Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 7 (1927)
- Issue
- 14 (8.4.1927)
- Date
- 1927-04-08
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Dorfjuden. Novelle von Heinrich Kurtzig. (Fortsetzung) Endlich sollte Aron wieder nach Seedorf sehen. Wie jubelte sein Herz. Wie rüstig schritt er aus. Er konnte gar nicht schnell genug vorwärts kommen. Wie schön war der Weg durch die schattigen Alleen, wie dufteten die Feldblumen, wie lieblich sangen die Rotkehlchen, die Meisen und wie lustig-schelmisch der Pirol. Hörte er heute zum erstenmal den Kuckuck aus dem Walde rufen? Es schien ihm so. Den Waldweg am Fcrsthause vorbei wollte er heute wählen, über den Teppich von Moos. Einen hübschen Strauß von karren und Waldblumen schnell pflücken, denn es war ja kein bloßer Geschäftsgang, anf dem er sich befand. Zur Liebsten ging es ja, hin zu der Geliebten! Er wanderte froh und heiter, und wenn zu ihm leise durch die Blätter ein Sonnenstrahl drang, dachte er an sie, seinen Sonnenstrahl. Aron, Aron, sind es nicht zu junge Liebesstiirme, die dein Herz durchwehen! Das Mädchen in Seedorf ist schön, oh, gewiß, und freundlich und hat dich mit einem Lahetrunk erquickt! Darf ein Mädchen nicht schön und freundlich sein, ohne daß es gleich in Liebe erglüht? { Aron, marschierte flott. Schon war er nahe am schilt- und kalmusumrahmten See. Was tat die bewegte Schar der Kinder dort? Das waren nicht Freudenrufe, die von dort herüberschallten. Er eilte Ein. Was ging hier vor? Welche Erregung. Ein Mädchen kämpfte mit den Wogen. Die Kinder schrien ratlos. Sie machten vergebliche unzweckmäßige Rettungsversuche. Lin Mädchen! Gleichgültig, wer sie ist, es gilt ein Menschenleben! Aron entledigte sich hastig seines Glaserrahmens, seiner Kleider und stürzte sich in-die Fluten. Er brachte die fast Leblose ans sichere Ufer. Ma n bettete sie unter einem Weiden bäum. Er legte die Blumen, die er im Walde gepflückt, au ihre Seite, denn für sie, die nun die Augen aufschlug, hatte er den Strauß ja gewunden. Die auf einer Kahnfahrt auf dem See Verunglückte war Marianne Rosin, die Tochter des Seedorf er Lehrers. Daa anscheinend so harmlose Gewässer forderte fast in jedem Jahre ein Opfer, denn es war sehr tief, auch schon am Ufer. Wenn Aron nicht hinzugekommen wäre, hätte mau wahrscheinlich eine Leiche geborgen. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich im Dorfe der Ruhm des mutigen braven jüdischen Jungen. Lehrer Rosin und seine Frau konnten sich an Dankesbezeugungen nicht genug tun. Aron aber entzog sich bescheiden allen Huldigungen, nahm sein Gestell mit den Glasscheiben auf den Rücken und ging weiter seines Weges, um den Auftrag seines Meisters auszuführen. Marianne war krank geworden. Sie fieberte. Da die Hausmittel und sogar die Heilmittel des Schäfers nicht halfen, mußte doch wohl ein Arzt aus der Stadt an das Krankenbett gerufen werdend Man mußte schon sterbenskrank sein, wenn ein Arzt dort hinauskam. lii der Hauländerei war schon lange, lange kein Arzt gewesen. Das Ereignis, daß bei der verunglückten Tqcjiter des Lehrers Rosin der Doktor war, wurde nicht jw»Vm Seedorf, sondern auch in den Nachbardörfern teilnahmsvoll besprochen. Auch Aron hörte davon. Ach! Wenn sein Rettungswerk ein vergebliches gewesen wäre! Wie mochte es der Geliebten jetzt gehen? Wie könnte er es erfahren? —Wann kam wohl ein Wanderer von Seedorf nach Kirchhain, wo Gabriels wohnten? Vielleicht würde mal der Briefträger Nachricht bringen, vielleicht der Gendarm. Aber sie kamen nicht. Ob Aron mal einen Brief an den Lehrer schreiben und ihn nach dem Befinden der Tochter fragen könnte? Als ihr Retter hatte er vielleicht ein Recht dazu; das wäre wohl nicht unpassend gewesen. Aber man hätte dann vielleicht gemerkt, was in seinem Herzen vorging. Dieses heilige Geheimnis wollte er in seinen verborgensten Kammern einschließen. Die Mutter sagte: „Du bist so traurig, mein Kind." Der Meister tadelte: „Aron, du bist zerstreut." „Meister,' fragte Aron, „ist keine Glaserarbeit in Seedorf zu machen?'* „In SeedoiT? Wie kommst du darauf? Was zieht dich nach Seedorf?" Aron merkte, daß man nicht viel sprechen dürfe, wenn man ein Geheimnis im Busen trägt. Er wollte nun still sein. „Könnte ich ihr als Liebcsgruß nicht heimlich eine Blume schicken?" dachte er. „Aber wie das ausführen? Ich weiß es nicht. Seedorf ist zu weit entfernt. Ueber drei Meilen" Aron kam an einem der nächsten Tage von der Arbeit nahe am Pfarrbause vorüber. Die Sonne versank allmählich. Der Pfarrer machte seinen abendlichen gewohnten Spaziergang durch die Felder ani Waldesrand. Hier fühlte er sich freier und andächtiger als in der Kirche. Die kleine Anhöhe an dem lieblichen Flüßchen mit d^r birkenen Bogenbrücke, (las sich in zahlreichen Windungen durch den Waid schlängelte, bis es sich bei Seedorf mit den Fluten dec großen Sees vermählte, stieg der Pfarrer langsam hinan. Er fühlte sieb da oben der Gottheit am nächsten. Hier war er uicht der Prediger, hier war er der Andächtige, und der Schöpfer predigte ihm. Als er Arons ansichtig wurde, rief er ihm zu und winkte ihn heran. ,Jch habe von deiner mutigen Tat gehört, mein Junge. Ich war gestern in Seedorf bei Rosins, wo mau des Lobes voll für dich ist. Dem Mädchen geht es Gott sei Lob und Dank wieder gut." Oh, wie atmete Aron auf, als er das hörte. „Und nun. mein Sohn, bitte dir eine Belohnung aus. Der Gem^n de Vorstand hat beschlossen, dich zu ehren. Worüber würdest du dich am meisten freuen?" Aron besann sich nicht lange. Er sagte: „Herr Pastor, wenn ich einen Wunsch aussprechen darf! Könnte ich nicht einmal dabei sein, wenn bei Herr« Lehrer Rosin Quartet gespielt wird? Ich höre so gern Musik." Aron hatte schon recht, sich nach einem solchen musikalischen Abend zu sehnen, bei dem außer den Mitspielenden niemand außer Frau Rosin und Marianne anwesend waren. Lehrer Rosin spielte die erste Violine, Lehrer Reichel die zweite, der Pfarrer Cello, die Bratsche der Gendarm, der 10 Jahre Mitglied einer Regimentskapelle gewesen war, in welcher er in der Harmoniemusik die Oboe und im Streichorchester die Viola gespielt hatte. Alle vier waren auf ihren Instrumenten kleine Meister, und wenn es draußen in der Welt ganz gewiß viel größere Virtuosen gab, mit einer größeren Hingabe, mit einer größeren Begeisterung, mit größerem musikalischem Empfinden, sind Haydns Quartette wohl nie und nirgends gespielt worden wie hier in dem einsamen Dörfchen. Es war von Aron doch wohl eine Kühnheit — er sagte sich „eine Chuzpe" —, daß er, der jüdische Glaserlehrling, sich in diese vornehme christliche Gesellschaft eindrängen wollte. Man denke sich: Die Honorationen der Gemeinde: der Lehrer, der Organist, der Gendarm mit dem silbernen Portepee, der Pfarrer! Kaum hatte Aron seinen Wunsch ausgesprochen, als er ihn schon reute. Man sollte sich doch das Wort mehr überlegen, ehe man es ausspricht. Was würde der Pfarrer von ihm^ denken und was würde er zu hören bekommen! Aber der war gar nicht zornig, .er sprach freundlich: „Mein guter junge, ich glaubte, daß du zwischen der Rettungsmedaille und einem Geldgeschenk wählen würdest." „Nein, Herr Pastor, wenn es nicht unbescheiden ist, ich möchte lieber die Musik hören." — Am nächsten Sonnabend erhielt Aron von seinem Meister um 4 Uhr für den Rest des Tages Urlaub, und er wanderte nach Seedorf. Nachbar Rosenke, dessen Gefährt ihm auf halbem Wege begegnete, lud ihn ein, aufzusitzen. Aber Aron dankte dem freundlichen Manne und lehnte ab — es war ja noch Sabbat. Aron betrat das Schulgebäude. Er lauschte. Schon hörte er das Stimmen der Instrumente. Ihm pochte das Herz. Das war hier kein alltäglicher Raum, der profanen Zwecken diente. Das war eine Stätte der Kunst, eine Kapelle, in der die Madonna thronte. Ihm War, als ob ihm wie dem Moses ein Engel zurief: „Ziehe deine Schuhe aus, denn der Ort, auf dem du stehst, ist heilig!" Ja, diese auf- und abwogenden Akkorde und reinen Harmonien, die hier erklangen, waren heilige Kunst. Diese Gefühle, die die Spieler offenbarten, waren heilig. Aber heilig war auch das, was in den Seelen der andächtig lauschenden Zuhörer widerhallte. * Marianne las viele gute Bücher. Sie las sie mit Verständnis und machte sich Auszüge von Stellen, die ihr besonders wertvoll erschienen. Wenn sie etwas nicht verstand oder ihr unklar war, fragte sie ihren Vater. Lehrer Rosin war ^war nur ein Dorfschullehrer, aber sein Wissen war wertvoller als das manchen Gymnasialprofessors. Er schrieb selbt kleine Geschichten und Novellen, die in den Familien blättern abgedruckt wurden. Marianne zog Aron zts sich empor. Einmal zeigte Aron schüchtern ein Zettelchen und sagte zu Marianne: „Neulich, als ich am frühen Morgen durch die Felder ging, kam es über mich, und ich habe ein kleines Gedicht niedergeschrieben. Willst du es hören?“ Und er las: „Gepriesen seist du, Herr. Für deine unendliche Huld! —- Im Osten steiget hell Die feurige Sonne empor. Es klingt das goldene Feld Vom Liede der mähenden Schnitter. Die Voglern singen dir. Wie? Sollte dann ich dir nicht singen? Gepriesen seist du, Herr, Für deine unendliche Huld!" „Sieh mal an," sagte Marianne, „du bist ja ein Dichter, Aron. Aber schade, daß die Verse sich nicht reimen. Gereimtes klingt doch viel schöner." Upd Aron sagte: „Ich werde versuchen, ob ich nicht reimen kann." — Das nächste Mal brachte er ihr ein Gedicht, das hatte er fein säuberlich auf ein Blatt geschrieben, auf das er eine gepreßte Wiesenblume geklebt hatte. Sie las: „Ich wanderte froh durch den Wald und den Hag, So wohlgemut in den Frühlingstag. Da mußt ich deiner gedenken, Geliebtes Kind, Denn du bist ja mein Frühlingstag. Und wenn sich leis’ durch die Blätter stahl Zu mir'ein güldener Sonnenstrahl, Dann mußt ich deiner gedenken, Geliebtes Kind, Denn du bist ja mein Sonnenstrahl." „Ach! Ist das schön!“ rief Marianne. „Hast du das Gedicht mir gewidmet?" „Ich habe dabei an dich gedacht.“ „Das muß ich dem alten Sebastian zeigen,“ sagte Marianne, „vielleicht setzt er es in Musik. Ich möchte es gern singen.'4 > Lehrer Reichel sagte: „Es ist ein schöner Text, er eignet sich zur Komposition. Aber ich vermag nicht auf Bestellung zu komponieren. Die Begeisterung muß über mich kommen. Vom Himmel muß mir die Melodie Zuströmen. Die Begleitung will ich dann, so wie ich es gelernt habe, hinzusetzen.“- An einem der nächsten Quartettabende brachte „Sebastian" die Niederschrift mit. Die Melodie war dem Text angepaßt, einfach und leicht sangbar. Der Komponist batte ganz sinnig das Marschtempo gewählt. Die Begleitung war, wie bei dem alten Organisten, der immer an. seine Orgel dachte, nicht anders zu erwarten, im vierstimmigen Satz choralartig gehalten. Er war sehr stolz darauf, daß er beim dritten Vers „Da mußt ich deiner gedenken", in eine andere Tonart modulierte. Aber er wagte es nicht, sehr entfernt auszuweichen und flüchtete sich schnell wieder zur Dominante, um bald die beruhigende Tonika zu erreichen. Marianne trug ‘ das Lied mit ihrer nicht, ganz ungeschulten klangvollen Söpranstimme, auf dem Flügel vom Pfarrer mit seinem weichen Anschlag anschmiegend begleitet, recht hübsch vor, und Sebastian, der Komponist und-Aron, der . Dichter, wurden besonders mit Anerkennung überschüttet. 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