Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 7 (1927)
- Issue
- 14 (8.4.1927)
- Date
- 1927-04-08
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Tradition verbunden sind und an vielen heiligen Gebräuchen mit ganzem Herzen hängen, finden die Vorlesung des in Rede stehenden Kapitels geschmacklos und nicht dazu angetan, unsere Feststimmung zu erhöhen. Deshalb fort mit dem veralteten Brauch! Was Menschen beschlossen haben, können auch, nachdem Jahrhunderte darüber htngegangen sind und Geschlechter mit völlig veränderter Seelenstimmung in die Welt getreten sind, Bertretgr dieser Geschlechter abändern. Wir schlagen vor. daß an dem Bersöhnungstage aus der Thora das 15. nnd 16. Kapitel aus dem 2. Buche Mose vorgelesen werden, zuerst hebräisch mit Tropp und dann in deutscher Sprache. Das Drama, welches sich vor dem Berge Sinai abgespielt hat. wird auch heute noch jeden Menschen, auch den indifferenten Juden interessieren. Und heilsam wird es für alle sein, wenn an diesem Tage die zehn Gebote vorgelesen und in energische Erinnerung gebracht werden. So mancher wird dann erst beim Mussaf-Gebete wiffen, warum er sagt: „ich habe gesündigt, ich habe mich vergangen? Es ist die Geburtsstunde des Judentums und die erste, und wenn man will, letzte Quelle aller Weltkultur, welche da vor den Besucher des Gotteshauses enthüllt werden. Jetzt wird so vielen die Thora nicht mehr als ein veraltetes Buch erscheinen, es wird so mancher das Bedürfnis empfinden. von Zeit zu Zeit in der heiligen Schrift zu lesen und auch für seine Kinder eine Bibel anzuschaffen. Gerade jetzt, da eine Kommission damit beschäftigt ist. ein gemeinsames Gebetbuch für alle liberalen Synagogen zu schaffen, haben wir geglaubt, diese Anregung geben zu sollen, damit der unbekannte Asasel daraus verschwindet. Mögen die Herren liberalen Rabbiner unserer Anregung folgen, und der Preis ihrer Arbeit wird sein: Mehr Liebe zur Thora. Dr. Salomon S t e i n t h a l. Erinnerungen an Minister Ellstätter. Zu seinem 100. Geburtstage. Bon S. Rothschild -Worms. Die Ernennung Moritz Ellstätters zum badischen Finanzminister sällt in die Zeit, in welcher ich in Karlsruhe 1866 bis 1868 das evangelische Lehrerseminar besuchte. Seminardirektor Stern, der in der letzten Zeit als früherer Schüler Pestalozzis oft genannt wurde, war in seinem 80. Lebensjahre in den Ruhestand getreten, an feine Stelle wurde Direktor Leutz, ebenfalls Theologe wie sein Vorgänger, zum Direktor ernannt. Für die jüdischen Seminaristen bedeutete der Direktionswechsel den Beginn einer neuen Aera. denn Direktor Stern hatte sich nicht selten bemüht, jüdische Seminaristen dem Christentum zuzuführen. Leutz dachte über diesen Punkt ganz anders,' wenn jetzt im allgemeinen ein freierer Geist ins Seminar einzog. so empfanden dies die jüdischen Seminaristen besonders angenehm, da ihr Direktor einen Unterschied zwischen christlichen und jüdischen Seminaristen nicht kannte. Diesem wohltuenden Umstande hatte ich eS zu verdanken, daß Direktor Leutz mich als Privatlehrer einer christlichen Familie empfahl, die zu den ersten Familien Karlsruhes zählte. Ein früherer Minister, hohe Offiziere, bedeutende Professoren waren die nächsten Verwandten dieser Familie, die aus Mutter und einem Söhnchen bestand, das ich zu unterrichten hatte. Einschalten möchte ich hier noch, daß dieser frühere Schüler, später in hoher Staatsstellung, die Besiehungen zu dem früheren jüdischen Seminaristen heute noch aufrecht erbält. In damaliger Zeit war Karl Mathy Staatsminister. Er mußte zur Zeit des politischen Druckes Deutschland verlassen, wirkte als Bolksschullehrer in der Schweiz, war dann eine zeitlang Buchhändler, in welcher Eigenschaft er Berthold Auerbach den Weg zur Herausgabe seiner „Schwarzwälder Dorfgeschichten" ebnete. Trat später in Diskonto-Bank in Berlin ein, wo er Ellstätter. der ehenlalls dort tätig war, kennen lernte. Seinem Einflüsse war zu verdanken, daß er. an die Spitze des Ftnanzministesteriums gestellt. Ellstätter als Ministerialrat ins Finanzministerium berufen durfte. Man war über diese Berufung in jüdischen Kreisen natürlich hocherfreut. Im Jahre 1868 erkrankte Mathy sehr gefährlich;' sein Ende stand bevor. Als ich eines Tages meinem Schüler Unterricht erteilte, sagte mir die Mutter: „Heute weiß ich Ihnen eine sehr wichtige Mitteilung zu machen, die Sie gewiß sehr interessiert, die Die «über für sich behalten müssen. Ein Glaubensgenosse von Ihnen wird Minister werden. Meinem Schwager ist das Portefeuille angeboren worden, aber er ist sehr augenleidend und hat es deshalb abgelehnt. Mathy hat auf dem Totenbette Ellstätter warm empfohlen, aber man soll ob seiner Konfession Bedenken tragen. Der Großherzog und Prinz Wilhelm (Bruder des Großherzogs) bestehen aber darauf, so wird Ellstätter Minister werden." Ich weiß nicht mehr, wieviele Wochen vergangen waren, seitdem mir diese vertraulichen Mitteilungen geworden sind. Im Seminar fand eine „Orgelstunde" statt. Die Seminaristen. die in dieser Stunde nicht an die Reihe kämen, durften sich mit anderen Arbeiten beschäftigen. Da kommt der Mufiklehrer. ein sehr braver, aber pietistisch gesinnter Herr, aus mich zu mit der Frage: „Kennen Sie Ellstätter?" „Nein." „Haben Sie ihn schon gesehen?" Einmal hat ein mir fremder Herr das Seelengebet für verstorbene Eltern (Maskir) neben mir verrichtet. Man hat mir später gesagt, daß dies Ministerialrat Ellstätter gewesen sei." „Geht er öfter zur Synagoge?" „Das weiß ich nicht, «eil ich Samstags zur Seit deS Gottsdiensts im Seminar und an den Feiertagen nicht hier bin." „In welchem Ministerium ist er Ministerialrat?" „Auch das weiß ich nicht." „Wissen Sie, warum ich Sie frage? Man spricht in der Stadt davon, daß Ellstätter Finanzminister werden soll." Es dauerte nach dieser Aussprache nicht lange. Die „Karlsruher Zeitung" brachte die offizielle Ernennung EÜstätters zum Präsidenten des Finanzministeriums. Manche Kreise haben sich ob dieses Fortschrittes gefreut, aber in viele andere herrscht tiefe Verstimmung, die in manchem „offenen Brief" zum Ausdruck kam, am deutlichsten in einer zu Offenburg tagenden Versammlung der nationalliberalen Partei, die damals wirklich liberal war und gar manches offene Wort an die Regierung richtete, besonders wegen der damaligen Kaltstellung des liberalen Ministerialrats Kiefer. Man hat natürlich in jener Versammlung die Konfession Ellstätters nicht berührt, wohl aber den Umstand, warum man den Finanzminister entgegen der bisherigen Gepflogenheit nicht aus dem Reiche der Kammeralisten. sondern aus der der Juristen genommen? Ob bet manchen Teilnehmern jener Versammlung dies der Hauptgrund gewesen, wer vermochte dies zu entscheiden? Im übrigen bat — und auch das war eine Ironie die Geschichte — Ellstätters Ernennung zum Minister L a m e y, den badischen Judenemanzipator, derart verblüfft und verdrossen, daß er, wie in einem bayerischen Blatt erzählt wird, abends in den „Darmstädter Hof" zu Karlsruhe gestürmt kam und dem Wirte wütend zurtef: „Herr Cers, nennen Sie sich Hirsch, bann werden Sie Minister." In unverfälschtem Karlsruher Dialekt wurde ihm aber aus der Tafelrunde zugerufen: „Das hasch jetz davon mit deine Judde. Du hasch ja kain Ruh g'habt, bis d'amanzibiert g'habbt hasch!" Tatsache ist, daß dem edlen Landesfürsten in seinem Entschlüsse nichts beirren konnte und daß Ellstätter, wie man hörte, sich sehr bald die Wertschätzung der Beamten seines Ministeriums erworben hatte. So lange ich im Seminar war, hatte ich keine Gelegenheit, Ellstätter zu sehen, so sehr ich mich auch darum bemüht hatte. Da stand eines Tages in der zweiten Kammer der Landstände ein interessanter Gegenstand auf der Tagesordnung und dieser, sowie der Umstand, daß ich noch nie einer Kammerverhandlung beigewohnt hatte, führten mich aus einem Karlsruher benachbarten Dorfe, wo ich als Lehrer angestellt war, nach dieser Stadt. Auf der Galerie hatte ich lange vor dem Beginn der Verhandlungen Platz genommen. Die Abgeordneten unterhielten sich lebhaft miteinander. Da tritt etn Mann ein, den alle freundlich begrüßten. Ich fragte einen neben mir Sitzenden: „Wer ist der Herr, dem man von allen Seiten so freundlich entgegenkommt?" „Das ist Minister Ellstätter." Sonderbare Reklame. Man spricht oft von der Duplizität der Ereignisse, nnd die Erfahrung bestätigt den Abergläubischen scheinbar dieses Zusammentreffen zweier gleichartiger oder noch ähnlicher Geschehnisse. Ich sitze in einem Badeort, der vor einigen Jahren sein 26jähriges Stadtjubiläum feierte. Die Häuser hatten geflaggt, die Geschäftsleute hatten sich alle Mühe gegeben, das lokale Ereignis durch Ausschmückung der Schaufenster zu verschönen. Man wählte zur Dekoration die Stadtfarben blau-gelb und Schlächter ynd Bäcker waren ebenso bemüht, ihre Waren durch Fähnchen und Schleifen sinnig zu zieren, wie die größeren Kaufläden. Ein Friseur hatte setne beiden Wachspuppen entsprechend bekleidet und behaart: die eine trug einen gelben Seiden Überwurf und eine blaue Perrücke, während die andere in blauer Seide und gelber Perrücke prangte Sehr hübsch. Aber — Ein Sarggeschäft hatte einen Sarg blau angestrichen und mit gelben Blumen bekränzt. Und davor ein blan-gelbes. ebenfalls von blauen und gelben Blümlein umkränztes Schild gestellt, das die Inschrift trug: Memento mori! Eine niedliche Jubiläums-Reklame, nicht? Doch ich begann mit der Duplizität der Ereignisse. Das Pessachfest ist eines der schönsten, sinnigsten und auch freudigsten jüdischen Feiern. Man ißt gut, trinkt seine vier Glas Wein und lobt Gott den Herrn, der die Borfahren aus Aegypten und aus der Sklaverei befreit hat. Zum Pessach gehören Mazzoth, Wein und sonst allerlei „österliche" Waren, teils wirkliche, teils solche, die durch Aufkleben von Etiketten oder Ausdrücken von Siegeln zu österlichen gestempelt werden. Immerhin: der Bedarf ist da nnd es läßt sich nichts dagegen einmenden, ,venn die eine oder die andere Firma, die solche Artikel führt, diese Tatsache dem Kauflustigen in empfehlende Erinnerung bringt. Aber in besagtem Städtchen erhalte ich an dem Jubiläumstage, sogar gerade vor der Sarghandlung mit der netten Dekoration, einen gelben Zettel von nahezu Plakatgröße in die Hand gedrückt, der die Vorzüge der Karmel- Weine. des Karmel-Kognak, der Mazzoth und des Mazzothmehls aus Erez Israel anpreist. Dagegen ist nichts zu sagen. Interessant ist nur der Wortlaut der Anpreisung, der mir, sagen wir. „originell" genug erscheint, um ihn an dieser Stelle bekannt zu geben. Nach den üblichen Lobesworten bezüglich der Vortrefflichkeit der Waren — von verschiedenen Professoren amtlich bestätigt — heißt es weiter: „Denket an den Eid unserer Ahnen bei der Verbannung aus Erez-Jsrael: „den rechten Arm. die Zunge soll ich verlieren, wenn ich Dich, Jerusalem, je vergessen sollte!" Es ist» deshalb unsere hei l i g st e Pflicht, die jüdische Industrie, den jüdischen Arbeiter in Palästina zu unterstützen, um so mehr noch, wenn der Wein, der Cognac nnd die Mazzoth so wunderschön, so herrlich schmecken. Und am Fuße des Reklamezettels steht: „Palästina- Weine und Mazzoth verschönern Euer (sie!) Seder und bringen Euch Segen!" Ich glaube nicht, daß die palästinischen Weinbauern und Müller an dieser Form der Reklame Schuld tragen; sie ist nicht mehr als geschmacklose Entgleisung eines Händlers, der auf solch sonderbare Art sich Abnehmer für seine Ware heranholen will. Ob ihm dies gelingen wird? Vielleicht kennt er seine Kundschaft besser als ich. Aber ich denke mir, daß Menschen mit nur etwas Feingefühl und Levenstakt der mahnenden Drohung des Mazzothhändlers aus dem Wege gehen und ihre Pessachweine und Mazzoth lieber wo anders beziehen werden. Außerdem: auch die deutschen Mazzvthhändler und die die deutschen Juden, die mit Osterwaren handeln, wollen leben. Und ferner: Zu dem Kapitel, zionistischer Propaganda, wie sie nicht gemacht werden sollte, ein kleiner Beitrag. Dr. B. Schidlof Die österreichischen Juden im Wahlkampf. Um die Stellung der Juden in dem Wahlkampfe, der jetzt in Oesterreich um die Mehrheit im Staats- und im Wiener Stadtparlament tobt, zu begreifen, muß man sich vor Äugen halten, worum es in diesem Kampf eigentlich geht. In dieser Kampagne ringen zwei Regierungssystemc. deren eines sich um den Staat und deren anderes sich um die Stadt Wien verdient gemacht hat. um die Palme des Sieges. Hält man sich rein äußerlich an die Tatsache, daß die Staatsregierung auf der Koalition zweier Parteien — der christlichsozialen und der grotzdeutschen — beruht, die beide offiziell antisemitisch sind, während im Wiener- Rathaus die sozialdemokratische Partei und mit ihr der Grundsatz „Religion ist Privatsache" residiert, dann müßte man glauben, daß den Inden die Wahl nicht schwer fallen kann. Und doch hat sich die soziale nnd politische Zerrissenheit der Judenschaft noch nie so kraß gezeigt und auch noch nie so wahrhaft groteske Folgen gehabt wie in diesem Wahlkampfe. Denn dieser ist in voller Absicht zu einem Kräftemessen zwischen Bourgeoisie und Marxismus zugespitzt worden, obwohl es im Grunde — um ganz andere Dinge geht. Denn abgesehen davon, daß die grobdeutsche Regierungspartei den „N a t i o n a l s v z i a l i s m u s" Hitlerscher Couleur durch ein Wahlkompromiß ins Schlepptau zu nehmen sucht, bedeutet für die führende Koalitionspartei, die sich zum „christlichen Sozialismus" bekennt, die Interessenvertretung des Privatkavitals und der frckien Wirtschaft eine Verleugnung der Prinzipien, durch die die Partei dereinst groß geworden ist. Denn der christliche Sozialismus war einst ein sehr ernst zu nehmendes Schlagwort und die Verdienste, die seinem siegreichen Wegbahner zur Macht Dr. Lueger den Beinamen des großen Bürgermeisters" verschafften, lagen weniger in der Brotlosmachung der jüdischen Magistratsbeamten und Lehrer als in der Ueberführnng lebenswichtiger Betriebe aus dem Besitz des Privatkavitals in den der Kommune. So wurden die Gas- und Elektrizitätswerke, die Straßenbahnen und die Leichenbestattung verstattlich und auch bereits der Wohnhausbau mit städtischen Mitteln begonnen. Es klingt paradox, ist aber Tatsache, daß die Sozialdemokraten, als sie nach dem grausigen Kriegsende die Gemeindeverwaltung von Wien übernahmen, dort nichts mehr zu sozialisieren fanden, sondern sich bei der Verwirklichung ihres Parteiprogramms darauf beschränken konnten, das bereits von den Vorgängern Sozialisierte dem kommunalen Besitz zu erhalte u. Das war freilich keine leichte Aufgabe- Denn Krieg und Zusammenbruch hatten die Finanzwirtschaft der Gemeinde derart unterhöhlt, daß die einzige Saniernngsmöglichkeit in der vorteilhaften Veräußerungen der diversen Betriebe zu liegen schien. Nur dem jüdischen Kopfe des ehemaligen Bankdirektors Breit» Aron bsak. Eine LebenSgeschichte. Bearbeitet von D r. B. Schidlof. (17. Fortsetzung.) Der König starb an der Verwundung, nachdem er dreizehn Tage daran gelitten hatte. Ich aber hatte noch immer Hausarrest gehabt. Nun war ich gerade an dem Tage beim Kammergericht, als der König starb, und ich frei vom Arrest wurde. Der Bevollmächtigte Olaf Holm sagte nun. ich sollte mein Geld haben, das Kammergericht sollte das Fahne kjelmgeld, das in meinem Koffer noch bet Gericht lag berechnen, damit nun alles in Ordnung käme. Meine Rechnung, lag schon im voraus von Abo her obenauf in meinem Koffer. Wir kamen nun auf das Kammergericht, eS nahm die Rechnung entgegen und mir wurde geheißen, zum Grafen zu gehen, da solle ich mein Geld bekommen. „Nein," sagte ich, „da gehe ich nicht hin. Ich kenne 'hn als einen jähzornigen Menschen, und setzt könnte ich vor ihm auch nicht mehr schweigen." Olaf Holm erklärte nun, das Geld läge für mich bereit; ich aber verlangte, man möge es aufs Kammergericht bringen und da auszahlen. Die Herren am Kammergericht redeten mir aber zu. ich solle wir mein Geld holen, damit sie nicht wieder damit Arbeit hätten. Ich ließ mich also umstimmen und ging zum Grafen hin. Er sagte, ich solle ihm die Rechnung geben. Er sah sie durch und sagte dann, mein Geld läge bereits abgezählt bereit, wie er es von mir bekommen habe, mit 18 Prozent Abzug. Ich sagte, meine Forderung, die ich beim Kammergericht angemeldet habe, betrüge 17 000 Rcichstaler. dafür solle ich Reichsgeld bekommen. Nicht nur. daß Sie 10 00» Reichötaler für dasselbe Geld bekommen haben, wie ich sie Ihnen seinerzeit cinwechselte. hätte ich noch diesen Prozeß auf den HalS, viele Leute Hütten mich verklagt, und ich verlöre mindestens 1000 Rcichstaler bar. Er schrie mich an, wenn ich das Geld nicht nehmen wolle, solle ich mich zum Teufel scheren. Ich kannte seinen Jähzorn und sein hitziges Teurperament und machte, daß ich hinauskam . Ans dem Hof stand ein neuer, großer Reisemagen, und die Leute deS Grafen packten auf. Graf Munk war schon vorher bei dem Könige in Ungnade gefallen, er sollte wegen dieser Skandalgeschichte aal mindestens sechs Monate das Land verlassen. Aber damals wußte noch niemand die Ursache. Mir wurde bange, daß der Graf nun wegreisen und ich mein ganzes Geld verlieren würde. Ich ging also sofort zum Regenten Herzog Karl und erzählte ihm die ganze Geschichte, ohne daß ich erst eine Bittschrift anfertigen ließ; dazu glaubte ich auch nicht mehr Zeit zu haben. Der Herzog schickte mich zum Justizkanzler mit dem Aufträge, die'er möge über den Grafen sofort Hausarrest verhängen. Ich ging zum Jnstizkanzler und meldete ihm den Befehl des Herzogs. Der Justizkanzler sagte, das rväre seines Amtes nicht, das könne er nicht tun. Ich erwiderte ihm, dann müsse ich sofort wieder zum Herzog zurück, ihm diese Antwort zu überbringen, denn die Angelegenheit dulde keinen Aufschub. Nun hieß mich der Justizkanzler, in einer Stunde wiederzukommen. Als ich hin kam. war er noch nicht zurück. Ich wartete wohl noch eine halbe Stunde, da kam er und sagte mir, ich möge zum Niksdrotö hinkommen. Ich ging also zum Riksdrots Dieser sagte zu mir. er hätte mir im Namen des Herzogs mitzuteilen, ich brauchte mich um mein Geld nicht zu sorgen, der Graf habe schon Hausarrest. Nun rvar ich beruhigt. Alle meine guten Freunde, die höchsten Persönlichkeiten sagten mir. ich wäre der größte Narr, daß ich für meine Schande und meinen Schaden kerne Ersatzansvrüche stellte. Das schwedische Gesetz erlaube, daß, wenn man jemand mit falschem Gelde betrüge, der Betrüger die Hälfte des Kapitals. mit dem er betrogen, an denjenigen zu zahlen habe, an dem er den Betrug vollführt Mix gebühre also gesetzlich die Hälfte von 27 000 Reichstalern. Soviel wollte ich aber gar nicht verlangen. So strengte ich denn ans das Zureden hin eine Klage ans 6000 Taler an. für meinen ganzen Schaden, den ich hatte. Zeitversänmnis. Kosten, Zinsenverluste und außerdem die Aufregurrgen über die Schande. Indes kam es an den Tag. daß dieser Graf Munk für säst hunderttausend Reichstaler solche falsche Fahnehjelmer in Umlauf gesetzt hatte. Er mußte also für diesen Betrag Kaution stellen, soweit er nicht schon Scheine zurückgelöst hatte. Er hatte diesen Olaf Holm als Bevollmächtigten znrückgelassen. da er Befehl bekommen hatte, sofort das Land zu verlassen. Ich hatte nun mit Olaf Holm eine ganze Zeit prozessiert: endlich kam es zu einem Vergleich, baß ick für alle meine Unkosten, meine Verluste, meinen Schaden und meine Schande 4000 Rcichstaler Entschädigung bekommen sollte. Als der Vergleich geschlossen ivar, wußte ich aber noch immer nicht, wo er das Geld deponiert habe. Endlich wurde mir mitgeteilt, ich sollte ans dem Staatskontor Zahlung erhalten. Da bekam ick ungefähr nach einem Jahr 700 Rcichstaler, ein Vierteljahr später wieder 1000 Rcichstaler und so weiter, daß es vier oder fünf Jahre dauerte, bis ich mein Geld hatte. Zinsen wurden mir keine vergütet. Von den 4000 Reichstalern hatte ich sehr wenig Prosit: meine Unkosten in Abo waren nicht gering, elf Wochen war ich da in Haft, drei Wochen zu Hause. Dazu noch ein halbjähriger Prozeß, das kann jeder wissen, wieviel das alles gekostet hat. Nun reiste ich nach Leipzig. Mein Bruder Abraham batte von seiner ersten Frau noch eine Tochter, namens Bögelche. Dieses Bögelche hatte von der Stiefmutter viel ansznstehen gehabt, aber mein Bruder Abraliam lmtte sich nie darum gekümmert, das Mädchen zu verheiraten. Meines Schwiegersohnes Schwester, die in Bleichrode mit einem R. Berrüix verheiratet war. besaß einen Sohn, namens Michel. Wir hatten schon viel von diesem Michel gehört, daß er ein tüchtiger, junger Mensch wäre und sich bereits ein hübsches Kapital erworben habe. Ich schrieb also an diesen jungen Mann schon von Leipzig aus. daß mein Bruder Abraham Britzen in Schwerin eine Tochter namens Bögelche besäße, deren Schwester auch die Frau seines Onkels R. Eiseck sei. Wenn ihm also das Mädchen passen und dieses mit der Partie sich einverstanden erklären würde, dann wäre ich geneigt, ihn mit mir nach Stockholm zu nehmen und zum Teilhaber meiner Firma zu machen. Meines Bruders Kinder waren mir nämlich so lieb wie eigene, und sie hielten mehr von mir als von ihrem eigenen Vater. Der junge Mann antwortete mir sofort, daß es ihm sehr lieb wäre, in meine Familie einheiraten zu können, und er werde zur bestimmten Zeit in Schwerin eintreffen.