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Jüdisch-liberale Zeitung · 1927-04-08 · 14 (8.4.1927) · page 2

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
7 (1927)
Issue
14 (8.4.1927)
Date
1927-04-08
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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nicht an die Mode. So haben auch die Propheten getan. Und. wie den Propheten zur Ehre gereicht, daß sie aus der Kraft ihre- EwigkeitSbervubtseinS gegen das Volk und die allgemeine Mode ihrer Zeit standen und bestanden, so unS. daß wir aus der Sicherheit unsere- Ideals n-icht mitmachen an seiner Einengung und Verzerrung. Gewiß wollen wir unser liberales Judentum zur Anerkennung und zur Wirksamkeit bringen unter den Zionisten. Mer doch wahrlich nicht, indem wir selber zu Zionisten werden, sondern vielmehr, indem wir liberales Judentum bei uns bekennen und bei jenen propagieren. Der verkennt gründlich unsere ganze Kampfstellung, der da meint, wir führten einen Kampf gegen Zionisten oder gar gegen Chaluzim. Gegenstand unseres Kampfes ist immer nur der Zionismus, sind aber nicht die Zionisten. Kein neues, kein auch n-ur wesentliches Argument im Verlauf der ganzen Debatte und am Schluß kein Ergebnis! Der Wunsch nach Klärung war zweifellos berechtigt,- aber heißt das eine Klärung, daß man die Stellung jedem Einzelnen überließ? Die liberale Rabbinervereinigung hätte ihre Führerschaft bewähren können durch Lösung des offen zutage liegenden Problems. Ganz gleich, zu welchem Ergebnis sie gekommen wäre, ein Ergebnis wäre nötig gewesen. Hätte sie klar gesagt, die jüdische Prophetie findet ihre direkte Fortsetzung im Zionismus, es wäre verkehrt, aber es wäre doch eine Stellungnahme, es wäre eine Tat gewesen. Ganz ebenso selbstverständlich, wenn sie den Zionismus eindeutig abgelehnt hätte; das war die Tat, die wir erwarten durften. Weder das eine noch das andre geschah. Man hat das altbekannte Problem aufgerollt und dann offen stehen lassen. Niemandem ist damit gedient, unwohl berechtigt scheint die Frage, wozu man den ganzen Aufwand veranstaltete, wenn man am Schluß kein Ergebnis wollte. Gerade hier wäre Klärung und Klarheit nötig gewesen. Das Leben draußen mit seinen Parteikonstellationen und Konflvkten geht weiter. Die Männer, die berufen gewesen wären, eine klare Parole auszugeben, und die vielleicht auch die Autorität besessen haben würden, ihr Gefolgschaft zu werben, sie zogen sich hinter verschlossene Türen zurück; und das. waS sie dann uns hören ließen, ist bestenfalls geeignet, die schon bestehende Verwirrung zu vergrößern. Wir aber werden uns dadurch nicht entmutigen lassen. Müssen wir den Kampf gegen den Zionismus ohne die Vereinigung der Rabbiner führen —: gut, man wird uns aus dem Posten ftwden. Die Motive dieses Kampfes sind deshalb nicht weniger jüdisch nrrd nicht weniger religiös. *!p * Ferhandlungsbericht. Wir bringen nachstehend das Protokoll, von der Tagung der Bereinigung der liberalen Rabbiner Deutschlands, das uns von deren Schriftführer übersandt wird, in völlig unverändertem Wortlaut zum Abdruck. Die Red. Dr. Seli g ma nn-Frankfurt a. M. eröffnet die Versammlung und begrüßt die Kollegen, die in so stattlicher Zahl anwesend sind und dankt ihnen fiu ihr Kommen. Er begrüßt die Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde Berlin und erwähnt, daß Berlin es war, wo die ersten Kämpfe um den Liberalismus statt hatten. Ein gutes Omen, daß die Tagung in dem Saale der Berliner Gemeinde ftattfindet. Kammergerichtsrat Wolfs begrüßt die Versammlung im Namen des Berliner Vorstandes. Herr Dr. Klee begrüßt im Namen der Berliner Repräsentantenversammlung in einer längeren Rede. Die Versammlung könnte eine Schicksalsstunde bedeuten, wenn '^M' die Geister zu verbinden imstande sein würde. — Berlin. ,; zu wenig Rabbiner, daher ein Wirken ins Einzelne in " '^"lBtrlin unmöglich ist. Daher die Frage der Spezialisierung, der Rabbiner, um der Rabbinernot. die eine Not der Gemeinden ist, zu steuern. Rechtsanwalt Heinrich Stern begrüßt die Versammlung namens der liberalen Vereinigung Deutschlands. Die Einheit der liberalen Juden tritt im Gegensatz zur Orthodoxie zu wenig in Erscheinung. Er äußert zwei Wünsche: 1. Es muß der Emmes über den Scholaum gestellt werden. 2. Von einem liberalen Judentum ist auszugehen, das wirklich ist. nicht von einem konstruierten. Dr. Seligmann-Frankfurt a. M.. dankt den Begrüßungsrednern und sagt: Liberal sein, heißt tolerant sein, den anderen verstehen. Daher waren die jüdischen Gemeinden unter einer liberalen Majorität am besten aufgehoben. Liberales Judentum ist immer unterwegs. Dies trifft auch auf das heutige Thema der Rabbinerversammlung zu: Universalismus und Partikularisums. Zwischen beiden hat das Judentum seinen Weg immer gefunden. Wir wußten immer schon, auch vor dem Zionismus, daß das Judentum mehr ist als eine Konfession, also muß es heute einen Weg der Berstanl-igung geben. Die heutige Tagung soll Brücken schlagen, die Herzen verbinden. Man kann eingeschriebener Zionist sein und auch religiös-liberal. Das Ringen nach Klarheit verlangt, daß die Diskussion nicht öffentlich sei. Nachträgliche Begrüßung des Herrn Direktor Dr. H o lzman, des Seniors der Berliner jüdischen Gelehrtenwett. Ferner des Vertreters der Hochschule für die Wissen schüft des Judentums Herrn Professor Elbogen. Geschäftsbericht. Gedenken der Toten. Mitteilung vom Austritt des Kollegen Zloeisti. Neuanmeldungen Grünewald, Mannheim. Maybaum- Bingen a. Rh.. Prinz-Berlin. Elk-Stettin. 84 Mitglieder die Gesamtheit der Vereinigung, anwesend 89 Mitglieder. Gratulation an Perez. Tawrogi und David. Dr. Blume nthal-Berlin gratuliert Dr. Seligmann- Frankfurt zu seinem 25jährigen Amtsjubiläum und beleuchtet seine Verdienste um den liberalen Rabbinerverband und den Liberalismus. Dr. Seligmann-Frankfurt dankt in sehr herzlichen und gefühlvollen Worten. Den Vorsitz übernimmt Dr. Blume nthal, Dr. S e l i g m a n n hält das Referat: Weltkonferenz in London und Weltverband des religiös-liberalen Judentums. Referat Dr. Bogelstel«. Vielfach wird von dem Gegensatz von Zionismus und Liberalismus gesprochen, werden Zionisten und Liberale schlechthin als Gegner bezeichnet. Tatsache ist. daß viele Zionisten religiös liberal, Liberale zionistisch orientiert sind. Es scheinen also Kreise zu sein, die sich schneiden, also teilweise decken. Wenn die innerjüdisch-politische Einstellung der liberalen und der zionistischen Partei eine gegnerische ist, so könnte möglicherweise trotzdem Liberalismus und Zionismus theoretisch mit einander vereinbar sein. So wünschenswert um der Auswirkung der liberalen Ideen willen eine volle Uebereinsttmmung mit der jüdisch-politischen Haltung der liberalen Partei ist, so scheidet diese Frage hier zunächst aus: es ist lediglich die Frage zu erörtern» ob die national-jüdische Idee mit der liberalen gedanklich im Einklang oder im Widerspruch steht. Für die theologischen Erörterungen fehlt uns eine wissenschaftliche Zeitschrift, deren Notwendigkeit die Veröffentlichungen von Scheftelowitz. Baeck und Goldmann über die Frage des Dogmas in der Monatsschrift, die selbst eingehender Erörterung bedürfen, neuerdings zeigen. Aus der Systemlosigkeit der ersten Reformgeneration hat Abraham Geiger den Liberalismus herausgehoben durch seine theologische Begründung. Er hat den Begriff der Entwicklung als das methodische Prinzip des Liberalismus aufgezeigt und den Begriff der Tradition erläutert. Geigers theologische Arbeit hat bedauerlicherweise keine Fortsetzung im großen Stil gefunden. Es bedarf der Anwendung des methodischen Prinzips auf die einzelnen religiösen Ideen und Fragen, die so geschichtlich geprüft, systematisch erörtert und praktisch angewendet werden müssen. Alle Einzelfragcn sind mit diesen Grundfragen verflochten, aber wir können selbstverständlich mit der Erörterung der Einzelfragen nicht warten, bis die Grundlage unbedingt festgestellt ist. Die national-jüdische Frage muß in ihrer Verflechtung mit den liberalen Ideen betrachtet werden. Hierbei ist es ganz besonders die Idee des Universalismus, die mir mit der national-jüdischen Jdeee unvereinbar zu sein scheint. Abweichend von allen anderen alten Religionen ist die persische von Anfang an nicht national eingestellt gewesen, hat aber im Laufe der Entwicklung eine nationale Einschränkung erfahren, die zeitlich mit dem Herabsinken von ihrer früheren Reinheit parallel geht. Ob dieses Zusammentreffen in.ursächlichem Zusammenhang steht, bleibe ««erörtert. Das Judentum hat umgekehrt vvn nationaler Grundlage aus die Entwicklung zur Weltreligion erfahren. Für die Masse des Volkes bedeutete die Anerkennung des einen Gottes nur seine Anerkennung als Volksgott. Den ethischen Monotheismus, der von Anfang an der Sinn der israelitischen Religion war, haben die Propheten im Kampfe gegen die Bolksanschauung herausgearbeitet, die Idee des einen heiligen Weltengottes, der Erwählung Israels nicht im Sinne einer Vorzugsstellung, sondern einer Verpflichtung und Verantwortung, deren Nichterfüllung die Vernichtung Israels erfordern würde, die messianische Idee als allgemein-menschheitliche. So wird Israel zu dem von Gott gesendeten Messias, und auch von den Völkern wird Gott sich Priester und Leviten nehmen. Allerdings schwingen in den messianischen Weissagungen nationale ^Gedanken mit. Die Wiederherstellung nach dem Exil wird von den Propheten nicht als Selbstzweck, sondern als das unerläßliche Mittel zu diesem Zwecke angesehen. Die nachexilische Entwicklung hat — selbstverständlich mit manchen Rückschlägen und Abweichungen von dieser Linie — diesen Verlauf genommen. Das Streitobjekt zwischen Pharisäern und Sadduzäern war die Frage des Primats der Religion oder der Politik, die Grundlage der pharisäischen Anschauung die Forderung des allgemeinen Priestertums ganz Israels und damit nicht die politische, sondern die religiöse Aufgabe. Im Mittelalter zerfiel die Welt in zwei Welten, die christliche und die islamische, die nicht nur Gegensätze der Religionen, sondern auch der Kulturen waren. In diesen Heiden stand das Judentum, in beide verflochten, beiden verwandt, und doch beiden gegenüber selbständig. Der Begriff der Staatsreltgion machte das Judentum zu einem Fremdkörper und schloß es vom Anteil an der Allgemeinheit in fast allen Dingen aus. So wuchs um daö Relrgöse herum eine Fülle von Dingen, die dem jüdischen Leben eine eigene, von der Umwelt abweichende Färbung gaben, ganz abgesehen davosi, daß vieles, insbesondere charitative und Biloungsaufgaben selbstverständlich religiös bedingt sein mußten. Das Judentum ist eben ein Gebilde sui generis, und daS gilt auch von dem spezifisch religiösen Gebiet. Die Heranziehung anderer Religionen als Maßstab ist. wie das Fehlurteil Mendelssohns ganz besonders deutlich zeigt, verfehlt. Die Einengung des Judentums auf bloße Konfession entspricht nicht seinem Wesen, und wenn sie gelegentlich angewendet wird, so mag es einer augenblicklichen Verdeutlichung wegen geschehen, wie wir gelegentlich den Rabbiner als Geistlichen bezeichnen, ohne uns über die Verschiedenheit dieser Begriffe im unklaren zu befinden. War früher das Judentum wie jede andere Religion das selbstverständlich Gegebene, so mußte durch die Säkularisierung der Kultur die Spannung zwischen Religion und den sonstigen Dingen zu der Frage führen: Was ist Religion? was Judentum? welches sind die Grenzen? Wir alle wissen, daß der übersteigerte Rationalismus der hinter uns liegenden Zeit durch eine bedauerliche Unterschätzung der nichtrationalen Momente mehrfach fMgegriffen hat. Daß die Gegenwart nach der entgegengesetzten Seite über das Maß hinauszugehen scheint, iei nur nebenbei bemerkt. Die in der geschichtlichen Entwicklung unverkennbare Tendenz zum Universalismus und zur Lösung von allen partiknlaristischen Elementen, die durch das Mittelalter gehemmt war. mußte sich jetzt geltend machen. So hat man das Nationale vollständig abzustreifen gesucht. Interessant ist die Erörterung auf der zweiten Rabbinerversammlung jn Frankfurt, wo die Frage der hebräischen Sprache im Gottesdienst verhandelt wurde. Auf Geigers Einwand. Sprache ser etwas Nationales, erwidert Frankel: „Was religiös ist, müssen wir beibehalten, und wäre die Nationalität religws. so müßten wir auch ohne Scheu uns zu dieser bekennen. Der Wortlaut zeigt, daß auch Frankel die Nationalität mcht für etwas Jüdisch-Religiöses gehalten hat. Der Nationalitätsgeöanke, der im 19. Jahrhundert ganz besonders stark geworden ist, hat auch auf das Judentum übergegriffen. Er birgt die Gefahr in sich, daß das Judentum seines universalistischen Charakters entkleidet wird, und daß die von den Propheten bekämpfte Anschauung, die bas Judentum ansieht „wie die anderen Völkern alle", wieder in den Vordergrund gerückt wird. Damit würde aber der Gedanke der Erwählung Israels wieder von dem religvsen auf das nationale Gebiet iibertragen und seiner emineisten religiösen und ethischen Bedeutung beraubt werden. Die Sendung Israels ist nicht eine politische »der nationale, sondern eine religiöse und sittliche. Der Universalismus des Gvttesbegrisfs wie der Aufgabe Israels muß unter der nationalen Auffassung leiden. Nicht als nationale, sondern als geistige Gemeinschaft haben wir unsere Eigenart zu wahren. Die nationale Auffassung engt die große universelle religiöse Bedeutung des Judentums ein: _ denn sie würde die Ideen der jüdischen Weltreligion auf die zur jüdischen Nation Gehörenden beschränken. Darum kann auch die an Anschauungen Jehuda Halcvis anknnpfendclr:Anschauung nicht als richtig anerkannt werden, als sei das Judentum eine blutmätzig bedingte Gemeinschaft. Vielmehr ist Judentum von allem Nationalen unabhängig, daher' mit jeder Nationalität vereinbar, nur nicht mit der jüdischen. Das ist kein Widerspruch. Nationales und Religiöses liegen vielmehr auf verschiedenen Gebieten. Das Religiöse ist übernational, die Anerkennung des Jüdisch-Nationalen müßte aber das Religiöse stark beeinflussen, dem Judentum ein seinem innersten Wesen nicht entsprechendes, also falsches Ziel aufsteckcn und cs auf einen falschen Weg weisen. Damit aber ist zweierlei keineswegs gesagt: weder me Einschränkung der Aufgaben der Gemeinschaft auf die im engsten Sinne religiösen, noch die Leugnung dieser Gemeinschaft überhaupt. Es ist bereits bemerkt, daß das Judentum auch als religiöse Gemeinschaft ein Gebilde i--ui genens ist. das sich keineswegs in dem Begriffe der Konfession erschöpft. Und es ist ferner etwas ganz Selbstverständliches und in dem Gesagten ausdrücklich ausgesprochen, daß der jüdischen Gemeinschaft als solcher Aufgaben zu kommen, daß daher die universalistische Tendenz des Judentums diese Gemeinschaft fordert. Zwischen dem Individuum und der Menschheit steht die Gemeinschaft, in die der Einzelne einge- Dr. Elieser Ludwig Zamenhof. Der Schöpfer der Völkersprache Esperanto. Ein Gedenkblatt zu seinem 10. Todestage. 14. April 1827. Von Binjamin Segel. Das Sprachenproblem ist eines.der auälendsten und fc» unruhigendsten des modernen Völkerlebens. Das Erwachen der Nativnalsprachen. das zuerst in Italien während der Frührenaiffance einsetzte und dann in ganz Europa um sich griff, ermöglichte die überaus reiche Entwicklung und Verbreitung der modernen Bildung in den weitesten Volksschichten. Damit entstand aber auch die babylonische Sprachenverwirrung und die Entfremdung zwischen de» Völkern in Europa, die sich immer mehr steigert«, sich mit dem nationalen Chauvinismus verflocht, im 19. Jahrhundert von den NapoleonidenauS machtpolittschen Gründen zur Schürung des extremen Rationalismus benutzt wurde, einen großen Teil unseres Kontinents in ein Schlachtfeld verwandelt und schließlich im Verein mit territorialen und wirtschaftlichen Eroberunqsgelüsten den Weltkrieg herausbeschworen hat. Darum machte sich seit mehr als drei Jahrhunderten das Bedürfnis nach einer Bölkersprache immer mehr geltend, dem eine Reihe von hervorragenden Denkern und Forschern aller Länder lebhaften Ausdruck gab, u. a. Francis Bacon. Commenius. Blaise Pascal. Descartes. Leibniz. Locke, bis auf Tolstoi, Nietzsche und Wilhelm Ostwald. Wohlgemerkt: es handelt sich um eine Bölkersprache, nicht um eine Weltsprache im geläufigen Sinne. Als solche z. B. konnte im 18. Jahrhundert das Französische und in unseren Tagen das Englische und das Deutsche gelten. Allein, das sind Nationalsprachen, und wenn eine sich auSbreitet, so ist dies mit der politischen ober wirtschaftlichen Oberhoheit der betreffenden Nation verbunden. Es führt also zu einer feindlichen Rivalität zwischen den mächtigen Nationen und erweckt den Widerstand der kleinen, die sich in ihrer Unabhängigkeit oder gar Existenz bedroht fühlen. Eine Völkersprache, die die Nationen nicht verfeindet, sondern eint, müßte eine solche sein, die keiner Nation besonders gehört, sondern gleichmäßiges Eigentum aller ist und darum nicht den imperialistischen Gelüsten der Mächtigen dient. Es handelt sich also um eine künstlich zu schaffende Sprache. Solche Versuche sind vielfach unternommen worden. Der bekannteste war das Volapük, welches von dem am 16. August 1912 zu Litzelftetten bei Konstanz im 81. Lebensjahre verstorbenen katholischen Prälaten Martin Schleyer geschaffen wurde, das sich jedoch nicht bewährt hat. Ein großer, sieghafter Welterfolg war dem Esperanto beschieden, welches das Problem endgültig gelöst zu haben scheint. Der Schöpfer der „zwischenvölkischen Hilfssprache" fla internacia helplingvo) Esperanto ist der am 14. April 1917 zu Warschau verstorbene Augenarzt Dr. Ludwig Elieser Zamenhof. Er war in Biälystok. Gouvernement Gwdons, am 15. Dezember 1859 als Sohn eines Lehrers geboren. Großes Sprachentalent zeichnete ihn schon als Knaben aus Jn seiner Vaterstadt wurde Rnssisch- Weißruthenisch Polnisch, Jüdisch. Deutsch und Litauisch geredet. Obgleich die russische Bevölkerung hauptsächlich nur aus Beamten, Offizieren und einigen Kauflenten bestand, beherrschte das Russische als Staatssprache des Zarenreiches alle anderen, verdrängte sie, wurde den anderssprachigen Einwohnern mit Gewalt durch Schule, Amt und Garnison aufgezwungen. Diese Zustände regten den Knaben schon ans der Schulbank an, nach einem gemeinsamen Verständtgungsmittel zu suchen, welches alle diese verschiedensprachlichen Völkerschaften einen sollte, anstatt sie zu trennen und zu verfeinden. Von 1869 bis 1874 besuchte Zamenhof die Realschule seiner Vaterstadt, dann kam er ans das Gymnasium in Warschau, wo er bis 1879 studierte. Jn Warschau war der Haß gegen das aufgezwungene Russisch in allen Schichten der Gesellschaft nur noch bitterer. Indem Zamenhof den üppigen Formenreichtum des Lateinischen mit der großen Einfachheit des Englischen verglich, drängte sich ihm die Erkenntnis auf, daß die Entwicklung der Sprachen, im Gegensatz zu der der Organismen, nicht vvn der Einfachheit *ur Vielfältiak-'it der Formen führt, sondern umgekehrt. Das Ideal eine Sprache wäre also eine solche, deren Morphologie sich auf das allernotwendigste beschränken würde. Schon im Jahre 1878 vollendete er den ersten Entwurf einer solchen Sprache und fand damit den begeisterten Beifall seiner Schnlkollegen. Die Erwachsenen dagegen sahen mit größter Besorgnis auf diese phantastischen Schwärmereien des Jünglings herab, unb gute Freunde rieten seinen Eltern, ihn auf seinen Geisteszustand untersucl>en zu lasten. Der junge Mann mußte auch versprechen, die Arbeiten an seinem Projekte bis zur Beendigung der medizinischen Brotstuöien ruhen zu lassen. Zamenhof ließ sich davon nicht abschrecken. arbeitete, forschte, erprobte, verbesserte im Stillen seinen Entwurf, und nachdem er sich in Warschau als .Augenarzt niedergelassen und ein Sümmchen erübrigt hatte, gab er im Jahre 1887 in polnischer, deutscher, russischer und französischer Sprache ein Buch heraus, das den Titel führte: „Internationale Sprache von Dr. Esperanto iEsperanto — Hoffender). Es enthielt die Erklärung: „Die internationale Sprache ist. wie jede nationale, allgemeines Eigentum. Der Autor entsagt für immer allen persönlichen Rechten an ihr" Zwei Jahre hatte der Verfasser erfolglos nach einem Verleger für sein Geistesprodukt gesucht. Das Lehrbuch fand rasche Verbreitung. ohne daß der Name des Verfassers bekannt wurde. In demselben Jahre 1887 hatte die American Philosophie«! Society in Philadelphia an alle wissenschaftliche .Körperschaften der Welt Einladungen zu einem Weltkongreß er, gehen lassen, der die Prüfung der Frage einer internationalen Berständigungssprache vorbereiten sollte. Der Kongreß kam nicht zustande, der Plan einer internationalen Sprache erschien den Fachgelehrten utopisch, so daß die genannte Gesellschaft, trotz ihres großen Ansehens in der Welt, im ganzen fünf Antworten erhielt, allerdings vier zustimmende und eine ablehnende. Die Gesellschaft erhielt Kenntnis von dem Lehrbuch des Dr. Esperanto und erklärte die von ihm geschaffene Sprache als die geeignetste zu dem erstrebten Zweck. Die Sprache erhielt seitdem den Namen Esperanto und trat ihren SiegeSzug über die ganze Welt an. obgleich keine lärmende Reklame für sie gemacht wurde, keine Regierung sie „in die Hand nahm", um sie zu fördern und — zu ihren egoistischen machtpolitischen Zwecken auSzunutzen, obgleich keine weltberühmte Akademie ihre schützenden Fitticke über sie ausbrcitete. Offenbar entsprach die Idee des Esperanto einem tiefgefühlten Bedürfnis der Kulturmensrhheit. und die Sprach« besaß überdies alle Vorzüge ihrer Vorgänger ohne deren Mängel. Um einen Begriff von der Ausbreitung des Esperanto zu geben, genügt hervvrzuheben, daß es im Jahre 1889 erst drei Esperantovercinigungen gab. Kurz vor Ausbruch des Krieges aber gab es deren 2290 in 62 Ländern! Esperanto-Zeitschriften verschiedener Art. propagandistische, literarische und fachliche gab es 1914 etwa 120. die Esperantoliteratnr umfaßte bereits 3000 Werke, teils Urschriften, teils Uebersetzungen aus den besten Werken der Weltliteratur, darunter auch wertvolle wissenschaftliche. Die Ortsgruppen haben sich zu Landes- und Fachverbänden zufammengeschlossen. und im Jahre 1911 ist der Grund zu einer Zusammenfassung aller Esperantovereine der Welt gelegt worden. Die Universal» Esperanto-Asoeio hat sich die praktische Verwertung dieser Sprache namentlich in Handel und Berkehr zur Aufgabe

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