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Jüdisch-liberale Zeitung · 1927-04-08 · 14 (8.4.1927) · page 3

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
7 (1927)
Issue
14 (8.4.1927)
Date
1927-04-08
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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gliedert ist. mtb das ist nicht etwa nur seine einzelne Gemeinde, sondern das Gesamtjudentnm. Aber diese Gemeinschaft trägt nicht nationalen Charakter, sondern ist und mutz sein eine rein geistige. Referat Dr.' Wiener. Wir wollen bei der Erörterung dieser Frage nicht so sehr die gute Gesinnung in den Vordergrund stellen, als uns um den richtigen Gedanken bemühen; denn unbedingtes Recht kommt schließlich der Praxis vor der Theorie bloß zu, wenn die Theorie falsch ist. Von vornherein steht eines fest: Religiöser Liberalismus und Zionismus fordern einander so wenig, wie sie sich ausschließen,' denn jenes ist und will sein eine religiöse Bewegung, religiösen Motiven entspringend, religiösen Zielen zustrebend. Zionismus ist eine bestimmte politische Gesinnung und politisches Wirken. Nun ist es zwar oft vorgekommen, daß religiöse Ideen in den mannigfach verschlungenen Pfaden ihrer Auswirkung politische Gedanken und politische Wirklichkeiten mitgeschasfen haben, — man denke beispielshaber all das Luthertum, dem kräftige Motive für eine konservative Haltung zu Politik und Gesellschaft entstammen, wie die Gedanken des Calvinismus Wegbereiter der Demokratie geworden sind — aber ein anderes ist die Ein- und Umschmelzung in dem Komplex politisch-sozialer Ideen- und Willensbildung, ein anderes das Selbstzeugnis und der. eigene Sinn des reinen religiösen Bewußtseins. Sinnvoll wird also bloß die Zusammenstellung in unserem Thema, wenn wir die Frage nach dem Charakter des Judentums als nationaler oder religöser Größe gar nicht erst anrühren, sondern allein über den Punkt Klarheit zu erringen trachten, ob und in welchem Umfange volkhafte Elemente das religöse Gebilde des Judentums erfüllen, beeinflussen, und welche Konsequenzen sich für uns daraus ergeben. Der historische Sachverhalt liegt in aller Offenheit vor unseren Augen, und er ist es, der uns auf den logischen Ort für die Eingliederung unseres Problems himveist. Es handelt sich um eine Linie, die bestimmt wird durch die Punkte: religöse Einzelpersönlichkeit, historisch gegebene Religionsgemeinschaft, Allheit der Menschen als ethisches und soziologisches Ziel der praktischen und kontemplativen Kräfte der religösen Funktion. Das israelische Volk erzeugt aus seinem Geiste einen Gottesglaubcn »nd eine diesem eingeschmolzene und durch ihn gefärbte Sittlichkeitsgesinnung, die relativ früh, vielleicht sogar von Anfang an infolge der nicht bloß logischen, sondern gefühlsmäßigen Konsequenz des Eingottglaubens die Tendenz zmtz Universalismus hat. Was bedeutet aber dieser Universalismus? Zunächst durchaus etwas Negatives: unser Gott ist der allein wahre, der einzige, es gibt keinen echten außer ihm. Nur in ihm können die anderen die Wahrheit finden. Und sie sollen sie auch in ihm finden. So greift die religiöse Idee fraglos, sowohl ihrem inneren Schwergewicht nach als such gemäß klarer Aussprüche der Bibel über das eine, das auserwählte Volk auf die menschheitliche Allheit über. Aber doch nicht so, daß die israelitischjüdische nationale Einheit in ihre individuellen Atome, die religiösen Einzelmenschen, zerlegt wird, und der Gesamtheit dieser Individuen fremder Nationalität zugesellt werden, — wenigstens ist das nur eine seltene Ausnahme — sondern in der Weise, daß ebenso wie das israelitische Volk von den Propheten als nationale Einheit der Religionsträger angeschaut wird, auch die andern in ihrer volkhaften Unversehrtheit anerkannt bleiben und in den kühnsten Verheißungen des prophetischen llniversalismus dem einen Gott unterstellt werden. Dieser Univcrsalismus ist toto coelo verschieden von dem spät aütiken der Stoiker, welcher die nationale Ganzheit auflockerte, den Sinn eines Volkstums zu entwerten strebte, das Menschliche, das überall gleiche, in den 'einzelnen Menschen fand und Individuen rationalistisch ohne Vermittelung von nationalen Zwischengliedern zu tnenschlicher Einheit zusammenschloß. Die prophetische Menschheit setzt sich nicht aus Individuen zusammen: die nationalen Besonoerheiten. allen voran die des eigenen Volkes, werden als gottgewollt empfunden. Etwas anderes meint auch nicht jene Jesajastelle vom Gottesknecht, der das Licht der Wahrheit bis zu den Kreuzen der Welt tragen soll. Das Merkwürdiae ist bloß, daß diese Gedanken vom Verhältnis Israels zur Menschheit und vom Sinn der Menschheitsreligiou sich gar nicht ändern, wenn schon von Jeremia ab, in den Psalmen, im Hiob sehr tief die Probleme der Einzelseele und des persönlich individuellen Schicksals erwogen werden. Unverändert stark und schwer bleibt jener alles ausnehmende Untergrund, der immer und immer wieder dem Einzelnen seinen religiösen Sinn und sein Schicksal von Gott ans seiner Zugehörigkeit zum auserwählten Volke ableitet. Der biblisch-talmuöische. von den Religionsphilosopheu aufgenommene Gedanke, daß das ganze Volk die Offenbarung am Sinai empfangen für die spätesten Geschlechter, daß demgemäß der Einzelne in seiner schicksalsstellt: sie zählte 1014 ungefähr 8000 Mitglieder und mehr als 1000 verbandsamtliche Vertreter in allen Kulturländern der Erde. Im Jahre 1905 fand der erste Esperanto-Weltkongreß in Bouloane sur Mer statt. Ihm folgte 1906 der in Genf. 1907 in Cambridge. 1908 in Dresden. 1909 in Barcelona, 1910 in Washington, 1911 in Antwerpen. 1912 in Krakau, 1913 in Bern, 1911 in Paris. 1915 in San Franzisko, 1926 in Barcelona. Auf diesen Kongressen wurde nur Esperanto gesprochen. Vorträge. Erörterungen, geschäftliche Verhandlungen, Gottesdienste. Predigten, aber auch Vorstellungen wie Schauspiele, Opern, Konzerte in dieser Sprache abgehalten. Am Dresdener Kongreß nahmen Vertreter von 40 verschiedenen Völkern teil und verständigten sich ausgezeichnet untereinander. Die Behörden nahmen endlich Notiz von der neuen Bewegung, die eine solche Bedeutung gewonnen hatte, und so waren denn auf dem Krakauer Kongreß 1912 die Regierungen durch Abgesandte verschiedener Ministerien oertreten. Die große englische Handelsgesellschaft „World of trage" hat Esperanto schon während des Krieges offiziell ein geführt. Auch an der Wiener Technischen Hochschule wurde im Jahre 1917 ein Lektorat für Esperanto eingerichtet. Die Vorzüge, denen das Esperanto seine rasche und große Verbreitung verdankt, sind die überraschend leichte Erlernbarkeit: es erfordert noch nicht den sechsten Teil der Mühe und Zeit, die das Erlernen des Französischen oder Englischen für einen Dentschen. des Deutschen für einen Ausländer erheischt. Von den slawischen Sprachen gar nicht zu reden. Seine Grammatik besteht nur aus wenigen Regeln, die keine Ausnahme haben. Es hat z. B. nur 12 Zeitwvrtwendungen gegen 2200 des Französischen! Es ist überdies äußerst wohlklingend und vermeidet die harten, komplizierten, zischenden oder schnarrenden Laute. Es hat eine streng lautgetreue Schreibweise, so daß es alle Ungeheuerlichkeiten der Orthographie, z. B. des Englischen oder Französischen. vermeidet. Die Wort- und Satzfolge lSyntax) sind einfach und streng logisch. Der Wortschatz ist Weltgut, allen großen Sprachen entnommen, oder dem Sprachmaterial. das in alle Sprachen der Welt übergegangen und in ihnen heimische geworden ist. Dem Deutschen z. B. sind 60 Prozent des Esperanto-Wortschatzes schon von Haus aus bekannt. Die Zahl der Wortstämme ist sehr gering und beträgt ungefähr 8000, aber mit Hilfe von Endungen. Zusammensetzungen und Anhängesiltzen läßt sich auf die natürlichste und einfachste Weise voll -er Welt eine unbegrenzte Menge von neuen Wörtern bilden, die alle Begriffe in feinster Abstufung bezeichnen und jedem, der die wenigen Grundregeln Versammlungskalender! .. Berlin. Der Liberale Verein für die Angelegenheiten der jü-ilchen Gemeinde zu Berlin E. B.. Berlin SW. 48. Wilhelmstraße 147, veranstaltet am Sonnabend. 18. April «nd Sonniag. .öen 17. April, abends 8Va Uhr. in „Schneiders Hotel", Kömgftraße 39, Ecke Klosterstraße, eine Sederfeier unter Lettnng des Herrn Kantor Piorv. SS soll durch diese Veranstalt,rng allen Glanbensgenoffe« Gelegenheit gegeben werden, auch außerhalb des Hanfes einer würdige« Sederfeier beiznwohneu. Das trockene Convert kostet 4 M.. die bei Anmeldung zu zahlen find. Es wird gebeten. Anmeldungen zn beiden oder z« einem Abend möglichst rechtzeitig, spätestens jedoch bis Donnerstag, den 7. April, an Schneiders Hotel. Köuigstratze 39, gelangen zn lassen. Berlin-Norden. Liberale Synagoge Norden sin» Anerbachschen Waifeuhan, Schönhauser Allee 162): Gottesdienst: Freitag, den 8. April, abends 7,1» Uhr. Predigt: Rabbiner Dr. Salomonski. Sonnabend, den 9. April, vormittags 10 Uhr. Breslau. Jüdisch liberaler Jugendverein „Abraham Geiger". Am zweiten Seder-Abend Sonntag, den 17. April, ist im Vereinslokal Restaurant Schaal, eine gemeinsame Seder-Feier bei genügender Beteiligung in Aussicht genommen. Das Gedeck kostet für Vereinsmitglieder 1.59 M. pro Person. Meldungen der Teilnehmer werden umgehend an Alfred Berger, Bresla« 18. Angnstastratze 67, Fernsprecher Stephan 37754 erbeten. Frankfurt a. d. Oder. Dienstag, den IS. April 1927, abends 8.30 Uhr. in den Ränmen der Hardenberg-Loge. Regiernngsstratze 8. Bortrag des Herrn George Goetz-Berlin, Generalsekretär der Bereinigung für das liberale Jnbentnm. Thema: „Unser unbekanntes Gebetbuch". haften Zugehörigkeit zu der Blutsgcmeinschast vom Erzvater Jacob her, und nur in dieser Träger und Erfüller des göttlichen Wortes sei, eint die geschichtlichen Ideen der biblischen Zeit und den letzten Ausläufer des rabbinischen Geistes. Als der Staat zerbricht, als die Fülle der nationalen Attribute verloren geht, mindert sich in nichts jenes tiefe Stammesgefühl, in dem das jüdische Volk als die konkrete Leibhaftigkeit eines ganz bestimmten Ausschnitts aus der Menschheit über alle Zerstreuung und Zersplitterung hinweg sich als eine Einheit empfand. Sicherlich als eine Einheit, deren Geist durch eine religiöse Idee eigentlichsten Gehalt und Richtung bekam, aber doch so, daß der Sinn dieses religösen Geistes sich nur im Eiuheitsbewußtsein der Weltgcmeinde seiner Träger erfüllte. Das sind nicht die Genossen gemeinsamen Glaubens wie auch anderwärts, nicht eine aus Addition resultierende Summe gleicher Einzelner: sondern das nationale Ganze bleibt das Primäre. Es senkt sich nicht eine Idee zufällig auf diese und diese Menschen herab, die nun aus gemeinsamem Bekenntnis heraus sich einander nahe verwandt fühlen: die Täger dieser Religion sind nicht auswechselbar wie vielleicht beim Christentum, welches die zuerst gewonnenen Länder Vorderasiens und Afrikas verlor, um dann in Europa Ersatz zn finden: sondern von Religion wegen, ans dem Sinn der jüdischen Religion heraus ergibt sich, daß diese Menschen, die konkrete Wirklichkeit des jüdischen Volkes, zur jüdischen Religion gehören. Das wird hoffentlich nicht von jemandem zum Verständnis der Binsenweisheit verflacht werden, daß es für eine bestimmte Religion auch bestimmte Menschen geben mutz: sondern es bedeutet, daß die jüdische Religion, wie nun auch einmal ihr historisches Schicksal gewesen ist. nur in ein Volk sich eingesenkt hat, das ein Gefühl der Eigenheit und Abgegrenztheit in seiner Bezogenheit ans die Allheit niemals verlor. Daß dabei der theoretische Universalismus nichts von seiner Klarheit einbüßte, ist selbstverständlich. Praktisch vollzog er sich so, datz das Gesetz der Tatbewährung, das im engen von überdurchschnittlich starken Solidaritätsgefühl erfüllten Kreise jüdischen Menschentums große Energien der Menschenliebe und wahrhaft hingebender Kraft gegen den Stammes- und Religionsgenossen auslöste, den jüdischen Menschen dazu erzogen hat, in praktischer Liebeswährung den Weg zum anderen ohne llnterschied von Nationalität und Religion leicht zu finden. Datz eö uns in einem Atemzuge vorgeworfen wird, wir seien „international", aller Welt kennt und den geringen Stammwortschatz innehat. sogleich ohne nähere Erklärung verständlich sind. Der wichtigste Vorzug des Esperanto besteht darin, daß es eine neutrale Sprache ist, eine Sprache aller Völker im wahrsten Sinne des Wortes. Wer es erlernt und sich seiner bedient, erlernt nicht eine fremde Sprache oder gar die Sprache seines Nationalfeindcs. begibt sich nicht in eine Fremdherrschaft, erweitert und befestigt nicht die Oberhoheit einer fremden oder gar feindlichen Macht über seine eigene Nation. Er tut damit nicht dem -Herrschaftsbereich seiner eigenen Nationalsprache Abbruch, sondern im Gegenteil, er schützt sie vor Vergewaltigung und Ausrottung durch die Sprache jeder mächtigen, herrschsüchtigen Nation. Für jeden, der aus irgendeinem Grunde darauf angewiesen ist. mit den Angehörigen vieler. verschiedener Sprachgemeinschaften zu verkehren, ist also die möglichst große Ausbreitung des Esperanto ein wahrer Segen. In Mittel- und Osteuropa herrschen z. B. 15 oder 16 verschiedene Sprachen. Wie soll ein Kaufmann oder Gewerbetreibender so viele Sprachen erlernen, um mit all diesen Völkerschaften verkehren zu können? Das Esperanto würde ihm die Aufgabe in ungeahnter Weise erleichtern. Allein, das Esperanto tut der eigenen Nationalsprache des einzelnen nicht nur keinen Abbruch, sondern im Gegenteil. es ermöglicht, diese intensiver zn pflegen durch die enorme Ersparnis an Zeit, welche jeder moderne Mensch, auch wenn er nicht besonders sprachbegabt, gezwungen ist, auf das Erlernen von fremden Sprachen zu vergeuden, die ihm weder Sympathie einflößen noch geistige Bereicherung bringen. Diese Zeit kann der hierzu Begabte nützlicher verwenden. indem er die alten, großen Kultursprachen erlernt: Hebräisch, Griechisch, Latein. Jeder, der ans eine gute Schulbildung Anspruch erhebt, braucht nur neben der eigenen Muttersprache das Esperanto zn erlernen, nnd die ganze Welt steht ihm offen, wenn das Esperanto die gewünschte Verbreitung gefunden bat. Man hat gegen das Esperanto den Einwnrf erhoben, es sei eine künstliche Schövsnng und könne die natürlich gewachsenen, urwüchsigen Sprachen nicht ersehen. Man vergaß dabei, daß das Esperanto die Nationalsprache gar nicht ersehen. verdrängen will, es will nur eine Hilfssprache sein neben den natürlichen Sprachen, und das leisten, wozu jene ohne Gewaltmaßregel» nicht imstande sind. DaS Automobil und das Fluaschiff sind ia auch künstliche Erfindungen, sie wollen das Pferd auch nicht ersetzen oder verdrängen, «nd leisten Großartiges dort, wo die Reichweite des Pferdes aufhört. (Schluß folgt.) aufgeschlossen, und ebenso, wir hingen in anderwärts kaum bekannter Gemeinbürgschaft eng zusammen, das erklärt sich gewiß nicht bloß aus dem jüdischen Schicksal: sondern eS ist ebenso die Frucht des religiösen Geistes, der uns unseren Stamm zu einer Schule der Hilfsbereitschaft gemacht, und so mit psychologischer Notwendigkeit das Gewissen für das Recht und daS Leid der Menschen, aller Menschen, geschärft hat. Wir haben den Kreis der religiösen Gedanken nicht verlassen: wir tun es auch nicht, wenn wir die praktischen Konsequenzen zu ziehen suchen» die sich aus dem hier beschriebenen Charakter der jüdischen Gemeinschaft ergeben. Wäre diese nichts als eine Summe von Bekennern des gleichen Glaubens, so ginge «ns zutiefst nur das Schicksal der Idee an, die ans eigener Kraft heraus, ihr Leben in der Erhaltung ihrer Träger und vielleicht auch in der Eroberung neuer zn erweisen hätte: aber wir sind eben mehr: wir sind ein über die ganze Welt zerstreuter Stamm, der leben mutz und sott. Daraus folgt, daß uns sein soziales und kulturelles Schicksal in ganz anderer Weise kümmert. Kein vernünftiger Mensch wird den Unterschied in der Lage und den Möglichkeiten der Judenheit von Ost und West verkennen: niemand wird auch die Tiefe unseres Kulturznsammenyanges mit dem deutschen Vvlke unterschätzen: aber wir fragen: was ist aus uns in den fünf Generationen geworden, seitdem die Emanzipatiou im Westen eingesetzt hat? Und nun geht cs uns nicht bloß um de» Inden, es geht uns vor allem um den Menschen in uns. Haben wir uns dem deutschen Volke in seiner Gesamtheit assimiliert oder nicht vielmehr einer relativ geringen sozialen Schicht in ihm, den Gewerbetreibenden, den Kaufleuten und Rechtsanwälten. den Aerzten und im freien Beruf Stehenden, einem kleinen Ausschnitt aus der Bolksgemeinöe, die seelisch, geistig nnd — wie die Dinge heute liegen — anch körperlich nur bestehen können, wenn aus breiter Tiefe volkhaften Grundes frisches Blut und neues Leben ihnen zufließt? Wir wollen gar nicht untersuchen, ob ans die Daner Religion irgendeine Religion mit dieser Geistigkeit heute noch vereinbar ist, wenn ihre Träger nicht svrt und fort aus der Tiefe des Volkes sich ergänzen. Wir sehen aber, daß wir zugrunde gehen, wenn es uns nicht möglich ist, wirklichen Anschluß an ein breites und tiefes Volksleben zu finden. Der Zionismus ist ein großer Versuch, die Nnnatürlichkeiteines verdorrenden Daseins in heroischer Anstrengung zn wenden. Wir begleiten das Anfbanwerk in Palästina darum mit herzlichster und tätiger Teilnahme. Wir sehen in ihm den Versuch, wenigstens für einen Teil des jüdischen Stammes, und sei es auch nur einen ziffernmäßig geringen, ein Leben in voller Natürlichkeit zu schaffen. Wir sind gewiß, daß gar nicht lange Zeit vergehen wird, nnd der nationale Jude Palästinas wird in vieler Hinsicht dem nichtjüdischen Dentschen ähnlicher sein, als viele deutsche Juden ihren nichtjildischen Mitbürgern: denn frisches Wirken in natürlicher Schichtung wird vieles glatten, was ein furchtbares Schicksal an uns gekrümmt hat. Wir hoffen von einem freien jüdischen Volksleben auf freiem Boden die Erhaltung, ja die Verjüngung unseres religiösen Geistes. Wir erblicken im Zionismus nicht den Weg nationalistischer Verengung und Verkrümmung des freien nnd aufrecht Menschlichen. sondern die Kraft und den Willen zu einem freien gottgewollten Arbeiten und Atmen ans dem Mnttcrboden Erde. Nicht bloß in Erez Israel: das soll unseren Blick nicht bannen. Wir sehen ja schon jetzt, wie erst seine Idee in dem Juden einen Geist der Natürlichkeit, der Ablösung von ausdorrenöer Jntellektualität groß gezogen, junge Menschen zur Religion der Väter zurückgcfnhrt und auch bei uns Ackerbauer nnd Handwerker aus ihnen gemacht hat. Wir schauen im Zionismus nicht das Schibboleth eines wütenden Streites zwischen deutscher und jüdischer Nationalität. als vielmehr das Symbol der Erziehung zu wirklicher Volkhaftigkeit, zum Eintauchen , in ein ulsprünalWS und echtes Leben. Die Ansiedlung zehntaUsender jüdischer Fanülien auf den weiten Aeckern des Somjetstaates'.Mt gewiß nichts mit den politisch nationalen Tendenzen zn tun, die sich auf Palästina kehren: aber wir müssen bekennen, es kann für den Juden, und zwar ganz besonders für den religiös erfüllten keine größere Freude Leben, als diese, datz er es erlebt, unser Stamm ist doch noch nicht dürr und abgestorben, er lebt nnd treibt neue Blüten. Und gerade wir, die wir als liberale Juden meinen, daß gar viel Staub und Schutt der Jahrhunderte uns den Zutritt zn unserem geistigen Gut verbaut hat, die wir in Freiheit nach dem Spruch unseres Gewissens eine Verjüngung und Neubelebung unserer Religion herbeiführen wollen, wie sollten wir anders denn mit tiefster, heiliger Freude auf dieses erhabene Werk der Neugeburt unseres Vvlkskörperö blicken., Die Disknsston. Dr. S e l i g m a un dankt beiden Redner««, die die Diskussion auf ein hohes Niveau geschraubt haben. Rechtsamvalt Stern bittet, die Diskussion offen zu führen. Dr. Freudenthal ist gegen die Oeffentlichkeit. Dr. W o l f f ist für die Oeffentlichkeit. Dr. W i l d e ist gegen die Oeffentlichkeit. Seliginann bittet, den Wlderspruch gegen die Oeffentlichkeit aufzngcbeu. Dr. Baeck spricht gegen die Oeffentlichkeit. Dr. Seliginann lehnt es ab, abznstimmen. Es bleibt also bei Ausschluß der Oeffentlichkeit. Dr. Seliginann eröffnet die «itznng nach der Mittagspause. Dr. Wilde berichtet von der Kassenprrffung. Dr. Elk-Stettin führt ans. daß er sich in seinen religiösen Anschauungen als Schüler Seligmanns fühle. Ein imte« res Verhältnis zu den früheren Kämpfen gegen den Z'.oniS- «nus besitze er «licht, er wisse von diesen Kämpfen nicht als Miterlebender. Es sei für ihn bereits selbstverständlich ge- «vordeil, datz die Blutsgemeiuschast der alleinige Boden der jüdischen Religion sei. Orthodoxie und Liberalismus nv.Uf* scheiden sich in ihrer Stellung zur Thora. Die Orthodoxie sagt, die Thora hätte auch anderen Völkern gegeben werden können. Der liberale Missionsgebanke sei für die Praxis nicht gut brauchbar. Clialnziuth sei aber pure Realität. Der Liberalismus muß Anschluß finden an die Bolksgememschaft «md i«n Sinne der Wiedergeburt wirken. Dr. Galliner-Berlin führt ans. daß die Gegensätze der heutigen Tagung auf den Gegensatz von alt und jung hinauslaufen. Er weist auf Dubnorv hin. dessen Werk er viele schöne Stunden danke, als einen anderen Zionismus wie er in Parteiversamrnlungen in Erscheinung tritt. Das Baecksche Buch sei grundlegend für unsere Auffassung von der jüdischen Religion, enthalte aber nichts von Zionismus (f. ,l. Antwort Baeck). Man müsse nmlernen dem Zionismus gegenüber und dem Zionismus dankbar seil'., daß er viele 'indifferente Kreise wieder der jüdischen Religio» zugeführt habe. Die jüdische Religion müsse bleiben: eine Weltreliamn. Dr. Grünewalö - Mannheim: Das Referat von Vogelstein enthielt eine freie Deutung der jüdischen Geschichte. Eine solche Deutung ist einem Liberalen nicht zn verarge«,. Die Frage ist aber, ob und wieweit man sich dabei von den wesentlichsten Grundlagen des Judentums entfernen darf. Diese wesensgemätzen Grundlagen behandelte Dr. Wiener. Bestimmen unter anderm Stammes- und Blutsgemeinschaft bas Judentum mit. so ist auch durch diese die geschichtliche Kontinuität des Judentums mit bestimmt. Somit ist auch für daS religiöse Judentum, ja gerade für daS religiöse Judentum, der praktische Zionismus in seinem Rechte errviesen. Aber auch aus einem andere«! Grunde müssen wir «NS mit dem Zionismus befreunden. Er verändert die Wirklichkeit, er irrt also das. wozu der

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