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Jüdisch-liberale Zeitung · 1927-04-22 · 16 (22.4.1927) · page 5

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
7 (1927)
Issue
16 (22.4.1927)
Date
1927-04-22
Page
– (sequence 5)
Language
German
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7. Jahrgang Nummer 16 IMchÄemleAitmg I. Beklage 22. April 1927 Die jüdische Volkspartei und die Einbürgerung ausländischer Juden. Don Dr. Walter BreSlauer, Mitglied der Preußischen Landesverbanbsversammlung. Soeben ist in Nr. 3 des 5. Jahrgangs des Berwaltnngsblattes des Preußischen Landesverbandes der stenographische Bericht der Berbandstagung vom November 1926 im Druck erschienen. Er offenbart einen Vorgang, der selbst den meisten Teilnehmern der Tagung entgangen sein dürfte und.der doch von eitler gewissen symptomatischen Bedeutung ist. Er offenbart ihn freilich nur unvollständig — weil nämlich der stenographische Bericht begriffsmäßig nur wiedergtbt, was auf der Tribüne des HauseS gesprochen worben ist, nicht aber was sich zwischenher in Parteiverhaudlnngen zugetragen hat — und erfordert gerade wegen dieser imverschuldeten Unvollständigkeit eine Ergänzung und Klarstellung. Auf Seite 62 des Berwaltungsblattes heißt es im stenographischen Bericht, wie folgt: Zum nächsten Punkt des Nachtrages der Tagesordnung liegt folgender Antrag der Liberale» Partei vor: „Es ist der Berbanösversammlung bekannt, daß, entgegen eiüer sonst in Einbürgerungsftagen geübten milderen Praxis, die Einbürgerung in Deutschland wohnender Ausländer jüdischen Glaubens nicht oder nur in äußerst seltenen Fällen stattfindet. Insbesondere das den Ländern in Einbürgerungsfragen gewährte Recht aus 8 9 des Reichs- und Staatsangehörigengesetzes vom 22. 7. 1913 hat zu diesem Ergebnis geführt. Der Landesverband sieht in der grundsätzlichen Ablehnung der Nichterledigung derartiger Einbürgermrgsgesuche eine unbillige Härteer ist auch nicht der Meinung, daß diese Praxis im richtig verstandenen deutschen Interesse liegt. Er weist darauf hin, daß sich unter den in Deutschland wohn enden Juden ausländischer Staatsangehörigkeit zahlreiche Persönlichkeiten befinden, die seit Jahrzehnten mit der deutschen Kultur und dem deutschen Wirtschaftsleben verbunden sind. Zum Teil sind sie in Deutschland bereits geboren und erzog eit. Der Derbandötag ersucht den Ratbei den zuständigen Behörden für eine Beseitigung dieser Praxis und eine gleichwertige Behandlung der Personen jüdischen Glaubens mit anderen Ausländern in Einbürgerungsfragen einzutreten." Es wird beschlossen, in Absatz 2 die Worte von „Er weist daraus hin" bis „geboren und erzogen" zu streichen. Mit dieser Aeuderung wird der Antrag einstimmig angenommen. — Soweit der Bericht. Er drängt dem Leser die Frage auf, was denn für Gründe Vorgelegen haben können, die vorstehend gesperrt gedruckten Sätze, deren Richtigkeit für jeden Sachkenner ans der Hand liegt, zu streichen. Die Streichung ist erfolgt auf Verlangen der Jüdischen .Bolkspartei. Deren Etatsredner hatte den liberalen Antrag als sehr dankenswert bezeichnet (Seite 15 des Verwaltmigsblattes). Er hatte hinzugefügt — was im Berwaltungsblatt offenbar infolge Stenogrammkorrektur. zu der die Redner ja berechtigt sind, nicht wiedergegeben ist — der Antrag habe allerdings einige Schönheitsfehler, die man beseitigen könne. Im weiteren Verlauf der Verhandlungen trat er namens seiner Partei an unseren Fraktionsvorsitzenden, Herrn Dr. Baerwald heran und bat, die Liberale Partei möge sich doch im Interesse einer einmütigen Kundgebung der Tagung in die Streichung der beiden Sätze, mit d e n e n s e i n e Partei nicht c i nv e r st a n ö e n.sei, zu willigen. Dr. Baerwald konzedierte dieses Ersuchen und so kam es zu dem im steuogravhischett Bericht wiedergegebenen Beschluß. Ich mutz gestehen, daß ich im ersten Augenblick mit dieser Einigung \iX)x wenig einverstanden war, zumal auch der Führer der Konservativen ganz erstaunt fragte, was denn diese Streichung bedeuten solle. Bei nachträglicher ruhiger Ueberlegung.habe ich freilich Herrn Baerwald Bet? stimmen müssen: es war in der Tat wünschenswert, in einer solchen Frage der Staatsregicrung cinc einhellige Entschließung vorlegeu zu können. Damit ist aber die Jüdische Volkspartcr nicht von der Verantwortung entlastet, eine derartige Aenderung der Kundgebung herbeigeführt zu haben. Sic hat damit zunächst und vor allenr der Sache geschadet. Denn gerade der in der beanstandeten Stelle enthaltene Hinweis auf die schreiendsten Mißbrauche, die sich in der Einbürgcrnngspraxis zu ungunsten der Inden ergeben haben, konnte bei geeigneter Vertretung durch die ansführendcn Organe des Landesverbandes nicht ohne Wirkung bleiben. Es bleibt zn hoffen, daß bei dieser Ausführung des Beschlusses die Tatsache nicht unerwähnt geblieben und durch geeignete Beispiele, die sich zu Hunderten finden lassen, belegt worden ist, daß die Einbürgerung selbst bei vollkommen deutscher Erziehung, bei jahrzehntelanger Verbuudeuheit mit deutscher Kultur und Wirtschaft in der Regel nicht gewährt wird. Die moralische Wirkung der Hervorhebung im Beschluß der Tagung ist verloren gegangen. Das mußten sich auch die Herren von der Jüdischen Bolkspartei sagen. Warum trotzdem die Streichung? Ein Versaminlnngsmitglied, nicht von der Jüdischen Vvlkepartei, sondern von der Partei der Poale Zion hat mir bei der Tagung gesagt, der Hinweis auf das Wirtschaftsleben sei verfehlt, denn „ein jüdischer Arbeiter dürfe nicht mindere Rechte haben als Barmat". Der Herr kann sich versichert halten: nichts hat uns ferner gelegen bei der Formulierung unseres Antrages als die Absicht, einen derartigen Klassenunterschied zu machen. Ein jüdischer Arbeiter. der jahrzehntelang seine Haut hier zu Markte trägt, ist ebenso — vielleicht mehr — mit dem deutschen Wirtschaftsleben verbunden, als ein an deutschen Unternehmungen beteiligter Kapitalist. Der Terminologie der deutschen Reaktion, die „Wirtschaft" mit Unternehmertum" gleichsetzt, haben wir uns niemals anschließen wollen: übrigens hätte dieses -- unbegründete — Bedenken durch geringfügige Fassungsänderung ansgeräumt werden können (z. B. „Arbeit" für „Wirtschaftsleben", wobei freilich wieder jemand meinen könnte, der Arbeitgeber leiste keine „Arbeit"). Aber vielleicht meinte man, bei Hervorhebung der in den beiden Sätzen gekennzeichneten Fälle hätte man die Bestrebungen anderer Mitglieder unserer Gemeinschaft als minder berechtigt gekennzeichnet und damit deren Aussichten verschlechtert? Ich glaube nicht, daß sich sehr viele Personen um eine deutsche Staatsangehörigkeit bewerben, für öle jene Voraussetzungen nicht zutreffen. Vielleicht ist nicht jeder von den Bewerberir schon gerade Jahrzehnte hier. Man hätte sicher auch, ohne Widerspruch bei den Liberalen, „jahrelang" für „jahrzehntelang" setzen können. Jedenfalls gibt, wer einen Einbürgerungsantrag stellt, doch damit zu erkennen, daß er seine Existenz in wirtschaftlicher und kultureller Hinsicht in Deutschland verankert hat und weiter verankern will. Bet dieser Sachlage sollte man nicht wegen eventueller ausnahmsweiser und zweifelhafter Fälle, die Bersolgung der alltäglichen Tatbestände gefährden, in denen die Ungerechtigkeit, die Zurücksetzung des Juden als solchen, klar auf der Hand liegt, dadurch daß mau die berechtigtsten und wirkungsvollsten Argumente zurückstellt. Wonach sollen denn die Staatsbehörden bei der Prüfung der Einbürgerungsgesuche verfahren als nach kulturellen und wirtschaftlichen Gesichtspunkten? Vor dem Kriege hatten die Behörden freilich ein anderes Kriterium: eingebürgert wurden nur junge jüdische Männer, die bereit und imstande waren, im Heere zu dienen. Der ganze Ungeist des Imperialismus wird durch eine solche Praxis gekennzeichnet. Andererseits wird schwerlich anch eine wirk- Annahme von Bestellungen auf die Jüdisch-liberale Zeitung bei allen Postämtern Deutschlands. lich sreigesinnte Verwaltung bei der Einbürgerung sich mit einem Negativattest des Strafregisters begnügen. Dem Ideal nach müßte ein freier und selbstbewußter Staat jeden Fremden aufnehmen, der sich ihm ehrlich einfügen will. Aber da in der Realität dieser ehrliche Wille nicht meßbar ist, so werden kulturelle und wirtschaftliche Maßstäbe unvermeidlich sein. Daß die ganze Frage bei der Formulierung unseres Antrages unter Zugrundelegung der berechtigten Interessen der Verwaltung des Staats, dessen Bürger wir doch find, betrachtet werden mußte, ist klar. Daher auch die — von der Volkspartei nicht beanstandete — Bezugnahme auf das „richtig verstandene deutsche Interesse". Bleibt übrig: daß das „nationale Gefühl" der Herren Bolksparteiler gegen eine Erwähnung der Verbundenheit dieser ausländischen Juden mit der deutschen Kultur revoltiert hat. Es erscheint mir wenig erfreulich, wenn von jüdischer Seite gegenüber dem jüdischen Nationalismus ein ebenso verstiegener deutscher Nationalismus ins Feld geführt wirb. Ich bin der letzte, der sich hiervon Erfolge gegen den Rassennationalismus germanischer (und jüdischer) Art verspricht. Aber die Erwähnung selbstverständlicher tatsächlich gegebener kultureller Zusammenhänge, die verstaudesmäßig weder bestritten werden können, noch ernstlich bestritten werden, sollten wir uns nicht durch nationaljüdisches Ressentiment verbieten lassen müssen. Und wir wollen dieser nationaljüdischen Einstellung keinen Einfluß auf die Handlungen der Organe unserer Religionsgemeinschaft einräumen. Soviel wir erfahren haben, gehört die Ausführung des Verbandstagsbeschlusses im Rat des Landesverbandes zum Ressort des Führers der Jüdischen Bolkspartei. Unser Antrag und der Beschluß des Verbanöstages sollten für uns keine akademischen Kundgebungen sein. Wir erivarten Bemühungen unserer Exekutive. Und wir hoffen aus Erfolg. Wir werben ums erkundigen, was für Ergebnisse die BemüÄhungen zeitigen, und ob sie von den bei der Tagung hervorgetretenen nationalistischen Hemmungen frei, in dem Sinne geführt werden, der allein uns Erfolg zu versprechen scheint. Wellreligion oder nicht? Bon Rabbiner Dr. G o t t s ch a l k, Frankfurt a. M. In der „Geschichte der Reformbewegung" nennt Seligmann den Gegensatz zwischen Universalismus und Partikularismus den dauernden Gegensatz in der Entwicklung des Jndentums. Ihm schwebt dabei Liberalismus vor und Orthodoxie. Und nun eröffnet sich eine neue Kluft: Liberalismus und liberaler Nationalismus. Und wieder geht es dabei um die Frage: Universalismus oder Partikularismus oder Weltreligion oder nicht. Ich setze einmal voraus, daß ein liberaler Nationalismus schon bestände oder sich zu einer Bewegung verdichten könnte. Wird und muß dann diese Verbindung, bei der das Nationale ja nicht mehr Form, wie einst, sondern Wesen ist. die „Chance zur Weltreligion," um die sich das Judentum schon einmal gebracht hat, nicht znm zweitenmal zerstören? Mutz nicht mit jedem Ruf zur Religion, der nun in die Welt hinausgeht, zugleich der Ruf der Nation mitklingen? Wäre dieser jüdische Gott etwas anders als der Deutsche" Gott, der in Gehirnen engherziger Menschen lebt? Wie kann die Menschheit mit sortgerissen werden, wenn ihr die Gedanken von Recht und Freiheit, von Liebe und Frieden in der Hülle und Schranke der Nation geboten werden? Stände nicht die jüdische Religion damit einzig da? Wie kann man die Ewigkeit eines reingeistigen Glaubens behaupten, wenn diese reine Geistigkeit der zeitlichen Hülle so sehr bedarf, daß man alle Kräfte zu ihrer Wiederherstellung einsetzen muß? Wie kann man „mit ganzer Seele und ganzer Kraft" dem „ewigen Gotte" dienen, wenn man dieselbe Ganzheit der Kraft auch für den „Götzen- Dtaat" gebraucht? Wie kann man die großen Fragen der Menschheit wirklich imeingeengt und ohne Seitenblicke.» unverbildet durch nationale Gedankeneinstellung zu ihrer letzten Lösung bringen, wenn man Religion mit Nation verheftet? Oder liegt nichts mehr an dieser Menschheit, an ihrer Umwälzung durch unsere Religion? Oder liegt jedenfalls nicht soviel an ihr, daß wir nicht den freisten Weg zu dem Ziel mit Hellem Jauchzen begrüßen müßten? Ist das „jüdisch sein," wie man so gern heut sagt, wirklich dem Menschsein aus jüdischem Grund etwas so durchaus Gleichwertiges? Und wenn man. wie es jetzt doch geschieht, dauernd die Erziehung zum „Jüdischsein" der Erziehung zum Menschen der Welt voranstellt, wird man dann wirklich hinterher die Reihenfolge mit Erfolg wieder umkehreil können, wie man es heute vielfach verspricht? Wird nicht immer wieder die Furcht, von diesem „Jüdischsein" etwas einzubützen, die Schwungkraft des MenschheitsstrebenS hemmen? Und wenn wieder nicht, wenn auch der neue Nationalismus sich seelisch assimilieren sollte, den Weg zu anderen Kulturen finden, ja. die Ueberwindung der Nationen durch eine Menschheit auch aus jüdischem Boden proklamieren sollte — wozu dann alles? Nur weil die Gemeinschaft, die man Nation nennt, stärker ist als die Gemeinschaft der Geister? Soll das eine neujüdische Lehre sein, bas ein Fortschritt, «ine Höherentwicklung, eine uuzweiselhaste Bürgschaft für die Zukunft, ein Weg, auf dem man die Menschheit erobert? Oder — noch einmal — liegt nichts mehr an ihr. ist Befreiung der „Nation" für uns ebenso wichtia — wie jetzt etwa für alle anderen Völker? Ist das der Sinn unseres Liberalismus, das der Triumph einer WeltreligioyH So hätte man freilich schon längst fragen sollen. Schon längst hat der Schrei nach dem „Jüdischsein" die Leidenschaft religiöser Betätigung, ohne die Führerschaft jedenfalls undenkbar ist. in erschreckendem Matze abgekämpft. Das eine Auge auf die Orthodoxie, das andere auf Nationalismus gerichtet, ist der Liberalismus blind geworden für den Wandel der Weltanschauungen rings um ihn her. taub geblieben, wenn brennende, wenn ganz tiefst religiöse Sehnsucht, verbunden mit stärkstem jüdischen Willen ihm seine Nöte entgegenschrie! Sie riefen nach neuem Worte von „Gott" — und man erließ ihnen Zeremonien. Längst fühlten sie ganz neue „Offenbarung" — nur der „Liberalismus" wußte »och nichts. Der Schrei nach dem „Jüdischsein" hat verheerend gewirkt — wenn man an den Liberalismus denkt. Man ist klein geblieben in seinem Glauben und hat den Schritt in die Welt nicht getan. Oder hat man über „Gott" denn überhaupt diskutiert? Hat man nicht immer wieder den Anschein erweckt, als sei auch der „Laie" nicht fortgeschritten, nur weil der „Liberalismus" der alte geblieben? Hat man den Begriff des „Religiösen" wirklich in seiner Mannigfaltigkeit in den Blickpunkt des Judentums gerückt? Aber nicht bloß vergleichend und nicht bloß negierend — sondern kühn entschlossen, jeder heiligen religiösen Regung den Weg zum Judentum zn erschließen, den Willen zu ihm freudig aufzufangen? Oder hat man den „Liberalismus" schon irgendwo in die Welt eingeführt? Wo gibt es die jüdisch-liberalen „Jungsozialisten" oder überhaupt die jüdisch-liberal-soziale Gruppe, die jüdisch bewußt mitarbeitet an einer neuen sozialen Gesellschaft? Wo die jüdisch-liberale Erziehnngsgruppe. der Schule und Erziehung Probleme sind, die auS religiösem Geiste zn lösen? Wo die jüdisch-liberale Friedens» gruppe, die in bewußtem jüdischen Sinn für Völkerverständigung arbeitet? Wo die jüdisch-liberale ethische Gruppe, in der Fragen der Sittlichkeit immer wieder und in allen Richtungen unserer Zeit ernsthaft geprüft und erwogen werden? Wo die jüdisch-liberale politische Gruppe, in der alle Fragen der Politik des eigenen Landes und aller Länder im Licht der Religion betrachtet werden? Wo die jüdisch-liberale Gruppe für Dichtung und Kunst, in der Erscheinungen bedeutendster Art als religiöse Offenbarungen ausgeuommen werden? Und selbst, wenn man alle die Gruppen ablehnt, wo ist der jüdisch-liberale Kongreß, der auch nur einmal im Jahr so von der Welt spricht? Und wo gibt es den jüdisch-liberalen Kultus, der ganz neue Wege zu gehen versteht, wie man sie längst hätte gehen sollen, in der sich der „Weltfromme" wiederfindet? Ein Kultus, der keinen anderen verdrängt, aber neben ihm längst schon notwendig ist, in der unsre Zeit durch unsre Großen in Religion, in Dichtung, Kunst und Musik, an welchem Tag immer, zn uns spricht? Nichts von alledem — aber dafür die Erkenntnis, daß viele so lau oder kalt geworden, viele ins „andere Lager" gehen, das sich als „nationales" bezeichnet, viele nach Nenliberalismus verlangen, der ein Bündnis mit dem Nationalismus eingeht. Nun sucht man den „Schuldigen", nun klagt mau an, wirkt man noch für dieses neue Bündnis und bricht man damit aus dem Liberalismus gerade den köstlichsten Stein heraus, der Weltreligion heißt und nicht Partikularismus. Es ist aber mit dem Nationalismus wie mit dem Jndisserentismus. Nur wenn wir ihm wirklich Großes entgegensetzen, werden wir wirklich große Erfolge erzielen. Kidusch und Hebräisch genügen dazu nicht, und das Hans allein kann uns nicht helfen. Hinaus in die Welt — da liegt der Sieg! Und dasiir uns unser Jüdischsein! Hinauf und hinab steigt, in alle Schichten! Fragt sie! Hört sie! Lebet für sie! Grabet euch tief in die deutsche Erde un>d seid doch ganz grob gegen Judenfeindschaft! Knüpfet das Band mit den Juden der Welt, die Weltreligion wollen so wie ihr selber! Die Zeit ist reif, und alles drängt zur klaren Entscheidung. Weicht ihr nicht aus! Werdet nicht irre und laßt euch nicht blenden! Es ist nichts Kleines, um das ihr euch müht, es ist noch nicht sinnlos, liberal zu sein! Es ist doch etwas Herrliches um die Religion und doch das Herrlichste, nur um Religion! Es ist doch u r jüdisch, was in euch brennt! JHr seid nicht schlechter als irgendein anderer! Niemand wird euch vollkommen nennen, aber was chr geleistet, war nicht gering! Nur tief und tiefer noch schürst in den Seelen, denn ganz zu tiefst, da ruht die Religion, der Urquell da eures Jüdischseins! Kämpft — nicht etwa um Anerkennung, euer Gewissen, es spricht laut genug. Nein, kämpft mit all eurer glühenden Liebe für diesen jüdischen Ewigkeitswert! Bringt weiter die Opfer an Zeit und an Kraft — aber erkämpft euch auch eure Freiheit! Die Freiheit im Glauben! Die Freiheit im Tun, die Freiheit im Denken so wie im Fühlen! Nicht den schlechtesten Geistern folget ihr nach — Propheten der alten, der neuen Zeit! Sie sind nicht kleiner als die Heroen, auf die sich der Nationalismus beruft. Und am Ende eures Weges stehen auch Millionen, Inden und Nichts »den. welche euch grüßen! Bewundernd schauen sie eure Religion und beugen das Knie vor dem Gott der Welt, dem Gott der jüdischen W e l t r e l i g i o n l Kleine Zeilglossen. Die Wahlbewegnng in Oesterreich. Bei Besprechung der Stellung der Juden in dem jetzigen Wahlkampf in Oesterreich habe ich jüngst auf die groteske Situation htngewiesen, in die sowohl die Juden als auch die Regierungsparteien durch die Nominierung eines prononcierten Hakenkreuzlers als Kandttaten auf der bürgerlichen „Einheitsliste", noch dazu in dem judenreichsten Wahlkreise Wiens geraten sind. Ich schrieb damals (in Nr. 14 der „Jüdisch-liberalen Zeitung"), daß die Regierungsparteien durch Zurückziehung dieser Kandidatur ein in den Augen der Hakenkreuzler unverzeihliches Zugeständnis an die Juden begehen würden, während sie sich andernfalls mn jede Chance, jüdische Stimmen für die Einheitsliste zu gewinnen, brächten. Nun haben die Listenstrategen doch einen Ausweg gefunden, der nach ihrer Meinung beide Teile befriedigen mußte. Sie haben die den Juden anstößige Hakenkreuzkandidatur in der Leopoldstadt zurückgezogen, aber nur, um denselben Kandidaten in einem anderen Wahlkreis aufzustellen. Gleichzeitig haben sie den Hakenkreuzler« noch eine zweite Kandidatur eingeräumt. Damit haben.sie ohne Zweifel den Völkischen den Mund gestopft, ob sie aber auch die schwankend gewordenen jüdischen Sympathien auf diese Weise zurückgewonnen haben, erscheint sehr fraglich. Das scheint auch Bundeskanzler Seipel zu empfinden, denn er hielt es für zweckmäßig, in einer Klosterneuburger Wählerversammlung seine Stellung zur Judenfrage wie folgt zu präzisieren: „Daß ich selbst als christlichsozialer Partetmann Mm christlichsozialen Programm stehe, weiß alle Welt. Für mich als Bundeskanzler aber und auch als Führer der Einheitsfront gibt es eine Juöenfrage nicht. Als Haupt der Bundesregierung habe ich darüber zu wachen, daß die verfassungsmäßige Gleichberechtigung aller Staatsbürger von jedermann gegen jedermann ein geh alten werde. Ich habe

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