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Jüdisch-liberale Zeitung · 1927-04-01 · 13 (1.4.1927) · page 7

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
7 (1927)
Issue
13 (1.4.1927)
Date
1927-04-01
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
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sich heute entscheiden zu müssen. Die Bewilligung könne nur unter -er Bedingung erfolgen, daß der Haushaltsplan binnen 3 Wochen einer noch heute zu wählenden Etatskommission vorgelegt würde, baß eine Aufstellung über Steuerstundungen und Steuererlasse erfolge und die Gteueretngänge aus früheren Jahren besonders ausgezeichnet würben. Sollten die Abstriche vom Haushaltsplan bedeutend werben oder die Steueretngänge die Erwartungen übersteigen. so erwarte man eine Vorlage des Vorstandes, daß der Steuersatz ab späterer Zeit herabgesetzt werden könne. Nach kurzen Ausführungen des Rechtsanwalts Nothmann und Erwiderung vom Vorstandstische wurden die Anträge des Referenten Gins einstimmig angenommen. — Der BerwaltungSbertcht für die Zeit vom 16. Januar bis 15. März d. I. forderte die Bewilligung der Kosten für die Instandsetzung einer Rabbiner- und einer Kastellan-Wohnung und für die Herstellung eines Bildes des verstorbenen Rabbiners Prof. Dr. Guttmann. Die BergüiungSfätze für Grabpflege wurden genehmigt, die Auffüllung von vier Ehrenstiftungen beschlossen und verschiedene Legate angenommen. Eine kurze, geheime Sitzung beschäftigte sich mit -er Besoldung -er Bibliotheksangestellten, der Anstellung -es Beerdigungsinspektors Neumann auf Privatdienstvertrag und der Pensionierung bzw. Anstellung eines Hilfsschächters. Breslau. (Persönliches.) Am 26. März feierte Banküirektor Felix Sander, Gabitzstr. 76, ein eifriger Förderer jüdisch-liberaler Arbeit, seinen 60. Geburtstag. Bunde. (Verkauf der Synagoge.) Wir entnehmen dem „Hannoverschen Tageblatt" vom 22. März folgende Notiz: „Die schon seit einigen Jahren nicht mehr benutzte Synagoge der israelitischen Gemeinde Enger wurde am Freitag meistbietend versteigert. Sie ging für 145 M. in den Besitz des Kohlenhändlers Niemann über. Die Synagoge wurde nicht mehr benutzt, da die israelitische Gemeinde auf drei Familien zusammengefchnwlzen ist." Dresden. (Aus dem Gemeindeleben.) Der deutsch-jüdischen Jugewdgemeinschaft. Ortsgruppe Dresden, und dem Bund jüdischer Jugend „Kadimäh". Dresden, ist auf ihre Eingabe an den Gemeinderat, am Freitagabend einen zweiten Gottesdienst für Berufstätige abzuHalten, mitgeteilt worden, daß der Gemeinderat bereit ist. der jüdischen Jugend Gelegenheit zu geben, am Freitagabend gemeinsam zu beten. Die Bestimmung der Gebetordnung bleibt dem Rabbinat überlassen. Die Regelung aller sonstigen Angelegenheiten wird von der Gemeinde, die sich zur Uebernahme der entstehenden Kosten bereiterklärtc. dem SynagogenauSschuß übertragen. Frankfurt a. M (Aus der Gemeindevertretung.) Die Sitzung der Gemeindevertretung vom 23. Marz 1927 wurde unter dem Vorsitz von Dr. Merzbach eröffnet. Zu Beginn der Beratung beantragt die Finanzkom- Mlssion. die die Jahresbilanz nebst dem Revisionsbericht eingehend geprüft hat, die verfassungsmäßige Entlastung, sie stellt gegenüber dem ursprünglichen Haushaltsetat Mehreinnahmen von 46 314 Mark urrd Minderausgaben von 78 927 Mark fest. Neben einer Kreditbewilligung von 8000 Mark für die Augenstation des Krankenhauses, die 7^,'ten des Extraordmariüms für das Rechnungsjahr 1927/28 gehen soll, ermäßigt man den Pachtzins für die rNazzenbäckereien. Dann folgt der Bericht der liberalen Kultuskommission über die Interpellation Dr. Geiger (llb.), die an den Gemeindevorstand nachfolgende Anfrage stellt: „Ist dem Gemeindevorstand bekannt, daß in der Synagoge in der Königsteiner Straße der Gottesdienst gegenüber den Texten des Seligmannschen Gebetbuches willkürlich geändert ist, daß insbesondere an den Freitagabenden Eine Reihe von Chören weggelassen sind, andere Chöre deut- Mör Sprache durch hebräische Gesänge ersetzt sind, daß also Abänderungen des Ritus oder jedenfalls des Gebetbuches chorgenommen worden sind. . . . Was gedenkt der Gemeinöevorstanö gegen diese verfassungswidrigen Zustände zu tun?" Der Ansicht, daß es sich hier um eine Aenderung des Gebetbuches handele, für welche nur Gemeindevorstand und Gemeindevertretung zuständig seien, tritt Landsberg (ltb.) tm Namen der Kultuskommission entgegen. Nachdem Meyer (kons.) für seine Franklion Stimmenthaltung erklärt hat. da diese die ganze Angelegenheit als eine rein liberale ansieht, unterstützen Wolfs (jüdische Volkspartei). Dr. Mainzer (lib.) und Stiefel (lib.) die Darstellung von Dr. Geiger. Die Gemeindevertretung tritt schließlich in ihrer Mehrheit der Auffasiung des Interpellanten bei und erklärt sich gegen die Kultuskommtssion. Der Vorsitzende der Gemeindevertretung wird dann beauftragt, anläßlich des 25jährigen Amtsjubiläums von Rabbiner Dr. Seligmann die Glückwünsche der Gemeindevertretung zu übermitteln. Den Wahlvorschlägen gemäß werden in der Synagoge am Börneplatz Leo Goldschmidt und Jacob Rothschild statt der turnusmäßig Ausscheidenden L. Grünebaum und E. Mokrauer, in der Königsteiner Synagoge Dr. Alfred Strauß und Dr. Paul Hahn statt der Ausscheidenden E. Marx und M. Strauß gewählt. Für die jüdisch-musikalischen Veranstaltungen, die während der Ausstellung „Musik im Leben der Völker" in Aussicht genommen sind, wird ein Garantiefond bis in Höhe von 1600 Mark von der Gemeinde übernommen. Sonöheimer teilt mit, daß die Etatsberatungen des Vorstandes wohl nächste Woche zu Ende gehen werden und daß erst dann Vorlage wegen des Steuersatzes gemacht werden könne. In der anschließenden Debatte stellt Dr. Mainzer namens der liberalen Fraktion folgenden Antrag: Die Gemeindevertretung wolle den Vorstand ersuchen: 1. den gemischten Steuerausschuß mit Prüfung der Frage zu beauftragen, ob nicht durch Erschließung anderer Steuerquellen (z. B. Zuschlag zur Reichsvermögenssteuer. Erfassung der Körperschaften (Erwerbsgesellschaften usw.) eine weitere Senkung der jetzigen, nur auf Zuschlägen zur Reichseinkommensteuer der physischen Personen beruhenden Kultußsteuer erzielt und damit eine sozial gerechtere Verteilung der Steuerlasten erreicht werden kann. Syndikus Dr. Mayer (kons.) hält eiu religionsgesellfchastliches Gesetz der preußischen Gemeinden für geboten, bevor die Gemeinde dies allein durchführe. Nach einer Erwiderung des Dr. Mainzer wird der Antrag einstimmig ^"genommen. Der Vorstand beantragt für eine einmal im Juhr stattfindende Gemeindeversammlung 500 Mark zu bewilligen. Dr. Geiger (lib.) im Prinzip durchaus einverstanden, befürchtet nur, da der Etat nach Abschluß der Dorstandsberatungen in der Gemeindeversammlung vor der Verabschiedung durch die Gerneindevertreter besprochen werden soll, eine weitere Verzögerung in den Etatsveratungen. Dr. Katzenstein (kons.) verspricht sich von diesen Gemeindeversammlungen eine Stärkung des Gemeindeinteresses. Schließlich spricht die Gemeindevertretung Rabbiner Dr. Salzberger ihren Dank für die würdige Vertretung der Gemeinde anläßlich des Volkstrauertages aus. Die Sitzung wird für den Rest der Tagesordnung nicht für öffentlich erklärt. Hoof. (7 5 Jahre „Humanität".) Der Wohltättgkettsverein „Humanität" konnte auf ein 73jährigeS Bestehen zurückblicken. Aus diesem Anlaß fand am vergangenen Sonntag ein Festgottesdienst statt, bet dem Lehrer Schilling in einer auf den Jubiläumstag bezug nehmenden Ansprache einiges aus der Geschichte des Vereins mttteilte und die segensreichen Wirkungen -es Zusammenschlusses im Verein kennzeichnete. Bei dem nachfolgenden Festessen wurden die langjährigen Mitglieder M. Goldschmidt in Kassel, Gustav Gumpert und Harry Wertheim in Hoof zu Ehrenmitglieder ernannt. KvuigSberg. (Bon der Repräsentantenwahl.) Da der Wahlausschuß für die Repräsentantenversammlung von den drei eingereichten Listen nur -te -er Gemeinde« vereinler. Orthodoxen, Zionisten und Chassidisten für gültig anerkannt und die liberale und neu« mittelparteiliche Liste kassiert hatte, so gilt -te erstgenannte Liste als die allein gültige für gewählt, ohne daß, wie vorgesehen, am Sonntag, den 20. März eine Wahlhandlung stattfand. Sämtliche Parteien haben sich bereit erklärt, Proteste gegen die Wahl nicht zu erheben, dagegen ist im Wege der freien Vereinbarung folgendes beschlossen worden: die auf der allein gültigen Lifte gewählten Kandidaten erklären sich aus Gründen der Gerechtigkeit bereit, sofort nach ihrer Wahl die Aeniter niederzulegen. Es wird dann voraussichtlich Anfang Mai zu einer neuen Repräsentantenwahl kommen, bei der die Liberalen dem Kompromiß der Gemeindevereinler. Orthodoxen. Zionisten und Chassidisten beitreten und auf dieser Liste vertreten sein werden. Die neue jüdische religiöse Mittelpartei hat sich dem Kompromiß jedoch nicht angeschlossen, so baß nunmehr ein Wahlkampf zwischen der Mittelpariei und dem Großblock stattfinden wird. Ferner wtrd uns noch mitgeteilt: Der Vorstand der Synagogvngemeinde gibt nunmehr öffentlich bekannt, daß als Repräsentanten auf die Dauer von drei Jahren die Kandidaten der KomproMißliste der Gemcindevercinler, Orthodoxen, Zionisten. Chassidisten und Liberalen (Spitzenkandidat Ziegeleibesitzer Lesser Hirsch) und auf die Dauer von 6 Jahren die Kompromißliste der Gemeindevereinler, Orthodoxen, Zionisten und Chassidisten unter Ausschluß der Liberalen (Spitzenkandidat Universitätsprofessor Dr. Rudolf Cohn) gewählt worden sind, ihr?lmt niedergelegt haben. Es ist deshalb die Neuwahl von 14 Repräsentanten erforderlich. für die als Wahltermin Sonntag, der 1. Mai festgesetzt ist. Zum Wahlleiter ist wieder Rechtsanwalt und Notar Dr. Julius Jocvbi II ernannt worden. Königsberg i. Pr. (SitzungdesRepräsentanteukollegi-ums.) In der letzten Sitzung des Repräsentantenkollegiums erstattete her Borstan-d einen ausführlichen Bericht Wer den Bau des neuen Gemein'defriedhvfes am Hammerweg. Die Gesamtkosten hierfür würden nach einem Anschlag des bekannten Architekten Erich Mendelsohn-Charlottenburg 120—140 000 Mark betragen. Die Kosten sollen aus vorhandenen Geldern, ans Geländeverkäufen an den Magistrat und aus einer aufzunehmenden langfristigen Anleihe bestritten werden. Sodann legte der Vorstand dem Kollegium den Etat für den Zeitraum vom 1. April 1927 bis zum 31. Mürz 1928 vor. der nach eingehender Prüfung und Erläuterung durch den Repräsentanten Fabian angenommen wurde. Der Vorstand wurde ermächtigt, 235 000 M. durch Umlage auf die Gemeindemitglieder anszunehmeu. Der Vorsitzende der Finanzkommission, Kaufmann Elias Hirsch, führte ans, daß die Einkommensverhältnisse der Gemeindemitglieder sich im letzten Steuerjahre erfreulicherweise derart gebessert haben, daß mit einer weiteren nicht unerheblichen Steuerermäßigung gerechnet werden kann. Auch die Kosten für die Synagogenplätze würden herabgesetzt werden. Dem Königsberger jüdischen Kinderhort und dem jüdischen Krankenhaus in Memel wurden Subventionen bewilligt. Schweidnitz. (Persönliches.) Am Freitag, den 8. April, begeht Herr Erich Kohn mit seiner Gattin das Fest der silbernen Hochzeit. Wallertheim. (Jubiläum.) Der hiesige Wohltätigkeitsverein Chewra Gemillus Chessed, dem Mitglieder der hiesigen Gemeine und der Nachbarorte Armsheim und Gaubickelhoim angehöreu, feierte dieser Tage sein 75. Stiftungsfest durch Gottesdienst, bei dem Bezirksrabbiner Dr. Lemit-Alzey nach einer Begrüßungsansprache des Vorsitzenden Jsaac eine eindrucksvolle Festrede hielt. Wyk auf Föhr. (Das Heim des jüdischen Frauenbundes.),' Das Heim für tuberkulös gefährdete Kinder und weibliche Jugendliche wird, nachdem die notwendigen Umbauten vollendet sein werden, voraussichtlich am 1. Juni eröffnet werden können. Für eine Wyker Kur geeignet sind Kinder mit überstandener Tuberkulose. Skrvphulose, mit Drüsen- und Bronchialkatarrh usw. Don der Aufnahme ausgeschlossen sind tuberkulosekranke Kinder, Kinder mit ansteckenden Krankheiten sowie nur Erholungsbedürftige. Das Heim steht unter fachärztlicher Leitung (des Herrn Dr. Gundermann, leitendem Arzt der Schöneberger Heilstätte der Stadt Berlin in Wyk auf Föhr) und wird alle modernen Kurmittel zur Anwendung bringen; es trägt daher den Charakter einer Heilstätte. Der Pflegesatz (einschließlich Kurtaxe, Arzt, Kurmittel) beträgt für alle Insassen 4 M. täglich. Es können etwa 28 Kinder von 1 bis 14 Jahren (Knaben und Mädchen in getrennten Kolonien) gleichzeitig ausgenommen werden. Außerdem ist das Heim dafür eingerichtet, auch 4 bis 6 weibliche Jugendliche bis 18 Jahren mindestens für 3 Monate aufzunehmen. Man hat diese neue Maßnahme vorgesehen, nm solchen Mädchen, die nach beendeter Schulzeit und während der erstell Berufsjahre durch eine geschwächte Konstitution der Tuberkulosegefahr leichter auSgesetzt sein können, durch mehrmonatlichen Aufenthalt an der See, bei geeigneter Ernährung, sonstiger Kurbehandlung und unter ärztlicher Aufsicht stehender Beschäftigung die notwendige Gesundungsmöglichkeit zu bieten, die ausschlaggebend für das ganze spätere Leben sein kann. Jede Kurperiode ist auf sechs Wochen berechnet; in Ausnahmefällen kann sie auf Wunsch des Arztes verlängert werden. Zur Anmeldung erbitte man Fragebogen, die alle notwendigen Angaben enthalten, bei der „Anmeldestelle für Wyk auf Föhr", per Adresse Geschäfts st eile des Jüdischen Frauenbundes, Berlin C 2, Rosen st raße 2—4. Die endgültige Enrscheidung über die Aufnahme liegt in den Händen des Vertrauensarztes. Herrn Dr. Rudolf Neuwann, Berlin. Nach Eingang der Anmeldungen wird entschieden werden können, ob die erste Kurperiode für Mädchen oder Knaben eingerichtet wird. Die besondere Station für weibliche Jugendliche bleibt durchgehend geöffnet. Kleine Zeitglossen. Wozu die Mühe? Zur selben Stunde, da in Berlin die letzte Tagung deS preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden begann, waren in W ien die Repräsentanten der verschiedensten Völker und Weltanschauungen versammelt. um dem Genius Beethovens zu huldigen. Es fanden sich da u. a. auch Politiker zusammen, die sonst als Vertreter ihrer Staaten manch harten Strauß am grünen Tisch miteinander auszufechten haben. Aber in dieser Stunde der Weihe wurde alles Trennende znrückgestellt und das Einigende des großen Menschheitsgedankens vorangestellt, dessen Verkünder es zu feiern galt. Bon der preußischen Landesverbandstagung ist leider das Umgekehrte zu berichten. Hier war die Einheit von Haus aus gegeben, nur die Meinungen, ob eß sich um eine religiöse ober eine nationale Einheit handelt, gingen auseinander, und die Diskussion hierüber nnhm viel Zeit und Energie in Anspruch, die beide für wichtigere Dinge besser angewenbet gewesen waren. Zwar flackerten auch in dieser Versammlung die Namen großer Verkünder des Menschheitsgedankens auf, der Geist JesaiaS wurde zitiert, aber es war nicht der Propchet deS messianifchen Friedens, den man berief, sondern der — Zionist JesaiaS. Auch ander« biblische Verkünder des GoUesworts wurden als Kronzeugen für das Baseler Programm geführt, unerwähnt blieb leider der Prophet Jonas, dessen Erlebnis mit dem großen Fische eine fatale Aehnlichkeit mit dem Schicksal des Zionismus bei den Briten aufweist. In einer Zeit politischer Not hat England das zionistische Programm geschluckt (siehe Balsour-Deklaration!). aber seither liegt die Forderung nach einer jüdischen Heimstätte in Palästina der auf die arabischen Sympathien angewiesenen Mandatarmacht unverdaut im Magen, und es ist wohl nur eine Frage der Zeit, wann sie wieder ausgespien werden wird... Da es aber vorläufig noch nicht soweit ist, bekam man richtig auch auf der Berbandstagung der preußischen Judengemeinden. die doch wahrhaftig viel näherliegende Sorgen haben. Propaganda für den Aufbau Palästinas zu hören. Liberale Redner griffen den in die Debatte geschleuderten Zankapfel notgedrungen aus, und so kam es unmittelbar nach erschütternden Schilderungen der geistigen Not deutscher Gemeinden, in denen es keinen Religionsunterricht gibt, und der materiellen Not schlechtbezahlter Knltusfunktionäre und gar nicht bezahlter jüdischer Arbeiter. denen der Antisemitismus der anderen und öaS Unverständnis der eigenen Glaubensgenossen jede Existenzmöglichkeit raubt, zu politischen Disputationen ü b e r W e l t a n s ch a u u n g s f r a g e n! Wozu die Mühe? Die Proselytenmacher konnten von Haus aus nur zwei Möglichkeiten ins Auge fassen: Entweder ist die Ueberzeugungstreue aus allen Seiten so gefestigt, daß sie auch den schlagendsten Argumenten der Gegner gegenüber unerschüttert bleibt, — dann war alle Liebesmühe umsonst. Oder der beiderseitige Bekehrungseiser ist von Erfolg gekrönt. dann werden — eS ist nicht anszudenken! — die bisherigen Liberalen zu Zionisten und die früheren Zionisten zu Liberalen. Die alten Gegensätze blieben doch auf jeden Fall erhalten. Also wozu die Mühe? Der brave Mann... Für die richtige Führung der jüdischen Gemeinüewählerlisten in Berlin ist bekanntlich der Direktor Kareski verantwortlich. der es liebt, den braven Mann zu spielen, an dessen Gewissenhaftigkeit und Unparteilichkeit nicht gezrveifelt werden darf. Es berührt daher schon ziemlich sonderbar, besagten Herrn samt Gattin im Nachtrag (!) zn den von ihm selbst geführten Liften zu finden. Immerhin kann man als Entschuldigung den Schiller-BerS anführen: „Der brave Mann denkt an sich selbst zuletzt!" Aber merkwürdigerweise ist derselbe Herr samt Gemahlin auch schon in der Hauptliste ordnungsgemäß verzeichnet und das ist — minder brav! Denn aus diese Weise,kommt der Wackere in den von ihm selbst so überaus gewissenhaft geführten Listen zweimal vor, und diese Doppelexistenz entschuldigt auch der Goethe-Ders nur höchst unvollkommen^ „3 jd e i Seelen wohnen, ach. in meiner Brust," nämlich die des beeideten Genie in debe amten und die des zionistischen Partcimcmns . . . Gleichberechtigung. Ein Jude ist zum Vizepräsidenten der,Berliner Polizei ernannt worden. Ein schöner Beweis für die Tatsache, daß in Preußen die jüdische Gleichberechtigung nicht bloß ans dem Papier steht. Rechtsgerichtete sahen darin allerdings noch mehr als bloße Gleichberechtigung: Sie werteten das Ereignis als ein neues Symptom des Anbruchs der Juden h er r f chas t. Es galt also, auch in diesen Leuten das Gefühl ihrer Gleichberechtigung neu zu stärken. Gelegenheit hierzu gab gleich der nächste Sonntag.. Es war ein wunderschöner Frühlingstag, der die Großstädter ins Freie lockte, wo sich dann jeder auf seine Art vergnügte. Hakenkrenzler taten dies, indem sie. 600 Mann stark, über eine kommunistische Musikkapelle hersielen und den Eisenß bahnwaggvn. in dem ihre Gegner saßen, ein bißchen demolierten. In einem Staate, in dem das Prinzip der ikkst gemeinen Gleichberechtigung nicht so hoch gehalten wird wie in Preußen, hätten die Behörden wahrscheinlich gegen diese ein wenig exzentrische Art der Sonntagheilignng Einspruch erhoben. Die Berliner Hakenkrenzler aber durften ihren individuellen Regungen, ungehindert von der „jüdischen Tyrannei", unter der sie sonst zu schmachten vorgeben, im vollen Umfang ihrer Leidenschaft frönen. Sie konnten also nicht nur einen glorreichen Sieg völkischer Gummiknüttel über kommunistische Musikinstrumente feiern, sondern sich nach vollbrachter Heldentat auch noch zu einem regelrechten Trinmphzug über den ganzen Kurfürstendamm formieren. Erst am nächsten Tag erinnerte man sich in den Amtsstuben, daß solche Formierungen im Stadtgebiet gesetzlich verboten sind, und untersagte daher mit löblichem Eifer eine — Beethoven-Feier, die ein Gesangverein auf dem Platz der Republik hatte veranstalten wollen. Die Gleichberechtigung erstreckt sich eben auch aus Beethoven. Und dagegen wäre vom Standpunkt der staatlichen Ordnung sicher nichts einzuwenden, wenn nicht als Opfer des behördlichen Gleichberechtigungstaumels ein paar jüdische oder auch nur jüdisch aussehende Sonntagsbummler beiderlei Geschlechts auf dem Kurfürstendamm blutige Köpfe davongetragen hätten. Man glaube aber nicht etwa, daß die Polizei bei diesen Exzessen nicht anwesend war. In diesem Falle wäre ja ihr Nimbus als Wahrerin der völkischen Gleichberechtigung erheblich blässer. Nein, die Schupoleute begleiteten vorschriftsmäßig die expedierende Hakenkreirzlertrnppe. Aber sie faßten ihre Vorschrift mit jener Wörtlichkeit aus, durch die Till E u l e n s p i e fl e I berühmt geworden ist. Jede Handlung, die über die enggezogenen Grenzen des Begriffs „begleiten" hinausgeht, lehnten sie konsequent ab. Ein Schuvomann, den ein Verprügelter um Schutz bat, machte sich flugs — auf der anderen Straßenseite zu schaffen (bitte, das habe ich nicht aus den „Fliegende» Blättern", sondern aus dem „Berliner Tageblatt", wo ein Augenzeuge seine Beobachtungen schilderte). Das erschien denn doch auch den Gottsobersten zuviel des Guten. Zwei Polizeioffiziere, die st-att für den Schutz des Publikums für ein — Ehrengeleit der Hakenkrenzler gesorgt hatten, wurden ihres Amtes enthoben, und der Mannschaft wurde eingeschärft, jeder Bitte Bedrohter um Einschreiten bereitwillig Folge zu leisten. (Bisher hatte man einen Polizisten, der angesichts eines Straßenexzesses um sein Einschreiten erst gebeten werden muß, für eine boshafte Witzblatterfiiidung gehalten!) Aber diese nachträgliche Energie der Behörden kann zum Glück den Nimbus des glorreichen Sonntags nicht mehr trüben. Jetzt wissen die Juden, daß sie gleichberechtigt sind, weil einer der Ihrigen Polizeivizepräsident werden konnte, und die Hakenkrenzler wissen, daß sie auch gleichberechtigt sind, weil die Polizei ihren seelischen Regungen so weitgehendes Verständnis bewies. Unzufrieden werden bloß die paar harmlosen Bummler vom Kursürstendamm sein, denen die hohe Politik nicht in die blutig geschlagenen Köpfe will. Aber was tut das? Erstens wird niemand gezwungen, aus dem Kurfürstendamm zu bummeln, da die Beistellung geeigneter Exekutionsobjekte für völkischpolitischen Betätigungsdrang noch immer nickt in den Aufgabenkreis republikanischer Polizeibehörden fällt, und zweitens werden die Nörgler doch niemals aussterben. Allem kann man es eben nicht recht machen . . . Lasker. der — Großbeutsche. Das „Israelitische Familienblatt" hat eine eigene Beilage für Geschichte und Kultur. Aber die sensationellsten historischen Erkenntnisse vermittelt es in seirrrw poli-

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