Mannheim
Compact Memory

Jüdisch-liberale Zeitung · 1927-03-18 · 11 (18.3.1927) · page 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
7 (1927)
Issue
11 (18.3.1927)
Date
1927-03-18
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2613366-2613895-2613906--2188-2619632
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

7. Jahrgang Nummer 11 IMWeralZeSiU 2. Beilage 18. MLrz 1827 Vor dm österreichischen Dahlen. Zionsstern und Hakenkreuz. In hwi früheren Aufsätzen („Antisemitismus und Liberalismus in Oesterreich" sowie „Nationalismus in Oesterreich") habe ich in diesem Blatte die meisten in dem jetzt zur Austragung kommenden Wahlkampf ausmarschierenden Parteien bereits charakterisiert. In dem zweiten dieser beiden Artikel habe ich von der sozialdemokratischen Partei nur kurz festgestellt. daß sie gerade in dem klassischen Lande der Gemütlichkeit zu einem nicht nur von den Gegnern, sondern vielfach auch von den ausländischen Gesinnungsgenossen als lehr ungemütlich empfundenen Radikalismus neigt. Die österreichische Sozialdemokratie steht theoretisch ungefähr auf dem Boden der ehemaligen „Unabhängigen" m Deutschland. In der Praxis hat sie die Revolution nach dem Zerfall der Monarchie viel weiter geführt als es in Deutschland geschah. Dadurch hat sie einerseits den Kommunisten so sehr das Wasser abgegraben, daß diese in Oesterreich keine irgendwie ins Gewicht fallende Bedeutung erlangen konnten, andrersets aber die bürgerlichen Kreise so sehr eingeschüchtert, daß man allen Ernstes von einer „antimarxistischen Einheitsfront vom Zions siern bis zum Hakenkreuz" spricht. Als Ursache dieses Radikalismus der österreichischen Sozialdemokratie macht ein Wiener Blatt folgende Erscheinung ausfindig: „Wer mit organisierten Arbeitern zu tun hat. kann feststellen. das, sich die innere Unzufriedenheit immer häufiger in antisemitischen Auslassungen kundtut Immer häufiger übertönt das Wort „Iud" das allgemeine Murren. Träger der Profitgier und Genußsucht im sozialdemokratischen Lager sind vorwiegend die nach dem Umstürze Zugelaufenen, die nicht dank der Erziehung und dem inneren Drange gekommen. sondern einfach dem Erfolge nachgelaufen sind. Die Mehrzahl dieser berechnenden Ueberläufer aber sind Juden. Nirgends bat die Sozialdemokratie so raschen und umfassenden äußerlichen Erfolg errungen wie in Wien, und nirgends sind ihr über Nacht so viel Inden zugelaufen wie in Wien. Die Assimilationsinden waren und sind immer dort, wo die Nacht ist. wo es Gelegenheit gibt, sich vorzndrängen. zu verdienen und gut zn leben. Dieselben Menschen, die ehedem um Hof. Adel. Hochfinanz und die herrschenden bürgerlichen Parteien buhlten, drängen jetzt zur mächtig gewordenen Wiener Sozialdemokratie bin. Innerlich sind sie die gleichen geblieben, von ehrlicher UeVerzeugnng keine Spur, sie wollen verdienen und Einfluß ausiiben. Sie streben ungestüm nach vorn, bringen ihr«' lärmende Profit- und Genußgier mit und reißen auch alte Parteileute. die wenig Widerstandskraft besitzen. in sie hinein Daraus erklärt sich der Radikalismus der österreichischen Sozialisten, zugleich aber auch ihre wirtschaftliche Erfolqlosigkeit." Ich will dem Leser nicht zumuten, zu erraten, wo das gestanden haben mag. Er würde mir vermutlich sämtliche antisemitische Organe der Reihe nach anfzählen und dann doch nicht daransgekommen sein. Die zitierte Stelle ist nämlich der — zionistischen „Wiener Morgenzeitung" entnommen. Wie man an dieser lieblichen Tonart erkennt, sind also «auch' bereits die g e i st i a e n und psychischen Vorbedingungen für die geplante Einheitsfront der indischen und antisemitischen Antimarristen gegeben. Es ist also nicht einzusehen. warum der Welt dieses liebliche Schauspiel vorenthrÄkön werden soll. Es wäre zu schade! Um so mehr, als ja das gemeinsame Komitee der .Zionisten und Hakenkreuzler seine Erisienzberechtinnna nach den Wahlen keineswegs einzubüßev brauchte. Es könnte ruhig weiterbestehen bleiben — als österreichisches Pro Palästina-Komitee. Sachlich isi zu dem zionistischen Erguß zu bemerken, daß er io ziemlich das Gegenteil der Wahrheit bedeutet. Das, was die „Wiener Morgen; cituna" da von den verhaßten „Assimilationsindcn" schreibt, trifft weit eher auf breite arische Bevölkernngsschichten zu. die in der Vorkriegszeit den damaligen Stützen von Thron und Altar politische Borsvanndienste leisteten, jetzt aber aus denselben psnchologischen Gründen der mächtig gewordenen Sozialdemokratie nachlausen. Bon den Inden läßt sich eher das Geqenteil feststellen. Diese schätzten in der Vorkriegszeit die Sozialdemokratie als das einzige in Oesterreichs politischer Arena vorhandene Bollwerk der religiösen Toleranz. Eine Verwirklichung des sozialistischen Wirtschastsvrogramms aber schien damals noch in weiter Ferne zu schweben. So weit überhaupt sozialisiert wurde, geschah es seitens des „christlichen" Sozialismus, der im Wiener Rathaus regierte und sich extrem antisemitisch gebärdete. Eine Unterstützung der sozialdemokratischen Partei erschien also auch den jüdischen Anhängern der freien Wirtschaft als das kleinere Uebel. Seither haben sich aber die Verhältnisie gründlich geändert. Die Sozialdemokratie ist zu einem Machtfaktor geworden. der die Verwirklichung seines Wirtschaftsprogramms in den Vordergrund seines Interesies schieben konnte Das bewirkte naturgemäß auf der anderen Seite die Raliierung der wirtschaftlich entgegengesetzt Eingestellten. Die christlich-soziale Partei hat in taktischer Erfassung der strategischen Situation den antisemitischen Programmpunkt (wie ich in diesem Blatte schon öfter gezeigt habe) sehr stark verwässert, ohne ihn freilich — mit Rücksicht auf die Zugkraft des konfessionellen Schlagworts, von der sonst nur mehr die Völkischen profitiert hätten — gänzlich fallen zu lassen. Jedenfalls seben die jüdischen Kapitalisten und Unternehmer ihr Interesie heute schon bei den Christlichsozialen bester aufgehoben als bei den Sozialdemokraten und es bedurfte nicht erst der offiziellen Parole non der bürgerlichen Einheitsfront. um viele von ihnen zur mehr oder weniger heimlichen Unterstützung der christlich-sozialen Partei zu verleiten. Andrerseits konzentriert sich natürlich auch die Armee der Arbeitnehmer immer geschlossener um ein einheitliches Panier. Und wenn sich die Juden unter ihnen dabei auch wirklich von dem Bestreben leiten lassen, „gut zu leben" — dies den Arbeitern ohne Unterschied der Raste und Konfession zu sichern ist ja der Kern des sozialistischen Programms —. so braucht man doch mit dem Wiener zionistischen Organ nicht darüber zu streiten, aus welcher Seite die „lärmende Prosit- und Genutzgier" größer ist: im Lager jener Juden, die ihr Heil in einer Einheitsfront mit antisemitischen Parteien suchen oder jener, die es im Rahmen einer interkonfessionellen. internationalen verfechten, deren geistiger Unterbau sich wenigstens zum Teil mit der wirtschaftlichsittlichen Ideologie der Bibel deckt. Wie immer man sich aber zu dieser Fraae stellt — jedenfalls macht die zitierte Probe aus der.„Wiener Morgenzeitung" es verständlich, daß weder die jüdischen Unternehmer noch die jüdischen Arbeitnehmer sich zu jener Partei hingezogen fühlen, die den Haß geaen die Assimilation der Juden so weit treibt, das antisemitische Berleumdungsregister. daS in seiner Eintönigkeit schon zu verblasien drohte, um neue Farbennuancen zu bereichern, die aerade in so aufgeregten Wahlzeiten, wie sie Oesterreich jetzt durchmacht, ihre Wirkung gewiß nicht verfehlen werden'. Ob diese Wirkung just in der Verbesserung der jüdischnat-ionalen Wahlchance zum Ausdruck kommen wird, bleibt abzuwarten .... Dr. Hugo Spiegler. Englische Juden als Politiker und Diplomaten. Bon I. Moses, Kasiel. In seinem trefflich geschriebenen Buche „Engländer" stellt uns Rudolf Kircher eine stattliche Anzahl „typischer Briten" vor. Sie sollen, wie der Verfasser in dem Vorwort bemerkt, britischen Geist und britisches Leben offenbaren. Neben den Aristokraten, den prädestinierten Vertretern der Diplomatie, tauchen die markanten Persönlichkeiten der Arbeiterschaft aus. die infolge ihrer Intelligenz und Energie einen ungeahnten Aufstieg nehmen, wie jener I. H. Thomas, der von sich sagte: „Man mutz stolz daraus sein, unter einer Verfassung zu leben, die einem geringen kleinen Jungen mit einer mageren Erziehung und umgeben von Armut gestattet. in so kurzer Zeit einer der ersten Staatssekretäre Seiner Majestät zu werden." Auch auf die beiden Juden, denen Kircher ausführlichere Würdigung widmet, dürsten die zuletzt erwähnten Worte Anwendung finden. Das Britentum. so leitet der genaue Kenner englischer Politik sein Kapitel „Der Jude als Bizekönig" ein. hat von leinen jüdischen Elementen mannigfaltigen Gebrauch gemacht Bedenkt man. baß erst im Jahre 1628 den Juden, allerdings den getauften, das Bürgerrecht in London verliehen wurde, daß aber wenige Jahrzehnte später deutsche Juden, wie die Gebrüder Goldsmid oder Nathan Rothschild, bedeutenden Einfluß aus das englische Kulturleben gewannen und zu „soliden Stützen des Bestehenden" wurden, so muß man sich trotzdem wundern, daß am Ausgang der sechziger Jahre Benjamin Disraeli, ein Abkömmling oberitalienischer Juden, dem englischen Volke eine der „kühnsten" Wahlreformen vorlegen durfte und zur Würde des Prime Minister ausstieg. In dieser Eigenschaft hat er die Gleichberechtigung der Juden verlangt und durchgesetzt. Daß man ihn außerdem als den Schöpfer der nationalbritischen Idee preist, erhöht das Ansehen des Politikers und Staatsmannes, der als Earl vf Beaconsfild bei der Regierung des Jnselreiches Dank und Anerkennung fand. So bestätigt sich an Disraeli schon die Auffassung des Lord Birkenhcad. der einmal gesagt haben soll: „Großbritannien verdient gute Juden, und es hat sie auch im großen ganzen bekommen." Natürlich hat es auch nicht an gegenteiligen Meinungen gefehlt, die etwa, wie von Gardiner. dahin präzisiert wurden, daß der Jude wie der Javaner für den Engländer ewig ein Fremder bleibe und die jüdische Denkart notwendigerweise außerhalb englischer Politik bleibe, „trotz der Hexereien Disraelis". Nun. die späteren Geschehnisse hätten den Vollblut-Engländer, den man wegen seiner durch Vorurteile getrübten Auffaffung nicht gram sein darf, eines besieren belehren können. Sehr amüsant ist Kirchers Hinweis auf deutsche Verhältnisse, wenn er schreibt: „Disraeli hat die konservative Partei erobert. Man betrachte die Parallele: die Deutschnationalen bestellten einen Juden zum Reichskanzler, und dieser Jude bliebe auf Generationen ein Vorbild konservativer Staatskunst! Oder: die Kreuzzeitung würde von einem Manne geleitet, der zum Grafen erhoben wurde, dessen Borfahren aber Levi hießen." Mit besonderem Nachdruck bebt Kircher die romantische Entwicklung überragender Persönlichkeiten hervor, die wie Rufus Jsaacs als Schiffsjunge ihre Laufbahn begannen und später den Thron des Vizekönigs von Indien besteigen konnten. Die Geschichte dieses seltenen Feuergeistes der als „Earl ol Readinö. Viscount Erleißh und Viceroi of India" nach jahrelanger verantwortungsvoller, aber erfolgreicher Tätigkeit aus fernem Posten ruhmgekrönt in seine Heimat zurückkchrte. ist in diesen Blättern anläßlich seiner Abberufung schon skizziert worden. Immer wieder darf man aber auf den seltsamen Werdegang dieser bedeutenden Persönlichkeit Hinweisen, von der Kircher sagt, daß Jsaacs schon als gesuchtester Advokat im Strafprozeß das Geheimnis seines Wesens, die überaus scharfe Intelligenz, die sich mit allem Charme einer instinktiv erworbenen englischen Lebensform vereinigte, erkennen ließ, daß er das ganze Feld der forensischen Strategie beherrschte und als distinguierter und geistreicher Gentlemen am Gerichtshof galt. Während des Weltkrieges hat dann Sir Rusus die englische Finanzpolitik entscheidend beeinflußt und die Panik der Finanziers gebannt. Dafür erhielt er die Baronie. Im Jahre 1621 stellte man ihn. der als Diplomat und Finanzmann hervorragende Ausgaben der alliierten Kriegsführung gelöst hatte, an die Spitze des englischen Reiches. Mit Worten der Bewunderuna spricht Kircher am Schlüsse seines Kapitels vom „jüdischen Vizekönig" und schließt mit der Feststellung: „England, trotz Diehards und Snobs, scheute sich nicht, eine seiner großartigsten nationalen Aufgaben und sein prunkvollstes Amt in die Hände eines Rufus Jsaacs zu legen. So werden hunderttausende jüdischer Staatsbürger immer enger ans britische Reich gezogen und so erwirbt sich England den Beifall von Millionen von jüdischen Menschen in allen Ländern. Es gibt unangenehme Details, aber cs gibt kein jüdisches Problem im englischen Weltreich." WaS gäben wir darum, wenn wir Kirchers Worte vollinhaltlich auf deutsche Verhältnisie beziehen dürften, die völkischer Vernichtungswille vor „Bersudung" bewahren möchte, weil diesen „Kulturaposteln" im Gegensatz zum verständigen Engländer die Rasse alles, die Intelligenz und Tatkraft aber nichts gilt! Noch einmal wird Kircher jüdischer Leistungsfähigkeit gerecht. wenn er bei der großen Erörterung „Vom Geist der City" Lord Bearstebs als Finanzdiplomaten erster Größe feiert. Er behauptet, daß seit Sir Ernest Casiels Tode die Londoner City keine Persönlichkeit mehr hervorgebracht habe, die wie dieser früher deutsche Jude die Eigenschaften eines vollendet diplomatischen Negoziateurs eines internationalen Finanziers von unerschöpflichem Ideenreichtum und eines weitausschauenden Staatsmannes in sich vereinigte. Uns deutschen Juden ist Sir Ernest Caffel als Anbahner freundlicher Beziehungen zwischen Deutschland und England besonders verehrungswürdig. Daß die von ihm vorbereitete Haldanesche Mission mißlang, daß der verhängnisvolle deutsch-englische Flottenwettlauf zur Katastrophe schlimmster Art führte, es war nicht Casiels Schuld. Lord Bearsteds Verdienst besteht darin, baß er Großbritannien für alle Zukunst eine mitführende und in einer späteren Zeit die allein führende Rolle im Gebiete der Petroleumindustrte verschafft hat. Er. der als Marcus Samuel 1853 im armen jüdischen Viertel Ostlondons geboren wurde, galt als das Haupt und der Schöpfer des gewaltigen englisch-holländischen Oeltrusts und wurde damit der Rivale amerikanischer Magnaten der Oelindustrie besonders RockefellerS und seiner Schöpfungen. Welchen Einfluß die Bemühungen Lord Bearsteds aus die Kriegsoperationen gehabt haben, bewies eine Aeußernna Lord CurzonS: „Die Alliierten schwammen zum Siege aus einer Welle von Petroleum!" So bestätigt Kircher. daß eS ohne die qroßartiae Organisationskraft eines Marcus Samuel und eines Lord Cowdrav den Alliierten unmöglich gewesen wäre, die unaebeiteren Ansprüche der Marine, des Heeres und -eu gewaltigen Bedarf -er Waffen- und Munitionsfabriken zu befriedigen. Die Admiralität erkannte seine „Dienste von äußerster Wichtigkeit" an, und nach dem Kriege erweiterte Lord Bearsteds seine Operationen auf dem Petroleummarkte mit dem Erfolge, daß zwei Drittel der besieren Felder Zentral- und Südamerikas in britischen Besitz gelangten. Die Bedeutung dieser Aktion erhellt am klarsten ein amerikanischer Seufzer: „Rockefellers Quellen fließen heute in Strömen, aber sie werden versiegen. Lord Bearsteds und die englischen Petroleum-Staatsmänner hgben die Oelfelder der Zukunft in Sänden." Man rühmt es als einen Vorzug der englischen Politik, daß sie in einem entscheidenden Augenblick der Weltgeschichte ein paar Unternehmergenies zur Verfügung hatte, „die in Jahrzehnten dachten und die gleichwohl nicht vergaßen, auch schon in der Gegenwart ihren irdischen Lohn zu finden. Marcus Samuel — Lord Bearsteds." Mit Recht hat man ihn eineu der größten britischen Organisatoren der letzten fünfzig Jahre, ein nationales „asset“ und starkes Aktivum in der Bilanz nationaler englischer Politik genannt. Glücklich ist bas Land, bas solche bedeutenden Köpfe sein eigen nennen darf,- doppelt glücklich aber, wenn es die in seinen Söhnen schlummernden Anlagen und Fähigkeiten zu wecken und zu gebrauchen versteht. In dieser Hinsicht darfst du. armes Deutschland, von deinem Vetter jenseits des Kanals noch mancherlei lernen! „Ein altes bekanntes Wort lautet," so schreibt Rudolf Kircher noch mit Bezug hierauf, „jedes Land hat die Juden, die es verdient!" BUCHER3CHAU Psalmen-Auslegung. Ein Beitrag zu den heutigen Auseinandersetzungen über das Alte Testament. Von v. thcol. G. Traub. Vaterländische Verlags- und Kunstanstalt, Berlin SW 61. — Preis 60 PI. Diese im Untertitel angegebene Frage hat in unseren Tagen eine Legion von Schriften und Schriftchen gezeitigt. Das vorliegende, 24 Seiten umfassende Schriftchen enthält vom jüdischen Standpunkt aus so viele Angriffspunkte, daß eine sehr ausführliche Besprechung am Platze wäre. Trotzdem wollen wir uns der größten Kürze befleißigen. Der Verfasser stellt als Motto die beiden Verse 1 und 2 des 90. Psalms: Herr, du bist unsere Zuflucht usw. an die Spitze seiner Betrachtungen. Dieser Psalm ist es auch, der den Ausgangspunkt zu seinen Erörterungen bildet. In einer Arbeit des Professors Dv. Hennig-Düsseldorf, veröffentlicht in der antisemitischen Zeitschrift .^Deutschlands Erneuerung“, heißt es* „Meines Wissens ist in der ganzen jüdischen Literatur nur ein einziger Beleg zu finden, der das Lob der Arbeit singt, nämlich jene berühmte Stelle im 90. Psalm: „Unser Leben währet 70 Jahre, und wenn es hoch kommt, so sind es 80 Jahre, und wenn es köstlich gewesen ist, so ist es Miihe und Arbeit gewesen.“ Das freilich klingt so unjiidisch, daß man fast an eine nachträgliche germanische Kompilation glauben könnte. Dagegen polemisiert nun Pfarrer Traub und behauptet, daß nicht von dem Wert der Arbeit die Rede sei, sondern lediglich von des Menschen Vergänglichkeit; grundsätzlich müsse man wissen, „daß für die Anschauung es Alten Testaments die Arbeit ein Joch, eine Mühsal, ein Elend ist und in ihrem Rahmen kaum Platz bleibt für den Gedanken der erhebenden Freude und sittlichen Betätigung, wie sie für uns mit der Arbeit verbunden ist“. Jedes Wort bedeutet eine Entstellung. Nicht wie sonst in antisemitischen Schriften, daß die Arbeit den Israeliten ein Fluch sei, sondern hier etwas gedämpfter: „Joch und Elend“. Vor etlichen Jahren stand ich wegen dieses Punktes in Briefwechsel mit dem ehrwürdigen Senior und gründlichsten Kenner der alttestamentlichen Wissenschaft Geheimrat Prof. Eduard König in Bonn, der mir gegenüber ausdrücklich betonte, daß diese Behauptung perfide und aus der Luft gegriffen sei und erinnerte an Sprüche Salom. 6,6; 18,9; 12,24; 31,10—31 usw. Andererseits wollen wir gern anerkennen, daß Traub bemüht ist, „Klarheit darüber zu gewinnen, wie denn die Juden selbst ihre Psalmen auslegen“. Zu diesem Zwecke vertiefte er sich in „die Deutung der Psalmen, wie sie der Rabbiner Hirsch in Frankfurt a. M. in seinem grundlegenden Werke 1926 vertritt“. Traub nimmt an, daß Samson R. Ilitseh noch lebt und die von H. gedeuteten Psalmen ein Produkt der jüngsten Zeit sei. Das Werk erschien zuerst 1885, drei Jahre vor dem Tode des Verfassers. Weiter zitiert Traub das Psalmhuch von Dr. Posncr in Kiel und die Betrachtungen des Rabbiners Dr. Abeies in Wien zum jüdischen Neujahrs- und Versöhnungsfeste, Schriften, die jüdische Anschauungen widersniegeln. Traub übt auch Toleranz, wenn er behauptet: ..Der fromme Jude hat das klare Recht, darüber gehört zu werden, wenn er die religiösen Gebete und Dichtungen seiner Vorväter erklärt und deutet.“ Als Pendant zu dieser Auffassung stellt der Herr Pfarrer die Ansicht: „Der gläubige Christ kommt aber mit seinem Glauben in keinen inneren Widerspruch, wenn auch er das Alte Testament, soweit es vou der Synagoge als jüdisches Glaubens- und Lehrbuch behandelt worden ist und behandelt wird, grundsätzlich ableh nt.“ Der Verfasser hatte vorher bemerkt, daß die Juden das Neue Testament verwerfen. Immerhin ist cs fragwürdig, wenn ein Pfarrer das Alte Testament ablehnt: das bedeutet doch den Ast absägen, auf dem er sitzt. Das konseauente Denken heischt, daß dann schließlich auch dem Neuen Testament der Garaus gemacht wird. Wir stimmen dem Herrn D. der Theologie Traub zu. wenn er dem Wunsche Ausdruck gibt, daß die christliche Kirche von heute sich in ihrem Unterricht an Universität und Volksschule gewöhnen möge, klarznmachen. daß der Jude sein Altes Testament anders las und liest, als der Christ. Und weiter stimmen wir dem Herrn Verfasser zu, wenn er sagt: „Wir bedauern sehr, wenn ohne wirkliche theologische und wissenschaftliche Schulung auf diesem schwierigen Gebiet die seltsamsten und törichtsten Behauptungen in die Menge hineingeworfen werden.“ Die Wichtigkeit des Gegenstandes erfordert eine noch' größere Besprechung, aber der Raummangel spricht ein gav richtiges Wort. Dr. M. Spanier, Magdeburg. A. Reifenberg: Palästinensische Kleinkunst. Verlag Richard Carl Schmidt & Co., Berlin 1927. In der Sammlung „Bibliothek für Kunst- und Antiquitaten-Sammler“ ist vorliegendes Büchlein als 31. Band erschienen. Wenn das Buch auch in erster Linie für den Sammler palästinensischer Kleinkunst bestimmt ist, so darf es doch weit über diesen Kreis hinaus Interesse beanspruchen. In einem einleitenden Kapitel werden die historischen Grundlagen der palästinensichen Kunstentwicklung erörtert, in den folgenden Abschnitten behandelt der Verfasser die verschiedenen Gebiete (Keramik. Ossnarien, Glyptik, Glas. Metallarbeiten und Schmuck, Münzen. Plastik): die Schlußkapitel enthalten interessante Angaben über Fälschungen und Sammlungen palästinensischer Antiquitäten. Eine sehr große Anzahl Abbildungen veranschaulicht die Ausführungen des Verfassers. Walter Krojanker I

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.