Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 7 (1927)
- Issue
- 13 (1.4.1927)
- Date
- 1927-04-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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ren, um nicht unieren konservativen Gemeinden nnö dem Halberstädter Bund starke Gewtssensbedenteu zu geben: durch den dann sich ergebenden Einspruch würde die Einheitlichkeit unseres Auftretens nach außen zerstört sein. In religiösen Fragen kein Zwang. Dr. Horovitz, Frankfurt (Kons), will sich nicht gegen das Frauenwahlrecht festlegen, sondern nur Eingriffe in die Gemeindeautonomie verhindert wissen, da damit ein Gewissenszwang verbunden wäre. Beim Aus-! ander Wahlrecht aber darf die Autonomie nicht einem Mißbrauch jüdischer Rechtsbeugung Vorschub leisten. Eine Vergewaltigung -er Minderheit in religiösen Fragen darf nicht cinreitzen, wenn nicht der Klal-Gedanke geradezu gefährdet werden soll. Die Konservativen würden andernfalls die letzten Konsequenzen ziehen und mit aller Kraft verhindern, daß der Entwurf Gesetz wird. Dr. Frank, Altona (Bolksp.), schließt sich im Namen der Misrachisten in der Volkspartei den Darlegungen von Horovitz an. Dr. Oskar Cohn (Poale Zion): Eine Konzession in der Frage der Gleichberechtigung der Ausländer gibt es nicht und dürfte es auch für die Sozialisten unter den Liberalen nicht geben: hat doch selbst eine reaktionäre sächsische Regierung jede Einschränkung der Gleichberechtigung abgelehnt. Die Ostjuden sind für uns nicht Gäste, hat doch bitterste Notwendigkeit sie aus ihrer Heimat ziehen lassen. Wir müssen im Gegenteil das gegen die Ostjuden begangene Unrecht zu einem kleinen Teile wieder gutmachen. ^Kulturelle Unterschiede" hier vorzubringen, ist unjüdisch, bedeutet aber auch eine Ueberschätzung äußerer Merkmale. Die Ostjuden sind geistig-kulturell den deutschen Juden mindestens ebenbürtig! Epstein, Duisburg (Bolksp.), bekämpft nochmals Ausdehnung der Karenzzeit, die dem jüdischen Gesetz und jüdischer Ueberlieferung widerspricht. Woyöa, Berlin (Lib.), führte aus. man müsse sich von dem Vorurteil freimachen, als ob durch eine Regelung der Karrenzzeit oder durch eine verschiedenartige Behandlung von deutschen und ausländischen Juden in den Geureinden ein Werturteil abgegeben werden soll. Auch wir wissen, daß alle Menschen und darum auch alle Juden vor Gott gleich gelten und unterscheiden keineswegs Juden ersten und zweiten Ranges. ES handele sich demnach nicht um ein Werturteil, sondern nur um die objektive Feststellung der Andersartigkeit. Es sei kein Zufall, daß die liberalen jüdischen Gemeinden etwa in New Aork, Berlin und Warschau voneinander so stark abweichen. Die Ausdrucksformen der Religion werden nach liberaler Auffassung auch von den nationalen Verhältnissen der Umgebung beeinflußt. Ebenso wie die Konservativen verlangen, daß ihren religiösen Gewissensbedenken in der Frage des Frauenwahlrechts Rechnung getragen werde, so müßte auch an sie appelliert werden, daß sie in Fragen, die von den Liberalen für die Entwicklung des Judentums als entscheidend angesehen werden, nicht dem Staat die Entscheidung überlasten. Dr. Breslauer (Lib.): Die Liberalen denke« nicht an Beschränkung des Frauenwahlrechts. Dr. Herz selb, Esten (Rat): Die zweijährige Karenzzeit war im Rat einmütig beschlossen worden. Alfred Berger (Poale Zion) tritt für weitgehende Gleichberechtigung der Frauen ein. Die Gleichberechtigung der Ostjuden ist für uns Weltanschauung sfrage. Jedes Abgehen von diesen Prinzipien macht die Vorlage für uns unannehmbar. M a k o w e r (Rat) bittet um Annahme der konservativen Anträge. Nach einer kurzen Mittagspause beantragt Alfred Berger die Fassung des § 12 einer Kommission zu überweisen. um eine möglichst einmütige Annahme des Entwurfs zu sichern. Der Vorschlag wird einstimmig angeunvmmen. Das Plenum fährt bei 8 13 fort. 8 13 wird einstimmig angenommen, 8 14 wird ausgesetzt. §8 15 bis 20 'Herden einstimmig angenommen, ebenso 8 21. Zu 8 22 beantragt Dr. Breslauer (Lib.) Beseitigung des Steuerrechts der Landesverbände. Dr. Jsmar Freund, Berlin, tritt für Steuerrecht ein, ebenso D r. Horovitz. § 22 mit geringen Aenderungen angenommen. 8 23 angenommen. 8 24 schreibt vor, daß jede Gemeinde einem anerkannten Verbände angehören müsse. D r. Freund, Berlin, verteidigt die Fassung auch im Interesse der Beamten und ihres Rechts. Katzen st ein, Kassel, unterstützt Freund lebhaft, das gleiche tut R a b b. F r e u n d, Hannover. D r. Arthur Lilien thal ist gegen die Zwangsorganisation. Wiener, V e u t h e n (Bolksp.), tritt wärmstens fiir die Zwangsorganisation ein und macht sich Dr. Freunds Argumente rückhaltlos zu eigen. Nur dadurch wird der Gemeinschaftscharakter des Gesamtjudentnms symbolisiert und zum Teil verwirklicht. M a k o w e r (Rat) verteidigt die Fassung des Entwurfs. 8 24 wird mit 40 Liberalen gegen 31 Stimmen abgelehnt. 8 25 (Uebergangsbestimmungen) wird angenommen. Nach 8 26 sollen die Bestimmungen des Judengesetzes von 1847 betreffend den Religionsunterricht aufrechterhalten werden. Wiener- Beuthen bekämpft diese Bestimmung. Falkenberg-Berlin ILib.s plädiert für den Entwurf, der im Grunde die gleiche Vorbildung für die jüdischen Lehrer wie für andere verlangt. — 8 26, 8 27, ebenso 8 28 werden angenommen. Sodann entspinnt sich eine längere Debatte über einen von der Volkspartei gestellten Antrag betr. die Benennung des Jndengesetzeö. Im Entwurf heißt eS: „Gesetz über die jüdische Religionsgemeinschaft in Preußen". Wiener- Beuthen (Bolksp.) begründet seinen namens der Zionisten gestellten Antrag, demzufolge das Wort Religion aus der Ueberschrift des Gesetzes zu streichen und dieses „Gesetz über die Jüdischen Gemeinden und Gemeindeverbände in Preußen" zu nennen sei. Gegenüber mehreren zionistischen Abgeordneten verteidigen Dr. Seligsohn-Berlin (Lib.) und Rabbiner Dr. Rosenthal -Köln (Kons.) und ferner das liberale Ratsmitglied M a k o w e r den Entwurf, »rach welchem das Wort „Religionsgemeinschaft" unter allen Umständen in der Ueberschrift des Gesetzes zu erhalten fei.- Der Antrag der Volkspartei wird abgelehnt. Die Fassung des Rates wird angenommen. Damit ist der Gegenantrag der Volkspartei abgelehnt. Präsident Stern eröffnet nach einer Pause 6,50 Uhr. 8 12 Abs. 1 und 2 werden angenommen. Der Antrag der Konservativen, den Abs. 3 (Proporzzwang) ganz zu streichen, wird abgelehnt. Beschlossen wird Zwangsproporz, wenn 10 Prozent, mindestens aber 20 Gemeindemitglieder das Provorzwahlrecht wollen. Hierauf wird beschlossen, Bestimmungen über das Frauenwahlrecht nicht in den Entwurf aufzunehmen, sondern diese Frage der Autonomie der Gemeinden zu überlassen. Gemäß der Ratsvorlage werden zwei Jahre als Karenzzeit beschlossen. — 8 12 Abs. 4 (gegen die Wahl von Ostjuden in den Vorstands wird mit 56 gegen 40 Stimmen angenommen. 8 42 als ganzer wird gegen die Volkspartei angenommen. Die Gesamtabstimmnng. Dr. Köllens cher (Bolksp.): Biele Jahre haben wir mitgearbeitet. Wir haben alle nur möglichen Konzessionen gemacht. Diesen Entwurf aber können wir nicht verantworten. 1. 812 hält die Benachteiligung der Ausländer ausrecht,' 2. Die Regelung der Nustrittsfrage ist unzulänglich: 3. Die Aushebung des Zwangscharakters deS DerbandeS ist für uns unannehmbar. Wir werden daher das Gesetz nicht nur ablehnen, sondern unseren Widerspruch auch an anderen Stelle» zur Geltung bringen. ii Versammlungskalender;; Berlin-WilmerSdorf. Liberaler Verein für die Angelegenheiten der jüdischen Gemeinde z« Berlin E. Bezirksgruppe Wilmersdorf. Am Montag, den 4. April, findet im BerfammlnngSfaal der Synagoge Fasauenstratze nm 8 Uhr abends eine Bersammlung statt. Herr Rabbiner Dr. Galliner spricht über das Thema: „Barmizwah und Mädcheneinsegnung". Herr Wilhelm Marcus, Repräsentant der Jüdischen Gemeinde, referiert über „Gemeindeangelegenheiten". Berlin-Norden. Liberale Sy»agoge Norde« (im Anerbachschen Waisenhaus. Schönhauser Allee 183): Gottesdienst: Freitag, den 1. April, abends 7.15 Uhr. Predigt: Rabbiner Dr. Salomonfki. Sonnabend, den 3. April, vormittags 10 Uhr. Sonntag, den S. Avril, vormittags 10 Uhr: Pessach-Borbereitnng. Gottesdienst: Rausch Chachanbesch Nissan. .Predigt: Rabbiner Dr. Salomonfki. BreSlau. Jli „Abraham Geiger". Dienstag, den 5. April, abends 8.30 Uhr, im Bereinslokal. Restaurant Schaal. Anger. Bortrag des Herrn Erich Bayer: Hiobprobleme — Menschheitsgedanken. Pünktliches Erscheinen und zahlreicher Besuch erbeten. Gäste willkommen. Am zweite» Sederabend. Sonntag, den 17. April, ist im Bereinslokal eine gemeinsame Seder-Feier bei genügender Beteiligung in Aussicht genommen. Das Gedeck kostet 1.50 M. pro Person. Meldungen der Teilnehmer werden umgehend an den Vorsitzende« oder Alfred Berger erbeten. Dr. Breslauer (Lib.): Eine Entrechtung der Ausländer haben wir nie beschlossen. Gegen die Regelung des Frauenwahlrechts haben wir stärkste Bedenken. Der Einheit wegen haben wir zugestimmt. Unser prinzipieller Standpunkt bleibt gewahrt. Dr. Horovitz- Frankfurt a. M. (Kons.) gibt die Bedenken seiner Fraktion gegen den vorliegenden Entwurf wieder. Seine Fraktion wird teils dem Entwurf zustimmen, teils gegen ihn stimmen und teils sich der Stimme enthalten. Mako wer (Rat) beklagt Kollenschers Ankündigung, den Widerstand nach außen zu tragen. Der G e s a m t e n w u r f w i r d tit i t 61 gegen 33 Stimmen bei zwei Enthaltungen angen o m m e n. Für die An nähme st im men die Liberalen, ein Teil der Konservativen und ein Teil der Mittelpartei. Auf Antrag von Dr. Jsi Kahn wird beschlossen, sich vor der Ueberreichung des Entwurfs an die Behörde mit dem Bund traditionell-gesetzestreuer jüdischer Gemeinden ins Benehmen zu setzen. Annahme des Etats. Fischer-Barmen erstattet das Referat über den Etat und begründet jede einzelne Position. Er behandelt auch die Frage der Mitbeteiligung des Halberstädter Bundes an den Leistungen. Kareski (Rat) macht Ergänzungen und Ausstellungen. Berger (Poale Zion) protestiert gegen die Benachteiligung der Arbeiterknlturvereine und zionistischen Sportvereine. Dr. Tietz (lib.) begründet nochmals die vom Haushaltsausschuß vorgesehene- Regelung, nach der für Zwecke der Jugendpflege zu Händen des Reichsausschusses der jüdischen Jugendverbände 15 000 M. bewilligt werden sollen. Dem Reichsausschutz der jüdischen Jugendverbände soll anfgegeben werden, diesen Betrag nur zur unmittelbaren Verwendung sür zentrale Aufgaben des Reichsausschusses bzw. der Landesausschttsse in Preußen zu benutzen (z. B. Begründung und Ausbau von Jugend- und Abendheimen, Schaffung von Erholungsheimen, Errichtung von Lesestuben und jüdischen Jugendbibliotheken o dgl.). Ferner sollen für Zwecke der Sportbewegung, zahlbar an einen Dachverband der Sportvereine sämtlicher Richtungen, oder in Ermangelung eines solchen an den Reichsausschuß der jüdischen Jugendverbände 8000 M. bewilligt werden mit der Maßgabe, daß die Gelder im Falle der Auszahlung an Einzelverbände nur an solche Turn- und Sportvereine verteilt werden dürfen, deren innerjüdtsche Neutralität nach Satzung, Programm und Tätigkeit feststeht. Die Vorlage wird in der Fassung der Kommission angenommen. Die Subvention an die Arbeiterknlturverein-e wird wieder hergestellt. Dabei kommt es zu einem erregten Zwischenfall. Das zionistische Ratsmitglied Dr. Klee wirft den Liberalen, die gegen die Subventionierung der zionistischen sogenannten Arbeiterkulturvereine lediglich deswegen gestimmt hatten, weil deren Existenz, Arbeitsweise und Geschäftsführung nicht feststellbar ist, arbeiterfeindliches Verhalten vor. Hierüber kommt es zu erregten Auseinandersetzungen, in deren Verlauf Dr. Klee sich dazu hinreißen läßt, den liberalen Abgeordneten D r. W e r t h e i m durch den Zuruf „alter Esel" auf das gröblichste zu beschimpfen. Der Präsident Stern erklärt, daß er wegen dieses Zurufes Dr. Klee zur Ordnung rufen würde, wenn ihm gegenüber Ratsmitgliedern Ordnnngsgewalt zustehen würde. Er wird auf die Bestimmungen der Geschäftsordnung aufmerksam gemacht, nach denen solche Möglichkeit besteht. Hierauf ruft der Präsident nachträglich Dr. Klee zur Ordnung. Tr. Bruno Weil (lib.) bittet namens der Liberalen, daß der Präsident den Ratsmitgliedern nicht nach seinem Belieben, sondern nur entsprechend den Bestimmungen der Geschäftsordnung das Wort erteilt. Man habe das provokatorische Verhalten des Ratsmitgliedes Dr. Klee, der sich in Verhöhnungen und Beleidigungen der Liberalen gar nicht genug tun kann, endlich einmal satt und wünsche, daß der Präsident gemäß den Bestimmunaen der Geschäftsordnung verfahre und den in der Geschäftsordnung für alle Parteien vorgesehenen Schutz, auch den Liberalen zugute kommen lasse. Da Herr Dr. Wertheim in einer persönlichen Bemerkung den oben erwähnten Zuruf des Herrn Dr. Klee als „Anpöbelei" bezeichnete, mußte der Präsident auch ihm, aus formalen Gründen, einen Ordnungsruf erteilen. Zum Schluß wird noch ein Antrag von D r. Lilienthal (lib.) angenommen, in welchem der Rat ersucht wird, der nächsten Berbandstagung den Entwurf eines BerbanbsgesetzeS für die Schaffung von WahlprüfungSgerichten vorzulegen. Vorsitzender Heinrich Stern erhebt sich zum Schlußwort: Trotz aller Differenzen haben wir viel Positives geleistet. Erhaltung der Kleinaemeinden, Förderung des jüdischen Lebens und jüdischen Wissens haben wir beschlossen und hoffen, daß dies dem Judentum zum Segen gereichen wird. RechtSanwalt Horovitz spricht im Namen aller Fraktionen dem neugewählten Präsidenten der Landesver» sammlung Heinrich Stern den Dank für die Leitung der Geschäfte aus. Der Vorsitzende bezieht diesen Dank auch auf die Vizepräsidenten und daß Bureau und erklärt um 0.20 Uhr die HI. Session des DerbandStages des Landesverbandes der jüdischen Gemeinden Preußens für geschlossen. Unser Ehrenmitglied Cäsar Seligmann. Vielleicht müßte man an dem Tag. da Rabbiner Dr. Cäsar Seligmann sein fünfundzwanzigjcihrtges Amtsjubiläum als Gemeinderabbiner in Frankfurt a. M. begeht, in erster Linie seine Amtstätigkeit würdigen. Aber — abgesehen davon, daß dies dem Verfasser dieser Zeilen mangels eigener Kenntnis nicht möglich wäre, — unser Jubilar ist mit seinem ganzen Denken und Leben so fest verwurzelt im Liberalen Judentum, daß das. worüber hier geschrieben werden soll» auch für die Art und für den Erfolg seiner amtlichen Wirk» samkeit mitbestimmend ist. Cäsar Seligmann kann ohne das Liberale Judentum nicht gedacht werden: es macht sein Denken und Schaffen aus und ist seine Seele. Das Liberale Judentum in seiner heutigen Ausprägung kann ohne Cäsar Seligmann nicht gedacht werden,- er hat mitgeschaffen an seinem theoretischen Ausbau und hat seine äußerlich sichtbare Organisation, unsere „Vereinigung für das liberale Judentum c. B." mitbegrünbet und mitgeführt, er war bei allem mit dabei, wie das Herz bei allem mit dabei ist, kein Lcbensprozeß des gesamten Organismus kann ohne dessen Mitarbeit gedacht werden. „In welchem Geiste ich mein Amt zu führen gedenke, darüber werde» Sie wohl in diesem Augenblick kaum eine Antwort erwarten. Die schönste Antwort wäre nur ein Wortgepränge, wenn nicht Taten sie begleiten. Aus dem Programm eines Menschen ist sein Tun nie erkennbar: wohl aber ist sein Programm erkennbar aus seinem Tun." Diese Worte sprach der neunumdzwanzigjährige Seligmann am 21. September 1880 anläßlich seiner Einführung als Prediger im Israelitischen Tempel zu Hamburg. Er hat über alle Erwartungen hinaus gehalten, was er damals — nicht versprochen hat: beute kennen wir sein Programm, denn wir kennen sein Tun. Im Grunde genommen war's schon ein programmatisches Tun, daß er damals, vor siebenunddreißig Jahren, dem Ruf der Hamburger Tempelgemeinde Folge leistete und sich zur Stätte seiner ersten Amtstätigkeit den Platz erkor, an dem vor ihm Gotthold Salomon, Eduard Kley und der leider der Nachwelt viel'zu unbekannt gebliebene Naphtali Frankfurter gestanden hatten. — Die Bedeutung des Hamburger Tempels für den Gesamtliberalismns ist in diesen Blättern schon des öfteren hervorgehoben worden, und jedem Kenner dieser Dinge ist ohne weiteres deutlich, daß in damaliger Zeit (1880) die Annahme des Prcdigeramtes am Hamburger Tempel an und für sich bereits ein Bekenntnis, ein Programm bedeutete. — Daß sich darüber auch unser Jubilar klar gewesen ist, ergibt sich ebenfalls aus der oben zitierten Einfttyrungsrede. Zunächst fällt an ihr als bemerkenswert auf, wie er sich die Frage vorlogt, „ob er ivohl imstande sein wird, sein neues Amt im Geiste derer, die ihn dorthin berufen haben, zu verwalten" -heute ist bei vielen jungen Rabbinern das Gefühl dafür geschwunden, daß sie sich auch der in ihrer Gemeinde herrschenden Tradition anpüssen müssen, daß sie gleicherweise Führer und Beauftragte sind!! Seligmann aber hatte geschichtliches Verantwortungsgefühl auch der ihn berufenden Gemeinde gegenüber und fühlte sich bewußt als Nachfolger jener Salomon, Kley und Frankfurter. Sodann aber klang in der Melodie seiner Antrittsrede noch ein anderer Akkord herauf, den auch wir hier festhalten wollen, weil er der Grund- und Lebensakkord für Seligmanns gesamtes späteres Schassen geworben ist: „Wir leben noch immer in einer Zeit des Uebergangs. Die modernen Ideen, die seit dem Auftreten Mendelssohns im Judentum Eingang fanden, haben einen Sturm entfesselt, dessen Wirkungen wir noch heule verspüren. Der Kampf der Meinungen über Wesen und Form, über Vergängliches und Bleibendes, über Veränderliches und Feststehendes innerhalb des Judentums hat immer schroffere Formen angenommen.Wohl ist der Kampf Zeichen mächtMr Lebenskraft, aber es ist doch gut. daran zu erinnern. Laß Liebe und Frieden noch immer die Grundpfeiler sind.'ds denen alle wahre Religion ruht. Wir wollen einander nicht verdammen, sondern zu verstehen suchen. . .. Wir sind alle nicht dieselben geblieben. Dasselbe, wogegen sich die unbedingten Anhänger des Alten vor hundert Jahren mit aller Macht sträubten, hat stillschweigend unter ihnen Platz gegriffen: und auf der anderen Seite ist so Vieles, was in der Zeit des Stürmens und Drängens wie für ewig abgeschasft erschien, wiedcrgekehrt, weil es lebenskräftig war, weil es nicht aus den Herzen gerissen werden konnte." Diese Worte, in so feierlicher und zugleich auch für sein persönliches Leben so entscheidender Stunde gesprochen, sind in der Tat das Grund- und Leitmotiv seines ganzen späteren Lebens geblieben: sie enthalten aber zugleich auch das gesamte Programm unserer liberalen Bereinigung und die historische Rechtfertigung für ihre Existenz. Historisch gerechtfertigt ist dieses liberale Judentum ganz gewiß, und es war eine unabweisbare Notwendigkeit, dieser von Seligmann dahin charakterisierten Bewegung, „daß moderne Ideell ins Judentum Eingang fanden", nun auch nach außen hin eine machtvolle Organisation zu schaffen. Diese Notwendigkeit hat Seligmann früh erkannt und früh ausgesprochen: im liberalen Hamburger Tempel forderte er zur Gründung der liberalen Vereinigung auf (iu einer Neilah- Predigt am Dersöhnungstage 1897): „Tretet zusammen, ihr Männer und Frauen .... zum Anhören fortlaufender belehrender Vorträge über Wesen und Lehre des Judentums, über jüdische Religionsphilosophie und Geschichte, über das Verhältnis des Judentums zu anderen Geistesknlturen der alten und der neuen Zeit. Ans dem Wissen wird Liebe erblühen, durch die Kentnis des Judentums wird das alte treue jüdische Herz wieder erstarken! Aber damit dieser Gedanke eine feste Basis habe, damit er nicht ein Flacker» jener sei, das rasch verlöscht, schaffet euch eine Vereint» gnng, zu der ihr alle, alle, Männer und Frauen dieser Gemeinde, denen ein jüdisches Herz schlägt, gehören müßtet." — Elf Jahre später erst, 1008, als Dr. Seligmann bereits fünf Jahre lang Gemeinderabbiner in Frankfurt a. M. war. konnte diese Vereinigung gegründet werden, und alle, die es miterlebt haben, werben mit einem Gefühl der Liebe daran denken, wie Dr. Seligmann damals, unermüdlich und die Strapazen weiter und lange dauernder Vortragsreisen nicht scheuend, allerorten die Herzen der deutschen Juden für die liberale Idee zu begeistern und der Vereinigung Ortsgruppen in ganz Deutschland zu schaffen wußte. Doch was sind die körperlichen Unbequemlichkeiten solcher Reisen gegen die Anfeindungen und Verunglimpfungen, die Seligmann wegen seiner Pioniertätigkeit sür das liberale Judentum über sich ergehen lassen mußte nnd auch heute noch über sich ergehen lassen muß! Seligmann hat an der Ausarbeitung der bekannten „Richtlinien zu einem Programm für das liberale Judentum" hervorragenden Anteil genommen und zwei grundlegende Referate über sie versaßt. Mit dem Erfolg, daß er damals — und ähnlich heute wieder — als Einer gebrandmarkt wurde, der das „Religionögesetz und damit das historische Judentum völlig verwirft". Die Richtlinien sprechen in einem ganz bestimmten Zusammenhang davon, daß Glaubensvorstellungen und Erscheinungsformen des Judentums ausetnandergehalten werden müßten: Borfchriften, die der Heiligung des Einzelnen und der Festigung der Gemeinschaft nicht zu dienen vermögen, haben keine verpflichtende Kraft. Als damals Dr. Wohl» gemuth namens der deutschen Orthodoxie eine BerrufSerklärung gegen die Richtlinien ergehen ließ und eine beispiellose Verketzerung aller ihrer Unterzeichner, insbesondere aber natürlich Seligmanns einsetzte, die damit anfing und damit endete, daß „wenn man die Religion ihres gesetzlichen Charakters entkleidet, alle Bande frommer Scheu gelöst sind", war es Seligmann, der in heißem Zorn sür die