Mannheim
Compact Memory

Jüdisch-liberale Zeitung · 1927-04-08 · 14 (8.4.1927) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
7 (1927)
Issue
14 (8.4.1927)
Date
1927-04-08
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2613366-2613895-2613909--2214-2619661
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

den Einrichtungen beizubehalten und hinsichtlich der Wahlen Aenderunaen nach demokratischen Grundsätzen cinzuführen. Laupheim. l7 0. Geburtstag.) Die Gemeinde beging am Sabbat, den 26. März, festlich im Gotteshause den 70. Geburtastag ihres Kantors Emil Dworzan, der seit 1890 in vorbildlicher Weise den Vvrbcteröienst versieht. Rabbiner Dr. Strahburger-Ulm feierte in einer Festrede den Jubilar, der durch eine Ehrengabe des Borsteheramtes und durch Bluuienspenden der Gemeindemitglieder erfreut wurde. Stuttgart. <70. Geburtstag.) Der siebzigste Geburtstag des Vorsitzenden des Stuttgarter Vorsteheramtes Arthur Essinger wurde am Sabbat, den 26. März, durch eine kurze, eindrucksvolle fynagogale Feier wirkunsvoll cingeleitet. Das Vorsteheramt hatte zum Sonntag, den 27. März, zu einer besonderen Festsitzung eingeladen, bei der nach begrüßenden Worten Oskar Rothschilds und einer Festrede des Stadtrabbincrs Dr. Rieger dem Jubilar mit einer Ehrengabe die Urkunde zur Begründung einer Essinger-Stiftnng überreicht wurde. Im Namen des Oberrates sprach Morris Hirsch, im Namen der Landesversammlung Rechtsanwalt Dr. Heinrich Wolfs, im Namen der Wohlfahrtsvereiue Dr. Gunzenhauser Glückwünsche aus. Für die Gemeinde Cannstatt übermittelten Religionslehrer Adler, für dieReligionsgesellschaft Rabbiner Dr. Bamberger, für den Osijudenverem Horowrtz. für den Gemeindevercin Fleursheim. für das Lehrhaus und den Berthvld Änerbach-Verein Ministerialrat Dr. Hirsch und für die Loge Dr. Rvscnfeld Gratulationen. Tiefbewegt dankte der Jubilar für die vielen Ehrungen. die ein beredtes Zeugnis für die Wertschätzung darstellten, deren er sich zu erfreuen hat. Der Snnagogenchor leitete die Feier stimmungsvoll durch einen Weihegcsang ein. Ulm. (Hebräische G r a b st e i n e.) In der nächsten Zeit sind am Münster verschiedene Sicherungsarbeiten vorzunehmen. Zum Heben des Ringankers wurde vom Kirchenfußboden bis zum Schlußstein des Hclmfußgewvlbes ein ununmittelbarer Aufzug mit einer direkten Hubhöhe von 10) Metern eingerichtet. Im obersten Viere,tsraum des Sndturmes versetzten die Maurer den alten Baldachin über der Ottmarstatue. Sie stellen sodann im Raum darunter 6 alte jüdische Grabsteine auf. die mit zu 5en Bandokumenten des Münsters gehören. Münsterbaumeister Thrän hat in den 40er Jahren einige hebräische Grabsteine am Viereckskranz als Hintermauerungssteine aufgefunden. andere waren mit der Jnschriftseite nach unten im Münster als Bodenplatten verwendet. Der älteste dieser 0 Steine stammt vvn 1240, der jüngste ans dem Anfang des ir». Jahrhunderts. Außerdem befindet sich im Archiv ein hebräischer Grabstein vvn 1341, der am Brautportal als Baustein verwendet worden war und auf dem das ältere der beiden Gründnngsreliefs ausaehauen ist. Wolfhagen. <N euer .st v e t s v v r ft c li c r.s Für den kürzlich verstorbenen Kreisvorsteher M. Reichhardt ist der seit 1912 hier an der Spitze der Gemeinde stehende Herr Moritz Möllerich vvn den Synagogenältesten des Kreises einstimmig zum Kreisvorsteher gewählt worden. Aitch der Vater des Genannten hat das Amt des Gemciudeältesten und Kreisvorstchers bekleidet. Die Tagung der amerikanischen „Hebrew Congregaiions". Wir entnehmen dem ,,American Hebrew“ einen Bericht über die Tagung der amerikanischen reformierten jüdischen Gemeinden, die in Cleveland im Januar dieses Jahres stattgefnuden hat. Es waren etwa 1500 Delegierte des Verbandes der amerikanischen reformierten Gemeinden, welcher 278 Gemeinden mit 50 860 Mitgliedern umfaßt und der ,-Nationalföderation der Tempelschwesterschaften. die auS IM Vereinen mit 85 000 weiblichen Mitgliedern besteht, an- ,wel'ettd. Unter den Delegierten befanden sich zahlreiche führende Persönlichkeiten im kultnrellen. sinanziellen. politischen. industriellen und philantropischen Leben Amerikas. Die vorgelegteu Berichte wiesen darauf hin, daß die Tätigkeit der Gemeinden einerseits auf die Befestigung und Ausdehnung des Reformjudentums in Amerika, andererseits auf die Stärkung seines Einflusses durch die Teilnahme am Weltverband zur Förderung des liberalen Judentums gerichtet war. Aus einem Bericht von Alfred M. Cohen, dem Vorsitzenden des Verwaltungsrates des Hebrew Union College in Cincinnati ging hervor» daß diese Hochschule, auf welcher bis jetzt ungefähr 300 Rabbiner und Religivnslchrer ihre Ausbildung erhalten haben, im laufenden Jahr von 115 Studierenden besucht wird, was die größte Zahl in der bisherigen Geschichte der Hochschule darstettt. A. Leo Weil, welcher den Verband der amerikanischen Rcformgemeindeu auf der internationalen Konferenz für liberales Judentum in London im Juli vorigen Jahres vertreten hat. berichtete über die Ergebnisse der Konferenz und schlug dem Verband vor, als Mitglied in die Weltvereinigung für fortschrittliches Judentum cinzutreten. die auf der Londoner Konferenz gegründet wurde. Roger W. Straus aus New Bork berichtete im Namen eines besonderen Komitees über die erste Snnagoge-Kirche- Konferenz, über interuationale Fragen, welche in Olivet, Michigan, im August vorigen Jahres stattgesnndett hat, ans Grund eines Zusammengehens des Verbandes der Reformgemeinden mit dem Föderalrat der Kirchen skecleral Council oi Chnrches) und über die Bemühungen, die weiter gemacht werden, um ein besseres Verständnis zwischen Juden und Richlinden herznstellen. Rabbiner David Philipsou aus Cincinnati. der älteste Refvrmrabbincr in den Vereinigten Staaten, einer der ersten, welcher seine Ausbildung am Hebrew Union College erhalten hat, führte in einer Rede ans. „durch Leu Geist Amerikas sei das Resormjndentum möglich geworden. Die Reformbewegung versöhnte das Judentum mit dem Leben -es Volkes in der amerikanischen Umgebung und paßte seine ewigen Grundsätze einer modernen Form an. Es hat große Organisationen geschaffen, wie den Verband der amerikanischen Hebrew Congregations, die Föderationen von Tempelschwesternschaften und Tempelbrüderschaften. cs hat die erste erfolgreiche Rabbinerakademie in den Vereinigten Staaten errichtet, ebenso auch die erste dauerhafte Rabbinervrganrsation. die Zentralkonfercnz der amerikanischen Rabbiner, welche durch das von ihr geschaffene Vcrbandsgebetbuch mächtig zur Stärkung des Gefühls der religiösen Solidarität in den Reformgemeinden beigetragen hat. Der Jnde lebt in der modernen Welt, nicht von ihr getrennt. Das getrennte Leben im mittelalterlichen Ghetto hat der Beteiligung an der Kultur und an den Interessen der Gesellschaft Platz gemacht, in welcher der Jude lebt und dessen Teil er bildet. Hier hat das Judentum seine schwerste Prüfung zu bestehen. Die Ausgabe des Judentums ist es, unter Menschen in allen Teilen der Erde zu arbeiten, die Zerstreuung ist von der Vorsehung gewollt, und die in der letzten Zeit erlangte Freiheit bedeutet den Beginn von neuen Möglichkeiten in der Erfüllung der historischen Mission Israels." In einer Rede über die Zukunft des amerikanischen Judentums führte Rabbiner Salomvn B. Freehof aus Chicago aus. die alte Orthodoxie fei im schnellen Verschwinden begriffen. Sie ist nicht verworfen worden, sondern sie ist einfach überholt. Logisch seien ihre Grundsätze noch immer gesund, aber der amerikanische Jude, dessen Interessen sich schnell ausbreiten, mit seiner durch die neuen Verhältnisse geschaffenen stärkeren Individualität, findet das alte Loben eng und die alte Disziplin unerträglich. Der Gehorsam, welcher feinen Vorfahren eine Freude war. ist Dr ihn eine Last. Das amerikanische Leben ist zu vielgestaltig. zu mächtig, um die alten Vorschriften der Orthodoxie zu ertragen. Unabhängig von der Propaganda der liberalen Gemeinden, ohne Ängriffe gegen die Orthodoxie, ändert sich das alte Leben doch vor unseren Augen. Das 'Leben des amerikanischen Judentums ist im Fluß begriffen, im Stadium des Suchenö und Erverimentierens. Frau I. Walter Freiberg. Vorsitzende der nationalen Föderation von Tempelschmesternschaften, führte ans, daß das Judentum von Leben übersprudelt und weiter bestehen wird. Die Tempelschwesternschaften seien die einzige Organisation iüdischer Frauen mit rein religiösen Aufgaben, deren Mitglieder seien bemüht, daö Judentum zu begreifen und zu fördern. „Wir bemühen uns um die religiöse Erziehung unserer Kinder. denn diese Jugend stellt die Zukunft des Judentums dar." Sie wies auf die Wichtigkeit der religiösen Arbeit unter den jungen Mädchen, namentlich im Alter des Tchnlstudimns. hin. durch welche der Znsammenhang der Heranwachsenden weiblichen Jugend mit dem Judentum gefestigt werden soll. Adolph S. Ochs aus New Llvrk führte ans. das, was die Juden als religiöses Volk während Jahrhunderten von Druck und Leiden erhalten haben, werde jetzt schnell zur allgemein anerkannten Auffassung von der Brüderlichkeit der Menschen und der Verwandtschaft zu Gott. Das, was ietzk Modernismus genannt wird, geht zurück auf die Grundlage des Glaubens eines alten Volkes, welches der Zivilisation und der Menschheit die zehn Gebote, die Propheten und Psalmen gegeben hat. Herr Ochs berichtete darauf, dag von den <3 Millionen Dollar, welche für den Hebrew Union College-Fonds gesammelt werden sollen, schon etwa 1 250 000, ö. b >4. vorhanden ist. Der frühere amerikanische Gesandte in der Türkei, Henrn Morgenthau, betonte die Notwendigkeit des Aufhörens des Kampfes zwischen den verschiedenen Glaubensbekenntnissen, zwischen Judentum und Christentum. Heute, sagte er. gehört noch eine besondere geistige Sehkraft dazu, um durch die verbergende Hülle das Juwel der Religion zu sehen, welches andere sowohl wie wir besitzen. Es werden Jahrzehnte. vielleicht noch Jahrhunderte, vergehen, bevor diese geistige Sehkraft allgemein wird. Inzwischen müssen diejenigen, denen das jüdische Juwel anvertraut worden ist, darauf hinarbeiten, daß dieses auch den Menschen anderen Glaubens sichtbar wirb, damit sic seine Schönheit und seine Identität mit ihrer eigenen erkennen. Unsere Pflicht besteht nicht darin, unser Juwel in das alte Land zurückznbriugen. wo unsere Vorfahren es gefunden haben und eö dort zu vergraben. Unsere Pflicht ist vielmehr, es in unseren Herzen hochzntragen. es hoch sichtbar allen Ländern und allen Völkern zu zeigen, damit sein Licht allen Menschen erstrahlte. Das Judentum, schloß Morgenthau, ist die Grundwahrheit der Religion und da die Wahrheit ewig ist, ist auch die Ewigkeit der jüdischen Religion gewährleistet. Mareuö Lester Aron aus Pitts-bourgh. der über das Judentum und die Jugend von morgen sprach, betonte, diese Jugend werde sich wahrscheinlich ernstlicher als die heutige mit der Frage der Gültigkeit der alten Ideen beschäftigen. Es sei daher notwendig, gewisse traditionelle Formen jüdischer Ideale zu klären, für den Enthusiasmus empfänglich zu machen, namentlich sei dazu die Ausarbeitung eines konkreten Programms sozialer Gerechtigkeit notwendig. Frau Paula O Ikendorf sprach über das jüdische Familienleben in Europa. Rabbiner B. Benedict Glazcr. der als Distriktsrabbiuer im Staate Pennslilvanicn wirkt, berichtete, daß er mehr als 30 jüdische Gemeinden auf dem Land zum Zweck von Gottesdienst und religiöser Erziehung der Jugend geschaffen hat. Rabbiner Julian Morgenstern, Vorsitzender des Hebrew Union College iu Cincinnati, führte aus, das gegenwärtige Resormjudentnm werde morgen zur Orthodoxie werden und durch ein immerwährend neues Neformjndentnrn ersetzt werden. Das dringende, alles beherrschende Problem bestehe darin, das. Judentum wahrhaft, weise, schöpferisch zu reformieren. Sogar die Orthodoxie weicht hier iu Amerika vor dem Einfluß der Zeit und der Umgebung zurück, sie reformiert sich selbst unaufhörlich, man kann sagen, sie steht ungefähr jetzt dort, wo vor etwa 40 Jahren das Rcformjudentum gestanden hat. Die Reform des Judentums ist eine Weltbewegung. eine Weltnotwendigkoit. Sic entstand zuerst in Deutschland und ihr Banner würde dort ein halbes Jahrhundert weitergetragen. Wir hier in Amerika tragen es während der letzten fünfzig Jahre und jetzt sicht das Weltjudentum auf das Resormjndentum in Amerika, damit es, zum Führer der Bewegung werde. Roger W. Strauß. Vorsitzender des NationalverbandcS der Tempelbrüderschaften sagte, ein großer Teil der jüdischen Jugend sei anscheinend religiös indifferent. Immerhin ist eine Sehnsucht nach einer Weltanschauung vorhanden. die nicht rein materialistisch ist, und wenn sich die jüdische Religion iu geeigneter Form zeigen würde, so würde sie Anhänger finden. Unglücklicherweise würde oft nicht beachtet, daß das Judentum zwar alt ist. daß es aber in seinen Grundsätzen immer modern bleibe. Das Zeitalter des Materialismus geht vorüber und die Jugend kehrt nach den Nachkricgsirrnngen zum Idealismus zurück. Durch religiöse Erziehung und Einfluß der Familie könne die Indifferenz oder Feindseligkeit gegenüber dem Judentum überwunden werden. Dr. Samson Venderly. Direktor des Bureau für jüdische Erziehung in New-Bark-City, gab an. daß die amerikanischen Juden für philantropischc und religiöse Zwecke etwa 63 Millionen Dollar ansgeben. Schließlich sei noch erwähnt, daß die Tagung auf den Vorschlag von Ludwig Vvgclstein aus New Port, dem Vorsitzenden des Verbands-Komitees, den Beschluß gefaßt hat. wonach der Gebranch von Wein bei jüdischen religiösen Riten nicht notwendig ist. Dieser Beschluß hat eine große praktische Bedeutung, weil bekanntlich in Amerika der Genuß von Alkohol durch den sogenannten Volsteadakt verboten wurden ist. Der Sinn des Beschlusses besteht also darin, daß die jüdischen religiösen Gebräuche der Durchführung der Prohibition nicht widersprechen. Aus der Bewegung j § j Peffach-Vorberettimg in der liberalen Synagoge Norden. Als im September vorigen Jahres die liberale Synagoge Norden den der heutigen Generation fast völlig entschwundenen S'lichaus-Gottesdienst dadurch wieder neu belebte und uns allen nutzbar machte, daß sie ihn von der Stunde des Sonnenaufgangs auf den Spätvormittag verlegte und in besonders feierlicher Weise veranstaltete, schrieb ich an dieser Stelle von einer „Tat des jüdischen Liberalismus". Ich habe von diesem Wort nichts zurückznnehmen, denn ich bin immer noch der Hoffnung, daß unsere liberalen Großgemeinden sich jene Reform zum Vorbild nehmen .und daß diese damit nicht eine vereinzelte Einrichtung einer Privatsnnagoge im Norden von Berlin, sondern eine dauernde und fruchtbare Einrichtung in unserem jüdisch-religiösen Leben wird. Das ist um so mehr zu wünschen und um so eher zu ermöglichen, als ja bekanntlich dieser erste S'lichans-Tag auf den Sonntag fällt und damit die Möglichkeit ihn zu nutzen allen denjenigen gegeben ist, die den ernstlichen Willen dazu haben. Aus meiner damaligen Besprechung ging hervor, in wie hohem Maße diese von der liberalen Synagoge Norden eingeführte Reform sdiesmal also nicht, wie leider üblich, eine Streichung, sondern eine Hinzufügnng) gelungen war. Inzwischen hat die liberale Synagoge Norden an dem Sonntagvormittag in der Chanukah-Woche ebenfalls einen Festgottesdienst veranstaltet, über dessen Verlauf ich mich leider einer beruflichen Reise wegen nicht unterrichten konnte. Schon damals aber kamen mir Bedenken, daß das an sich lobenswerte Bestreben nach Einführung positiver Reformen nicht in schablonenhafter Weise zur Ausführung gelangen darf. Diese Bedenken bestärkten sich bei mir, als ich nun neuerdings die Veranstaltung eines Pessachvorbcreitungs-Gottesdienstes (Rausch Ya-Ehaudesch Nissan) am Sonntag, den 3. April d. I. vormittags 10 Uhr, angezeigt las. Ich bemerke dies ausdrücklich, damit gesehen werde, daß ich bei aller inneren Anteilnahme, mit der ich die Entwicklung der liberalen Synagoge Norden verfolge, dennoch dieses Mal mit einem starken Vorurteil gegen die Veranstaltung in den Pessachvorbereitungs-Gottesdienst gegangen bin. Um fo mehr erfreute mich, daß dieses Vorurteil im Verlauf des Gottesdienstes einigermaßen zerstreut worden ist. Freilich nur einigermaßen. Der Gottesdienst selber war sehr feierlich und erhebend Die Psalmen und Gebete waren mit außerordentlich feinsinnigem und großem Geschick ausgewahlt worden: sie wurden von Herrn Kantor I a k ub o w s k i und von dem höchst anerkennenswerten Chor der liberalen Synagoge Norden in der altbewährten Weise vorgetragen, die, ist bewußtem Gegensatz zu der sonst in unseren Synagogen yerrscheudan Gepflogenheit, keinen Unterschied zwischen wesentlichen mtö unwesentlichen Gebeten kennt — alle unwesentlichen Gebetstellen sind eben ausgemerzt, so daß eine einheitliche, feierliche, nach Form und Inhalt gleicherweise zur Andacht stimmende Liturgie übrig bleibt. Prof. Friedländer schickte dem von ihm vorgetragenen Thora-Abschnitt einige belehrende Worte voran: er las den Abschnitt erst deutsch vor und zeigte dann iu einer kurzen Ansprache die Beziehung zwischen dem Bibelwort und der veranstalteten Andachtsstundc auf, machte also die Synagoge im besten Sinne des Wortes wieder zu einem Lehrhaus. Er wurde hierin wirkungsvoll ergänzt durch Herrn Rabbiner Dr. S a l o m o u s k i, der an Hand des Schriftwortes „Die Lehre otteS soll in deinem Munde sein" von unserer Pflicht zur Tatbewährung des Judentums predigte. Die Zuhörerschaft. unter der man alle Generationen, vom Greisenalter bis zur allerjüngsten Jugend, vertreten sah. nahm sichtlich lebendigsten Anteil an diesem Gottesdienste und hat zweifellos einen bleibenden Eindruck und eine innerliche Förderung erfahren. Nichtsdestoweniger sind meine Bedenken nicht völlig zerstreut, denn ich müßte sestsiellen. daß die Zuhörerschaft bedeutend geringer war als seinerzeit beim S'lichaus-Gottesdienst, und ich habe dann auch meine vorher erwähnten Bedenken einigen der Leitung der Synagoge angehvrenden Herren gegenüber geäußert. Zn meiner Freude rvurde mir der Bescheid, daß vorerst nur der S'lichaus- Gotteödicnst als ständige Einrichtung geplant ist. dagegen hatte man diesen Pessachnvrbereitnngs-Gottesdienst nur veranstaltet, weil der Rausch ha-Ehandcsch Nissan in diesem Jahre auf einen Sonntag fiel und man diese Gelegenheit ausnntzen wollte, um einen bedeutungsvollen Neumondstag, der bei den Liberalen gar nicht und bei den Orthodoxen unfestlich begangen zu werden pflegt, einmal sinngemäß zu feiern. Man wird nicht umhin können, die so gelungene Ausführung dieses Planes anzuerkeunen, aber doch soll auch aus der Veranstaltung die Lehre gezogen werden, die nicht um einer bloß regierenden Kritik willen, sondern gerade im recht verstandenen Interesse der liberalen Synagoge Norden hier ausgesprochen wird: Weiter auf dem Weg der positiven Reform, aber keine schablonenhafte, gedankenarme A u S f ü h r n n g! George Goetz. Berlin. jLiberaler Verein f ü r d i e Angelegenheiten d e r j n d i i ch e n Gemeinde zu Berlin E. V.. B e z i r k s g r u v p e K arlshor st.) Äm 21. März 1927. in der Veranstaltung des Liberalen Vereins im Gesellschaftsbaus zu Karlshorst, hielt Herr Rabbiner Dr. Salomonski einen Vortag über „Jüdische Seelsorge? . Die in dem Titel ausgesprochene Frage beantwortete der Redner, indem er das anscheinend ans anderen Bezirken stammende Wort „Seelsorge" mit unserem Zedokoh verglich und aus den verschiedenen Nebersetzungeu dieses Wortes heraus die Wege wies, die wir zu wandeln haben, um in Gerechtigkeit. Liebe, Mildtätigkeit und Wohltuen unsere Pflichten zu erfüllen, die uns von keinem Gesetz anserlegt werden, als von demjenigen unseres jüdischen Herzens. Zedokoh, die Grundlage des jüdischen Gemeinschaftsgeistes von jeher, welchem unsere Vorfahren erstaunliche Opfer brachten, bedarf einer dringenden Erneuerung in unserer schweren Zeit und muß sich aus Leib und Seele, auf Kinder und Jugendliche, auf Lebensschwache und Alte erstrecken. Schon der Wille zur Eheschließung und 5er Wunsch, .Kinder iu die Welt zu setzen, muß als sittliche Forderung aufgestellt werden, damit uns der Nachwuchs nicht fehle, damit das jüdische Hans den Segen des Kinderreichtums miedergewinne, damit unsere Zahl nicht geringer werde, während die der Umwelt dauernd steigt. Doch heißt es vor allem, für vorhandene Ktnder zu sorgen nw'o die Elternlosen, die Findlinge, unter denen einst ein Mose war, iu die Fürsorge cinzuschließen. * Doch auch den Jugendlichen, die in moderner Selbständigkeit ihre eigenen Pfade wandeln wollen, gilt es. zur Seite zu stehen. Statt ihren Freiheitsdrang in kritikloser Anerkennung zu bestärken, sollte man sie auf die wirtschastlich.cn Zukunftsschwicrigkciten Hinweisen und ihnen in gewissenhaftester Berufsberatung behilflich fein. Besonders sollte man sich der jungen Mädchen annchrnen, denen die Eheschließung immer schwerer gemacht wird, und die auch als unverheiratete Frauen frisch und mutig bleiben müssen. Daun aber hat unsere Fürsorge sich sencn alternden Menschen zuzumcnden. die nach fleißiger, jahrzehntelanger Lebensarbeit ihre Stellung und ihre Existenz verlieren, und schließlich gilt cs, die vollkommen unzureichende Altersversorgung neu aufzubauen, wie dies die Liberalen von jeher erstrebt haben, ohne daß sie die notwendige Unterstützung gefunden hätten. Nur durch intensivste persönliche Arbeit lassen sich die Mittel zur Erfüllung dieser Ausgaben beschaffen. Man muß betteln gehen bet den Neichen und beim Staat. Der Gedanke an die eigenen Eltern, an die eigene Familie muß helfen, auch Unangenehmes zu überwinden. Die jüdische Familie, früher unser Glanzlicht, muß wieder errichtet werden, dann sorgen wir für die Seelen, treiben Seelsorge. Vielleicht kann man die Eheanbahnung früherer Tage, die keine schlechten Erfolge hatte, wieder Herstellen. Vielleicht kann man es erreichen, daß dem kleinen Kaufmann Kredite zur Verfügung gestellt werden. Wie eS heute noch in der Kleinstadt ist, so müssen wir ein Gemeinschaftsleben anstreben. in dem sich alle wie zu einer großen Familie gehörig fühlen, die in Freud und Leid zusammeuhült. Die Kranken müssen wir besuchen. Sterbende stützen, die Toten begleiten, das ist Seelsorge, das ist Zedokoh. Handeln wir so, dann wird uns das köstliche Los: Zufriedenheit mit dem eigenen Lose. Reicher Beifall und eine angeregte Diskussion folgten dem Vortrage. Herr Kantor Berthvld Friedmanu umrahmte den Abend mit gesanglichen Darbietungen und verschaffte damit den Karlshorstcr Liberalen einen seltenen musikalischen Genuß. Potsdam. Am Donnerstag, den 24. März, sprach Herr George Goetz, Generalsekretär der Vereinigung für das liberale Judentum, im Hotel „Zum Einsiedler" über das Thema: „Das liberale Judentum und der Zeitgeist". Der Vortragsabend war gut besucht und die interessanten Ausführungen des Herrn Goetz fanden lebhaften Beifall.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.