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Jüdisch-liberale Zeitung · 1927-04-01 · 13 (1.4.1927) · page 5

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
7 (1927)
Issue
13 (1.4.1927)
Date
1927-04-01
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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7. Jahrgang Nummer 13 IMchlLemleZeiümL Beklage I. Aprll lSL? Tagung des liberalen Labbinerverbandes. Debatten hinter verschlossenen Türen. An anderer Stelle unseres Blattes finden unsere Leser Proteste des Vorsitzenden der Bereinigung für das liberale Judentum und der jüdisch-liberalen Jugendorganisationen gegen das völlig unverständliche Verhalten des Liberalen Rabbiuerverbandcs gegenüber den führenden liberale« Richttheologeu. Unsere Redaktion war gleichfalls zu der gesamten Tagung eingeladen nnd erfuhr erst bei der Eröffnung, datz die Rabbiner Scheu davor habe«, die Diskussion über die Stellung des religiös-liberalen Judentums zum Zionismus öffentlich zu führen. Hierdurch wurde cs uns zu nnserm Bedauern unmöglich gemacht, anf Grund eigener Anschauung unser« Leser objektiv zu informieren. Wir geben nachstehend einen kurzen Borbericht, de« uns der Schriftführer des liberalen Rabbinerverbandes übersandt hat. Die darin wiedergegebene Resolution bemüht sich offensichtlich, an allen entscheidenden Fragen vorbeizngehen. Mit dieser Resolution begeben sich die liberalen Rabbiner ihrer Führerrolle und nützen weder sich selber noch dem Ansehen des liberalen Judentums. Die Vereinigung der liberalen Rabbiner Deutschlands hat am 29. März 1927 im Repräsentantentsaal der jüdischen Gemeinde Berlin unter reger Beteiligung ihre ordentliche Mitgliederversammlung abgehalieu. Anwesend waren 39 liberale Rabbiner aus allen Teilen Deutschlands. Der Vorsitzende der Bereinigung. Rabbiner Dr. Seligmann-Frankfurt a. M., eröfsnete die Tagung, begrüßte die erschienenen liberalen Rabbiner nnd hieß die eiugeladenen Ehrengäste willkommen. Bon diesen dankte llammergerichtsrat Wolfs als Vertreter des Vorstandes der jüdischen Gemeinde Berlin, R.-A Tr. Klee als Vertreter der Repräscntantenversammlung R.-A. Heinrich Stern als Vertreter der Vereinigung für das liberale Judentum. Von Vertretern der jüdischen Wissenschaft waren anwesend Pros. Tr. Ellbogen und Dir. Dr. Holzmann. Dr. Seligmann wies ans die Bedeutung der Tagesordnung hin, deren Hauptpunkte ein Bericht des Vorsitzenden über „Weltkonferenz in London" nnd „Weltverbaud des religiös-liberalen Judentums" nnd die Referate Vogelstein- Breslau, Wiener-Berlin über „Stellnng des religiös-liberalen Judentums zum Zionismus" waren. Nach den Referaten fand eine eingehende Aussprache statt, deren Ergebnis nachstehende, einstimmig angenommene Resolution war: „Die Vereinigung der liberalen Rabbiner Deutschlands erklärt. daß der Grundcharakter des Judentums religiös ist und bleiben muß sie lehnt jeden Versuch der Deutung des Judentums als eines ausschließlich nationalen Gebildes entschieden ab. Sie überläßt es dem persönlichen Verantwortungsgefühl eines jeden einzelnen, welche Stellung er gegenüber dem Zionismus einnimmt. Sie hofft, daß. die Besiedlung Palästinas in einem Geiste erfolgt, der eUue Belebung der jüdischen Religiosität verbürgt." Wir behalten uns vor, auf die Tagung noch gelegentlich surückznkommen. Zionismus und liberales Judentum. Eine verhinderte Diskussionsrede von Rechtsanwalt Heinrich Stern- Berlin. Sehr geehrte Herren Rabbiner! Wenn ein Laie in diesem Kreise das Wort ergreift, um nach zwei vortrefflichen Referaten Ihnen seine Meinung zu sagen, so geschieht dies in aller Ehrerbietung vor den Männern gröberen Wissens, dennoch aber in dem Gefühl, -atz es sich hier um eine Weltanschanungsfrage handelt, in der mehr das Gewissen als das Wissen entscheidet, und in Genüsseusfragen haben wir Juden ja keinen bevorzugten Stand. Ich habe den Eindruck, daß von den beiden Herren Referenten vieles Vortreffliche über das liberale Judentum gesagt worden ist, und daß sie trotz mancher Gegensätze sich in der Auffassung von Liberalismus und Universalismus durchaus nahe stehen. Es ist auch für mich selbstverständlich, daß der Universalismus nicht die Auflösung aller historisch gewordenen Gruppen bedeutet, mag man sie nun Nation oder Stamm nennen, sondern daß der Weg zur Menschheit theoretisch genau so gut über das Einzelindividuum wie über die zur Einheit gewordene Gruppe von Individuen gehen kann. Ich hätte es jedoch für zweckmäßiger gehalten, vor einem Kreise liberaler Rabbiner das liberale Judentum im wesentlichen als etwas selbstverständlich Bekanntes vorauszufetzen, und dieses Bekannte nur kurz noch einmal ins Gedächtnis zu rufen, hingegen die Aufmerksamkeit der Mannigfaltigkeit national-jüdischer Erscheinungen nnd Auffassungen zuzuwenden. Zeigt sich doch, daß jedenfalls in diesem Kreise heute eine viel größere Einigkeit über den religiösen Liberalismus besteht, als über den Begriff und die Wirkung des Ngtionaljndentnms. Es ist mir eine außerordentlich erfreuliche nnd beglückende Erscheinung, daß beide Referenten die Konfcssionaliiüt des liberalen Judentums ablehnen, die Gemeinschaftsgrundlagen nnd -aufgaben auch unserer Bewegung bejahen und die universalistische Tendenz des Liberalismus als selbstverständlich voraussetzeu. Wenn von dieser nahezu gleichen Grundlage ans beide Referenten sich dem Nationaljudcntum gegenüber entgegengesetzt einstelleu, so kann der Grund nur darin liegen, das; jeder von'ihnen sich mit einem anderen Nntionaliudentrmi beschäftigt hat als der andere. Ich muß beiden Herren Vorhalten, daß sie, indem sie diese vielfältigen Ausfasinngen im Natioualjudcntuin nicht voll berücksichtigt haben, gerade an den Schnittpunkt von Liberalismus und Nationaljudentmn gar nicht herangekommen sind. Der erste Herr Referent lehnte eine Annahme nationaljndischer Ideen für die Liberalen ab, weil er von einem Nationaljudentum ausging, das das Nationale nicht nur als Herkunft des Judentums, sondern auch als ihr alleiniges Endziel ansieht, und die Religion als eine hinter dem Nationale» zurücktretende, vielleicht wünschenswerte, aber nicht notwendige Begleiterscheinung berrachtet. Derartige Strömungen, die daS Judentum völlig säkularisieren wollen, gibt eS oder gab es. es ist aber verfehlt, sich nur mit ihnen zu beschäftigen, wenn man die nationaljüdische Gesamtsrage prüfen will. Daß eine derartige Säkularisierung des Judentums abgelehnt werden muß. ist zweifellos; datz cs zweifellos ist, hat auch der zweite Herr Referent ohne weiteres an die Spitze seiner Ausführungen gestellt. Hier besteht also Einigkeit. Wenn andererseits der zweite Herr Referent ein Nationaljudeutnm als verträglich mit dem Liberalismus erachtet hat, welches den jüdischen Stamm als Träger der jüdischen Religion erhalten und veredeln und zu diesem Zweck, d. y. zur Erhaltung des Stammes, ihn seßhaft machen und zur Urproduktion zurückführen will — und zwar nicht nur im heiligen Lande, sondern überall in der Zerstreuung —. so ist das wiederum ein Zionismus, der selbstverständlich verträglich mit dem liberalen Judentum ist: denn er berührt nur die Frage der Judenheit und nicht die Frage'des "Judentums. Jeder Jude, der das Judentum erhalten will, mutz die Judenheit erhalten. ^Jeder, der die Judenheit erhalten will, muß an der Verbesierung der wirtschaftlichen und kulturellen Lebensbedingungen unseres Stammes Mitarbeiten, nnd es ist dann nur eine technische Frage, ob diese oder jene Lösung für diesen Zweck ausreicht oder nicht. Der zweite Herr Referent hat also ganz recht, wenn er diesen Zionismus als mit dem Liberalismus verträglich erachtet. Um diesen Zionismus handelt es sich aber zum wenigsten, wenn wir die beiden Weltanschauungen einander gegenüberstellen. Ich wundere mich, daß ich als Laie Sie daran erinnern muß, datz wir uns erstens auch mit dem Zionismus auseinanderzusetzen haben, der die Setzhaftmachung in Palästina für eine grundsätzliche Voraussetzung einer Erneuerung des Judentums hält, der also einer Zentralisierung des Judentums das Wort rodet, und zweitens mit demjenigen Nationaljudentum. welches im Sinn einer Erhaltung des Judentums den Aufenthalt der Juden in der Zerstreuung grundsätzlich und auch in nichtreligiösem Sinne als GalutH. als Verbannung, ansieht, ja diesen Zustand dadurch erst recht festzulegen wünscht, daß er die Juden in der Zerstreuung, also auch die deutschen Juden, „nationalisiert". Datz dieses „Nationalisieren" die Aufgabe des deutschen Zionismus in seiner nach außen hin hervortretenden Erscheinungsform, der jüdischen VolkSvartei, ist, hat deren Führer, Herr Rechtsanwalt Kollenscher, unter Beifall nnd Billigung aller Anwesenden vor wenigen Monaten in einer Sitzung der Berliner zionistischen Vereinigung ausgesprochen. Bei den beiden vorgenannten Punkten setzt überhaupt das strittige Problem erst ein. ES muß dahin formuliert werden: „Können wir liberale« Juden Nationaljnden sein tu dem Sinne, daß wir einmal zum Zweck der Erhaltung des Judentums desien Zentralisierung im heiligen Lande werktätig mitbetreibcn, und ist zum Zweck der Erhaltung des Judentums die Nationalisierung der Juden in der Zerstreuung notwendig?" Was heißt cS überhaupt, die Juden zu nationalisieren? Dieser Begriff müßte einmal genau untersucht werden. Es gibt viele Juden, nnd ich glaube, unter Ihnen, meine jüngeren Herren Rabbiner, sind zahlreiche Vertreter dieser Auffassung, die es als Nationalisiernng schon ansehen, wenn der Gemeinschaftscharakter unseres Stammes in der Zerstreuung durch Pflege der uns eigentümlichen geistig-seelischen Werte gefördert wird. Mit dieser „Nationalisierung", die in Wirklichkeit nichts anderes ist als eine Intensivierung de? Judentums, jüdischen Wissens, jüdischer Religiosität, jüdischen Gemeinfchaftsbewutztfeins, die jüdische Fragen nur von jüdischen Gesichtspunkten lösen will, können wir unS durchaus befreunden. Diesen Nationalismus teilen wir. Nur nennen wir ihn nicht Nationalismus, sondern wir nennen ihn liberales Judentum. Wenn aber unter Nationalisieren der deutschen Juden verstanden wird die Entwurzelung der deutschen Juden, ihre Entfremdung der deutschen Kulturwelt gegenüber, das nm jeden Preis Absondern aus nichtjüdifcher Umwelt, das Abschlüßen jüdischer Deutscher von nichtjüdischeu Deutschen, so halten wir dieses Nationalisieren als mit dem Liberalismus nicht für vereinbar. Auch der zweite Herr Referent mutz nach seiner Darstellung von dem Verhältnis des liberalen Judentums zum Zionismus ans unserem Standpunkt stehen. Denn er will ja die politische Ausgabe des Zionismus in Palästina und erst recht in der Zerstreuung unterstützen, um durch Berussumschichtung die Juden mehr als bisher in ihren Heimatländern zn v e r wurzeln. Er will den deutschen jüdischen Bauern neben den deutschen christlichen Bauern, den deutschen christlichen Handwerker neben den deutschen jüdischen Handwerker setzen, um eine wahre Durchdringung jüdischer und christlicher Menschen zu vollbringen. Er will „den in Geistigkeit verdorrten Stamm" wieder lebenssrisch machen, indem er ihn auch in Deutschland der Scholle zuführt. Er bejaht also den Aufenthalt in der Zerstreuung, er bejaht das sogenannte Galnth. Er' will nicht entwurzeln, er mutz also folgerichtig jede Bestrebung ablehnen, die nicht lediglich aus Erhaltung des Stammes durch Umschichtung. sondern die bewutzt auf die dauernde und endgültige Scheidung jüdischer Deutscher von ihrer nichtjüdischeu Umwelt hinarbeitet. Wir wißen, daß auch im deutschen Zionismus die Richtungen, die das Galnth bejahen und die es verneinen, die die deutschen Juden nationalisieren wollen und diese Aufgabe als unmöglich und unnötig ablehnen, sich bekämpfen. Es mutz doch aber zur Lösung des Problems zu beiden RichturrgjWJs Stellung genommen, die eine als mit dem liberalen . Judentum verträglich, die andere als mit ihm nicht träglich bezeichnet werden. Ganz genau das gleiche gilt für die Palästinafrage. Hier ist nicht mehr zu fragen: „Entwickelt sich dort ein Gebilde, das national ist. oder nicht?" Es ist durchaus möglich, und auch mit dem liberalen Judentum verträglich, an Palästina mitzuarbeiten, selbst auf die Möglichkeit hin, datz einmal dort nicht nur ein seßhaftes, sondern auch ein national unabhängiges jüdisches Ganze entsteht. Das allein Wesentliche ist festzustellen, daß hiermit lediglich eine Teillösung für die Erhaltung des jüdischen Stammes gegeben ist. eine Teillösung der Juden h e i t s frage, daß aber damit nichts gewonnen und nichts verloren ist für die Frage der Erhaltung des Judentums. Bislang hat sich gezeigt, daß das Seßhaftwerden der Juden im heiligen Lande eine allen unerwartete Entjudung im religiösem Sinne zur Folge hat. Es wäre wünschenswert und notwendig, daß hier das liberale Judentum sein schon oft mit Erfolg Eine Freude für jeden. So schöne Schuhe für so wenig Geld! 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