der der große Strom der arbeitslos gewordenen polnischen Rückwanderer von Frankreich und Aetzien sich ergießt. Andererseits würde im Falle seines Austrttts Halberstadt nicht mehr dadurch entlastet werden können, daß jetzt die Durchbeförderung unmittelbar erfolgt, wahrend die Kasse nur den Anteil der Eisenbahnstrccke bezablt. Magdeburg. (Todesfall.) Die Ortsgruppe Magdeburg des Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens beklagt das Hi »scheiden ihres Ehrenvorsitzenden Max Kallmann. Das Jüdische Wochenblatt für Magdeburg und Umgegend widmet dem Verstorbenen einen Nachruf, in dem es heißt: „Sein Rat stand uns von Anfang an zur Seite — und mit der Tat bewies er, wer er war. Der Seltneneiner, dre auch heul noch leben. die still und heimlich wirken, Großes tun und still und heimlich dann die Welt verlassen. Er diente der Gemeinschaft seines Glaubens, dem Wohlc und der Wohlfahrt dieser Stadt. Er gab den Armen, Hali wo er nur konnte. Er kämpfte für die Rechte seiner Brüder. Er war ein Freund des Guten und des Reinen, ein Edelmann vom Scheitel bis zur Sohle." MoerS. (Friedhof schändung.) In der Nacht vor Frettag auf Samstag haben bisher nicht ermittelte Rohl'ttse öen altehrwürdigen jüdischen Friedhof Heimgesuch Grabsteine umgeworfen. Die Gemeinde hat für di< Feststellung -er Täter eine namhafte Belohnurrg ausgesetzt Von zuständiger Stelle wird hierzu noch mitgeteUt, das nach dem Ergebnis der bisherigen polizeilichen Ermitttunger der Tat wahrscheinlich keine polittschen Motive zuarund« Uegen. Wahrscheinlich ist die Schändung deS Friedhofes, be der gegen.vierzig Grabsteine umgestürzt wurden, das Werl eines Geisteskranken. Nach einwandfreien Feststellnnger bat eine einzige Person die Tat begangen. Der Täter (jo: Rücken gegen die Steine gestemmt und ste aus drese Weise umgestürzt. Wahrscheinlich handelt es sich be der vor etwa drei Wochen in Neviges bei Elberfeld erfolgter Demolierung des jüdischen Friedhofes um denselben Täter In beiden Fällen wurde die Tat in regnerischen Rächt« ausgeführt. Sowohl in Neviges wie in Moers wurde hoh, Belohnungen aus die Ermittelung des Täters ausg ersetzt. Usingen. (80. Geburtstag.) Der zweit« Äsrst^ei unserer Gemeinde, Herr Alexander Hirsch, begeht in dieser Tagen körperlich und geistig frisch seinen 80. Geburtstag Als rühriger Kämpfer gegen antisemitisch« Angriffe ha sich Herr Hirsch in seiner Eigenschaft als BorsttzeMer bei Ortsgruppe deS LentralvereinS und des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus den Dank vieler erworben. Auch sein rege- Jntereffe für alle Gemeindeangelegenheiten ist oft trotz der berufliche» Inanspruchnahme, bie der Achtzigjährige noch rüstig bis in die jüngste Zeit aufrechterhielt, levhaft zutage getreten und anerkannt worden! Wie«. (Todesfall.) Der bekannte jüdische Gelehrte Dozent Dr. Siegmund Kornfeld ist am 16. April im Alter von 68 Jahren in Wien Verstorben Er wurde heute auf dem Zentralfriedhof unter starker Beteiligung zu Grabe getragen. Sein Htnscheiden hat unter den Juden Wiens tiefe Trauer hervorgeru/en. Dr. Siegmund Kornfeld entstammte einer hochangesehenen jüdischen Familie in Böhmen. Er gehörte zum engen Freundeskreise Herzig und zu den eifrigen Verfechtern der zionistischen Idee. Er war ein intimer Freund und Mitarbeiter des bekannten Philosophen Josef Popper-Lynkeus. | Aus der Bewegung Berlin. (Jüdisch-liberaler Ingenverein.) Die Anschrift deS Geschäftsführers und Borsitzenden der Arbeitsgemeinschaft jüdisch-liberaler Jugendvereine Deutschlands lautet jetzt: Edgar Friedmann. Berlin NO66, Jmanuelkirchstr. 9. Berlin. (Liberaler Verein für die Angelegenheiten der jüdischen Gemeinde zu Berlin E. B.) Die diesjährigen Veranstaltungen an den beiden Sederavenden in Schneiders Hotel, Königstraße Ecke Älosterstraße, haben sich eines recht starken Besuches erfreut. Rund 200 Personen haben an Liesen durchaus würdig verlaufenen Feiern teilgenommen. Besonders der zweite Abend mit den guten gesanglichen Darbietungen des Herrn Kantor David fand ungeteilten Beifall. ES dürfte sich empfehlen, im nächsten Jahre die Sederabende in verschiedenen Stadtgegenden zu veranstalten, da sich die Teilnehmer sowohl aus dem Innern der Stadt wie aus den Bororten zusammensetzten. Wie wir aus den Kreisen unserer Mitglieder hören, hat ein Teil der entfernter Wohnenden den weiten Weg nach dem Innern der Stadt gescheut. Breslau. (Jli „Araham Geiger") Heute können wir von Stunden der Weihe berichten, die sicher allen Teilnehmern unvergessen bleiben werden. Am zweiten Sederabenö fand in dem stimmungsvollen Saale der Gesellschaft „Eintracht" eine gemeinsame Sederfeier statt, an der 27 Mitglieder teilnahmen. Weihevoll ergreifend hielt Herr Dr. Davidsohn den Seder ab, Sinn und Bedeutung dieser Familienfeier kamen in prächtiger Form zum Ausdruck. Wir danken auch an dieser Stelle unserem sehr verehrte^ Führer Herrn Dr. Davidsohn für seine ausgezeichnete Mühewaltung, unseren Freunden, die uns durch finanzielle Unterstützung das Zustandekommen des Sederabends ermöglichten, nnd der Gastgeberin Frau Schaal, die den Sedertisch nnd das Mahl in vollendeter Weise hergerichtct hatte. Danzig. Am 7. d. M. hielt im Rahmen der hiesigen Ortsgruppe der Liberalen Bereinigung Herr Hauptkantor Alt, Danzig, einen Vortrag über das Thema: Kann man Religion „unterrichten"? Stofflich ganz über den Dingen stehend, legte der Bortragerrde in seinen inhaltlich wie rhetorisch ausgezeichneten Ausführungen zunächst dar, daß sich die Notwendigkeit des Religionsunterrichts aus dem Ziel der Erziehung ergebe. Mit Pestalozzi sieht er das Ziel der Erziehung in der harmonischen Ausbildung aller Kräfte. Damit jedoch nach vollendeter Erziehung diese sich nicht in eine Vielheit von Interessen zersplittere, bedarf es eines umfassenden nnd sammelnden Gesichtspunktes, eines die gesamte Erziehung beherrschenden Mittelpunktes, und dieses die verschiedenen erzieherischen Maßnahmen vereinheitlichende Prinzip kann nur hie Charakterbildung fein. Die Bildung des Charakters erfolgt entsprechend seinem Begriff durch die Festigung und Kräftigung des Willens und durch die Heranbildung sittlicher Grundsätze, nach denen der Will« sich zu betätigen hat. Diese Heranbildung sittlicher Grundsätze ist ohne Religion nicht zu erreichen, da Religion und Sittlichkeit, wie der Redner in hochstehenden Ausführungen »achwies, nicht voneinander zu trennen sind. Die Frage, ob man Religion unterrichten könne, fei für den Unterrichtenden natürlich nur eine rhetorische. Darum versuchte der Vortragende zu zeigen, wie man Religion unterrichten müsse. Der Unterricht müsse im besten Sinne liberal sein, b. h. der Schüler müsse auf Grund eigenen Nachdenkens, eigener geistiger Arbeit zur religiösen Persönlichkeit sich entwickeln: ihm etwas mechanisch einzutrichtern, was er hinzunehmen hätte, rväre in diesem Falle ganz unmöglich und unfruchtbar. Der Unterricht darf nicht in Memoriermaterialismus ansarten, sondern muß immer Leben, ein Erleben der Religion bedeuten. Das Mittel zum Erleben der Religion sind die großen Menschen, die uns in der Bibel entgegentreten, und an denen der Schüler sich anfbanen kann. An einer Reihe von praktischen Beispielen (Sündenfall, Elia, Prophetismus) erläuterte der Redner seine theoretischen Ausführungen mrd zeigte, wie die verschiedenen Kittdesalter berücksichtigt werden müssen, die Stellung des liberalen Lehrers zu den Wundererzählungen, zum hebräischen Unterricht, zur Frage, ob jüdische Politik in di« Schule gehöre. Die Quintessenz der vom Redner vorgeführten voluntaristischen Erziehungsmethode faßte er in dem Worte Goethes zusammen: „Von der Gewalt, die alle Wesen bindet, befreit der Mensch sich, der sich überwindet." Der Bortrag hinterließ bei den Zuhörern infolge der hochstehenden Gedanken, deren sehr gewählter Stilisierung und der Wärme, mit der sie vorgetragen wurden, stärkste Eindrücke und ließ den Wunsch aufkommen, Herrn Hauptkantor Alt bald wieder am Bortragsyult der liberalen Bereinigung zu sehen. Frankfurt a. M. (Jüdisch-liberale Jugendgemeinschaft.) Im Rahmen eines Heimabends sprach Ernst Holzer über „Jüdische Jugendbewegung". Er schilderte das Entstehen und Werden -er Jugendbewegung nach dem Kriege. Die enttäuschte Jugend habe sich neuen Zielen, neuen Ideen zugewandt. Später sei daun eine Synthese zwischen dem Bestehenden und dem Neuen in der Jugendpflege entstanden. Man habe früher Jugendvereine nur als Rekrutendepots für bestehende ältere Vereine aller Schattierungen betrachtet, heute habe man Achtung und Vertrauen zu dem Willen und Streben der Jugend. Die sehr angeregte, längere Diskussion gab Veranlassung, das Thema nach allen Richtungen zu beleuchten. Unsere Jngendgruppe hat sich erfreulich entwickelt, sowohl nach der Teilnehmerzcchl als auch nach ihrer Arbeit hin. Interessante Nachmittage mit religiösem und neutralem Programm wurden veranstaltet. Eine Freude zu sehen, wie eifrig die Jüngsten selbst arbeiten. An Borträgen seien hier genannt: „Warum bin ich Jude?", «Die Gebräuche am Sederabend": an Feiern: «ine Beethovenseier mit hervorragenden musikalischen Darbietung«:: das Purimfest mit dem Schattenspiel „Esther" und viele andere Bermrstaltuuge». Wanderunsen fanden statt, eine Rodfahr- und Schwimmgruppe wurde für den Gommer gegründet. Die Jugendgruppe bildet eine wertvoll« Bereicherung unserer Gemeinschaft und ist zugleich unser« Hoffnung und unser Stolz. Denn bet ihr liegt die Zukunft. Wir wünsche» unserer Jngen>dgv»ppe werter von Herzen Glück *tg Gedeihen! Liegnitz. (Liberaler Verein der Synagogeygemeinde.) Am Montag, den 4. April, hielten wir in den Räumen der „Silesia-Loge" unsere Generalversammlung ab, zu welcher 80 Personen erschienen waren. Am gleichen Abend hatten wir die Freude, Herrn Rabbiner Dr. Halpersohn-Breslau, 1. Vorsitzender des dortigen liberalen Jugenbvereins „Abraham Geiger", bei uns begrüßen zu können. Herr Dr. Halpersohn eröffnete mit seinem hochinteressanten Bortrag „Spinoza und seine Zeit" den Abend und begann mit einem Hinweis auf die drei Großen im Reiche des Geistes, deren Gedenktage wir in den letzten Wochen gefeiert haben: Baruch Spinoza, Pestalozzi, Beethoven. — Das Wort: „Erst nach dem Tode werden die großen Männer heilig gesprochen" paßt so recht besonders auf diese: ihre Bedeutung ist erst uach ihrem Todestage erkannt worden! Man sollte Spinoza mit dem Maße der Ewigkeit messen. Er ist vor 250 Jahren aus der Welt geschieden. Sein Hauptwerk jedoch, „Die Ethik" erschien erst nach seinem Tode unter einem anderen Namen. Spinoza ist zu kompliziert, als daß man ihn in eine Formel pressen könnte. Man soll ihn mit Sorgfalt und Interesse studieren. Der verehrte Redner betonte, daß sein Vortrag keine Gedenkfeier sein solle, sondern eine Stellungnahme zu dem Problem, ob wir Spinoza zu den Unseren zählen können. Baruch Spinoza wurde von seinen Glaubensgenossen, der Amsterdamer jüdischen Gemeinde, mit dem Bannfluch belegt, weil er sich von seinen freidenkerischen Ideen nicht freimachen konnte. Da er nicht widerrief, wurde auch der große Bann Über ihn verhängt. Die Gemeinde mußte so handeln aus dem Geist der damaligen Zeit. Spinozas Gottesbegriff bedeutet einen Fortschritt, laßt sich aber schwer mit dem Judentum vereinen. Spinoza war stolz aus seine Abstammung von den Maranen. Er verdient den Namen eines Frommen mrd Weisen. Rührend ist seine große Bescheidenheit, seine Anspruchslosigkeit und unendliche Bedürfnislosigkeit. Feruer die Liebe zu der erwählten Beschäftigung. Schleifen von Brillengläsern. Ein Heinewort sagt, daß er die Brillen geschliffen habe, durch die die Philosophen unserer heutigen Zeit sehen. Sein Charakter birgt mannigfache Gegensätze in sich — überragensind außerordentliche Willenskraft und kindliche Herzensgüte. Das Zu-Enöe-Denken und bas Zu- Ende-Handeln sind das Jüdische in ihm. Das Beste bankt er seinem jüdischen Ursprung! Dem jüdischen Blut. Denn er war unser! Baruch Spinoza! Er war gesegnet und er wird gesegnet für die Dauer der Zeit! Die Hörer waren den feinsinnigen Ausführungen des verehrten Redners mit größter Spannung gefolgt und dankten am Schluß mit außerordentlichem Beifall. Herr Dr. Scheyer schloß sich mit herzlichen Dankesworten an und bemerkte, das pädagogische Talent des Herrn Redners habe es uns erleichtert, Spinoza zu verstehen. Wir hoffen, daß Herr Dr. Halpersohn recht bald wieder einmal zu uns kommt. Herr Dr. Scheyer leitete nun zur Generalversammlung über nnd gab als 1. Vorsitzender den Tätigkeitsbericht. Bilanz des Arbeitsjahres: wir haben 26 neue Mitglieder erhalten. Leider aber auch zwei Mitglieder durch den Tod verloren. Frau Wiener, welche dem Verein schon seit vielen Jahren angehörte, und Herrn Siegfried Choyke, Mitglied der Jugendgruppe, dessen phänomenale musikalische Begabung uns so manche anregende Stunde verschafft hat. Durch Erheben von den Plätzen ehrten die Anwesenden das Andenken an die Dahingeschiedenen. Es folgte die Frage der Beiträge. Man mußte die Vorträge beschränken, da der Kassenbestand große Ausgaben nicht gestattete. Der Besuch der Vereinsabende war gut, z. T. sehr gut. Durchschnittlich 43 Personen. Besonders erfolgreich waren die Freitagabendfeiern, und es ist ein Aufstieg des Vereins zn buchen. Besonderer Dank an Frl. Herta Cohn für vortreffliche Kassenführung. An den Freitagabendveranstaltungen wurden wir von Frl. Lillt Liebrecht und dem „Lautenbund" durch musikalische Vorträge erfreut. Außerdem fanden interessante Vortragsabende statt mit den Rednern Curt Brienitzer und R.-A. Spitz-Breslau, Herren Max Metz und Alfred Seidenberg (Bericht über den preuß. Landesverband), George Goetz-Berlin, Rabbiner Dr. Halpersohu-Breslau. Es folgte der Dank an Vorstand und Schriftführerin, deren Arbeit für den Verein Herr Dr. Scheyer mit herzlichen Worten würdigte. — Der Gesamtvorstand mit Ausnahme der Herren Markiewitz und Loebinger wurde wiedergewahlt. Für Herrn Markiewitz, den rührigen 2. Vorsitzenden, dessen Ausscheiden aus dem Vorstand wir sehr bedauern müssen, wurde einstimmig durch Akklamation Herr Max Metz gewählt. Für Herrn Loebinger Herr Max Frank. Erwähnt wurde noch die Tätigkeit des Vereins in der Politik. Wir sind im Landesverband sowie im Großen Rat mit je einem Sitz vertreten. In der Jngendgruppe sind mit Ausnahme von Frl. Schneider die gleichen Beisitzer geblieben. Schluß des Abends 10.36 Uhr. Magdeburg. (Jüdisch-liberaler Jugenöbund „H e i m a t".) Der jüdisch-liberale Jugendbund „Heimat" hatte am Dienstag, den 12. April, seine Mitglieder zu einer Versammlung einberufen, in der Herr Dr. Ernst Heinrich Seligsohn, Berlin, über „Jli und Jugendbewegung" sprach. Der erste Vorsitzende, Karl Hamlet, eröffnete die Versammlung und erteilte dann Herrn Dr. Seligsohn das Wort. In der Einleitung unterschied der Redner kurz zwischen Jugendpflege nnd Jugendbewegung und führte dann weiter aus: Den Anfang der allgemeinen Jugendbewegung machten vor dem Kriege die Wandervögelbünde, die im bewußten Gegensätze zu der überfeinerten Großstadtjugend auf Fahrt hinauszogen in die Natur, um wieder freie, ungekünstelte Gefühle in den jungen Menschen großzuziehen. Auch für die jüdische Jugend wurde diese Bewegung ein ersehntes Mittel, um Körperertüchtigung und Wanderlust zu pflegen. Dann aber nahmen Kri,eg und Revolution diesen Bünden ihre Führer und machten ste ziemlich bedeutungslos. An ihrer Stelle zogen sich nach der Revolution die politischen Verbände Jugenögruppen heran, die in oft recht großer politischer Einseitigkeit in mehr oder minder enger Beziehung zu den Verbänden der älteren standen. Auf ganz anderer Basis wiederum entwickelte sich das „Jugendlanb". Schroff standen die Tendenzen dieser Bewegung der Zusammenarbeit mit den Eltern der Jugend gegenüber, lehnten jede sachlich-programmatische Arbeit ab und hatten sich nur das Ziel gesteckt, in individueller Behandlung Jugendliche aller Kreise zu vollwertigen Menschen zu erziehen. Nach diesem Ueberblick ging nun der Redner auf das Problem „Jli und Jugendbewegung" ein. Der Referent betonte dabei ausdrücklich, daß seine Ausführungen über dieses Thema nur seine persönlichen Ansichten seien. Ursprünglich ist der Jli keine Jugendbewegung gewesen, sondern bewegte sich mehr in den Bahnen der Jugendpflege. Auch die Tendenz der jüdisch-liberalen Einstellung ist noch kein Grund, den Jli als ausgesprochene Jugendbewegung zu bezeichnen. Aber dennoch hat man seit jeher das Bestreben gehabt, bie Vorzüge der Jugendbewegung auch dem IN zu eigen zu machen. Zu diesen gehören besonders drei Dinge: Wahrhaftigkeit, Einfachheit und sittliche Reinheit. Diese Ideale führte der Redner näher aus und beschloß öanrtt sein Referat. In der anschließenden lebhaften Debatte wurde «ersucht, die Gedankengänge des Vortrages den Berhäünisseu des Magdeburger Jli anzupassen. Man äußerte sich teils optimistisch, teils pessimistisch zu den Ansgaben, die dabei pem JU entstehen würde«.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.