Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 7 (1927)
- Issue
- 12 (25.3.1927)
- Date
- 1927-03-25
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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hängigkeit dveinzelnen Individuums. Selbstsüchtiges Handeln wirb hier getadelt, nicht weil es dem Nächsten und mittelbar auch der Menschheit schadet, sondern weil es den Handelnden selber von seinen Leidenschaften und Gelüsten abhängig macht, und selbstlose- Handeln wird hier gelobt, rricht weil es dem Nächsten und indirekt auch der Menschheit zugute kommt, sondern weil es als ein Zeichen dafür dient, daß der Handelnde sich um den Bestand seines eigenen Ich nicht mehr kümmert, also frei von der Sorge um die Selbsterhaltuilg ist. Dies« historischer: Befunde sind für Verständnis und Würdigung der kulturgeschichtlichen Rolle des Judentums von entscheidender Bedeutung. Vs ist von grober Wichtigkeit fest, zustellen. daß die Erhebung des sittlichen Faktors als solchen zu einem religiöse» Gebot ausschließlich oaS Werk des Judentums war. Denn lene Sanktionierung der Moral durch den religiösen Glauben, von der der oben genannte Kiüd spricht, und die er als ein natürliches Ergebnis einer allgemein-soziologischen Entwicklung hinstelle» möchte, geschah erst durch das Judentum und kraft der ganz besonderen de» ichichtUÄen Entwicklung, die das jüdische Volk durchzmnachen batte. ES gilt eben zu unterscheiden zwischen Ethik als Ta tiache und Ethik als Imperativ. Moralische Gesinnung und moralisches Handeln mögen wohl in der gesamter: vorjüdischen Antike hie und da bestärken haben. Aber die mo- Eschen Absichten und Handlungen innerhab dieser Antike Een eben bloße Tatsachen, begleitet von all der Zufälligkeit. die dem bloß Faktischen anhaftet, denn es fehlte ihnen jener obligatorische oder richtiger kategorische Charakter, jener Charakter der Verpflichtung, den nnr ein« religiöse Wethe dem sittlichen Akt am vollsten und schärfsten aufzuprägen vermag. Das Judentum hat die Moral nicht erfunden. sondern vorgefunbe». Mer es hat dieses Vorgefundene cmS der Sphäre der Faktizität und der Aeußerlickkeit in die des Sol lenk und der Innerlichkeit erhoben. Daß unmoralisches Handeln nicht nur wegen des etwaigen Schadens für die Gemeinschaft oder für den Handelnden selber, sondern schon an sich mt& ganz unabhängig von seinen etwas, ge« Folgen zu verdammen ist — diese uns setzt so selbstverstündlich rnmutende Erkenntnis wurde erst durch das Juden, tum in die Welt aesetzt mtö in Umlauf gebracht. In der Gegenwart machen sich allerdings reckt starke Tendenzen geltend. zum Standpunkte der vortüdischen Antike zurückzuteh. ren. Nu» — die Gegenwart steht ganz gewiß im Zeichen eines sittlichen und geistigen Niedergangs. Merdings hat sich auch das Judentum zu dieser Sanktionierung des sittlichen Faktors durch de» religiösen Glau, ben erst in schweren inneren Kämpfe« und Schritt bei Schritt huHurchringen müssen. Nicht mit einem Male vollzog sich bei ihm die Synthese zwischen Religion und Moral. Das primitive Judentum, will sagen das Judentum in den Anfängen seiner geistiaen Entwicklung Lachte in dieser, wie auch in manch anderer Hinsicht, nicht viel anders als besten heidnische Umgebung. Erst nach und nach und Hand in Hand mit der Läuterung seines GottesbcgriffS überhaupt begann es über das Wesen der Sittlicheit anders zu denken. Erst nach und nach und an der Hand von vielen schmerzlichen Prüsungen und Erfahrungen wurde es reif für jene Verquickung von Religion und Moral, die für das Wesen des Judentums so sehr charakteristisch, und in der Folge durch die Vermittlung des Christentums zu einem Gemeingut der gesamten abendländischen Menschheit geworden ist. lieber das ^nationale in der Religion und im Judentum. Bon Rabbiner Dr. Caro- Köln. Immer mehr sucht man in unserer Zeit sich von den Fesseln, in welche uns der Rationalismus geschlagen hat, zu befreien. Immer mehr steht mar: ein, wie falsch es ist, wenn man ben Verstand, das Denken allein zum Wert, mester macht für alle Erscheinungen im menschlichen Leben, wie dadurch so manche Werte, die für den Menschen unent. behrlich sind. dem kritischen Verstand zum Opfer fallen. Gewitz soll auch der Mensch seinen Verstand gebrauchen, auch er ist eine der Gaben, die Gott ihm verliehen hat. damit er sie ausbilde und sich ihrer bediene. Und sicherlich teilt auch das Judentum diesen Standpunkt, wenn eS immer betont: „Du sollst erkennen" lö. M. 4M. ..Du sollst in ber Lehre forsche:: Tag und Nacht" lJos. 1^). Ohne richtige Erkenntnis, ohne geoankenmäßige Erfassung der Religion kann man von ihr keinen richtigen Begriff erhalten, und vor allem waren es ja die jüdischen ReligionS« vhilosophen deS Mittelalters, die sich der Aufgabe widmeten, das Denken ihrer Zeit in Uebereinstimmung zu bringen mit den Lehren des Judentums. Es war ihnen ein ernstes. «in heiliger Anlieges, dev Nachweis zu führ«», dick eine solche Versötzrmng nicht nur möglich, sonder« auch notwendig fei. Aber wehe uns. wenn wir den Verstand allein »um Gott erheben und «eben ihm nichts anderes gelten lasten. Er gleicht dann einem reißenden Bach, der blühende, fruchtbare Gefilde überflutet und alles Leben ertötet. Vor ihm hat nicht- Bestand, was aus einer höhere» Welt hin. eurragt in unser Dasein. Alle-, was uns Wethe und Erhebung verleiht, was unserem Gemütsleben förderlich ist. existiert für ihn nicht. Und so haben wir eS erlebt, daß gerade die Religion unter feinem kalten Hauche so stark gelitten hat. daß gerade sie von der auflösendeu Tendenz, die ihm eigen ist, so sehr betroffen wurde, denn die Religion kann nur da heben, wo man auch dem Geheimnisvollen, über daS endliche Sein hinauöragenben Verständnis entgegen, bringt, «o auch ein götlliches Ahnen durch die Seelen der Menschen geht nnd diese sich ihrer Niedrigkeit bewußt werden gegenüber der Erhabenheit des Allgewaltigen, des Unendlichen. Ja. in der Religion gibt es so manches, was über alles Gedankliche, durch den Verstand Faßbare hinousgeht, so manches Irrationale, wie die Wissenschaft es zu neunen pflegt, und wollten wir dieses aus der Religion ausscheiben, wir würden sie um ihr Tiefstes bringen, wir würden ihr die Seele rauben. Denken wir nur a« den Begriff, der jeder Religion zugrunde liegt, an Gott. Mit dem Ber, stände können mir nicht beweisen, daß Gott ist. Seitdem der große Philosoph Kant ben Nachweis erbracht hat. daß all« die Beweise, die man früher glaubte, für das Dasein Gottes beibringen zu können, aus falschen Schlüssen deS Denkens beruhen. Ist diese Erkenntnis allgemein durchaedrunaen. Ob wir auf die Schicksale der Menschen und Volker Lucken, ob wir in ber Natur Umschau halten, nirgends wird unser Verstand Gott entdecken: er reicht nicht hinaus über diese endliche Welt: er ist gefangen in dem Gesetz von Ursache und Wir, Lnng, wie es die Welt der Erscheinungen bietet. Gott, der lebendige Gott, ist eben kein durch Las Denken gefundener, abgeleiteter Begriff. Das mag der Gott der Philosophen sein, der tu erhabener Ruhe thront über der Welt, ohne aber Macht über die Menschenherzen auSzuüben. Der wahre Gott, er lebt in den Herzen der Menschen, er ist die Kraft, die geheimnisvoll in allem wirkt und doch nicht von dieser Welt ist. Wenn du ihn nicht erlebst, wenn du nicht die «ett hast, daß er über dir wacht und hinetngreift in ensckenkeben. wenn du ihn nicht schaust in dem Werden und Vergehen alles Irdischen, daun besitzest du ihn nicht. Bist du ober Leines Gottes gewiß, dann rönnen keine Beweisgründe deine Ueberzeugung erschüttern, dann ruhst du sicher in ihr. geschützt gegen alle Zweifel und alle Bedenken. Die Religion ist eS auch, die uns hinauShebt über diese Welt des SeinS in ein Reich des Sollen-. die uns Pflichten auferlegt, die erst unser wahres Menschentum begründen. Ein Ideal, etu Ziel schwebe dir stets vor Augev. dem du nachznstrebeu hast. Werde immer bester, immer vollkommen. auf datz Lu iurmer mehr ein EbenÜlld Gottes werdest. Höre nicht auf. zu ringen mit den dunkeln Mächten, die sich dir entgegenstellen, damit auch von dir gelte, was von mrserem Stammvater Jacob gekündigt wird: Mit Menschen und Göttern hast du gerungen und hast obgesiegt" tl. Mos. 32. 80). Diesen Rus richtet an teden von uns die Religion. Mtt» wie hat sie Len Menscheu aus seiner Niedrigkeit erhoben, wie hat sie ihm den Stempel des Heiligen auf die Stirn gedrückt, so baß er das Tierische ablegte und in seinen SUten veredelt wurde! Nimmermehr wäre der Verstand imstande gewesen, dieses aus Himmelshöhen ins Menschenleben herabragenüe „du sollst" dem Menschen zur Verpflichtung zu machen, zu einem ewigen Gesetz, ans dem der Fortschritt der menschlichen Entwicklung beruht. Der Verstand hätte wohl den Menschen lehren können, wie er am besten seinen Vorteil wahrt, wie seine Selbstsucht zu ihrem Rechte kommt. Ilnd von diesem Gesichtspunkt ans wäre wohl ein UeLereinkommen zustarrde gekommen, damit ein menschliches Zusammenleben ermöglicht werde, damit nicht ein Krieg aller gegen alle entstehe: aber niemals hätte er das Sittengesetz - dem Menschen gegeben, das ihn gemahnt, das Gute um des Guten willen zu tun. Der Verstand ist egoistischer, eigennütziger Natur, er fördert die Selbstsucht. Die Religion allein erhebt die Forderung: „Es ist dir gesagt, o Mensch, was gut ist und was der Ewige von dir fordert: nichts anderes als Recht tun. Liebe üben und in Demut wandeln vor deinen: Gotte" lMicha 6,8). Und die Formen der Religion, warum besitzen sie einenso hohen erzieherischen Wert, warum sind sie für die Ausbildung unseres Gefühlslebens so wichtig? Wird etwa dadurch ben: Verstände Nahrung gegeben, werden etwa dadurch unsere Gedanken bereichert? Nein. Bas sie unS so wertvoll macht, das ist ihre Wirkung auf Herz und Gemüt. Gerade — ich will nicht sagen — der Gegensatz zum Berstandesmätzigen, aber dessen Fehlen, das Hinausgehobensein über alles Denken in eine religiöse Welt» daS Gefühl des Verbundenseins mit Gott, das ist es. was den religiösen Formen Sin» und Bedeutung gibt. Jüdische Elter» dürfe» sich nicht wundern, daß ihre Kruder nicht «ehr mit derselben Liebe und Anhänglichkeit am Elternhause hängen wie in früheren Zeiten. Gewitz sind daran noch andere Umstände schuld, vor allem die Tatsache, datz heute die Eltern sich um die Erziehung ihrer Kinder kaum noch kümmern können, aber wieviel wäre gewonnen, wenn sie tm Elternhause mit ben sinnigen Gebräuchen unserer Religion vertraut gemacht würden. wenn sie die wunderbar erbebende Wir« knng eines Freitagober eines Seberabends erführen. Wer diese einmal wirklich in ihrer ganzen Weihe erlebt hat. möchte sie in seinem Lebe» nicht mehr misten: er wird im Sturm und^BrauS des Lebens nicht die Erinnerung an ei» Elternhaus vergessen, das chm solche Werte vermittelt Lat. Komme nur niemand und sage: „Die Formen der Religion sind unwesentlich, die Hauptsache ist der Geist der Religio», und diesen wollen wir uns arteignen." Eine Idee verflüchtigt sich allzu leicht, wenn wir sie nicht mit einer körperlich«: Hülle umkleiden. Und wie wollen wir sie unseren Kindern anschaulich machen, wenn wir sie nicht gestalten, forme»? Denn eine Religion im Leben ihrer Bekenner fest wurzeln soll, kann sie nicht darauf verzichten, sich äußerlich zu «auifestieren. Und nicht zuletzt auf dieser Erkenntnis beruht es. wenn das Judentum auf das Tun einen so großen Wert legt. Formen sind notwendig in der Religion, wie Körper und Seele erst den Menschen ausmacken: sie erst können unS das Religiöse in seiner ganzen Tiefe, seiner reiche» Gefühlswelt zur lebeudigen Anschauuug bringen. Überall, wohin wir auch im Kultnrlebe» der Gegenwart blicken, ob wir an die Darstellungen der Kunst denke» oder die Erscheinungen auf literarischem und philosophische« Gebiet betrachten, erfahr«: wir. datz man der Religio» und religiösen Problemen wieder größeres Verständnis entgegenbringt, als dies noch vor einem Meuscheualter der Fall ge* wesen ist. Nach einer lang«: religionSseindliche» Stimmung geht wieder der Weg aufwärts, wen» er sich vielleicht auch nicht immer i» den Geleisen der überlieferten Bekenntnisse bewegt. Sollten da wir Juden an dem längst überwundene» Rationalismus festhatten und uns sperren gegen Anschauungen, welche nicht nur daS Recht und die Hohe Bedeuttmg der Religio», sondern auch ihre Notwendigkeit für daS Leben deS einzelnen wie für das Leben der Völker dartu»? — wir. die wir als die Vertreter der modernsten ZeitstrSmungen gelten, die wir gleichsam mit ei»em besonderen Tastsinn begabt erscheinen, das Neue, Kommende vorauSznahueu, und uns ihm zuerst hingeben? Hier gilt es für viele unter uns, umzulernen und aus der Oede und Erstarrung, in der uns ber Verstand bisher gehalten hat. in daS fruchtbare. kraftspendende. von vielen Strömen gespeiste Leben zu flüchten und die Religion als eine, ja als dis Macht unseres Lebens anzuerkennen. Aus den Gemeinden Altona. (70. Geburtstag.) Am 18. März feierte Oberrabbiner Dr. M. Ferner seinen 70. Geburtstag. Gr ist einer der Führer der gesetzestreuen Judenheit in Deutschland und. als hohe talmudische Autorität, Mitglied des rabbinische» Rates der Agudas Jisroel. Seit mehr als 90 Jahren wirkt er in Altona. Die Gemeinde und die viele« Institutionen, deren verdienstvolles Ehrenmitglied Dr. Ler-- ner ist. wie seine zahlreichen Schüler und Verehrer, tüßjdxn sich zu einer würdigen Veranstaltung. Aber aus GesuMheitsrücksichten hat die Familie, vor einer öffentlichen Feier abzusehen. Berlin. lIüdische Wanüersürsorae.) DerMLett erschienene Tätigkeitsbericht der Hauptstelle für Jüdische Wanderfürsorge für die Zeit vom 1. April 1625 bis 8t Dezember 19*26 gibt ein umfassendes Bild über de» Ausbau ber gegenwärtigen jüdischen Wanderfürsorge Deutschlands. Der Hauptftelle ist es in kaum zweijährigem Bestehe» gelungen, die jüdische Wiurderfürsovge derartig zu organisier«:, daß heute ganz Deutschland ein einheitliches Netz von ProvinsialperLäuben umfaßt, denen die systematische Abfertigung der Wanderer obliegt. Während vor Begiu» der Tätigkeit der Hauptstelle für jüdische Wanderer innerhalb Deutschlands genötigt war, von Gemeinde zu Gemeinde gut ziehen, um se:n Ziel zu erreichen, ist heute die finanzielle Kraft der Provinzen und Länder in Absertigungsstelle» zur ' organisatorischen Regelung der Wanderfürsorge zusammengesaßt. Die' Provinzial! allen arbeiten nach einheitlichen > von der Hauptstelle Herausgegebenen Richtlinien. Girr um- Aro« 3sak. Eine Lebensgeschichte. Bearbeitet von Dr. B. Sch iS los. (15. Fortsetzung.) ES besuchte mich ein guter Freund, ein Kapitän, und beklagte meine Umstände. „Lieber Aron/ sagte er zu mir. „Ihr könnt Euch mir au« vertrauen bei meiner Seele und Seligkeit. Vielleicht kan« ich Euch helfen, aber Ihr müßt mir die reine Wahrheit sagen, woher Ihr die Scheine bekommen habt." Ich war von 2er Redlichkeit dieses Offiziers überzeugt und erzählte ihm die ganze Geschichte. „Es ist aut." sagte er. „Graf Munk ist ein guter Freund vor: mir. Ich werde ihm sofort einen Kurier schicken, daß er augenblicklich ein Schreibe» hierhersenden soll, man möge Euch loSlasten. Er wirb nicht leugnen. Schreibt aleichzeitig einen Brief an Euren Schwiegersohn, grämt Euch n:cht. es wird alles gut werden. Es ist zu Eurem Gluck, daß ick h?rgekommen bin." Ich machte sofort einen Brief an meine:: Schwiegersohn fertig, und der Kapitän schickte unverzüglich einen Kurier nach Stockholnn Ich aber hatte einen solchen Ansturm zu bestehen, -aß die Soldaten genug zu tun hatten, «nt das Volk abzuwehren. Das erfuhr der Bürgermeister, das war ein braver Mann. Er befahl, man solle mir auf dem Rathaus einen anständigen Raum zur Verfügung stellen, und mein Win. bei dem ich logiert hatte, schickte mir ein gutes Bett hinauf. Ich war aber so krank, daß ich fett drei Tagen nichts gegessen hatte, und der FtSkal, ebenso mein Angestellter wollte» unbedingt. ich sollte mir einen Arzt holen lassen. Ich wollte aber keinen Doktor, denn ich fürchtete, man würbe ihn bestechen. daß er mir etwas zum Sterben eingebe. Der Bürgermeister und die RatSherre» besuchten mich und redeten mir zu. aber ich wollte von keinem Doktor etwas wissen. ES kam aber doch einer zu mir. der kannte mich, rief mich beim Namen und sprach mich deutsch an. .Lenne» Sie mich nicht? Sind Sie nicht zu derselben Zett nach Stockholm gekommen wie ich? Ich war beim ChirurgtuS Lehman» und bi» sehr oft Sei Ihne« gewesen." Ich erkannte ihm „Nun Lin ich Regiment-feldscherer. Ich will Ihne» etwas verschreiben. Denn eS nicht gebrauchen, könne« Sie eine gesäLrliche Krankheit bekommen und sterben." Ich sagte, es sei egal, ob man an einer Medizin oder an einer Krankheit stürbe. „Glauben Sie denn, daß man Sie vergiften will*? Ich hätte nie gedacht, daß Sie mich für einen so niederträchtigen Menschen ansehen würden. Uebrigens. ich will selbst davon einnehmen." Er verschrieb mir eine Medizin, brachte mir sie selbst und nahm sogar selber davon ein. Der Mann tat mir viel Gutes und half mir von metner Krankheit. Ich hatte hier viele gute Freunde, die mich besuchten und mich trösteten. Gras Munk bekam durch de» Kurier die Nachrichten, auch Len Brief an meinen Schwiegersohn. Er ließ meinen Schwiegersohn rufen, gab ihm den Brief und sagte ihm: „Was für Unglück, daß Aron nach Abo gereist ist! Aber Ihr sollt sehen, daß ich ehrlich bin. und ich will Euren Schwiegervater freimachen." Er ging auch sofort zum General Klingsporn, bekannte ihm. daß er die Fahnvülelmer bei mir eingewechselt habe und bat ihn. an den Magistrat von Abo zu schreiben, man solle mich nicht beleidigen ich sei ein ehrlicher Mann. Der Bürgermeister kam selbst und fragte mich, ob er mich beleidigt habe. „Nein," sagte ich. ,-Sie haben «::r viel Gutes erzeigt." Nun las er mir den Brief des Generals Klingsporn vor, worin stand, man solle mich ja nicht streng halten und mir jede Bequemlichkeit erlauben. Ich sei ein redlicher Mann und es werde sich am Ende alles Herausstellen. „Nun" sagte der Bürgermeister, „ich habe Euch schon gestern gesagt, wenn Ihr auSgeüen wollt, so könnt Ihr einen Soldaten mit Euch nehmen. Wir wissen schon vieles." Der Graf hatte nämlich auch a» 4>ie SLloßkanzlei sechstausend Reichstaler solcher Fahnehjekmers geschickt, man solle sie tLm mit Verlust Umtauschen. DaS hatte mir aber der Bürgermeister nicht gesagt. Es kam ein Kaufherr aus Lowisa nach Abo zu einem der größten Kaufleute, einem Ratsherrn namens Trap. Der Kaufherr wollte bei Trap Waren kaufen und blieb bei ihm über Nacht zu Gast. Trav erzählte ihm. daß wa« «ich hier verhaftet hätte, weil ich viele Fahnehselmer Lter eis» geschmuggelt hätte, die alle falsch waren. Bei der Gelegenheit muß ich noch erwähnen. Laß der Sandsekretär. uachde» ihm der FtSkal meine« Koffer gebracht, erklärt Latte, er LÜuue meine« Prozeß nicht führen, da er wichtiger Regie- «mgSaeschLfte »ege» auf vierzehn Tage verreise» «Äse. Der FtSkal solle ben Koffer *»« Kammergericht bringe« lassen und am andern Lage werde er auch das Protokoll hinschicken. Wie ich also gesund war, mußte ich alle Tage auff Kammergericht, und so wußten schon alle Menschen. waS ick in der Schloßkanzlei auSgesagt hatte. Das alles erzählte Trap dem Lowiser Kaufmann, uni! dieser sagte, er habe am vorvorigen Tage bei einem Kauf» mann Euonius für dreihundert ReichStaler Fahuehielme: umgewechfelt. der habe mit der Post «in ganzes Paket Se. kommen: vielleicht seien die auch falsch. Trap ließ sie sick zeigen, es wäre:: tatsächlich dieselben. Trap kam späte: zi mir und erzählte mir das. was mir natürlich wieder eir großer Trost war. Dam: war da ein Apotheker aus St. Michel, der kam auck in der Zeit, in der ich verhaftet wurde, nach Mo. Und all ich schon vier Wochen in Haft war. kam dieser Apotheke: wieder nach Abo und erzählte, ein Offizier, ein Fäh»rich wäre bei ihn: gewesen und habe ihn gefragt, ob er «ich Fahnehielmer gegen Reichsgeld einwechseln wolle? De» Apotheker sagte ja. die könne er gebrauchen. Wieviele eL denn seien? Der Fähnrich sagte, er habe für üreitzigtauieni Neichstaler. Der Apotheker sagte, er möge seinen Kofs«: bringen lassen, man wolle sehen, ob man sich einigen könne Als ber Fähnrich den Koffer öffnete und der Apotheker einig« tausend Neichstaler umwechseln wollte, sah er. daß alle falsch waren. Es war nur ein kleines Zeichen, woran man das erkennen konnte. Der Apotheker sagte nun, daß diese Scheine alle *alsch seien, die könne er ihm nicht lassen, die müsse er hierbehalten. In Abo sitze eben ein Jude fest, der ebensolche falschen Scheine umgewechselt habe. Doch wenn der Fähnrich die Wahrheit sage, von wem er sie bekommen habe, so wolle man ihn nlchr unglücklich machen. Der Fähnrich gestand ohne weitereei», er habe sie vom Grafen Munk zum Einwechseln in Kommtsfion bekommen. Nun sagte der Apotheker, er wolle rhu nicht unglücklich machen, aber der Fähnrich solle sich nicht selber inS Unglück stürzen, indem er falsches Geld in Umlauf brächte. Der Fähnrich erklärte, er wolle nicht einen Schein wechseln. sondern sofort «ach Stockholm fahren und dem Grrf-n Munk daS Gelb zurückvringen. DaS erzählte der Apotheker, ich bekam es zu erfahre», und das diente als neuerlicher Beweis für meine Unschuld. ' Mein Schwiegersohn aber wußte von alledem nichts und war auch i» de« Glaub«:». Graf Munk werde alles afi» leugnen. Dazu wäre ich »och in Finnland. wo Graf Munk geboren sei all« seine Verwandte« und Freunde habe und auch der AmtShauptmaun von seiner Familie war. In Gefle war eben Reichstag', und da fuhr «ein